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Botho Strauß

Ein Mann in einem grauen, zu kurzen Anzug, der im Restaurant allein am Tisch sitzt, ruft plötzlich »Psst!« in die dahinplappernde Menge der Gäste, so laut, daß alle, nachdem er dies zwei Mal wiederholt hat, zu seinem Tisch hinblicken und das Stimmengewoge stockt, beinahe versickert und nach einem letzten, kräftigen »Psst!« des Mannes endlich einer Totenstille weicht. Der Mann hebt den Finger und sieht horchend zur Seite und alle anderen horchen mit ihm still zur Seite. Dann schüttelt der Mann den Kopf: nein, es war nichts. Die Gäste rühren sich wieder, sie lachen albern und uzen den Mann, der sie zu hören ermahnte und die gemischteste Gesellschaft in eine einträchtig hörende Schar verwandelt hatte, wenn auch nur für Sekunden.

In einem Restaurant erhebt sich eine größere Runde von jungen Männern und Frauen. Es ist bezahlt worden, und alle streben in lebhafter Unterhaltung dem Ausgang zu. Doch eine Frau ist sitzen geblieben am Tisch und sinnt dem nach, was eben an Ungeheuerlichem einer gesagt hat. Die anderen stehen bereits im Windfang des Lokals, da kommt ihr Mann zurück. Er hat, kurz vor dem Ausgang, bemerkt, daß ihm die Frau fehlt. Aber da steht sie auch schon auf und geht an ihm vorbei durch beide Türen.

Mit dem Schlag einer ungewissen Stunde blicken in ihrem Heim, nach vielen Jahren der Ermüdung, der Benommenheit und der Trennungsversuche, zwei Menschen sich mit sperrangelweiten Augen an. Ein Erkennen zieht sie zueinander, ein Verlangen, als könnte zuletzt nur die Aufwiegelung aller sexuellen Kräfte, wie eine Revolution, sie von der Last der gemeinsamen Geschichte befreien und diese beenden. Ein Schlußbegehren läuft aus allen Gassen ein, die sie mit gleichen Schritten je hinuntergingen. Ein Begehren, das sie selbst erfahren als das reine Aufbegehren. Sie umarmen sich mit Armen der Gewalt, in der ihr Vertrautsein, ihre Erinnerung, ihre ausweglos lange Begleitung – in der die ganze Materie der Gewohnheit sich verdichtet und wie ein verlöschender Stern ins Schwarze der Nacktheit stürzt.

Trotz und inmitten der entschiedenen Verstimmung, die nach einem Streit zwischen ihnen eingetreten ist und wodurch sie zwei Tage ihrer Reise unter dem Druck einer äußersten Wortkargheit verbrachten, erhebt die Frau, die eben noch appetitlos in ihre Filetspitzen piekte, auf einmal den Kopf und summt laut und verliebt einen alten Schlager mit, der aus dem Barlautsprecher ertönt. Der Mann sieht sie an, als sei sie von allen guten Geistern, nun auch der Logik des Gemüts, verlassen worden.

Jede Liebe bildet in ihrem Rücken Utopie. In grauer Vorzeit, vom Glück und von Liedern verwöhnt, liegt auch der Ursprung dieser kläglichen Partnerschaft. Und der Beginn erhält sich als tiefgefrorener, erstarrter Augenblick im Herzen der Frau. Es ist immer noch illud tempus in ihr, wo im Laufe der Jahre alles schrecklich verfiel und sich verändert hat. Erste Zeit, tiefgekühlt, eingefroren, nicht sehr nahrhafte Wegzehrung.

In ihrer ersten Stunde haben sich zwei, die noch mit dem Anfang spielen, so sehr verspätet, daß sie nun, jeder in seine Familie, sein Ehegatter zurück, durch den fremden Stadtteil hasten müssen, um eine U-Bahn zu erwischen, die sie mit noch eben unauffälligem Verzug nach Hause bringt. Die Eile, der Wind, der stolpernde Lauf rütteln das locker sitzende Geständnis frei, das in der Ruhe noch nicht herauskommen wollte. Und während sie rennen, die Frau um zwei Schritte dem Mann voraus, keucht er’s hinter ihr her. Mit seinen Rufen, die wirken wie die anfeuernden Liebkosungen des Jockeys am Hals seines Rennpferds, prescht die Geliebte schneller noch voran, als habe ihr das Glück die Peitsche gegeben. In der Hetze kann sie den Kopf kaum wenden, um in die Luft zurückzurufen, daß auch sie ihn liebe. Dann verlieren sich beide in der Menschenmenge und finden sich erst am nächsten Tage wieder.

Ich werde noch lange hören: die Schreie der Frau, die sich am Vormittag aus dem obersten Stockwerk eines Apartmenthotels herunterstürzen wollte. Es zog zunächst ein dumpfes, beständiges Rufen herüber, das sich im dichten Straßenlärm nur langsam durchsetzte. Das Hotel grenzte unmittelbar an das Haus, in dem ich mich aufhielt, so daß ich die Sprungbereite selbst nicht beobachten konnte, wohl aber den Kreis der Erwartung, der sich gegenüber ihrem einsamen Standpunkt bald bildete. Das Gebäude mißt bis an sein Dach vielleicht fünfzehn, höchstens zwanzig Meter, und es erscheint fraglich, ob ein Sprung in solch geringe Tiefe unbedingt tödlich oder vielmehr nur mit gräßlichen Verletzungen enden müßte. Ihre Rufe nahmen an Lautstärke zu, nun schrie sie sehr hoch, klagend und doch beinahe auch jubilierend: »Hilfe! … Hilfe!« Eine Königin der höchsten Not, versammelte sie nach und nach zu ihren Füßen ein kleines Volk, die Untertanen ihrer Leidensherrschaft. Überall an den vielen Fenstern des Bürohauses, das dem Hotel schräg entgegen lag, drängelten sich die vom Arbeitsplatz aufgesprungenen Angestellten und rollten die Augen in die Höhe. Doch nicht lange hielt die zaudernde Regentin auf dem Fenstersims ihr Volk in Atem, da erschienen auch schon Polizei und Feuerwehr. Beim Herannahen der Sirenen – und dies Wort schwankte hier noch einmal zwischen seiner alten Bedeutung, dem Gesang der Verführung aus der Tiefe, und seiner jetzigen, dem Alarm der Lebensrettung, hin und her – schrie die Frau immer heftiger, immer klagender: »Hilfe … Hilfe« und »So hört mir doch zu!« Aber sie hatte gar nichts weiter zu sagen als lediglich noch einmal: Hilfe, Hilfe. Die Feuerwehrleute entrollten ein Sprungtuch und hielten es zu sechst ausgespannt unter das Fenster. Doch hatten sie kaum einmal richtig in die Höhe geblickt, sie betrachteten vielmehr die nach oben gaffenden Gesichter der Menge und freuten sich über jeden Blick, der nebenbei ihren gekonnten Griffen und ihren stark hingestemmten Figuren galt. Sie taten ihre Pflicht und sahen in die Runde. Sie wußten ja, die würde doch nicht kommen.

Nachdem sie ein nur flüchtiges, aber doch wohl erfahrenes Auge auf Haltung, Stand, Gebärde der Kandidatin geworfen hatten, wußten diese Männer offenbar, daß hier der Fall nicht sein würde. Und richtig, wenig später wurde sie, eine übrigens junge Frau mit grellblonden Fransen auf der Stirn, von der Polizei begleitet und auf einer Bahre festgeschnallt, aus dem Hotel getragen und in einen Krankenwagen geschoben. Gerettet.

Am Abend sah man sie wieder. In der Regionalschau des Fernsehens werden uns diesmal Menschen vorgestellt, die einen Selbstmordversuch soeben überlebt haben. Wir wohnen dem Erwachen von Schlafmittelvergifteten bei und erleben jene Sekunde mit, in der sie zu neuem Dasein ihre Augen ins Fernsehen hinein aufschlagen.

Der Eindruck, den man von den Geretteten gewinnt, ist allgemein ein enttäuschender. Für ihre Lage vor dem großen Übertritt finden sie nachträglich keine oder nur die flausten Worte. Merkwürdig auch, wie wenig zweifelnd sie ihre Umgebung aufnehmen: daß sie im Klinikbett sich wiederfinden und nicht im Totenreich, scheint ihnen auf Anhieb schon bewußt zu sein. Einige gehen als erstes zum Waschbecken und putzen sich die Zähne. Die junge Frau, die sich aus dem Hotelfenster stürzen wollte, sagt jetzt dem Fernsehteam: »Peter is sowat von eifersüchtig. Ick wußte ja nich mehr, wo ick mir befinde. Ick hatte ja keene Wahl.« Die Sache einmal so zum Ausdruck gebracht, und der Schrei der Hochgestellten vom Vormittag, ihr Wille, den einzig letzten, den ranghöchsten Akt menschlichen Handelns auszuführen, erscheint mit eins getilgt durch menschlich allzu verständliche, also nichtssagende Motive. Und doch: das wirkliche Elend besteht darin, daß sich das wirkliche Elend nicht Luft machen kann. Es erniedrigt das Bewußtsein, es sprengt nicht. Das große Leiden haust in den tausend nichtssagenden Leidern. Solange sie plappert und nicht fällt, wird sie dies Doppelspiel treiben mit Peter und dem Tod …

Die Freundin von Ulf neulich abends, sie hatte einen ziemlich schrecklichen Tag hinter sich, war am frühen Morgen von Ulf nach Hause gekommen zu ihrem Mann und fand ihre Wohnung halb ausgebrannt vor. Ihr Mann hatte versucht zu löschen, die Feuerwehr war gekommen und die Räume wurden unter Wasser gesetzt. Nur wenig fehlte, und die Flammen hätten auf das Kinderzimmer übergegriffen.

Nun war sie, die sonst oft gleichgültig und abwesend wirkte, an jenem Abend nach dem Unglückstag merkwürdig munter und auf besondere Weise beteiligt an unserem Gespräch, ohne doch je zu Wort zu kommen. Es ging uns wieder einmal um die Frage, welchen Weg denn die Kunst zum Positiven hin einschlagen könne. Schließlich käme sie, Kunst, gar nicht umhin, sich den lebenerhaltenden, den Einkehr fordernden Programmen zu verbinden. Ja sie müsse sogar vorrangig dazu beitragen, die Zeit der Einkehr mit neuen Inhalten zu erfüllen. Eine neue Kunst, setzte Ulf hinzu, müsse sich daher zuallererst lossagen von der bloß paradoxen, bloß kritischen, bloß das Falsche entlarvenden Intelligenz, durch deren Hohlformen das Längstdurchdachte in schier unversiegbarer Verdünnung rinne. Stattdessen habe sie aufzunehmen das große schwere Ja (eines Rilke zum Beispiel). Die bildenden, die heraufrufenden Kräfte, das Schaffende und Spendende ganz und gar, das Kritische nicht, seien die Felder einer künftigen ästhetischen Lust. Der Gesang, Pound und Rilke abermals, darf nie verstummen!

Zu alledem redete seine Freundin leise untendrunter mit. Nicht indem sie Einwürfe machte, etwas ergänzte oder infrage stellte, nein sie murmelte bei sich, es tönten nur die Saiten ihrer Stimme von seiner Rede wider. Es war ein wenig wie bei manchen Geisteskranken, die willenlos Echolaute von sich geben, wenn man zu ihnen spricht. Gleichwohl hatte sie zu allem etwas zu sagen, denn sie war ja aufgewühlt. Jedoch blieben Lautstärke und Ausdruck ihrer Bemerkungen schwach, unter der Schwelle der offenbaren Mitteilung. So benutzte ich einmal versehentlich das Wort ›Sinnlichkeit‹ und zog es sogleich wieder zurück. Da hatte sie es aber bereits aufgeschnappt und sagte, ohne deutlich zu werden: »Sinnlichkeit, an sich ein gutes Wort, die Sinne!« und dazu griff sie Ulf an den Unterarm, um vorzuführen, welche im Grunde einfache und manifeste Bedeutung dies Wort besitze. Doch auch das wurde kein lebensfähiger Gesprächsbeitrag, wir hörten praktisch nicht hin und das wußte sie ja und wäre, wie sonst immer, verstummt. Aber an jenem Abend mußte sie irgendwie mitreden, untendrunter mitreden, egal wie, und dieser Drang schien stärker zu sein als die Scham und die Versagung, ständig überhört zu werden, ihr schmerzlich waren.

Von Zeit zu Zeit, wenn ihr eben danach ist, sucht sie einen gutgekleideten, kräftigen Burschen auf und er ist meist für sie da. Sie muß dafür nicht bezahlen. Sie sind Körperfreunde. Sie wissen wenig voneinander, nichts Tieferes, vom Lebensweg des anderen nur eben soviel, wie man in Zigarettenpausen spricht und dann leicht vergißt. So wird es getan, genauso wie es in tausend Magazinen schon beschrieben und sogar empfohlen wurde. So vorbildlich helfen sich hier zwei, die es vorziehen, allein und ungebunden zu leben. Vor dem Haus streichelt sie dem Mann in seinen weißen Hosen zum Abschied über die Wange. Weich und dankbar sieht es aus, lebensklug und nicht frivol. Eine umfassende Gebärde gleichwohl für die lasche Güte und die Auswegsfülle, in der mittlerweile das Lieben abseits der Liebe verläuft. Wir haben es hier eher zu tun mit einer liberaldemokratischen Einrichtung, chaoslos und angstfrei, die Liebe dem Guten untergeordnet, domestiziert und der Freiheit gewidmet. Die Angst gehört den Atomkraftwerken. Keiner ist mehr gezwungen, sie an ihrer geschlechtlichen Quelle selbst zu ertragen. Und vielen scheint es zu gelingen, die Angst zu provinzialisieren, umzulagern.

Allein das Wort Beziehungen immer wieder zu hören, wirkt sich handschweißhemmend aus. So handelsplatt wie es klingt, sucht es den Umgang mit der gründlichen Gefahr, welche die Liebe ihrem Wesen nach für das Gemeinwohl darstellt, künstlich zu ernüchtern und eine Berechenbarkeit hineinzubeschwören in eine Sphäre, die immer noch die ursprünglichste, undurchdringlichste und verschlingendste des Menschen ist. Es mag sein, daß daran die Herrschaft alles Möglichen, die totale Erlaubnis, der Konsum auf die Dauer etwas ändern werden und alle Bindungen lose und schwächlich machen. Wie der Geschichtslose an den kalten Inszenierungen von Vergangenheiten, den plötzlichen Tableaus von Preußen, Staufern, Pharaonengräbern sich erfreut, so wird dann den Lieblosen kaum etwas anderes mehr erregen als die Spurensicherung der Liebe. Zu gerne würd’ er mal erfahren, was wohl ein sogenanntes erotisches Abenteuer wirklich war, oder wie eine Leidenschaft sich ausnahm, die erst im Bruch von Regeln, Sitte, Widerständen groß geworden war.

Für uns in den Städten, uns Mobile, Beschleunigte und Mischkläßler, entscheidet sich die Partnerwahl in einem ›freien‹ Spiel von anziehenden und abstoßenden Kräften, je nach Lust und Laune und dem Angebot der Reize. Es ist, als sei die erotische Wirklichkeit, die äußere Szene der wechselnden Gelegenheiten, zu einem vollkommenen Abbild der Seele selbst geworden mit ihren wirren, ungeordneten Bedürfnissen und der Fülle ihrer Ambivalenzen. Wir werden diesem Menschen nicht mehr begegnen, von dem wir auf Anhieb wissen, dieser paßt zu uns wie kein zweiter, er ist der einzig Richtige. Für unsere Lebensformen, in denen wir voneinander immer unabhängiger, vom Ganzen aber immer abhängiger werden sollen, ist ein solcher schöner Herzenstrug von keinerlei Nutzen mehr und wir werden ihn allmählich aus unseren Gefühlen verlieren. Wo aber die Seele so wenig äußeren Zwecken gehorchen braucht, tritt die Herrschaft der innersten Ambivalenz-Gefühle umso ungezügelter hervor. Die Rede der Verbindung, die einzig auf Gefühl beruht und kein gemeinsames soziales Geschick mehr zu tragen braucht, ist ein komplexes Ja-Nein und ihr unspaltbarer Kern ist Liebe-Kälte. Alleinbestimmend ist, was gerade der Seele gefällt – und es gefällt ihr schon gleich nicht mehr, wie man weiß, denn sie ist ja der Hort des Gegenwendigen schlechthin. Die Begegnung, die unter den Bedingungen der größtmöglichen äußeren Freiheit und Verantwortungslosigkeit stattfindet, wird bald ein geschundenes Opfer der Zwänge, der Lust- und Zerstörungslaunen des Unbewußten. Auf diesem Feld, wo das Soziale (Aufbau einer Gemeinschaft, Fortpflanzung, Überlieferung eines kulturellen Erbes usw.) seine vorherrschende Rolle eingebüßt hat, verkehren unbehindert die Launen mit den Gelegenheiten, die äußeren Reize, das Neue mit dem schnellen Wechsel der Behausung, und aus diesem breiten Verkehrsstrom, wo das Gewünschte mit dem Gegebenen sich immer kurzfristig einigen kann, wird sich keine noch so fest versprochene Verbindung heraustrennen können. Er zieht durch uns alle.

Besuch von M. Vier Jahre nach unserer Trennung bringt sie mir ein Buch zurück und sitzt nun wieder, in neuen Kleidern und mit kürzerem Haar, auf derselben Fensterbank, auf der sie auch an unserem letzten Abend saß. Ungeniert spricht sie sogleich ›über uns‹. Daß ich damals auf dem besten Wege gewesen sei, in ihr alles Positive auszumerzen. Daß ich mich nie anders als verächtlich über ihren Beruf, ihre Mama, ihren Geschmack und ihre Vergangenheit geäußert hätte. Kein Liebeslob, aber jede Kleinlichkeit, die ich mir zuschulden kommen ließ, scheint sie frisch in ihrem Gedächtnis zu bewahren, und sie zitiert mich wörtlich. Wie wenig amüsant ist das! Wiederbegegnungen solcher Art sollten doch den Schmerz von damals zum Flirt von heute, zum Flirt unter Erfahrenen machen. Wie schal und mäßig aber ist es, sich jetzt in aller Ruhe und Offenheit zu sagen, was man damals nur unter Panik und Erbleichen herausgebracht hätte. Sollte sie etwa die ganze Zeit über meiner nur in der Form dieser leblosen Abrechnung gedacht haben? Wären wir nicht getrennt, so sähe ich darin den gültigsten Trennungsgrund: daß sie nicht fähig ist, sich unserer schmerzlich und großmütig zu erinnern. Ich schrak zurück, als sie mich zum Abschied plötzlich küßte. Nie mehr! Nie wieder Du!

Sie hat ein Haus geerbt, die zierliche junge Frau, Arbeiterin bei den Städtischen Verkehrsbetrieben, spricht begeistert vom Haus der Großmutter, verstorben seit kurzem, lauter Nischen!, redet ein auf ihren Arbeitskollegen, der schon verheiratet ist, aber übers Wochenende bei ihr blieb. Pläne, Pläne. Sie malt ihm das Haus auf die Papierserviette und will ihn da hineinverlocken. Im Umschwung ihrer Lebenslage weiß sie sich kaum zu halten, schwärmt und ängstigt sich und bietet einem stummen, ihr fast unbekannten Mann immer drängender die gemeinsame Zukunft an. Der Mann dreht seinerseits immer nervöser den Ehering um den Finger, lächelt ungläubig, schüttelt leicht den Kopf, als sei dies doch zu wunderlich, und läßt dabei im stillen, einmal probeweise, den Umschwung von den Waden aufwärts durch seine eigenen Verhältnisse ziehen.

Ein Bezirksbeamter in den Mittdreißigern läßt vor seiner träg und stumm dasitzenden Frau seine Intelligenz warmlaufen. Er wirft ein kritisches Licht auf gewisse berufliche Vorfälle, ja er erhebt sich zum distanzierten Beobachter des eigenen Amts, jetzt am Abend in der Bar beim Nachttrunk. Da von ihr kein Einspruch und auch kein Blick, der seine Lächerlichkeit durchschaute, zu erwarten ist, erzählt er immer heftiger und immer heftiger aufschneidend von den Mißbräuchen in der Verwaltung und was er dagegen zu unternehmen gedenkt. Und indem er so alleine spricht und niemanden beachten muß, fühlt er seine Intelligenz stetig zunehmen und die Einsicht in die Zusammenhänge berauscht ihn. Da kommt auf einmal auch ein Ansehen der Frau in seine Augen; zu seiner eigenen Genugtuung braucht er sie etwas klüger als sie ist, und stellt sichs vor. So ungefährlich angehörig, wie sie bei ihm sitzt, ist dieser Mensch für ihn das beste Rauschmittel, sich leicht empor zu denken. Trotzdem sie hin und wieder durch eine falsche Wortergänzung doch verrät, wie wenig sie bei der Sache ist, wie wenig gar mit ihm auf ›gleicher Wellenlänge‹ – ein Manko in der Partnerschaft, dessentwegen der junge Beamte schon manchen Höhenflug mit bitterem Bedauern unterbrach. Er (im Zuge seiner Amtsschelte): »Was das den Steuerzahler kostet!« Sie: »Hat man denn keine andere Stelle, über die das laufen könnte?« Er: »Ach was! Stell dir doch bloß mal vor, was das den Steuerzahler kostet!« Und sagt es mit erhöhtem Nachdruck, fast erzürnt, damit die Frau sich endlich miterrege. Doch ihr Naturell gibt das nicht her, sie läßt sich von nichts und niemandem in helle Empörung versetzen. Da schweigt er plötzlich und eine nächste Frage, nähere Erkundigung von ihrer Seite unterbleibt. Der Mann bezahlt beim Kellner, und wenig später stehen beide auf. Als er für sie den geöffneten Mantel bereithält und sie sich ansehen, steht in den Augen des Mannes ein unwillkürlicher, nicht löschbarer Schimmer frivolen Mitleids.

Wir entdecken in einem von sehr gemischtem Publikum besuchten Lokal einen Mann von Anfang vierzig, einen dem Anschein nach besonders braven, in seiner Zeit eher verlegen dastehenden Menschen, einen Büroarbeiter auf stillem Posten, der sich am Samstagabend nur ein bißchen umsehn will, und neben ihm seine etwas füllige, kleine Frau mit einem Entenschnuten-Mund. Sie hocken beide angespannt oder wie sie vielmehr glauben: lässig hingegeben an der Bar, wo sie von Tunten, Dealern, Flippis, Totalverfärbten eng umgeben sind. Sie machen jeden Samstag einen Ausflug in die scene und spüren dabei nicht ohne innere Erregung, wie alles was an ihnen Mitte, Mehrheit, Durchschnitt ist, hier auf einmal, im anderen Milieu, die Außenseiterrolle spielt. Ihre Fahrt vom Außenbezirk ins Zentrum der Stadt ist in Wahrheit eine von der Mitte an den Rand, die Spießer werden zu Exoten. Die Frau behält in der heißen Kneipenluft dennoch die Pelzmütze auf dem Kopf, es ist Winter draußen. Auf die freigewordenen Hocker neben sie setzt sich ein Schwulenpaar mit seinen Täschchen, seinem eau sauvage, seinen Seidenhemden. Da sehen sich der Harmlose und seine Gattin an – sie würden es wohl ›vielsagend‹ nennen – und müssen ein Kichern unterdrücken. Etwas eigentümlich Zurückgebliebenes, Unentwickeltes, etwas Backfischhaftes geht von ihnen aus, und zwar von beiden, ohne Unterschied. Dabei sind sie doch gut miteinander, verbergen nichts Unfreundliches, nichts Aggressives in ihren Gesichtern. Keusch wie ein rotchinesisches Liebespaar, sind sie andererseits diesem ganz perversen Schnüffeln an Bewegungen verfallen, ohne das sie nicht mehr auskommen und dessentwegen es sie immer wieder an diese Orte einer müden, längst entzauberten Verworfenheit zieht. Man betrachtet dieses sonderliche Paar und möchte wissen, auf welchem sexuellen Exterritorium leben die in dieser allgemeinen, gottverdammten Fick- und Ex-Gesellschaft? Man sieht ihre Umarmungen stets das gleiche Ende nehmen: die kleine Frau hebt fragend ihre Augenbrauen und lächelt ein mildes, doch nicht ganz freies Lächeln, wenn ihr Mann die zittrigen Lider aufschlägt und keiner von beiden recht bemerkte, wann es eigentlich geschah. Dann halten sie sich aber fest. Sie ist es wohl, die immer häufiger drängt, in die Innenstadt zu fahren, die Bewegungen zu spüren in diesen Treffpunktkneipen mit ihren verrückt-verrührten Schichten, die ganz andere Reize bieten als die billigen Vergnügungsstätten, wo das Magere der schieren Entblößung nichts Weiteres zu vermuten, zu belauschen, zu entdecken übrig läßt. So ist die Schlafstadtfrau auf bestem Wege, eine zielbewußte Träumerin zu werden, ohne sich dabei von ihrem Mann zu entfernen, jedoch in diesem Wandel ihm eher voranschreitend als ihm folgend. Sie beide waren immer bereit, über die Unvollkommenheit der Liebe gemeinsam zu kichern.

Ihr Reich ist die Obszönität. Die junge Laborantin lebt in einem Sommernachtstraum der sexuellen Echos und Verwandlungen. Wohin sie sich setzt, wohin sie blickt, jede Sphäre ist voller geschlechtlicher Anklänge und sie muß es sagen, unentwegt, selbst wenn es nur eine winzige Bemerkung über die Zigarette im Aschenbecher ist, über die Sprache, die in eines anderen Ohr eindringt. Beim Sonntagstreff mit der Familie im Restaurant – Vater, Mutter auf der einen Seite des Tischs, sie auf der anderen allein – wirkt sie sogleich auf eins nur hin: die Eltern richtig anzumachen, ein Klima von neudeutscher, kleinbürgerlicher Schlüpfrigkeit über dem Mittagessen zu verbreiten. Sie nennt sich selbst den flottsten Kittel vom ganzen röntgenologischen Labor und schildert, wie der Chef sich neulich in der Sauna zu ihr setzte, wo sich alle gleich, aber eben doch nicht ganz so gleich seien. Sie spricht zu ihren Eltern wie zu einer Ferienbekanntschaft im Club Méditerranée, selbst ihnen oder gerade ihnen gegenüber kennt sie keine andere Rede als die anzügliche. Damit will sie weder provozieren noch sich selbst befreien, sondern vielmehr sucht sie gleiche Stimmung, Übereinstimmung, das gemeinsame schallende Gelächter. Es fällt auf, daß die Mutter recht bald auf die Reizwellen, die sie von ihrem Kind erreichen, einschwingt und erst kichernd, dann immer salopper, rüder werdend, mit unverblümten Anspielungen nicht zurückhält, die immer enger um die Männlichkeit des Vaters kreisen. Die Tochter beschreibt ihren Vater als ein ›Körperwesen‹ mit enorm breiten Schultern, engem Becken und – gemeines Lachen beider Frauen. Das Körperwesen aber sitzt ruhig und rund am Tisch, ein Biedermann, der gerne schmunzelt und doch ein wenig sich geniert. Die Frauen dichten ihm gemeinsam etwas an, loben ihn in höchst frivolen Tönen, während die stille und wackere Figur des Vaters keinen Zweifel läßt, das seine Stellung in der Familie seit je auf Geld und Güte, doch nicht auf gerissenen Liebeskünsten beruhte. Die Mutter mit ragender, höckriger Nase blinzelt der Tochter zu und versucht sich frech in deren Tonart: sie ließe jetzt öfter mal wieder den Pyjama im Badezimmer hängen. Schrilles Lachen der Tochter: »Sieh mal, der Papa kriegt noch rote Ohren!« Und kurz darauf räkelt sich die Elfe aus dem Bräunungscenter in ihrem langen weißen Männerhemd und sagt zu ihrem Vater: »Ich weiß ja nicht, wie du im Bett bist, da hab ich ja keine Ahnung, wenn du mal nicht mehr Messer und Gabel in der Hand hast …« Und so fort. Man schwankt: ist das nun ein besonders abgefeimtes Geschöpf oder wird sie in der Tat von einem pornokratischen Dunkel bedrängt? Sicher ist, daß jeder ihrer Versuche, sich unter Menschen zu verständigen, so lebhaft sein muß – und was für sie lebhaft ist, das ist zugleich obszön. Sie ist verlangend, arm, allein, kennt die Ausschweifung so gut oder schlecht wie jeder andere. Doch sie spricht. Sie spricht es aus. Damit erfüllt sie eine Form der Erotik, weniger des Sex. Sie spricht, sie verlangt es – was? Eigentlich wohl nichts anderes als den nicht versiegenden, unendlich flutenden Schwall ihrer obszönen Rede selbst und die Wohltat, sich im Fluß ihrer Rede zu baden. Ihre Fantasie ist nicht besonders reich, was sie sieht und nennt, ist nicht grotesk, aber manchmal wird sie doch erfinderisch, so als würde ihr, die zweifellos ganz unbelesen ist, plötzlich eine Sprache über den Kopf wachsen.

Oft genug aber weiß sie gar nichts aus der Luft zu greifen, die mit sexuellen Geistern überfüllt ist, dann wird ihre Dunkelheit boutiquenhaft, und sie behilft sich mit platten Redensarten aus dem Fernsehvolksschatz. Dann gibt’s in ihrem Sommernachtstraum keinen besseren Zauber mehr als einen Laborchef, der sich in einen Saunanackten verwandelt.

Das Leben der werdenden Mutter im Kreis werdender Mütter, alle solidarisch, im gröbsten verständigt, Schwangerenrat trifft sich dienstags bei Helen, nur der Hausmeister bleibt ein alter mürrischer Einsiedel. Aufgeklärt, blaß, gerade das Rauchen aufgegeben, etwas fettiges Haar, Jeans und T-Shirt und darüber eine folkloristische Strickware, nach immer mehr Aufklärung dürstend (›Literatur‹ nennen sie’s kurz und umfassend), am liebsten die permanente Diskussion, um sich vor Glück, Unglück und anderen Unbegreiflichkeiten zu schützen. Helens Mann, Jurist, blond, stark gelichtetes Kopfhaar, Kinnbart, ist im vierten Monat ihrer Schwangerschaft in die SPD eingetreten. Seine Neigung zu skandinavischen Abholmöbeln hat sich bei der Einrichtung ihrer Dreieinhalbzimmer-Wohnung durchgesetzt. Gute moderne Zweierbeziehung. Sie gehen lässig und freundlich miteinander um, ohne Übertreibungen, ohne Flamme. Das ›sogenannte Irrationale‹ wird mit eben dieser Floskel angepackt und unter Kontrolle gehalten. Ihre Einstellung zu Beruf und Pflichten ist, soweit eben möglich, lustbetont. Vieles macht Spaß. Beim Liebemachen machten sie ein Kind.

In dieser offenen Nische voller Miteinander trägt sie ihr Kind aus, und die werdenden Mütter des Bezirks tauschen ihre Erfahrungen und Sorgen, etwas beängstigt jetzt, da sie gebären sollen, aber ein Wissen von den natürlichsten Dingen kaum mehr besitzen. Lauter warme solidarische Nester, schon bei geringster Übereinstimmung, darin die Leute ihr kleines Ganzes hüten, um dem furchtbaren Ganzen, wie es wirklich ist in der Welt, etwas entgegensetzen zu können. Und es ist gut so. Denn für den Einzelnen gibt es ringsum nur den Abgrund (auch den der aggressiven Selbsttäuschung, daß es anders sei). Es bleibt gar nichts übrig, als auch noch den albernsten Schund des Gesellschaftlichen mitzutragen: Vater, Mutter, Tochter gründen eine Eltern-Kind-Gruppe und vernetzen sich mit Kittas und Bereichsräten der Selbsthilfe, mit Eigenbedarfswerkstätten, dem Kneipenplenum und der fahrbaren Stadtteil-Psychotherapie. Und doch: wie möchte man sich immer mehr von diesen Menschen der Stunde, den ganz und gar Heutigen, unterscheiden. Wie wenig könnte es befriedigen, nur und ausschließlich der Typ von heute zu sein. Die Leidenschaft, das Leben selbst braucht Rückgriffe (mehr noch als Antizipationen) und sammelt Kräfte aus Reichen, die vergangen sind, aus geschichtlichem Gedächtnis. Doch woher nehmen …? Dazugehörig sein in der Fläche der Vernetzung ist an die Stelle der zerschnittenen Wurzeln getreten; das Diachrone, der ...

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