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Outbreak - Die Zeitrebellen

Der Autor

Harald Braem, *1944, Berlin, Designprofessor, Buch- und Filmautor (u. a. Terra X).

Forschungsreisen durch Europa, Asien, Afrika. Lebt auf der Kanareninsel La Palma und in Heidesheim am Rhein.

Weitere Informationen: www.haraldbraem.de

Instagram: harald.braem.autor

1

Sommer in der City, ein verdammt langer, endloser Sommer. Einer, der nach Staub schmeckte und Langeweile, der den Geruch von Unrat und Moder mit sich trug und die schimmelnden Pilze in der Kanalisation zu erstaunlichem Wachstum trieb. Staub, Schimmel und Langeweile, so lag die Stadt im sommerlichen Halbdämmer, eine unfassbare, unübersehbare, ausufernde Geschwulst aus Beton und verbogenen Träumen.

Die kalten, blanken Stahlfassaden der Häuser strebten zum wolkenlosen Himmel empor, warfen fast keinen Schatten, wenn die Sonne senkrecht stand.

Und die Straßen: stinkende Rollbahnen durch immer gleiche, monotone Viertel. Immer dasselbe Bild: oben ragten verloren die blauen Türme, die aus Zeiten stammten, als das Denken noch aufwärtsging. Unten aber wucherte die Wirklichkeit, schachtelten sich Buden und billige Shops um die Sockel der Stahlgiganten, pressten sich schief und verzerrt beiderseits der Straßen aneinander, hatten die einstmals stolze City in ein einziges, endloses Slumgebiet verwandelt. Und darunter wucherten in den Schächten, Kellern und Katakomben des alten Bunkersystems Schimmelpilze.

Gewiss, es gab Leute, die arbeiteten ihr halbes Leben oben in den blauen Türmen, und wenn sie Glück hatten, wohnten sie auch dort. Sie bestritten die Existenz der Pilze, wie sie vieles aus ihrem Weltbild verdrängten, was nicht der Norm des Teletingels entsprach. Sie saßen in klimatisierten Räumen, die sie selten verließen, und hatten wohl tatsächlich vergessen, wie es unten roch in der Stadt, in ihrer Stadt.

Aber war das wirklich noch ihre Stadt? Was wussten die Cleanen von der Wirklichkeit? Unten, wo man alle Sinne brauchte zum Überleben, herrschten andere Gesetze, die Gesetze der Straße. Dort, in den Fugen und Ritzen der Slums, im Halbdunkel bröckliger Arkaden, in versteckten Hinterhöfen, zwischen Wohnbaracken, Bordellen und Kaufhöhlen, vegetierten die Frogs. Obwohl sie nur eine Gang unter vielen waren, fand man sie neuerdings überall: bleiche, tätowierte Gesichter mit brennenden Augen, zerlumpte Schattengestalten. Wie Geckos saßen sie zwischen den Mauern, nisteten in Nischen im Beton, tagelang träge, abwesend oder lauernd, um dann blitzschnell zu verschwinden und anderenorts vermehrt wieder zu erscheinen, immer in Rudeln. Sie ließen sich widerstandslos vom Strom der Passanten treiben, Strandgut der Straße, um sich dann plötzlich und überraschend an einer Ecke, auf stickigen, mit Unrat bedeckten Plätzen, die andere mieden, zusammenzurotten und abzuwarten.

Wie die Stadt waren die Frogs, eine Amöbe, die pulsiert, auseinanderfranst und sich an anderer Stelle wieder zu neuer Form bildet. Sie waren echte Kinder der Stadt, die Kakerlaken ihres stinkenden, schimmelpilzüberwucherten Fundaments.

Früher hätte man sie auf Müllplätzen gefunden, zwischen Abfall und Verdorbenem, im Labyrinth des Verfalls. Doch die Müllberge bestanden schon lange nicht mehr. Abfall gab es jetzt überall. Die Stadt war ein einziger Müllberg geworden. Und die Frogs lebten davon, sie atmeten den Moschus der Schimmelpilze, lagen manchmal auf Wellblechdächern herum und ließen sich regungslos vom Staub des Sommers bedecken.

Niemand beachtete sie, außer einigen anderen Gangs, allen voran die Sados, aber auch sie nur, wenn es ihnen gelang, die Amöbe zu trennen, einzelne, unvorsichtig abgedriftete Frogs aufzugreifen und ihre grausamen Spiele mit ihnen zu treiben. Wenn auch einige Frogs auf diese Weise immer wieder verschwanden, hatte ihre Zahl doch beständig zugenommen. Diesen Sommer verschwanden noch mehr als im vorigen Sommer, aber die Gang schien beständig zu wachsen. Vielleicht war daran der Sommer schuld, dieser verdammte, modrige, öde Sommer.

Er währte ebenso lange wie der Winter, der die Stadt immer wie ein Weltuntergang traf. Dann zog sich das Leben in den Slums tiefer in die Ritzen und Höhlen zurück. Dann begann das große, lautlose Sterben. Schnee und eisige Stürme fegten die City frei, drängten die Menschen in die blauen Türme hinein, wo die Cleanen ihr vollklimatisiertes Terrain verteidigten, das sie brauchten, um in Ruhe arbeiten zu können. Dann heulte der Winter um die Türme, griff die klirrende Kälte nach den leeren Straßen, krallte sich in die Stahlfassaden und spülte im Frühjahr mit der Schneeschmelze das Abgestorbene aus der Stadt.

Wer aber überlebt, dem Winter einen sicheren Platz in den Slums abgetrotzt hatte, der schien dann im nächsten Sommer besser gefeit zu sein gegen die Härte der Stadt. Die Frogs hatten bereits zwei Winter überlebt. Sie waren noch blasser als sonst, ihre Haut wirkte krank, Albinos waren sie, die instinktiv das grelle Sonnenlicht mieden, um zu überleben. Aber sie glichen ihr leichenhaftes Aussehen mit feinen Tätowierungen aus. Manche waren im Gesicht bereits so dicht tätowiert, von einem geäderten Netz feinster Zeichnungen bedeckt, dass sie grau wie der Beton aussahen, an den sie sich oft Schutz suchend pressten. Was ursprünglich Ausdruck ihrer Andersartigkeit, ihres Protestes gewesen war, hatte sich zur perfekten Tarnung gewandelt. Fast schien es, als wären sie dabei, sich unsichtbar zu machen. Auch das mochte dazu beigetragen haben, dass die Frogs in diesem Sommer so zahlreich waren.

Aber es war kein Sommer wie sonst.

Es war ein verdammt warmer Sommer. Die Zeit rann langsam, wie die Flüssigkeit in den Infusionsflaschen auf der Intensivstation der Klinik. Cris hatte es beobachtet, damals, als sie den Großvater dorthin gebracht hatten und sein schier endlos dauernder Todeskampf begann. Er lag grau und klein da, mit Dutzenden von Schläuchen an Infusionsgeräte angeschlossen und kämpfte, ohne sich zu rühren, mit dem Tod. Kalter Schweiß war auf seinem Gesicht. Sah man genau hin, dann zuckte es darin, als entlüden sich unter der runzligen Haut Gewitter. Man konnte die Pulssignale und Kurven auf dem Bildschirm verfolgen: eine weiße, piepsende Linie, die von links ins Bild sprang, irrlichternd über den Monitor hüpfte und rechts verschwand. Immer wieder und verdammt eintönig, so eintönig wie der Sommer damals, der schwül und brütend draußen hockte und machte, dass die Klimaanlage im Zimmer beinahe zum Stillstand kam.

Und dann war dort eine Fliege gelandet, ein krabbelndes, unerwartete Kurven tanzendes Tier, das über den Monitor lief und Cris' Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Das einzig Lebendige im Zimmer, das sich noch weiterbewegte, als die über den Monitor zuckende, helle Linie bereits erloschen war.

2

Es hatte lange gedauert, bis er eines dieser lautlos huschenden Wesen erwischte. Dabei war Cris kein Lahmling. Sein Animator im College hatte ihn gut gedrillt. Solange er noch zu den Cleanen gehörte, oder wenigstens seine Eltern, die im Erdgeschoss eines der blauen Türme wohnten, legte man Wert auf Drill. Er war kräftig und schnell, in der College-Mannschaft einer der Besten, und er hatte ein gutes Training bei den Marathon-Tanzturnieren im Cosmos genossen.

Die Instruktionen seines Animators kamen ihm nun zugute, als er sich anschlich. Tagelang war er der Amöbe gefolgt, war den Horden der Frogs auf ihren unverständlichen Wanderungen nachgegangen. Warum waren sie so rastlos, nach welchem geheimen Plan verlief ihr Leben? Warum suchten sie freie Plätze, wo es doch im Gewirr der Arkaden viel sicherer war? Warum blieben sie nicht zusammen, wenn sie einen sicheren Platz erreicht hatten und in genügend großer Zahl waren, um einen möglichen Angriff der Sados abzuwehren? Warum gingen sie jedes Mal wieder stumm auseinander, lösten sich in kleinere Gruppen auf, die weiter durch die Straßenschluchten zogen? Welches unbekannte Ziel verfolgten sie?

Und dann hatte Cris einen erwischt. Im Basar der Arkaden lungerte ein Frog zwischen Gemüsekisten und Gerümpel. Sein Gesicht war grau tätowiert wie die Wandnische, in der er saß. Auch seine Kleidung war aus grauem Material, eine Art Sackgewebe, das an manchen Stellen durchlöchert war. Darunter war erschreckend weiße Haut, milchig und madenhaft. Cris ekelte sich davor, den Frog anzufassen. Aber er musste ihn packen, musste den sich windenden, um sich schlagenden Kerl festhalten, der sonst blitzschnell auf Frogart entkommen wäre. Wie gewandt er war! Dabei hatte er zuvor stundenlang reglos dagesessen, fast unsichtbar für die vorbeiströmende Masse. Trotzdem diese schnellen, eidechsenhaften Bewegungen.

Cris kämpfte verbissen mit seinem Feind. Schließlich hockte er über dem Frog, hielt ihn mit den Knien in der Zange und presste die Arme des Gegners auf den Boden. Er starrte dem Frog ins Gesicht. Es war ein hässliches Gesicht, entstellt durch die Tätowierung, mehr einem Reptil ähnlich als einem Menschen. Aus dem Grau der wirren Linien starrten grüne Augen mit verengten Pupillen, die versuchten, Cris zu hypnotisieren. Der Atem des Frogs ging keuchend. Auch Cris keuchte vor Anstrengung, aber er lockerte seinen Griff nicht. Sein Kopf war dicht über dem tätowierten Gesicht, er sah deutlich alle Linien. Noch nie zuvor hatte er einen Frog aus der Nähe gesehen. Er betrachtete die Tätowierung. Drachen und Schlangen waren da gezeichnet, Würmer und Insekten. Aber das Erschreckendste war ein Spinnennetz auf der Stirn, in dessen Zentrum ein drittes Auge war.

Cris starrte verblüfft auf dieses Auge. Einen Moment glaubte er, die Iris darin habe sich bewegt, oder das Lid habe gezuckt. Aber es war eine Täuschung. Die angespannten Gesichtszüge des Frogs hatten die Illusion hervorgerufen. Überhaupt war die Tätowierung überraschend exakt. Das rief den Eindruck hervor, als wieselten, wimmelten, huschten zahllose Tiere über das Gesicht des Frogs. Cris konnte den Anblick nicht mehr ertragen, er schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, spuckte ihm der Frog ins Gesicht. Unwillkürlich wollte Cris die Hand heben, um den Speichel abzuwischen. Aber er spürte instinktiv, dass es eine List war: der Frog bäumte sich auf. Mit aller Kraft warf sich Cris gegen diese Bewegung, drückte den Rücken des Frogs fester zu Boden.

Und dann tat Cris etwas Überraschendes: Er spuckte zurück, spuckte mitten in das tätowierte Auge im Spinnennetz.

Der Frog war verdutzt. Dann kam ein gequältes Lachen aus seiner Kehle, hustend und prustend, hallte gegen das Deckengewölbe der Arkaden, polterte in vielfachem Echo zurück. Cris bekam Angst. Er ließ den Frog los, richtete sich, noch immer mit den Knien den Körper des anderen umklammernd, langsam auf.

Der Frog lachte weiter. Am liebsten hätte ihm Cris mit der Faust den Mund geschlossen. Als das Lachen aufhörte, hob der Frog den Kopf und blickte Cris lauernd an. Das Schweigen war jetzt fast schlimmer als das Lachen.

»Was willst du von mir?«, fragte er. »Warum bringst du mich nicht um?« Die Stimme war jung, der Frog mochte so alt sein wie Cris.

»Ich bin kein Sado«, sagte Cris schnell.

»Das sieht man. Aber ein Cleaner bist du. Die sind beinahe genauso schlimm!«

Der Frog musterte ihn wachsam. Cris entging nicht, dass Verachtung in diesem Blick lag. Mit einem Mal kam er sich seltsam fremd und verlassen vor. Wo war seine gewohnte Selbstsicherheit geblieben?

»Meine Eltern wohnen zwar im blauen Turm, aber … ich bin kein Cleaner!«

»Ach nein?«, kam blitzschnell die Antwort. »Kein Cleaner? In so feinen Klamotten? Und mit einem Chrono am Handgelenk? Was bist du dann? Ein Bastard vielleicht?«

Zornesröte schoss Cris ins Gesicht. So hatte noch niemand zu ihm gesprochen. Schon gar nicht ein stinkender Frog! Er war nahe daran, den Kerl zu schlagen. Aber ein unbestimmtes Gefühl hielt ihn davon ab. Er stand auf und trat einen Schritt beiseite. Er klopfte seine Sachen ab, die einiges bei dem Kampf abbekommen hatten.

»Ich will Frog werden«, sagte er.

Auch der andere hatte sich erhoben, machte aber keine Anstalten zu verschwinden. »Sag das noch einmal!«

»Ich will ein Frog werden«, wiederholte Cris. Er sprach es seitwärts über die Schulter, er mochte den Frog nicht ansehen.

Völlig überraschend ging der zum Angriff über. Er sprang Cris an, hakte ihm den Arm um den Hals und riss ihn zu Boden. Krachend stürzten sie beide in einen Berg aufgestapelter Kisten. Der Angriff kam schnell, und der Frog war stark. Verbissen hieb Cris um sich und versuchte, den anderen im Gewirr zersplitternder Kisten abzuschütteln.

Es gelang nicht. Jetzt hockte der Frog oben und hatte nun Cris im Schwitzkasten.

»Sag, wer du bist, und was du willst, rasch, bevor ich dir die Gräten zerknacke, du Bastard. Bist du ein Spitzel?«

»Idiot, verdammter Idiot«, keuchte Cris, »ich hab's doch schon gesagt: ich will ein Frog werden. Lass los, du hirnrissiger Idiot!«

Der Frog drückte Cris noch einen Moment lang in die Kisten, dann ließ er ihn ebenso überraschend, wie er angegriffen hatte, los. Cris rappelte sich hoch. Ein Stück Holz hatte ihm das Hemd zerrissen, er blutete am Arm. Der Frog tat nichts mehr, er stand nur einfach dabei und sah zu, wie Cris die Wunde ableckte und ein Stück seines Hemds darauf presste.

Noch immer kümmerte sich niemand um sie. Die Passanten gingen mit unbeteiligten Mienen weiter. Prügeleien gehörten zum Stadtbild.

»Ich bin Enno«, sagte der Frog.

Cris nickte und nannte seinen Namen. Er führte das Handgelenk mit dem Chrono ans Ohr, um zu überprüfen, ob er noch intakt war. Der Chrono war gut, aus schlag- und stoßfestem Material, er hatte keinen Kratzer abbekommen.

»Ein teures Ding«, sagte Enno.

Erst jetzt bemerkte Cris, dass der Frog keinen Chrono besaß. Noch nicht einmal das, fuhr es ihm durch den Sinn. Er ist so auffällig tätowiert, dass es jedem halbblinden Polypen auffallen musste, und hatte keinen Chrono …

Als ob der andere Gedanken lesen könnte, fuhr er mit der Hand unter sein Sackhemd und wühlte in der Hosentasche. Dann streckte er Cris die Faust entgegen und öffnete sie. Er hatte einen uralten Chrono, zerbeult und schäbig.

»Wollen wir tauschen?«, fragte Enno.

Und wieder tat Cris etwas, das gestern noch völlig undenkbar gewesen war, er streifte seinen Chrono ab und reichte ihn wortlos dem Frog. Enno griff gierig zu und gab seinen zum Tausch. Ein schlechtes Geschäft für Cris. Aber das Ganze gehörte irgendwie zu dieser Begegnung.

»Willst du noch immer Frog werden?« Cris nickte.

Enno schien nachzudenken. Dann nickte auch er. »Gut«, sagte er, »dann ist es gut. Komm mit.« Sie verließen die mit Abfall bedeckte Nische und reihten sich in den Strom der Passanten ein. Sie gingen dicht an der Wand des Arkadenganges entlang, der Durchbrüche, Torbögen und Abzweigungen bot und damit ausreichend Fluchtmöglichkeiten.

Enno führte; er lief mit tänzelnden Schritten durch die Menge und hatte den Blick überall. Wie ein Gecko, dachte Cris, nein, sie bewegen sich nicht wie Geckos: sie sind Geckos. Er musste sich anstrengen, um mit Enno Schritt zu halten. Es ging, es machte sogar Spaß, so zu laufen wie er: schneller als alle anderen, ja auch sicherer und selbstbewusster als sie. Aber wohin? Egal, nur dicht hinter Enno bleiben, ihn nicht aus den Augen verlieren, jetzt, wo alles begann.

Sie liefen eine Straße hinunter, ohne das Halbdunkel der Arkaden zu verlassen. Da brüllten die Wagen, glitten metallklirrend wie ein endloser Schwarm gefräßiger Fische an ihnen vorbei. Und dazu das Lärmen von Menschen- und Maschinenstimmen. Es war die 18. Straße, eine besonders belebte Gegend mit Geschäften und Supermärkten. Hier waren auch mehr Menschen. Doch Enno hielt sich im Schatten.

Einmal umging er geschickt ein Viertel, von dem Cris wusste, dass es dort von Polypen nur so wimmelte. Dann bogen sie in einen Seitenweg in den Arkaden ab, kamen durch schmutzige, heruntergekommene Straßen, in denen kein Autoverkehr mehr zugelassen war. Hier spielte sich das Leben der Einwohner vor den Häusern ab. Halbzerfallene Baracken, Wohnkasernen, denen stärker als anderswo der Moschus von Schimmelpilz entströmte.

Auch hier ging Enno dicht an den Hauswänden entlang, sah sich häufig um und ließ – obgleich sein Tempo langsamer geworden war, was darauf hindeutete, dass er sich in einer vertrauten Gegend befand – keine Sekunde nach, das Terrain zu beobachten. Schließlich erreichten sie einen alten Wohnblock, der sich in keiner Weise von den anderen Blocks der Straße unterschied, bis auf die Tatsache, dass bereits zwei oder drei Balkons heruntergestürzt waren und gähnende Löcher ins Hausinnere freigaben.

Hier schlüpfte Enno durch ein dunkles Tor und hastete einen finsteren Gang entlang, durchquerte das Lichtquadrat eines Innenhofes und ging in ein baufälliges Hinterhaus. Betäubender Pilzgeruch quoll Cris entgegen, legte sich auf seine Lungen, vernebelte das Denken, erzeugte Brechreiz und wohlige Mattigkeit. Die Pilze schienen hier in den Kellern besonders gut zu wuchern.

Es war noch dunkler als im Vorderhaus. Cris tastete sich blind voran, stolperte hinter Enno eine steile Treppe hinauf. Nach endloser, ungemütlicher Wanderung erreichten sie ganz unter dem Dach eine Tür. Enno blieb stehen, verschnaufte und klopfte dann in einem bestimmten Rhythmus an die Tür. Cris stellte fest: dreimal schnell, zweimal langsam, dreimal schnell mit kleinem, gesteigertem Schlussakkord. So trommeln Drummer; Enno musste Musiker sein. Nach einer kurzen Zeit der Stille öffnete sich die Tür. Enno trat ein, ließ Cris an sich vorbeigehen und verriegelte sorgfältig die Tür. Der Raum war erbärmlich eingerichtet, fast kahl. Ein paar schmutzige Matten am Boden, verstreute Decken, Kisten, sonst nichts. Hierüber lagen wahllos leere Flaschen, Konserven und Gerümpel auf dem Boden verstreut. Der Anblick des Zimmers wirkte lähmend auf Cris. Nie zuvor hatte er so eine Ärmlichkeit und so viel Schmutz gesehen. Wenn er an die Wohnung seiner Eltern dachte, an sein eigenes Zimmer … dort war alles funktional und steril, eine Wohnung wie alle Wohnungen im blauen Turm, die er kannte, langweilig wie die Stadt, doch wohlgeordnet.

In der hinteren Ecke, dort, wo zwei Fenster mit blinden, zersprungenen Scheiben waren, die etwas Licht von draußen hereinließen, saßen mehrere Leute, alle Frogs. Zwei halbnackte, über und über tätowierte Männer und ein dickliches Mädchen, das leise weinte. Der, der die Tür geöffnet hatte, ging mit Enno zu den anderen und hockte sich auf die Matte. Cris folgte ihm und setzte sich zögernd auf den freien Platz gegenüber dem Mädchen. Weder Enno noch die anderen wechselten ein Wort. Nur der, der die Tür geöffnet hatte, bückte sich nach einer Flasche, die am Boden lag, und reichte sie weiter.

Als die Reihe an Cris war, hob Enno den Kopf, sah ihn an und sagte laut zu den anderen: »Das ist Cris. Ein entflohener Bastard. Er will zu uns!«

Während er sprach, löste er mit der rechten Hand den blitzenden Chrono von seinem Handgelenk und hielt ihn Cris hin. »Du kannst ihn wiederhaben, wenn du willst.«

Cris blickte nachdenklich auf Ennos verbeulten, alten Chrono an seinem Arm. »Nein, lass nur, ist in Ordnung so.«

Enno zögerte, sah Cris an, dann streifte er den neuen Chrono wieder über. »Wenn du meinst«, brummte er, »dann behalte ich ihn.«

Cris nahm einen Zug aus der Flasche, schluckte das widerliche Getränk herunter und reichte die Flasche weiter. Noch immer weinte das Mädchen leise. Die Männer beachteten sie ebenso wenig wie Cris. Das Mädchen schien Schmerzen zu haben. Sie presste beide Hände auf den Leib und stöhnte. Zum ersten Mal wandte sich einer der anderen Frogs zu ihm um und redete mit ihm. Es war ein hagerer Typ, blass und sehr nachlässig tätowiert. Wo bei Enno Schlangen und Drachen waren, hatte er nur ein Gewirr von sich kreuzenden bläulichen Linien im Gesicht. Er sah aus, als sei er durch ein Sieb gefallen.

»Nichts Besonderes«, sagte er, »sie ist vergewaltigt worden. Eine Gruppe Sados, unten an der 46. Straße. Sie haben es den ganzen Vormittag mit ihr gemacht und sie dann laufen lassen. Sie hat Glück gehabt.«

»Glück?«

»Ja, dass sie sie nicht zerschnitten haben, wie sie es sonst meistens tun. Die Sados tätowieren auf ihre Weise.«

Cris starrte entsetzt das unglückliche Mädchen an. Sie war eigentlich ganz hübsch, aber auf besonders abstoßende Weise tätowiert. Es war schwer vorstellbar, wie sie ohne Tätowierung aussah. Cris hatte einiges über die Sados gehört. Es konnte stimmen, was der Frog da sagte. Den Sados war alles zuzutrauen. Trotzdem saß ihm die Geschichte wie ein Kloß im Hals. Was suchte er eigentlich hier? Waren dies der Ort und die Welt, die er herbeigesehnt hatte?

Wenn er an Lu dachte, die durchtanzten, heißen Nächte im Cosmos, die präzisen, sauberen Lasershows, die Psycho-Long-Drinks und die Gestik der Leute vom College …

Oder hatte gerade das ihn so gelangweilt: das Supercleane? Mit Lu gab es keine Probleme. Lu war sauber, hundertprozentig clean, eine nett anzusehende sterile Puppe. Ihr Leben spielte sich zwischen Teletingel im vollklimatisierten blauen Turm, College und Cosmos ab. Es war klar, sie war schon jetzt eine Cleane oder würde es unweigerlich einmal werden. Eine Cleane wie Ma und Dad und die anderen.

Der Hagere reichte ihm wieder die Flasche. Komisch, dachte Cris, wie schnell ich mich an so was gewöhne. Schon der zweite Schluck schmeckte nicht mehr so höllisch wie der erste. Nur der seltsame Geruch … Tausendzünder, ob sie es aus den Pilzen destillieren?

»Was spielst du?«, fragte jetzt der, der die Tür geöffnet hatte, ein stämmiger Kerl mit kahlgeschorenem Schädel, älter als die anderen. Als er sich vorbeugte, sah Cris, dass selbst seine Glatze ein feines Netzwerk aus Tätowierungen aufwies. »Nicht viel«, antwortete Cris.

»Manchmal E-Gitarre, aber nicht richtig. Hab zu Hause 'ne Anlage.«

»Anlage«, höhnte der Hagere, »als ob man für Musik eine Anlage braucht. Die einzige Anlage, die sinnvoll ist, hast du hier drin oder nirgends!«

Er schlug sich mit der flachen Hand auf den Bauch, dass es klatschte. Dann sog er die Luft ein, spannte die Bauchmuskulatur und klopfte mit den Fingerspitzen der anderen Hand einen Rhythmus dazu. Die flache Hand gebrauchte er nur, um in das Trommeln hinein Intervalle zu klatschen. Sein luftgefüllter Bauch war wie eine Trommel: je nachdem, wie er den Atem ausstieß oder den Oberkörper ruckartig bewegte, veränderte sich die Resonanz seiner Schläge. Er trommelte zehn Minuten lang, dann brach er abrupt ab, sprang auf und trat ans Fenster. Vor den blinden Scheiben blieb er stehen und spähte durch einen Spalt. Es war nicht auszumachen, was er von dort aus sah, wahrscheinlich den kleinen Innenhof, aber er drehte den Kopf in alle Richtungen, als trieben da unten dichte Menschenmassen vorüber.

Schließlich kam er zurück und ließ sich wieder auf die Matte fallen. Ganz langsam sank sein Oberkörper nach hinten, bis die Schultern den Boden berührten. In dieser Haltung streckte er sich aus und schien kurz darauf eingeschlafen zu sein. Das Mädchen war verstummt; sie hatte ein paar Mal aus der Flasche getrunken und blicklos dabei ins Zimmer gestarrt. Nachdem sie festgestellt hatte, dass die Flasche leer und auch durch Schütteln nichts mehr herauszuholen war, schleuderte sie sie achtlos von sich quer durch den Raum. Mit einer Behändigkeit, die überraschte, sprang sie auf.

»So«, sagte sie entschlossen. »Ich glaube, ich mache was zu essen. Ich komme um vor Hunger!«

Sie ging zu einer Seitentür, die Cris bis jetzt nicht gesehen hatte, und begann dort, wo sich offenbar die Küche befand, mit Töpfen und Geschirr zu hantieren. Ein süßlicher Geruch drang aus der Kammer. Wieder musste Cris an Pilze denken. Seit Tagen lag ihr Moschusgeruch über der Stadt, hier aber war er besonders stark. Ob die Frogs Pilze aßen?

»Dies ist Ock, der da Sann, und das ist Tann«, stellte Enno die anderen vor, als sei Cris gerade erst gekommen.

»Das Mädchen heißt Barrena, aber wir nennen sie alle Barren.«

Sie ist nett, dachte Cris. Ätzend tätowiert und etwas zu dick, aber nett. Sie gefällt mir.

»Du bist also ein Bastard?«, fragte Sann, ein schon etwas älterer Glatzkopf. »Siehst mehr wie ein Cleaner aus. Edle Klamotten, fein und gepflegt. Und die zarte Haut! Kein einziger Kratzer, direkt unanständig!«

Er streckte die Hand nach Cris aus, wollte sein Kinn packen und es zum Fenster drehen. Doch Cris wich aus. »Lass das!«, knurrte er wütend.

»Mann, was da zu tätowieren wäre«, fuhr Sanu fort. »So unangenehm zarte Haut, weich wie ein Käse. Willst du dich tätowieren lassen? Stell dir vor: du liegst hilflos auf dem Rücken und weißt nicht, was der Mann mit deiner Visage macht. Du spürst feine Nadelstiche, tausend unsichtbare Ameisen laufen dir über den Kopf und spritzen dir blauen Saft in deinen zarten, weichen Käse!«

Cris lief ein Schauer über den Rücken, als liefen die Ameisen schon seine Wirbelsäule hinauf. Doch er blieb sitzen und starrte Sanu entschlossen an.

»Lass ihn in Ruhe!« befahl Enno jetzt.

Sanu gehorchte sofort. Brummend zog er sich in eine Ecke des Raumes zurück.

»Denk dir nichts«, sagte Ock grinsend. »Der spinnt manchmal. Das liegt am Alter. Wenn einer in seinem Alter noch Frog wird, dann tickt er nicht ganz richtig!«

Sanu grunzte empört und zog eine Grimasse.

Jetzt kam Barren aus der Küche und stellte wortlos einen dampfenden Topf auf die Bastmatte. Eine undefinierbare Masse schwappte darin. Die Männer rückten näher. Auch Tann war wach geworden und faltete seine Füße zum Sitz. Nachdem die Masse abgekühlt war, griffen sie zu, langten mit bloßen Händen in den Topf und stopften sich Brocken der graubraunen Masse in den Mund. Es kostete Cris Überwindung, mit ihnen zu essen. Schließlich überwog seine Neugier. Außerdem hatte er den ganzen Tag nichts gegessen und hatte Hunger. Das Essen hatte keinen Geschmack, aber es war nicht schlecht. Vor allem machte es satt. Cris kaute nachdenklich. Das Mädchen, das auf den seltsamen Namen Barren hörte, streifte Cris mit einem flüchtigen Blick. Es lag ein Lächeln darin. Tausendzünder, dachte Cris, wie kann man in so einem Haus, in so einer Stadt, mit so einem Schicksal noch lächeln? Er grinste verlegen zurück.

Große Fliegen summten im Raum, ließen sich immer wieder hartnäckig auf seinem Körper nieder. Er wedelte sie angewidert weg. Unten im Haus und im Innenhof erklangen Stimmen. Ein Mann stritt mit einer Frau, deren Stimme immer schriller wurde. Dann heulten Kinder auf, und ein Hund bellte wie wild.

Sanu lag entspannt in einer Ecke und verdaute. Ock und Tann beschäftigten sich mit einem Gegenstand, der wie ein zerbeultes Blech aussah und unterschiedliche Laute von sich gab, je nachdem, an welcher Stelle des Bleches man mit den Fingern oder dem Hals der leeren Flasche klopfte. Enno schwieg, und Barren saß wieder in sich gekehrt da, hing mit offenen Augen ihren Gedanken nach.

Draußen brütete der Sommer. Hitze, Pilzmoschus und Fliegen, etwas, das Cris noch nie gefallen hatte. Er sah auf das Anzeigefeld seines Chronos. Auch die Zeit brütete dumpf dahin.

3

Äußerlich gesehen war Cris ein ganz normaler Junge: sechzehn, hoch aufgeschossen, sehnig und rothaarig. Aber in seinem Inneren tickte etwas wie eine Bombe.

Dabei hatte er es den Eltern rechtzeitig angekündigt: »Ma, irgendwas ist da anders in mir, ich spür's, da hat sich was verändert. Neulich nachts ist mir der Film gerissen, mitten im Traum. War gerade im Cosmos mit Lu und den anderen, wir tanzten in einer irren Lasershow, Lu und ich ganz oben im Regenbogen, da ist es passiert. Es gab einen Ruck, nur ganz leicht, wie wenn man im Mischpult schlagartig die Bässe rauszieht, und dann war die Farbe weg. Alles war weg. Ich bin aufgewacht, und weißt du, wo ich war? Bei uns auf dem Dach. Mitten in der Nacht stand ich nackt bei uns auf dem Dach des blauen Turms …«

»Lass dir 'nen neuen Chrono anpassen, vielleicht stimmt deine Frequenz nicht mehr«, hatte die Mutter leichthin geantwortet, ihn kurz angesehen und sich wieder ihrem Teletingel zugewandt. Da flatterte zum Kotzen langweilig die Heilige Familie über den Schirm: ein besonders dicker Schwellkopf saß auf einem altmodischen Wippstuhl und richtete müde Witze an zwei andere Schwellköpfe, die ununterbrochen und ohne jeden ersichtlichen Grund seine Worte mit meckerndem Gelächter quittierten. So ging das die ganze Zeit, bis eine Platinblonde mit blankem Busen auftrat und Eukalyptuslikör servierte. Auch sie machte Witze, verschwand aber nach zwei Sätzen wieder. Die Schwellköpfe blickten ihr anzüglich nach und setzten ihr müdes Geplänkel fort. Einen Moment lang hatte Ma aufgeblickt und Cris gemustert, als sei er ein Fremder.

»Bist gewachsen in letzter Zeit«, hatte sie gesagt. »Das ist normal, wenn man zu schnell wächst, dann flippt man zwischendurch mal aus. Das sagen die im Gesundheitsratgeber auch. Vielleicht wäre wirklich ein neuer Chrono das richtige für dich!«

Ein vierter Schwellkopf war auf dem Schirm aufgetaucht und mit ihm eines dieser reizenden Exemplare elektronischer Plüschhunde, die die Stimmen imitieren und aufrecht auf den Hinterpfoten laufen können. Das war das Ende der Unterredung gewesen. Ma liebte elektronische Hunde. Besonders die aus Plüsch, die Stimmen imitieren und auf den Hinterpfoten laufen. Sie sah nicht mehr auf.

So hatte Cris das Zimmer verlassen, das vom Flackern des kalten, bläulichen Lichts erhellt war, das von Geisterstimmen und Geistergedanken beherrscht wurde … mit einem nachdenklichen Blick auf diese auf den Bildschirm starrende, irgendwie erstarrt wirkende Frau, die seine Mutter war. Er schloss die Tür, aber die Heilige Familie kam mit, kroch durch die Wände, schwappte durch den Flur, klebte im Nacken, krallte sich in sein rotes Haar.

Und dann der Vater.

»Hey, Dad«, hatte Cris gesagt, »ich haue ab, ich spreng' was in die Luft, ich robbe 'ne Bank.«

»Was ist denn los?«, hatte Dad unwillig geknurrt und die Augen verdreht, bis die Augäpfel wie zwei weiße Perlzwiebeln waren. Cris hasste das. Er wusste, das war von Big Bog Slim abgeguckt, der das auch immer tat, wenn in der Heiligen Familie Probleme besprochen wurden. Dabei war Big Bog Slim ein hundsgemeiner Schwellkopf, der es verstand, immer das letzte Wort zu behalten. Nur – Dad war Dad und eben kein Schwellkopf. Das heißt, er war viel zu bequem, um viel zu reden. Und sein Augenrollen war wirklich kein Anblick, der heiter stimmte.

»Ärger mit dem Animator?«

»Ach was. Ist mehr, Tausendzünder, ist mehr. Ich muss irgendwie raus, die City wird eng, verdammter Chip. Irgendwie läuft bei mir der Sound aus dem Takt!«

Dads Perlzwiebelaugen waren noch immer nach innen gerichtet. Die Stille war lähmend.

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