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Ouray - Ruf der Ahnen

Hinweis

 

 

 

 

 

Die Handlung ist frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit Personen, Namen und Handlungen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

Lektorat: lekto-ratio.de

 

 

 

 

 

Urheberrechtlich geschütztes Material

 

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel:

01

02

03

04

05

06

07

08

09

10

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25

Epilog

Weitere Veröffentlichungen

1

Was für ein Monster!

Manchmal, wenn Ouray sein Gesicht in einer Wasserpfütze betrachtete, füllten sich seine Augen mit Tränen. Dann wandte er sich sofort von seinem Spiegelbild ab, um nicht daran erinnert zu werden, wie es einmal ausgesehen hatte. Der Blick in die Vergangenheit bohrte in Wunden, die nicht verheilen wollten.

In solchen Momenten rief er sich die Pflicht ins Gedächtnis. Jene Aufgabe, die er sich selbst auferlegt hatte. Die den Hass in seinem Innern aufs Neue weckte und die lähmende Trauer ins Abseits schob. Auf diese Weise fiel es ihm leichter, mit der Gegenwart umzugehen, sein erbärmliches Dasein zu ertragen.

Erst, wenn vollbracht war, was er sich als Junge geschworen hatte, fände seine Seele endlich den ersehnten Frieden. Dann würde er dem Lockruf folgen. Den Stimmen antworten.

2

Im Schutz der Dunkelheit schlich Ouray durch sein Territorium. Die Kapuze des Parkas tief ins Gesicht gezogen, war er auf der Suche nach Nahrung. Den hell erleuchteten Passagen der Stadt ausweichend bewegte er sich wie ein Raubtier, stets auf der Hut vor seinen Feinden. Er hatte nicht vorgehabt, wieder zu töten, doch die Vorräte an Nüssen, getrockneten Beeren und Wurzeln waren aufgebraucht. Im Frühjahr, Sommer und Herbst hatte er es versäumt, genug davon anzulegen. Und jagen wollte er nicht. In jedem Waldbewohner konnte die Seele seiner Ahnen leben. Außerdem brachte er es nicht übers Herz, seinen einzigen Freunden und Weggefährten das Leben zu nehmen.

Schritte hinter ihm ließen ihn plötzlich zusammenfahren. Er hielt inne und suchte hektisch mit den Augen nach einem unbeleuchteten Hauseingang. Im Geiste zwang er sich zur Ruhe. Nur keine unbedachten Bewegungen, keinesfalls umdrehen. Obwohl es ihm schwerfiel, schlenderte er scheinbar gelassen auf den nächstbesten dunklen Eingang zu und bog darin ein. In seinem Innern jedoch war jede Zelle seines Körpers zum Zerreißen gespannt.

Wurde er verfolgt?

Im Aufgang angekommen presste Ouray sich gegen die Wand. Die Panik hatte jetzt vollständig Besitz von ihm ergriffen. Er konnte seine beschleunigte Atmung kaum unter Kontrolle bringen. Beim Ausatmen bildeten sich verräterische weiße Wolken vor seinem Mund. Er hielt die Luft an. Den Kopf an die kalten Steine gelehnt lauschte er. Im Stillen betete er darum, optisch mit dem Gemäuer zu verschmelzen.

Kamen die Schritte näher? Entfernten sie sich?

Der Schweiß brach ihm aus allen Poren. In dicken Tropfen rann er Schläfen und Rücken hinab, obwohl es bitterkalt war. Die salzige Feuchtigkeit war unangenehm auf der Haut. Er wagte es nicht, die juckenden Rinnsale aus dem Gesicht zu wischen. Jede Bewegung war imstande, seine Tarnung auffliegen zu lassen. Wie zur Salzsäule erstarrt, verharrte er in der Position.

Die Furcht vor den Cops brachte Ouray zum Zittern. Wie ein in die Enge getriebenes und zu Tode verängstigtes Tier stand er da und horchte. Doch das Dröhnen in seinem Kopf nahm dermaßen an Intensität zu, dass er die Geräusche um sich herum nur schwerlich zuordnen konnte.

Nach einigen Sekunden, in denen er sich völlig hilflos und ausgeliefert fühlte, aber nichts weiter geschah, wagte er es schließlich, einen Blick auf die Straße zu werfen. Mit einem Seufzer ließ er die Luft aus den Lungen entweichen.

Kein Mensch war hinter ihm her!

Erleichtert lehnte er sich gegen die Wand. Er wartete, bis das laute Pochen seines Pulses nachgelassen hatte, und verließ den Hauseingang, um seinen Weg fortzusetzen. Es zog ihn zu jenem Stadtteil, dessen Schattenbewohner im äußersten Notfall sein Überleben sicherten.

Dort lebten sie in den dunklen Seitengassen, in Löchern, Ruinen oder wo auch immer sie Schutz vor der Kälte fanden – die Obdachlosen, die Süchtigen. Nach einem heimatlosen Trinker suchte niemand, nur dessen Leidensgenossen vielleicht. Dem überwiegenden Rest von Little-Yampa war das Schicksal dieser Menschen gleichgültig. Die rechtschaffenen Bürger wollten mit dem Abfall der Gesellschaft nichts zu tun haben. Sie machten einen Bogen darum.

Ouray, der selbst zum sogenannten Unrat der Gemeinde gehörte, empfand gelegentlich einen Anflug von Mitleid für diese verlorenen Seelen. Sie waren wie er dazu verdammt, ihr Dasein auf der Straße zu fristen. Nur zu gerne hätte er sie verschont. Allerdings waren sie Weiße und er durfte keine Gefühle für sie aufkommen lassen. Sie bedeuteten Leben für ihn.

Zu seinem Leidwesen wurde es jedoch immer schwieriger, einen von ihnen zu überwältigen. Seit ein paar Monaten schlossen sich die Ausgestoßenen in Gruppen zusammen, sobald die Nacht den Tag ablöste. Anstatt wie sonst alleine, wagten sie sich nur noch zu zweit oder mehreren hervor, etwa um ihre Notdurft zu verrichten. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass Jagd auf sie gemacht wurde. Ouray wusste, dass niemand sein nächstes Opfer sein wollte.

Den Kopf tief gesenkt erreichte Ouray fünfzehn Minuten später den östlichen Stadtrand, wo sich seine Beute für gewöhnlich aufhielt. Er lehnte sich an die Mauer eines heruntergekommenen Hauses, das seit Jahren unbewohnt auf seinen Abriss wartete. Er tat, als verknote er einen gelösten Schnürsenkel. Dabei schweifte sein Blick wachsam umher.

In etwa fünfzig Metern Entfernung flackerten Flammen über den Rand einer verbeulten Tonne hinaus. Der Metallbehälter stand in der Nähe eines ebenso ruinenhaften Gebäudes, das höchstwahrscheinlich der Unterschlupf einiger Obdachloser war. Diesen Stadtteil unweit des Bahnhofs nannten die anständigen Bürger den Schandfleck Little-Yampas. Ouray hatte schon vor einiger Zeit gehört, dass man die verfallenen Häuser abreißen wollte. Zu seiner Erleichterung waren den Worten keine Taten gefolgt. Vermutlich war mal wieder nicht genug Geld für Sanierungen da, dachte er. Andererseits wurden in der Innenstadt unzählige neue Bauten hochgezogen.

Ouray zählte fünf Männer und zwei Frauen, die um das Feuer versammelt waren. Sie rieben sich die Hände und stapften von einem Fuß auf den anderen, während sie eine Flasche Schnaps herumreichten, die in einer Papiertüte steckte. Der zu Wolken gefrorener Atem vor ihren Mündern verriet, dass sie miteinander sprachen. Ouray wusste, dass sie es zu dieser Jahreszeit besonders schwer hatten. Eingehüllt in verschmutzte abgetragene Kleidung, durchlöcherte Mützen und Schals, froren sie dennoch. Erst wenn der Rausch ihnen den Verstand nahm, spürten sie die klirrende Kälte nicht mehr, die gleichzeitig ihren Tod bedeuten konnte.

Aber wie es aussah, waren sie noch zu nüchtern für seine Zwecke. Dazu kam, dass zu viele Passanten umherliefen, die das Bahnhofsgelände aufsuchten und verließen. Ouray lief Gefahr aufzufallen. Verdrossen sah er sich weiter um. Sein Magen knurrte hörbar.

Wütend und enttäuscht zugleich brach er sein Unterfangen letztendlich ab. Mit einem inneren Aufschrei ballte er die Hände zu Fäusten, während sein Blick auf den Trinkern ruhte, die heute unerreichbar für ihn blieben. Zwar tat es ihm trotz seines Hasses auf die Weißen in der Seele weh, sie jagen zu müssen, aber von irgendetwas musste er schließlich leben. Zumindest so lange, bis er sein Ziel erreicht hatte. Tränen der Wut rannen über seine Wangen, als er sich von seiner Beute abwandte und wie ein geprügelter Hund zu seinem Unterschlupf zurückschlich. Morgen Abend, etwas später, würde er wiederkommen.

Mit knurrendem Magen rollte Ouray sich auf der fleckenübersäten Matratze zusammen und strich sich gedankenverloren über seine nässenden Wunden. Die physischen und psychischen Schmerzen waren kaum mehr zu ertragen. An manchen Tagen quälten sie ihn so heftig, dass er sich wünschte, tot zu sein. Nur die Sehnsucht und der ungebrochene Hass hielten ihn aufrecht.

Bevor der Schlaf ihn vorübergehend von seinen Leiden erlöste, bemerkte er seine pelzigen Freunde, die in ihren Schlupflöchern raschelten. Wenn er sie in seiner Nähe wusste, fühlte er sich nicht so einsam. Sein Mund verzog sich kaum merklich zu einem dankbaren Lächeln. Unter ihr vertrautes Fiepen mischte sich ein Dröhnen und Vibrieren. Ouray nahm die störenden Geräusche nicht wahr. Mit den Jahren hatte er sich daran gewöhnt, hörte sie nicht mehr. Bald würde der nächste Lkw über ihm hinwegdonnern. Frachtfahrzeuge, die die wachsende Einwohnerzahl von Little-Yampa versorgten.

Den Kopf in eine Handfläche gebettet starrte er gedankenversunken ins Feuer. Das Herz lag ihm vor Kummer schwer in der Brust und pumpte sein Blut in abflachendem Rhythmus durch die Adern. Die Flammen verschwammen, als neuerliche Tränen aus seinen Augen rannen und seine Haut benetzten. Da, wo die salzige Flüssigkeit auf Geschwüre traf, brannte es höllisch.

Ouray ignorierte den Schmerz, der ihn manchmal beinahe in den Wahnsinn trieb. Sein Geist war bereits auf Wanderschaft. Die Lider wurden ihm bleischwer, sein Blick trübte sich noch mehr. Das Feuer, das die pragmatisch eingerichtete Behausung wärmte, führte ihn in eine andere Zone hinüber. Eine Welt, in der er sich heimisch und geborgen fühlte, und die ihn immer stärker lockte. Wenige Minuten später war er eingeschlafen.

3

Verschlafen umfasste Abigail Hunter die Griffe des Fensters und zog die beiden Flügel zu sich. Eisiger Wind wehte ihr entgegen. Sie zog die Bettdecke enger um ihren Körper und atmete die saubere Luft tief ein und aus. Dann schloss sie die Lider, um die friedliche Stille in sich aufzunehmen.

Mit einem zufriedenen Seufzer öffnete sie die Augen wieder und richtete den Blick auf die traumhafte Winterlandschaft, die ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Der Kontrast zum Großstadtleben machte sie nachdenklich, und sie fragte sich im Geiste, wie es wohl wäre, für immer hier zu bleiben.

Das Licht des fast vollendeten Vollmondes ermöglichte ihr einen Ausblick auf die umliegende Landschaft. Wie von einem Künstler auf Leinwand festgehalten breitete sich das Park Range, ein Teilgebirge der Rocky Mountains, vor ihr aus. Mit dichtem Baumbestand bewachsen umschloss das Massiv das Tal, in dem sich die verträumte Kleinstadt Little-Yampa befand. Eine zentimeterhohe Schicht weißer Flocken hatte sich über das Land gelegt. Es roch nach Schnee, Erde und Tannennadeln. Abigail zog die Schultern hoch, die Kälte stahl sich langsam durch die Daunen.

Der Kurbetrieb, in dem sie während der Semesterferien arbeitete, thronte auf einem der Berge des Park Range. Ihr Zimmer lag im sechsten und letzten Stockwerk des Wohnkomplexes. Bewundernd wanderte ihr Blick den Hang hinunter zum verschlafenen Ort. Aus manchem Schornstein stieg eine Rauchsäule hinauf zum klaren Firmament. Unzählige Sterne strahlten der Erde entgegen, als stünden sie in einem Wettstreit miteinander, wer der hellste Punkt am Himmel sei.

Abigail schloss erneut die Augen und horchte. Hier und da drangen vereinzelt die Laute der Waldbewohner zu ihr herüber. Die Rufe einer Eule ließen sie zusammenzucken. Sehen konnte sie die scheuen Vögel nicht, die sich bei Tageslicht in ihre geschützten Behausungen zurückzogen.

Das Gefühl der vollkommenen Zufriedenheit lullte sie ein. Mochten diese Momente niemals vergehen! Die Stille, die sie wie ein kostbares Gut in sich aufnahm, brachte sie zum Träumen. Hier gab es kein monotones, dumpfes Dauerdröhnen von unzähligen Motoren. Kein nervtötender Lärm von Flugzeugantrieben störte diese Idylle. Berauschende Ruhe umgab sie, die ihr in der Großstadt fehlte, um abschalten zu können.

In wenigen Stunden kämen zwar ein paar Lieferanten und Taxis zum Komplex hinauf, aber der üppige Mischwald würde diese lästigen Geräusche fast gänzlich schlucken. Die schmale, zweispurig asphaltierte Straße schlängelte sich beinahe unauffällig zwischen hochgewachsenen Stämmen hindurch, was der Natur kaum schadete. Wie es hieß, sollte nicht weiter ausgebaut werden, um den Charme der Landschaft zu erhalten. Doch Abigail wusste um den Kommerz, dem schon zu viele dieser wunderschönen Landstriche zum Opfer gefallen waren.

Das beste Beispiel dafür befand sich im Nachbartal Yampa Valley. Darin lag der inzwischen weltbekannte und renommierte Skiort Steamboat Springs. Sie hatte eine Menge über diese Stadt und die Pisten drum herum gehört. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich dort einen Job zu suchen und in der Freizeit das Skifahren zu erlernen. Aber nachdem sie die traurige Entstehungsgeschichte des Ortes im Internet gelesen hatte, war das Interesse daran schnell verflogen, und sie hatte sich umentschieden.

Die Ute-Indianer waren die ersten Siedler in der Region. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts kamen dann Trapper, Pelzjäger, in diese Gegend. Auf ihren Jagdzügen vernahmen sie in der Nähe des Yampa Rivers ein seltsames Zischen, wie von einem Dampfboot. Sie hielten nach dem Verursacher des Geräuschs Ausschau, entdeckten stattdessen aber heiße Quellen.

Sie nutzten die seltene Gelegenheit zum Baden und ließen sich auch aus diesem Grund an Ort und Stelle nieder. Kurz darauf schlossen sich ihnen Viehzüchter und weitere Siedler an, die Gefallen an diesem Fleckchen gefunden hatten. Kleinere Orte formten sich, die rasch an Größe gewannen. Zuglinien wurden gebaut, welche die Städte miteinander verbinden sollten. Durch die dafür notwendigen Sprengungen hatte sich das Landschaftsbild nachhaltig verändert.

Wie so oft hatte der Stärkere sich genommen, was ihm gefiel, und beseitigt, was ihm missfiel. Die Ute-Indianer waren nach und nach verdrängt, getötet und letztendlich im Jahr 1879 von der amerikanischen Armee gewaltsam in ein Reservat umgesiedelt worden. Der Weiße Mann hatte in einem ungleichen Kampf gesiegt.

Zwar war Little-Yampa Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts auf ähnliche Weise entstanden, wies jedoch keine derartig grausame Historie auf. Außerdem nannte die Stadt etwas sehr Praktisches ihr Eigen, auf das sie mehr als stolz war und das die Gemeinde in ganz Colorado einzigartig machte: Little-Yampa besaß ein Kanalisationssystem. Ein unterirdisches Labyrinth aus Stollen, das einstmals einem anderen Zweck gedient hatte, nämlich Pionieren Reichtum zu bringen.

Zu Gründungszeiten waren durch Sprengungen für die Zuglinie ein paar Goldnuggets an die Erdoberfläche befördert worden. Diese Nachricht hatte sich wie ein Flächenbrand verbreitet und Goldgräber aus dem ganzen Land angezogen. Ländereien wechselten die Besitzer, Claims wurden abgesteckt. Tunnel um Tunnel entstanden im Erdinneren, die sich wie ein riesiges Spinnennetz unter der Erdkruste erstreckten.

Allerdings war niemand dadurch reich geworden, im Gegenteil. Es gab keine Goldadern, zumindest keine, die gefunden worden waren. Als dann auch der letzte der Pioniere sein Erspartes im scheinbar wertlosen Boden gelassen hatte, verließen sie die Gegend. Die Stollen gingen für den Bruchteil des Verkaufspreises wieder in den Besitz der vormaligen Landbesitzer über.

Hätte mancher Goldsucher, der diese Gänge einst grub, geahnt, welchen Wert seine Arbeit eines Tages besitzen würde, hätte er sich vielleicht nicht davon getrennt. Little-Yampa war darauf entstanden. Und je größer die Stadt wurde, umso mehr Abwässer fielen an. Kluge Köpfe bedienten sich schon damals dieser Stollen. Sie ließen die Wände absichern und bauten die unterirdischen Verzweigungen zum heutigen Kanalisationssystem aus.

»Es ist so herrlich hier«, sprach Abigail, jetzt durch den kalten Wind hellwach geworden, mit sich selbst.

Sie seufzte und warf zitternd noch einen kurzen Blick auf die wunderschöne Landschaft, die sich ihr darbot. Dann legte sie die Decke zurück aufs Bett und schloss das Fenster. Anschließend hielt sie auf das winzige Badezimmer zu, das ihrem Wohn- und Schlafraum angegliedert war. Eine heiße Dusche würde sie aufwärmen.

Zwanzig Minuten später schritt sie gut gelaunt die Stufen zum Erdgeschoss hinunter. Dabei summte sie die Melodie ihres Lieblingssongs: »We Are the People« von Empire of the Sun. Den Aufzug benutzte sie kaum. Nur wenn sie von der Arbeit zu erledigt war, bestieg sie den beklemmend engen Kasten. Seit einem Kindheitserlebnis, bei dem sie für Stunden in einem stecken gebliebenen Lift eingesperrt gewesen war, litt sie unter Platzangst. Ansonsten bevorzugte sie die Treppen, was ihrer schlanken Figur zugutekam.

Als sie die Tür zum Speisesaal öffnete, stieg ihr das Aroma von frisch aufgebrühtem Kaffee in die Nase, unter den sich der Geruch von gebratenem Speck mischte. Ihr Blick fing die fünfarmigen Kronleuchter mit funkelndem Kristallglas ein. Glühbirnen in der Form brennender Kerzen erhellten den großen runden Raum. Warme, mediterrane Farben beherrschten die Ausstattung. Auch das Mobiliar war gediegen. Edle, in hellem Holz gehaltene Tische und gepolsterte Lehnstühle gruppierten sich auf dem glänzenden Marmorfußboden. Eine Vielzahl Blüh- und Grünpflanzen grenzte die Möbel voneinander ab und sorgte trotz der eleganten Atmosphäre für eine gewisse Gemütlichkeit. Aus in den Decken eingelassenen Lautsprechern schallte Musik in gedämpfter Lautstärke. Ein paar Frühaufsteher waren bereits anwesend.

»Guten Morgen«, warf Abigail ihnen lächelnd zu. Ebenso herzliche Begrüßungen kamen zurück.

Bei dem überwiegenden Teil der Gäste handelte es sich um ältere Herrschaften, die in dieser Anlage ihre Gebrechen linderten oder sich nach Operationen erholten. Manch einer sah verschlafen aus und gähnte mit vor den Mund gehaltener Hand. Ein älterer Herr zupfte an seiner Kleidung und strich imaginäre Falten glatt, andere warteten versonnen auf das Frühstück. Noch war nur leises Gemurmel zu hören. In einer Stunde jedoch würde der Speisesaal voll besetzt und mit Leben gefüllt sein.

Die wenigen Kurgäste hatten die besten Plätze bereits vereinnahmt. Sie saßen vor dem Panoramafenster, das ihnen einen ungetrübten Blick auf die Natur bot. Sobald die Sonne aufging, konnten sie den angrenzenden Wald bewundern, Vögel auf Futtersuche beobachten oder einfach nur die schöne Aussicht genießen. Manchmal trauten sich Rehe ganz dicht an das Kurhotel heran, was die Anwesenden in Entzücken versetzte.

Auf dem Weg zur Durchreiche, die sich rechter Hand neben der Schwingtür zur Küche befand, knöpfte Abigail den letzten Knopf ihres leicht gestärkten Kittels zu. Die Bluejeans war frisch gewaschen und gebügelt. Die nagelneuen weißen Sneakers passten zur Arbeitskleidung, und sie gratulierte sich in Gedanken, sich für die teure, aber bequeme Marke entschieden zu haben. Ihre Füße dankten es ihr am Abend nach einer harten Schicht. Im Anschluss kontrollierte sie, ob jedes ihrer langen schwarzen Haare fest im Gummiband am Hinterkopf steckte. Perfekt.

In diesem Unternehmen wurde penibel auf Sauberkeit und Ordnung geachtet. Oberflächlichkeit wurde nicht geduldet. Kein noch so kleiner Schmutzfleck durfte auf der blütenweißen Arbeitskleidung zu sehen sein, bevor mit der Arbeit begonnen wurde. Vor Antritt des Jobs war sie ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass ein Verstoß die sofortige Kündigung nach sich ziehen würde. Eine zusätzliche Unterschrift unter dieser Vertragsklausel schloss Widersprüche aus.

Die Frauen in der Küche klapperten geschäftig mit Geschirr, Pfannen und Töpfen. Rege verrichteten sie ihre täglichen Aufgaben, ohne hektisch zu wirken. Jeder Griff saß. Abigail steckte den Kopf durch das großzügige Rechteck im Mauerwerk und blickte in die Runde.

»Guten Morgen zusammen.«

»Morgen, Abby«, echote es aus mehreren Mündern gleichzeitig.

Mary, die Köchin, reichte ihr wie immer gut gelaunt die ersten Wurstplatten, die sie rasch auf dem üppigen Buffet verteilte. Knusprig gebratener Speck, kleine Würstchen, Schüsseln mit dampfendem Rührei und Marmeladentöpfchen folgten. Zwischendurch nippte sie an ihrem Kaffee, der auf der Ablage der Durchreiche stand, und biss in ein belegtes Brötchen, das frisch zubereitet auf sie gewartet hatte.

Abby verstand sich sehr gut mit dem Personal und half aus, wo sie konnte, selbst wenn es in ihren Pausen war. Als eine Art Dankeschön bekam sie diese netten Aufmerksamkeiten. Brötchen waren eine Backware aus Deutschland, die sich hier großer Beliebtheit erfreute. Ein deutscher Bäcker hatte vor einigen Jahren Urlaub in Little-Yampa gemacht und sich in diesen Ort verliebt. Kurz darauf hatte er sich hier niedergelassen und eine Bäckerei eröffnet. Seitdem lieferte er seine goldbraunen Backwaren, die es in Amerika sonst kaum gab, täglich an den Kurbetrieb.

Von sieben bis zehn Uhr morgens füllte Abby das Buffet auf und versorgte die Gäste mit Bohnenkaffee und Orangensaft. Zwischen zwölf und zwei servierte sie das Mittagessen. Nachmittags um vier gab es Kuchen und von sechs bis acht Uhr das Abendessen. Dazwischen blieben ihr ausreichende Verschnaufpausen. Sie arbeitete im Sechstagesrhythmus.

Abby war zum ersten Mal in dieser Einrichtung, um sich das nötige Geld für ihr Studium zu verdienen. Ihr Vater bot ihr zwar immer wieder finanzielle Unterstützung an, aber das wollte sie nicht. Mit zweiundzwanzig Jahren sehnte sie sich danach, auf eigenen Beinen zu stehen. Anders als einige ihrer verwöhnten und snobistischen Kommilitonen kam es für sie nicht infrage, sich ihre Zukunft auf seine Kosten zurechtzubiegen oder nur durch seine Beziehungen voranzukommen. Sie wollte es allein schaffen.

Obwohl sie ebenfalls aus vermögendem Hause stammte, gab sie sich stets Mühe, es andere nicht merken zu lassen und sich anzupassen. Sie legte keinen Wert darauf, besser behandelt zu werden, nur weil ihr Vater Geld besaß und einen hohen Ruf genoss. Im Gegenteil, entweder man mochte sie, wie sie war, und sie kam durch eigenen Fleiß weiter, oder gar nicht.

Bisher gefiel ihr der Ferienjob ziemlich gut, und sie strengte sich besonders an, um sich zu empfehlen. Zudem war diese Tätigkeit geradezu perfekt für ihr Studium. Sie verdiente sich das notwendige Geld und hatte außerdem Gelegenheit, die verschiedenen Charaktere der Menschen während der Arbeitszeit zu analysieren. Abby studierte seit drei Semestern Psychologie und war somit in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Nach ihrem Abschluss wollte sie wie er eine eigene Praxis eröffnen.

Fassten die Gäste erst Vertrauen zu ihr, was häufig recht schnell geschah, erzählten sie freiheraus aus ihrem Leben. Sie gaben Geheimnisse preis, als wäre sie eine gute alte Freundin. Abbys Interesse an ihren Problemen und Gebrechen war ehrlich, und das schienen die Menschen zu merken. Ihr war eine großzügige Portion Empathie mit in die Wiege gelegt worden, und es fiel ihr leicht, sich in die Gefühlswelt anderer zu versetzen. Dadurch schütteten sogar Fremde ihr schnell das Herz aus, für eine angehende Psychiaterin ein großer Vorteil. Manchmal wirkte diese Eigenschaft jedoch wie ein Fluch. Wenn sie die Ängste und Sorgen, die sie selbst gar nicht betrafen, zu nahe an sich heranließ, litt sie mit den Betreffenden. Ihr Vater hatte ihr eindringlich nahegelegt, sich eine Art Schutzschild zuzulegen, um nicht darunter zu leiden. Nicht immer gelang ihr das.

Abby füllte die Tasse von Mrs. Greenwood mit frischem Kaffee nach. Die ältere Dame hatte sich, wie die meisten anderen auch, gekleidet, als wohne sie einer Theaterpremiere bei. Zum beigefarbenen Kostüm trug sie eine strahlend weiße Rüschenbluse, helle Perlonstrümpfe und dunkle Lacklederschuhe mit flachen Absätzen. Hals, Finger und Handgelenke zierten Goldschmuck. Die hellbraun gefärbten Haare waren hochfrisiert. Eine derartige Aufmachung der Kurgäste hatte Abby schon öfter beobachtet – überwiegend bei den weiblichen Gästen. Nicht selten kamen Liebeleien vor.

Die alte Dame beugte sich vor und hielt ihren Arm fest. »Ich habe gestern Abend vor dem Schlafengehen einen kleinen Rundgang durch den Park gemacht, und ich glaube, da war jemand, mitten zwischen den Tannen. Ich hatte irgendwie das ungute Gefühl, beobachtet zu werden, Liebes«, redete sie flüsternd auf Abby ein.

Abby hielt in der Bewegung inne und betrachtete die Frau mit einer Sorgenfalte zwischen den Brauen. Der Geruch von Haarspray stieg ihr in die Nase. »Sind Sie sicher?«

»Na ja, wenn ich jetzt genau darüber nachdenke, könnte ich mich auch geirrt haben«, antwortete Mrs. Greenwood und blickte Abby über die Ränder der Brillengläser entschuldigend an. »Es war dunkel und ich sehe nicht mehr so gut, auch wenn ich die hier trage.« Sie tippte mit einem Finger an die Sehhilfe. »Mir war ganz schön mulmig zumute, und ich bin schnell ins Haus zurückgegangen.«

Ihre Worte hinterließen bei Abby gemischte Gefühle. Sie mochte die Frau, die sie stark an ihre verstorbene Großmutter erinnerte. Abbys Mutter hatte einmal gesagt, dass es von jedem Menschen irgendwo auf der Welt einen Doppelgänger gäbe, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, auf einen zu treffen, sehr gering sei. Abby hatte ihr damals nicht glauben wollen. Seit sie jedoch Mrs. Greenwood begegnet war, die eine so verblüffende Ähnlichkeit mit ihrer Grandma besaß, dachte sie anders.

»Hm«, gab sie grübelnd von sich.

Es war durchaus möglich, dass Mrs. Greenwood von einem Dieb oder Triebtäter beobachtet worden war. Von ihrem Vater hatte Abby viel über die menschliche Psyche erfahren. Und auf der Uni hatte sie gelernt, dass weitaus häufiger ältere Frauen vergewaltigt wurden, als es der Allgemeinheit bekannt war.

»Sie sollten lieber bei Tageslicht spazieren gehen, das ist weniger gefährlich«, riet sie dem Gast mit besorgter Miene.

Mrs. Greenwood sah sie erschrocken an.

»Ich meinte damit, dass Sie stolpern und fallen könnten, da Sie nicht mehr so gut sehen können«, warf Abby schnell hinterher, um sie nicht unnötig aufzuregen.

»Ach so meinen Sie das«, gab Mrs. Greenwood erleichtert zurück und umfasste das Kreuz, das an der Kette um ihren Hals hing. »Was soll ich machen? Ich liebe es nun mal, einen Verdauungsspaziergang nach dem Abendessen zu unternehmen. Danach kann ich so gut schlafen.«

Abby setzte eine mahnende Miene auf. »Nur gut achtgeben, ja?«, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger, wandte sich ab und schritt auf die Durchreiche zu, um die inzwischen geleerte Kanne mit frischem Kaffee aufzufüllen. Dabei dachte sie über die Worte der alten Dame nach, die ihr Sorgen bereiteten. Dem Personal von der Unterhaltung zu berichten, hielt sie allerdings für unnötig. Mary, die Köchin, würde wieder von der Hexe anfangen, die angeblich auf dem Berg umging, und die Küchenhilfen in Angst und Schrecken versetzen. Abby hielt die Gerüchte, die sich um die Einrichtung rankten, für Ammenmärchen. Ihrer Meinung nach war die Geschichte von der Hexe, die vor Jahren auf dem Berg gelebt haben sollte, Aberglaube. Wenn es aber nach Mary ging, stimmte jedes Wort. Es war ihre Lieblingsgeschichte. Insgeheim musste Abby schmunzeln. Sie fürchtete sich nicht vor Geistern oder Flüchen, und Hexen gab es sowieso nicht. In den Köpfen vieler Provinzler steckte dagegen nach wie vor eine tief verankerte Furcht vor dem Teufel, Dämonen und anderen mystischen Gestalten.

4

 

 

Seit einiger Zeit wagte Ouray sich aufgrund seines entstellten Äußeren nicht mehr bei Tageslicht auf die Straße. Er wollte sich nicht mehr diesen entsetzten, teils mitleidigen, meist aber angeekelten Blicken aussetzen.

Seine einst makellose Haut, wie sie bei fast jedem Kind zu finden ist, war Vergangenheit. Nur wenige Jahre hatte er sich eines normalen Aussehens erfreuen können, bevor der Umwandlungsprozess begann. Gesunden Jungen, die in die Pubertät kamen, spross weicher Flaum an Wangen und Kinn, Ouray fielen die Haare aus. Eine Bartbehaarung kam gar nicht erst auf. Weil er sich zunehmend in seinem Unterschlupf verkrochen hatte, war seine Hautfarbe durch mangelndes Sonnenlicht mit der Zeit bleich wie bei einem Toten geworden. Manchmal warf eine Wasseroberfläche wie widerwillig ein Abbild seines Antlitzes zurück. Feine bläuliche Adern durchzogen seine pergamentartige Haut, was sein Gesicht gruselig aussehen ließ. Der kahle Schädel und die eiternden Geschwüre taten ihr Übriges.

Im Schutz der Dunkelheit und mit nach unten gezogener Kapuze fiel er jedoch kaum auf. Viele Menschen trugen unter ihren Jacken Kapuzenshirts; ein Trend, der sich hartnäckig hielt. Ihm war es nur recht, denn so konnte er sich beinahe unauffällig durch die nächtlichen Straßen bewegen, um sich Nahrung zu beschaffen. Nahrung, die er sich nicht wie jeder normale Bürger im Supermarkt besorgen konnte.

Ouray dachte an frühere Zeiten zurück. Als kleiner Junge war es für ihn ein Leichtes gewesen, sich Almosen zu erbetteln. Besonders Frauen schienen Mitleid mit ihm zu empfinden. Sie gaben ihm häufiger Münzen für Essen und Kleidung, wenn er vor den Geschäften kauerte und verschämt zu Boden blickte. Ihnen die offene Hand entgegenzuhalten, kostete ihn jedes Mal enorme Überwindung. In solchen Momenten fühlte er sich wie einer der obdachlosen Trinker, die gelegentlich Passanten anschnorrten, um sich Fusel kaufen zu können. Sobald ihn allerdings seine Mutter darum bat, konnte er nicht anders. Für sie tat er so gut wie alles. Sie durchlebte eine schlimme Zeit, und ihr geschwollener Leib bereitete ihr große Schwierigkeiten. Von Tag zu Tag fiel es ihr schwerer, sich um ihre beiden Kinder zu kümmern.

Doch dann bildeten sich die ersten Geschwüre in Ourays Gesicht. Je mehr davon wuchsen, umso häufiger mieden ihn potenzielle Spender, bis sie schließlich die Blicke angewidert abwandten und einen Bogen um ihn machten, sei es aus Ekel oder aus Angst, sich eine ansteckende Krankheit einzufangen. Letztendlich riefen sie sogar die Cops. Ab diesem Zeitpunkt war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich eine neue Methode anzueignen, um an Lebensmittel zu gelangen.

Anfangs sammelte er noch Brot, Obst und Gemüse aus den Abfällen der Städter und brachte die benötigte Beute seiner Mutter, die das Beste davon aussortierte. Allerdings hatte er zu häufig den Fehler begangen, die Tonnen umzuwerfen und den Müll auf dem Rasen vor den Häusern auseinanderzupflücken. Auf dem weichen Gras hatte das Herumwühlen kaum Lärm verursacht. Das einigermaßen Genießbare hatte er aufgelesen, den Rest einfach liegen gelassen. Darüber waren die Bürger verärgert gewesen und hatten sich auf die Lauer gelegt, um den Übeltäter zu stellen, der ihre gepflegten Vorgärten versaute.

Manchmal, wenn sie ihn auf frischer Tat ertappt hatten, war er beschimpft und fortgejagt worden. Andere Male hatte sie ihn mit ihren Hausschuhen oder irgendwelchen Gegenständen beworfen, die sie in die Finger bekommen hatten. Als sie dann mit den Cops gedroht hatten, war Ouray gezwungen gewesen, sich wiederum etwas Neues auszudenken, um Lebensmittel für die dreiköpfige Familie zu beschaffen. Es war ein mühseliges Unterfangen, das viel von ihm abverlangte und einen kleinen Jungen wie ihn oft überforderte. Nur – wer außer ihm hätte es tun sollen? Seine Schwester war noch zu jung, und seine Mutter konnte kaum laufen. Ungewollt war die Aufgabe, sich um die Familie zu kümmern, auf ihn übergegangen. Doch er liebte seine Mutter zu sehr, um sich dem zu verweigern.

Die Trinkwassergewinnung war seit ihrer Flucht ebenso schwierig. Überall dort, wo es von der Decke tropfte, standen auf dem Boden alte Töpfe und Gefäße, die die Flüssigkeit auffingen. Er hätte sich auch der Brunnen und Pfützen bedienen können, aber das war mühselig und hätte den Einstieg zu ihrem Versteck verraten können. Geld für abgefülltes Wasser in Flaschen hatten sie nicht. So war die Wassergewinnung zwar eine langwierige Prozedur, die nur mit Geduld zu bewältigen war. Andererseits war Zeit das Einzige, das sie im Übermaß besaßen. Sobald eines der Gefäße gefüllt war, hängte seine Mutter es über das Feuer, um den Inhalt zum Kochen zu bringen. Danach dauerte es ewig, bis die Flüssigkeit abgekühlt und genießbar war. Den Rest benutzten sie für die Körperpflege und Reinigung der Kleidung. Simples Regenwasser war für die dreiköpfige Familie wertvoller als Gold und andere Reichtümer.

Oftmals ging das Ouray aber nicht schnell genug. Vor allem dann, wenn er ausgiebig mit den Ratten gespielt oder weite Strecken gerannt war, um die Marktstandbetreiber abzuschütteln, die er zuvor bestohlen hatte. In diesen Augenblicken waren sein Mundraum und die Kehle so trocken, dass er nicht mehr schlucken konnte und die Gier nach Wasser ihn verrückt machte.

Obwohl seine Mutter ihm strengstens verboten hatte, von den Abwässern zu trinken, stillte er seinen Durst in solchen Momenten an dem geradezu unversiegbaren Vorrat. Dieser Strom rauschte beinahe vierundzwanzig Stunden am Tag in seinen Ohren wie ein Gebirgsbach. Er schöpfte auf die gleiche Weise davon, wie es ihm seine kleinen und einzigen Freunde, die Ratten, vormachten: Er kniete sich neben die Abwasserrinne, hielt den Kopf dicht über das dunkle Nass und nahm es mit der Zunge auf. Zwar schmeckte es widerlich, verschaffte ihm jedoch sofortige Erleichterung.

Ihm war nicht klar, dass diese Flüssigkeit giftig für ihn war, eine Brühe aus einstmals klarem und sauberem Wasser, das sich mit menschlichen Ausscheidungen, Chemikalien und anderen Abfällen der Gesellschaft zu einem toxischen Cocktail vermischte und den unterirdischen Lauf nährte. Zwar bekam er häufig Durchfall davon, doch er gewöhnte sich daran und empfand diesen Zustand als normal. Wenn es seinen tierischen Freunden nichts anhaben konnte, würde es ihm ebenso wenig schaden, dachte er.

 

Heute bettelte Ouray nicht mehr. Auch vermied er es, in den Abfällen der Bewohner von Little-Yampa nach Essen zu suchen. Es hatte ihn damals angewidert, und er hatte sich zutiefst geschämt, es zu tun. Nur seiner Mutter zuliebe hatte er den seinem Volk eigenen Stolz abgelegt.

Der Weiße Mann hatte seine Vorfahren fast ausgerottet, hatte die Ute-Indianer wie Wilde behandelt. Viele von Ourays Stamm waren brutal abgeschlachtet, die Überlebenden wie Vieh von ihrem Land getrieben worden. Eingepfercht in Reservate waren sie gezwungen gewesen, sich ihrem Schicksal zu ergeben. Doch einige seiner Stammesangehörigen kamen damit nicht zurecht. Sie griffen zur Flasche, um das Elend erträglicher zu machen. Und je häufiger sie tranken, umso tiefer rutschten sie in die Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit, die manchen dazu brachte, seine Seele zu verkaufen, nur um an Alkohol zu gelangen. Aber ihren Stolz hatten sie behalten, den konnte ihnen niemand nehmen, selbst wenn er mit Füßen getreten wurde.

Seiner Mutter zuliebe hatte Ouray sich überwunden und im Unrat des Weißen Mannes nach Essbarem gestöbert, obwohl es ihm zuwider gewesen war. Um die Familie zu ernähren, hatte er diese Erniedrigung über sich ergehen lassen. Doch seit sie nicht mehr bei ihm war, lebte er lieber wie ein Tier, als noch einmal dem Müll des Weißen Mannes zu durchstöbern.

 

In der Abenddämmerung brach Ouray auf. Seit drei Tagen hungerte er schon. Obwohl er wusste, dass die Säckchen und Körbe leer waren, die unter der Decke hingen, damit seine Freunde nicht davon naschen konnten, sah er noch einmal nach. Nichts. Verflucht. Sein Magen verkrampfte sich bereits. Alle Nüsse, getrockneten Beeren und Wurzeln waren aufgebraucht und er musste wieder töten, um zu überleben. Es war Samstagabend, und an den Wochenenden tranken die Menschen besonders viel. Ihm war es nur recht so, dann wurden sie oft leichtsinnig.

Am Aufstieg angekommen erklomm er die angerosteten Sprossen bis zum Ende des Schachtes. Er horchte, drückte den Gullydeckel vorsichtig an und lugte durch den Spalt.

Nur wenige Meter gegenüber von ihm stand eine verwaiste Bank. Dahinter hoben sich Büsche und Bäume kaum von der Dunkelheit ab. Links der Parkbank, am Fuß eines Laternenmastes, entdeckte er die milchigen und zackigen Überreste einer Energiesparbirne. Dazwischen konnte er die durchsichtigen Scherben der Abdeckung ausmachen. Ein dicker Stein inmitten der Zerstörung zeugte von Mutwilligkeit. Flaschen, ausgetretene Zigarettenkippen, leere Schachteln und weiterer Unrat zogen sein Missfallen auf sich. Hier hatte wieder einmal ein Gelage stattgefunden. Und obwohl ein Papierkorb in Reichweite aufgestellt war, hatte das Gesindel es nicht für nötig gehalten, den Abfall darin zu entsorgen. Warum auch, am anderen Morgen kämen die Männer der städtischen Müllabfuhr, um den achtlos hingeworfenen Müll aufzulesen.

Verärgert ließ Ouray den Deckel geräuschlos in seine alte Position sinken. Dann machte er eine Vierteldrehung und hob den Gullydeckel nochmals ganz leicht an. Schwärze war an der Stelle zu erkennen, die die Nische abgrenzte. Nach einer weiteren Drehung wanderte sein Blick zum Wiesenrand. Den Rest der Grünfläche konnte er in der Dunkelheit nicht ausmachen. Ein drittes Mal veränderte er seine Position und blickte auf den etwa zwei Meter breiten Weg, der zur Nische führte. Feiner grauer Kies, der jetzt rabenschwarz wirkte, verlor sich in der Finsternis. Ouray kannte den Weg, der in einem großen Kreis um die Wiese herum verlief. Die weiteren Abzweigungen, die zu Ausgängen, anderen Nischen und Bereichen führten, konnte er nicht sehen.

Er horchte. Weder Stimmen noch Gelächter, Schritte auf dem Kies oder die geräuschvolle Kulisse der belebten Stadt durchbrachen die angenehme Nachtruhe. Nur das durch die Baumreihen gedämpfte monotone Brummen vereinzelter Fahrzeuge in der City drang zu ihm herüber. Es musste sehr spät sein, Little-Yampa schlief bereits.

Mit geübtem Griff hievte er die Abdeckung zur Seite und sah blitzschnell umher. In seiner unmittelbaren Nähe war niemand. Rasch kletterte er aus der Röhre heraus und rückte den Gullydeckel in seine ursprüngliche Position zurück. Dann zog er die Kapuze tief ins Gesicht und richtete sich auf. Noch einmal huschte sein Blick im Kreis.

Nichts!

Erleichtert atmet Ouray auf. Seit jenem Vorfall musste er noch vorsichtiger sein. Den Kopf leicht nach vorn geneigt, die Hände in die Jackentaschen gesteckt, schlich er über den Kies. Der Mond, der ihm bis vor Kurzem geleuchtet hatte, war hinter Wolken verschwunden.

Die Dunkelheit kam ihm ebenso entgegen wie die meist defekten Laternen der Grünanlage. Zwischen den spärlich beleuchteten Passagen gab es größere finstere Abschnitte, die ihn fast unsichtbar werden ließen. Auf der Hut vor den Cops, die ihm vor über einem Jahr sehr wehgetan hatten, scannte sein Blick die Umgebung. Ein zweites Mal wollte er ihnen weder begegnen, noch Prügel von ihnen beziehen wie damals …

 

An jenem Tag war er auf der Suche nach Nahrung durch sein Territorium geschlichen. Die Frau, die in der Dunkelheit auf einer der Parkbänke in einer Nische saß, bemerkte er zunächst nicht. Ourays Kopfhaut begann zu kribbeln, so wie sie immer juckte, wenn die aufgeplatzten Eiterherde verheilten. Da er sich allein und unbeobachtet fühlte, lüpfte er die Kapuze. Er wollte sich gerade kratzen, als ein schrilles Kreischen ihn zur Salzsäule erstarren ließ, kaum, dass seine Finger die Stelle berührten. Erst als die hysterisch Schreiende an ihm vorbeistürmte, sah er sie. Wild mit den Armen in der Luft rudernd hielt sie auf den westlichen Ausgang zu. Während sie wie vom Teufel besessen davonrannte, hielt sie ihre in eine Papiertüte gewickelte Flasche fest umklammert.

Ihr Geruch stieg Ouray unangenehm in die Nase. Ein Gemisch aus Körperausdünstungen und Schmutz, das an Haut und Kleidung haftete. Die Alkoholfahne, die sie hinter sich hergezogen hatte, verflüchtigte sich schnell im Wind. Ouray kannte diesen widerwärtigen Gestank von sich überlagerndem Schweiß und Dreck nur zu gut. Auch er bekam selten Gelegenheit, um sich und sein Zeug zu waschen.

Nachdem der Schreck verebbt war, zog Ouray die Kapuze über den Kopf. Der Juckreiz war vergessen. Er wollte sich gerade wieder auf die Suche nach Essbarem begeben, da kehrte die Trinkerin unvermittelt zurück. Im Schein zweier Laternen, die den Eingang zum Park beleuchteten, sah er ihre schulterlangen, ungepflegten Haare, die vor Schmutz leicht abstanden. Zwei Uniformierte begleiteten die Frau. Wild gestikulierte sie mit den Armen und redete auf die Männer ein. Plötzlich deutete sie mit einem Finger in Ourays Richtung, der wiederum zu Stein erstarrte. Was jetzt? Er war unschlüssig.

Weglaufen? Stehenbleiben?

Ehe er eine Entscheidung treffen konnte, rief ihm einer der Cops zu: »Halt! Keine Bewegung. Stehen bleiben, hier ist die Polizei.«

In seiner Stimme schwang eine gewisse Entschlossenheit mit, die Ouray Respekt einflößte. Gleichzeitig kam der Uniformierte mit ausladenden Schritten auf ihn zu, den zweiten, jüngeren Cop im Schlepptau. Als sie Ouray erreichten, bauten sich die Beamten mit in die Hüften gestemmten Fäusten beidseits neben ihm auf. Der Ältere, der eine rahmenlose Brille trug, schien das Sagen zu haben. Er sah Ouray sekundenlang abschätzend an, bevor er ihn aufforderte, die Kapuze zurückzuschieben.

Ouray wusste noch immer nicht, wie er sich verhalten sollte. Er wollte nicht, dass sie sein kahles Haupt sahen. Unentschlossen schüttelte er langsam den Kopf.

Die Beamten packten blitzschnell zu. Einer umklammerte mit eisernem Griff den rechten Oberarm, der andere den linken. Er saß fest! Der Ältere riss Ouray mit einem Ruck von hinten die Kapuze herunter. Entsetzt starrte er durch die Brillengläser, als er den haarlosen Schopf mit den Geschwüren sah.

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