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Ostseeblut

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. Epilog
  43. Nachwort der Autorin

Über die Autorin

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin. Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein.

Eva Almstädt

Ostseeblut

Ein Pia-Korittki-Fall

Prolog

Es war dunkel und stickig. Solveigh spürte etwas Pelziges in ihrem Nacken und versuchte, in dem engen Kabuff ein Stück davon abzurücken. Dabei stieß sie mit dem Fuß gegen die Seitenwand, und ein hohles Klopfen erklang. Wie in einem Sarg, dachte sie und unterdrückte ihre aufkommende Panik. Sie konnte hier drinnen zusammengekauert sitzen, also war es eine Weile auszuhalten. Solveigh ließ ihren Kopf nach vorn fallen, bis ihre Kniescheiben sich in die Augenhöhlen drückten. Ihre Augen brannten. Nein, sie würde nicht heulen, sondern einfach ruhig weiteratmen! Doch … wie lange würde die Luft reichen?

Draußen war es still geworden. Sie hatte ja gewusst, dass niemand sie vermissen würde! Gestern, als sie mit dem aufgeritzten Arm zum Gruppengespräch erschienen war, hatten alle sie angestarrt. Es war ein gutes Gefühl gewesen, das ungläubige Entsetzen in den Gesichtern der anderen zu sehen und das eigene Blut zu fühlen, wie es ihr warm über die Hand gelaufen war. Einen Moment lang war nichts zu hören gewesen als das leise »Plop-Plop«, mit dem ihr Blut auf den Linoleumboden getropft war. Die Schnitte im Unterarm hatte Solveigh sich mit dem Küchenmesser beigebracht, dort, wo ihre Haut weich und ganz weiß war. Trotz der Salbe und des Verbandes, den man ihr später auf der Krankenstation verpasst hatte, konnte sie das Brennen immer noch spüren. Doch was war das gegen ihre Angst und die Scham? Sie hatte ein Gespräch belauscht. Bald würden alle wissen, weshalb sie hier war: dass sie versucht hatte, jemanden umzubringen.

Das Erziehungsheim für schwer erziehbare Mädchen, in das man sie abgeschoben hatte, sah von außen aus wie eine Filmkulisse. Gefährliche Liebschaften ohne Reifröcke und Perücken, dafür gab es pubertierende Mädchen, Hormone und stinkenden Schweiß. Der Geruch hing überall. In der Wäscherei, in der Solveigh nachmittags arbeiten musste, schlug er ihr beißend entgegen, wenn sie die getragene Kleidung aus den Bottichen nach Waschgängen sortierte.

Solveighs Herzschlag beschleunigte sich, als sie das Geräusch näher kommender Schritte hörte. Wer konnte das sein? Die Mädchen mussten jetzt doch alle schon beim Frühschwimmen sein. Sie kauerte sich tiefer in ihr Versteck und hoffte, der- oder diejenige würde weitergehen. Die Schritte stoppten. Sie hielt den Atem an und meinte, ihren Herzschlag im Hals zu spüren. Die Tür schwang auf, und Solveigh blinzelte in helles Licht.

»Also hier hast du dich verkrochen!« Es war Katja, die vor dem geöffneten Schrank stand. »Wenn du nicht beim Frühschwimmen erscheinst, bekommen wir alle Ärger. Beeil dich!« Sie klang unnachgiebig und gereizt.

Katja Simon war die Erste gewesen, die Solveigh angesprochen hatte, als sie aus der geschlossenen Abteilung in die Gruppe ins Möwenturmhaus verlegt worden war. Katja war, für ihre Verhältnisse, fast nett zu ihr gewesen. Und danach hatten auch Katjas Freundinnen, Janet und Tamara, mit ihr geredet. Janet war lebhaft und witzig. Sie wollte Schauspielerin werden. Tamara war so schüchtern wie Solveigh, mit dem alles entscheidenden Vorteil, dabei schön auszusehen.

»Los, komm!« Katja zog sie mit sich. »Die Winsen ist noch im Verwalterhaus aufgehalten worden. Vielleicht merkt sie gar nicht, dass du die Schwimmstunde in einem Schrank verbringen wolltest. Weißt du zufällig, wo Tamara ist?«

»Ich hab sie heute noch gar nicht gesehen«, keuchte Solveigh, die versuchte, mit der Älteren Schritt zu halten.

»Janet sucht sie. Sie hat den schwierigeren Part.« Katja lächelte spöttisch. Jeder in der Gruppe wusste, dass Tamara einen Freund im Ort hatte.

»Denkst du, Tamara war über Nacht bei ihm

»Beeil dich, ich muss mich noch umziehen«, rief Katja und lief mit federnden Schritten den abschüssigen Weg hinunter. Solveigh, die ihr folgte, bekam nach wenigen Minuten Seitenstiche. Die Schwimmhalle lag mitten im Wald unterhalb des Hauptgebäudes. So früh am Morgen war es zwischen den Bäumen noch dunkel und der Boden rutschig. In den Lichtkegeln der wenigen Laternen glitzerten Schneereste auf schwarzem Laub. Als sie die Halle erreichten, verschwand Katja sofort in der Sammelumkleidekabine für Mädchen. Solveigh zog Schuhe und Strümpfe aus, nahm sie in die Hand und suchte sich einen Weg zum Becken, ohne dabei die Dusche passieren zu müssen. Niemand konnte von ihr verlangen, mit ihrem bandagierten Arm zu schwimmen. Sie ging durch einen der hinteren Gänge, an den kaum genutzten Einzelkabinen vorbei. Die Fliesen unter ihren Füßen fühlten sich eklig an … feucht und sandig. Auf dem Fußboden, in einer offen stehenden Kabine, lag ein helles Stück Stoff, das wie eine zusammengeknüllte Unterhose aussah … mit roten Flecken. Widerlich.

Als sie die Tür aufstieß, sah Solveigh, dass sie die Erste war. Sie stellte ihre Schuhe neben einer Bank ab und ging zum Beckenrand. Noch nie hatte sie das Wasser so ruhig daliegen sehen … spiegelglatt. Unten im Becken war ein dunkler Schatten zu sehen. Solveigh trat näher, sodass ihre Zehen sich um die Kante krampften und das Wasser berührten. Weit unten, im tiefen Wasser, war etwas … Ein Mensch?

Arme und Beine schienen sich ihr entgegenzustrecken, langes Haar schwebte vor dem Gesicht. Was war das für ein bescheuerter Streich? Und wie konnte jemand so lange die Luft anhalten? Dann realisierte Solveigh, wer dort unten lag. Die hüftlangen dunkelbraunen Haare waren unverwechselbar. Das Kleid, das das Mädchen trug, war bis über die Taille hochgerutscht. Peinlich berührt starrte Solveigh auf den entblößten weiblichen Schoß. Dann erst sah sie das Seil. Es war um Hals und Brust des Mädchens geschlungen und mit einem Metallkorb verbunden, der neben ihm auf dem Beckengrund lag.

Solveigh wollte schreien, doch sie brachte nur ein Krächzen heraus. Dort unten lag Tamara. Sie war eine von ihnen. Und sie war tot.

1. Kapitel

Von der Ostsee her krochen Nebelschwaden wie tastende Finger über den Priwall. Die Luft war kalt und ungesund feucht. Super, dachte Timo Feldheim, als er aus dem warmen Auto stieg. Letzte Woche hatte er sich noch mit einer Bronchitis rumgequält, und heute wollte er an einem Orientierungslauf teilnehmen. Warum? Um Katja einen Gefallen zu tun? Es wird mich schon nicht umbringen, vermutete er und sah sich nach einem Stück Holz um, auf das er klopfen konnte. Blöder Aberglaube. Er würde es eben ruhig angehen lassen. Beim Orientierungslauf kam es ja nicht nur auf schnelles Laufen an, sondern auch auf die Fähigkeit, sich im Gelände zu orientieren und den schnellsten Weg von Posten zu Posten zu finden. Timo unterdrückte ein Husten.

Katja war ihm zum Startplatz vorausgegangen. Er beobachtete, wie sie Vereinskollegen begrüßte, den einen oder anderen umarmte und schnell im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Und wie immer, wenn er sie sah, war er stolz auf sie.

»Wir müssen uns heute ranhalten, Timo«, sagte Katja, als er hinzukam. »Gunnar vom TSV hat eben eine Superzeit vorgelegt: achtunddreißig Minuten, fünfzehn Sekunden. Ich fress ’nen Besen, wenn der diesmal besser ist als wir.«

»Du bist doch super in Form, Katja«, murmelte er. Nur keine Diskussion vor dem Start! Es reichte, wenn sie den Rest des Sonntags schlecht gelaunt sein würde, falls sie zu langsam war.

»Timo überlässt es mal wieder mir, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Er könnte Gunnar auf der Drei-Komma-fünf-Kilometer-Bahn mit Leichtigkeit schlagen«, sagte Katja zu den Umstehenden. Es klang scherzhaft, aber er spürte die Spitze.

»Ich konzentriere mich auf die Acht-Kilometer-Strecke«, erklärte er und ärgerte sich, dass es wie eine Rechtfertigung klang.

»Schaut mal! Da kommen die ersten Kinder zurück«, rief Thomas Landwehr und lenkte so von der Auseinandersetzung ab. Alle blickten den Fliegerweg hinunter. Zwei junge Läufer näherten sich dem Ziel und lieferten sich zum Abschluss ein Wettrennen um den ersten Platz. Landwehr ging zur Stoppuhr, die auf einem Klapptisch bereitstand, um die Zeiten abzulesen. Der Junge überholte das Mädchen auf den letzten Metern. Er keuchte und strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. Das Schulterklopfen und die lobenden Worte der Erwachsenen schienen ihm peinlich zu sein. Das Mädchen, das kurz nach ihm eintraf, warf ihm einen bösen Blick zu.

»Habt ihr alle Posten gefunden?«, fragte Landwehr, kaum dass sie zu Atem gekommen waren.

»Nein, den achten … den hab ich nicht. Ich glaub, den hat mal wieder jemand geklaut«, beschwerte sich das Mädchen mit glühenden Wangen. Der Junge nickte zustimmend.

»Ich werde es nachprüfen«, antwortete Landwehr und machte sich eine Notiz auf ihren Laufkarten.

»Waren die anderen weit hinter euch zurück?«, fragte eine Frau, von der Timo wusste, dass ihr siebenjähriger Sohn ebenfalls auf der Kinderstrecke gestartet war.

»Es geht. Die kommen bestimmt auch bald.«

»Du musst ihnen von dem Typen erzählen, Lasse«, sagte das Mädchen.

»Was denn für ein Typ?«, hakte Katja nach.

Timo musterte sie überrascht. Sie machte sich nichts aus Kindern. Ihr Sohn Alexander lebte bei seinem Vater und kam nur gelegentlich für ein Wochenende zu Besuch. Und selbst dann beschäftigte er sich mehr mit dem Jungen als Katja. Sie versorgte ihn mit Nahrung, wie sie spöttisch zu sagen pflegte, kaufte ihm neue Klamotten oder mal ein Spiel für die Playstation, das war’s aber auch schon. Es war ungewöhnlich, dass sie die Kinder überhaupt beachtete.

Der Junge und das Mädchen wechselten einen Blick.

»Ich hab da einen komischen Typen in der Nähe des Postens ›Tanne‹ gesehen«, sagte er verlegen. Die Posten der Kinderstrecke waren nicht nummeriert, sondern mit Bildchen versehen, damit auch Kinder, die noch nicht lesen konnten, eine Chance hatten. Die älteren fanden das peinlich.

»Einen Spaziergänger?«

»Weiß nicht. Ich hatte das Gefühl, dass er uns beobachtet.«

Die Erwachsenen wechselten Blicke. Ein Spaziergänger war kein Problem. Manchmal sah auch der Förster nach dem Rechten, wenn ein Orientierungslauf stattfand. Die auf den Karten markierten Sperrzonen zu überlaufen war streng verboten, aber es passierte trotzdem hin und wieder, dass sich einer der Läufer nicht daran hielt. Doch es konnten sich alle möglichen Leute im Gelände herumtreiben …

»Hat er euch angesprochen?«, fragte Landwehr.

»Nein«, versicherte das Mädchen. »Der hat nur Vögel beobachtet. Lasse hat zu viel Fantasie.«

Das Gesicht des Jungen wurde noch röter. Er zuckte mit den Schultern und schlenderte dann betont lässig zu dem Tisch hinüber, auf dem eine Thermoskanne mit Tee und Kuchen für die Läufer bereitstanden.

Katja warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich werde mich mal warmlaufen. Ich bin gleich dran.« Sie küsste Timo flüchtig auf die Wange und trabte los.

Er sah ihr gedankenversunken nach. Die Ehe mit Katja war ihm nie besonders harmonisch erschienen. Das war auch nicht das, was er wollte. Auseinandersetzungen gehörten zu einer Beziehung dazu, aber in letzter Zeit übertrieb es Katja mit ihren Sticheleien. Timo erinnerte sich wieder daran, wie sein Bruder Michael ihn wenige Wochen vor der Hochzeit zur Seite genommen und gewarnt hatte.

»Überleg dir das mit Katja lieber noch mal. Frauen wie die brechen dir irgendwann das Herz«, hatte er ihm unter Einfluss mehrerer Gläser Bier zugeraunt.

»Halt dich da raus. Du kennst Katja doch gar nicht.«

»Sie ist nicht so wie meine Chrissie. Wie Mädchen, mit denen wir aufgewachsen sind, Timo. Denk mal daran, was sie durchgemacht hat. Wo sie herkommt.« Die Anspielung galt Katjas Jugend, die sie zum größten Teil in irgendwelchen Heimen verbracht hatte. Michael arbeitete als Sozialarbeiter in einer Wohngruppe mit schwer erziehbaren Jugendlichen, was ihn seiner Meinung nach dazu befähigte, über Katjas Charakter zu urteilen.

»Ich kenne Katja, und ich vertraue ihr.«

Sein Bruder hatte in sein frisch gezapftes Bier geschnaubt, sodass die Schaumflocken aufgeflogen waren. »Katja hat andere Werte als wir. Sie wird dich anlügen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie kann nichts dafür, aber wenn sie eins gelernt hat, dann, dass es nur einen Menschen auf der Welt gibt, auf den sie sich verlassen kann: sie selbst.«

»Bei Katja ist das anders. Halte du dich da raus, Micha!«, hatte er ihn angefahren.

Sein Bruder hatte das Thema nie wieder angesprochen. Und jetzt, Jahre später, musste Timo wieder an die Warnung denken. Katja hatte ihm gestern Abend ihre Pläne für die Zukunft dargelegt. Den Grund dafür, dass sie seltener in der Praxis erschien und abends oft so spät nach Hause kam. Verdammt, er liebte sie! Ihre Vergangenheit würde nicht zerstören, was sie sich in den Jahren gemeinsam aufgebaut hatten. Er musste Vertrauen haben … und Geduld. Timo beobachtete, wie sie jetzt in Richtung Startplatz lief. Sie hatte noch ein paar Minuten, bis sie ihre Laufkarte erhalten würde. Doch etwas stimmte nicht. Katja wurde langsamer, humpelte und blieb mit verzerrtem Gesicht stehen.

Timo ging zu ihr hinüber. »Was hast du?«, wollte er wissen.

»Ich bin im Wald in ein Loch getreten und umgeknickt. Erst dachte ich, es ist nichts, aber jetzt tut mein Knöchel höllisch weh.«

Er beugte sich hinunter und betastete ihr Fußgelenk. »So kannst du nicht starten, Katja.«

»Es geht gleich wieder. Ich bin jetzt dran.«

Eine Verstauchung, wenn nicht etwas Schlimmeres, dachte er. Sie waren beide Ärzte, arbeiteten in derselben Praxis. Eine Schnelldiagnose von ihm würde Katja schlecht aufnehmen.

»Noch vier Minuten«, sagte der Starthelfer.

Timo nahm Katjas Ellenbogen, doch sie schüttelte seine Hand ab und humpelte zum Startpunkt. »So kannst du doch nicht an einem Orientierungslauf teilnehmen, Katja«, rief er mahnend.

»Ist es mein Fuß oder deiner?«, fragte sie.

»Dann lauf doch! Viel Spaß!« Verdammter Ehrgeiz! Wollte sie die Strecke auf einem Bein zurücklegen?

»Noch drei Minuten.«

Katja nickte und versuchte aufzutreten, doch sie strauchelte und biss sich dabei auf die Lippe. »Okay, alles klar. Ich laufe nicht«, sagte sie. »Aber du hast doch Zeit, Timo. Starte du für mich!« Der eindringliche Blick ihrer grünen Augen war unwiderstehlich.

»Kann ich mit der Startnummer und Karte meiner Frau laufen?«, fragte Timo den Starthelfer, der Katjas Laufkarte für sie bereithielt.

»Meinetwegen, ist ja nur ein Trainingslauf. Aber beeilt euch.«

Timo streifte sich Katjas Startnummer über und nahm die Karte entgegen, auf der die Posten im Gelände markiert waren. Er zückte seinen Kompass. Also los, er würde es Gunnar schon zeigen!

Die Laufstrecke führte ihn vom Fliegerweg zunächst in Richtung Norden. Er überquerte die Mecklenburger Landstraße, die sich in Ost-West-Richtung über die ganze Halbinsel zog. Früher hatte diese Straße quasi im Nirgendwo geendet, an der Zonengrenze zur ehemaligen DDR. Noch etwa fünfhundert Meter, dann müsste er zum ersten Posten von Bahn B gelangen, gelegen an einem Wurzelstock. Als er den Wimpel im Unterholz aufblitzen sah, lief er das letzte Stück querfeldein, markierte seine Laufkarte mit der Lochzange und orientierte sich dann in Richtung Ostsee.

Er atmete gleichmäßig. Seine Bronchien kamen mit der feuchten Seeluft gut zurecht. Am Sportboothafen konnte er im Dunst den roten Backsteinturm des Travemünder Leuchtturms erkennen. Der Nebel schien sich zu lichten. Mühelos fand er den zweiten Posten. Beim Aufrichten sah er eine schneeweiße Ostseefähre, die gerade aus der Trave-Mündung in Richtung Skandinavien steuerte. Auf dem asphaltierten Weg am Hafenbecken entlang legte er an Tempo zu. Nachdem er den dritten Posten gefunden hatte, führte ihn der Weg ins Dünengebiet. Das Laufen im Sand war anstrengend, aber er lag gut in der Zeit. Noch ein Posten, und weiter ging es in Richtung Süden, durch eine wie verlassen daliegende Ferienhaussiedlung und dann auf die andere Seite der Halbinsel.

Timo durchquerte ein Waldstück. Vor ihm lag eine steppenartige Graslandschaft mit vereinzelten Inseln aus höherem Bewuchs, die sich bis zum Wasser hinzog. Er kontrollierte Karte und Kompass und suchte eine Landmarke, die ihm die Richtung weisen konnte. Für andere Aspekte seiner Umgebung hatte er keinen Blick übrig, einzig der nächste Posten war wichtig. Dicht am Waldrand befand sich eine Art Kuppe, die mit hohen Büschen bewachsen war. Weiter hinten entdeckte er den orange-weißen Wimpel … Er lief mit langen Schritten, fühlte sich geradezu euphorisch. Das Runner’s High? Nicht so früh! Doch das Hochgefühl verging so schnell, wie es gekommen war. Mit einem Mal spürte er, dass er beobachtet wurde, und erinnerte sich an das, was die Kinder erzählt hatten. Nicht ablenken lassen! Wenn man an einem Posten falsch lochte, war man für gewöhnlich aus der Wertung raus. Er erreichte den Posten und konzentrierte sich auf Lochzange und Karte. Den Gewehrlauf, der aus der Öffnung eines Holzschuppens im Wald auf ihn gerichtet war, sah er nicht.

Der erste Schuss trat in Timos Hinterkopf ein, und das Projektil zerstörte binnen Sekundenbruchteilen sein Gehirn. Er hörte nicht einmal mehr das Schussgeräusch. Die Kugel zerfetzte beim Austritt seinen Augapfel und das umgebende Gewebe. Der zweite Schuss traf ihn an der Schulter und riss ihn zur Seite. Sein vom Laufen erhitzter Körper fiel neben der Kontrollzange zu Boden. Das dritte Projektil schoss über Timos Körper hinweg und blieb in einem abgestorbenen Baumstumpf stecken. Timos eben noch energiegeladener Körper lag reglos im nassen Gras. Die zerstörte Seite des Gesichts mit der leeren Augenhöhle war dem grauen Himmel zugewandt. Die Mischung aus Blut, Gehirnmasse und versengter Haut würde, wenn der Mensch nicht eingriff, bald Möwen, Füchse und kleinere Lebewesen anlocken, ihren Dienst als Aufräumpolizei der Natur zu versehen.

2. Kapitel

Was ist denn heute bloß los da drüben?«, fragte die Frau mit der gelben Warnweste, die das Geld für die Fährüberfahrt kassierte. »So einen Andrang hatten wir schon seit Wochen nicht mehr.«

Pia Korittki, Kriminaloberkommissarin bei der Lübecker Bezirkskriminalinspektion, nahm den Fahrschein und das Wechselgeld durch das geöffnete Autofenster entgegen. »Bei einer Sportveranstaltung auf dem Priwall hat es einen Unfall gegeben«, gab sie vage Auskunft. Das war nur unwesentlich weniger, als sie selbst wusste. Sie war erst vor einer halben Stunde telefonisch darüber informiert worden, dass sie zu einem Einsatz erwartet wurde.

»Der Rettungswagen ist schon wieder zurückgekommen, und der hatte es nicht besonders eilig. Dann erwarten wir demnächst wohl einen Leichenwagen …«, meinte die Frau und blinzelte Pia neugierig an.

»Dazu kann ich Ihnen nichts sagen. Einen schönen Tag noch«, antwortete sie und hob zum Abschied kurz die Hand. Ein Toter bei einem Orientierungslauf auf dem Priwall. Eine tödliche Schussverletzung, mehr wusste sie auch noch nicht. Sie fuhr auf die Fähre und schaltete den Motor aus.

Die Überfahrt dauerte nur wenige Minuten, und während Pia zusah, wie der u-förmige Komplex einer Seniorenwohnanlage, die direkt auf der anderen Seite am Trave-Ufer lag, immer näher kam, versuchte sie, sich darauf einzustellen, was sie am Einsatzort erwartete. Angehörige, wahrscheinlich waren bei einer Veranstaltung an einem Sonntag Angehörige des Toten anwesend. Bei einer Sportveranstaltung gab es viele Personen, die auf die eine oder andere Art involviert waren. Und alle würden befragt werden müssen.

Links, ein Stück in Richtung Flussmündung, konnte Pia die Passat im Wasser liegen sehen. Die Viermastbark mit ihren hoch in den Himmel ragenden Masten sah so aus, als könnte sie jederzeit zu ihrer nächsten Weltreise auslaufen – doch in Travemünde war Endstation. Nun konnte man die Passat für Feste mieten, Hochzeitsfeiern beispielsweise … Was Pia an ihr Vorhaben für diesen Sonntag erinnerte, das sie jetzt getrost vergessen konnte.

Es gab einen leichten Ruck, die Fähre legte an, und die rot-weiße Schranke hob sich. Ein gemeinsames spätes Frühstück mit ihrem Freund mit frischen Brötchen und Milchkaffee war vorhin zu einem hastigen Toast zwischen Dusche und Schlafzimmer mutiert. Danach, irgendwann am frühen Nachmittag, hatte sie mit Hinnerk zu ihren Eltern fahren wollen. Wollen … Na ja, es wurde langsam Zeit, sie darüber in Kenntnis zu setzten, dass sie Großeltern wurden: im April nächsten Jahres …

Sie legte den Gang ein und fuhr an. Während Pia den Wagen die leicht ansteigende Straße in Richtung Osten lenkte, dachte sie daran, wie lange sie noch ihre Augen vor den anstehenden Veränderungen würde verschließen können. Außer ihrem Freund Hinnerk, der nach dem zu erwartenden anfänglichen Schock den Ereignissen mit einer gewissen Vorfreude entgegensah, und ihrem Chef, der weniger freudig reagiert hatte, es nach dem dritten Monat der Fairness halber aber hatte erfahren müssen, hatte sie es noch niemandem erzählt. Sie wusste ja selbst nicht genau, wie sie dazu stand. Neben verhaltener Freude und einer gewissen Neugierde beherrschte eine große Portion Skepsis ihre Gedanken. Job und Kind … ein banales Problem, nichtsdestotrotz ein Problem.

Ein Kind war nicht geplant gewesen. Sie hatte gerade so gut Fuß gefasst in ihrem Job und wollte weiterkommen. Außerdem war sie erst seit eineinhalb Jahren mit Hinnerk zusammen. Es war ihre längste Beziehung überhaupt, und sie glaubte, dass sie ihn liebte, aber von einem gemeinsamen Kind war nie die Rede gewesen. Irgendwann einmal, ja … und wenn sie vorher darüber nachgedacht hätte, dann wäre Hinnerk wohl der potenzielle Vater ihrer Wahl gewesen. Nun, da die Realität sie eingeholt hatte, war alles ein einziges Chaos. In gewisser Hinsicht kam es ihr gelegen, dass sie heute arbeiten musste. Ein Aufschub …

Pia fuhr die Mecklenburger Landstraße hinunter, am ehemaligen Priwall-Krankenhaus vorbei. Das Klinik-Gelände mit dem hohen Baumbestand sah verlassen aus. Soweit sie wusste, wurden zwei der kasernenartigen Gebäude als Magazin für Bestände der Stadtbibliothek Lübeck genutzt, ansonsten suchte man wohl noch nach einem Käufer.

Der Tatort lag gegenüber der Ferienhaussiedlung hinter einem Waldstück. Pia stellte ihren Citroën, der sich immer in irgendwelche Lücken quetschen ließ, zu den hundertfünfzig anderen Fahrzeugen am Fahrbahnrand und nahm den abgesperrten Pfad durch den Wald in Richtung Wasser. Auf dieser Seite der Halbinsel war das nicht die Ostsee oder die Trave, sondern die Pötenitzer Wiek, erinnerte sie sich.

»Wenn mich mein Gefühl nicht trügt, sind wir heute bestimmt nicht pünktlich zum Tatort zu Hause«, begrüßte Heinz Broders sie, als Pia bei den anderen eintraf. Er war einer ihrer Kollegen vom K1.

»Ich habe es nicht eilig«, sagte sie und sah sich um. Jemand hatte einen Polizeibus über Stock und Stein hierhergefahren, und ein Kollege in Uniform stand mit einem Klemmbrett am Wagen, verteilte Aufgaben und gab Auskünfte. Nachdem Pia sich gemeldet und ihre Anweisungen erhalten hatte, wandte sie sich wieder Heinz Broders zu. »Ich weiß bisher nur, dass da draußen ein Toter im Gelände liegt. Erschossen. Wonach sieht es denn aus, Unfall oder Mord?«

Broders, der einen seiner Stiefel neu schnürte, sah zu ihr auf. »Bisher hat sich niemand gemeldet, der hier herumgeschossen und versehentlich einen Läufer umgelegt hat.« Er richtete sich mit einem leichten Ächzen wieder auf.

»Also ein Mord.« Pia musterte die unwirtliche Umgebung. Der Wind hatte nachgelassen, aber die Sonne hatte nicht genug Kraft, die Wolkendecke zu durchbrechen. Hin und wieder war sie als blasse Scheibe im grauen Dunst zu erkennen.

»Genau. An späte Reue glaube ich nicht. Höchstens an gerissene Anwälte«, antwortete Broders. Er deutete hinüber zum abgesperrten Bereich, wo das Spurensicherungsteam bei der Arbeit war. »Siehst du den Holzschuppen dahinten? Vermutlich hat der Schütze sich dort versteckt, als er die tödlichen Schüsse abgegeben hat.«

»Gibt es Patronenhülsen?«

»Ja, eine. Die hat der Täter wohl nicht wiedergefunden, so finster, wie es da drinnen ist. Vielleicht war er in Eile.«

»Also sind mehrere Schüsse abgegeben worden?«

»Drei, wie es aussieht.«

»Haben die Kriminaltechniker noch andere tatrelevante Spuren gefunden?«, fragte Pia. Sie wusste, dass Broders immer einer der Ersten aus ihrem Kommissariat war, der irgendwo auftauchte, und deshalb meistens zur Tatortarbeit eingeteilt wurde.

»Bisher sieht es schlecht aus. Hier wirft doch jeder seinen Dreck hin, wie es ihm passt.«

»Gibt es irgendwelche Zeugen?«

»Nicht direkt. Die Läuferin, die nach dem Opfer gestartet ist, hat die Leiche entdeckt und einen Schock erlitten. Unser Chef rotiert. Wir haben fünfunddreißig Teilnehmer der Sportveranstaltung nebst Begleitung, die wir alle befragen müssen.«

»Ich bin auch zu den Befragungen eingeteilt worden«, sagte Pia. »Kannst du mir etwas mehr über das Opfer erzählen?«

»Ein achtunddreißigjähriger Arzt namens Timo Feldheim. Er hatte mit seiner Frau zusammen eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Lübeck. Vielleicht kennst du ihn?« Er sah sie spöttisch an.

»Nein. Ein Arzt also … und er war verheiratet.«

»Ja. Der Name seiner Frau ist Katja Simon. Sie ist auch hier. Ich habe sie kurz gesehen, als Gabler mit ihr sprach. Sie hat ein Alibi«, setzte er hinzu. »Wäre aber auch zu einfach gewesen, nicht wahr?«

Pia wollte sich nicht auf weitergehende Diskussionen über den Fall mit Broders einlassen. Er war ein erfahrener Kriminalbeamter, dessen Wissen und Urteilsvermögen sie schätzte. Allerdings neigte er ihrer Ansicht nach zu einer gewissen Voreingenommenheit, die er wohl als »Welterfahrenheit« bezeichnet hätte. Vielleicht einer der Gründe, weshalb er trotz langer Dienstjahre im K1 noch nicht weiter aufgestiegen war. Sie wusste nicht, ob er das bedauerte; sie wusste überhaupt wenig über seine Hoffnungen und Pläne. Manchmal war es schwierig, mit ihm auszukommen, aber im Grunde konnte sie auf ihn zählen. Er würde mir fehlen, wenn er nicht mehr dabei wäre, dachte sie. Wie kam sie jetzt auf diesen Gedanken? Lag es an der düsteren Stimmung hier?

»Ich werde mir mal ein schönes Plätzchen für meine Befragungen organisieren«, sagte sie. »Wir sehen uns später noch.«

»Der Tod trat zwischen elf Uhr fünfzig, das ist der Zeitpunkt, als Timo Feldheim zuletzt gesehen wurde, und zwar am Startplatz am Fliegerweg, und zwölf Uhr zwanzig ein. Zu dem Zeitpunkt hatte die Läuferin den Toten gerade gefunden und war zum Startplatz zu den anderen zurückgelaufen. Und wir haben Zeugen, die die Schüsse gehört haben wollen, und zwar ziemlich genau um zwölf Uhr. Jetzt ist es neunzehn Uhr fünfundvierzig, und wir haben noch keinen konkreten Hinweis auf die Identität des Schützen. Sollten sich die Verdachtsmomente in Richtung eines Kapitalverbrechens verdichten – und es sieht alles danach aus –, wird umgehend eine Mordkommission gebildet werden. Ich habe organisiert, dass wir ab morgen Verstärkung für unser Team aus Kiel bekommen werden.« Horst-Egon Gabler, der Leiter des K1 der Bezirkskriminalinspektion Lübeck, hatte seine Leute um den Einsatzbus herum versammelt. Ein Mord in einem Naturschutzgebiet auf dem Priwall – und nur drei viertel seiner Leute waren zurzeit einsatzfähig. Eine Welle grippaler Infekte und eine länger währende Erkrankung eines Kollegen hatten das Team in den letzten Tagen drastisch dezimiert.

Kein Wunder, dass er auf die Ankündigung meiner Schwangerschaft vorgestern so gereizt reagiert hat!, dachte Pia. Seine Mordkommission bestand nur noch aus acht Leuten.

Sie betrachtete reihum die aufmerksamen, leicht angespannt aussehenden Gesichter ihrer Kollegen, die im Licht der Scheinwerfer blass aussahen. Die, die hier waren, waren alle voll dabei, keine Frage. Der merkwürdige Todesfall auf dem Priwall hatte ihren Tatendrang geweckt. Sogar auf Gabler schien dieser Fall, nach immerhin dreißig Jahren im Polizeidienst, wie Pia vermutete, noch diese Wirkung zu haben. Er hob wieder die Stimme:

»Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass die besonderen Umstände des Falles Aufsehen erregen und das Interesse der Presse in besonderem Maße auf sich ziehen werden. Dass nichts von unseren Ergebnissen nach außen dringen darf, muss ich Ihnen ja nicht erzählen. Die Pressemeldungen laufen über mich und unsere beiden Pressesprecher.«

»Hier war vorhin schon Presse vor Ort«, warf einer der Männer ein.

»Ich weiß. Gab es besondere Vorkommnisse?«

»Ein Reporter war sehr früh am Tatort. Er wollte angeblich etwas über den Orientierungslauf schreiben. Muss für ihn gewesen sein, als fielen Weihnachten und Ostern auf einen Tag, unverhofft so einen dicken Fisch am Haken zu haben.«

Ein paar Männer lachten leise auf.

»Der hat auch mit ein paar Läufern geredet, und ich hörte die was von einem Sniper munkeln …«, sagte Michael Gerlach, der mit Cola-Flasche und einer Familienpackung Butterkeksen an den Bus gelehnt dastand. Pia hörte, wie ihr Magen leise knurrte.

»Für einen Sniper gibt es überhaupt keinen Hinweis!«, erwiderte Gabler eisig. Die Idee, ein Heckenschütze könne sich auf dem Priwall hinter ein paar Büschen verborgen haben, um wahllos auf seine Mitmenschen zu schießen, war so abwegig, wie er unheimlich war. »Wir müssen mit dem Reporter reden.«

»Der Fall heute könnte mit einiger Fantasie an Vorfälle erinnern, wie wir sie aus den Vereinigten Staaten kennen«, sagte Broders, der schräg hinter Pia stand.

»Was meinen Sie, Broders?« Gabler klang ungeduldig.

»Ich sage nur: John Allen Muhammad und Lee Boyd Malvo, 2002 in Washington. Oder Howard Unruh, 1949. Übrigens der erste Heckenschütze, der seine Opfer willkürlich aussuchte …«

»Wir sind hier aber nicht in den Vereinigten Staaten.«

»Trotzdem sollten wir die Möglichkeit in Erwägung ziehen. Hamburger und Coca-Cola sind schließlich auch hier angekommen.«

So wie Broders die Namen und Jahreszahlen herunterleierte, waren Sniper wohl sein heimliches Hobby, vermutete Pia. Vielleicht hatte er schon länger darauf gewartet, dieses Wissen mal vor versammelter Mannschaft anbringen zu können? Hatte es tatsächlich einmal einen bekannten Kriminellen namens Unruh gegeben – Unruh wie Marten Unruh, ein ehemaliger Kollege von ihnen beim K1, dessen Existenz Pia seit Wochen fast erfolgreich verdrängte? Oder hatte Broders nur die Gelegenheit ergriffen, die Namensgleichheit für einen Seitenhieb auf sie zu nutzen?

Unsinn!, ermahnte sie sich. Es fehlte nur noch, dass sie paranoid wurde!

Gabler zog es vor, nicht weiter auf Broders’ Ausführungen einzugehen. »Wenn der Tod des Mannes kein Unfall war, dann hatte der Schütze hoffentlich ein Motiv, gerade diesen Läufer zu erschießen. Unsere Chancen stehen ausgesprochen gut, solange es sich bei dem Mord um eine Beziehungstat handelt.«

Und wenn es keine Beziehungstat war?, dachte Pia. Der Horror eines jeden Ermittlers: Jemand kam, suchte sich ein Versteck, zielte, erschoss den nächstbesten Menschen, der ihm vor die Flinte lief, und verschwand. Für den Kick, den Spaß, was auch immer. Niemand wusste, was in den Köpfen der Menschen so vor sich ging …

3. Kapitel

Helga und Gunnar waren nach dem schockierenden Vorfall auf dem Priwall mit zu Katja nach Hause gefahren. Sie hatten sie auf ihr Sofa gesetzt, in eine Wolldecke eingewickelt und ihr einen Becher mit heißem Kakao in die Hand gedrückt. Roxy, Katjas Golden-Retriever-Hündin, lag schwer auf ihren Füßen und döste. Hieß es nicht, dass Hunde ein Gespür für menschliche Stimmungen haben? Dieser wohl nicht.

Die hilfsbereite Helga war Mitglied in ihrem Verein. Katja traf sie oft auf OL-Veranstaltungen, und sie wechselten immer ein paar Worte, wenn sie sich sahen. Dass Gunnar mitgekommen war, war schon ungewöhnlicher. Irgendwie hatte es sich so ergeben, dass von den Leuten, die sie kannte, nur noch er und Helga auf dem Priwall gewesen waren, als die Polizei sie endlich aus ihren Fängen entlassen hatte. Katja beobachtete die beiden über ihren Becher hinweg: Rührend besorgt waren sie, aber auch aufreizend hilflos bei ihren Versuchen, die groteske Situation einigermaßen zu handeln. Helga hatte sie schon zum dritten Mal gefragt, ob sie jemanden für Katja anrufen sollte. Mit jeder Verneinung schien ihr Widerwille gegen die selbst auferlegte Aufgabe zu wachsen. In ihren Augen musste eine Frau, deren Mann gerade erschossen worden war, den Wunsch hegen, eine Batterie Freundinnen und Verwandte um sich zu scharen.

Alles nur das nicht!, dachte Katja. Und selbst wenn sie es gewollt hätte, wäre ihr niemand eingefallen, den sie hätte anrufen lassen können.

Gunnar, der ehrgeizige, sportliche Gunnar, beschränkte sich auf praktische Hilfeleistungen: Licht an- und ausknipsen, Heizungsthermostate kontrollieren, fragen, ob er eine Pizza bestellen oder Brote schmieren sollte … Als nichts mehr zu tun war, ließ er sich in einen der Sessel sinken und streckte die langen Beine von sich, die immer noch in Trainingshosen und Schienbeinschonern steckten.

Katja fand es ungewohnt, ihn in ihrer vertrauten privaten Umgebung zu sehen. Timo hätte es nicht gefallen. Sie stellte den noch unberührten Kakaobecher auf dem Beistelltisch ab und stupste den Hund etwas zur Seite. Ihr war klar, dass sie noch nicht richtig begriffen hatte, was heute passiert war. Es kam ihr irreal vor. Erwarteten die beiden jetzt, dass sie heulte und jammerte? Dann würde sie sie enttäuschen. Sie kannten sie nicht – die wahre Katja. Heimkinder weinen nicht so leicht, das zumindest hätte Timo verstanden. Der Schmerz über seinen Tod würde kommen, wahrscheinlich heute Nacht, wenn sie allein war.

Helga gab als Erste auf. Sie verabschiedete sich mit umständlichen Entschuldigungen und entschwand dann sichtlich erleichtert nach draußen.

Nachdem sie gegangen war, erhob sich Gunnar aus dem Sessel. »Soll ich noch mal mit dem Hund gehen?«, fragte er wie ein Lehrling, der endlich Feierabend machen wollte, aber nicht danach zu fragen wagte.

Katja winkte ab. »Das vorhin war genug. Du kannst auch fahren, Gunnar. Ich komm jetzt allein klar.«

»Wirklich? Ich habe ein Schlafsofa bei mir im Arbeitszimmer stehen. Du musst hier heute Nacht nicht allein bleiben, nachdem …« Er war sichtlich verlegen. Zum einen, weil er nicht wusste, wie er über Timos Tod sprechen sollte, zum anderen wegen des daraus resultierenden Übernachtungsangebotes.

Katjas Mund verzog sich zu einem schwachen Lächeln. »Es ist für mich in Ordnung, hier zu sein. Es ist unser … jetzt mein Haus. Alles bestens.« Das war ja wohl die unpassendste Bemerkung, die ihr hatte einfallen können! Trotzdem, sie war froh, gleich allein zu sein.

Als die Haustür endlich hinter Gunnar zugefallen war, stand sie einen Moment unschlüssig in der Diele. Sie drehte den Haustürschlüssel zweimal im Schloss und zog ihn ab. Nun war sie allein. Timo war … woanders. Nein, realistisch bleiben: Sein Körper war im Institut für Rechtsmedizin. Sie kannte die Metallbahren und die Kühlfächer noch aus ihrem Medizinstudium. Sein Geist, seine Seele … existierten nüchtern betrachtet nur noch in ihrer Erinnerung.

Unruhig wanderte sie durch das große Haus, das Timo und sie zusammen geplant und gebaut hatten. Ihre Schritte hallten von den glatten Oberflächen, den Granitböden, Fensterflächen, gespachtelten Wänden und lackierten Möbelfronten, wider. Sie hatten es sich alles so, genauso, ausgesucht. Was kümmerte es sie, dass anderen ihr Haus nicht gefiel? »Kalt wie der neue Berliner Hauptbahnhof«, hatte eine Nachbarin gelästert, nachdem ihr Zweijähriger erst gerannt, dann – welche Überraschung! – gestolpert und mit der Stirn auf den Granit aufgeschlagen war. Nachdem sie die Beule des Kindes mit einer Packung Mozzarella aus dem Kühlschrank gekühlt hatten – etwas Besseres hatte Katja nicht zur Hand gehabt, aber gefunden, dass das Zeug prima funktionierte –, war die Stimmung bei dem Antrittsbesuch auf den Nullpunkt gesunken. Katja hatte die Nachbarin seitdem nur noch aus der Ferne vor ihrem Häuschen im Friesenstil gesehen.

Nun war sie also ganz auf sich gestellt, in einer Nachbarschaft, die das neue Haus aus Glas und Beton mit einer Mischung aus Neid und Verachtung betrachtete. Aber eigentlich war das nichts Ungewohntes für sie. Sie kam mit dem Alleinsein gut klar. Freundinnen … Das letzte Mal, dass sie Freundinnen gehabt hatte, war lange her. Und nur zu einer von ihnen hatte sie noch Kontakt: zu Solveigh Pahl, nun Solveigh Halby, ausgerechnet die, die sie von den drei Freundinnen ihrer Jugendzeit am wenigsten mochte. Aber eine Solveigh hatte wohl fast jeder im Leben: ein treues Anhängsel, loyal und anspruchslos. Nur leider kein Mensch, auf den sie bauen wollte, wenn sie selbst in Schwierigkeiten steckte. Solveigh konnte sich nicht einmal selbst helfen.

War sie denn in ernsten Schwierigkeiten? War sie in Gefahr?

Zunächst war Katja von einem Unfall ausgegangen: Timo war von einer verirrten Kugel getroffen worden, hatte sie sich gesagt. Damals in Kargau war ein Jäger auch mal lebensgefährlich verletzt worden … So etwas kam hin und wieder vor. Aber gleich zwei Kugeln? Es musste ein Irrer gewesen sein, der im Wald herumgeschossen hatte. Gruselig, makaber, aber auch das passierte.

Nur das eine, dass jemand absichtlich auf Timo geschossen hatte, konnte sie sich nicht vorstellen.

Katjas Wanderung durch das Haus endete oben im Schlafzimmer. Sie blieb vor der Fensterfront stehen, durch die man bei guter Sicht über eine Kuhweide bis hin zu einem entfernten Knick blicken konnte. Irgendwo dahinter lag die Ostsee. Es war Timos Wunsch gewesen, ein Schlafzimmer nach Osten heraus zu bauen, wegen des Sonnenaufgangs.

Ein schmerzhafter Schluchzer blieb Katja im Hals stecken, als sie daran dachte, wie sie darüber diskutiert hatten. Sie lehnte die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe und starrte in die Nacht hinaus. Kein Stern war zu sehen, nicht mal der Mond, der heute Nacht fast voll war.

Die Lichter ihres Hauses warfen helle, verzerrte Rechtecke auf die Rasenfläche. Sie konnte sogar ihren eigenen Schatten sehen. Gut sichtbar, wie eine Zielscheibe stand sie da, mit dieser Festbeleuchtung im ganzen Haus. Sie hatte mal gelesen, dass Soldaten im Krieg oft absichtlich danebenschossen, einfach weil sie die natürlichen Hemmungen, einen Schuss auf einen Menschen abzugeben, nicht überwinden konnten. Man hatte Abhilfe geschaffen, indem beim Schießtraining nicht auf runde Zielscheiben, sondern auf solche mit menschlichen Proportionen geschossen wurde – und voilà: Mit einiger Übung verloren sich die Hemmungen.

Der Schütze heute hatte auch keinerlei Hemmungen gekannt.

Katja zog die Vorhänge zu. Für sie ein drückendes Gefühl des Eingesperrtseins, aber immer noch besser, als sich beobachtet zu fühlen. Von wem? Von Holsteiner Kühen? Sie würde sich eine Flasche Rotwein mit nach oben nehmen und den Rest der Welt aussperren, dachte sie. Sie musste nur noch das Licht unten löschen.

Als Katja ins Wohnzimmer kam, erhob sich Roxy vom Sofa. Der Hund folgte ihr quer durch den Raum, wo sie hier eine Stehleuchte und dort eine Tischlampe ausschaltete. Gunnar hatte wirklich jeden auffindbaren Schalter betätigt. Da nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung hinter der Fensterfront wahr. War jemand in ihrem Garten? Kurz dachte sie an die Leute von der Presse, die heute auf dem Priwall aufgetaucht waren … Aber wenn jemand auf dem Grundstück wäre, würde der Hund doch bellen, oder? Katja war sich nicht sicher. Roxy war kein Wachhund, und ihr Revier beschränkte sich auf den Vorratskeller und den Kühlschrank.

Katja schaltete die letzte Lampe im Wohnbereich aus, doch der Lichtschein, der aus dem offenen Küchenbereich drang, verhinderte, dass sie mehr als die dunklen Umrisse der Büsche erkennen konnte. Bei der Gartengestaltung hatten sie und Timo absichtlich auf einen Zaun verzichtet, um den Eindruck von Weite und Großzügigkeit zu bewahren. Das jedenfalls war die offizielle Version. Timo hatte gewusst, dass Katja Zäune und Mauern verabscheute. Jeder konnte ihr Grundstück betreten. Wenn es Presseleute waren, hätte sie doch Autos kommen gehört? War das etwa ein Nachbar, der schon von Timos Tod erfahren hatte? Bloß das nicht! Wenn es klingelte oder klopfte, würde sie es ignorieren.

Sie löschte auch in der Küche das Licht. Roxy stand stocksteif neben ihr und hatte die Ohren gespitzt. Aus Richtung Diele und Hauswirtschaftsraum war ein leises Knacken zu hören. Das war nur die Gastherme – gleich würde ein monotones Rauschen zu hören sein, wenn die Pumpe wieder einsetzte. Aber es folgte nichts dergleichen. Stattdessen war aus Roxys Kehle ein leises Knurren zu vernehmen. Wieder dieses knackende Geräusch, undefinierbar, woher es kam. Der Gedanke, der nun folgte, verursachte Katja ein Gefühl wie bei einem kalten Schauer: Verdammt! Hatte sie beim Verlassen des Hauses heute Morgen überhaupt die Nebeneingangstür, die vom Hauswirtschaftsraum zum Carport führte, verschlossen? Katja war zurückgelaufen, um sich noch ein zweites Paar Laufschuhe zu holen. Sie hatten es eilig gehabt, und sie konnte sich jetzt nicht mehr erinnern, ob sie hinter sich abgeschlossen hatte. Vielleicht war jemand durch die Nebeneingangstür hereingekommen und stand nun, fünf Meter von ihr entfernt, im Hauswirtschaftsraum und wartete. Worauf? Dass sie nach oben ging und einschlief?

War es derjenige, der auf Timo geschossen hatte? War sie ebenfalls in Gefahr? Sie weigerte sich, weiter in diese Richtung zu denken. Sie musste sich auf das Praktische konzentrieren, wenn sie nicht den Verstand verlieren wollte: Was konnte sie tun? Aus dem Haus rennen und wegfahren oder im Nachbarhaus klingeln? Jemanden anrufen? Die Polizei? Katja konnte sich vorstellen, was die denken würden, wenn sie jetzt dort anrief: ein Nervenzusammenbruch! Kein Wunder, nachdem jemand ihren Mann heute Nachmittag quasi vor ihren Augen erschossen hatte. Und bis ein Streifenwagen hier wäre, hätte sich die Situation sowieso auf die eine oder andere Art und Weise entschieden.

Fast wünschte Katja sich, ein weiteres Geräusch aus dem Raum nebenan zu hören, einfach um sicher zu sein. Sollte sie den Hund dorthin schicken? Timo würde sich jetzt eine x-beliebige Waffe greifen und nachsehen. Vielleicht die Bronzeskulptur der nackten Frau im Esszimmer? Oder ein Messer? Es klopfte leise an der Haustür. Um einen Aufschrei zu unterdrücken, presste Katja ihre Hand vor den Mund.

4. Kapitel

Katja stand reglos in der Diele. Im Dämmerlicht sah sie, wie sich die Türklinke der Haustür langsam, ganz langsam, nach unten bewegte. Roxy knurrte kurz, dann bellte sie laut. Katja war sich sicher, dass sie abgeschlossen hatte. »Wer ist da?«, rief sie laut. Nichts. »Sagen Sie, wer Sie sind, oder verlassen Sie sofort mein Grundstück!«

»Katja, ich bin’s nur. Solveigh …«

Die dumme Nuss! Vor Erleichterung leise fluchend, öffnete Katja ihrer Freundin die Tür. Vorhin hatte sie noch an sie gedacht, und nun war sie da.

»Ihr wart doch auf dem Priwall heute? Bei einem Orientierungslauf, das hast du mir neulich erzählt. Ich habe den ganzen Nachmittag versucht, dich anzurufen. Auf dem Handy ging keiner dran, und im Festnetz hat sich nur der Anrufbeantworter gemeldet. Euch ist doch nichts passiert, Katja, oder?«

»Es hat einen Unfall gegeben.« Katja fühlte sich wie erstarrt. Warum konnte sie es nicht sagen?

»Ich habe gehört, dass jemand erschossen wurde!«

Solveigh sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Katja, du bist so anders. Und wo ist Timo?«

Katja schwieg.

»Sag mir bitte, dass Timo nichts passiert ist!«

»Er ist tot, Solveigh. Er wurde beim Laufen von zwei Kugeln getroffen.«

Katja musste ihre Freundin auffangen, der direkt vor ihr die Knie nachgaben. Solveigh schluchzte. »Oh Gott, nein! Wie schrecklich! Wie kann denn so etwas passieren?« Katja bugsierte sie ins Wohnzimmer aufs Sofa, knipste das Licht wieder an und wickelte sie in die Decke, wie es Helga und Gunnar vorhin mit ihr getan hatten. »Einen Moment«, sagte sie und ging noch mal zurück in die Diele. Jetzt, in Gesellschaft eines anderen Menschen, selbst so einer Memme wie Solveigh, kam ihr das Knacken, das sie gehört hatte, längst nicht mehr so unheimlich vor. Sie riss die Tür zum Hauswirtschaftsraum auf: leer, wie es zu erwarten gewesen war. Die Nebeneingangstür war verschlossen. »Werd bloß nicht hysterisch«, flüsterte sie sich zu und ging zurück in den Wohnbereich. Solveigh saß noch so da, wie sie sie zurückgelassen hatte.

»Möchtest du einen heißen Kakao, zur Beruhigung?«

Solveigh nickte.

Katja griff nach dem vollen Becher, den sie auf dem Beistelltisch abgestellt hatte, und trug ihn leicht humpelnd zur Mikrowelle. Aufwärmen, das war ihre Spezialität! Es machte »Ping«, und der Kakao war wieder so heiß, dass Katja den Becher nur mit einem Topflappen anfassen konnte. Bestimmt genau das, was Solveigh jetzt brauchte, so verfroren und schockiert wie sie aussah. Wie ich jetzt eigentlich aussehen müsste, dachte Katja. »Was genau haben sie im Radio gesagt, Solveigh?«, fragte sie eindringlich.

»Bei einer Sportveranstaltung auf dem Priwall ist ein Läufer mit einer tödlichen Schussverletzung zusammengebrochen. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Etwas in der Art jedenfalls. Ich musste sofort an euch denken, aber ich hätte nie gedacht, dass Timo derjenige sein könnte, der …«

»Ich habe es auch noch nicht richtig begriffen.« Morgen vielleicht, dachte Katja, morgen oder irgendwann einmal.«

»Hat es … Warst du dabei, als es passiert ist?«

»Nein, ich war am Zieleinlauf. Ich hatte mir den Fuß vertreten und konnte nicht starten. Irgendwann kam die Läuferin, die nach Timo gestartet ist, ins Ziel gerannt. Weißt du, was ich in dem Moment gedacht habe? Mist, jetzt ist die schneller gewesen als Timo! Kannst du dir so was vorstellen?«

»Es ist nicht deine Schuld, Katja.«

»Die Frau hat erst nur geschrien. Dann haben wir langsam herausgekriegt, was sie gesehen hat. Sie muss fast über Timo gestolpert sein.«

»Das ist furchtbar, Katja. Hast du ihn … hast du Timo auch dort liegen sehen?«

»Natürlich. Ich musste ihn ja identifizieren.«

»War das … schlimm?«

»Ich bin Ärztin, Solveigh. Ich muss solche Dinge aushalten können. Es war halt nicht zu übersehen, dass er tot ist. Sein Auge, seine eine Gesichtshälfte – einfach weg.« Sie verstummte.

»Du musst nicht weitersprechen, wenn du nicht willst.«

»Doch – ich muss. Ich fühle mich schon die ganze Zeit wie betäubt. Das kann doch nicht gut sein.«

»Vielleicht ist es eine Schutzmaßnahme, bis du es verarbeiten kannst.«

»Du hattest schon immer ein Faible für Küchenpsychologie, oder?« Katja sah, wie ihre Freundin verletzt das Gesicht verzog, war aber nicht bereit, Rücksicht auf Solveighs Gefühle zu nehmen. Heute ging es ausnahmsweise mal nicht um sie. »Ich weiß nicht, ob man so etwas verarbeiten kann, Solveigh. Timo ist tot, und ich muss weiterleben. Die Umstände seines Todes wird die Polizei aufklären. Aber an der Tatsache, dass er niemals wiederkommt, ändert sich dadurch nichts.«

»Glaubst du, dass ihn jemand absichtlich erschossen hat?«

»Inzwischen schon. Ein Treffer ginge vielleicht noch als Unfall durch, aber zwei? Ich glaube, dass es jemand darauf angelegt hatte, einen der Läufer zu erschießen. Er hat den Moment abgewartet, als Timo seine Laufkarte gestempelt hat. Das war der Moment, in dem er still stand, verstehst du? Das war der Plan.«

Solveigh nickte. Sie sah ungewöhnlich bleich aus, und ihr sonst glattes Haar hing ihr in wirren Strähnen ums Gesicht. Katja drückte kurz Solveighs Arm, bevor sie aufstand. Nur so herumzusitzen war eine Qual für sie. Solveigh zuckte zusammen. Schweigend, mit einer Art grimmiger Entschlossenheit, drückte Katja noch einmal und etwas fester zu.

»Aua, was soll das denn?«

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, fragte Katja drohend. »Du hast es schon wieder zugelassen? Wir haben das doch schon bis zum Erbrechen durchgekaut, oder?«

»Du verstehst das nicht, Katja. Rainer meint es nicht so.«

»Was meint dein Ehemann nicht so? Dass ihm hin und wieder die Hand ausrutscht?«

»Es ist nicht so schlimm … Gar nicht schlimm, dieses Mal.«

»Du bist nicht meinetwegen hier, oder? Nicht aus Angst um mich und Timo, sondern weil dein Mann mal wieder ausgerastet ist?« Katja wusste nicht, worüber sie sich mehr ärgerte: dass Solveigh sich Rainers Handgreiflichkeiten immer wieder gefallen ließ oder dass sie vorgegeben hatte, aus Sorge um Katja hier zu sein, ohne zu erwähnen, vor allem ein paar Stunden aus ihrer Wohnung rauszumüssen. Wie oft hatte sie Solveigh schon zugeredet, diesen Kerl endlich zu verlassen! Einmal Opfer, immer Opfer? Es musste einen Weg geben, sich daraus zu lösen. »Ich hol mir jetzt was zu trinken«, sagte sie, »mit viel Alkohol. Willst du auch was?«

»Für mich nicht zu stark«, murmelte Solveigh beschämt.

Katja goss zwei Gläser Whisky ein – guter schottischer Dalwhinnie, fünfzehn Jahre alt, die Sorte, die Timo bevorzugt hatte. Seinen Schatz, einen zweiundzwanzig Jahre alten Glen Mhor für knapp hundertvierzig Euro tastete sie nicht an. Wahrscheinlich würde sie ihn nie trinken. »Auf Timo«, sagte sie und hob ihr Glas. »Er war der beste Ehemann, den eine Frau sich wünschen kann.«

»Ach, Katja!« Solveigh nippte unter Tränen.

»Wir finden eine Lösung für dich, Solveigh«, sagte sie milde. Der Whisky mit seinem honigsüßen Aroma wärmte ihr den Magen. »Heute Nacht bleibst du erst einmal hier. Ich habe Platz genug – auch für länger … Und dann sehen wir weiter.«

»Kann ich Rainer kurz anrufen und ihm Bescheid sagen, dass ich …«

»Untersteh dich!«

Nachdem Katja das Gästesofa ausgezogen und frisch bezogen und eine neue Zahnbürste und Handtücher bereitgelegt hatte, fand sie Solveigh im Wohnzimmer am Fenster stehend vor. »Solveigh, eines wollte ich dich noch fragen.«

»Ja?«

»Bevor du vorhin an die Tür geklopft hast, warst du da im Garten und hast zu mir hereingesehen?«

Solveigh schüttelte erstaunt den Kopf.

Sven Waskamp konnte die Menschenmenge im Saal hören. Ein Raunen und Rufen, es erinnerte ihn an die Laute eines erwartungsvollen, kaum zu bändigenden Tieres. Spannung lag in der Luft – und in jedem Muskel seines Körpers. Es hatten sich bestimmt zweihundert Menschen im Mehrzweckhaus der Gemeinde eingefunden, um seine Rede über das Thema »Bildungspolitik« zu hören und bei der anschließenden Diskussionsrunde dabei zu sein. Hoffentlich war genügend Presse da – die richtigen Zeitungen. Er brauchte noch gute PR, nicht auszudenken, wenn er heute die Rede seines Lebens hielt, vor einem begeisterten Publikum, und niemand war da, um das Ereignis festzuhalten!

Nun gut, es war gewissermaßen ein Heimspiel für ihn. Man kannte ihn, er war im Nachbarort zu Hause. Und doch … Diese Veranstaltung war wichtig für seine weitere Laufbahn als Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags und zukünftigem Bundestagskandidaten. Er murmelte noch einmal sein Mantra: »Ich bin der Beste und schaffe alles, was ich will!«, und ballte seine rechte Hand zu einer Faust. Dann nickte er dem Gemeindevorsteher des Ortes, der das alles organisiert hatte, kurz zu und stieß die Tür zum Saal auf.

Über drei wackelige Stufen erreichte er die improvisierte Bühne mit dem Rednerpult. Die Scheinwerfer, die ihn blendeten, die erwartungsvoll verstummende Menge, das Knacken in den Boxen, wenn er ins Mikrofon sprach, und seine eigene sonore Stimme, die verstärkt durch den ganzen Saal hallte – das war es, wofür er lebte. Die Aufregung vorweg, die Konzentration auf die Aufgabe und die Befriedigung, alles einzusetzen, seine Persönlichkeit, seine Kraft, seinen Fleiß, seine Intelligenz, um Einfluss auf die politischen Entscheidungen in seiner Region, seines Landes zu nehmen. Er wollte den Menschen hier GUTES tun – und damit tat es auch ihm selbst gut.

»Verehrtes Publikum … hallo, Leute! Es ist schön, hier bei euch zu sein!« Verhaltener Beifall, aufflammende Blitzlichter. Er ließ den Blick über die Menschenmenge wandern und war zufrieden, dass wirklich so viele an einem Sonntagabend hierhergekommen waren, um ihn zu hören. Er spürte die in ihn gesetzte Erwartung fast körperlich, und das Gefühl wirkte wie ein Aufputschmittel.

Einer seiner Parteifreunde hatte ihn eben noch vor einer Gruppe aufrührerisch aussehender Leute links vom Rednerpult gewarnt. Sven Waskamp ärgerte sich, dass solchen Leuten nicht der Eintritt verwehrt wurde, aber solange sie sich ruhig verhielten, war man machtlos. Er hoffte, dass alles gut ging. Ein paar kräftige Männer von der Freiwilligen Feuerwehr waren auch da. Im Zweifelsfall sollten die Leute, die sich nicht benehmen konnten, umgehend aus dem Saal geschafft werden können. Kein Grund zur Sorge also. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Sven Waskamp konnte die Gesichter der Menschen, die dicht vor ihm an der Bühne standen, gerade noch schemenhaft erkennen. Meistens suchte er sich bei einer Rede ein oder zwei aus, die er immer wieder ansah. Er probierte seine Wirkung gern an weniger erwartungsvollen, eher abwartenden Zuhörern aus, im Schnitt waren es ältere Leute … die nicht so leicht mitzureißen waren. Wenn er die hatte, dann hatte er sie alle.

Sven Waskamp warf einen Blick auf seine Notizen. Er hatte die Rede in groben Zügen geplant, nun galt es, den Stichworten Leben einzuhauchen. Ihm lag das Improvisieren. Meistens flossen die Worte nur so aus ihm heraus. Schade nur, dass Katja noch nicht hier war, um ihn so zu erleben!

»Als ich vorhin herfuhr, da sah ich Jugendliche, die an einem Bushaltestellenhäuschen herumlungerten, rauchten und Alkohol tranken. Sie waren … nicht älter als dreizehn oder vierzehn Jahre …«, begann er mit sorgfältig gewählten Worten. Er wusste, dass er auf diese Art und Weise spontan rüberkam, ehrlich besorgt. Er fühlte das aufkeimende Interesse. Es war ein Thema, das die Leute hier betraf, ein Thema, das Emotionen weckte. Er sah eine Armbewegung weit links, die ihn irritierte, hörte einen Zwischenruf, der auf »… du Sau!« endete. Dann klatschte etwas kurz vor dem Rednerpult zu Boden.

Er durfte nicht zeigen, dass er irritiert war. Ignorieren – weiter im Text! Sollten sich seine Parteifreunde darum kümmern! Eines Tages würde er richtige Security haben … oder gleich ein paar Leute vom BKA im Hintergrund. Er riss sich zusammen. »Es sind unsere Kinder, die die Zukunft unseres Landes in den Händen halten. Ihre Tochter, Ihr Enkelsohn! Unsere Zukunft wird leichtfertig …« Schon wieder sah er eine Bewegung links von sich an der Seite des Saals. Einer seiner Leute neben der Bühne bellte einen kurzen Befehl zu einem Kollegen im Hintergrund des Raumes. »Jawohl … leichtfertig und um ein paar Euro einzusparen, aufs Spiel gesetzt. Euro, die anderswo verplempert werden! Ich sage nur …«

Klatsch! Etwas spritzte zu seinen Füßen auf, doch er konnte nicht hinuntersehen, er musste weiterreden, die Leute mitreißen, ablenken von den Störenfrieden. »Ich frage Sie: Wofür arbeiten Sie, arbeite ich, arbeiten wir alle tagaus, tagein hart und bezahlen unsere Steuern, wenn nicht für …«

Klatsch! Einer seiner Leute war von einer Tomate getroffen worden. Der hellrote Saft und die weißlichen Kerne rannen seine Stirn und seinen kahl geschorenen Schädel hinunter bis auf den Kragen seines hellblauen Hemdes. Das ging zu weit! Sie hätten ja seinen Kopf treffen können – und das hatten sie sicherlich auch beabsichtigt. Das konnte er nicht ignorieren, wenn er authentisch rüberkommen wollte.

»Wie immer, wenn sich jemand für das Wohlergehen seiner Mitmenschen einsetzt, gibt es Neider und Störenfriede, die das nicht zulassen wollen!« Er wandte den Blick halb nach links, wo jetzt richtig Bewegung in der Menschenmenge war. Etwas flog hoch durch die Luft auf ihn zu, er duckte sich, hörte es hinter sich aufschlagen, und ekliger Gestank breitete sich aus. Ein faules Ei? Wut schwappte in ihm hoch, doch unkontrollierte Aggression war schlecht, ganz schlecht. Er ballte wieder seine Rechte zur Faust, sodass seine Fingernägel in die Handfläche schnitten, und entspannte sie bewusst wieder. Bevor er weitersprach, versuchte er, seine Stimme ein wenig tiefer zu drücken. »Wie auch hier! All diese Leute wollen hören, was ich zu sagen habe, aber du«, er zeigte in die Richtung, in der er den Eierwerfer vermutete, »kannst nur feige aus dem Hinterhalt agieren! Wenn du etwas zu sagen hast, dann komm hier rauf zu mir auf die Bühne. Komm hoch und stelle dich einer Diskussion! Von Mann zu Mann, hey, du!«

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