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POLIZIST Traumberuf oder Berufstrauma

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© 2016 Herbert Strini

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-6337-9
Hardcover: 978-3-7345-6338-6
e-Book: 978-3-7345-6339-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Saubere Hände – schmutziges Herz

Ein Sommertag mit einem unerwarteten Ende

Erster Einsatz von Staatsgewalt

Sprung vom Känzele Felsen

Alarmfahndung nach dem Tod eines Kollegen

Wien - Heldenplatz

Der unbekannte Ravensburger

Die Todesengel

Meteoriten aus dem All

Schrumpfhuhn zu Mittag

Einschneidende Ereignisse für die Gendarmerie

Tod eines Motorradfahrers

Fußballderby

Wachdienst

Plötzlicher Kindstod

Erfolgreiche Räubertreibjagd

Zugsunglück

Grausiger Fund

Raubmord und Geiselnahme

Nur ein alltäglicher Verkehrsunfall

Tod durch Rauchgase

Einsatzuniform damals

Verwirrt – tot

Viren, unsichtbare Feinde

Lustiges Erlebnis auf dem Straßenstrich

Doch nicht so ungefährlich

Wo ist mein Kind

War es wirklich Mord

Motorradfahrer gegen Moped

Doppelmord

Überbringen einer schlimmen Nachricht (intern)

Ein Holzerunfall

Kuriose Tierschänder

Bezirksmusikfest

Tage vor Weihnachten

Wilde Verfolgungsjagd

Verständigung einer Mutter vom Tod ihrer Tochter

Eiszeit

Konflikte – nicht der Rede wert

Heiligabend

Thema „Frauen bei der Polizei“

Nochmals Tierisches, aber anders

Pfeffersprayeinsatz

Brandstiftung

Wieder einmal ein Tiefschlag

Gedicht: „Der Verlierer“

Kindeswegnahme

Türkische Hochzeit

Ein guter Kamerad (Gedicht)

Produktionsbetrieb Polizei

Hierarchie

Okkultes

Gefahr von rechts

Und es gibt noch viele Geschichten …

Schlussbemerkungen

Vorwort

Im Laufe meines Lebens habe ich mich früher nie, später öfter und in der letzten Zeit auch oft gefragt, ob ich den richtigen Beruf gewählt habe. Bis vor ca 10 Jahren konnte ich das uneingeschränkt mit „JA!“ beantworten. Natürlich gab es hin und wieder Zeiten, in denen ich auch früher schon einmal „NEIN“ gesagt hätte, aber grundsätzlich war ich mit meiner Berufswahl sehr zufrieden.

In letzter Zeit kommt es aber öfter vor als mir lieb ist, dass ich doch Zweifel daran hege, ob ich doch den richtigen Beruf erlernt habe. Ich bin dann hin- und hergerissen, zwischen dem, was ich einen Traumjob oder einen Höllenritt nennen würde.

Was hat zu meinen sich verschiebenden Ansichten geführt ? Sind es mein Alter, meine Erfahrungen, meine Abgestumpftheit ? Bin ich nun mit meinen 59 Jahren etwa verbraucht ? ausgebrannt ? , um ein modernes Wort zu strapazieren ? Ich habe nun schon mehr als 41 Dienstjahre auf dem Buckel, ein paar Jahre werden aber schon noch dazu kommen.

Es fällt mir bei diversen dienstlichen Zusammenkünften immer öfter auf, dass der Altersdurchschnitt bei Polizisten erheblich nach oben gegangen ist. Ein nicht unbedeutender Teil des Personals ist bereits etwas oder schon stärker ergraut. Zu diesen Älteren gehören die im Jahr 2004 zur Polizei gekommenen Zollwachebeamten, die damals vom Finanzministerium zum Innenministerium gewechselt sind. (für mich war das ein fataler, nie wieder gutzumachender Fehler) – wer mich kennt, weiß, wie ich das meine. Nicht alle Zollwachebeamten wechselten gern zur Gendarmerie. Einige haben den Übertritt hervorragend geschafft und stellen auch jetzt ihren Mann. Andere konnten sich mit ihrer neuen Aufgabe nie abfinden.

Wir Polizisten haben doch einen Traumberuf ! - Eine feste Anstellung; keine Angst um den Job; fast jeden Tag etwas anderes; fast jeden Tag irgendwelche Aufregungen oder Ereignisse und damit verbundene Erlebnisse, die die „normale“ Bevölkerung nur am Rande oder gar nicht mitbekommt. Bin ich nun wirklich schon zu alt für so etwas? Das ist nicht gut für den Blutdruck, nicht gut für die Gesundheit (sagte meine Frau immer fürsorglich). Überhaupt, so viel Abwechslung muss doch gar nicht sein. Es darf doch auch etwas gemächlicher einhergehen. Man könnte sich einen Hund anschaffen und ihn gelegentlich auf die Dienststelle mitnehmen, damit nicht alles so ernst abläuft – wenn das so einfach wäre.

Immer öfter denke ich an zahlreiche meiner Kollegen, von denen viele wesentlich jünger sind als ich, die schon vor Jahren oder sogar Jahrzehnten in den Innendienst abgetaucht sind. Die waren doch gar nicht so dumm, wie ich früher so gern über sie urteilte, als sie diesen Schritt setzten. Ich hätte das doch auch können – aber ich wollte das nicht.

Bin ich vielleicht besser als DIE ? Haben wir nicht alle den gleichen Beruf des Polizisten gewählt, weil wir für Gerechtigkeit eintreten wollten, den Schwächeren zu helfen, weil wir etwas leisten wollten, weil wir wollten, dass sich die Bevölkerung mit einer guten Polizei sicher fühlen kann ? Alle wollten wir uns mit unserem Beruf voll identifizieren können, und wir konnten es wirklich und können es großteils auch heute noch. Aber alle sind es längst nicht mehr.

Es gibt schon noch ein paar andere Alte wie mich, die noch draußen sind. Ihnen geht es auch nicht anders als mir. Sind sie auch so „kaputt“ wie ich ? Ich habe einige meiner Mitkämpfer erlebt, wie sie nur noch über alles gelacht oder gelächelt haben, wenn etwas passiert ist. Es gab nichts, was sie aus der Fassung brachte, was sie äußerlich erschütterte, wirklich nichts! ------ Wirklich nicht ? Sie haben nur noch alles lustig empfunden, egal ob es ein Einbruch, ein Raub, ein Selbstmord, ein Verkehrsunfall oder sonst ein schwerwiegender Vorfall war, den sie zu bearbeiten hatten. Lachen kann meiner Erfahrung nach auch ein Alarmsignal sein. Wahrscheinlich ist das Lachen schon mehr als nur ein Alarmsignal. Ich glaube, Lachen in solchen Situationen deutet schon auf eine gewisse „Endstufe“ hin.

Oder ist es der Anfang vom Ende ? Ich kenne einige, bei denen ich solche „Symptome“ beobachten konnte. Die meisten haben es selbst bemerkt, dass es höchste Zeit war, „abzuhauen“.

Warum habe ich überhaupt solche Gedanken ? Bei so einem Traumjob muss man sich doch nicht verändern. Vielleicht habe ich es im Laufe der Zeit aber auch nur eingesehen, dass der Umstand, Polizist zu sein, nicht nur positive Seiten hat.

Ich hatte doch immer meine sichere Anstellung, mein sicheres und auch nicht ganz kleines Gehalt. Es kann kaum passieren, dass man mich feuert. Ich bin Beamter, Staatsdiener. (Ich war mit diesem Ausdruck immer einverstanden, denn ich sehe mich als Diener des Volkes. Und das Volk ist der Staat. Ich versuchte immer, für mein Land und für meine Bevölkerung da zu sein).

Ein ganz wesentlicher Aspekt, der mein jetziges Denken mit beeinflusst hat, war mein Familienleben. Ich bin und war viele Stunden, Tage und Nächte nicht bei meinen Liebsten, wenn sie mich gebraucht hätten. So hatte ich, wenn man es zusammenzählt, mindestens fünf Jahre lang in einem durch Nachtdienst, ich hatte drei Jahre lang ununterbrochen Dienst an Wochenenden. Meine Familie hat oft unter meinen Wochenenddiensten gelitten, wenn andere mit ihren Vätern und Ehemännern etwas unternommen haben und meine Frau und meine Kinder an den Wochenenden allein versuchten, ein geregeltes Familienleben mit einer ausgefüllten Freizeitgestaltung zu praktizieren. Auch an den Abenden war ich oft weg, meistens im Dienst.

Ich habe mir keine großen Versäumnisse vorzuwerfen, war ich doch im Dienst, habe nichts angestellt, nur Geld verdient, aber es gab doch hin und wieder Schwierigkeiten, gewisse Termine und Verpflichtungen privater und dienstlicher Natur unter einen Hut zu bringen.

Mir ist zu diesen Gedanken ein Gedicht eingefallen, beeinflusst von einem indischen Dichter (Tagore), den mir seinerzeit mein Hauptschullehrer näher gebracht hat. Sein Gedicht hieß: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – dieses Gedicht hat mich beeindruckt und mir fiel Ähnliches ein:

Ich glaubte ich wäre glücklich

Ich glaubte, ich wäre glücklich,

bis jemand fragte, woher ich stamme.

Ich glaubte, ich wäre glücklich,

bis jemand fragte, wer meine Eltern sind.

Ich glaubte, ich wäre glücklich,

bis jemand fragte, ob ich ein Haus besitze.

Ich glaubte, ich wäre glücklich,

bis jemand fragte, ob es mir gut geht.

Ich glaubte, ich wäre glücklich,

bis jemand fragte, was ich von Beruf bin.

Ich glaubte, ich wäre glücklich,

bis jemand fragte, ob ich zufrieden bin.

Ich glaubte, ich wäre glücklich,

bis jemand fragte, ob ich glücklich bin.

Ich war fast immer im Dienst. Oder ich hatte dienstfrei und erholte mich in einer Art Dämmerzustand, wenn ich müde von irgendeinem Nachtdienst nach Hause kam und nicht voll da und nach einem oder zwei Tagen immer noch nicht ausgeschlafen war. Diese Regenerationsphasen dauern mittlerweile schon bis zu drei Tage.

Schlimm ist auch, dass ich aufgrund der vielen, oft schwerwiegenden Schicksale, die ich im Dienst miterlebt habe, mein eigenes Schicksal oder das meiner nächsten Angehörigen nicht so richtig beachtet und wahrgenommen habe, egal was passiert war. Das eigene Schicksal war ja nicht so schlimm, da gab es viel Schlimmeres, dachte ich mir oft. Ich habe es oft versäumt, mein Familienleben zu leben. Mein eigenes Leben hingegen habe ich mit der Anhäufung von täglichen Erlebnissen und Schwerstereignissen längst gelebt. Und das im Überfluss. Ein sehr intensives Leben.

An sich sehe ich mich als toleranten Menschen. Bei der Polizei gibt es nicht viele Möglichkeiten Toleranz zu üben. Fallweise kann es zwar vorkommen, dass auch Polizisten nicht alles sehen, hören oder sonst wahrnehmen. Alles was sie tun ist aber genau geregelt. Es ist sogar geregelt, was nicht bestraft werden muss.

Ohne selbst straffällig zu werden, kann man sich als Polizist nur in einem sehr eng gesteckten Rahmen bewegen. Ein Polizist kann nicht so freizügig entscheiden, wie sich das viele vorstellen. Die abgedroschene Phrase „binden und lösen können“, die von manchem meiner „Lehrer“ gelehrt, von vielen Polizisten praktiziert und von schlauen Politikern gern ausgesprochen und hoch gelobt wird, hängt mir zum Hals heraus. Sie ist eine nicht praktikable Wunschvorstellung von „schlauen“ Köpfen und Nichtswissern. Ein absichtliches Nichtagieren eines Polizisten zieht schwere rechtliche Folgen nach sich. Amtsmissbrauch gilt als Verbrechenstatbestand.

Bei der Polizei ist es lediglich das Zwischenmenschliche, was den Unterschied vom einen zum anderen Polizisten ausmacht. Nur im zwischenmenschlichen Bereich kann ich tatsächlich das verkörpern, was ich selbst bin. Ansonsten habe ich mich an meine Vorschriften zu halten. Eine meiner wichtigsten Erfahrungen dazu ist, dass auch der schlimmste Vorfall mit einer positiven Einstellung der Agierenden erträglicher wird.

Das Beste an meinem Polizistendasein war für mich immer, dass ich auf der Seite der Guten und Schwachen stehen durfte. Eine Sehnsucht, die sich viele in ihrem Beruf nicht erfüllen können. Ich kann mich als eine Art „Superman“ fühlen. Immer zur Stelle zu sein, wenn den Anderen Unrecht getan wird, und dafür zu sorgen, dass das Recht wieder hergestellt wird, das ist schon ein gutes Gefühl. Immer auf der richtigen Seite zu sein. Fatal wird es, wenn sich Zweifel ergeben, welches die richtige, die gute Seite ist.

Mit einem gesunden und unvoreingenommenen Verstand ist es nicht schwierig, richtig und neutral eingestellt zu sein. Wie gesagt, mit einem gesunden Verstand – bevor man anfängt unmotiviert zu lachen.

Vielleicht ist es Zeit, an andere Aufgaben zu denken. ---- Aber - Bin ich überhaupt noch im Stande, etwas anderes zu machen, etwas Neues anzufangen ?

Ich habe noch Zeit! Aber habe ich auch noch die Energie, die ich benötige, mich zu verändern ?

Warum will oder soll ich mich überhaupt verändern ? Warum bin ich nicht zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Nach so einer langen Zeit in einem gesicherten Beruf, bei dem es bisher nur ein paar kleine Blessuren gab ? Oder gibt es doch tiefere, nicht sichtbare Verletzungen, vielleicht unsichtbare Narben in der Seele ? Hat es vielleicht doch Ereignisse gegeben, die ich nicht verkraftet oder nicht verarbeitet habe ?

Ich habe versucht, eine Reihe von Ereignissen, die ich im Dienst miterlebt habe, in erster Linie für mich und in zweiter Linie auch für meine Nachwelt festzuhalten. Vielleicht lässt sich so, auch für mich, analysieren, warum es in meinem Inneren, das glücklicherweise nur wenige genauer kennen, so aussieht, wie es ist.

Um niemanden vor den Kopf zu stoßen und natürlich auch um die Amtsverschwiegenheit zu wahren, füge ich folgenden Satz zu meinem Buch hinzu und stelle den Inhalt dieses Buches als erfundene Erzählung dar. Ich möchte niemandem zu nahe treten, ich will keine Urteile fällen und auch niemandem etwas Schlechtes nachreden.

„Namen, zeitliche oder örtliche Übereinstimmungen mit der Realität, der Gegenwart oder der Vergangenheit, sind rein
zufällig“

Wenn ich von Polizisten rede sind natürlich auch Polizistinnen gemeint, die seit 1993 gleichberechtigt mit den männlichen Kollegen Dienst verrichten. Großteils sind meine Wahrnehmungen geschlechtsneutral, außer es gibt aufgrund des Geschlechts andere Wahrnehmungen.

Außerdem muss ich anmerken, dass das der Begriff Polizei oder Polizist für mein Buch erst ab 2004 gilt. Davor ist die seinerzeitige Gendarmerie gemeint, die es von 1849 bis 2004 gab. Um das Ganze zu vereinfachen, habe ich als Überbegriff „Polizei“ gewählt, obwohl ich mit der Institution Gendarmerie „groß geworden“ bin und mit der Gendarmerie gar nicht so unzufrieden war. Ich war stets stolz darauf, Gendarm zu sein und mich von den Stadtpolizeien, die es damals schon gab und von der Bundespolizei, die es damals in den Großstädten Österreichs gab, abzugrenzen.

Dazu kann ich nur eines sagen: „Die Gendarmerie ist tot, es lebe die Gendarmerie.“

Als Gendarm fühlte ich mich immer einer polizeilichen Elite zugehörig, als wir noch „Gendarmerie“ hießen. Ich muss allerdings gestehen, dass der Grundberuf des Polizisten immer der gleiche ist und sein wird, egal wie wir heißen. Polizeiarbeit auf unterer Ebene stellt sich für alle gleich dar und ist sicherlich eine große Herausforderung für diejenigen, die diesen Beruf ausüben.

Zu meinem Vorwort glaube ich, ein passendes Gedicht geschrieben zu haben, das mir schon vor längerer Zeit einmal eingefallen ist und das nur die verstehen, die betroffen sind. Ich widme es meinen Polizeikollegen, Ärzten und Pflegekräften, Leichenbestattern und allen jenen, die mit den „dunklen Seiten“ des Lebens tagtäglich zu tun haben:

Saubere Hände - schmutziges Herz

Tischler, Bäcker, Eisenhärter,

alle schaffen Tag wie Nacht.

Schlosser, Bauer, Müllverwerter,

werden stets vom Herrn bewacht.

Ehrsam' Arbeit ihrer Hände,

egal, ob Schmutz ob Staub sie ziert.

Hoch erhob'nen Haupts die Stände,

von ihnen wird die Welt regiert.

Auch and're kämpfen um ihr Brot.

Gefühle sind im Hintergrund.

Ihr Gegenüber ist der Tod,

verschlossen halten sie den Mund.

Der eine wäscht sich froh die Hände,

der and're ist ein armer Tropf.

Der eine freut sich ohne Ende,

der and're schläft mit dreck'gem Kopf.

4.11.2000

Eine neue Dienststelle

Es war herrlich. Sechzehn Monate Ausbildung lagen hinter uns. Wir waren ein sehr großer Doppelkurs – an die 60 Mann, die ausgebildet wurden und nun alle gleichzeitig aus der Gendarmerieschule aus Gisingen ausmusterten. Endlich durften wir hinaus, man ließ uns aufs Volk los, wie man so zu sagen pflegte. Wir hatten die besten Vorsätze. Hatten wir doch gelernt, gestrebt, uns gebildet und natürlich auch Kameradschaft gepflegt. Das kam damals in der Gendarmerieschule nicht zu kurz, denn wir waren noch kaserniert. Wir durften nur an den Wochenenden nach Hause, während der Woche waren wir in der Kaserne (Schule).

Nicht vergleichbar mit dem Bundesheer, nein, es war schon etwas Besseres, was da den jungen Gendarmen in der Gendarmerieschule geboten wurde, eine echt gediegene Ausbildung. Frauen waren damals noch nicht bei der Gendarmerie, das kam erst 18 Jahre später.

Zu viert wurden wir auf eine neue Dienststelle versetzt. Voll Stolz, den Treue-Eid aufs Vaterland geleistet, nahmen wir unsere Arbeit auf und suchten, die richtigen Wege zu finden, die Sicherheit für die Bevölkerung zu gewährleisten, ohne zu autoritär zu wirken. Die autoritäre Zeit war etwas zurückgedrängt, seit einigen Jahren waren die Sozialisten am Ruder und es ging etwas weniger militärisch ans Werk.

Voll Stolz wurde unsere neue Dienststelle medial vorgestellt. Zusammenlegungen waren damals noch nicht an der Tagesordnung, und sie wurden dort durchgeführt, wo es offenbar Sinn machte. Es war kein Problem, sie durchzuführen, da die Zusammenlegung von allen betroffenen Gemeinden mitgetragen wurde – heute unvorstellbar.

Genau so, wie auf dem Bild zu sehen, war unsere damalige Einsatzuniform bei der Gendarmerie. Ein grauer Baumwollanzug, ein graues Hemd mit Krawatte. Auf den Kopf gehörte die graue Tellerkappe im normalen Streifendienst und die weiße Tellerkappe im Verkehrsdienst.

Das Bild wurde damals (1977) fürs Gemeindeblatt angefertigt und wie gesagt, wir waren stolz, auf eine neue Dienststelle einrücken zu können.

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Ein Sommertag mit einem unerwarteten Ende

Ich war noch nicht lange auf meiner ersten Dienststelle, nur ein paar Monate, als sich das folgende zutiefst schwerwiegende Ereignis in mein Gehirn einbrannte:

Euphorisch konnte ich es kaum erwarten, nach sechzehn Monaten Gendarmerieschule endlich auf einem Gendarmerieposten Dienst zu versehen und dort meinen Weg und meine Erfahrungen zu machen.

Ich war schon wieder, wie so oft, weil keiner mit ihm Dienst machen wollte, einem der Erfahrensten, aber auch schwierigsten Beamten unseres Postens, zum Dienst eingeteilt, einem 24 Stunden-Dienst. Damals wurden die Dienste auf einem Gendarmerieposten so abgewickelt, dass einer oder zwei Gendarmeriebeamte (je nach Arbeitsanfall des zu betreuenden Gebietes) 24 Stunden für alle Vorfälle, die sich in diesem Gebiet ereigneten, zuständig waren. Es war nicht viel los an dem Tag und es ging schon in Richtung Abend.

Tagsüber fiel uns nichts Besonderes auf, mir jedenfalls nicht. Für mich war sowieso alles neu. Ich war ein sogenannter Probegendarm. So war damals der schriftlich festgelegte Titel für einen damals jungen Inspektor, nachdem er von der Gendarmerieschule heraus auf einen Posten kam und noch nicht pragmatisiert war.

Gegen 17.00 Uhr beendete unser Chef seinen Dienst. Ich kannte ihn kaum. Er war für mich ein älterer Herr mit hoher Stirnglatze, um die 50, meiner Meinung nach eher introvertiert. Er hatte noch keine fünf Sätze mit mir geredet. Er war ledig, soviel ich weiß. Er verließ wortlos die Dienststelle. Ein eigenartiger Chef, sagte kaum ein Wort, waren so meine Gedanken über ihn. Wir befanden uns auf der Dienststelle, als ich ihn vom Fenster im 1. Stock wegfahren sehe. Er fuhr ein ganzes Stück auf dem Gehsteig entlang in Richtung Bregenz, er fuhr einen gelben Fiat 128 oder 132 oder so ein ähnliches Modell. Komisch, das durfte man doch gar nicht, Fahren auf dem Gehsteig war damals wie heute verboten. Etwas unüberlegt von ihm, dachte ich mir.

Jetzt war es etwa 19 Uhr. H. und ich fuhren mit dem Streifenwagen

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(damals ein grauer VW Käfer 1200, einer davon noch mit einer 6 V Stromanlage)

im Ried herum, wir patrouillierten, wie es so hieß. H. war einer meiner ersten „Lehrer“ in der Praxis bei der Gendarmerie. Er zeigte mir, wie man Auto fährt und auch wie man schießt. Beim Autofahren war er ein sehr unangenehmer Mitfahrer. Ich hatte meinen Führerschein noch nicht lange und fuhr noch nicht besonders sicher. Wenn ich ihm zu langsam fuhr, setzte er seinen Fuß von der Beifahrerseite herüber und trat auf meinen Fuß und gab so Gas. Er griff mir ins Lenkrad, wenn ich, für sein Gefühl, zu weit links fuhr. Er wollte jeden Kanaldeckel am Rand spüren, so weit musste ich rechts fahren. Es musste alle 20 bis 30 Meter holpern. Ich machte mir nicht viel aus seinen „eigenartigen Lehren“. Ich lernte jedenfalls beim Fahren, wie man nicht zu langsam fährt und wie man möglichst weit rechts fährt. Wie gesagt, er zeigte mir auch, wie man als Polizist schießt. Er war ein so hervorragender Pistolenschütze, wie man es nur aus Wildwestfilmen kennt. Er war ein arroganter und ungehobelter „Arsch“, relativ klein, aber beim Einschreiten beherzt und mutig wie ein Löwe. Bei seiner Einstellung dürfte er knapp die damals erforderliche Mindest-Größe von 168 cm geschafft haben. Dennoch war er im Außendienst ein bemerkenswerter Gendarm. Er hatte halt so seine eigenen Ansichten. Bei den Schießkunststücken, die er mir zeigte, dachte ich mir, dass es so etwas gar nicht gibt. Es war unglaublich. Er fuhr mit mir, wie gesagt, auf allen möglichen Wegen im wunderbaren Ried, das mittlerweile wegen seiner Schönheit unter Naturschutz gestellt wurde, herum, stieg dann irgendwo, wo es ihm gerade passte, aus und warf eine leere Patronenschachtel in die Luft. Mit seinem Kleinkaliberrevolver, schoss er darauf. Er hatte oft diesen kleinen Revolver mit auf Streife und schoss auf Vieles, auch auf Sachen, die nicht beschossen werden sollten – manche wissen, wovon ich rede. --Das gibt es doch nicht – er trifft die Schachtel in der Luft in einer Höhe von ca 7 Metern. Reiner Zufall, dachte ich. Dieser arrogante, angeberische Kerl. Er machte es nochmals und traf wieder. Ich sag’ ja, ich kann es nicht glauben. Aber es war Realität.

Zum Schluss seiner „Vorführung“ warf er eine Weinbergschnecke, die er im Gras gefunden hatte, in die Luft. Er warf die Schnecke in die Höhe und -- traf. -- Wahnsinn ! Ich kannte in meiner Laufbahn viele gute Schützen bei der Polizei, aber nie wieder so einen hervorragenden Pistolenschützen wie H, aber auch nie wieder ein so schlechtes Vorbild bei der Polizei.

Schon zuvor hatte mir H. gezeigt, was so alles in ihm steckt. Wir fuhren an einem alten aufgelassenen Modellflugplatz, bei dem ein Holzstadel stand, vorbei. Auf dem Dach des Stadels hing ein Windsack. So wie auf einem richtigen Flugfeld wehte er im Wind, aber hier war er nur für Modellflieger, damit die Windrichtung richtig eingeschätzt werden konnte. Was machte er denn ? dachte ich mir. Er zog seine Dienstpistole, eine belgische Browning FN, M 35,

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(damalige Dienstpistole – wurde in den 90-iger Jahren durch die GLOCK 17 ersetzt)

aus seinem Holster heraus und schoss. Nicht einmal, mehrmals, mindestens 8 Mal. Er schoss auf den Windsack auf dem Stadel, bis dieser in Fetzen hing. Ich dachte, der spinnt. Das Geschehene beschäftigte mich. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Über die Gesetzesmaterien war ich ja sechzehn Monate lang an der Gendarmerieschule unterrichtet worden, aber was er mir jetzt und hier zeigte ? Ich weiß jedenfalls nicht, was ich machen sollte, vergaß das Ganze aber auch nicht, jahrelang plagte mich mein Gewissen. In der Gendarmerieschule hatte ich sowohl gelernt, was eine Sachbeschädigung war, aber auch den Paragraphen „Verjährung“ und ich war froh, als eine gewisse Zeit verstrichen war.

Wie gewohnt wurde ein für mich schwerwiegendes Ereignis (das Herunterschießen dieses Luftsackes) durch ein anderes schwerwiegendes Ereignis überlagert. Bevor man das erste Ereignis aufgearbeitet hat, taucht das nächste schwerwiegende Ereignis auf und überdeckt das erste. Eine richtige Aufarbeitung ist dann nicht möglich.

Wir wurden jäh aus unserem, besser gesagt aus Hs. Treiben gerissen. Ein Funkspruch an uns besagte, dass auf dem Gebhardsberg, nahe Bregenz, eine Person, die offenbar niedergeschossen wurde, aufgefunden worden sei. In der Nähe stehe ein gelbes Auto. Die niedergeschossene Person sei bekannt. Der Funkspruch klang irgendwie unreal. Ganz in unserer Nähe ein Mord ? Das konnte ich mir in meiner Jugend noch nicht vorstellen, ich war noch nie mit einem Mord konfrontiert gewesen.

H. begriff schnell. Er war flott im Auffassen, nur beim Umsetzen tat er, was er wollte. Unser Chef hatte ein gelbes Auto. Irgendwie musste H. gleich geahnt haben, was los war. Er fuhr rasch mit mir zur Dienststelle, der zerschossene Windsack war für ihn vergangen und vergessen, und er setzte mich fast wortlos beim Posten ab. Warum er mich nicht auf den Gebhardsberg mitgenommen hatte, weiß ich bis heute nicht. Ich nehme an, er setzte mich ab, falls in der Zwischenzeit eine andere Tätigkeit anfällt, dass ich diese verrichten konnte. Er war ja nicht der, der Sachverhalte aufnahm und weiterbearbeiten wollte, er war eher einer, der dabei sein wollte, wenn es etwas Spannendes zu erleben gab, aufarbeiten würden schon die anderen – er dachte offenbar so wie viele (so ist es auch heute noch).

Etwa zehn Minuten später bestand Gewissheit. H. war nun oben auf dem Gebhardsberg. Er identifizierte unseren Chef erschossen ! Die Pistole vom Chef lag neben ihm, so erzählte mir H. nach seiner Rückkehr. Die Augen seien weit aus dem Kopf heraus gequollen gewesen, vom Druck des Schusses. Er habe ihn nicht gut erkennen können, habe ihn dennoch eindeutig identifiziert. Hatte man ihn ermordet ? Schnell zerstreuten sich anfängliche Mutmaßungen über ein Fremdverschulden.

Warum hatte er das getan ? Es war für uns unerklärlich. Die vorgesetzten Stellen wurden verständigt. Eine ganze Maschinerie kam ins Laufen. Jeder versuchte, zu erklären und aufzuklären, wie und warum es dazu kam. Warum brachte sich ein nicht mehr ganz junger Kommandant eines Gendarmeriepostens um ? Einen Abschiedsbrief gab es nicht.

Schlussendlich wurde resümiert, dass er vermutlich überlastet war. Außerdem war er alleinstehend und hatte offenbar niemanden, mit dem er sich aussprechen konnte.

Was am Tag los war und was endgültig der Auslöser für seinen Freitod war, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Das war mein erster Postenkommandant bei der damaligen Gendarmerie in meiner noch jungen Dienstzeit. Ich konnte mich kaum auf ihn einstellen, schon gar nicht hatte ich die Möglichkeit, ihn näher kennen zu lernen.

Er war einer der ersten Todesfälle, mit denen ich bei der Polizei zu tun hatte, obwohl ich nicht direkt damit in Berührung kam. Ich fühlte mich von seinem Tod intensiv berührt, ohne jemals zu erfahren, welche Hintergründe es gab, wie es seiner Verwandtschaft nach seinem Tod ging und auch selbst kann ich mich nicht erinnern, nach dem „Staatsbegräbnis“, das ihm zu Teil wurde, mit jemandem über die näheren Umstände seines Todes gesprochen zu haben.

Vielleicht hat er die vielen Dinge, die er in seinem Gendarmendasein erlebt hatte, nicht verkraftet. Wenn ich meine eigenen Geschichten Revue passieren lasse, kann ich ihn sogar ein wenig verstehen.

Erster Einsatz von Staatsgewalt

Ich bin von Grund auf ein friedliebender Mensch, so war ich, als ich jung war und so bin ich auch heute noch. Als ich noch Jugendlicher war, noch vor meiner Gendarmeriezeit, war ich beim Boxclub in Dornbirn. Ich war damals vom berühmten Boxer Muhammed Ali, früher als Cassius Clay bekannt, sehr fasziniert. Er war ein einmaliger Boxer mit vollendeter Boxtechnik. Er war für mich der größte Boxer aller Zeiten. Ich wäre gern in seine Fußstapfen getreten. Er war einfach mein Idol. Ich war in diesem Sport nicht schlecht, aber zu richtiger Klasse reichte es vorne und hinten nicht. Außerdem hielt ich dem Druck, der mir bei der Sportart „Boxen“ entgegenschwappte, nicht stand. Vor allem von meinen Mitschülern im Gymnasium erntete ich oft Unverständnis und Spott.

Ich nahm aber viel Gutes aus diesem Sport für mein Leben mit. Neben den menschlichen Bereicherungen, wobei ich vor allem meinen damaligen Trainer Walter H. und den Ringrichter Kurt R. erwähnen will, nahm ich mit, dass auch beim Einsatz von Gewalt und roher Kraft der Kopf mitspielen muss. Auch beim Freisetzen von noch so viel Adrenalin ist es notwendig, zu denken, bevor gehandelt wird. Auch während man handelt, muss man immer noch denken. Wenn die Handlung abgeschlossen ist, ist das Denken immer noch nicht beendet.

Auch das Folgende ist eine wesentliche Erfahrung: dass es einfacher ist, einmal selbst - auch körperlich - etwas einstecken zu können, wenn man schon einmal „eingeschenkt“ bekommen hat. Allerdings muss auch das „Austeilen“ schon einmal real durchgeführt worden sein, um es bei Bedarf wirklich einsetzen zu können. Das ist bei Männern, die eine normale Kindheit und Jugend erlebt haben, keine größere Schwierigkeit. Bei Frauen, die an sich wesentlich gewaltfreier agieren und auch so aufgewachsen sind, ist der Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung von Befugnissen einer der wenigen Knackpunkte, bei denen ich heute sage, dass der Beruf „Polizist“ eher ein Männerberuf ist. Auf das Thema „Frauen bei der Polizei“ gehe ich später noch etwas genauer ein.

In einem Erlebnis, in meinem ersten Jahr in einer Hofsteiggemeinde konnte ich schon früh in meinem polizeilichen Wirken erfahren, dass manchmal nur unter Anwendung von Gewalt ein gesetzlicher Zustand wiederhergestellt werden kann. Das hätte ich mir nicht so gedacht. Wenn die Polizei kommt, müsste das doch reichen, dachte ich damals, als ich von der Schule kam.

Mein Kollege W. und ich wurden zu einem Gasthaus in eine Kleingemeinde, die auch zu unserem Gebiet zählte, gerufen. Der Anrufer war der Wirt der Bahnhofsrestauration. Eine Bahnhofrestauration mit Bahnhof, für das Wälderbähnle. Ein stark betrunkener Mann machte Probleme. Der wollte weder seine Zeche zahlen, noch würde er der Aufforderung des Wirtes, das Lokal zu verlassen, nachkommen. Also wurde die Polizei, also wir, auf den Plan gerufen. Klang ja ganz banal.

Zum Glück war W. schon älter als ich, obwohl auch er noch nicht länger im Außendienst war wie ich. Aber zumindest an Lebenserfahrung konnte er einige Jährchen mehr aufweisen als ich. Ich hielt mich an ihn und war froh, dass er die Amtshandlung mit diesem „unguten“ Menschen führte. Bei uns war es üblich, dass die Amtshandlung vom älteren Beamten geführt wurde. Wer den Akt schließlich bearbeitete, wurde im Nachhinein entschieden. W. redete mit dem Delinquenten und verlangte von ihm, er möge bezahlen und danach das Lokal verlassen. Für mich war es klar, dass das, was W. sagte, Gesetz war und unverzüglich zu befolgen war. Doch weit gefehlt. Der Betrunkene lärmte herum, schimpfte, gab Beleidigungen von sich, die ich gar nicht wiederholen mag und gab zu verstehen, dass er ganz sicher nicht das macht, was wir kleinen Polizisten von ihm verlangten.

Es war nicht viel, was er zahlen müsste, aber es ging ums Prinzip. Eine massive Ordnungsstörung, eine Zechprellerei, das reichte. W. ermahnte den Mann, der um einiges älter war als wir. Aber er tat einfach nicht das, was er sollte und was wir von ihm wollten. Er tat auch nicht das, was der Wirt von ihm verlangte. Was blieb übrig ? Das hatte ich mir nicht so vorgestellt. Ich dachte eigentlich, dass er sofort den rechtmäßigen Zustand wieder herstellen wird, wenn wir ihn dazu aufforderten. So hatten wir es in der Gendarmerieschule doch gelernt. „Stellen Sie ihr strafbares Verhalten ein und verlassen Sie dieses Lokal!“ Das klingt doch so eindrücklich, so klar. Ich dachte eigentlich, dass Leute, denen die Polizei sagt, was sie zu machen haben, dies auch befolgen würden.

Viele Möglichkeiten waren unsererseits nicht mehr vorhanden. Wir versuchten nun, die Daten des Mannes zu erlangen. Natürlich war auch das ein aussichtsloses Unterfangen. Wir mussten uns durchsetzen. Wir mussten das tun, was der Bürger von der Staatsmacht erwartete, unter Anwendung maßhaltender Gewalt unter Berücksichtigung der angemessenen Verhältnismäßigkeit. Leere Worte. Ich hatte den Gesetzestext genau vor Augen. Das waren die Worthülsen, die es zu lernen gab, doch nun war es daran, diese Worte in die Praxis umzusetzen. Oft wurde gehadert, der beste Schüler ist nichts wert, wenn er das Erlernte nicht umsetzen kann. Jetzt wusste ich, was damit gemeint war.

Was war nun „maßhaltende Gewalt“ ? Was war „angemessene Verhältnismäßigkeit“ ? Wir wollten vor den anderen Gasthausbesuchern und auch vor dem Wirt unser Gesicht nicht verlieren. Wir wollten aber auch nicht die Bösewichte und Buhmänner sein, die völlig unangemessen agieren und vielleicht selbst vor dem Richter landen, wenn wir die maßhaltende Gewalt überschritten.

Nun griff mein Kollege W. plötzlich durch. Ohne dass wir uns vorher gegenseitig absprachen, begann er, den Mann am Arm zu packen. Den Griff hatten wir in unserer Ausbildung geübt. Ob er in der Praxis funktionieren würde, wussten wir in der Gendarmerieschule noch nicht. Er funktionierte nicht, natürlich nicht. (ein Griff, bei dem ein Arm angewinkelt werden muss und der Delinquent vorgebeugt wird und mit einem Hebel abtransportiert werden sollt) Völlig praxisfremd, was wir da gelernt hatten. Es blieb aber keine Zeit, darüber nachzudenken. In solchen Stresssituationen ändert sich jede Zehntelsekunde die Situation. Der Mann wurde durch den Griff herumgedreht und riss sich sofort wieder los. Er wendete sich gegen W. und nach meiner Ansicht war er unmittelbar davor, einen Schlag gegen Walter zu führen. Nun kam glücklicherweise meine instinktive Reaktion, die ich beim Boxen erlernt hatte, zu Tage. Ich versetzte dem Mann einen Faustschlag – eine wunderbare Gerade - ans Kinn. (Damals waren bei der Polizei Fauststöße noch verpönt und waren noch nicht in den Richtlinien für die Anwendung der Körperkraft vorgemerkt. Heute ist das glücklicherweise anders, heute sind auch Fauststöße erlaubt). Ich wunderte mich, dass der Schlag nicht besser wirkte.

Er wich nur minimal zurück. Das reichte aber aus, dass W. wieder zupacken konnte und den Mann am Hals erwischte. Gemeinsam gelang es uns, ihn zu überwältigen und ihm die Handschellen anzulegen. Damals trug man die Handschellen noch nicht am Gürtel, auch das war verpönt. Nur ganz ausgekochte und unfolgsame Polizisten, oder die ganz jungen, hatten sich selbst ein Handschellentäschchen angeschafft und trugen die Handschellen, trotz Verbot, am Gürtel, so wie wir.

Eine Erfahrung, die ich in meinem Polizistendasein gemacht habe ist, dass beim Großteil der Fälle weitere Gewaltanwendung nach dem Anlegen von Handschellen nicht mehr notwendig ist. (sofern die Person nicht verrückt ist). Das war auch im heutigen Fall so. Er ließ sich anschließend widerstandslos abführen.

Weder der Mann noch einer von uns wurden beim Einsatz verletzt. Ich hatte nicht gedacht, dass es so rasch nach unserer Grundausbildung notwendig sein wird, den gesetzmäßigen Zustand durch Gewaltanwendung wiederherstellen zu müssen.

Dass ich im Laufe meines dienstlichen Lebens derart oft Gewalt anwenden muss, um dem Gesetz zum Durchbruch zu verhelfen - richtig gesagt - um einen normalen, lebenswerten Zustand wieder herzustellen, wie ich das heute weiß, hätte ich niemals gedacht. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich als Polizist so oft „Raufen“ muss.

Sprung vom Känzele:

Ein warmer Herbsttag. Kaum jemand glaubt, dass an so einem schönen Tag wirklich etwas Schlimmes passieren könnte. Die Realität schaut auch an diesem herrlichen Tag nicht anders aus als an jedem anderen Tag. Schon am Vorabend war eine Fahndung nach einer 16-Jährigen herein gekommen, die als Abgängige gesucht wurde, und die psychisch angeschlagen sei. Sie sei offenbar zu Hause nicht mehr zu Recht gekommen und sei abgehauen. Sie würde sich wohl nichts antun? Das tun Mädchen erfahrungsgemäß eher selten, aber es kommt vor. Mädchen bluffen oft und versuchen, Grenzen auszuloten.

Eigentlich nichts Besonderes, wenn ein so junges Mädchen einmal als abgängig gemeldet wird. Das kommt oft vor, sicher mehr als 100 Mal im Jahr in Vorarlberg. Die meisten sind nach ein, zwei Tagen wieder zurück zu Hause oder im Heim oder in der Wohngemeinschaft, oder wo sie halt sonst ihre schwierige Jugendzeit verbringen (es gibt natürlich auch andere Mädchen, die ganz normal aufwachsen und keine größeren Probleme haben).

Das muss aber doch ein außergewöhnlicher Fall gewesen sein. Ziemlich undurchsichtig. Warum sie wohl weg wollte? Es könnte Suchtgift im Spiel gewesen sein – reine Mutmaßung. Jedenfalls war sie weg.

Ein Anruf kam auf unsere Dienststelle, ein Hinweis, dass das abgängige Mädchen eine Nachricht hinterlassen habe, dass sie sich möglicherweise vom Känzele Felsen in Bregenz in die Tiefe stürzen wolle. – Überhaupt war der Känzelefelsen in dieser Beziehung etwas in Verruf. Ziemlich unglaubwürdig, diese Nachricht, aber man wusste ja nie. Mein Kollege P. und ich gingen nachschauen. Eine ziemlich steile und unzugängliche Gegend. Wir befanden uns in Kennelbach. Der Känzele Felsen liegt auf Bregenzer Gebiet. Allerdings würde der mutmaßliche Ort, wo jemand aufprallt, wenn er von dort herunter springt oder fällt, in Kennelbach sein. Also waren wir zuständig? Egal wer zuständig war, wir mussten auf jeden Fall nachsehen.

In unserer normalen Uniform und in Halbschuhen (Standardschuhe) begaben wir uns ziemlich unvorbereitet auf diesen steilen Hang. Wer würde denn glauben, dass wir in Kennelbach Bergschuhe bräuchten ? Zeitweise war der Weg hoch zum Felsen mit Steinen durchsetzt, führte durch eine steile wilde, brach liegende Wiese und durch leicht bewaldetes Gebiet. Wir hetzten hinauf, ohne genau zu wissen, ob wir überhaupt etwas finden werden. Ca 100 m unterhalb des Känzelefelsens, völlig verschwitzt, kamen wir, direkt an der Steilwand an, überall hingen Seile, Haken und Übungsutensilien für Kletterer. Wir suchten etwas planlos herum, weil wir nur den Hinweis hatten, dass eine Nachricht hinterlassen wurde, dass sich das Mädchen von diesem Felsen stürzen wollte. Eine größere Suchaktion war in Planung. Wenn wir nicht rasch fündig geworden wären, hätten wir eine Suchaktion einleiten müssen.

Plötzlich sahen wir etwas. Es war ein undefinierbares Etwas, das auf dem belaubten Waldboden lag. Man sah nicht viel, nur einen dunklen kleinen Hügel oder Haufen oder wie ich es nennen soll. Der Waldboden war mit braunem Laub bedeckt, hier gab es einige Laubbäume, großteils aber Fichten. Wir gingen langsam, aber doch zielgerichtet auf diesen kleinen Haufen zu.

Als wir kurz davor standen, sahen wir, dass es sich um einen leblosen, relativ kleinen Menschen handelt, der da auf dem Bauch lag, das Gesicht nach unten fast in den Boden vergraben. Von oben sah man nur Haare. So wie der Kopf lag, konnte man gar keine Luft bekommen, dachte ich. So eine Kopfposition eines liegenden Körpers habe ich später noch einmal, bei einem toten Moped Fahrer gesehen. - Das ist für mich die Erfahrung, dass offenbar, wenn der Kopf eines Menschen bei offenbar leblosem Zustand nicht seitlich liegt, sondern gerade auf der Nase, dürfte die Person bereits tot sein.

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