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Polen

Inhaltsverzeichnis

Unterwegs

Die 93. Smolenska

Die gute Veränderung

Helokanie

Das weißeste Land Europas

Vertriebene Soldaten

Piketty mit einem Schuss Franco

Der Hustler und die Mikwe

Europas letzter Urwald

Das gelobte Land

Polnische Helden

Die Verteidiger des Kreuzes

Gott, Ehre, Heimat, Abtreibung

Schlesier arbeiten härter

Heldenstadt

Przystanek Woodstock

Unterwegs

Es ist noch dunkel, als ich in meinem Wohnort am östlichen Berliner Stadtrand die Tür hinter mir schließe, an diesem kalten Januarmorgen. In der morgendlichen Verkehrsspitze ist mein Bus zum Bahnhof verspätet, ich verpasse fast den Zug nach Frankfurt an der Oder. Im vollen Regionalexpress Richtung Grenze sitzen müde Gesichter um mich herum, Menschen, die am Rande der Nacht aufgestanden sind, um zur Arbeit zu gehen. Wohin reise ich?

Nach einer halben Stunde erscheint Frankfurt an der Oder. Hier befindet sich die Viadrina, eine deutsch-polnische Universität, wo viele Studenten sich - wie könnte es anders sein - mit der Osteuropaforschung beschäftigen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends war ich regelmäßig wegen meiner Arbeit in Frankfurt an der Oder. Damals war ich Koordinator einer internationalen Koalition von Umweltorganisationen, die sich für den Schutz der Oder eingesetzt hat. Zeit für die Oder, so der etwas seltsame Name unserer Koalition. Ich erinnere mich, dass einer der Ostdeutschen aus der Koalition mich überhaupt nicht mochte. Warum das so war, hat er mir nie erzählt, aber ich vermute, dass ich als Niederländer für ihn der Inbegriff des Wessis war.

Ich sollte das Flussprojekt auf Polnisch leiten, was für mich als Holländer zwischen Deutschen, Polen und Tschechen eine ordentliche Herausforderung war. Hatte ich diese Position aus diplomatischen Gründen bekommen? Ein neutraler Niederländer zwischen drei anderen Nationalitäten? Ich weiß nicht, ich habe es nie erfahren. Schließlich verschwand ich nach einer Reihe von Konferenzen, Tagungen und Broschüren über nachhaltiges Flussmanagement, Deiche und Staudämme, Hochwasserschutz, Fahrradtourismus und ökologischen Landbau, aber auch nach Intrigen und Streitigkeiten geräuschlos aus dem Projekt.

In Frankfurt kündigt die Schaffnerin die nächsten Reiseziele an: Eisenhüttenstadt, Cottbus, Städte im Osten Brandenburgs. Sie erwähnt Warschau nicht, wo ich gleich hinfahre. Warum sollte sie auch? Warschau mag zwar die Hauptstadt des Nachbarlandes sein, aber für die meisten Deutschen ist Polen immer noch ein so exotisches Ziel, dass kaum einer auf die Idee kommt, wirklich dorthin zu fahren. "Polen, was willst du dort?", wird mir oft gesagt. "Hüte dich vor Dieben!“ Viele Deutsche waren schon in Thailand oder auf Mallorca, aber in Polen, 80 Kilometer von Berlin entfernt, waren die meisten noch nicht, und wenn schon, dann höchstens zum Tanken oder um billige Zigaretten auf dem Grenzmarkt zu kaufen.

Während ich am östlichsten Rand Deutschlands auf den Zug nach Warschau warte, ist es draußen noch dunkel, aber in der Ferne wird es schon hell. Im Osten. Da muss ich hin. Der Intercity nach Warschau ist fast leer, auch an einem Montagmorgen. Die Zugtickets kosten einen Tag vorher 29,90 Euro für die 550 Kilometer zur polnischen Hauptstadt. Ein komfortabler Zug, mit einem Speisewagen, Steckdosen für Laptop und Internet, aber nur wenige Reisende. Es zeigt, wie wenig Austausch es anno 2018 noch immer gibt, zwischen Berlin mit seinen fast vier und Warschau mit seinen fast zwei Millionen Einwohnern.

Kurz vor der Grenze passieren wir einige letzte deutsche Kleingärten, dann rollt der Zug langsam über die Oder. Der Fluss ist zugefroren, das Wasser fließt nach Norden, in Richtung Usedom, einer Ostseeinsel, die zwischen Polen und der ehemaligen DDR aufgeteilt ist. Uznam, so heißt die Insel auf Polnisch. Es ist die Insel, wo meine Ehefrau herkommt, die Insel, wo ihre Großeltern am Ende des Zweiten Weltkriegs mühsam ihr Leben wiederaufbauten, nachdem sie im schrecklichen Kriegswinter 1945 vor der Roten Armee aus Ostpommern geflohen waren. Nicht jeder aus ihrer Familie kam unversehrt aus dem Krieg: Einer ihrer Großeltern, der bei Kämpfen bei Stalingrad verletzt wurde, musste später sein zerbombtes Kaufhaus in Stettin aufgeben. Zwei Urgroßeltern wurden von russischen Soldaten erschossen, nach einem Streit um eine Wurst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Oder zum Grenzfluss zwischen der DDR und Polen. Heute ist das Gras in den Flussauen weiß gefroren. Der Maschinist zieht den Hebel, der Zug pfeift und schreit. Auf der anderen Seite der Oder weiß ich: Ich bin wieder im Osten. Wie oft habe ich diese Grenzbrücke schon überquert? Vierzig Mal? Fünfzig?

Auf der polnischen Seite der Grenze fahren wir durch Słubice, der Partnerstadt der Universität in Frankfurt an der Oder. Dann folgt die Haltestelle in Rzepin. Ich erinnere mich an eine Reise, Mitte der 90er Jahre, als ich mit meiner damaligen Freundin aus den Niederlanden nach Polen trampte. Von irgendwo in Berlin fuhr uns ein langhaariger Pole Richtung Grenze, in einem Auto, das er in den Niederlanden gekauft hatte. Er war einer der vielen, die damals als Autohändler hin und her pendelten. Polen war noch nicht Mitglied der Europäischen Union, und es gab einen riesigen Stau auf der Grenzbrücke. Wir beschlossen, auszusteigen und vor den Stau zu laufen. Schließlich landeten wir in Rzepin, wo wir in den Nachtzug nach Warschau einstiegen. Das heißt, das dachten wir. Zwanzig Minuten später waren wir wieder in Frankfurt: Wir hatten den Zug in die falsche Richtung genommen.

Das polnische Land. Vor mir liegen 500 Kilometer weite Ebene, das polnische Tiefland, das endlos weiterrollt, bis zum Ural, wo Europa endet. Es ist ein landschaftlich unspektakuläres Gebiet, aber es ist das polnische Kernland, Wielkopolska. Hier hatten die Piasten ihre Festung, in der Nähe der heute unbedeutenden Stadt Gniezno, wo König Mieszko, der erste König der Piastendynastie, von 960 bis 992 regierte und 966 zum Christentum getauft wurde.

Nachdem die Piasten um 1370 von der Bildfläche verschwanden, kam Polen unter den Einfluss der Jagiellonen-Dynastie. Es war der Auftakt zur ersten großen Blütezeit des Polnischen Reiches, die 1569 zur Polnisch-Litauischen Union führte. Polen war damals ein riesiger, multikultureller Staat, der sich von der Ostsee bis fast zum Schwarzen Meer erstreckte. Polen, Deutsche, Juden, Weißrussen, Litauer, Kurländer, Tataren, Ukrainer, Russen, Roma und Sinti: Alle hatten ihren Platz im multiethnischen Staat. Etwa ein Drittel der Bevölkerung war nicht-polnisch, und in der Polnisch-Litauischen Union herrschte Religionsfreiheit. Damals war Polen eine sehr fortschrittliche Demokratie: Könige wurden gewählt, im polnischen Landtag (Sejm) hatte jedes Mitglied des Parlaments ein Vetorecht. Polen war 1791 das erste europäische Land überhaupt mit einer Verfassung.

Das polnisch-litauische Reich verlor im Laufe der Jahrhunderte seine Stärke und brach schließlich Ende des achtzehnten Jahrhunderts zusammen, als die mächtigen Nachbarstaaten Preußen, das Habsburgische Reich und Russland das geschwächte Polen angriffen und das Land unter sich aufteilten. Ab 1795 verschwand Polen 123 Jahre lang vollständig von der europäischen Landkarte, bis das Land 1918, am Ende des Ersten Weltkriegs, seine Unabhängigkeit wiedererlangte.

Es wurde ein Vergnügen von kurzer Dauer. Auch Polen konnte sich in der Zwischenkriegszeit nicht von der Wirtschaftskrise und den nationalistischen Tendenzen in Europa lösen. Unter der Führung des autokratischen Feldmarschalls Józef Piłsudski kämpfte Polen gegen die Deutschen in Schlesien und gegen die Russen im Osten. 1920 standen polnische Truppen sogar kurz vor den Toren Moskaus. Polen, damals geographisch viel weiter östlich gelegen, mit einer viel größeren Landesfläche als heute, hatte Ende der 1930er Jahre mehr als 30 Millionen Einwohner. Mehr als drei Millionen von ihnen, oder etwa zehn Prozent der Bevölkerung, waren Juden.

Der Zweite Weltkrieg änderte alles. Kein Land litt so sehr unter der verheerenden Zerstörungswelle der Deutschen wie Polen. Etwa sechs Millionen Polen, also jeder fünfte Einwohner des Landes, wurden getötet. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die Großmächte Europa während der Konferenzen in Jalta und Potsdam auf. Deutschland verlor einen Teil seiner Ostgebiete. Sie wurden polnisches Staatsgebiet. Die Sowjetunion bekam einen großen Teil Ostpolens. Nach dem Krieg wurde Polen kleiner. Das Land wurde sozusagen nach Westen verlagert. Trotzdem geriet das Land in den östlichen Einflussbereich, und Polen wurde kommunistisch. Die polnischen Juden waren während des Krieges fast vollständig ausgerottet. Die ehemaligen polnischen multiethnischen Regionen im Osten, die sogenannten Kresy, waren Teil der Sowjetunion geworden. Polen hatte sich verändert. Das Land war ethnisch homogen geworden. Heutzutage ist Polen sogar eines der ´weißesten´ Länder Europas.

…………………..

Während der Zug weiterfährt, denke ich an die kommenden Wochen, an den Plan, den ich habe. Ein Buch soll her, ein Buch über Polen, ein Land so nah, aber für viele Deutsche noch immer so unbekannt. Es ist ein Land, das mich seit einem Vierteljahrhundert fasziniert, mal weniger, mal mehr. Es ist ein Land, das mich seit meinem Studium 1992 nie losgelassen hat. Seit Beginn meines Studiums, Ende der 80er Jahre, als ich im niederländischen Utrecht Geographie studierte, war ich fasziniert vom Osten. Da, wo niemand hinwollte, da wollte ich hin: Rumänien, die Sowjetunion, die DDR, Polen. Es faszinierte mich, dass es hinter dem Eisernen Vorhang eine Welt gab, die so unbekannt war. Gab es noch mehr, das mich faszinierte? Die Utopie der machbaren Gesellschaft? Wahrscheinlich schon.

Kurz nach dem Mauerfall veränderte sich Europa in rasantem Tempo. Ich bekam die Möglichkeit, für eine Weile in Polen zu studieren, eine Gelegenheit, die ich nicht ausließ. Später in meinem Berufsleben, als ich für Umweltorganisationen arbeitete, hatte ich viel mit Polen zu tun. Noch später war ich als Journalist regelmäßig in Polen unterwegs. Ich war fasziniert von den Menschen, der Geschichte, dem Unvollständigen, den Bruchlinien, ja, den Problemen. Im Laufe der 90er Jahre war ich ein starker Befürworter einer polnischen Mitgliedschaft in der Europäischen Union. In jenen Jahren, kurz nach dem Fall der Mauer, als ich wie ein Verrückter durch Osteuropa reiste, hatte ich für immer verstanden: Nie wieder Krieg. Kein anderes europäisches Land hatte so sehr unter den Deutschen gelitten wie Polen. Bis heute steht die Europäische Union für mich hauptsächlich für eines ihrer ursprünglichen Prinzipien: Frieden in Europa.

Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und dem Beitritt Polens zur NATO im Jahr 1999 war es 2004 dann endlich so weit: Polen wurde Mitglied der Europäischen Union. Die Integration in die europäische Gemeinschaft schien unwiderruflich; das Ende der Geschichte war nahe, um mit Francis Fukuyama zu sprechen. Nach einer heftigen Anlaufphase begann die polnische Wirtschaft zu wachsen, und im Laufe der Jahre sank die Zahl der Witze über Polen proportional zu diesem Wirtschaftswachstum. Die Polen selbst erschienen in zunehmender Zahl in Westeuropa, meist als Arbeitsmigranten. Im Jahr 2014 wurde der ehemalige polnische Regierungschef Donald Tusk Präsident des Europäischen Rates. Polen schien politisch und wirtschaftlich auf dem Zenit seiner Macht angekommen zu sein. Das osteuropäische Land befand sich nun inmitten der europäischen Gemeinschaft. Zumindest schien es so zu sein. Aber war es auch wirklich so?

Journalisten suchen neue Entwicklungen, Trends. So sollte es zumindest sein. Aber: Journalisten und vor allem Redakteure sind oft auch konservativ. Sobald eine neue Erzählung gefunden wurde, halten wir gerne daran fest. So lange wie möglich. Das ist angenehm, einfach, bequem. Polen, ein erfolgreiches Mitglied der Europäischen Union, ein Wirtschaftstiger. Eine gute Geschichte! Wer will da noch andere Geräusche hören, wer will die komplexen Grautöne sehen, wer bekommt den Raum, darüber zu berichten?

War man dafür offen, dann konnte man in den letzten Jahren schon Risse in der sogenannten polnischen Erfolgsgeschichte sehen. So profitierten beispielsweise nicht alle Polen vom Wirtschaftswachstum von drei, vier, fünf Prozent pro Jahr. Am unteren Ende der Gesellschaft wuchs die Unzufriedenheit mit der Politik der neoliberalen Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk, der von 2007 bis 2015 regierte. Diese Unzufriedenheit bemerkte die Regierung jedoch kaum. Arbeite hart, du bist dein eigen Glückes Schmied, das war das Motto. Und wer im eigenen Land keine Arbeit finden kann, der gehe doch bitte auf die Suche nach Arbeit in anderen Teilen Europas! Seit 2004 sind schätzungsweise 2,5 Millionen der 38 Millionen Polen ins Ausland gegangen. Doch nicht für jeden war der Wohlstand erreichbar. Die Schaufenster der Läden sind heute zwar voll, aber immer noch lebt etwa ein Viertel der Bevölkerung in Armut.

Außerdem waren viele Polen auch nicht daran interessiert, Ausländer aufzunehmen. Auf dem Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise, im Sommer 2015, als hunderttausende Syrer, Iraker und Afghanen über die Balkanroute durch Österreich nach Deutschland reisten, erreichte gleichzeitig die Wahlkampagne für die polnischen Parlamentswahlen im Oktober 2015 seinen Höhepunkt. Ein wütender Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der PiS-Partei (Prawo i Sprawiedliwość) und faktisch Polens einflussreichster Politiker, verkündete damals, die Flüchtlinge brächten `Cholera, Parasiten und andere Krankheiten´ nach Europa. Kaczyńskis Äußerungen blieben nicht ohne Wirkung: Die vielen Polen, die in ihrem Leben noch nie einen Ausländer gesehen hatten, stimmten massenhaft für die national-konservative PiS, wonach diese Partei die neue Regierung bilden konnte.

Die PiS-Regierung von Kaczyński ist momentan sehr energisch dabei, die polnische Gesellschaft in eine völlig neue, konservative, nationalistische Richtung umzukrempeln. Mit beispielloser Energie und Geschwindigkeit führt die PiS ein Gesetz nach dem anderen ein und hinterlässt dabei eine Spur von wütenden Gegnern und marginalisierten sozialen Gruppen. Parteichef Kaczyński scheint davon nicht beeindruckt. Er ist ein Mann mit einer Mission. Er spricht von der Dobra Zmiana, dem so genannten Guten Wandel, der die Überreste der kommunistischen Ära beseitigt, die - laut Kaczyński - noch immer überall in der polnischen Gesellschaft zu finden sind und ihre Umwelt wie faulende Äpfel infizieren. Weg damit! Gleichzeitig wird auch alles, was mit der neoliberalen Regierung von Donald Tusk zu tun hat, in den Mülleimer geworfen. Und Lech Wałęsa, der Held der Solidarność-Ära, in den 1980er Jahren? Der war laut Kaczyński in Wahrheit ein Spion der Kommunisten, der kann also auch mit weg.

Seit der Machtübernahme der PiS wird alles, was nicht in das Weltbild dieser Partei passt, zur Seite geschoben. Die PiS weiß, was gut für Polen ist und was nicht. Sie weiß, wie ein guter Pole auszusehen hat: Er ist ein katholischer Familienvater, der Polnisch spricht, verheiratet ist und stolz auf seine Heimat und ihre heroische Geschichte ist.

Alles, was von dieser Norm abweicht, ist verdächtig, wie der frühere Außenminister Witold Waszczykowski in einem Interview mit der deutschen BILD-Zeitung im Jahr 2016 deutlich machte. "Es scheint, als ob sich die Welt nach dem marxistischen Beispiel automatisch nur in eine Richtung bewegen kann - in Richtung einer Mischung aus verschiedenen Rassen und Kulturen, einer Welt von Radfahrern und Vegetariern, die sich nur auf nachhaltige Energie konzentriert und jede Form von Religion bekämpft. Das hat nichts mehr mit den traditionellen polnischen Werten zu tun", sagte er. Mit anderen Worten: kein alternatives Gedöns, bitte.

Dass Waszczykowski mit seinen Aussagen regelmäßig daneben lag, zeigte sich zum Beispiel 2017, als er bei einer Pressekonferenz in New York nach einem Besuch bei den Vereinten Nationen stolz über seine Gespräche mit Diplomaten aus rund 20 Ländern über das Ziel Polens sprach, einen vorläufigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu erhalten. Laut Waszczykowski habe er auch mit Ländern gesprochen, mit denen Polen bis dahin noch nie diplomatische Kontakte gehabt habe, "wie Belize und San Escobar". Die anwesenden Journalisten runzelten die Stirn: San Escobar? Tatsächlich musste der polnische Außenminister kurz darauf zerknirscht zugeben, dass San Escobar ein nicht existierendes Land ist, das dem kreativen Geist von Waszczykowski entsprungen war. Da war es jedoch schon zu spät. Der Hohn war groß, ebenso wie die Kreativität der polnischen Social Media Community. In kürzester Zeit erschienen Wikipedia-Seiten, Fan-Sites und ganze San Escobar-Ministerien im Internet, mit eigener Flagge, Währung, Hauptstadt und eigenem Staatsoberhaupt für das kleine Land, das für manche deshalb entstand, weil Waszczykowski wahrscheinlich zu oft die Netflix-Serie Narcos gesehen hatte, in der es um den kolumbianischen Drogenhändler Pablo Escobar geht.

Inzwischen ist Minister Waszczykowski schon wieder von der Bildfläche verschwunden, wie so viele Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens in Polen, die mit rasender Geschwindigkeit kommen und gehen. Die polnische Gesellschaft verändert sich in einem atemberaubenden Tempo. Schnell, schnell, schnell. Für viele Polen geht der Wandel aber zu schnell.

Der politische Rechtsruck in Polen wird daher unter anderem durch die Unzufriedenheit mit der ungerechten Verteilung des Wirtschaftswachstums, die Bedrohung durch angebliche Flüchtlingsmassen und die rapiden gesellschaftlichen Veränderungen verursacht. Polen ist damit natürlich keine Ausnahme in Europa, aber - mit Ausnahme von Ungarn – schon das Land, das am weitesten geht, wenn es um seine Abschottung, seine Rhetorik und seine Gegenmaßnahmen geht. Geht das Deutschland an? Na klar, denn Polen ist eines der größten Länder in Europa. Nach dem geplanten Brexit könnte Polen neben Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zu den Big Five gehören, aber um einen wirklichen Einfluss auf die Politik innerhalb der Europäischen Union zu nehmen, muss das Land schon über eine gute Erfolgsbilanz verfügen. Die PiS-Regierung hat aber eine ganz andere Vision als die Europäische Kommission, wie ein Rechtsstaat funktioniert, um nur eines von vielen Konfliktgebieten zu nennen. Dies führt seit Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Europäischen Kommission. Polen droht sogar der Entzug seines Stimmrechts. Außerdem könnte das Land Milliarden Euros aus europäischen Fonds verlieren.

Auf der einen Seite ist Polen ein hypermodernes, proeuropäisches Land mit einer vielfältigen Kultur, gut ausgebildeten Menschen und einer schnell wachsenden Wirtschaft. Gerade in den Großstädten leben international orientierte, fortschrittliche Menschen, die Verbindungen zu Europa suchen. Dieser Teil Polens wird manchmal als Polska A bezeichnet. Andererseits besteht die polnische Bevölkerung aus einem mindestens ebenso großen Teil traditionell katholisch gebildeter Menschen, die überwiegend in ländlichen Gebieten und Kleinstädten leben und unsicher über die Zukunft sind: Polska B. Für diese Menschen ist der nationalistische, konservative und oft populistische Kurs der PiS-Regierung eine Erleichterung. Polen ist daher heute ein sozial und politisch bis auf die Knochen gespaltenes Land. Politische Trennlinien ziehen sich quer durch Familien. Nicht umsonst brachte die führende linksliberale Zeitung Gazeta Wyborcza kürzlich einen Artikel mit der Überschrift: ´Wie gehe ich mit meiner PiS-wählenden Freundin um?´

Ist die polnische Entscheidung für eine konservative, nationalistische Regierung eine vorübergehende, und wird Polen bald wieder auf den liberalen, proeuropäischen Weg zurückkehren? Oder war das letzte Vierteljahrhundert, die Zeit der Demokratie in Polen, nur ein Zwischenspiel, eine Ausnahme in der langen polnischen Geschichte? Woher kommt genau der Drang nach rechts? Dies sind einige der Fragen, die ich gerne beantworten möchte. Ich sollte mich jedoch beeilen, denn das Tempo des Wandels in Polen ist so atemberaubend, dass ein schriftlicher Text innerhalb weniger Monate veraltet sein kann. Glücklicherweise ist Polen nicht weit weg. Wenn ich früh aufstehe und den Morgenzug aus Berlin nehme, kann ich mein erstes Gespräch um halb zwei nachmittags in Warschau führen. Ich bin übrigens mittlerweile in der polnischen Hauptstadt angekommen. Es ist Zeit, auszusteigen!

Die 93. Smoleńska

An einem winterlichen Mittwochmorgen laufe ich durch das Stadtzentrum von Warschau. Es ist noch früh, kurz nach acht, ein grauer, feuchter Morgen in der Krakowskie Przedmieście, einer der schönsten Straßen im historischen Zentrum Warschaus. Die Innenstadt ist noch bemerkenswert leer, einige Hipster eilen tief in ihren Wintermänteln versteckt Richtung Büro vorbei. Von der Silberpalme auf der Aleje Jerozolimskie, die an die jüdische Vergangenheit der polnischen Hauptstadt erinnert, gehe ich an der Kirche des Heiligen Kreuzes vorbei, wo in einer ihrer Säulen das Herz des polnischen Komponisten Friedrich Chopin ruht. Dann komme ich zum fin-de-siècle Hotel Bristol, wo die Rolling Stones 1967 übernachteten. Bei ihrem Konzert im riesigen Palast für Kultur und Wissenschaften im Zentrum der Stadt, der von Stalin gespendet wurde, kam es damals zu Unruhen. Die Stones selbst beschlossen, ihr Honorar, in wertlosen kommunistischen Złotys ausbezahlt, in einen Zugwagen voller Wodkaflaschen umzuwandeln, der dann nach England fuhr.

Vom Hotel Bristol aus ist die Krakowskie Przedmieście in Richtung des Präsidentenpalastes gesperrt. Grimmig aussehende Polizisten versperren den Durchgang. Über einen Umweg gelange ich in die Nähe der Karmeliterkirche neben dem Präsidentenpalast, wo ich hinter Zäunen eine Menge schwarz gekleideter Menschen sehe, vor allem ältere Menschen, viele Männer, mit Mützen und langen Mänteln. Es ist ein ausgewähltes Publikum von PiS-Anhängern, die an diesem eisigen Morgen mit Bussen aus dem ganzen Land hierher gebracht wurden. Einige Männer schwingen rot-weiße polnische Flaggen. Auch der PiS-Parteivorsitzende Jarosław Kaczyński scheint anwesend zu sein, aber der kleine Politiker ist von hier aus nicht zu sehen. Ein älterer Mann mit einem Plakat, das auf die Ermordung polnischer Offiziere bei Katyn 1940 hinweist, steht am Zaun und ruft "Antoni! Wir vergessen dich nicht!“ Er bezieht sich auf Antoni Macierewicz, der am Vortag vom Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki als Verteidigungsminister entlassen wurde.

Plötzlich fangen Kirchenglocken an zu läuten. Es ist 8.41 Uhr. Genau in diesem Moment, vor 93 Monaten, wurde Polen von einer Katastrophe heimgesucht. Am 10. April 2010 traf das polnische Präsidentenflugzeug mit einem schweren Schlag den Boden eines Militärflugplatzes in der Nähe der russischen Stadt Smoleńsk. Das Flugzeug zerbrach, alle 96 polnischen Insassen wurden getötet, darunter auch Präsident Lech Kaczyński. Eine polnische Tragödie war geboren, eine Tragödie, die sich mittlerweile in einen Mythos verwandelt hat.

Was genau an diesem katastrophalen Morgen des 10. April 2010 passiert ist, wird wohl nie ganz klar werden. Es ist jedoch eine Tatsache, dass bei Tagesanbruch in Warschau eine Tupolev TU-154 mit dem polnischen Präsidenten, seiner Frau Maria, dem Präsidenten der polnischen Zentralbank, den Fraktionsvorsitzenden der beiden größten politischen Parteien, mehreren Generälen und Dutzenden anderer Würdenträger der polnischen Elite an Bord abhob. An diesem Morgen startete das Präsidentenflugzeug, um ihre Passagiere nach Katyn zu bringen, einem Ort in den riesigen sumpfigen Wäldern Russlands, wo 1940 eine Katastrophe stattgefunden hatte. Eine polnische Katastrophe. Nach dem Angriff durch Nazi-Deutschland auf Polen am 1. September 1939 griffen sowjetische Truppen Polen am 17. September von Osten an. Es war der Beginn des Zweiten Weltkriegs, und fast sechs Jahre später würde Polen aus dem Krieg hervorgehen, als ein völlig zerstörtes, ruiniertes, vernichtetes, reduziertes und faktisch von den Sowjets dominiertes Land. Vor dieser Zeit, Anfang 1940, transportierte die sowjetische Armee nach Überfällen im ganzen Land einen großen Teil der polnischen Intelligenz in Richtung Osten. Tausende von Offizieren, Ärzten und Intellektuellen wurden aufgegriffen. Zehntausende von Polen wurden 1940 nach Kasachstan und Sibirien deportiert. Stalin konnte diese polnische Intelligenz nicht gebrauchen, er sah sie als potenzielle Feinde. Deshalb wurden neben den Deportationen rund 22.000 Mitglieder der polnischen "Bourgeoisie" an verschiedenen Orten in der Sowjetunion erschossen. Mindestens 4.400 von ihnen, hauptsächlich Offiziere der polnischen Armee, wurden im Auftrag des russischen Geheimdienstes NKVD in den Wäldern um Katyn hingerichtet. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt. Sand darüber. Weg damit. Ende der Geschichte.

Das war wenigstens der Plan. Nach dem Zweiten Weltkrieg schoben die Sowjets den Massenmord in Katyn den Nazis in die Schuhe. Schließlich waren es doch die Deutschen, die den Zweiten Weltkrieg begonnen waren, die die Polen so brutal ermordet hatten? Der kommunistische Propagandaapparat gab sein Bestes: Es waren die Nazis gewesen, und damit Schluss. Kein Pole jedoch, der diese Geschichte aus Stalins Propagandamaschinerie glaubte. Im Jahr 1940 waren die Deutschen ja noch gar nicht in die Sowjetunion vorgedrungen, jeder Pole wusste das. Die sowjetische Lüge über Katyn ist einer der Gründe, warum viele Polen auch heute noch viel Hass auf Russland haben. Es ist nicht der einzige Grund: Die Teilung Polens am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, zwischen Preußen, dem Habsburgerreich und Russland ist ein weiterer Grund für die schwierigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Und so gibt es noch viel mehr…..

Nach der politischen Revolution von 1989 tauten die Beziehungen zwischen Polen und Russland auf. Anfang der 90er Jahre war es endlich soweit: Der russische Präsident Boris Jelzin gab zu, dass nicht die Deutschen, sondern die Russen für die Morde in Katyn verantwortlich waren. Eine Phase der Entspannung, der Versöhnung begann. Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2010, waren die Beziehungen zwischen Polen und Russland besser denn je: auch Präsident Putin räumte die Schuld der Russen für die Morde in Katyn ein.

Es war ein nebliger Morgen, der 10. April 2010, als das polnische Präsidentenflugzeug auf die Landebahn des Militärflughafens bei Smoleńsk absank. Der Flughafen wurde normalerweise nicht genutzt, aber es war die nächste Start- und Landebahn, um nach Katyn zu gelangen. Der Fluglotse riet von der Landung ab. Die Sicht war schlecht, die Beleuchtungsanlage funktionierte nicht richtig. An Bord des polnischen Regierungsflugzeugs galt jedoch: eine Rückkehr kommt nicht in Frage, wir müssen unbedingt zur Trauerfeier nach Katyn. Das Flugzeug versuchte zu landen, traf mit einem Flügel eine der Birken entlang der Landebahn, woraufhin der Pilot die Kontrolle über das Flugzeug verlor. Die Maschine stürzte ab und brach in Stücke. Alle Insassen starben, es gab 96 Tote. Der polnische Präsident war gestorben. Auf russischem Boden. Bei einem Versuch, anderer Polen zu gedenken, die auf russischem Boden ermordet wurden. Polen hatte eine neue Tragödie, neue Helden, einen neuen Mythos.

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Der Absturz des Präsidentenflugzeugs war ein Schlag, der Polen noch Jahrzehnte lang beschäftigen wird. Sie beeinflusst nach wie vor die polnische Politik. Es gab eine Zeit vor und eine Zeit nach der Flugzeugkatastrophe. Polen ist die Smoleńsk-Nation geworden.

Lech Kaczyński, Polens gestorbener Präsident, hat einen Zwillingsbruder, Jarosław. Zum Zeitpunkt des Absturzes war er Vorsitzender der wichtigsten politischen Partei Polens, der PiS, was er heute noch immer ist. Jarosław Kaczyński, zerrissen durch den Schmerz über seinen verstorbenen Zwillingsbruder Lech, forderte monatliche Trauerfeiern nach der Flugzeugkatastrophe. Diese Trauerfeiern sollten mindestens 96 Monate hintereinander stattfinden, ein monatliches Gedenken für die 96 Opfer der Katastrophe. Die Trauerfeiern werden mittlerweile als Smoleńska's bezeichnet. Nach Ansicht polnischer Wissenschaftler haben die Treffen mittlerweile starke Ähnlichkeiten mit religiösen Ritualen.

Nach dem Tod seines Zwillingsbruders sorgte Jarosław Kaczyński dafür, dass sein Bruder, der zusammen mit seiner Frau starb, im Schloss Wawel in Krakau beigesetzt wurde, wo normalerweise nur polnische Könige ihre letzte Ruhestätte erhalten. Viele Polen waren über dieser Entscheidung empört. Außerdem forderte Kaczyński weitere Unterschungen. Denn was war eigentlich genau während des Fluges passiert? Stürzte das Flugzeug wegen schlechter Sicht, Fehlern der Piloten oder Fehlern des Fluglotsen ab, wie mehrere offizielle polnische und russische Untersuchungen zeigten? Oder steckte doch mehr dahinter? Eine Verschwörung? Wer war wirklich verantwortlich?

Kurz nach der Katastrophe waren die Beziehungen zwischen Polen und Russland noch gut. Jarosław Kaczyński dankte den Russen für ihre Unterstützung, ihr Beileid, ihre Kerzen, ihre Tränen. Aber mit der Zeit entstand Unzufriedenheit. Russland erlaubte einem polnischen Ermittlungsteam, den Ort der Katastrophe zu besuchen. Auch die Blackbox stand den Polen zur Verfügung. Aber das Flugzeugwrack selbst blieb in russischer Hand. Und war alles gut gelaufen, als die Leichen begraben wurden? Gerüchten zufolge wurden Körperteile verwechselt. Und kann ein Flugzeug tatsächlich abstürzen, wenn es ´nur´ eine Birke berührt? Gab es vielleicht einen Bombenanschlag? Schließlich nahmen die Zweifel an den genauen Ursachen der Flugzeugkatastrophe so stark zu, dass die polnische Justiz 2016 die Exhumierung der Überreste der Opfer der Katastrophe anordnete. Mehrere der überlebenden Verwandten waren dagegen, aber die polnische Justiz entschied, dass die Wahrheitsfindung wichtiger war als der Frieden der Toten.

Der PiS-Führer Jarosław Kaczyński, der seit dem Tod seines Zwillingsbruders schon acht Jahre lang jeden Tag schwarz gekleidet ist, hatte inzwischen den Auftrag gegeben, mit öffentlichen Geldern einen Film über "Smoleńsk" zu drehen, der auf einen Bombenangriff auf das Regierungsflugzeug anspielt. Viele Kritiker sehen den Film als reinen Propagandafilm, denn die verschiedenen Forschungsberichte, die nach der Katastrophe erschienen sind, liefern keinen Anlass für die Behauptung, dass das Flugzeug durch eine Explosion abgestürzt ist. Aber Kaczyński und seine Leute geben nicht auf. Die Katastrophe von Smoleńsk ist für die PiS inzwischen so entscheidend, dass sie ohne sie vielleicht nicht einmal mehr regieren könnte. Um die Tragödie zu einem Mythos zu machen, muss man sich jeden Monat in einer Art Prozession an die Katastrophe erinnern. Die Opfer der Flugzeugkatastrophe sind heute keine gewöhnlichen Opfer mehr, sondern "Helden" und "Gefallene". Nachdem die Opfer der Katastrophe von Kaczyński bei mehreren Treffen in einem Atemzug mit den Opfern des Zweiten Weltkrieges genannt wurden, ging dies einigen Kriegsveteranenverbänden etwas zu weit. Die Opfer der Flugkatastrophe waren doch nicht im Kampf gestorben, oder?

Um den Mythos Smoleńsk am Leben zu erhalten, müssen Zweifel an der Ursache der Katastrophe ständig verbreitet werden. Das zeigt Wirkung: Untersuchungen zeigen, dass sich inzwischen jeder fünfte Pole vorstellen kann, dass das Regierungsflugzeug Opfer eines Bombenangriffs geworden ist. Zwanzig Prozent der Bevölkerung mögen zunächst nicht so viel erscheinen, aber sie entsprechen mehr oder weniger genau dem harten Kern der PiS-Wähler, die derzeit Polen kontrollieren. Diese Menschen glauben an eine Verschwörungstheorie, nach der Wladimir Putin, sein russischer Geheimdienst und Donald Tusk als Präsident des Europäischen Rates etwas mit den Bombenanschlägen zu tun haben. Für Kaczyński ist es entscheidend, Donald Tusk, den polnischen Premierminister von 2007 bis 2014 und politisch sein größter Feind, ständig in ein schlechtes Licht zu rücken. Tusk ist ein Freund Europas, Deutschlands und Russlands, also ist er nach der Logik von Kaczyński kein echter Pole. Kaczyński tut alles, um den Druck auf Tusk aufrechtzuerhalten, der 2020, wenn seine zweite Amtszeit in Brüssel endet, auf die politische Bühne in Polen zurückkehren könnte.

Für weitere Zweifel nutzte Jarosław Kaczyński lange Zeit seinen Parteisoldaten Antoni Macierewicz, der bis Anfang 2018 Leiter des polnischen Geheimdienstes und Verteidigungsminister war. Zur Zeit des Kommunismus war Macierewicz bei der Gewerkschaft Solidarnosc aktiv und befand sich wegen seiner oppositionellen Aktivitäten mehrere Jahre im Gefängnis. Nach dem Verschwinden des Kommunismus machte er eine Karriere innerhalb der PiS und baute sich einen Ruf als Kritiker von allem, was Russisch ist, auf. Pikant: Ein polnischer Journalist veröffentlichte 2017 ein Buch, in dem er zeigt, dass ausgerechnet Macierewicz über starke politische Kontakte nach Russland verfügt. Macierewicz, der Falke in der PiS-Regierung von Kaczyński, in Wirklichkeit ein Maulwurf der Russen in Polen? Macierewicz hat mittlerweile ein Verfahren gegen den Journalisten eingeleitet. Nach Angaben des ehemaligen Ministers, der eine Untersuchungskommission zu den Ursachen der Flugzeugkatastrophe leitete, stürzte das Flugzeug nicht wegen menschlicher Fehler ab, sondern der russische Geheimdienst spiele eine Rolle bei der Katastrophe. Obwohl er dafür keine Beweise hat und nicht mehr direkt über "Mord" spricht, hegt er weiterhin Zweifel und fordert weitere Untersuchungen.

Verdächtigungen. Sie funktionieren oft. Auch wenn es nichts zu beweisen gibt, bleibt in der Regel etwas hängen. Schließlich wurden aber die Ansichten des umstrittenen Geheimdienstchefs sogar dem Parteivorsitzenden Kaczyński etwas zu krass, und er entließ ihn Anfang 2018.

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Abends bin ich wieder im Stadtzentrum von Warschau. Diejenigen, die nicht raus müssen, bleiben bei dieser eisigen Kälte lieber drinnen. Es ist schon seit Stunden dunkel, als um sieben Uhr plötzlich mächtiger Lärm in den Seitenstraßen des Präsidentenpalastes aufkommt. Die Krachmacher sind die Obywatele RP, die sogenannten Bürger Polens, die sich rühren. Obywatele RP ist eine relativ neue Protestbewegung, die mit der nationalistischen, konservativen Politik der polnischen Regierung nicht einverstanden ist. In den schicken Straßen des historischen Stadtzentrums, westlich der Krakowskie Przedmieście, erscheint jetzt eine Horde von Polizisten. Dazwischen ragen mehrere Regenbogenfahnen und die rot-weiße Flagge von Obywatele RP heraus. Einige Männer schreien in Megaphonen: Uwaga policja! Obywatele! Mamy prawo! Protestować! (Achtung Polizei! Bürger! Wir haben das Recht zu protestieren!) Es hat etwas Absurdes, aber darum geht es tatsächlich: das Demonstrationsrecht. In Polen wird dieses Recht seit der Machtübernahme der PiS im Jahr 2015 zunehmend eingeschränkt. Solange es jedoch noch existiert, nutzen die Polen es leidenschaftlich. Die Demonstranten rennen vorwärts, nach links, nach rechts, blitzen zwischen geparkten Autos auf und versuchen, dem Polizeikordon zu entkommen. Die Polizisten gehen im Trab neben den hin und her rennenden Demonstranten. Es handelt sich hauptsächlich um Vierzig- und Fünfzigjährige, ältere alternative Typen, einschließlich Intellektueller. Gerade diese Generation wehrt sich gegen die Politik der jetzigen polnischen Regierung. Es ist die Generation, die mit Solidarność, de r Gewerkschaft aus den 1980er Jahren, aufgewachsen ist, die sich damals den Kommunisten widersetzte; es sind Menschen, die in politischen Aktionen gehärtet sind. Auf der Außenseite des Polizeikordons befinden sich Menschen mit weißen Blumen, als Zeichen des Friedens. Ständig werden die Demonstranten, vielleicht hundert Menschen, von der wesentlich größeren Zahl der Polizisten auseinander getrieben und nach vorne gedrängt. Die Demonstration der Obywatele RP hat etwas Absurdes, diese etwa hundert tapferen Dodos, die von fast niemandem beachtet werden, aber die hier sicherlich die Fahne der Demokratie aufrecht halten, hier in den schicken, aber dunklen Seitenstraßen. Schließlich erreichen die Demonstranten die Säule mit der Statue von König Sigismund III Wasa, am Anfang der Warschauer Altstadt. Die Demonstranten haben Humor, denn hier fangen sie an zynisch Dziękujemy! Za policja! (Wir danken der Polizei) zu singen, weil die sie gehen lassen hat.

Von der Sigismund-Statue sind es nur etwa 200 Meter zum Martinsdom, wenige hundert Meter entfernt, wo sich derzeit Jarosław Kaczyński befindet. In der gotischen Kirche, in der Nähe des alten Königspalastes, trauert Kaczyński mit Parteifreunden um seinen verstorbenen Zwillingsbruder. Noch ein paar Mal, dann waren es 96 Monate Trauer.

Die riesige gotische, aus roten Backsteinen gemauerte Kathedrale ist heute Abend für Normalsterbliche unzugänglich. Auf einer Länge von mehreren Kilometern ist ein breiter Straßenstreifen im Stadtzentrum mit Metallzäunen abgesperrt, der von hunderten Polizisten bewacht wird, und das schon seit Tagen. Dieses Verfahren, das schon seit 93 Monaten jeden Monat wiederholt wird, ist für viele Einwohner der Hauptstadt eine Zumutung. Aber na ja, der Trauerzug der PiS-Anhänger muss doch geschützt werden. Ich kämpfe mich durch die Hektik, gehe an den Zäunen entlang und komme zum Eingang der Kathedrale, wo eine Art Zelt aufgestellt ist. Jeder, der reingehen will, wird streng kontrolliert. Ältere Frauen verteilen Flugblätter, Männer schwingen polnische Fahnen, christlicher Gesang kommt aus den Lautsprechern, in excelsis deo, hosana. Der Pastor leitet das Gebet für die Opfer von ´Smoleńsk´, für Lech Kaczyński und seine Frau, die nach Angaben der Kirche ´ermordet´ wurden. Die salbende Stimme des Geistlichen tönt aus den Lautsprechern in das Stadtzentrum Warschaus. Trotz der eisigen Kälte zieht sich der Gedenkgottesdienst in der Kirche über Stunden hin.

Ein alter Mann mit Bärenmütze und schwerer Hornbrille, der neben einer Reihe brennender Kerzen für die Opfer von Smoleńsk steht, spricht mich an. "Ah, Sie sind aus den Niederlanden! Dieser niederländischer Vizepräsident der Europäischen Kommission, dieser Timmermans, der ist nicht gut! Er versucht, uns Polen Dinge aufzuzwingen, die wir nicht wollen! Wissen Sie, ich bin ein Veteran des Warschauer Aufstands, ich habe 1944 gegen die Deutschen gekämpft, als unsere ganze Stadt zertrümmert wurde. Es ist gut, dass die Deutschen weg sind, es ist gut, dass wir jetzt über unser eigenes Schicksal entscheiden können. Zu viel Blutmischung ist nicht gut! Wir brauchen keine Flüchtlinge in Polen! Es ist wie bei Kaffee und Tee: Wenn man es mischt, weiß man nicht, was dabei herauskommt!“

Frans Timmermans, der Vizepräsident der Europäischen Kommission, ist in Polen heutzutage ein viel diskutierter Mann. Schließlich hat er die so genannte "nukleare Option" gegen Polen aktiviert, das Verfahren nach Artikel 7, wonach Polen letztendlich sein Wahlrecht verlieren könnte, wenn es seine umstrittene Reform der Justiz nicht rückgängig macht. Nach Ansicht der Europäischen Kommission ist die Unabhängigkeit der polnischen Rechtsordnung gefährdet. Timmermans hat mit seiner Kritik bei vielen Polen nicht gerade Begeisterung ausgelöst. Viele Polen meinen, dieser Typ sollte sich nicht in polnischen Angelegenheiten einmischen.

Heute Abend jedoch geht es in der Warschauer Innenstadt um die Opfer der Smolensker Flugzeugkatastrophe. Vor dem Dom, wo Kaczyński der Messe folgt, stehen PiS-Anhänger in der eisigen Kälte und warten. Die Obywatele neben der Sigismund-Säule stehen ebenfalls noch immer in der Kälte herum. Inzwischen ist eine Gruppe von PiS-Unterstützern mit einem riesigen Banner zwischen den von der Polizei geschützten Zaunfeldern aufgestellt worden. Smoleńsk pamiętamy (wir erinnern uns an Smoleńsk) steht darauf. Auch sie müssen zweifellos frieren, aber das lassen sie sich nicht anmerken. Da stehen sie dann, die Anhänger der PiS, mutige Parteisoldaten, die vor dem Königspalast stehen, der 1941 von den Deutschen bombardiert wurde und auf Befehl der Nazis nicht geräumt werden durfte, damit die Warschauer sich jahrelang die Ruinen ihres Nationalstolzes anschauen mussten.

Es gibt an diesem Abend buchstäblich Hunderte von Polizisten, um dreireihig den Trauermarsch zu schützen. Im Vordergrund steht eine Art Papst-Mobil im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras bereit. Dann endlich beginnt sich die Prozession zu bewegen, denn Lech Kaczyński ist schließlich, nach Stunden, auch aus der Kirche zur Prozession rübergekommen. Die Gruppe wird durch eine Art mobile Schutzwand geschützt, wahrscheinlich um die trauernden PiS-Anhänger gegen herumfliegende Eier zu schützen. Die Obywatele bleiben diesmal ruhig. Das Papst-Mobil mit Kaczyński darauf fährt vorn, eine Frau singt Marienlieder, ein Priester betet. Hinter dem Auto mit Kaczyński schiebt sich die schwarz gekleidete, murmelnde Masse der PiS-Anhänger langsam zum Präsidentenpalast. Das Ganze wirkt so skurril, es wirkt auf meine Lachmuskeln, aber was ich hier betrachte, ist ein toternstes Ritual, dass sich Anno 2018 in der Hauptstadt eines der größten Mitgliedstaaten der EU abspielt, eine Art religiös-politische Messe, in der der Tod eines Politikers schamlos politisch missbraucht wird.

Eigentlich hatte ich vor, mir die Rede von Jarosław Kaczyński anzuhören, aber es ist bitterkalt, das Papst-Mobil mit Kaczyński verschwindet in der Ferne, die Straße ist blockiert und niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis der kleine große Mann tatsächlich zum Mikrofon greift. Allerdings hat er sein Ziel längst erreicht. Ein paar Monate zuvor sprach Kaczyński auf derselben Trauerveranstaltung und sagte: "Eines Tages wird es ein freies Polen geben und die Wahrheit über Smoleńsk wird ans Licht kommen. Die Schurken werden besiegt werden.“

Die Schurken? In Polen geht es bei der Katastrophe von Smoleńsk nicht mehr um die Wahrheit. Es geht nur noch darum, was man meint, was passiert sei.

Die gute Veränderung

Endlich haben die Polen, die momentan politisch tief gespalten sind, einmal wieder etwas zu lachen. Ucho prezesa, also das Ohr des Vorsitzenden, ist der Titel eines Satireprogramms, das seit einiger Zeit auf YouTube für Aufsehen sorgt. Die polnische Serie verschaukelt Jarosław Kaczyński, den Vorsitzenden der größten Partei Polens, der PiS. In der YouTube-Serie kämpfen alle darum, dem Ohr des großen Präsidenten so nah wie möglich zu kommen, weil er in Polen das Sagen hat.

Die Serie spielt sich hauptsächlich im Büro von Kaczyński im PiS-Parteizentrum in der Nowogrodzka-Straße in Warschau ab. Andere Bilder stammen aus dem Vorzimmer, in dem Pani Basia herrscht, die robuste Dame, die über den Zugang zum großen Vorsitzenden wacht. Das fantasielose Arbeitszimmer von Kaczyński besteht aus einem Büro mit einigen altmodischen Lampen und einem Wandmöbel mit einer Büste des von Kaczyński verehrten polnischen Autokraten und Feldmarschalls Józef Piłsudski, der das Land in den zwanziger Jahren führte. Darüber hinaus ist ein Globus zu sehen, auf dem Polen sehr deutlich zu erkennen ist. Besser kann man die provinzielle Denkweise von Kaczyński nicht charakterisieren.

Zu Beginn der ersten Episode kehrt der große Vorsitzende aus dem Urlaub zurück und ist mit der neuen Einrichtung seines Zimmers nicht zufrieden. "Dieser runder Tisch hier in der Mitte muss weg, wir stellen ihn dort an die Wand", sagt er zu seinen Mitarbeitern. "Aber dann kann niemand mehr auf der anderen Seite des Tisches sitzen", bemerkt der Mitarbeiter. "Warum sollte jemand da sitzen? Die Wahrheit ist ja sowieso auf unserer Seite!", sagt Kaczyński. Ende der Diskussion.

Jarosław Kaczyński ist einer der umstrittensten und wohl auch der wichtigste polnische Politiker des letzten Vierteljahrhunderts. Im Oktober 2015 gewann seine Partei die Parlamentswahlen, nachdem die PiS bereits früher im selben Jahr – anders als in den Umfragen vorhergesagt - die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte und der PiS-Mann Andrzej Duda als neuer, junger Präsident präsentiert wurde.

Die PiS hat bei den Parlamentswahlen sogar eine absolute Mehrheit erreicht, weil das polnische Wahlsystem eine Wahlschwelle (? Der Fachbegriff ist eigentlich Sperrklausel) kennt, woran sowohl die junge linke Razem-Partei (3,65 Prozent der Stimmen, während die Wahlschwelle 5 Prozent betrug) als auch die Koalitionsliste der Vereinigten Linken, zu der die Grünen und verschiedene linke Parteien gehören (7,65 Prozent bei einer Wahlschwelle von 8 Prozent für Wahllisten), scheiterten. Die Stimmen dieser Parteien wurden auf die anderen Parteien verteilt, wovon insbesondere die PiS profitierte. Für die PiS selbst stimmten 37,6 Prozent der Wähler bei einer Wahlbeteiligung von 53 Prozent, was dazu führte, dass die PiS eine absolute Mehrheit im Parlament erreichen konnte, obwohl nur 19 Prozent aller stimmberechtigten Polen die PiS wählten. Einige rechtsradikale Abgeordnete aus kleinen Splitterparteien traten übrigens der PiS bei.

Vor allem ältere und junge Polen entschieden sich 2015 für die PiS. Vielen älteren Menschen gehen die sozialen Veränderungen in Polen zu schnell und wählten deshalb die Nationalkonservativen. Die Generation der 40- und 50-Jährigen erinnert sich oft noch an den Kommunismus und entschied sich deswegen eher für Parteien, die sich für Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus einsetzen, aber die jüngere Generation hat die Diktatur nicht mehr erlebt und ist vor allem darüber verärgert, dass Polen immer noch ärmer ist als die westeuropäischen Länder. Dies ist einer der Gründe, warum viele junge Polen nach acht Jahren neoliberaler Regierungszeit (2007 - 2015) unter der Führung der PO, der Platforma Obywatelska des damaligen Ministerpräsidenten Donald Tusk, die PiS gewählt haben.

Seit ihrem Wahlsieg im Jahr 2015 arbeitet die PiS, die Partei von Kaczyński, unbeirrt an der Umsetzung ihrer Pläne. Die Regierung setzt auf eine konservative Revolution statt auf liberale Reformen. Es geht eher um Loyalität gegenüber bestimmten Personen anstatt um demokratische Prinzipien und um Zentralismus anstatt um Pluralismus. Der Mann, der die nationalkonservative Dampfwalze in Gang setzte, ist Jarosław Kaczyński, ein kleiner Junggeselle aus Warschau, der trotz seines hohen Alters bis zum Tod seiner Mutter 2013 noch bei ihr wohnte. Kaczyński interessiert sich nicht für Materielles, liebt seine Katzen aber über alles. Legendär ist das Bild von ihm vor einigen Jahren im Sejm, dem polnischen Parlament, wo er während einer Rede eines Oppositionspolitikers völlig desinteressiert auf seinem Parlamentssitz sitzt und ein Büchlein über Katzen durchblättert.

Den Geschichten zufolge sitzt Jarosław Kaczyński, wie in Ucho prezesa dargestellt, lieber in seinem geschmacklos eingerichteten Arbeitszimmer unweit des Zentrums von Warschau, wo er gegen zehn Uhr morgens, von seinem Fahrer gebracht, ankommt. Gegen Mittag wird ihm ein Mittagsessen serviert, das er allein verspeist. Seine Sekretärin wacht darüber, welche Größen der PiS-Partei ihn zur Beratung besuchen dürfen und welche nicht. Danach überlegt, wägt ab und entscheidet Kaczyński. Er entscheidet, wer Minister wird, er entscheidet auch, wann ein Ministerpräsident gehen muss, wie es im Falle der Ministerpräsidentin Beata Szydło Ende 2017 der Fall war, als Kaczyński sie durch den jüngeren Mateusz Morawiecki ersetzte. Dieser neue, etwas glatte ehemalige Bankier wäre laut Kaczyński besser in der Lage, die Positionen der polnischen Regierung in Brüssel zu verkaufen.

Kaczyński ist für seine Wutattacken während verschiedener politischer Debatten in den letzten Jahren bekannt, wie zum Beispiel 2017, als er im Sejm Oppositionspolitiker als ´Bastarde´ bezeichnete und sie beschuldigte, seinen Bruder ´getötet´ zu haben. Eine weitere berüchtigte Aussage machte er 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im benachbarten Deutschland. Kaczyński warnte sein Volk damals: Die Flüchtlinge würden Parasiten und Krankheiten mitbringen und mit der Ankunft der Muslime würde die Gefahr von Terroranschlägen in Polen zunehmen. Nicht zuletzt wegen dieser rassistischen Panikmache gewann die PiS wenige Monate später die Wahlen.

Wer ist der Mann hinter solchen kruden Aussagen? Jarosław Kaczyński, der Parteivorsitzende der PiS, ist offiziell ´nur´ eines der 460 Mitglieder des polnischen Parlaments. Er ist kein Regierungsmitglied, aber in der Praxis der politisch stärkste Mann des Landes. Jarosław Kaczyński wurde 1949 mit seinem Zwillingsbruder Lech in einer bürgerlichen Familie im Norden Warschaus geboren. Die konservativen und katholischen Zwillinge machten bereits zu kommunistischen Zeiten Karriere, als sie 1962 als Kinder im Fernsehen im Spielfilm "Die beiden, die den Mond gestohlen haben" auftraten. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete Kaczyński in den siebziger Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Warschau. Damals wurde er auch Mitglied des oppositionellen Komitees für die Verteidigung der Arbeitnehmer, des KOR.

In den achtziger Jahren, als Polen seine dunkelste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte und die Gewerkschaft Solidarność sich den Kommunisten widersetzte, kämpften die Kaczyńskis neben dem berühmten Gewerkschaftsführer Lech Wałęsa für ein freies Polen. Allerdings konnte Solidarność damals nur deshalb eine so starke Front machen, weil die Organisation einen gemeinsamen kommunistischen Feind hatte. Innerhalb der Gewerkschaft gab es aber die unterschiedlichsten Strömungen von progressiven, aber auch konservativen Gewerkschaftlern. Dies wurde kurz nach den politischen Umbrüchen von 1989 deutlich. Obwohl die Kaczyńskis Anfang der neunziger Jahre eine neue politische Partei gründeten, um Lech Wałęsa als Präsidenten zu unterstützen, zerstritten sich die Kaczyńskis während der Folgejahre mit Wałęsa und sind seitdem politische Feinde. Die Kaczyńskis wurden dann in der 2001 gegründeten nationalkonservativen PiS aktiv, die bald unter dem Vorsitz von Jarosław stand. Während sein Bruder Lech Kaczyński Karriere als Bürgermeister von Warschau (zwischen 2002 und 2005) machte, legte Jarosław als Stratege die Linien für die PiS fest. Im Jahr 2005 wurde Lech Kaczyński sogar zum Präsidenten Polens gewählt, eine Position, die er bis zu seinem Tod im Jahr 2010 innehatte.

Von 2005 bis 2007 war die PiS Teil einer Regierungskoalition. In den Jahren 2006 und 2007 war Jarosław Kaczyński sogar Premierminister, was zu der von vielen als unmöglich eingeschätzten Situation führte, in der identische Zwillinge die beiden wichtigsten politischen Positionen in einem Land innehatten: Lech Kaczyński als Präsident und Jarosław Kaczyński als Premierminister. Die von der PiS geführte Koalition erwies sich jedoch als sehr instabil und zerbrach 2007.

Nach der Niederlage bei den darauffolgenden Wahlen erlebte Jarosław Kaczyński eine politisch bittere Zeit in der Opposition. Nach der Flugkatastrophe 2010 in Smoleńsk, bei der sein Zwillingsbruder starb, machte Jarosław Kaczyński allein weiter. Schließlich rächte er sich an seinem Erzfeind Donald Tusk, indem er bei den Wahlen im Oktober 2015 die zentralliberale Partei PO von Premierminister Tusk schlug. Tusk, der inzwischen Präsident des Europäischen Rates in Brüssel geworden war, erhielt 2017 bei seiner Wiederwahl in Brüssel nur eine Gegenstimme: Die kam aus Polen, seinem eigenen Land, im Auftrag von Kaczyński. Es war einer der vielen Schritte, mit denen es sich die PiS in den letzten Jahren in Brüssel allmählich immer schwerer gemacht hat.

Trotz seines Rufs und seines enormen Einflusses auf das heutige Polen ist die Frage, wer Kaczyński wirklich ist, nicht so einfach zu beantworten. Er gibt nicht gern Interviews und arbeitet lieber im Hintergrund; er ist nicht an Ruhm und Medienaufmerksamkeit interessiert. Kaczyński ist intelligent, kennt seine Stärken, aber auch seine Schwächen. Er weiß, dass eine übermäßig zentrale Rolle auf dem politischen Spielfeld, zum Beispiel eine Rückkehr in das Amt des Premierministers wie in den Jahren 2006/2007, letztendlich seinen politischen Tod bedeuten könnte.

Eine Person, die Kaczyński gut kennt, ist Radosław Fogiel, ein junger, europäisch orientierter Pole und einer der engsten Mitarbeiter Kaczyńskis. "Ich weiß, dass viele in Europa denken, dass Kaczyński ein Nerd ist, nie reist, keine Fremdsprachen spricht, ein eigenartiger Typ ist", sagt Fogiel in einem angesagten Café nahe dem Präsidentenpalast. "Es stimmt jedoch nicht. Kaczyński spricht ordentlich Englisch. Er war mehrmals im Ausland, zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien, wo er mit einem Mietwagen durch die Berge gerast ist, kurz nachdem er seinen Führerschein gemacht hatte, haha. Und ansonsten hat er auf jeden Fall Humor, ich kann gut mit ihm lachen.“ Fogiel ist Präsident der Vereinigung der Jungen Europäischen Konservativen und Mitglied des Sejms, des polnischen Parlaments. Mit seinen 35 Jahren, seiner entspannten Haltung, seiner schicken Jacke und Jeans, seiner Brille und seinem Hipsterbart irritiert er mich auf eine eigentümliche Weise: Ich finde ihn sympathisch. Fogiel passt nicht in das Bild des durchschnittlichen PiS-Wählers, der oft als frustrierter, konservativer, einfacher Landbewohner dargestellt wird. Laut Fogiel ist dieses Bild jedoch nicht korrekt. "Ja, solche Menschen wählen uns natürlich, aber wir werden auch von sehr vielen jungen Menschen unterstützt.“

Fogiels Behauptung stimmt. Studien belegen, dass während der Wahlen 2015 viele junge, gebildete Wähler aus der PO, der Platforma Obywatelska oder Bürgerplattform, von Donald Tusk auf die PiS umgestiegen sind. Wieso passierte das? Fogiel lehnt sich entspannt zurück, nimmt einen Schluck von seinem Latte Macchiato und sagt: "Weißt du, ich habe meinen Freunden in anderen politischen Parteien, zum Beispiel bei den Sozialdemokraten, schon mehrmals gesagt, dass sie anscheinend vergessen haben, wer ihre Wähler sind. Sie kämpfen für Tierrechte, für Homosexuelle, für einen palästinensischen Staat, gegen den Klimawandel…. Alles schön und gut, aber was wirklich zählt, ist, dass viele Polen in den vergangenen zehn Jahren über ihre Arbeit, über ihre finanzielle Situation sehr frustriert waren. Und genau darum geht es. Auch andere Parteien sollten sich mehr auf diese Thematik fokussieren.“

Tatsächlich hat die PiS 2015 nicht nur einen starken nationalkonservativen, teilweise populistischen Wahlkampf geführt, sondern auch viele Versprechungen im sozialen Bereich gemacht, die sie auch nach den Wahlen gehalten hat. Seit ihrem Wahlsieg verfolgt die PiS eine Sozialpolitik, die die ärmeren Bevölkerungsschichten sehr deutlich in ihren Taschen spüren.

Auf dem ersten Blick scheint es überraschend, dass eine politische Kampagne für die wirtschaftlich Schwächeren in der polnischen ...

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