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Operation Schneewolf

Über den Autor

Glenn Meade, geboren und aufgewachsen in Dublin, ist der Autor mehrerer internationaler Bestseller. Seine Thriller OPERATION SCHNEEWOLF, UNTERNEHMEN BRANDENBURG und MISSION SPHINX wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Neben dem Schreiben arbeitete Glenn Meade als Experte im Bereich der Flugsimulation, will sich aber nun ganz der Schriftstellerei widmen.

GLENN MEADE

OPERATION
SCHNEEWOLF

Thriller

Ins Deutsche übertragen
von Wolfgang Thon

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Geraldine und Alex,
und zum Gedenken an
Julie Anne

DANKSAGUNGEN

Einige der in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind historisch belegt. Obwohl bestimmte Persönlichkeiten aus dem historischen Kontext dieser Epoche erwähnt werden, ist die Handlung rein fiktiv; Anspielungen auf lebende Personen sind nicht beabsichtigt. Mit dem Ausdruck KGB wird der Sowjetische Staatssicherheitsdienst bezeichnet, der vor und nach dem Zeitraum, in dem dieses Buch größtenteils spielt, verschiedene Namensänderungen erfahren hat, bis er schließlich 1954 endgültig den Namen KGB annahm. Obgleich einige Ereignisse, von denen auf diesen Seiten die Rede ist, ebenfalls historisch verbürgt sind, wurden sie mit angemessener literarischer Freiheit angereichert, was Zeit, Ort und Inhalt angeht.

Bei meinen Recherchen haben mir viele Menschen geholfen und mir ihre eigenen Einblicke in diese Ereignisse gewährt. Daher möchte ich folgenden Personen und Institutionen meinen Dank sagen:

In den Vereinigten Staaten: der Gesellschaft Ehemaliger Geheimdienstoffiziere (AFIO).

In Finnland: dem Personal der US-Botschaft in Helsinki; der SUPO (der finnische Spionageabwehrdienst) für ihre unschätzbare Hilfe und Herzlichkeit, und dafür, daß sie mir Zugang zu bestimmtem Archivmaterial gewährt hat.

In Estland: Arseni Sacharow, Überlebender des Gulag, für seine Erinnerungen und Hintergrundinformationen, und Ave Hirvelaan für ihre Freundlichkeit und Unterstützung.

In Rußland: bestimmten, ehemaligen Angehörigen des KGB, die aus verständlichen Gründen nicht namentlich genannt werden möchten und die wissen, weshalb ich ihnen zu Dank verpflichtet bin. Für ihre fachkundige Hilfe über diese Epoche und für bestimme historische Episoden in diesem Roman danke ich Alexander Wischinski und Waleri Nekrasow.

Außerdem möchte ich Steven Milburn meinen Dank ausdrücken sowie den stets hilfreichen Angestellten der finnischen Botschaft in Dublin, vor allem Hannele Ihonen und Leena Alto.

Es gibt noch viele andere, vor allem ehemalige Geheimdienstangehörige, die mir ihre Zeit und ihr Sachwissen zur Verfügung gestellt haben; wie ich feststellen mußte, bevorzugen diese Frauen und Männer in ihrem Ruhestand die Anonymität – ihnen allen gilt mein aufrichtigster Dank.

Für die Transkription und Überprüfung sämtlicher russischer Namen, Ausdrücke und Ortsbezeichnungen dankt der Verlag Corinna Hartmann.

Das schwierigste Unterfangen ist nicht, die Zukunft vorherzusagen, sondern die Vergangenheit.

Russisches Sprichwort

Da draußen lauert ein Wolf. Er will mein Blut.
Wir müssen alle Wölfe ausrotten.

Diese Bemerkung wird Josef Stalin zugeschrieben. Angeblich hat er diese Bemerkung am 17. Februar 1953, also gut zwei Wochen vor seinem Tod, dem indischen Botschafter in Moskau gegenüber gemacht. Dieser Mann war der letzte Ausländer, der Josef Stalin lebend gesehen hat.

DIE GEGENWART

1. KAPITEL

Moskau

Ich war gekommen, um die Vergangenheit zu begraben und die Geister wiederauferstehen zu lassen. Deshalb schien es mir passend, die Geschichte von Wahrheit und Lügen der Vergangenheit auf einem Friedhof zu beginnen.

Es regnete an diesem Morgen auf dem Nowodewitschi-Friedhof, als ich meinen Vater zum zweiten Mal zu Grabe trug.

Daß jemand zweimal beerdigt wird, kommt nicht oft vor. Ich stand allein unter einer Kastanie, von deren Ästen der Regen tröpfelte, und sah, wie ein schwarzer Mercedes durch die Friedhofstore fuhr und in der Nähe des Grabes hielt. Zwei Männer stiegen aus. Einer war mittleren Alters und grauhaarig, der andere war ein orthodoxer Priester mit Vollbart.

Es ist eine alte russische Tradition, den Sarg zu öffnen, bevor er in die Erde gesenkt wird. Damit gibt man Freunden und Verwandten Gelegenheit, ihre Toten noch einmal zum Abschied zu küssen und ihnen ein Lebewohl mit auf den letzten Weg zu geben. Aber hier, an diesem nassen Junitag, verzichtete man wohlweislich auf diese Zeremonie. Immerhin war der Mann, der hier beigesetzt wurde, schon vor mehr als vierzig Jahren gestorben. Dies hier war nur eine schlichte Bestattung, mit der man seinen Tod jedoch endlich auch offiziell anerkannte.

Ich erinnere mich daran, daß jemand einen Kranz aus roten Blumen neben das Grab gelegt hatte. Dann sah ich die gezackten Blitze, die am grauen Horizont flackerten, und hörte das Grollen des Donners.

Es war eines dieser Frühsommergewitter, das den Himmel über Moskau wie ein Feuerwerk erhellt und in dem sich die Wolken vollkommen leerzuregnen scheinen. Es war eine passende Szenerie für eine Beerdigung und – im Fall meines Vaters – auch ein dramatisches Ende eines dramatischen Lebens.

Das Kloster von Nowodewitschi liegt südlich von Moskau. Die alte orthodoxe Kirche aus dem sechzehnten Jahrhundert war von Mauern aus ausgebleichtem Stein umgeben und wurde von fünf goldenen Kuppeln gekrönt. Hinter den Gittertoren, durch die man auf den Friedhof gelangte, erstreckte sich ein Labyrinth aus schmalen Wegen zwischen Unkraut, marmornen Grabsteinen und alten Grüften.

Bis vor ein paar Jahren war der Friedhof der Öffentlichkeit nicht zugänglich gewesen. Chruschtschows Grab lag nicht weit entfernt. Es war ein massives Monument aus weißem und schwarzem Marmor. Stalins Frau und ihre Familie ruhten weiter rechts. Tschechow. Schostakowitsch. Unter weiteren großen Grabstätten aus Marmor ruhten die Helden der Sowjetunion, Schriftsteller und Schauspieler, Männer und Frauen, die der sowjetischen Geschichte ihren Stempel aufgedrückt hatten. Mein Vater machte sich merkwürdig zwischen ihnen. Er war Amerikaner.

Während ich im strömenden Regen unter tropfenden Ästen in einer Ecke des Friedhofes stand, beobachtete ich, wie der grauhaarige Mann leise mit dem Priester sprach. Der nickte und zog sich unter einen Baum zurück, der ein paar Schritte entfernt stand.

Der grauhaarige Mann war Ende Vierzig, groß und gut gebaut. Unter dem regenfeuchten Umhang trug er einen modischen blauen Anzug und lächelte mich herzlich an, als er auf mich zukam.

»Ein ziemlicher feuchter Tag für einen solchen Anlaß, finden Sie nicht?« Er reichte mir die Hand. »Brad Taylor, Botschaft der Vereinigten Staaten. Sie sind Massey, nicht wahr?«

Er hatte einen festen Händedruck.

»Ich hatte schon befürchtet, Sie würden es nicht schaffen«, erwiderte ich.

»Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich wurde in der Botschaft aufgehalten.« Er nahm eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und bot mir eine an. »Rauchen Sie? Ich hoffe, es wirkt nicht despektierlich.«

»Überhaupt nicht. Danke, ich nehme gern eine.«

»Es ist eine schreckliche Angewohnheit, aber an solch tristen Tagen spendet es ein bißchen Trost.«

Nachdem er unsere Zigaretten angezündet hatte, warf er dem Priester einen Seitenblick zu. Der hatte aus seiner weißen Robe unter dem schwarzen Umhang eine Bibel hervorgezogen und las darin.

»Bob hat mir erzählt, daß Sie als Journalist bei der Washington Post arbeiten«, sagte Taylor. »Sind Sie schon mal in Moskau gewesen, Mr. Massey?«

»Einmal, vor etwa fünf Jahren. Aber nur kurz. Im Rahmen meiner Arbeit. Was hat Bob Ihnen noch erzählt?«

Taylor lächelte und zeigte dabei seine perfekten, gleichmäßigen weißen Zähne. »Genug, um zu wissen, daß es nicht überflüssig wäre, Sie zu treffen. Er hat gesagt, Sie wären ein alter Freund von ihm aus Ihrer gemeinsamen Schulzeit im Internat. Sie hätten in seiner Einheit in Vietnam gedient. Außerdem hat er mich gebeten, dafür zu sorgen, daß Ihr Aufenthalt in Moskau glatt verläuft. Darauf hat Bob besonderen Wert gelegt.«

Taylor schien noch etwas sagen zu wollen, zögerte jedoch und blickte erneut zu dem Priester hinüber, der gerade zu Ende gelesen und ein kleines Weihrauchgefäß entzündet hatte und nun zu uns kam.

»Wir können wohl anfangen«, bemerkte Taylor. »Übrigens spricht der Priester Englisch. Ich dachte, es wäre Ihnen recht. Ich glaube, wir haben an alles gedacht, worum Bob gebeten hat.«

Jemand hatte einen neuen Marmorstein gegen einen Baum gelehnt. Ich konnte die schlichte Inschrift in kyrillischen Buchstaben entziffern.

Jakob Massey
3. Januar 1912 – 1. März 1953

Daneben lag ein alter Grabstein ohne Inschrift, den man vom Grab entfernt hatte. Er war von grünem Moos überwuchert und mit den Jahren verwittert. Ein anderer Stein, der genauso alt aussah, lag noch auf dem Boden und markierte ein zweites Grab unmittelbar neben dem meines Vaters. Aus den Augenwinkeln sah ich zwei Totengräber mit Umhängen etwas weiter entfernt unter einigen Bäumen stehen. Sie warteten darauf, den Grabstein meines Vaters aufstellen zu können.

Während ich da stand, wurde mir klar, wie die Dinge sich so plötzlich zusammengefügt hatten. Es war einer dieser seltenen Fälle, in denen der Zufall sich wirklich alle Mühe gibt, einen davon zu überzeugen, daß es so etwas wie Schicksal gibt. Vor einer Woche – und fünftausend Meilen entfernt – hatte ich in Washington den Anruf aus Langley erhalten, in dem man mir mitteilte, die Beerdigungsfeierlichkeiten wären arrangiert worden, und Anna Chorjowa wollte mich in Moskau treffen. Ich brauchte drei Tage, alle Details abzuklären, und konnte bis dahin meiner Aufregung kaum Herr werden.

Der orthodoxe Priester trat vor und schüttelte mir die Hand. »Soll ich jetzt beginnen?« Sein Englisch war perfekt.

»Ja, vielen Dank.«

Er trat vor das Grab. Mit seinem schwarzen Hut, dem schwarzen Regenmantel und der weißen Robe wirkte er sehr feierlich. Er schwang einen kleinen Weihrauchbehälter, der einen angenehmen Duft verströmte, und intonierte die Totengebete auf russisch. Taylor und ich standen daneben und lauschten dem klagenden Sprechgesang, der in der feuchten, süßlich duftenden Luft weit trug. Schließlich begann der Priester, laut aus dem Buch der Offenbarung vorzulesen.

Er wird euch die Tränen trocknen, und dann wird es keinen Tod mehr geben, kein Leid, kein Weinen und keinen Schmerz. All das wird für immer vergessen sein …

Die Zeremonie verflog im Nu. Der Priester verabschiedete sich und ging zum Wagen zurück. Die Totengräber traten näher und machten sich an die Arbeit. Sie stellten den neuen Grabstein auf das Grab meines Vaters.

»Das war es dann wohl!« sagte Taylor. »Bis auf Ihre Freundin Anna Chorjowa. Sie ist heute morgen aus Tel Aviv eingetroffen. Ihretwegen bin ich zu spät gekommen.«

Taylor steckte sich eine weitere Zigarette an und spendierte auch mir noch eine. »Ich nehme an, Bob hat Ihnen die Grundregeln erklärt?« fragte er dann.

»Sicher. Keine Fotos, keine Aufnahmen. Alles streng vertraulich.«

Taylor lächelte. »Das dürfte wohl ausreichen. Sie hält sich in einem Haus in den Worobjowije Gory, den sogenannten Spatzenhügeln, außerhalb von Moskau auf. Es gehört der israelischen Botschaft, und normalerweise wohnen dort die Angestellten. Man hat es für Ihr Treffen geräumt.« Er reichte mir einen Zettel. »Das ist die Anschrift. Man erwartet Sie heute nachmittag um fünfzehn Uhr.« Er zögerte. »Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Nur zu.«

Er deutete mit dem Kopf auf das Grab meines Vaters. »Bob hat mir erzählt, daß Ihr Vater vor vierzig Jahren gestorben ist. Wieso haben Sie dann heute diesen Gottesdienst abhalten lassen?«

»Das hat Bob Ihnen nicht gesagt?«

Taylor lächelte. »Ich bin hier nur der Botenjunge. Bob hat mir genug mitgeteilt, damit ich nicht völlig ahnungslos bin und alles organisieren konnte. Aber Genaueres wollte er mir nicht sagen. Und wenn man für das diplomatische Corps der Vereinigten Staaten arbeitet, lernt man schnell, nicht zu viele Fragen zu Themen zu stellen, die einen nichts angehen. Man nennt es, glaube ich: ›das nötige Wissen‹.«

»Ich kann Ihnen nur sagen, daß mein Vater für die amerikanische Regierung gearbeitet hat und 1953 in Moskau gestorben ist.«

»Hat er für unsere Botschaft gearbeitet?«

»Nein.«

»Ich dachte, daß Moskau während des kalten Krieges für alle Amerikaner außer für die Botschaftsangehörigen verbotenes Terrain war«, erwiderte Taylor verblüfft. »Wie ist Ihr Vater gestorben?«

»Um das herauszufinden, bin ich hier.«

Taylor war verwirrt, schien etwas erwidern zu wollen. Doch in diesem Augenblick donnerte es über uns, und er blickte zum Himmel.

»Ich würde ja gern noch ein bißchen mit Ihnen plaudern, aber die Pflicht ruft.« Er zertrat die Zigarette mit dem Absatz. »Ich muß den Priester zurückbringen. Kann ich Sie irgendwo absetzen?«

Ich warf meine Zigarette achtlos fort. »Das ist nicht nötig. Ich nehme mir ein Taxi. Eine Zeitlang möchte ich noch hierbleiben. Danke für Ihre Hilfe.«

»Wie Sie wollen.« Taylor spannte den Regenschirm auf. »Viel Glück, Massey. Ich wünsche Ihnen, daß Sie finden, was Sie suchen, ganz gleich, worum es sich handelt.«

Ich kann mich noch erinnern:

Es ist ein kalter, windiger Abend Anfang März 1953. Ich bin zehn Jahre alt und liege im Bett meines Schlafraums im Internat von Richmond, Virginia. Draußen auf der Treppe höre ich Schritte. Die Tür geht auf. Ich blicke dorthin und erkenne den Rektor. Hinter ihm steht ein anderer Mann, aber es ist kein Lehrer oder Angestellter. Er trägt einen Mantel und Lederhandschuhe und starrt mich an; dann lächelt er gezwungen.

»William«, sagt der Rektor, »dieser Gentleman möchte dich besuchen.« Vielsagend schaut er die beiden anderen Jungen an, mit denen ich das Zimmer teile. »Würdet ihr William bitte eine Weile allein lassen?«

Die Jungen verlassen das Zimmer, ebenso der Rektor. Der Mann schließt hinter ihnen die Tür. Er ist breitschultrig und hat ein hartes Gesicht; die Augen liegen tief in den Höhlen. Mit seinem kurzen Haar und den blank geputzten braunen Schuhen sieht er wie ein Soldat aus.

Lange Zeit sagt er gar nichts, als suche er vergeblich nach den richtigen Worten. »William«, beginnt er schließlich, »ich heiße Karl Branigan und war ein Kollege deines Vaters.«

Irgend etwas in seiner Stimme läßt mich aufhorchen, vielleicht die Art, wie er sagt, er ›war ein Kollege‹. Ich schaue ihn an und frage: »Was ist denn, Mr. Branigan?«

»William, ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten für dich. Es geht um deinen Vater … Er ist tot … Es tut mir leid … Aufrichtig leid.«

Der Fremde steht einfach nur da und sagt nichts mehr. Dann weine ich, aber der Mann kommt nicht zu mir, umarmt mich nicht und tröstet mich auch nicht auf andere Weise. Zum ersten Mal im Leben fühle ich mich vollkommen verlassen. Kurz darauf höre ich die Treppe unter seinen Schritten knarren, als er hinuntergeht. Draußen heult der Wind. Der Zweig eines Baums schlägt gegen die Mauer, knarrt und zerbricht schließlich. Ich rufe nach meinem Vater. Aber er antwortet nicht.

Dann schreie ich auf, ein gequälter Schrei aus meinem tiefsten Inneren, der mir noch heute in den Ohren gellt. Ein schrecklicher Schrei voller Angst. Ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ich erinnere mich, daß ich dann losgerannt bin. Ohne bestimmtes Ziel. Durch die alten Eichentüren aus der Schule hinaus, über die feuchten, kalten Felder Virginias. Der Kummer lag wie ein Stein in meinem Herzen, bis ich an den kalten Fluß kam, der durch die Felder strömte. Ich lag auf dem feuchten Gras, schlug die Hände vors Gesicht und wünschte mir meinen Vater zurück.

Erst später erfuhr ich Einzelheiten über den Tod meines Vaters. Man hat mir nie erzählt, wo genau er gestorben ist, nur, daß es irgendwo in Europa war und daß er Selbstmord begangen hatte. Der Leichnam hatte im Wasser gelegen – kein schöner Anblick für einen Jungen; deshalb durfte ich ihn nicht sehen. Es hatte zwar eine Beerdigung gegeben, aber keine weiteren Erklärungen oder Antworten auf meine Fragen. Niemand machte sich die Mühe, einem Kind etwas darüber zu erzählen. Doch Jahre später stiegen all die unbeantworteten Fragen wieder in mir auf. Warum? Wo? Es sollte sehr lange dauern, bis ich die Wahrheit erfuhr.

Vor zehn Tagen, als meine Mutter gestorben war, war ich in ihre Wohnung gegangen und hatte mich dem Ritual gewidmet, ihre Habseligkeiten durchzusehen. Ich hatte nicht geweint, weil ich sie kaum gekannt hatte. Wir hatten uns im Lauf der vielen Jahre so gut wie nie gesehen. Nur gelegentlich war eine Karte gekommen, in größeren Abständen auch mal ein Brief. Wir hatten uns nie nahegestanden – nicht so wie mein Vater und ich. Meine Eltern hatten sich kurz nach meiner Geburt scheiden lassen, und meine Mutter war ihren eigenen Weg gegangen. Sie hatte es meinem Vater überlassen, mich großzuziehen.

Sie war Tänzerin in einer Broadway-Show gewesen, und ich hatte immer vermutet, daß sie und mein Vater nie zusammengepaßt hatten.

Sie mietete sich eine kleine Wohnung in der Upper East Side in New York. Ich erinnere mich vor allem an die Unordnung, die dort herrschte. An das schmale, ungemachte Bett, an den einsamen Stuhl, an leere Ginflaschen und die Fläschchen mit der Haarblondierung. In einer Blechdose unter dem Bett verwahrte sie mit Gummibändern zusammengehaltene Briefe von alten Freunden und meinem Vater.

Hier fand ich auch dieses Schreiben von seiner Hand. Es war alt und verblichen, hatte Eselsohren an den Ecken und wirkte zerbrechlich wie ein Papyrus.

Er datierte vom 24. Januar 1953.

Liebe Rose,
nur ein paar kurze Zeilen an Dich, damit Du weißt, daß es William gutgeht und er in der Schule gut vorankommt. Ich werde eine Zeitlang unterwegs sein. Falls mir etwas zustößt, sollst Du wissen, daß (wie immer) genug Geld auf meinem Konto ist, um Euch beide durchzubringen. Zusammen mit meiner Berufsversicherung. Wir leben in gefährlichen Zeiten. Ich habe gehört, daß sie wegen der russischen Kriegsdrohungen sogar damit anfangen, Luftschutzbunker am Broadway zu bauen.

Mir geht es gut, und ich hoffe, Dir ebenfalls. Noch eins, falls mir etwas passiert: Ich wäre Dir dankbar, wenn Du im Haus nach dem Rechten sehen würdest. Solltest Du irgendwelche Unterlagen im Arbeitszimmer oder am üblichen Platz im Keller finden, dann tue mir doch bitte den Gefallen und gib sie an das Büro in Washington weiter. Würdest Du das für mich tun?

Jake.

Ich las die anderen Briefe aus reiner Neugier. Viel stand nicht drin. Einige kurze Notizen stammten von anderen Männern. Jemand, der Mutter in der Tanzgruppe gesehen hatte und dem ihre Beine gefielen, hatte ihr den Zettel hinter die Bühne geschickt, um sie zum Essen einzuladen. Es waren auch einige Briefe von meinem Vater dabei, aber in keinem fand ich auch nur eine Andeutung, daß sie sich geliebt hätten.

Aber ich mußte immer an diesen einen Satz denken, in dem von den Unterlagen die Rede gewesen war. Das Haus meines Vaters gehörte jetzt mir. Es war ein altes Holzhaus, das er gekauft hatte, als er mit meiner Mutter nach Washington gezogen war. Nach seinem Tod verfiel es, bis ich alt genug war, es wieder aufzupolieren. Ich habe Jahre dafür gebraucht. Früher hatte ein alter Diebold-Safe im Arbeitszimmer meines Vaters gestanden; der Safe war im Boden eingelassen, und er verwahrte Dokumente und Unterlagen darin auf. Aber ich erinnere mich, daß er immer sagte, er traue keinem Safe, weil jemand, der entschlossen oder gerissen genug war, so ein Ding leicht knacken könnte. Der Safe war schon lange fort und das Zimmer renoviert. Aber ich kannte keinen anderen Ort, an dem mein Vater etwas hätte verstecken können.

An dem Tag, als ich die Angelegenheiten meiner Mutter geregelt hatte, stieg ich in den Keller hinunter. Ich ging selten dorthin. Im Keller verwahrte ich nur uraltes Zeug auf, Dinge, die meinen Eltern gehört hatten, Kisten voller Sachen, die sich im Lauf der Jahre angesammelt hatten und die ich immer schon hatte entsorgen wollen. Ich dachte an den Safe im Arbeitszimmer, wuchtete die Kartons und Holzkisten herum und überprüfte den Betonboden.

Nichts.

Dann schaute ich mir die Wände genauer an.

Es dauerte ziemlich lange, bis ich zwei lockere Ziegelsteine in der Wand hoch über der Kellertür fand.

Ich weiß noch, daß mein Herz vor Aufregung ein bißchen schneller schlug, als ich mich fragte, ob ich fündig werden würde. Vielleicht hatte meine Mutter längst getan, worum mein Vater sie damals gebeten hatte, oder aber seine Wünsche wie so oft ignoriert. Ich entfernte die Ziegelsteine aus dem Mauerwerk. Dahinter verbarg sich eine tiefe Nische. Ich sah den großen, gelben Schreibblock zwischen den Deckeln eines Pappordners. Er war verschlissen und verblaßt.

Manchmal reicht ein Ereignis aus, das ganze Leben zu verändern. Zum Beispiel eine Hochzeit oder eine Scheidung. Oder jemand am anderen Ende des Telefons teilt einem mit, daß ein nahestehendes Familienmitglied gestorben ist.

Mit dem, was ich hinter den Ziegelsteinen in diesem Keller fand, hatte ich allerdings ganz und gar nicht gerechnet.

Ich nahm den gelben Notizblock mit nach oben und las ihn durch. Zwei Seiten waren in der Handschrift meines Vaters mit blauer Tinte beschrieben.

Es standen vier Namen da, einige Daten, ein paar Details und flüchtig hingeworfene Notizen, als hätte er versucht, etwas auszuarbeiten. Aber nichts ergab viel Sinn. Und dann war da ein Kodename: Operation Schneewolf.

Mein Vater hatte für die CIA gearbeitet. Er war sein Leben lang Militär gewesen und hatte während des Krieges für das OSS gearbeitet, den Militärgeheimdienst. Damals war mein Vater hinter den deutschen Linien eingesetzt worden. Soviel wußte ich. Aber das war auch alles. Bis ich diesen gelben Notizblock fand.

Ich saß lange regungslos da und versuchte, aus der ganzen Angelegenheit schlau zu werden. Mein Herz raste, und meine Gedanken überschlugen sich, bis mir ein Datum auf dem Block auffiel. Da endlich klickte es bei mir.

Ich fuhr zum Arlington-Friedhof. Lange stand ich vor dem Grab meines Vaters und betrachtete die Inschrift.

Jakob Massey
3. Januar 1912 – 20. Februar 1952

Ich starrte auf die Buchstaben und Zahlen, bis mir die Augen brannten. Dann verließ ich den Friedhof, machte Kopien von den beschriebenen Seiten und schickte die Originale in einem versiegelten Umschlag an meinen Anwalt.

Eine Stunde später rief ich Bob Vitali an. Er arbeitete für die CIA in Langley.

»Bill, das ist ja eine Ewigkeit her«, begrüßte Vitali mich liebenswürdig. »Halt, nichts verraten. Es geht um das Ehemaligentreffen des Internats, richtig? Warum machen die das bloß immer, wo man doch alles tut, um diese Zeit möglichst zu vergessen? Den Haufen Geld, den mich dieses Internat in Richmond an Honoraren für meinen Seelenklempner gekostet hat …«

Ich erzählte ihm, was ich gefunden hatte und wie ich darauf gestoßen war, ließ jedoch nichts über den Inhalt verlauten.

»Na und? Du hast irgendwelche vergessenen Unterlagen von deinem alten Herrn aufgestöbert. Klar, er hat für die CIA gearbeitet, aber das ist vierzig Jahre her. Tu dir selbst einen Gefallen und verbrenn die Papiere.«

»Ich glaube, jemand sollte herkommen und einen Blick darauf werfen.«

»Soll das ein Witz sein? Rufst du etwa deswegen an?«

»Bob, ich glaube wirklich, daß jemand kommen und es sich ansehen sollte.«

Vitali seufzte. Ich konnte mir vorstellen, wie er an seinem Schreibtisch saß und ungeduldig auf die Uhr schaute.

»Na gut, um was geht es? Gib mir schon mal ein paar Einzelheiten, mit denen ich was anfangen kann. Dann hör ’ ich mich um und finde heraus, ob du auf etwas Wichtiges gestoßen bist. Aber wahrscheinlich ist es längst freigegeben. Du machst bestimmt Lärm um nichts.«

»Bob, bitte komm her und sieh es dir an!« wiederholte ich eindringlich.

»Bill«, erwiderte Vitali ungeduldig, »ich hab’ nicht die Zeit, zu dir rauszufahren. Meine Güte, verrate mir doch etwas. Irgendwas, womit ich was anfangen kann.«

»Operation Schneewolf.«

»Was soll das sein?«

»Das steht ganz oben auf der ersten Seite des Notizblocks.«

»Nie davon gehört. Sonst noch was?«

»Komm her und sieh es dir an.«

Vitali seufzte. »Bill, ich sag’ dir, was ich unternehme: Ich werde einen der alten Hasen hier fragen, einen aus dem Archiv. Mal sehen, was die ausspucken, und ob es bei ihnen klingelt, wenn sie Schneewolf hören.«

Ich hörte die Ungeduld in seiner Stimme. »Tut mir leid, da kommt ein Anruf für mich. Ich rufe zurück. Alles Gute, alter Junge.«

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Ich stand auf, ging in die Küche und machte mir einen Kaffee. Vermutlich habe ich lange, mit heftig pochendem Herzen dort gesessen und darüber nachgedacht, was mein Fund bedeuten könnte. Ich hatte Vitali nicht alles erzählen wollen, weil ich neugierig darauf war, was man in Langley wußte. Ich war wie elektrisiert, hatte aber keine Ahnung, was ich als nächstes unternehmen sollte.

Etwa eine Stunde später hörte ich das Quietschen von Autoreifen vor dem Haus. Ich blickte aus dem Fenster und sah zwei schwarze Limousinen in der Auffahrt. Ein halbes Dutzend Männer sprangen aus den Fahrzeugen, unter ihnen Bob Vitali.

Er war blaß um die Nase, und als ich die Tür öffnete, fragte er drängend: »Darf ich reinkommen? Wir müssen uns unterhalten.«

Nur Vitali und noch ein Mann betraten das Haus. Die übrigen warteten auf der Veranda. Vitalis Begleiter war groß, etwa sechzig Jahre alt und hatte gepflegtes, silbergraues Haar. Er wirkte arrogant, sagte kein Wort und lächelte auch nicht. »Bill«, sagte Vitali schließlich, »du kannst dir sicher denken, daß es um die Unterlagen geht, die du gefunden hast …«

Sein Begleiter schnitt ihm das Wort ab. »Mr. Massey, mein Name ist Donahue. Ich bin Abteilungsleiter beim CIA. Bob hat mir berichtet, was Sie ihm mitgeteilt haben. Darf ich bitte diese Papiere sehen, die Sie am Telefon erwähnten?«

Ich reichte ihm die Unterlagen.

Er wurde blaß. »Das sind ja Kopien!«

Donahues Tonfall forderte eine Erklärung. Ich schaute ihn an. »Die Originale befinden sich an einem sicheren Ort.«

Ein Muskel zuckte in Donahues Gesicht, das plötzlich sehr hart aussah. Er warf Vitali einen vielsagenden Blick zu, bevor er langsam und gründlich die Fotokopien durchlas. Schließlich setzte er sich. Seine Miene wirkte besorgt.

»Mr. Massey, diese Unterlagen sind Eigentum der CIA.«

»Nein. Sie gehörten meinem Vater. Der hat zwar für die CIA gearbeitet, war aber nicht deren Eigentum.«

Donahues Stimme klang entschlossen. »Mr. Massey, über diesen Punkt können wir gern den ganzen Abend streiten, aber diese Unterlagen, die jetzt in Ihrem Besitz sind, unterliegen immer noch der höchsten Geheimhaltungsstufe. Insofern sind sie Eigentum der Regierung.«

»Es ist schon über vierzig Jahre her.«

»Das spielt keine Rolle … Die Klassifizierung ist nach wie vor gültig. Gerade diese Unterlagen werden niemals zur Veröffentlichung freigegeben. Die Operation, von der in diesen Papieren die Rede ist, unterlag strengster Geheimhaltung und war hochbrisant. Mehr als Sie sich vorstellen können. Bitte, geben Sie mir die Originalunterlagen …«

»Ich schlage Ihnen einen Handel vor.«

»Kein Handel, Massey. Die Papiere«, forderte Donahue.

Ich war fest entschlossen, mich nicht einschüchtern zu lassen. »Sie sollten mir lieber zuhören, Donahue. Mein Vater ist vor mehr als vierzig Jahren gestorben. Ich habe nie erfahren, wo, wann und wie er tatsächlich ums Leben gekommen ist. Ich will Antworten. Zum Beispiel will ich genau wissen, worum es sich bei dieser Operation Schneewolf gehandelt hat. Er war daran beteiligt.«

»Kommt nicht in Frage. Tut mir leid.«

»Ich bin Journalist. Ich werde dafür sorgen, daß diese Unterlagen veröffentlicht werden. Ich werde einen Artikel schreiben und herausfinden, ob jemand, der für die CIA gearbeitet hat, sich daran erinnert. Sie werden überrascht sein, was alles ans Tageslicht kommt.«

Donahue wurde wieder blaß. »Ich versichere Ihnen, keine einzige Zeitung in diesem Land wird auch nur eine Zeile veröffentlichen, die Sie über diese Sache schreiben. Die CIA würde es nicht zulassen. Ihre Recherchen würden Sie ohnehin nicht weit bringen.«

Donahue blies sich ganz schön auf.

Ich erwiderte ungerührt seinen durchdringenden Blick. »Das nennt man also Demokratie. Vielleicht kann ich meine Artikel wirklich nicht in den Staaten veröffentlichen«, fuhr ich fort. »Aber es gibt noch genügend Zeitungen im Ausland, die nicht unter Ihrer Fuchtel stehen.«

Donahue runzelte die Stirn. Ich konnte sehen, daß er angestrengt nachdachte.

»Was wollen Sie, Massey?«

»Antworten. Ich will die Wahrheit wissen. Und ich will Leute treffen, die zusammen mit meinem Vater auf dieser Mission waren. Jeden, der noch lebt.«

»Das ist unmöglich. Sie sind alle tot.«

»Alle bestimmt nicht. Irgend jemand wird noch leben. Eine dieser vier Personen, deren Namen im Notizblock stehen. Alex Slanski. Anna Chorjowa. Henri Lebel. Irina Dezowa. Wer immer das sein mag. Ich will keinen Bericht aus zweiter Hand. Sie könnten mir alles mögliche auf die Nase binden. Ich will Beweise. Beweise aus Fleisch und Blut. Ich will mit jemandem sprechen, der meinen Vater kannte, der über die Operation informiert war und weiß, wie er wirklich gestorben ist. Und ich will erfahren«, fuhr ich entschlossen fort, »was aus seinem Leichnam geworden ist.«

Diesmal wurde Donahue so weiß wie die Wand. »Ihr Vater wurde in Washington begraben.«

»Das ist eine Lüge, und das wissen Sie ganz genau. Werfen Sie doch einen Blick auf die Kopien, Donahue. Auf der letzten Seite steht ein Datum in der Handschrift meines Vaters. Es ist der 20. Februar 1953. Ihre Leute haben mir weisgemacht, er wäre zu dieser Zeit irgendwo in Europa gestorben. Und das ist auch der Todestag auf seinem Grabstein – 20. Februar. Ich mag ja dumm sein, aber tote Männer schreiben keine Notizen, außer vielleicht Lazarus. Und selbst ein Lazarus kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Die CIA hat behauptet, mein Vater wäre im Ausland gestorben, aber er war an diesem Tag hier, in diesem Haus. Wissen Sie was? Ich glaube nicht einmal, daß Sie meinen Vater begraben haben. Sie hatten gar keinen Leichnam. Deshalb durfte ich ihn auch nie sehen, und deshalb haben Sie mir den Mist erzählt, daß er zu lange im Wasser gelegen habe. Ich war ein Kind und habe keine Fragen gestellt, als man mir damals nicht erlaubte, den Leichnam zu sehen. Aber jetzt stelle ich Fragen. Mein Vater hat keinen Selbstmord begangen. Er hat sich nicht ertränkt. Er ist bei dieser Operation Schneewolf gestorben, habe ich recht?«

Donahue lächelte gequält. »Mr. Massey, ich glaube, Sie schießen mit Ihren wüsten Spekulationen ziemlich weit über das Ziel hinaus.«

»Dann sollten wir vielleicht mit dem Spekulieren aufhören. Ich gehe zu meinem Anwalt und beauftrage ihn, die Exhumierung des Leichnams zu beantragen. Wenn der Sarg geöffnet wird, werde ich bestimmt nicht meinen Vater darin finden. Und dann stecken Sie wirklich bis zum Hals in Schwierigkeiten, Donahue. Ich werde Sie und Ihre Vorgesetzten vor den Richter zerren und eine öffentliche Erklärung von Ihnen erzwingen.«

Donahue antwortete nicht, sondern lief rot an. Entweder war er zutiefst verlegen, oder er war nicht gewohnt, daß man in diesem Ton mit ihm redete. Er warf einen kurzen, hilfesuchenden Blick zu Vitali hinüber, doch Bob saß nur da, als würde er unter Schock stehen. Entweder war er sprachlos oder hatte Angst vor Donahue – oder beides.

Schließlich stand Donahue auf. Er sah mich an, als hätte er mich am liebsten verprügelt. »Ich möchte, daß Sie eins wissen, Massey. Wenn Sie tun, was Sie sagen, werden Sie eine Menge Ärger bekommen.«

»Von wem?«

Donahue antwortete nicht, starrte mich einfach nur an.

Ich erwiderte den Blick und versuchte es dann auf die etwas sanftere Tour. »Welchen Schaden kann es denn anrichten, wenn Sie mir verraten, was wirklich mit meinem Vater geschehen ist? Ich bin bereit, die Unterlagen zurückzugeben. Und wenn die ganze Sache tatsächlich so ungeheuer geheim war, unterschreibe ich, was Sie wollen, und garantiere damit mein Schweigen. Aber drohen Sie mir nicht, Donahue. Es hat mich vierzig Jahre Ärger und Schmerz gekostet, nicht die Wahrheit über meinen Vater zu kennen, sondern nur gesagt zu bekommen, er habe irgendwo Selbstmord begangen.« Ich blickte Donahue entschlossen an. »Glauben Sie mir eins: Wenn ich die Wahrheit nicht erfahre, werde ich tun, was ich gesagt habe.«

Donahue seufzte, schaute mich ärgerlich an und preßte die Lippen zusammen. »Kann ich Ihr Telefon benutzen?«

»Es steht im Flur. Sie sind daran vorbeigegangen, als Sie hereingekommen sind.«

»Ich muß Ihnen sagen, daß die ganze Angelegenheit jetzt nicht mehr meiner Entscheidungsgewalt untersteht«, erklärte Donahue. »Ich werde einen Anruf tätigen, Mr. Massey. Einen sehr wichtigen Anruf. Die Person, mit der ich spreche, wird jemand anderen anrufen. Diese beiden Leute werden sich einigen müssen, bevor Ihre Forderungen erfüllt werden können.«

Ich blickte ihm fest ins Gesicht. »Wen rufen Sie an?«

»Den Präsidenten der Vereinigten Staaten.«

Die nächste Frage stellte sich wie von selbst. »Und wen ruft er an?«

Donahue warf einen kurzen Seitenblick auf Vitali und schaute dann wieder mich an.

»Den russischen Präsidenten.«

Es hatte aufgehört zu regnen. Die wärmenden Sonnenstrahlen schienen zwischen den aufgerissenen Wolken hindurch und ließen die goldenen zwiebelförmigen Kuppeln des Klosters von Nowodewitschi erstrahlen.

Ich blickte auf die beiden schlichten Gräber, auf das meines Vaters und die Grabstätte daneben, mit dem verwitterten Grabstein.

Es stand kein Name und keine Inschrift darauf. Es war ein Stein wie der meines Vaters.

Auf sämtlichen russischen Friedhöfen stehen kleine Bänke vor den Gräbern. Dort setzen sich die Verwandten mit einer Flasche Wodka hin und reden mit ihren Verstorbenen. Aber vor diesen Gräbern standen keine Bänke. Sie waren vergessen, von Unkraut und Gras überwuchert.

Das zweite Grab beschäftigte mich, aber ich wußte, daß es keinen Sinn hatte, lange darüber zu grübeln. Obwohl ich natürlich ständig daran denken mußte und mir instinktiv klar war, daß dieses zweite, schlichte, anonyme Grab irgend etwas mit dem Tod meines Vaters zu tun haben mußte.

Ich wußte so wenig, und es gab so viel, was ich noch erfahren mußte. Hoffentlich würde Anna Chorjowa es mir erzählen.

Ich schlenderte zurück zu den Friedhofstoren, winkte ein Taxi heran und fuhr durch die heißen, belebten Straßen nach Moskau zurück in mein Hotel. Dort wartete ich, legte mich aufs Bett und schloß die Augen. Aber ich schlief nicht ein.

Nachdem es zu regnen aufgehört hatte, senkte sich die Hitze drückend auf die Stadt.

Ich hatte länger als vierzig Jahre darauf gewartet, das Geheimnis meines Vaters zu erfahren.

Da zählten ein paar Stunden gar nichts.

Die Worobjowije Gory, die sogenannten Spatzenhügel, lagen im strahlenden Sonnenschein. Im Garten des großen Holzhauses blühten Blumen, und man konnte von dort aus die Moskwa sehen.

Es war eine alte Villa aus der Zarenzeit, ein großes, geräumiges Gebäude mit einem weißen Holzzaun, Fensterläden aus Holz und Blumenkästen davor. Das Haus lag ein Stück von der Straße entfernt.

Der Taxifahrer setzte mich vor dem Tor ab. An dem Wachhäuschen warteten zwei Männer in Zivilkleidung. Es waren israelische Sicherheitsbeamte. Der eine kontrollierte meinen Ausweis, der andere den Strauß weißer Orchideen, den ich mitgebracht hatte. Bevor der zweite Wachmann mir das Tor öffnete, rief er in der Villa an. Ich ging zum Haus.

Zu meiner Überraschung öffnete mir eine junge Frau die Tür, als ich klingelte. Sie trug Jeans und Pullover und war Anfang Zwanzig, groß, schlank und sonnengebräunt.

Sie lächelte herzlich und begrüßte mich auf englisch. »Bitte, kommen Sie herein, Mr. Massey.«

Ich folgte ihr durch einen kühlen Marmorflur, in dem unsere Schritte laut hallten.

Sie führte mich auf die Rückseite der Villa. Der Garten beeindruckte mich durch seine Farbenpracht, doch im hellen Sonnenlicht wirkte das Haus ein wenig schäbig und heruntergekommen. An den Mauern wucherte Unkraut, und die Wände hätten einen neuen Anstrich gut gebrauchen können.

Während ich dem jungen Mädchen über den Hinterhof folgte, sah ich eine ältere Dame, die an einem Tisch saß. Sie war elegant, und ihr schön proportioniertes, wie gemeißelt wirkendes Gesicht ließ kaum einen Schluß auf ihr Alter zu.

Obgleich ihr Haar ergraut war, war die Frau bemerkenswert attraktiv. Die hohen Wangenknochen verliehen ihren Zügen einen slawischen Einschlag. Sie trug ein schlichtes, schwarzes Kleid, das sich um ihre schlanke Gestalt schmiegte, eine dunkle Brille und einen weißen Schal.

Sie blickte mich lange an, bevor sie aufstand und mir die Hand reichte.

»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Massey.«

Ich schüttelte ihr die Hand und reichte ihr die Orchideen.

»Man hat mir gesagt, daß alle Russen Blumen lieben.«

Sie lächelte und roch an den Orchideen. »Wie nett von Ihnen. Möchten sie etwas trinken? Kaffee? Oder einen Brandy?«

»Einen Brandy, bitte.«

»Russischen Brandy? Oder ist der für euch Amerikaner zu stark?«

»Ganz und gar nicht. Vielen Dank.«

Das Mädchen hatte neben der Frau gewartet. Jetzt nahm sie eine Flasche von einem Tablett und schenkte mir ein Glas ein.

Die Frau legte die Orchideen auf den Kaffeetisch. »Danke, Rachel«, sagte sie. »Du kannst uns jetzt allein lassen.« Als das Mädchen gegangen war, erklärte die Frau: »Das ist meine Enkelin. Sie hat mich nach Moskau begleitet.« Als müßte sie die Anwesenheit ihrer Enkeltochter rechtfertigen. Dann lächelte sie wieder. »Ich bin Anna Chorjowa, aber das wissen Sie zweifellos.«

Sie bot mir aus einer Packung, die auf dem Tisch lag, eine Zigarette an, und ich nahm an. Sie steckte sich selbst eine zwischen die Lippen, gab uns beiden Feuer und betrachtete dann den Ausblick. Sie spürte mit Sicherheit, daß ich sie anstarrte, aber vermutlich war sie an die Blicke von Männern gewöhnt.

Sie lächelte, als sie mich wieder anschaute. »Wie ich gehört habe, waren Sie sehr hartnäckig, Mr. Massey.«

»Vermutlich bringt das der Beruf mit sich. Ich bin Journalist.«

Sie lachte. Es war ein offenes Lachen. »Dann sagen Sie mir mal, was Sie von mir wissen.«

Ich trank einen Schluck Brandy. »Bis vor einer Woche wußte ich fast gar nichts. Erst dann erfuhr ich, daß Sie noch leben und in Israel wohnen.«

»Ist das alles?«

»Oh, es gibt noch eine Menge mehr, das versichere ich Ihnen.«

Das schien sie zu amüsieren. »Erzählen Sie weiter.«

»Sie sind vor über vierzig Jahren aus einem sowjetischen Gefangenenlager entkommen, nachdem man Sie zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Sie sind die einzige Überlebende einer streng geheimen CIA-Operation mit Kodenamen Schneewolf.«

»Wie ich sehe, haben Ihre Freunde in Langley Sie eingeweiht.« Sie lächelte. »Reden Sie weiter.«

Ich lehnte mich zurück und schaute sie an. »In Langley hat man mir so gut wie nichts erzählt. Ich glaube, das wollte man Ihnen überlassen. Man hat mir nur gesagt, daß mein Vater nicht in Washington begraben ist, sondern in einem anonymen Grab in Moskau. Er ist im Dienst für sein Vaterland gefallen, und Sie waren dabei, als es passierte.«

Sie forderte mich mit einem Nicken auf fortzufahren.

»Ich habe Unterlagen gefunden. Alte Papiere aus dem Besitz meines Vaters.«

»Das hat man mir erzählt.«

»Auf den Seiten standen vier Namen, die mehrmals aufgetaucht sind. Ihrer war darunter und noch drei andere: Alex Slanski. Henri Lebel. Irina Dezowa. Mein Vater hatte noch einen Satz darunter geschrieben, der letzte Satz auf den Seiten. Er lautete: ›Wenn sie gefaßt werden, stehe Gott uns allen bei.‹ Ich habe gehofft, daß Sie mir weiterhelfen können.«

Lange Zeit sagte sie nichts, betrachtete mich durch ihre dunklen Brillengläser. Dann nahm sie die Brille ab, und ich sah ihre Augen. Sie waren groß, dunkelbraun und sehr schön.

»Sagt Ihnen dieser Satz irgend etwas?«

Sie zögerte. »Ja, er bedeutet etwas für mich«, erwiderte sie dann rätselhaft. Sie schwieg erneut einige Augenblicke und wandte den Kopf ab. Als sie mich dann wieder anschaute, fragte sie: »Was wissen Sie noch?«

Ich lehnte mich im Stuhl zurück. »Möchten Sie den Aktenordner sehen, den ich gefunden habe?«

Anna Chorjowa nickte. Ich zog ein einzelnes, fotokopiertes Blatt aus meiner Tasche und reichte es ihr.

Sie las es kurz und legte es dann langsam auf den Tisch.

Ich warf einen flüchtigen Blick auf das Papier. Mittlerweile hatte ich die Worte so oft gelesen, daß ich sie auswendig wußte.

OPERATION SCHNEEWOLF:

SICHERHEITSDIENST, CIA, ABTEILUNG

SOWJETUNION

HÖCHSTE PRIORITÄT. ALLE AKTENEXEMPLARE UND

NOTIZEN BETREFFEND DIESER OPERATION MÜSSEN

NACH GEBRAUCH VERNICHTET WERDEN.

WIEDERHOLE: VERNICHTET WERDEN.

HÖCHSTE SICHERHEITSSTUFE.

WIEDERHOLE: HÖCHSTE SICHERHEITSSTUFE.

Ihr Gesicht zeigte keine Reaktion, als sie mich wieder anschaute.

»Als Sie das und die anderen Seiten gelesen haben und erfuhren, daß Ihr Vater keinen Selbstmord begangen hat … und auch nicht an dem Tag gestorben ist, den man Ihnen genannt hat … ist Ihnen klargeworden, daß vielleicht noch mehr hinter seinem Tod steckte. Da haben Sie angefangen, nach Antworten zu suchen?«

»Man hat mir einen Handel angeboten. Falls ich die Originalseiten übergebe, bekomme ich ein paar Antworten, sagte man mir. Und dann wäre ich dabei, wenn man meinem Vater eine angemessene Beisetzung gewährt. Aber man hat mir auch mitgeteilt, daß die Angelegenheit noch immer der höchsten Geheimhaltungsstufe unterliegt und daß ich eine Erklärung unterschreiben müßte, in der ich mich verpflichte, diese Geheimhaltung zu respektieren.«

Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. »Ja, ich kenne Ihre Freunde in Langley, Mr. Massey«, sagte sie, als würde sie sich insgeheim darüber amüsieren.

»Also wissen Sie auch, daß man mir sagte, die Entscheidung läge bei Ihnen, ob Sie mir erzählen, was ich wissen will.«

»Und was wollen Sie wissen?«

»Die Wahrheit über den Tod meines Vaters. Die reine Wahrheit über Schneewolf und weshalb mein Vater mitten im kalten Krieg in einem Grab in Moskau endete.«

Sie antwortete nicht, sondern stand auf und ging zur Veranda.

Ich beugte mich im Stuhl vor. »So wie ich es sehe, hatte mein Vater einen höchst geheimen Auftrag, über den die Leute selbst heute nur sehr zögernd und sehr ungern sprechen. Damit meine ich nicht bloß ein einfaches Geheimnis. Ich rede über etwas vollkommen Außergewöhnliches.«

»Warum außergewöhnlich?«

»Weil die Leute, mit denen ich in Langley darüber gesprochen habe, selbst heute, vierzig Jahre später, noch die Wahrheit verheimlichen wollen. Als mein Vater an dieser Operation teilnahm, standen die Russen und Amerikaner kurz davor, sich gegenseitig auszulöschen. Und Sie sind die einzige noch lebende Person, die mir helfen kann. Die einzige, die vielleicht weiß, was meinem Vater zugestoßen ist.« Ich schaute sie an. »Habe ich recht?«

Sie schwieg.

»Darf ich Ihnen etwas erzählen?« fuhr ich fort. «Ich habe meinen Vater vor fast vier Jahrzehnten verloren. Vierzig Jahre, in denen ich keinen Vater hatte, mit dem ich reden konnte und von dem ich geliebt wurde. Es hat sehr lange gedauert, bis er allmählich zu einer sehnsüchtigen Erinnerung verblaßte. Ich mußte mit der Lüge leben, daß mein Vater angeblich Selbstmord begangen hat. Und Sie – Sie wissen, wie und warum er wirklich gestorben ist. Und deshalb glaube ich, daß Sie mir eine Erklärung schulden.«

Sie antwortete nicht, betrachtete mich nur nachdenklich.

»Ich habe auch eine Frage an Sie. Warum wollten Sie mich ausgerechnet in Moskau treffen, nirgendwo sonst? Man hat mir erzählt, daß Sie aus diesem Land geflohen sind. Warum sind Sie zurückgekommen?«

Anna Chorjowa dachte einen Augenblick nach. »Vermutlich ist die schlichte Wahrheit, daß ich auch sehr gern auf die Beerdigung Ihres Vaters gegangen wäre, Mr. Massey, aber ich hielt es für Ihre Privatangelegenheit. Vielleicht war es das zweitbeste, hierherzukommen.« Sie zögerte. »Außerdem habe ich sein Grab niemals gesehen, und das wollte ich immer schon.«

»Das zweite Grab, das neben dem meines Vaters, hat den gleichen anonymen Grabstein. Wer liegt in diesem Grab?«

Ein Ausdruck der Trauer huschte über ihr Gesicht. »Jemand, der sehr tapfer war«, sagte sie. »Ein außerordentlich bemerkenswerter Mensch.«

»Wer?«

Sie ließ ihren Blick über das Panorama der Stadt gleiten, schaute auf die roten Mauern des Kreml, als wollte sie einen Entschluß fassen, und drehte sich schließlich zu mir herum. Plötzlich schien ihr Blick weicher zu werden, und sie schaute kurz auf die Blumen, die auf dem Tisch standen.

»Wissen Sie, daß Sie Ihrem Vater sehr ähnlich sehen? Er war ein guter, ein sehr guter Mann. Und alles, was Sie gesagt haben, stimmt.« Sie machte eine kleine Pause. »Sie haben recht. Der Schmerz, den Sie ertragen mußten, und das Schweigen verdienen eine Erklärung. Deshalb bin ich hier. Verraten Sie mir, was Sie über Josef Stalin wissen, Mr. Massey?«

Diese Frage kam völlig unerwartet und überrumpelte mich. Ich betrachtete Anna einen Moment lang und zuckte dann mit den Schultern. »Nicht mehr als die meisten anderen. Für einige Menschen war er wohl eine Art Gott. Für andere der Teufel persönlich. Das hing wohl davon ab, auf welcher Seite des Zauns man gestanden hat. Auf jeden Fall war er einer der großen Despoten unseres Jahrhunderts. Angeblich hat er genau so viele Menschen auf dem Gewissen wie Hitler. Er ist ungefähr acht Jahre nach Kriegsende an einer Gehirnblutung gestorben.«

Anna Chorjowa schüttelte entschieden den Kopf. »Dreiundzwanzig Millionen Tote. Nicht eingerechnet diejenigen, die wegen seiner Unfähigkeit im Zweiten Weltkrieg gestorben sind. Er hat dreiundzwanzig Millionen Landsleute ermordet. Männer, Frauen, Kinder. Er hat sie abgeschlachtet, sie erschießen lassen oder in Lager gesteckt, die schlimmer waren, als die Nazis sie jemals hätten ersinnen können, ausgeheckt von dem grausamsten Mann, den die Welt jemals gesehen hat.«

Ich wich ein wenig zurück. Die Heftigkeit in ihrer Stimme überraschte mich. »Ich verstehe nicht. Was hat das mit unserem Thema zu tun?«

»Es ist unser Thema. Stalin ist gestorben, sicher, aber nicht so, wie es in den Geschichtsbüchern steht.«

Ich war wie vom Donner gerührt. Anna Chorjowas Gesicht wirkte todernst. Schließlich sagte sie: »Ich denke, die Geschichte, die ich Ihnen erzähle, reicht lange zurück, bis in die Schweiz. Dort hat sie angefangen.«

Sie lächelte plötzlich. »Und wissen Sie was? Sie sind der erste Mensch seit vierzig Jahren, dem ich sie erzählen werde.«

DIE VERGANGENHEIT

ERSTER TEIL

1952

2. KAPITEL

Luzern
Schweiz
11. Dezember

Ganz Europa vernahm in diesem Jahr nur Katastrophenmeldungen.

In Deutschland wurde die Vergangenheit wieder aus der Versenkung geholt, als in Nürnberg das Kriegsverbrechertribunal den Prozeß um das Massaker in Katijn begann. Viertausend Leichen waren in der Nähe dieser kleinen polnischen Stadt ausgegraben worden, alle gefesselt und mit Kleinkaliberpistolen erschossen. Es handelte sich um die grausigen Überreste der ehemaligen Führungsriege der polnischen Armee.

Im selben Jahr sah Frankreich sich einer Großoffensive der Viet Minh gegenüber, in Korea tobte ebenfalls ein blutiger Krieg, und – zurück in Europa – wurde zwischen Westberlin und der Sowjetischen Besatzungszone, deren Gebiet die Stadt vollkommen umschloß, der eiserne Vorhang heruntergelassen. Es war das endgültige Zeichen des Kreml, daß es keinen Frieden geben würde.

Was noch? In Großbritannien waren immer noch die Kriegsrationierungen gültig, Eva Perón starb, der Republikaner Dwight D. Eisenhower schlug seinen Rivalen der Demokratischen Partei, Adlai Stevenson, bei den Präsidentschaftswahlen in Amerika, und in Hollywood erlebte die Welt einen Lichtblick in diesem ansonsten eher trüben Jahr: das Filmdebüt eines entzückenden blonden Starlets namens Marilyn Monroe.

Manfred Kass interessierte das alles nicht besonders, als er an diesem kalten Dezembermorgen durch die Wälder vor der alten Schweizer Stadt Luzern stapfte. Auch wenn er es nicht ahnte, sollte dies ein Tag von weitreichender Bedeutung werden.

Kass kam von der Nachtschicht in einer kleinen, aber florierenden Bäckerei, die noch in Familienbesitz war. Er hatte an diesem Samstagmorgen um sieben seine Schicht beendet, ging aber nicht nach Hause, sondern auf Kaninchenjagd. Das war ihm am Wochenende zur Gewohnheit geworden, weil seine Frau es haßte, wenn er nachts arbeitete. Hilda Kass war ein Morgenmuffel, und am Wochenende schlief sie gern aus. Also versuchte ihr Ehemann, jeden Samstagmorgen den Haussegen zu retten, und ging in den Gütschiwald westlich von Luzern, um Kaninchen zu schießen.

Es wurde schon hell, als Kass seinen alten schwarzen Opel auf der Straße vor dem Wald parkte. Er wickelte die einläufige Schrotflinte aus der Decke auf dem Rücksitz. Es war eine Mansten Kaliber 12, eine zwar veraltete, aber verläßliche Waffe. Kass stieg aus und schloß den Wagen ab. Er schob eine Patrone in den Lauf, klappte die Waffe aber nicht zu. Er steckte einen Karton Patronen in die Tasche seiner Jagdjacke und stapfte in den Wald.

Kass war zweiunddreißig, groß und unbeholfen. Er hatte einen schweren Gang und humpelte ein wenig. Plump war er immer schon gewesen, das Humpeln jedoch war eine unschöne Erinnerung an die Schlacht um Kiew elf Jahre zuvor. Obwohl von Geburt Deutscher, hatte Kass es nicht sonderlich gefallen, in Hitlers Wehrmacht einberufen zu werden. Er wollte vor dem Krieg nach Luzern emigrieren, wo der Onkel seiner Frau eine Bäckerei führte. Aber er hatte Deutschland zu spät verlassen, so wie er vieles in seinem Leben zu spät getan hatte.

»Vertrau mir, Hilda«, hatte Kass seiner Frau versichert, als man von einem bevorstehenden Krieg munkelte. Sie hatte vorgeschlagen, sich rasch in die Schweiz zu ihrer Familie abzusetzen. »Es gibt bestimmt keinen Krieg, Liebchen«, hatte er behauptet.

Zwei Tage später hatten Hitlers Armeen Polen angegriffen und damit den Zweiten Weltkrieg entfacht.

Es sollte nicht Kass’ einziger Irrtum bleiben. Vor allem war es ein Fehler gewesen, sich freiwillig an die Ostfront zu melden. Kass hatte diesen Schritt unternommen, weil die deutsche Armee wie ein Sturm durch die ukrainische Steppe fuhr, und weil die Russkis seiner Meinung nach schmutzige und dumme Bauern waren. Der Krieg gegen die Russen mußte ein Spaziergang sein.

In einem Punkt sollte er recht behalten. Die Russen, die Kass getroffen hatte, waren im allgemeinen arme Bauern. Aber sie waren auch aufopferungsvolle Kämpfer. Und der schlimmste Feind war der russische Winter. Er war so kalt, daß einem beim Wasserlassen der Urin gefror. Die baltischen und sibirischen Winde, die über die Steppe fegten, waren so eiskalt, daß die eigene Scheiße binnen Minuten steinhart gefroren war.

Als Kass das erste Mal seinen eigenen gefrorenen Haufen sah, hatte er gelacht. Doch das Lachen sollte ihm schnell vergehen. Denn als er mit seinem Bajonett in der eigenen Scheiße stocherte, wurde er von der Kugel eines Heckenschützen getroffen. Es war ein sauberer Schuß aus zweihundert Metern Entfernung, und er traf ihn in die rechte Seite seines nackten Hinterns. Der Russki, dem dieser Sonntagsschuß gelungen war, hatte sich bestimmt vor Lachen bepißt. Kass hatte nicht mehr gelacht, sondern nach drei Wochen Feldlazarett feststellen müssen, daß er beim Gehen nun ein Bein nachzog.

Manfred Kass war es gewohnt, daß er Fehler machte.

Doch der Fehler, den er an diesem Dezembermorgen im Wald vor Luzern begehen sollte, erwies sich als der größte seines Lebens.

Kass kannte die Wälder ziemlich gut. Er wußte, welche Wege wohin führten, und er wußte auch, wo man am besten Kaninchen schießen konnte. Aus dem Kaninchenfleisch bereitete er einen sehr schmackhaften Eintopf zu, der gut zu dem frischen mehligen Brot paßte, das er sechsmal in der Woche backen half. Der Gedanke ans Essen machte ihn hungrig, und er stapfte zielstrebig durch den Wald. Als er sich der Lichtung näherte, klappte er die Waffe zu.

Es herrschte noch schwacher, dunstiger Bodennebel, aber das Tageslicht wurde immer heller; es würde reichen, sauber zu zielen.

Manfred Kass kannte den gewaltsamen Tod. Er hatte ihn in den verschneiten Steppen Rußlands oft genug zu Gesicht bekommen. Aber was er hier sehen sollte, übertraf diese Erfahrungen bei weitem. Es kam ihm wie das Böse selbst vor.

Während Kass sich vorsichtig auf die Lichtung zu bewegte, hörte er Stimmen. Er blieb stehen und rieb sich das unrasierte Kinn. Er hatte zu dieser frühen Stunde noch nie jemanden im Wald getroffen, und die Stimmen weckten seine Neugier. Vielleicht war er ja über ein Liebespaar gestolpert, das nach einer durchtanzten Freitagnacht in Luzern in die Wälder gegangen war, um es hier miteinander zu treiben. So was kam gelegentlich vor. Aber heute hatte Kass keinen Wagen an der Straße gesehen, auch keine Fahrradspuren auf den Waldwegen. Als er aus dem Wald auf die Lichtung trat, starrte er fassungslos auf die Szene vor ihm und blieb wie angewurzelt stehen.

Ein Mann in Hut und dunklem Wintermantel stand mitten auf der Waldlichtung. Er hielt einen Revolver in der Hand. Was Kass daran schockiert war die Tatsache, daß der Mann mit der Waffe auf einen Mann und ein junges Mädchen zielte, die im feuchten Gras knieten. Ihre Gesichter waren leichenblaß, und man hatte ihnen Hände und Füße mit Stricken gefesselt.

Kass wich stolpernd zurück; sein Magen brannte, und ihm brach der kalte Schweiß aus. Der kniende Mann schluchzte herzerweichend. Er war in mittlerem Alter und hatte ein schrecklich mageres, krankhaft graues Gesicht. Kass bemerkte die dunklen Schwellungen unter seinen Augen und die Wunden an seinen Händen. Er mußte übel geschlagen worden sein.

Das Mädchen weinte ebenfalls, doch es hatte einen weißen Knebel im Mund, der hinter dem Kopf unter dem langen, dunklen Haar verknotet war. Kass schätzte sie auf höchstens zehn Jahre. Als er ihren verängstigten Gesichtsausdruck und das furchtsame Zittern ihres Körpers sah, hätte er sich am liebsten übergeben.

Unvermittelt schoß grelle Wut in ihm hoch. Ihm war nicht mehr kalt. Die beiden Gefesselten strahlten etwas Mitleiderregendes aus, wie reumütige Sünder. Sie knieten da, als warteten sie auf ihren Tod.

Kass betrachtete den stehenden Mann, der eine Waffe mit langem Schalldämpfer hielt; doch von der Stelle aus, an der Kass stand, konnte er nur das Profil des Mannes erkennen. Er sah eine rote Narbe, die vom linken Auge des Mannes bis zum Kinn reichte. Sie war so deutlich zu erkennen, als hätte jemand sie aufgemalt.

Der Bursche redete mit dem Mann, der im Gras kniete und zwischen seinen Schluchzern offensichtlich um Gnade flehte. Kass konnte die Worte nicht hören, doch er sah, daß der Mann mit der Narbe gar nicht hinhörte. Plötzlich begriff er, daß er Zeuge einer Hinrichtung war.

Es geschah so schnell, daß Kass nicht einmal reagieren konnte.

Das Narbengesicht hob den Revolver, bis er auf gleicher Höhe mit der Stirn des Knienden war. Die Waffe gab ein heiseres Husten von sich. Eine Kugel schlug in den Schädel des Mannes ein, sein Körper zuckte heftig, und er kippte nach vorn aufs Gras.

Das Mädchen schrie hinter ihrem Knebel. Ihre Augen waren vor nackter Angst weit aufgerissen.

Kass schluckte. Auch er hätte am liebsten geschrien. Er spürte eisigen Schweiß über sein Gesicht rinnen. Sein Herz schien vor Entsetzen stehenzubleiben. Er wollte sich abwenden, weglaufen, nicht Zeuge dessen werden, was gleich passieren mußte … und dann wurde ihm zum ersten Mal bewußt, daß er ja eine Schrotflinte in der Hand hielt. Wenn er nichts unternahm, würde das Kind sterben.

Er sah, wie das Mädchen sich heftig wehrte, als der Mann ihr den Lauf der Waffe an den Kopf drückte und den Zeigefinger um den Abzug krümmte.

Kass hob unbeholfen seine Schrotflinte. »Halt!« rief er heiser.

Der narbengesichtige Mann drehte ihm sein brutales, hartes Gesicht zu und starrte Kass kalt an. Seine schmalen Lippen wirkten wie Schlitze. Sein Blick schien alles auf einmal in sich aufzunehmen, huschte kurz nach rechts und links, um die Umgegend zu überprüfen. Dann richtete der Mann die Augen wieder auf Kass und taxierte seinen Gegner. Kein Zeichen von Furcht lag in seinem Blick, als wäre auch er es gewohnt, dem Tod ins Auge zu sehen.

»Halt!« rief Kass mit bebender Stimme. »Werfen Sie die Waffe weg!«

Er hörte die blanke Furcht in seiner Stimme und schaffte es kaum noch, den Abzug zu drücken, als sein Gegner die Waffe herumschwang und ihr erneut dieses heisere Husten entlockte. Die Kugel schlug in Kass’ rechtes Jochbein ein, zertrümmerte Fleisch, Knochen und Zähne und schleuderte ihn gegen einen Baum. Die Schrotflinte flog ihm aus der Hand.

Während Kass vor Schmerz und Todesangst aufschrie, sah er, wie der Mann dem Mädchen in den Kopf schoß. Ihr Körper zuckte und brach zusammen.

Kass stolperte in die Deckung der Bäume zurück, aber der Mann rannte bereits auf ihn zu. Kass hatte nur einen Gedanken, als er hastig durchs Unterholz stürmte, ohne den Schmerz in seinem Kiefer zu spüren: Er wollte am Leben bleiben und hoffte, daß er es bis zu seinem Wagen schaffte.

Noch fünfzig Meter, dann konnte er den Opel zwischen den Bäumen sehen. Aber er hörte, wie der Mann ihm durch den Wald folgte.

Fünfzig lange Meter, die ihm wie tausend vorkamen. Kass rannte wie ein Besessener, preßte die Hand auf sein blutiges Gesicht. Sein Körper brannte, vorangepeitscht vom instinktiven Überlebenswillen, während in seinem Hirn immer wieder, wie in einem schrecklichen Alptraum, die fürchterlichen Bilder der Hinrichtung des Mannes und des jungen Mädchens aufflackerten und ihn noch mehr anspornten.

Bitte, lieber Gott!

Noch dreißig Meter.

Bitte.

Zwanzig.

Zehn.

Lieber Gott.

Bitte.

Eine Kugel surrte an ihm vorbei und schlug splitternd in einem Baum neben ihm ein.

Lieber, lieber Gott …

Als Kass die Tür des Wagens erreichte und sie aufriß, tauchte der Mann am Waldrand auf.

Kass hörte den Schuß nicht, der ihn traf, spürte aber, wie die Kugel wie ein glühender Dolch in seinem Rücken einschlug. Ihre Wucht riß ihn nach vorn auf die Motorhaube des Wagens. Er schrie auf, glitt von dem Wagen herunter und drehte sein blutiges Gesicht herum. Er sah, wie der Mann auf ihn zielte.

Kass schrie noch einmal, schlug die Hände vors Gesicht.

Der erste Schuß drang durch seine rechte Hand und trat hinter seinem linken Auge aus. Die Kugel zerriß die Netzhaut und ließ ihn auf der Stelle erblinden. Als Kass vor Todesangst kreischte und weiter von der Motorhaube herunterrutschte, trat der Mann einen Schritt vor, lud ruhig die Waffe nach und hob sie an. Der Fangschuß explodierte in Kass’ Schädel und sprengte ein Loch in den Hinterkopf.

Kass war tot, bevor er auf den Boden schlug.

Zwei Tage später wurden die Leichen im Wald gefunden.

Von einem Freizeitjäger, wie Kass einer gewesen war. Allerdings ein Mann mit mehr Fortune, der nicht zur falschen Zeit am falschen Ort aufgetaucht war. Er übergab sich, als er den Leichnam des Kindes sah.

Ihr hübsches Gesicht war weiß gefroren. Das Fleisch um die Kopfwunde und am Hals war von Nagetieren zum Teil weggefressen.

Selbst für die abgebrühten Polizeibeamten des Luzerner Kriminalamtes war es einer der brutalsten Morde, den sie je gesehen hatten. Die Leiche eines ermordeten Kindes hat immer etwas besonders Mitleiderregendes an sich und zeugt von einer besonderen Brutalität. Die Obduktion und die pathologische Untersuchung ergaben, daß das Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren alt war. Man hatte sie nicht vergewaltigt, obwohl sie an Beinen, Armen, Brust und im Genitalbereich schwere Verletzungen hatte. Daraus schloß man, daß sie vor ihrer Hinrichtung grausam geschlagen und gefoltert worden war. Der Leichnam des Mannes wies ähnliche Spuren auf. Beide Leichen wurden im Kühlraum des Leichenschauhauses der Luzerner Polizei gelagert.

Der einzige Leichnam, der identifiziert werden konnte, war der von Manfred Kass. In seiner Brieftasche befanden sich ein Führerschein und ein Waffenschein für eine Schrotflinte. Außerdem trug er eine Armbanduhr mit einer Widmung: ›Für Manni, in Liebe, Hilda‹.

Die Polizei fand heraus, daß der Bäcker nach seiner Freitagnachtschicht zur Jagd gegangen und dabei zufällig Zeuge der Hinrichtung geworden war – und diesen Zufall mit dem Leben bezahlt hatte.

Die Polizei wußte nicht, weshalb der Mann und das Kind ermordet worden waren; man kannte nicht einmal die Namen. Doch mit typischer Schweizer Gründlichkeit machten die Beamten sich daran, Antworten auf beide Fragen zu finden.

Flughäfen und Grenzposten wurden alarmiert – ein ziemlich fruchtloses Unterfangen, weil die Schweizer Polizei nicht wußte, nach wem sie suchen sollte; es gab keine Beschreibung des Mörders. Aufgrund der Fußabdrücke im Wald ging man jedoch davon aus, daß ein Mann den Mord allein begangen hatte. Dafür sprach auch, daß Kass und die beiden anderen Toten von denselben Kugeln aus einem Revolver Kaliber .38 getroffen worden waren. Waffen dieses Typs waren seit dem Krieg überall in Europa frei erhältlich.

Auf die Identität des Mörders gab es keinerlei Hinweise.

Einen Monat später hatten die Ermittler noch immer keine Spuren gefunden, die die beiden Ermordeten mit irgendwelchen Vermißten in Verbindung gebracht hätten. Beide hatten keinerlei persönliche Papiere bei sich gehabt, mit denen man sie hätte identifizieren können. Und ihre Kleidung konnte man in jedem größeren Bekleidungshaus in Europa kaufen. Das Kleid und die Unterwäsche des Mädchens stammten aus einem Kaufhaus in Paris; der Anzug des Mannes trug das Etikett eines sehr verbreiteten Herrenausstatters aus Deutschland. Die Leichen selbst lieferten nur einen einzigen Hinweis: eine schwache, winzige Tätowierung auf dem rechten Arm des Mannes. Es handelte sich um eine kleine, weiße Taube einige Zentimeter über seinem Handgelenk.

3. KAPITEL

Washington, D.C.
12. Dezember

Die DC-6 aus Tokio mit dem neugewählten Präsidenten Dwight D. Eisenhower an Bord landete um kurz nach zwanzig Uhr auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews in Washington.

Wenngleich Eisenhower die Zügel der Macht erst im Januar in die Hand nehmen konnte, war er einen Monat nach seiner Wahl nach Seoul geflogen, um sich ein persönliches Bild über die Lage im Fernen Osten zu machen, vom Stand des Krieges auf den schlammigen Schlachtfeldern von Korea.

Sein für den nächsten Tag anberaumtes Treffen mit Präsident Harry Truman war inoffiziell, und nach einer kurzen Begrüßung schlug Truman seinem Nachfolger vor, sich bei einem Spaziergang im Garten des Weißen Hauses zu unterhalten.

Es war frisch und klar, und der Boden war mit einem feuchten Teppich brauner und goldener Blätter überzogen. Truman führte Eisenhower über die Rasenflächen, auf denen in strategischen Abständen Beamte des Geheimdienstes plaziert waren.

Die beiden Männer gaben ein seltsames Paar ab. Der kleine, bebrillte, noch amtierende Präsident mit Fliege und Gehstock – ein Mann, der glaubte, daß man sich am besten Respekt verschaffte, wenn man leise sprach und einen großen Stock in der Hand hielt. Auf der anderen Seite der hochgewachsene, kerzengerade Militär und ehemalige Fünfsternegeneral, der sein Leben lang Berufssoldat gewesen war.

An einer der Eichenbänke forderte Truman Eisenhower auf, sich zu setzen. Er wirkte erschöpft wie ein Mann, der soeben einen Marathonlauf beendet hat, und seine Haut wirkte in dem blassen Sonnenlicht wächsern. Es war ein langer und erbitterter Wahlkampf gewesen; beide Männer hatten ihre Differenzen während dieses Wahlkampfes rücksichtslos ausgetragen. Truman hatte Eisenhower öffentlich herabgesetzt, während er gleichzeitig mit aller Kraft versucht hatte, den Demokraten unter Adlai Stevenson eine weitere Amtszeit zu verschaffen. Jetzt aber war die Schlacht geschlagen, das Volk hatte seine Entscheidung getroffen, und alle persönlichen Händel waren begraben.

Truman zündete sich eine Havanna an, paffte den Rauch aus und seufzte. »Wissen Sie, was ich an dem Tag tun werde, nachdem ich das Büro geräumt habe? Ich werde nach Florida fliegen und mich von der Sonne grillen lassen. Vielleicht gehe ich auch ein bißchen angeln. Mir kommt es vor, als hätte ich das seit Jahren nicht mehr getan.« Der Präsident zögerte, bevor er Eisenhower ins Gesicht sah, und fuhr in ernsthafterem Tonfall fort: »Erzählen Sie mir von Korea, Ike. Was halten Sie als Militär davon?«

Der Präsident sprach seinen Nachfolger mit dessen Spitznamen an, der ihm seit seiner Zeit als junger Kadett in Westpoint anhing. Eisenhower fuhr sich mit der Hand über den fast kahlen Schädel. Er straffte die Schultern, als er sich vorbeugte und auf den Garten des Weißen Hauses blickte. Er zögerte, wählte seine Worte mit Bedacht.

»Ich glaube, es wird ein größeres Problem, als wir geglaubt haben, Mr. President.«

»Inwiefern?«

»Wir haben gerade einen Krieg in Europa hinter uns und werden nun in einen weiteren hineingezogen, der möglicherweise genauso gefährlich ist. Russen und Chinesen arbeiten wie besessen an ihren Offensivwaffenprogrammen – so schnell, daß es nur auf eine Konfrontation hinauslaufen kann. Wir reden hier über eine Bevölkerung von insgesamt mehr als einer Milliarde Menschen. Beide Systeme haben eine ähnliche Ideologie, und beide unterstützen Nordkorea. Mit dieser Allianz können wir nicht mithalten.« Eisenhower hielt inne und schüttelte den Kopf. »Korea sieht alles andere als gut aus, Mr. President.«

Trumans Gesicht wirkte ernst, als er seine gepunktete Fliege zurechtrückte.

»Dann stecken wir wohl bis zum Arsch in einem riesigen Sumpf voller Krokodile.«

Eisenhower mußte unwillkürlich lächeln und zeigte sein berühmtes breites Grinsen. Für einen Mann, der sich wie ein sanftmütiger, exzentrischer Collegeprofessor kleidete, war Trumans Sprache ausgesprochen bildhaft.

»Das könnte man so ausdrücken, Mr. President.«

Truman paffte an seiner Zigarre. »Sie wissen ja, daß ich die Bombe auf Pjongjang werfen wollte, um diese gelben Schlitzaugen aus Nordkorea zu vertreiben und die verdammte Angelegenheit ein für allemal zu regeln. Aber die Briten haben mich praktisch in Grund und Boden gestampft. Was meinen Sie? Hielten Sie meine Idee auch für verrückt?«

»Mit allem Respekt, Sir, wenn wir die Bombe auf Nordkorea werfen, riskieren wir noch mehr Probleme mit den Chinesen, von Moskau ganz zu schweigen.«

»Sollten wir die Bombe lieber auf Rußland werfen?«

Eisenhower betrachtete den Präsidenten. Trotz Trumans zerbrechlichem und schüchtern wirkendem Äußeren besaß der Mann eine knallharte und skrupellose Ader. Noch bevor er antworten konnte, fuhr Truman fort. »Was halten Sie von Stalin?«

»Sie meinen als militärischer Gegner?«

Eisenhower zuckte mit den Schultern und lachte kurz auf. »Diese Frage müssen Sie mir nicht stellen. Meine Meinung über ihn ist aktenkundig. Der Mann ist ein Despot und ein Diktator. Dabei ist er äußerst intelligent und verdammt gerissen. Man könnte sagen, er ist der Hauptgrund für unsere gegenwärtigen Probleme, jedenfalls für die meisten davon. Ich würde diesem dreckigen Hundsfott nicht über den Weg trauen.«

Truman beugte sich vor. »Mensch, Ike«, sagte er entschlossen, »genau darauf will ich hinaus. Er ist tatsächlich das Problem. Vergessen Sie die Chinesen. Über die müssen wir uns erst in zehn Jahren Sorgen machen. Aber angesichts der Geschwindigkeit, mit der die Russen ihre Nuklearforschung vorantreiben, sind sie uns bald militärisch überlegen. Und Sie wissen so gut wie ich, daß einige verdammt gute Leute für sie arbeiten. Diese ehemaligen Top-Wissenschaftler der Nazis. Wir haben zwar eine Wasserstoffbombe gezündet, aber die arbeiten an der richtigen Bombe, verdammt noch mal! Und sie werden es schaffen, Ike, merken Sie sich meine Worte. Früher als wir denken. Wenn das passiert, kann der alte Josef Stalin so ziemlich machen, was er will. Das weiß er natürlich ganz genau.«

»Was sagt unser Geheimdienst?«

»Über das russische Wasserstoffbomben-Programm? Noch sechs Monate. Vielleicht schaffen sie es sogar schon früher. Sechs Monate sind das Äußerste. Angeblich hat Stalin unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestellt. Und nach neuesten Geheimdienstberichten haben sie in Sibirien ein Testgelände gebaut, in der Nähe von Omsk.«

Eisenhower runzelte die Stirn. Die Sonne wärmte immer noch sein Gesicht, als er jetzt zum Washington Monument sah, das etwa eine halbe Meile entfernt war. Dann blickte er wieder Truman an, der seine Zigarre weglegte und weiterredete.

»Ike, das hier ist unsere erste Gelegenheit, mal richtig unter vier Augen miteinander zu reden. Zweifellos wird die CIA Sie in den nächsten Wochen einweisen, aber da ist noch etwas, das Sie wissen sollten. Etwas ziemlich Unangenehmes.«

Eisenhower musterte den kleinen, seltsam gekleideten Mann. »Sie meinen, was das russische Bombenprogramm angeht?«

Truman schüttelte den Kopf; seine Miene verfinsterte sich zu einer grimmigen Maske.

»Nein. Ich rede von einem Bericht. Es ist ein streng geheimer Bericht. Er wurde mir von der speziellen Sowjet-Abteilung drüben am Potomac geschickt. Ich möchte, daß Sie ihn lesen. Die Quelle ist einer unserer hochkarätigsten Kontaktmänner, der beste Verbindungen zum Kreml hat. Um ehrlich zu sein: Dieser Bericht hat mir Angst eingejagt. Eine verdammt große Angst. Neben Ihnen sitzt ein Mann, der zwei Weltkriege überstanden hat, wie Sie selbst. Aber das hier …« Truman hielt inne und schüttelte den Kopf. »Die Sache beunruhigt mich mehr als damals das Treiben der Deutschen oder Japse.«

Eisenhower wirkte überrascht. »Wollen Sie damit sagen, die Quelle ist ein Russe?«

»Ein emigrierter Russe, um genau zu sein.«

»Wer?«

»Das darf nicht mal ich Ihnen verraten, Ike. Diese Sache obliegt der CIA. Aber Sie werden es am ersten Tag erfahren, den Sie im Oval Office sitzen.«

»Warum soll ich dann den Bericht jetzt schon lesen?«

Truman stieß vernehmlich die Luft aus und erhob sich. »Weil ich möchte, daß Sie vorbereitet sind, Ike, wenn Sie Ihr Amt antreten. Was Sie erwartet, ist keine angenehme Lektüre. Es gibt, wie gesagt, einige ziemlich unangenehme Fakten in dem Bericht. Selbst ich habe die Hosen deswegen gestrichen voll. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, der Inhalt dieses Berichts wird nicht nur Ihre Präsidentschaft entscheidend beeinflussen, sondern auch noch einige andere Regierungen. Ganz bestimmt aber die Zukunft unseres Landes, möglicherweise sogar die Zukunft der ganzen Welt.«

Eisenhower runzelte die Stirn. »Ist es wirklich so ernst?«

»Ja, Ike, glauben Sie mir.«

Die beiden Männer saßen schweigend im Oval Office. Eisenhower las in dem Aktenordner, dessen Deckel und einzelne Seiten mit dem roten Vermerk … Nur für den Präsidenten … versehen waren.

Truman saß ihm gegenüber, nicht im Stuhl des Präsidenten, sondern auf der kleinen, geblümten Couch am Fenster, von der aus man die Washingtonsäule sehen konnte. Er hatte die Hände auf den Griff seines Krückstocks gestützt, während er Eisenhowers zähes Gesicht musterte. Seine Miene war ernst, und er hatte die Lippen zusammengepreßt.

Schließlich legte Eisenhower den Bericht behutsam auf den Couchtisch, stand auf und trat nervös ans Fenster, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Noch fünf Wochen, dann würde er den Präsidentenstuhl beanspruchen können, aber plötzlich erschien ihm diese Aussicht nicht mehr so verlockend. Er massierte sich mit einer Hand die Schläfen. Trumans Stimme riß ihn aus seiner Versunkenheit.

»Was halten Sie davon?«

Eisenhower drehte sich um. Truman starrte ihn an, und seine Brillengläser funkelten in dem hellen Sonnenlicht.

Eisenhower schwieg längere Zeit. Seine Miene war angespannt. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Mein Gott, ich weiß nicht, was ich denken soll.« Er zögerte. »Glauben Sie der Quelle dieses Berichts?«

Truman nickte entschieden. »Allerdings. Ohne Frage. Außerdem habe ich einige unabhängige Experten von außerhalb darauf angesetzt. Nicht von der CIA, aber alles Topleute auf ihrem Gebiet. Sie sollten beurteilen, was Sie gerade gelesen haben. Alle haben den Bericht als glaubwürdig bezeichnet.«

Eisenhower holte tief Luft. »Mit allem Respekt, Sir, dann betrete ich an dem Tag, an dem ich meine Präsidentschaft antrete, ein Minenfeld.«

»Das glaube ich auch, Ike«, antwortete Truman schlicht. »Und ich meine das nicht ironisch. Ich habe Angst. Schlicht und einfach Angst.«

Truman stand auf und kam ans Fenster. Unter seinen Augen malten sich dunkle Ringe ab, und sein weiches Gesicht wirkte im grellen Licht von Sorge gezeichnet, als würden diese acht Jahre im Amt schließlich ihren Tribut fordern. Plötzlich sah Harry Truman sehr alt und sehr erschöpft aus.

»Um ehrlich zu sein, ich habe vielleicht sogar mehr Bammel als damals bei der Entscheidung, die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki abwerfen zu lassen. Diese Sache hier zieht noch größere Verwicklungen nach sich. Und birgt viel größere Gefahren.«

Als er sah, daß Eisenhower ihn anstarrte, deutete Truman mit ernstem Nicken auf den Schreibtisch.

»Ich meine es wirklich so, Ike. Ich bin froh, daß ein ehemaliger Fünfsternegeneral auf diesem Stuhl sitzen wird, nicht ich. Florida ist mir heiß genug. Ich kann darauf verzichten, daß man mir hier in Washington auch noch einheizt.«

Frankreich

Während sich die beiden Männer im Oval Office unterhielten, lag viertausend Meilen entfernt in Paris ein Mann auf dem Bett in einem abgedunkelten Hotelzimmer auf dem Boulevard Saint-Germain.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheibe; ein Wolkenbruch tobte hinter den geschlossenen Vorhängen.

Das Telefon neben dem Bett klingelte. Der Mann nahm den Hörer ab und erkannte die Stimme des Anrufers, als dieser sprach.

»Ich bin’s, Konstantin. Es passiert am Montag in Berlin. Alles ist vorbereitet. Ich dulde keine Fehler.«

»Es wird keine geben.« Eine Pause trat ein; dann hörte der Mann die Verbitterung in der Stimme des Anrufers.

»Schick ihn zur Hölle, Alex. Schick diesen Henker zur Hölle.« Der Mann hörte das Klicken und legte den Hörer auf. Dann stand er auf und trat ans Fenster. Ruhelos hob er den Vorhang ein Stück, fuhr sich mit der Hand durch sein kurzes, blondes Haar und starrte auf die regengepeitschte Straße.

Ein Pärchen stieg aus einem Wagen und suchte unter der blauen Markise eines Cafés Schutz vor dem Unwetter. Das Mädchen hatte dunkles Haar und lachte, als der Mann einen Arm um ihre Taille legte. Er beobachtete sie einige Augenblicke, bevor er sich abwandte.

»Montag«, sagte er leise und ließ den Vorhang wieder zurückfallen.

4. KAPITEL

Sowjetisch-Finnische Grenze
23. Oktober

Kurz nach Mitternacht hatte es aufgehört zu schneien. Sie lag in der wattigen Stille des Waldes und lauschte ihrem Herzschlag, der in ihren Ohren hallte wie das heftige Schlagen von Flügeln.

Sie fror.

Ihre Kleidung war durchnäßt, ihr Haar feucht, und sie spürte den eisigen Schweiß auf ihrem Gesicht. Ihr war eiskalt, sie war erschöpft, und eine entsetzliche Angst ließ sie am ganzen Körper zittern. Sie war so müde wie nie zuvor im Leben und hatte nur noch den einen Wunsch, daß es bald vorbei sein möge.

Seit einer Stunde beobachtete sie das Wachhäuschen neben der schmalen Eisenbrücke, die über den gefrorenen Fluß führte. Ab und zu hatte sie sich die Glieder gerieben, damit ihr warm wurde, aber es war sinnlos. Sie war bis auf die Knochen durchgefroren und sehnte sich nach Wärme und dem endgültigen Ende der Erschöpfung. Ihr Uniformmantel war mit Eis und Schnee bedeckt, während sie in der schmalen Mulde hinter einem kleinen Tannenwäldchen lag. Sie versuchte nicht an die Vergangenheit zu denken, nur an die Zukunft, die vor ihr lag – jenseits der schmalen Eisenbrücke.

Sie konnte die beiden Wachen auf der russischen Seite sehen, die neben dem kleinen, hölzernen Wachhäuschen standen. Ihr Atem bildete Schwaden in der eiskalten Luft, während sie auf und ab gingen. Einer trug sein Gewehr am Riemen über der Schulter, der andere hielt eine Maschinenpistole vor der Brust. Die beiden Männer unterhielten sich, aber die Frau konnte die Worte nicht verstehen, hörte nur leises Murmeln.

Etwa vierzig Meter weiter links stand eine hölzerne Wachbaracke neben einer Tannenreihe, deren Zweige wie mit Puderzucker bestäubt aussahen. Die Baracke war erleuchtet, und Rauch drang in einer dicken Wolke in die eiskalte Luft. Sie wußte, daß sich dort die anderen Grenzsoldaten von der Schicht ausruhten, aber seit einer halben Stunde hatte sich in dem Haus nichts gerührt. Niemand war hineingegangen oder hatte es verlassen. Hinter dem gelb erleuchteten Milchglasfenster bewegten sich nur Schatten. Die Eisenbrücke war in das helle Licht gelber Bogenlampen getaucht, die in den Bäumen hingen, und die rotweißen Schranken waren an beiden Enden geschlossen.

Die Frau glaubte, zwischen den Bäumen die Lichter von finnischen Häusern sehen zu können, war sich aber nicht sicher, weil die finnische Seite der Grenze hell erleuchtet war. Außerdem standen dort noch mehr Wachen, allerdings in graue Mäntel und Uniformen gekleidet.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine plötzliche Bewegung wahr und blickte wieder auf die russische Seite zurück. Der Wachposten mit dem Gewehr über der Schulter trat in das kleine Häuschen, während der andere zwischen die Bäume ging und seinen Hosenstall aufknöpfte, um Wasser zu lassen.

Die Frau zitterte am ganzen Körper. Sie wußte, was sie zu tun hatte. Wenn sie sich nicht bald rührte, würde sie erfrieren. Die eisige Kälte drang ihr schon bis auf die Knochen. Sie rollte sich im Schnee herum, tastete mit den Fingern nach dem Lederhalfter und umschloß den kalten Griff des Nagant-Revolvers.

Langsam rollte sie sich zurück und beobachtete, wie der Wachposten urinierte. Jetzt oder nie. Sie holte tief Luft und stand auf. Ihre Beine zitterten vor Angst. Als sie die Deckung der Bäume verließ, schob sie die Waffe in die Manteltasche.

Im Nu war sie neben dem Wachhäuschen und sah, wie der Posten mit der Maschinenpistole sich die Hose zuknöpfte und unvermittelt umdrehte. Fassungslosigkeit legte sich auf sein Gesicht.

Er sah eine junge Frau, die auf ihn zukam. Ihr Offiziersmantel mit den grünen Schulterstücken eines Hauptmanns und die Offizierskappe waren eine Nummer zu groß, und ihre Kleidung war von Rauhreif und Schnee überzogen. Ihre dunklen Augen lagen tief in den Höhlen, die Lippen waren vor Kälte gesprungen.

Einen Augenblick wirkte der Posten unsicher, als spürte er, daß da etwas nicht stimmte. »Tut mir leid, Hauptmann«, sagte er dann. »Das hier ist Sperrgebiet. Darf ich Ihre Papiere sehen, Genossin?«

Der Wachposten nahm die Maschinenpistole herunter und starrte der jungen Frau mißtrauisch ins Gesicht. Den Nagant-Revolver übersah er. Das war sein Fehler.

Die Waffe dröhnte zweimal. Die Kugeln trafen den Soldaten in die Brust und schleuderten ihn zurück. Sofort schrien Stimmen wild durcheinander, Vögel flogen kreischend auf. Augenblicke später stürmte der zweite Posten aus dem Wachhäuschen.

Die Frau feuerte und traf den Posten in die Schulter. Der Einschlag wirbelte den Mann um seine eigene Achse. Sofort rannte die Frau zur Brücke.

Hinter ihr, auf der russischen Seite, brach die Hölle los. Sirenen heulten, und die Soldaten stürmten brüllend aus der Wachbaracke. Die Frau achtete nicht darauf, daß jemand ihr hinterherschrie, sie solle stehenbleiben, während sie in Richtung der finnischen Schranke rannte, die kaum fünfzig Meter entfernt war. Sie ließ den Revolver fallen. Ihre Lungen schmerzten unter ihren keuchenden Atemzügen.

Vor ihr tauchten finnische Soldaten in grauen Uniformen wie aus dem Nichts auf und legten ihre Gewehre an. Einer deutete über die Schulter der Frau und rief ihr etwas zu.

Sie konnte den russischen Wachposten nicht sehen, der sie dreißig Meter hinter ihr ins Visier nahm, aber sie hörte den Knall der Waffe und sah die Wolke aus Schnee rechts neben ihr explodieren, bevor die Kugel von der Eisenbrücke prallte.

Dann peitschte noch ein Schuß. Die Frau wurde plötzlich nach vorn geschleudert und verlor das Gleichgewicht. Ein furchtbarer Schmerz breitete sich in ihrer Seite aus. Aber sie rannte weiter im Zickzack über die Brücke.

Als sie vor der finnischen Schranke zusammenbrach, schrie sie in Todesangst auf. Plötzlich griffen kräftige Hände nach ihr und zerrten sie zur Seite, aus der Schußlinie.

Ein junger, blasser Offizier brüllte seinen Männern heiser Befehle zu. Die Frau verstand die Worte nicht. Andere Männer machten sich an ihrer blutigen Uniform zu schaffen und schleppten sie zur Wachbaracke.

Auch hier heulten jetzt die Sirenen, aber sie spürte nur den Schmerz in ihrer Seite und die schreckliche Müdigkeit, als wäre ein Damm in ihrem Innern gebrochen und all die aufgestaute Furcht und Erschöpfung würde jetzt hervorbrechen. Sie weinte. Dann schien plötzlich alles vor ihren Augen zu verschwimmen. Sie konnte nichts mehr sehen, und die Geräusche klangen gedämpft.

Der junge Offizier musterte ihr Gesicht. Sie hörte den drängenden Unterton in seiner Stimme, als er einem seiner Männer befahl, einen Arzt zu verständigen.

Die Frau schloß die Augen.

Danach erinnerte sie sich nur noch an die Dunkelheit.

Eine süße, schmerzlose Dunkelheit, der sie sich hingab.

Der Offizier von der SUPO, der finnischen Gegenspionage, war vom nächstgelegenen Stützpunkt in Lappeenranta hergeflogen. Er war Anfang Vierzig, hatte ein schmales Gesicht und trug Zivil. Der dunkle Anzug schlotterte um seine hagere Gestalt. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen schienen alles zu sehen, doch ihr Blick war distanziert. Er wirkte wie ein Mann, der mit seinem Job verheiratet ist.

Er stellte sich als Kommissar Ukko Jäntti vor. Als der ältere Arzt ihn zu der jungen Frau führte, die in ihrem Krankenhausbett schlief, betrachtete er sie lange.

Vermutlich war sie Anfang bis Mitte Zwanzig. Sie hatte die Augen geschlossen. Die Haut darum herum war dunkel und eingefallen. Sie lag auf der Seite und berührte mit einem Finger einer Hand ihre Lippen, was ihr ein kindliches Aussehen verlieh.

Ihr dunkles Haar war kurz geschoren. Die rosa Kopfhaut schimmerte an manchen Stellen durch, als hätte jemand ihr mit Gewalt diesen Haarschnitt verpaßt. Ihre Lippen hatten Frostbeulen, und ihr Gesicht war zerschunden. Sie wirkte ausgemergelt, und die Adern und Sehnen ihres Körpers traten überdeutlich hervor. Trotz ihres Zustandes fand der Offizier sie ausgesprochen hübsch. Sein Blick fiel auf ihre geschwungenen Hüften und die langen, schlanken Beine unter der Bettdecke.

Schließlich wandte er sich wieder an den Arzt. »Wie geht es ihr?«

»Den Umständen entsprechend. Die Kugel hat nicht viel Schaden angerichtet. Aber ihre allgemeine Verfassung ist sehr schlecht. Sie ist in einem erbärmlichen Zustand.«

Die junge Frau drehte sich im Schlaf auf den Rücken, wimmerte kurz wie ein waidwundes Tier und verstummte dann wieder.

»Kann sie sprechen?« wollte der Offizier wissen.

»Sie ist vor einer Weile aufgewacht. Aber nach der Anästhesie ist sie noch nicht ganz wieder da. Lassen Sie ihr noch vierundzwanzig Stunden Ruhe, dann können Sie mit ihr reden.«

»Hat sie irgend etwas gesagt?«

Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Sie hat nur zwei Namen gesagt, immer und immer wieder: Iwan und Sascha.«

Der Offizier holte ein Notizbuch aus seiner Brusttasche und schrieb hastig etwas hinein. Dann blickte er wieder auf.

»Was meinen Sie, Doktor? Wird sie wieder gesund?«

Der Arzt nahm seine Brille ab. »Die Kugel hat ihre Seite glatt durchschlagen. Sie hat sehr viel Glück gehabt, daß die Niere nicht getroffen wurde. Aber sie leidet unter Erfrierungen, und ihr allgemeiner Gesundheitszustand ist miserabel. Ich vermute, daß sie einige Stunden draußen in der Kälte verbracht hat. Bei den extremen Temperaturen ist es ein Wunder, daß sie überhaupt noch lebt. Außerdem ist sie unterernährt.« Er musterte den Offizier. »Sie hat angeblich zwei russische Wachposten erschossen. Stimmt das?«

»Sie hat einen getötet, den anderen verwundet. Wenn man sie so ansieht, würde man ihr das gar nicht zutrauen. Sie sieht so unschuldig aus.« Er lächelte. »Frauen wie die hätten wir im Winterkrieg gut gebrauchen können.«

»Was machen die Russen? Haben sie schon Informationen über das Mädchen?«

»Sie regen sich fürchterlich auf, wie immer, wenn jemand von ihnen überläuft. Und wie üblich ignorieren wir sie. Sie wollen die Frau natürlich zurückhaben. Sie behaupten, sie wäre eine gewöhnliche Kriminelle, die aus einem Strafgefangenenlager geflohen sei.« Der Offizier zuckte gleichgültig die Schultern. »In der Nähe von Petrosawodsk gibt es ein Lager. Es liegt etwa fünf Stunden zu Fuß von der Grenze entfernt. Könnte also stimmen. Sie sagen, sie hätte auch einen Lagerwächter getötet. Ihr Name lautet angeblich Anna Chorjowa.«

Der Arzt runzelte die Stirn. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen.«

Er hob den Arm des Mädchens und rollte den Ärmel des Hemdes zurück. Der SUPO-Offizier sah die Nummern, die mit blauer Tinte in ihr Handgelenk eintätowiert worden waren.

Er nickte. »Dann haben die Russen also nicht gelogen, was ihre Inhaftierung in einem Gefangenenlager betrifft. Meine Güte, kein Wunder, daß sie wie der wandelnde Tod aussieht. Die meisten armen Teufel aus den Lagern sterben an Unterernährung.«

Der Offizier notierte die Nummern und schaute dann wieder den Arzt an. »Können Sie mir noch etwas sagen?«

Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Da ist noch etwas, aber das dürfte Sie kaum interessieren.«

Der Offizier lächelte schwach. »Alles ist wichtig. Also, heraus damit.«

Der Arzt schob das weiße Krankenhaushemd der jungen Frau hoch. Er deutete auf eine dünne, aber sichtbare Narbe über ihrem Bauch.

»Ich vermute, daß sie letztes oder vorletztes Jahr ein Kind zur Welt gebracht hat. Das Kind ist offensichtlich mit einem Kaiserschnitt geholt worden.«

Der Arzt sah, daß der Offizier kurz nickte und diese Information ebenfalls notierte, bevor er das Notizbuch wieder in die Brusttasche zurückschob.

»Was wird mit ihr geschehen?« wollte der Arzt wissen. »Wird sie zu den Russen zurückgeschickt?«

Der Offizier betrachtete das Gesicht der Schlafenden und zuckte mit den Schultern. »Das habe ich nicht zu entscheiden. Aber wer sie auch sein mag, sie muß wirklich unbedingt weggewollt haben. Es ist ein Wunder, daß sie so weit gekommen ist. Fünf Stunden in diesem Wetter … Da könnten selbst einem Bären die Eier abfrieren.«

»Wie erklären Sie sich die Uniform, die sie anhatte?«

»Keine Ahnung. Vielleicht war sie gestohlen.«

»Und was passiert weiter?«

»Wir schicken ein paar Leute her, die sich mit ihr unterhalten.«

»Sie meinen unsere Geheimdienstleute?«

Der Offizier lächelte. »Die auch, ja. Aber ich meinte vor allem unsere amerikanischen Freunde in Helsinki. Falls es Ihnen bisher entgangen sein sollte, mein lieber Doktor: Unser kleines Land nimmt als Zuschauer in der ersten Reihe an einem kalten Krieg teil, der immer heißer wird. Dieses Mädchen hat zwei Wachposten erschossen und ist in einer Uniform der Roten Armee über die russische Grenze geflohen. Glauben Sie nicht auch, daß die Amerikaner gern mit ihr plaudern möchten?«

5. KAPITEL

Helsinki
25. Oktober

Ein Mann mit grauem, kurzgeschnittenem Haar saß neben Anna Chorjowas Bett und starrte sie an.

Die fleischige Haut seines grobgeschnittenen Gesichtes war übersät mit geplatzten Äderchen. Sein Mund war grimmig verzogen, als wäre er wütend. Es wirkte wie das Gesicht eines Mannes, der in seinem Leben schon viele sehr unerfreuliche Dinge gesehen hatte … Es war vorsichtig, wachsam und geheimnisvoll. Aber der Blick der hellgrauen Augen war nicht gefühllos. Die Frau vermutete, daß ihnen nicht viel entging. Einer der finnischen Geheimdienstoffiziere hatte ihr angekündigt, daß dieser Amerikaner mit ihr reden wollte. Die Finnen hatten sie verhört und ihre Geschichte immer wieder mit ihr durchgekaut, trotzdem hatte sie ihnen nicht alles verraten. Nicht aus Arglist, sondern weil die Erinnerungen zu schmerzhaft waren und sie nach der Anästhesie noch sehr empfindlich war. Zudem hatte sie das Gefühl gehabt, daß die Finnen diese Prozedur eher widerwillig hinter sich brachten, so als gehe es sie eigentlich nichts an. Aber dieser Mann hier neben ihrem Bett benahm sich anders. Ihn würde sie nicht mit schlichten Antworten abspeisen können, das spürte sie.

Er war etwa Anfang Vierzig und saß entspannt auf dem Stuhl. Seine großen Hände ruhten auf seinen Knien. Er sprach fließend Russisch, und seine Stimme war leise, als er Anna lächelnd ansprach.

»Ich heiße Jake Massey. Man hat mir gesagt, daß Sie wieder ganz gesund werden.«

Als sie nicht antwortete, beugte der Mann sich vor. »Ich bin hier, weil ich einige Lücken in Ihrer Geschichte füllen möchte. Sie heißen Anna Chorjowa, richtig?«

»Ja.«

Ihr fiel sein offener Blick auf, als er weitersprach. »Ich weiß, daß Sie eine schwere Zeit durchgemacht haben, Anna, aber Ihnen muß eins klar sein: Es fliehen viele Menschen über die russische Grenze nach Finnland.« Er lächelte wieder freundlich. »Sicherlich nicht alle unter so dramatischen Umständen wie Sie. Einige von ihnen wollen wirklich aus Rußland fliehen. Andere jedoch … drücken wir es mal so aus: Ihre Absichten sind nicht ganz so ehrenhaft. Ihre Landsleute schicken Leute hierher, die spionieren sollen. Sie verstehen mich doch, Anna? Ich muß sichergehen, daß Sie nicht zu dieser Sorte gehören.«

Sie nickte.

»Sind sie kräftig genug, daß Sie reden können?« wollte er wissen.

»Ja.«

»Die Ärzte hoffen, daß Sie bis morgen aufstehen können. Ein paar Schritte gehen.« Er zögerte und musterte erneut ihr Gesicht. Seine grauen Augen blickten sie freundlich, aber forschend an.

»Warum haben Sie die beiden Wachposten auf der Brücke erschossen?« fragte er sanft.

Sie sah, daß der Mann ihre Augen genau fixierte.

»Weil ich fliehen wollte.«

»Wovor?«

»Vor dem Gulag.«

»Waren Sie in einem Gefangenenlager?«

»Ja.«

»Wo?«

»In der Nähe von Petrosawodsk.«

»Kennen Sie den Namen des Lagers?«

»Nikotschka.«

»Die sowjetische Botschaft in Helsinki behauptet, Sie hätten dort einen Lageroffizier ermordet. Stimmt das?«

Sie zögerte und nickte dann.

»Warum haben Sie den Mann getötet, Anna?«

Sie hatte diese Frage schon beantwortet, als die Finnen sie verhört hatten, aber sie spürte, daß der Amerikaner noch gründlicher nachhaken würde. Sie wollte sprechen, aber irgendwie kamen ihr die Worte nicht über die Lippen. Massey schaute sie an.

»Anna, ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein und Ihnen die Situation erklären. Ich arbeite für die amerikanische Botschaft. Ihre Diplomaten veranstalten eine Menge Wirbel, daß man Sie zurückschicken sollte, damit Sie vor Gericht gestellt werden können. Es gibt zwar keinen Auslieferungsvertrag zwischen Rußland und Finnland, aber wenn Ihre Regierung genug Druck auf die Finnen ausübt, werden die vielleicht nachgeben und Sie ausliefern. Der einzige Weg, das zu verhindern ist der, Sie der amerikanischen Botschaft zu übergeben. Sobald die Finnen erklären, Sie hätten politisches Asyl in Amerika beantragt, ist ihnen die Sache aus der Hand genommen. Das würden sie gern tun. Sie möchten Ihnen helfen. Rußland ist nicht gerade der beste Freund der Finnen. Deshalb bin ich hier. Man hat mich beauftragt, mit Ihnen zu sprechen und herauszufinden, ob meine Botschaft behilflich sein kann. Vermutlich wollen Sie nicht zurück nach Rußland, sondern in Amerika Asyl beantragen. Allerdings sollten Sie wissen, daß eine Anklage wegen Mordes aufgrund der russischfinnischen Verträge genügt, Sie wieder nach Rußland zu schicken.«

Massey hielt inne. Er hatte offenbar den Ausdruck panischer Angst in ihrem Blick bemerkt, denn er schüttelte schnell den Kopf und sprach weiter. »Anna, wir wollen nicht, daß es dazu kommt. Aber das hängt zum Teil auch von Ihnen ab.«

»Inwiefern?«

»Es kommt darauf an, wie kooperativ Sie sind. Die Leute, die Sie verhört haben, glauben, daß Sie ihnen nicht alles erzählt haben. Verstehen Sie, wenn zumindest ich Ihre ganze Geschichte kenne, kann meine Botschaft entscheiden, ob Sie eine geeignete Kandidatin für politisches Asyl sind. Es gibt international anerkannte Gründe für eine Flucht aus solchen Lagern wie das, in dem Sie eingesessen haben. Und wenn diesen Gründen Genüge getan wird, kann die amerikanische Botschaft Ihnen vielleicht helfen. Ich will Ihnen nichts versprechen, Anna. Nur soviel: Ich höre mir Ihre Geschichte an und versuche mein Bestes, wenn ich glaube, daß Ihr Fall es verdient hat. Verstehen Sie das?«

Sie nickte. Massey beugte sich vor.

»Also, werden Sie mir helfen?«

»Was wollen Sie wissen?«

Massey erwiderte freundlich: »Alles, was Sie mir sagen können. Ihre Herkunft. Ihre Eltern. Ihr Leben. Wie es zu diesem Grenzübertritt gekommen ist. Warum Sie diesen Offizier im Lager getötet haben. Alles, woran Sie sich erinnern, könnte von Bedeutung sein.«

Plötzlich senkte sich die Qual wie eine Glocke über sie. Es war zu schmerzhaft, sich zu erinnern. Sie schloß die Augen und drehte den Kopf zur Seite. Sie merkte nicht, daß der Mann die Verletzungen auf ihrem Hals sah, die rosa Hautflecken, die durch ihre Stoppelhaare am Nacken schimmerten. »Lassen Sie sich Zeit, Anna«, sagte er leise. »Fangen Sie einfach ganz von vorne an.«

Als die Panzer der Deutschen Armee unter Feldmarschall von Leeb im Sommer 1941 ins Baltikum einrollten, wurden sie von vielen Bewohnern erfreut begrüßt.

Auf Stalins Befehl hatte die Rote Armee erst ein Jahr zuvor rasch und brutal nacheinander die drei kleinen unabhängigen baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen annektiert. Tausende waren gefoltert und hingerichtet worden oder wurden in Arbeitslager der Invasoren deportiert. Deshalb betrachtete ein großer Teil der Bevölkerung der besetzten Staaten die deutschen Truppen als Befreiungsarmee. Menschen säumten die Straßen und begrüßten die Soldaten der Wehrmacht. Frauen streuten Girlanden und Blumen auf die Straßen, während alle Verkehrswege nach Norden und Osten von der besiegten russischen Armee verstopft wurden, die sich in diesem Blitzkrieg vor den übermächtigen Deutschen zurückzog.

Aber nicht alle Sowjetkommandeure beugten sich der Stärke des Dritten Reiches. Einige blieben zurück und nahmen einen verzweifelten Partisanenkrieg auf, der den Deutschen einen blutigen Vorgeschmack darauf lieferte, was sie in den eisigen Steppen Rußlands erwartete.

Einer der russischen Offiziere war Brigadegeneral Igor Grenko.

Trotz seiner erst zweiundvierzig Jahre war er bereits Divisionskommandeur. Er war ein kühner Offizier und stand in dem Ruf, halsstarrig zu sein. Trotzdem hatte er die brutalen Säuberungen überlebt, mit denen Stalin am Vorabend des Krieges seine Armee dezimiert hatte. Damals war mehr als die Hälfte der älteren Offiziere entweder erschossen oder nach Sibirien deportiert worden. Viele ohne Verfahren – nur deshalb, weil Stalin sie in einem Anfall von Paranoia fälschlicherweise verdächtigte, einen Umsturz gegen ihn zu planen.

Irgendwann hatte Grenko eine gewisse Nina Sinjaking geheiratet, die Tochter eines armenischen Lehrers. Grenko hatte sie kennengelernt, als sie am Moskauer Institut eine engagierte Vorlesung über Lenin gehalten hatte, und sich sofort in sie verliebt. Sie war eine resolute, feurige junge Frau, die bemerkenswert gut aussah und ein ähnliches Temperament wie ihr Ehemann hatte. Nach zehn Monaten wurde ihr erstes und einziges Kind geboren.

Als die Deutschen auf Tallinn vorrückten, war Anna Grenko fünfzehn Jahre alt.

Die ursprünglichen Befehle Stalins nach Beginn des deutschen Unternehmens Barbarossa lauteten, sich so wenig wie möglich in einen Konflikt verwickeln zu lassen. Stalin klammerte sich fälschlicherweise an den Glauben, daß Hitler nicht weit in russisches Gebiet einmarschieren würde und daß die Feindseligkeiten bald beigelegt wären. Er hoffte, den Konflikt zu entschärfen, indem er die Deutschen nicht mit einem Gegenschlag reizte.

Igor Grenko sah das ganz anders.

Als Moskau ihm befahl, sich zurückzuziehen, weigerte er sich halsstarrig. Seiner Meinung nach ließ Stalin als Stratege eine Menge zu wünschen übrig. Grenko glaubte nicht, daß die Deutschen an der russischen Grenze haltmachen würden. Er war davon überzeugt, daß sich binnen weniger Wochen die Marschorder ändern und der Befehl ergehen werde, einen Partisanenkrieg zu führen. Er wurde vom Militärkommando aus Moskau mit Telegrammen bombardiert, in denen ihm befohlen wurde, sich zurückzuziehen. Er zerriß jedes Telegramm und schickte sogar eine dreiste Antwort. Was soll ich tun? Zusehen, wie die Deutschen meine Männer massakrieren?

Igor Grenko war der festen Überzeugung, daß die Geschichte Stalin des Irrtums überführen würde. Und er wußte, daß die ersten Wochen einer Schlacht genauso entscheidend sind wie die letzten. Als er jedoch die Telegramme nicht mehr länger ignorieren konnte, stiegen er und seine Männer in einen Truppenzug in der Nähe von Narwa und fuhren nach Moskau zurück.

Als der Zug im Bahnhof von Riga einlief, wurde Igor Grenko verhaftet und zu einem Wagen eskortiert. Als Anna Grenkos Mutter zu intervenieren versuchte, wurde sie barsch weggestoßen. Man sagte ihr, daß die Verhaftung ihres Ehemannes sie nichts angehe.

Am nächsten Tag erhielten sie Besuch von der Geheimpolizei.

Nina Grenko wurde darüber informiert, daß ihr Ehemann vor ein Militärtribunal gestellt und der Befehlsverweigerung schuldig befunden worden war. Er war noch am selben Morgen im Rigaer Gefängnis Lefortowo exekutiert worden.

Einen Tag später wurden die neuen Einsatzbefehle von Stalin veröffentlicht.

Jeder Bürger solle die eindringenden Deutschen mit allen Mitteln bis zum Tod bekämpfen, und kein russischer Soldat durfte zurückweichen.

Für Igor Grenko kam dieser Befehl vierundzwanzig Stunden zu spät.

Nach dem Tod ihres Vaters wurde Anna Grenkos Heim in Moskau auf Befehl der Geheimpolizei konfisziert. Ihre Mutter konnte das Unrecht der Hinrichtung ihres Mannes nie verwinden. Im zweiten Monat der Belagerung von Moskau kam Anna Grenko nach Hause in die schäbige kleine Einzimmerwohnung, die Nina für sich und ihre Tochter gemietet hatte. Sie fand den Leichnam ihrer Mutter, die sich an einer Wasserleitung erhängt hatte.

Anna verkroch sich danach zwei Tage lang im Bett. Sie aß nicht und schlief kaum. Plötzlich war eine schreckliche Leere in ihr Leben eingetreten, und sie hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte. Ihre Verwandten mieden sie, weil sie Sippenhaft fürchteten und Angst vor dem nächtlichen Klopfen an der Tür hatten, das die Geheimpolizei ankündigte.

Am dritten Tag packte Anna ihre spärlichen Habseligkeiten in einen kleinen Koffer und zog aus der kleinen Wohnung in ein noch kleineres, verwahrlostes Zimmer östlich der Moskwa.

Die deutsche Armee stand kaum zehn Kilometer entfernt. Die Soldaten konnten die goldenen Kuppeln des Kreml durch ihre Feldstecher sehen. Da die Stadt unter ständigem Beschuß lag, gab es wenig Nahrungsmittel und noch weniger Material zum Heizen. Alles, was brannte, war schon lange verfeuert worden. Die Leute verschlangen die kärglichen Rationen, die man ihnen zuteilte. Hunde und Katzen wurden für einen Monatslohn verhökert. In den Vorstädten stapelten sich die Leichen, und die Granaten und Stuka-Angriffe der Deutschen machten das Leben bei den eisigen Temperaturen weit unter null Grad zur Hölle.

Anna Grenko war zu jung zum Kämpfen und wurde zum Arbeitsdienst in eine Flugzeugfabrik im Ural abkommandiert. An ihrem siebzehnten Geburtstag wurde sie schließlich zum Militärdienst eingezogen. Nach einer dreiwöchigen Grundausbildung fuhr sie mit dem Schiff nach Süden an die Front und wurde zur zweiundsechzigsten Armee General Tschuikows versetzt. Nach Stalingrad.

Dort lernte sie, was Überleben heißt.

Sie kämpften von Straße zu Straße, von Fabrik zu Fabrik und hielten eine deutsche Belagerung aus, die sechs Monate dauerte. Nachts überschritten sie die feindlichen Linien in Schlamm und Schnee und griffen ihre Stellungen an. Die Kämpfe wurden heftig und erbittert geführt. Sie kam dem Feind oft so nah, daß sie die flüsternden Stimmen in den Schützengräben hören konnte. Das Bombardement war so entsetzlich, daß die Bäume in der Stadt sämtliche Blätter verloren und Hunde sich in der Wolga ertränkten, damit sie den schrecklichen Lärm der Schlacht nicht länger hören mußten, die Tag und Nacht währte.

Zweimal wurde Anna verwundet, und zweimal wurde sie dafür ausgezeichnet. Die Kämpfe, die in und um Stalingrad tobten, waren gnadenlos.

Beim fünften Übertritt über die feindlichen Linien wurde Anna von einer Abteilung der ukrainischen SS gefangengenommen. Nach dem Verhör wurde sie brutal vergewaltigt.

Man hielt sie für tot und ließ sie in einem Bombenkrater liegen. Zwischen ihren Beinen brannte ein heißer Schmerz, wo die fünf Männer in ihrer rücksichtslosen Gier ihren Körper brutal mißbraucht hatten.

Am zweiten Morgen erwachte sie, als Schnee auf ihr Gesicht fiel.

Als Anna aus dem Krater kletterte, sah sie die Ukrainer auf der anderen Seite. Es waren dieselben Männer, die sie verhaftet hatten. Sie standen um ein hell brennendes Kohlenfeuer, wärmten sich und lachten.

Anna Grenko kroch wieder in den Krater und wartete, bis es dunkel wurde. Sie war fast besinnungslos vor Wut und brannte nach Rache. Ein wildes Verlangen trieb sie an. Sie wollte diese Männer für das töten, was sie ihr angetan hatten. Dieser Impuls beherrschte sie und war stärker als ihr Selbsterhaltungstrieb. Als sie in dieser Nacht erneut aus dem Krater kletterte, stieß sie auf einen gefallenen Kameraden. Sie nahm dessen Tokarew-Maschinenpistole und die Stielhandgranaten an sich.

Dann stieg sie wieder in den Krater und pirschte sich von der anderen Seite an die Soldaten heran.

Einer der Männer drehte sich um und bemerkte sie, doch es war schon zu spät. Anna sah das Entsetzen auf dem Gesicht des Mannes, als sie die Granaten entsicherte und sie in die Gruppe schleuderte. Gleichzeitig feuerte sie mit der Maschinenpistole und beobachtete, wie die Körper der Soldaten im grellen Lichtblitz der explodierenden Granaten zuckten. Sie lauschte den Schreien, bis alles vorbei war.

Als am nächsten Tag die Linien wieder überrannt wurden, fanden ihre eigenen Truppen sie im Krater. Eine Blutlache hatte sich zwischen ihren Beinen gebildet. Sie verbrachte drei Wochen in einem Feldlazarett in Stalingrad, bevor sie vor ein Militärgericht gestellt wurde. Dort befragte man sie – aber nicht nach der Qual ihrer Vergewaltigung, sondern nach ihrer Gefangennahme durch die Ukrainer und wie es dazu hatte kommen können.

Für diese ›Dummheit‹ verurteilte man sie trotz ihrer Tapferkeit zu einer einmonatigen Gefängnisstrafe in einem Militärgefängnis.

Zwei Jahre nach dem Krieg erlebte Anna Grenko das erste Mal so etwas wie persönliches Glück.

Es war die Zeit, als die Bürger von Moskau wieder etwas Geschmack am Leben fanden. Die Stadt erwachte wie aus einem langen Winterschlaf und sprühte vor Freude und Ausgelassenheit. Wohnblocks und Cafés, Tanzhallen und Bierlokale schossen in jeder Vorstadt wie Pilze aus dem Boden. Die Menschen trugen modische Kleidung und leuchtende Farben, und im Sommer tanzten sie auf den Hotelterrassen zur neuesten Musik.

Anna Grenko fand eine Stelle als Sekretärin in einer Moskauer Fabrik. Da sie genug Zeit hatte, ging sie auf eine Abendschule. Zwei Jahre später besuchte sie Abendvorlesungen am Moskauer Spracheninstitut. Obwohl sie oft von Männern eingeladen wurde, ging sie nur selten aus und akzeptierte nie eine Einladung nach Hause. Nur einmal machte Anna Grenko eine Ausnahme.

Einer der jungen Dozenten, die sie kennenlernte, war Iwan Chorjow.

Er war erst vierundzwanzig, ein schlanker, bleicher und sensibler junger Mann. Aber er war bereits ein bewunderter und beliebter Dichter. Seine Arbeiten wurden in verschiedenen angesehenen Literaturmagazinen veröffentlicht.

Eines Abends nach der Vorlesung hatte er Anna auf einen Drink eingeladen.

Sie gingen in ein kleines Gartencafé am Ufer der Moskwa. Sie aßen eine Kleinigkeit und tranken starken, georgischen Wein. Iwan Chorjow redete über Poesie. Als er für Anna ein Gedicht von Pasternak zitierte, hielt sie es für das Schönste, was sie je gehört hatte. Iwan war ein aufmerksamer Zuhörer, wenn Anna ihre Meinung äußerte und versuchte nicht, sie einfach nur abzutun. Er besaß die Fähigkeit, sich selbst auf den Arm zu nehmen, und maß seinem eigenen literarischen Ruf keine übermäßige Bedeutung zu. Und er lachte gern.

Auf der Terrasse spielte eine Band einen leisen, traurigen Walzer aus der Vorkriegszeit. Iwan forderte Anna zu einem Tanz auf und versuchte nicht, sie dabei unschicklich zu berühren oder zu küssen. Anschließend brachte er sie nach Hause, doch statt ihr einen Gutenachtkuß zu geben, schüttelte er ihr nur förmlich die Hand.

Eine Woche später lud er sie zum Abendessen in sein Elternhaus ein. Nach der Mahlzeit saßen sie alle bis in die frühen Morgenstunden zusammen. Als Anna über einen Witz lachte, den Iwans Vater gemacht hatte, lächelte Iwan Chorjow und sagte, daß er sie zum ersten Mal glücklich sähe.

Anschließend war sie ins Bett gegangen und hatte an ihn denken müssen. An seine ruhige Sicherheit und Freundlichkeit, an seinen Humor. Seine Fähigkeit, sich zu fast jedem Thema sinnvoll äußern zu können, seine wache Intelligenz und seine Sensibilität. Seine Bereitschaft, ihren Ansichten zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Wie sie war auch Iwan ein Einzelgänger, aber einer von anderer Art. Seine Unabhängigkeit entsprang einer ruhigen Selbstsicherheit und dem Rückhalt einer liebenden Familie.

Sie verliebte sich in ihn und einen Monat, nachdem sie ihre Abschlußprüfung bestanden hatte, heirateten sie.

Ihre Flitterwochen verbrachten sie allein in einer großen Holzvilla am Strand in der Nähe von Odessa. Jeden Morgen gingen sie im warmen Schwarzen Meer schwimmen, liefen zurück in die Datscha und liebten sich.

Nachts las er ihr Gedichte vor, die er geschrieben hatte, und erzählte ihr immer wieder, daß er sie liebte, daß er sie vom ersten Tag an geliebt hatte, als er sie auf dem Campus gesehen hatte. Als er sah, wie ihr Tränen in die Augen traten, zog er sie in die Arme und hielt sie fest.

Als ein Jahr später ihr Kind geboren wurde, war für Anna das Leben vollkommen. Es war eine Tochter, und sie gaben ihr den Namen Sascha. Man teilte ihnen eine kleine Wohnung am Lenin-Prospekt zu, und sie und Iwan gingen mit ihrem Baby oft im nicht weit entfernten Gorki-Park spazieren.

Anna würde den ersten gemeinsamen Spaziergang als Familie niemals vergessen. Sie und Iwan und die kleine Sascha. Und der Vaterstolz auf Iwans Gesicht, als er seine kleine Tochter in den Armen hielt. Ein Mann mit einem Fotoapparat hatte für fünfzig Kopeken in einem Musikpavillon ein Foto von der Familie geschossen. Anna und Iwan lächelten, und Sascha war in eine wollene Mütze und eine weiße Decke eingewickelt. Ihr Gesicht war dick, rosa und gesund, und ihre kleinen Lippen gierten nach Milch. Anna hatte das Foto in einem silbernen Rahmen auf den Kaminsims gestellt. Sie betrachtete es jeden Tag, als müßte sie sich ständig daran erinnern, daß ihre Ehe und ihr Glück kein Traum waren.

In diesem warmen Sommer wunschlosen Glücks – inzwischen waren fünf Jahre seit Kriegsende verstrichen –, hätte sie sich niemals vorstellen können, welches Leid sie noch erwartete.

Es kündigte sich mit einem Klopfen an ihre Wohnungstür an, an einem Sonntag, um zwei Uhr früh. Drei Männer stürmten ins Zimmer und zerrten Iwan nach draußen in einen Wagen. Er war beschuldigt worden, ein Gedicht für ein Dissidentenmagazin geschrieben und es dort veröffentlicht zu haben. Für dieses Verbrechen wurde er in eine Strafkolonie nach Norilsk in Nordsibirien verbannt – für fünfundzwanzig Jahre.

Anna Chorjowa sollte ihren Ehemann nie wiedersehen.

Eine Woche später kamen die Männer von der Geheimpolizei zurück.

Anna weinte und schrie und trat um sich. Als sie ihr die kleine Tochter wegnahmen, hätte sie die Männer, die sie in ein Fahrzeug zerrten, fast umgebracht. Doch alle Gegenwehr, alles Bitten nützte nichts. Man lieferte Anna ins Gefängnis von Lefortowo ein.

Wegen ihrer Beziehung zu Iwan Chorjow wurde sie zu zwanzig Jahren Haft im Nikotschka-Straflager verurteilt. Ihre Tochter sollte in ein staatliches Waisenhaus eingeliefert werden, wo man sie zu einer guten Kommunistin erziehen wollte. Anna durfte ihre Tochter nie wiedersehen; das Recht auf Elternschaft wurde vom Staat widerrufen.

Sie wurde direkt zu dem Bahnhof in Moskau gebracht, von dem aus die Züge Richtung Leningrad fuhren, und dort mit Dutzenden anderer Gefangener in einen Viehtransport gesteckt. Der Zug fuhr etwa fünfhundert Kilometer Richtung Norden. Als er schließlich auf einem Abstellgleis hielt, wurden Anna und die anderen Gefangenen in ein Lager weiter westlich gefahren, mitten im Niemandsland.

In dieser Nacht tobte ein heftiger Schneesturm, und eisige Windstöße schnitten wie Rasierklingen in Annas Gesicht. Sie wurde gemeinsam mit fünf weiteren Gefangenen der Sonderkategorie in eine zugige, verwahrloste Holzzelle gesperrt. Zwei ihrer Leidensgenossen waren blind, die anderen waren Prostituierte mit Syphilis. Die übrigen Lagerinsassen waren Alkoholiker und politische Gefangene, die den Rest ihres Lebens in den Eiswüsten nahe am Polarkreis verbringen sollten. In den Hunderten von Straflagern, über die ganze Sowjetunion verteilt, arbeiteten Millionen Männer, Frauen und Kinder in Minen und Steinbrüchen und behelfsmäßigen Fabriken. Sie schufteten vom Morgengrauen bis zur Dämmerung für nichts, bis mangelnde Ernährung, die eisige Kälte, Seuchen oder Selbstmord ihre Leben beendeten. Man hob mit einem Bagger eine Grube aus der eisenhart gefrorenen Erde und verscharrte die Leichen in anonymen Gräbern. Weder ein Kreuz noch eine Inschrift bezeugten, daß es sie jemals gegeben hatte.

Im zweiten Monat ihrer Inhaftierung merkte Anna Chorjowa, daß sie nicht mehr lange durchhalten würde.

Sie bekam keine Post, nur offizielle Briefe von Ämtern und Behörden. Und es waren keine Besucher erlaubt. Sie arbeitete von morgens bis abends. In den ersten Wochen hätten Verzweiflung und Einsamkeit sie beinahe umgebracht. Ließen ihre Kräfte nach, wurde sie von jungen Lagerwächtern erbarmungslos verprügelt. Jeden Tag und jede Nacht drohten Schmerz und Leid sie zu überwältigen. Immer wieder mußte sie an Saschas Gesicht denken und fürchtete, den Verstand zu verlieren. Nach sechs Monaten bekam sie einen Brief vom Informationsdienst der Straflager in Moskau. Darin wurde sie informiert, daß ihr Ehemann Iwan Chorjow eines natürlichen Todes gestorben und in Norilsk begraben worden war. Seine persönlichen Habseligkeiten wurden vom Staat beschlagnahmt. Nähere Anfragen in dieser Sache wurden Anna untersagt.

In dieser Nacht weinte Anna Chorjowa, bis sie glaubte, ihr müsse das Herz vor Leid zerspringen. Sie aß nicht einmal die kargen Rationen Schwarzbrot mit Kohlsuppe. Binnen einer Woche litt sie unter ernsten Folgen der Mangelernährung. Als sie schließlich in ihrer Arbeitseinheit zusammenbrach, wurde sie in die schäbige Baracke geschleppt, die als Lagerlazarett diente. Der ständig betrunkene, schlampige Arzt, der einmal in der Woche erschien, untersuchte sie ohne besonderes Interesse. Als Anna sich immer noch weigerte zu essen, wurde sie dem Lagerkommandanten vorgeführt.

Dieser Kommandant erteilte ihr eine strenge Lektion über seine Verantwortung den Gefangenen gegenüber, doch am Tonfall des Mannes spürte Anna, daß es ihn nicht interessierte, ob sie lebte oder starb.

Als das Telefon in einem anderen Zimmer klingelte und der Kommandant nach draußen gerufen wurde, bemerkte Anna Chorjowa die Landkarte an der Wand. Irgend etwas setzte sich in ihren Gedanken fest. Sie starrte die Karte unentwegt an. Es war ein Reliefbild der Gegend um das Lager, mit Geländeangaben und eingezeichneten Grenzposten. Die Straße war ebenso darauf vermerkt wie Militärbasen und zivile Gefangenenlager, die mit kleinen roten und blauen Fähnchen markiert waren. Anna trat dichter an die Karte heran, starrte ungefähr fünf Minuten eindringlich darauf und brannte sich jede Einzelheit ins Gedächtnis.

Als der Kommandant sie schließlich fortschickte, ging Anna in ihre Baracke zurück. Sie nahm ein Stück Holzkohle aus dem Metallofen und zeichnete die Landkarte, so gut sie sich erinnern konnte, auf die Rückseite des Briefes mit der Nachricht vom Tod ihres Mannes. Jede Einzelheit, die ihr einfiel, jede Straße und jeden Fluß, jedes blaue und rote Fähnchen.

An diesem Abend aß sie ihre erste Mahlzeit seit Tagen. Und in dieser Nacht faßte sie einen Entschluß. Sie wußte, daß sie ihre Tochter nie wiedersehen und ihr Leben nie mehr so sein würde wie zuvor. Aber sie wollte nicht in dieser Eiswüste am Polarkreis krepieren, und sie würde keine Gefangene bleiben.

Das Grenzgebiet zu Finnland war eine Landschaft aus dichtem Wald und Hügeln, in denen es von Wölfen und Bären wimmelte, und die vor eisigen Kämmen und breiten, gefrorenen Flüssen nur so strotzte. Der Versuch, im Winter durch ein solches Terrain zu entkommen, kam einem Selbstmord gleich. Die zugänglichsten Pässe waren bewacht, aber trotzdem boten sie die beste Chance, selbst wenn es äußerst gefährlich war. Anna wußte nicht, was hinter der finnischen Grenze auf sie wartete, aber sie wußte, daß sie aus diesem unmenschlichen Lager entkommen mußte.

Ihr war ein Lageroffizier aufgefallen, ein grober, lüsterner Mann mittleren Alters, der das Risiko einging, mit weiblichen Gefangenen zu verkehren und Extra-Essensrationen gegen Sex einzutauschen. Anna hatte bemerkt, wie der Mann sie beobachtete. Sie erkannte an seinem lüsternen Grinsen, daß er ihren Körper wollte. Sie ließ ihn wissen, daß sie käuflich war.

Der Offizier kam drei Nächte später zu ihr, nach Einbruch der Dunkelheit. Sie trafen sich in einem kleinen Holzschuppen am anderen Ende des Lagers. Anna hatte den Tag genau geplant, weil der Offizier am nächsten Tag dienstfrei hatte.

Sie wartete, bis er sie entkleidet hatte. Als er dann seinen Mantel ablegte und an ihren Brüsten saugte, jagte sie ihm eine zwölf Zentimeter lange Metallklinge in den Rücken. Sie hatte drei Wochen gebraucht, um das Messer nach Einbruch der Dunkelheit anzufertigen, aber es kostete sie nur Augenblicke, es zu benutzen. Der Mann starb sehr langsam und versuchte im Todeskampf, Anna zu erwürgen, doch sie rammte ihm wieder und wieder das Messer in den Leib, bis der Boden schlüpfrig von seinem Blut war.

Zehn Minuten später schloß sie mit dem Schlüssel des Mannes eine Seitentür auf und marschierte durch den Schnee und die eiskalte Nacht davon. Sie trug die blutverschmierte Uniform des Mannes, seinen Mantel und seine Pelzmütze, hatte seine Pistole dabei und schlug den Weg über die schmale, gewundene Straße durch den Birkenwald ein. Die Wache auf dem nächstgelegenen Turm machte sich nicht mal die Mühe, sie anzurufen.

Nach einigen Stunden hatte Anna Chorjowa, fast erfroren und am Rand der völligen Erschöpfung, endlich die Grenze zu Finnland erreicht.

Sie sprach fast eine Stunde mit Massey.

Er saß da, hörte ruhig zu und nickte verständnisvoll, wenn Anna stockte oder der Schmerz der Erinnerungen sie überwältigte, so daß sie nicht weiterreden konnte.

Ab und zu sah sie den Schock in seinem Gesicht, während sie ihm ihre Geschichte erzählte. Seine Haltung veränderte sich. Er war nicht mehr teilnahmslos, schien plötzlich die Tiefe ihres Schmerzes begriffen zu haben und auch den Grund, aus dem sie getötet hatte.

Als ihre Geschichte schließlich zu Ende war, lehnte Massey sich zurück und blickte sie mitfühlend an. Anna wußte, daß er ihr glaubte.

Er sagte, daß noch jemand mit ihr reden wollte. Man würde ihr andere Fragen stellen, und vielleicht müßte sie ihre Geschichte noch einmal erzählen. Aber jetzt sollte sie sich erst einmal ausruhen und versuchen, wieder zu Kräften zu kommen. Am nächsten Tag würde man sie in ein privates Krankenhaus in Helsinki verlegen. Er würde ihr helfen, so gut er konnte.

Anna schaute ihm nach, als er ging; dann lag sie wieder allein in dem kleinen, weißen Zimmer. In einiger Entfernung hörte sie heitere Tanzmusik aus einem Radio. Sie dachte an eine andere Zeit und einen anderen Ort – an den ersten Abend, an dem Iwan Chorjow sie zum Tanzen an die Ufer der Moskwa ausgeführt hatte. Im Flur vor ihrem Zimmer hörte sie plötzlich jemanden lachen. Die Trauer spülte wie eine Flutwelle über sie hinweg, und sie versuchte, nicht zu weinen.

Es war ein langer Weg von den eisigen Wüsten von Nikotschka. Ein langer Weg aus der Kälte, der Verzweiflung und den körperlichen Qualen, mit denen sie monatelang gelebt hatte. Sie hatte rasende Schmerzen in ihrer Brust. Es fühlte sich an, als hätte jemand ein Messer hineingestoßen, so daß sie langsam verblutete.

Und die ganze Zeit hatte sie ein Bild vor Augen, das einfach nicht verschwinden wollte: wie Iwan und sie im Gorki-Park spazierengingen. Der lächelnde Iwan und sein stolzer und liebevoller Gesichtsausdruck, als er Sascha in den Armen schwenkte.

6. KAPITEL

Berlin
15. Dezember

Die Iljuschin-Transportmaschine mit den roten Sternen auf den Flügeln kam mit einem Ruck auf dem eisigen Flughafen Schönefeld in Ostberlin zum Stehen. Ein dünner Mann mit scharfen Gesichtszügen stieg aus. Er besaß volle, leicht aufgeworfene Lippen und ein langes Gesicht mit mandelförmigen, glänzenden Augen. Gelassen ging er über das betonierte Vorfeld zum wartenden Sis-PKW.

Als der Wagen die Tore passierte und die Stadt in östlicher Richtung verließ, setzte Oberst Grenadi Kraskin seine Dienstmütze ab und strich mit der Hand über den zurückweichenden Haaransatz. Er war zweiundsechzig und mit über dreißig Jahren Erfahrung auf dem Buckel ein Veteran und alter Hase im KGB. Er war nur Berija und Stalin Rechenschaft schuldig und leitete spezielle, interne Operationen, die der Kontrolle des Zweiten Direktorates oblagen. Dessen Zentrale lag im siebenstöckigen KGB-Hauptquartier an Moskaus Dsershinski-Platz. Kraskin hatte seine monatliche Dienstreise nach Ostberlin angetreten, um höchst geheime sowjetische Forschungseinrichtungen zu inspizieren, was er auch mit gewohnter Gründlichkeit absolvierte.

Nach einer dreißig Kilometer langen Fahrt bog der schwarze Sis von der Autobahn nach Potsdam in eine kleinere Straße ab, die an dem verschlafenen Nest Luckenwalde vorbeiführte. Am Ende der Straße erhob sich, von hohen Tannen gesäumt, ein großes, zweiflügeliges Eisentor mit einer Schranke davor. Dahinter lag ein asphaltierter Weg, der zu beiden Seiten von Stacheldraht gesäumt wurde. Zwei uniformierte Wächter nahmen Haltung an, als der Sis vorfuhr. Ein Offizier kam aus einem Wachhäuschen aus Beton und überprüfte die Ausweise der Insassen. Augenblicke später hob sich die Schranke, und der Wagen fuhr weiter.

Nach einem halben Kilometer auf der betonierten und mit Stacheldraht gesicherten Piste sah Kraskin den Eingang zu einem unterirdischen Tunnel, der wie ein Schlund im Beton der Straße lauerte. Der Wagen fuhr hinein und kam schließlich zum Stehen.

Als Kraskin ausstieg, befand er sich in einem riesigen Bunker, der wie ein ungeheurer, unterirdischer Parkplatz aussah. Der Gestank nach Dieselabgasen und abgestandener Luft war ekelhaft. Grelle Neonlampen hingen an der Decke. Etwa ein Dutzend Militärfahrzeuge parkten hier. Rechts von Kraskin befand sich der Eingang zu einem Aufzug, dessen Metalltüren offenstanden.

Der wachhabende Offizier salutierte zackig und begleitete Kraskin in den Lift.

Nachdem die beiden Männer eingetreten waren, schlossen sich die Türen. Der Lift fuhr nach unten.

Die DC-6 der PanAm, Flug 209 von Paris, war fast leer. Der blonde Mann saß an einem Fensterplatz vorn in der zweiten Reihe.

Über Berlins Wannsee setzte die Maschine zum Landeflug an. Kurz darauf sah der Mann das breite Band der Straße Unter den Linden unter sich. Hier und da gab es noch vereinzelte Bombenkrater in den Vorstädten, und im Osten erblickte man die zerfallenen, skelettierten Gebäude des sowjetischen Sektors.

Zehn Minuten später landete das Flugzeug auf Westberlins Flughafen Tempelhof. Die Einreise- und Zollkontrollen waren sehr gründlich, und es wimmelte von Militär, seit die Sowjets Westberlin mit einem zehn Meter breiten Todesstreifen umgeben und isoliert hatten. Doch dem uniformierten westdeutschen Beamten fiel der gefälschte amerikanische Paß nicht auf. Der Mann wurde ohne große Verzögerung durchgeschleust.

Vor der Ankunftshalle parkten ein halbes Dutzend amerikanischer Lastwagen, neben denen zwei schwarze GIs standen, die Kaugummi kauten und plauderten.

Keiner schien auf den blonden Mann zu achten. Augenblicke später sah er den grauen Volkswagen gegenüber dem Parkplatz für Zivilfahrzeuge. Hinter dem Steuer saß eine attraktive Frau Anfang Dreißig und rauchte eine Zigarette. Er erkannte ihre dunklen, russischen Gesichtszüge. Sie trug einen blauen Schal um den Hals. Als sie den Mann bemerkte, warf sie die Zigarette aus dem Wagenfenster.

Der Mann wartete noch eine ganze Minute, bevor er die Straße überquerte und zum Wagen ging. Selbst dann warf er vorher noch einen mißtrauischen Blick auf den Platz vor der Ankunftshalle.

Schweigend setzte er sich neben die Frau, die sich einen Augenblick später geschickt in den Verkehr einfädelte und Richtung Berlin fuhr.

Oberst Grenadi Kraskin betrachtete den großen, schlampig gekleideten Mann, der ihm gegenüber saß, und lächelte. Sie befanden sich in Sergei Engers Büro im ersten Stock des mehrere Etagen umfassenden unterirdischen Gebäudekomplexes, der einst von den Deutschen erbaut worden war.

»Also, Sergei, was haben Sie auf dem Herzen?«

Sergei Enger war ein untersetzter Mann mit dunklem, schütterem, lockigem Haar und einem Schmerbauch. Er hatte an der Moskauer Universität Physik studiert und war Leiter der Forschungsabteilung im unterirdischen Komplex von Luckenwalde. Trotz seiner lockeren Umgangsformen und seiner unordentlichen Kleidung – Enger trug oft verschiedene Socken, und man konnte auf seinem Schlips sehen, ob das Frühstücksei weich oder hart gekocht gewesen war – verfügte der Mann über eine messerscharfe Intelligenz und besaß ein ausgeprägtes Talent zur Menschenführung.

Gequält erwiderte Enger das Lächeln des Oberst. Natürlich hatte er Probleme, aber Grenadi Kraskin war nicht gerade der Mann, dem man sein Herz ausschüttete.

Das Gesicht des KGB-Offiziers war scharf geschnitten, hart und wettergegerbt. In der ledrigen Haut hatten sich tiefe Falten eingegraben, die fast wie Narben aussahen, und in Verbindung mit dem eiskalten Lächeln hatte dies eine furchterregende Wirkung.

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