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Orgelfantasie

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VORSPIEL

 

„Teufel noch eins! Die verstehen nichts, rein gar nichts! Fantasielose Philister, blutleere Akademiker!“

Wütend warf Müllner die Zeitung auf das Rauchtischlein, sodass es bedenklich wackelte. Der Luftstoß des Papiers wirbelte die Zigarrenasche auf und die glimmende CORONA fiel aus dem schweren marmornen Aschenbecher zu Boden.

„Himmel Herrgott Sakra, jetzt brennt mir noch das Haus an wegen dieser Bande unbegabter Redakteure! Da nennen sie ihre Postille Morgenblatt für gebildete Stände - und dabei sind sie selbst dumm wie ... - ach, was soll's! Man müsste die Schreiberlinge schlicht zum Teufel jagen. Wozu bin ich Jurist? So eine Kränkung kann nicht ungesühnt bleiben! Doch Moment mal, Moment mal, besser noch - ich stell' mich freundlich und kauf' mich beim Verleger Cotta von Cottendorf ein, damit er mich zum Schriftleiter der hiesigen Ausgabe macht. Denn wenn hier einer kritisiert, dann bin ich das, haha!“

Flugs war über diesen Plan sein Zorn einigermaßen verflogen, und selbstzufrieden stellte er zudem fest, dass schlechte Presse immer noch besser sei als gar keine. Er nahm sich also vor, sich nicht weiter aufzuregen, denn Glück ist ohne Frieden nicht. Sodann hob er den Aschenbecher vom Boden auf und las noch einmal, sich zu Gelassenheit zwingend, was da geschrieben stand:

Der als Feierabend-Dichter tätige Advokat Doktor Amandus Gottfried Adolf Müllner hat in seinem Schreibstübchen auf der Klostergasse wieder einmal etwas ausgeheckt, was so ganz und gar nicht funktionieren dürfte. Nichts einzuwenden wäre ja gegen seinen Plan, für das Weißenfelser Liebhabertheater ein neues Singspiel zu erdichten, aber dass er hierfür Utopien nachgeht und sich aufschwingt, die Handlung in die Zukunft zu verlegen, erscheint doch höchst zweifelhaft: Da tragen Frauen Hosen, da wird die Kirche zur Theaterbühne, da ist von seltsamen Dingen wie Telefonen und Flugzeugen die Rede! Wie kann man nur so in die Irre gehen? Was wissen wir denn, wie es in zwei Jahrhunderten um die Welt und Weißenfels bestellt ist? Als gäbe es nicht genug aus der Geschichte unserer schönen und ehrwürdigen Stadt zu berichten, was für ein Bühnenstück taugte ...

Müllner, schon wieder ganz der alte, stampfte neurotisch durchs Zimmer:

„Nichts als alternative Fakten. Denen werd' ich's zeigen! Diese Scheinintellektuellen, diese Pantoffelphilosophen, diese Biertischpolitiker!“

Wütend trat er einen Stuhl beiseite, der sich ihm absichtlich in den Weg gestellt hatte - wie er zumindest meinte. Sogleich aber schämte er sich dafür, beziehungsweise wurde ihm bewusst, dass das Möbelstück ein teures war, sodass er es vorsichtig wieder aufstellte, fast zärtlich und entschuldigend streichelte, um den Staub abzuwischen und sich zu vergewissern, dass nicht etwa Kratzer entstanden waren. Verdammte Spießigkeit, verfluchter Zorn immer diese Ansprüche an die Intelligenz der anderen! Verflixte Einsamkeit. Doch das ganze wüste Echauffieren bringt ja nichts, sagte er sich, denn fürwahr: Glück ist ohne Frieden nicht. Wenn er es geschickt anstellen will mit seinem Theaterstück, muss er eher katzenhaft schleichen und sich wie eine Natter durch die Zeiten schlängeln. Ja - genau das war es! Sich in die Zukunft schlängeln und zugleich wie eine Raubkatze durch die Vergangenheit schleichen. Na das wird ein Spaß! Und als käme es in der Kunst auf wissenschaftliche Genauigkeit an! Zeigen wird er es denen, wie man mit ein bisschen Weitblick und Fantasie einen futuristischen Theaterzauber zustande bringt und dabei gleich noch geschickt die Historie Revue passieren lässt.

„Komm doch mal her, Amalie“, rief er durch die Diele barsch seiner Frau zu, die gerade bei der Morgentoilette war, „und bring mir einen starken Kaffee. Besser gesagt - bring uns beiden Kaffee mit, denn es wird etwas dauern und ich brauche dich hier jetzt wirklich mal! Ich will dir nämlich mein neues Stück erzählen.“

„Zu Befehl! Dauert aber auch etwas, Herr und Gebieter“, gab seine Frau, eine Offizierstochter mit erstaunlich viel Duldsamkeit und Humor mokant zurück, und begann alsbald, in der Küche mit dem Geschirr zu klappern.

Müllner war schon wieder beschämt, gab es doch außer Amalie kaum jemanden, der es mit ihm aushielt:

„Ach ja, äh, bitte! Aber es ist wirklich wichtig! Du bist mein Publikum, amalisches Goldstück, bitte bitte.“

„Ach du lieber Himmel, wenn Du so bettelst, dann bist du also mal wieder mit den Nerven am Ende und ganz aus dem Häuschen, Adolf. Was ist es denn diesmal? Ein Beitrag zur Geschichte der Verirrung des menschlichen Geistes und Herzens? Wieder ein Stück über die Schuld? Oder endlich mal was Lustiges?“

„Wie man's nimmt. Es ist Trauerspiel und Lustspiel zugleich, und dazu noch solls ein Singspiel werden! Du weißt ja, ich habe einen guten Freund, der ein grandioser Musiker ist - der wird es in Töne setzen. Wird sicher nicht einfach mit ihm. Er ist zwar nicht so poltrig wie ich, dafür gleichwohl umso eigensinniger. Moll sei das Dur der Lebenserfahrenen, sagt er, und recht hat er damit. Es wird gut, aber gewiss nicht leicht, wollen wir doch alle keine anderen Götter neben uns haben. Hoffentlich überstehen wir dieses Himmelfahrtskommando einigermaßen. Und nun komm schon!“

In der Tat war Müllners Nervenkostüm etwas angegriffen, und wenn er weitere Nächte nicht schlafen würde, müsste man gar Zerrüttung befürchten. Aber diese letzte Nacht war so produktiv gewesen, dass er sicher bald wieder würde schlafen können, anstatt auf der Suche nach Beschreibungen und Interpretationen für das unvorstellbare Ferne die Vergangenheit und die Zukunft - herumzugeistern. Eine fixe Idee hatte ihn zuletzt besonders beschäftigt: Die hübsche, relativ neumodische Sinumbra-Lampe, die ihm seine Kladden so wunderbar gleichmäßig und schattenlos ausleuchtete, müsste statt mit Öl durch Elektrizität betrieben werden, nein, das ganze Theater müsste man auf solche Weise erhellen! Vor ein paar Jahren schon hatte so ein famoser Engländer mittels galvanischer Batterien einen Platindraht zum Glühen gebracht und dann auch noch einen gleißenden Lichtbogen zwischen zwei Kohlestäben gezündet. Bei dieser Vorstellung riss es Müllner regelrecht herum, sodass er laut weiterdachte:

„Wo bleibt nur das elektrische Licht, verdammt, kein Fortschritt hier in diesem Land, keine Visionen! Wann endlich bekommen wir das auch? Ganze Städte könnte man so erleuchten! Und nicht nur Licht, sondern auch galvanische Motorik könnte es geben, sodass die Kutschen wie von Zauberhand fahren würden - ganz ohne Pferde, Eisenbahnen auf Stromschienen - ganz ohne Dampf. Briefe, Bücher und Neuigkeiten könnten mittels der Elektrizität von einem Ort zum anderen telegrafiert werden. Mein Gott, was wäre das für ein herrliches Blitzen und Brummen in den Drähten und Apparaturen! Amalie, wo bist du denn, zum Teufel?“

Da, aufs Wort - Auftritt Amalie mit dampfender Kaffeekanne und klappernder Keksdose:

„Du lieber Himmel, du hast ja das ganze Blut im Kopf von deinen Fantastereien, träumst mit offenen Augen! Brummen und Blitzen - nicht, dass dich noch der Schlag trifft! Wie soll das denn alles gehen? Und was, um alles in der Welt, hast du dir denn nun wieder ausgedacht für dein neues Singspiel?“

„Aaah, Kaffee! Sehr gut! Schenk uns ein, und dann setz dich aufs Chaiselongue wie in einen Theatersessel. Ich werde dir mein Skript vorlesen, es ganz bildhaft und szenisch vor dir ausbreiten. Lach nicht über mich, hör einfach gut hin. Und sei so fantasievoll wie tapfer, denn es wird vieles etwas seltsam, manchmal auch schrill in deinen Ohren klingen. Aber am Ende dieser verrückten Zeitreise werden dir die Personen und Begebenheiten gänzlich vertraut vorkommen. Wir sind von der Zukunft weniger entfernt als von der Vergangenheit, will mir scheinen. Für beides jedenfalls müssen wir uns öffnen. Träume, Amalchen, träume mit offenen Augen!“

Frau Müllner beeilte sich, die Tassen zu füllen und zu platzieren, und zwar so, dass ja nicht etwa die überall ausgebreiteten Bücher, Zeitschriften und Textblätter ihres Mannes in Unordnung, oder sagen wir, in noch mehr Unordnung gerieten. Ein Kaffeefleck gar könnte durchaus zu Mord oder wenigstens zu unerträglicher Belastung des Ehebandes bis hin zur Gefahr dessen Zerreißens führen! Es wäre schade drum. Vielmehr war sie ja gespannt, was sie erwartete, zumal ihr Adolf bei seiner üblichen Erregtheit heute zugleich doch einen verhältnismäßig freudigen, fast aufgeräumten Eindruck machte. Der relativ kleine, für seine gut vierzig Jahre straff und fast knabenhaft wirkende Mann konnte seine Gemütszustände nur schwer verbergen. Seine kugelrunden dunklen Augen waren oftmals stechend und blitzend, aber konnten sich ebenso schnell zu trist umnebelten Seen verwandeln. Selbst der unvermeidliche Seidenschal, den er wohl trug, um seine Künstlerschaft zu demonstrieren, lag mal glatt und sanft um seinen Hals, mal mit dramatischem Faltenwurf. Aus dem krausen Haarschopf fiel ihm eine markante, beim Polemisieren oftmals bedrohlich bebende Sturmlocke in die hohe Stirn. Heute sah er nach Schönwetter aus, denn offenbar war ihm ein großer Wurf gelungen - und so wollte Amalie teilhaben und mit ihm in seine Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen, in seine Theaterspielzeugwelt.

„Wohlan! Stell dir vor: Lauter junge Leute auf dem Marktplatz am Brunnen. Sie haben keine weiten Röcke oder engen Fräcke an wie wir, sondern gerade, schmucklose Hosen aus festem und grobem blauen Stoff. Ja, fast alle haben sie Hosen an - auch die Weiber! Also stell dir bitte dieses 21.Jahrhundert vor - zweihundert Jahre nach unserem Jetzt und Heute. Hohe Häuser, elektrische Kutschen und Waggons - fliegende sogar, und die Laternen brennen ohne Gas oder Petroleum. Die Hühner beim Krämer werden ohne Federn, Köpfe und Krallen feilgeboten. Alles wird umständlich, aber recht hübsch in glänzende Papiere und bunte Kästchen eingepackt. Selbst die Milchkannen haben ausgedient, alles ist in Fläschchen, Döschen und Tütchen abgefüllt, auch der Käse, das Brot, das Gemüse. Wie sie das nur machen, woher sie das ganze Material nehmen - zugegeben, ein irrwitziger Gedanke! Briefe schreiben sie ohne Tinte und Papier, Bücher und Zeitungen lesen sie auf viereckigen Gerätschaften, in denen eine Bilderleinwand eingebaut zu sein scheint. Diese jungen Damen und Herren auf dem Marktplatz, die sich gar nicht mehr Damen und Herren nennen, sagen Du zueinander, ob sie sich kennen oder nicht. Meistens sagen sie Na du, hallo du oder auch nur hey. Sie sind Fans und Friends, Winner oder Loser - und überhaupt ist in ihrer Zeit und Welt die englische Sprache common. Und sie duften frisch und blumig, auch wenn man beim genaueren Hinriechen merkt, dass ihre Düfte irgendwie künstlich wirken, wie ein etwas billiges Dirnenparfüm. Was schert sie die Natur, wenn sie doch die Chemie haben? Zum Glück: Bald blühen die Linden wieder, nach wie vor!

Es ist ein ungewöhnlich warmer Frühsommerabend. Die jungen Leute sitzen also da am Brunnen, Mädchen und Jungs, Girls and Boys in diesen Jeans. Leicht bekleidet mit Blusen und Hemden, die kokett flattern, die Haut und Kurven zeigen - so etwas hast du noch nicht gesehen, Amalchen! Das zu tragen, würdest du dich nicht trauen. Sie reden durcheinander, trinken Wein und Bier und süße Limonade, einfach so. Ist das nicht eine durchaus erfrischende Vorstellung? Der Herr Bürgermeister kommt vorbeispaziert, aber niemand nimmt Notiz von ihm! Kein Wunder, ist er doch in dieser fernen, von mir herbeigemalten Zeit ein Jedermann. Und wenn schon niemand den Hut vor ihm zieht, so bespuckt ihn wenigstens keiner. Oder hieltest du es etwa für möglich, dass eine Zeit kommen könnte, in der man den Stadtvater oder sonstige Herrscher anspuckt und verächtlich macht, um Himmels Willen? Na, man weiß es nicht. Jedenfalls ist es mild und die Sonne kämpft noch wacker mit dem Mond, was die Vöglein mit ihrem Gesang zu loben scheinen, auch wenn der schon etwas müder klingt als am Tage.

Im Hintergrund prangt das Schloss, unser herzogliches Neu-Augustusburg. Die geduckten Bürgerhäuser recken sich leuchtend in der blutigen Abendsonne, als wollten sie das Schloss übertrumpfen und sich demonstrativ zur Wehr setzen gegen die heraufziehende Dämmerung.

Die schnörkeligen Fürstenhäuser zeigen im Zwielicht erste Verfallserscheinungen. Das alles bilden wir auf dem Schmuckvorhang ab, der die Bühne noch verdeckt. Dann wird es dunkel im Saal und unsere gemalte Stadt zeigt sich in lieblicher Lebendigkeit auf der Vorbühne. Die Vögel, besser gesagt, unsere bisher noch schwatzenden, raunenden Theaterbesucher, verstummen schlagartig. Sie verstummen so jäh, weil nämlich die Schauspieler da oben urplötzlich zu aufbrausender, rhythmisch zuckender Musik in Bewegung geraten! Es sind Musikstudenten, die an einem großen Weißenfelser Orgelwettbewerb teilnehmen und von früh bis spät über auf den ...

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