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Operation Romanow

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Vorwort
  6. Widmung
  7. ANMERKUNGEN DES AUTORS
  8. GEGENWART
  9. 1. KAPITEL
  1. VERGANGENHEIT 1918
  2. ERSTER TEIL
  3. 2. KAPITEL
  4. 3. KAPITEL
  5. 4. KAPITEL
  6. 5. KAPITEL
  7. 6. KAPITEL
  8. 7. KAPITEL
  9. 8. KAPITEL
  10. 9. KAPITEL
  11. 10. KAPITEL
  12. 11. KAPITEL
  13. 12. KAPITEL
  14. 13. KAPITEL
  15. 14. KAPITEL
  1. ZWEITER TEIL
  2. 15. KAPITEL
  3. 16. KAPITEL
  4. 17. KAPITEL
  5. 18. KAPITEL
  6. 19. KAPITEL
  7. 20. KAPITEL
  8. 21. KAPITEL
  9. 22. KAPITEL
  10. 23. KAPITEL
  11. 24. KAPITEL
  12. 25. KAPITEL
  13. 26. KAPITEL
  14. 27. KAPITEL
  15. 28. KAPITEL
  16. 29. KAPITEL
  17. 30. KAPITEL
  18. 31. KAPITEL
  1. DRITTER TEIL
  2. 32. KAPITEL
  3. 33. KAPITEL
  4. 34. KAPITEL
  5. 35. KAPITEL
  6. 36. KAPITEL
  7. 37. KAPITEL
  8. 38. KAPITEL
  9. 39. KAPITEL
  10. 40. KAPITEL
  11. 41. KAPITEL
  12. 42. KAPITEL
  13. 43. KAPITEL
  14. 44. KAPITEL
  15. 45. KAPITEL
  16. 46. KAPITEL
  17. 47. KAPITEL
  18. 48. KAPITEL
  19. 49. KAPITEL
  20. 50. KAPITEL
  21. 51. KAPITEL
  1. VIERTER TEIL
  2. 52. KAPITEL
  3. 53. KAPITEL
  4. 54. KAPITEL
  5. 55. KAPITEL
  6. 56. KAPITEL
  7. 57. KAPITEL
  8. 58. KAPITEL
  9. 59. KAPITEL
  10. 60. KAPITEL
  11. 61. KAPITEL
  12. 62. KAPITEL
  13. 63. KAPITEL
  14. 64. KAPITEL
  15. 65. KAPITEL
  1. FÜNFTER TEIL
  2. 66. KAPITEL
  3. 67. KAPITEL
  4. 68. KAPITEL
  5. 69. KAPITEL
  6. 70. KAPITEL
  7. 71. KAPITEL
  8. 72. KAPITEL
  9. 73. KAPITEL
  10. 74. KAPITEL
  11. 75. KAPITEL
  12. 76. KAPITEL
  13. 77. KAPITEL
  14. 78. KAPITEL
  15. 79. KAPITEL
  16. 80. KAPITEL
  17. 81. KAPITEL
  18. 82. KAPITEL
  19. 83. KAPITEL
  1. SECHSTER TEIL
  2. 84. KAPITEL
  3. 85. KAPITEL
  4. 86. KAPITEL
  5. 87. KAPITEL
  6. 88. KAPITEL
  7. 89. KAPITEL
  8. 90. KAPITEL
  9. 91. KAPITEL
  10. 92. KAPITEL
  11. 93. KAPITEL
  12. 94. KAPITEL
  13. 95. KAPITEL
  14. 96. KAPITEL
  15. 97. KAPITEL
  1. SIEBTER TEIL
  2. 98. KAPITEL
  3. 99. KAPITEL
  4. 100. KAPITEL
  5. 101. KAPITEL
  6. 102. KAPITEL
  7. 103. KAPITEL
  8. 104. KAPITEL
  9. 105. KAPITEL
  10. 106. KAPITEL
  11. 107. KAPITEL
  12. 108. KAPITEL
  13. 109. KAPITEL
  14. 110. KAPITEL
  15. 111. KAPITEL
  16. 112. KAPITEL
  17. 113. KAPITEL
  18. 114. KAPITEL
  19. 115. KAPITEL
  20. 116. KAPITEL
  21. 117. KAPITEL
  22. 118. KAPITEL
  23. 119. KAPITEL
  24. 120. KAPITEL
  25. 121. KAPITEL
  26. 122. KAPITEL
  27. 123. KAPITEL
  28. 124. KAPITEL
  29. 125. KAPITEL
  30. 126. KAPITEL
  31. 127. KAPITEL
  1. GEGENWART
  2. 128. KAPITEL
  1. DANKSAGUNGEN

Über den Autor

Bevor der Ire Glenn Meade zu internationalem Bestsellerruhm gelangte, arbeitete er als Journalist und als hochspezialisierter Ausbilder am Flugsimulator für Aer Lingus. Glenn Meade lebt in Dublin und widmet sich nun ganz der Schriftstellerei. Sein Debutroman UNTERNEHMEN BRANDENBURG gehörte 1994 zu den meistdiskutierten Büchern in England, und man stellte ihn sogleich auf eine Stufe mit Frederick Forsyth, Jack Higgins, Martin Cruz Smith und John LeCarre. OPERATION SCHNEEWOLF, sein erster in den USA und Deutschland veröffentlichter Roman, festigte diesen Ruf und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Glenn Meade

OPERATION
ROMANOW

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Karin Meddekis

 

Dies ist ein Roman. Namen, Personen, Orte und Ereignisse entstammen entweder der Fantasie des Autors oder wurden in die fiktive Handlung der Geschichte eingebettet. Jede Ähnlichkeit mit wahren Begebenheiten, Orten oder lebenden sowie verstorbenen Personen ist reiner Zufall.

 

Für Kim und Luke
und die gesamte Familie Kilgore

ANMERKUNGEN DES AUTORS

Alle Geschichten finden ihre Liebhaber.

Ich habe mich in diese hier verliebt, als ich das im Schatten der majestätischen Mourne Mountains gelegene Dorf Collon an der irischen Nordostküste besuchte.

Auf dem Friedhof der presbyterianischen Kirche aus dem Jahre 1813 mit den wunderschönen, bunten Kirchenfenstern fand ich die in Vergessenheit geratenen Gräber einiger Russen, die während der Oktoberrevolution in ihrer Heimat nach Irland geflohen waren.

Hier hörte ich zum ersten Mal von dem unglaublichen Plan, den russischen Zaren und seine Familie 1918 zu retten, doch all das ist bis zum heutigen Tage in geheimnisvolle Dunkelheit gehüllt. Selten zuvor habe ich für einen Roman so intensiv recherchiert, denn diese Geschichte erwies sich als ungeheures Rätsel mit vielen Fragezeichen.

Was in den turbulenten Zeiten der russischen Revolution in Sankt Petersburg begann, endete mit einer Reihe von Gräbern auf einem irischen Friedhof auf dem Lande. Dazwischen liegen längst verwischte Hinweise auf eine sorgfältig geplante Verschwörung, die das hartnäckigste Rätsel des Zwanzigsten Jahrhunderts lösen könnte.

Viele Figuren dieses Romans haben wirklich gelebt, und auch den geheimnisvollen Orden, der von einigen die Bruderschaft des Heiligen Johannes von Tobolsk genannt wird, hat es gegeben.

Das meiste dessen, was Sie lesen werden, ist wahr.

Nur bei einem kleinen Rest handelt es sich um Fiktion, den Teil im Mosaik des Geschichtenerzählens, dessen sich der Schriftsteller bedienen muss, um seiner Erzählung Leben einzuhauchen.

Doch ich überlasse es Ihnen zu entscheiden, welcher Teil Wahrheit und welcher Fiktion ist.

 

Meine liebe Marija,

die Geschichte wird vielleicht niemals vollständig aufdecken, was wirklich mit allen Zarenkindern geschah. Die Antwort ist so geheim, dass ich vorerst nicht darüber sprechen kann.

Lenin in einem Brief an seine Schwester im Juli 1918, nachdem sie ihm geschrieben hatte, sie habe Gerüchte über die Hinrichtung der Romanows gehört.

Anna Anderson ist Teil eines viel größeren Geheimnisses, als sich irgendjemand von uns vorstellen kann, denn sie hat zahlreiche unbeantwortete Fragen hinterlassen. Eine besonders erschreckende Frage ist die: Wie konnte es einer vermeintlich einfachen, geistig verwirrten Bäuerin gelingen, über sechs Jahrzehnte lang die hellsten und angesehensten Anwälte, Ermittler und Journalisten hinters Licht zu führen? In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Redensart, die ich einst gehört habe: »Jede Geschichte hat drei Seiten. Es gibt Ihre Seite, und es gibt meine Seite. Und dann gibt es noch die Wahrheit.«

Gregory Antonow über Anna Anderson, die einst für die jüngste Zarentochter Anastasia gehalten wurde, welche die Hinrichtung der Zarenfamilie angeblich überlebt haben soll.

GEGENWART

1. KAPITEL

Ich glaube, die größten Geheimnisse sind vergraben, und nur die Toten sprechen die Wahrheit.

Und in gewisser Weise kam ich aus diesem Grunde an jenem Sommermorgen, als wir die Leichen fanden, in die Wälder. Es regnete in der Stadt der Toten Seelen, und ein kräftiger Schauer überschwemmte die Straßen.

»Heute Morgen ist nicht viel Verkehr. Dreißig Minuten, länger nicht«, sagte mein russischer Fahrer, als unser Landrover an imposanten Granitgebäuden vorbeifuhr, den Relikten einer längst vergangenen prächtigen Epoche.

Ich lehnte mich zurück und sah das alte kaiserliche Jekaterinburg an mir vorüberziehen. Die Stadt, die 1723 zu Ehren von Kaiserin Katharina der Ersten ihren Namen erhalten hat, liegt im Schatten des Urals. Die Landschaft erinnert an die zerklüftete Schönheit Alaskas – dichte Wälder mit Wölfen und Bären, tiefe Schluchten und schneebedeckte Gipfel. Ergiebige Erzminen, welche die größten Schätze der Welt – Platin und Smaragde, Gold und Diamanten – bergen, durchziehen die felsigen Bergketten, die hinter der sibirischen Metropole aufragen.

Als wir Jekaterinburg hinter uns ließen und an den mit Birkenwäldern bewachsenen Hängen vorbeifuhren, öffnete ich die Lederaktentasche auf meinem Schoß und nahm eine Akte heraus. Auf dem blauen Aktendeckel stand:

VORLÄUFIGER BERICHT ÜBER DIE ERGEBNISSE DER ARCHÄOLOGISCHEN GRABUNGEN IN JEKATERINBURG

Dr. Laura Pawlow, Forensische Pathologin, verantwortliche Archäologin der Grabungen

Ich blätterte den dicken Papierstapel durch und sah mir noch einmal die Ergebnisse meiner Arbeit der letzten drei Monate an. Dies war meine erste Reise nach Jekaterinburg, und unser Team kam von überall her: forensische Archäologen, Wissenschaftler und Studenten aus Amerika, England, Deutschland, Italien und natürlich aus unserem Gastland Russland. Für unser gemeinsames Abenteuer erhielten wir nur eine kurze Einweisung: Wir sollten in den Wäldern nach Beweisen für Massenhinrichtungen während des Roten Terrors zur Zeit der russischen Revolution graben.

Viele Tausende kamen um, nicht zuletzt auch die Romanows, die russische Zarenfamilie – der Zar, die Zarin, ihre vier hübschen Töchter und ihr jüngstes Kind, der dreizehnjährige Alexej – von Kugeln und Bajonetten durchbohrt, ihre Schädel von Gewehrkolben zertrümmert und ihre Leichen mit Schwefelsäure übergossen.

Das Ipatjew-Haus, in welchem die Familie gefangen gehalten worden war, wurde von den Stadtbewohnern das Haus der Toten Seelen genannt. Aber die Roten richteten während ihrer Herrschaft so viele Menschen hin, deren Leichen sie in Minenschächte warfen und in anonymen Gräbern in den weiten Wäldern außerhalb von Jekaterinburg vergruben, dass die Bewohner ihrer Stadt einen neuen Namen gaben: Stadt der Toten Seelen.

Mit der Hitze und den vielen Mücken hatte ich nicht gerechnet. Im Winter gleicht Sibirien einem Gefrierschrank, doch in den kurzen, heißen Sommern herrschen oft hohe Temperaturen. In den Wäldern wimmelt es dann von Fliegen und Mücken. Die Hitze ist so stark, dass süßlich duftendes Harz von den Bäumen tropft und dessen wohlriechender Geruch die Luft erfüllt.

Als mein Fahrer auf einen schmalen, schlammigen Pfad einbog, auf dem schwere Lastwagen Spurrillen hinterlassen hatten, hörte es auf zu regnen. Unser Landrover steuerte auf eine Ansammlung von Baracken und stabilen, begehbaren Zelten zu, die für die Dauer unserer Grabungen in der Mitte einer Lichtung in einem Birkenwald aufgebaut worden waren. Auf einem von Hand beschriebenen Holzschild stand auf Englisch und Russisch:

GRABUNGSSTÄTTE – PRIVATGRUNDSTÜCK
UNBEFUGTES BETRETEN VERBOTEN!

Es gab noch etwas, womit ich nicht gerechnet hatte, als wir an diesem Sommermorgen neben einem der Zelte anhielten. Ich war in diesen nach Harz duftenden Wald gekommen, um die Geister der Vergangenheit auszugraben. Doch absolut nichts hätte mich auf das ungeheure Geheimnis vorbereiten können, über das ich stolperte, als die gefrorene sibirische Erde ihre Toten preisgab.

Denn mit den Toten kam die Wahrheit ans Licht.

Und mit der Wahrheit kamen die ersten Gerüchte der unglaublichsten Geschichte auf, die ich jemals gehört hatte.

Ich stieg aus dem Wagen, schob die Plane zur Seite und betrat mein Zelt. Als ich an meinem Arbeitstisch Platz nahm, kam Roy Moran herein, der die Ausgrabungen vor Ort beaufsichtigte. »Hallo, Baby.«

Wir nannten ihn Memphis Roy, und er nannte mich immer Baby. In Memphis nannte jeder jeden Baby. Die Tatsache, dass einer Frau die Leitung der Grabungen oblag, änderte nichts daran. Wenn ich ein Mann gewesen wäre, hätte Roy mich auch Baby genannt.

Roy ist ein großer und knochiger, nüchterner Typ und einer der Besten auf seinem Gebiet. Ich öffnete meine Aktentasche, um Unterlagen herauszunehmen, und sagte: »Wolltest du nicht heute Morgen im Schacht 7 graben?«

»Klar, Baby.« Roy, der ein wenig außer Atem war, stemmte die Hände in die Hüften. In seinem Gesicht spiegelten sich Erregung und Verwirrung. Er nahm das schmutzige Basecap der Detroit Tigers ab, das er immer trug, wischte sich den Schweiß von der Stirn und grinste. »Sieht so aus, als könnte die Sieben unsere Glückszahl sein.«

»Spuck’s aus!«

»Wir haben so tief gegraben, wie wir konnten, und sind auf eine torfige Schicht Dauerfrostboden gestoßen. Aber wir haben etwas gefunden, Laura. Ich meine, wir haben wirklich etwas gefunden.«

Ich warf den Stift auf den Tisch. Roy gehörte nicht zu den Leuten, die sich leicht beeindrucken ließen. Doch in diesem Augenblick schien er unter Spannung zu stehen und vor Begeisterung überzusprudeln wie ein aufgeregter zwölfjähriger Junge. »Nun sag schon!«, forderte ich ihn auf.

»Das musst du dir selbst ansehen, Baby.«

Ich folgte Roy durch den Wald. Er bahnte sich mit seinen muskulösen Beinen langsam einen Weg durch regennassen Farn und an alten umgestürzten Bäumen vorbei. »Der Schacht ist über zwanzig Meter tief«, erklärte er mir unterwegs.

Überall auf der Lichtung lagen Bergbaugeräte, Stützpfeiler und Material zum Ausbau der Schächte. Dazwischen standen zahlreiche Lastwagen und SUVs. »Warum habe ich das Gefühl, dass du mir gleich etwas Interessantes erzählst? Du hast mir immer noch nicht gesagt, was du gefunden hast.«

Roy ging grinsend weiter. Seine Erregung wirkte ansteckend auf mich. Auf seiner Stirn schimmerten Schweißperlen, und seine Augen strahlten. »Es ist eine Frau, Baby. Wir glauben, dass da unten eine weitere Leiche liegen könnte, aber sie ist zu tief vergraben, um zu sehen, was es ist. Und wer weiß? Vielleicht sind es sogar noch mehr!«

Als wir zwischen silbrig schimmernden Birken hindurchgingen und vor der Öffnung eines Minenschachtes stehen blieben, wurde ich nervös. Ich roch den intensiven erdigen Geruch des braunen Torfs. Das Loch im Boden war einen knappen Quadratmeter groß, und dicke Holzbalken sicherten die Seitenwände. Diese Grube gehörte zu einer Reihe von Schächten, die wir bei unseren Ausgrabungen erforschten. Wir suchten nach Hinweisen auf weitere Fundstücke aus der Romanow-Zeit, als der größte Teil dieses Gebietes eine Hinrichtungsstätte gewesen war.

In der Nacht des 16./17. Juli 1918 verschwand in Jekaterinburg die Romanow-Familie – die damals reichste Adelsfamilie der Welt. Augenzeugenberichten zufolge soll die ganze Familie umgebracht worden sein.

Doch aus irgendwelchen unbekannten Gründen beschlossen die Bolschewisten, ihren Tod nicht zu bestätigen, und über lange Zeit hielten sich hartnäckige Gerüchte, dass einige – wenn nicht gar alle Familienmitglieder – der Hinrichtung hatten entkommen können. Es gab auch Hinweise auf geheime Pläne, die Familie aus Jekaterinburg, von dem geheimen Ort, wo sie gefangen gehalten worden war, zu retten. Jahrelang erschienen immer wieder Berichte, dass eine oder mehrere Töchter des Zaren und ihr Bruder Alexej dem Tod entkommen seien.

Die Romanows hatten Edelsteine, Diamanten, Smaragde und Rubine in ihre Unterkleidung eingenäht, weil sie hofften, dass ihnen diese Wertgegenstände bei der Flucht behilflich wären. Später hieß es, die Edelsteine hätten die Qualen während ihrer Hinrichtung verlängert und den Tod hinausgezögert.

Solchen Geschichten hatte ich in meiner Kindheit gebannt gelauscht. Ob sie der Wahrheit entsprachen, spielte keine Rolle. Jedenfalls faszinierte mich, wie so viele andere auch, dieses Geheimnis, und ich wollte glauben, dass Anastasia und Alexej entkommen waren.

Zahllose Gerüchte rankten sich um ihre Ermordung, und Jahrzehnte später wurden bei verschiedenen Grabungen außerhalb von Jekaterinburg die sterblichen Überreste von sechs Erwachsenen gefunden. Unter ihnen sollten sich angeblich der Zar, seine Gattin und zwei seiner Töchter befinden. DNA-Vergleiche mit der blutsverwandten britischen Königsfamilie bestätigten die möglichen Identitäten mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Über die Entdeckung wurde heftig diskutiert. Viele Experten glaubten, es handele sich um die Skelette der Romanows. Ebenso viele glaubten es nicht und führten als Beweis unter anderem die Tatsache an, dass zahllose Verwandte der Zarenfamilie in dieser Gegend hingerichtet worden waren und es ebenso gut deren Skelette sein konnten, die man gefunden hatte.

Bei einer späteren Grabung in einem Wald westlich von Jekaterinburg wurden zwei weitere vollständige menschliche Skelette gefunden. DNA-Tests deuteten darauf hin, dass es die Knochen der beiden vermissten Kinder des Zaren, Anastasia und Alexej, waren. Es konnte jedoch niemals eindeutig bewiesen werden, dass eines der Skelette das von Anastasia war. Es bestand eine gewisse Wahrscheinlichkeit, doch zweifelsfreie Beweise gab es nicht. Deshalb wurden diese Tests von einigen Wissenschaftlern und hartnäckigen Zweiflern innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche als uneindeutig zurückgewiesen. Was blieb, war die quälende Ungewissheit, dass das Geheimnis fortbestand und das Rätsel noch immer nicht gelöst war.

Über der Öffnung des Schachtes hatten unsere Techniker eine von einem Stromgenerator angetriebene, elektrische Winde mit einem alten Sitzgurt installiert. Von unten stieg der Geruch des Torfes herauf. »Was denkst du: Knochen oder ein vollständiges Skelett?«, fragte ich Roy.

»Ich glaube, es ist die Leiche einer Frau. Der Dauerfrostboden hat sie mumifiziert, und sie ist durch den Torf und die Kälte perfekt erhalten.«

Mir lief vor Erregung ein Schauer über den Rücken. Ich stützte mich mit einer Hand gegen eine Birke, deren weiße Rinde den Stamm vor der Sonneneinstrahlung schützte. »Wie alt?«

»Meiner Erfahrung nach sprechen wir über die Zeit der letzten Romanows. Darauf weist auch ihre Kleidung hin.«

Roy fuhr als Erster hinunter. Er winkte mir zu, ehe er die elektrische Winde aktivierte und in dem dunklen Schacht verschwand. Ein paar Minuten später kehrte der leere Sitzgurt zurück. Ich schnallte mich fest und folgte ihm.

Während unserer Grabungen in Jekaterinburg im letzten Monat hatten wir allerhand gefunden: verrostete Mosin-Nagant-Gewehre, von Grünspan überzogene Kupfermünzen, Patronenhülsen und eine Brille. Wir waren sogar auf mehrere Verstecke der Zarenfamilie voller Silber- und Goldbarren sowie persönlicher Gegenstände und Schmuck gestoßen. So viele wohlhabende Familien mit Verbindungen zum Zarenhaus waren in der Hoffnung, dem Gemetzel zu entkommen, während der Revolution hierhergeflohen, aber die Roten hatten jeden Einzelnen von ihnen aufgespürt.

Nicht alle Opfer waren wohlhabend. Auch meine eigene Vergangenheit lag in diesen Wäldern begraben. Lange bevor ich nach Jekaterinburg kam, hatte ich viel über diese Stadt an den gewundenen, breiten Ufern der Isset gehört, in der meine Großmutter Marijana als Kind gelebt hatte. Sie war elf Jahre alt, als die Rotgardisten während der Oktoberrevolution in ihre Heimatstadt einfielen. Ihre Familie waren einfache Muschiks – leidgeprüfte russische Bauern und Bergarbeiter, die bis zum Umfallen arbeiteten, um Erz aus dem Dauerfrostboden zu fördern, aus der steinharten, torfigen sibirischen Erde, die selbst im Sommer gefroren war.

Drei von Marijanas Brüdern, darunter auch ihr geliebter Pjotr, der gerade mal fünfzehn war, wurden in den Wäldern hinter der Stadt erschossen. Was hatten sie verbrochen? Sie hatten protestiert, als die Roten ihren kleinen Minenbetrieb beschlagnahmten, ein dilettantisches Unternehmen, das ihre zwölfköpfige Familie kaum ernährte. Lenin hielt nichts von Privatbesitz.

Persönliche Besitztümer jeglicher Art gehörten nun den Sowjets. Alle, die protestierten, wurden ins Gefängnis geworfen. Wenn sie weiterhin protestierten, wurden sie erschossen. Das alles gehörte zum Roten Terror, der Russland heimsuchte, als Lenin die Macht ergriff.

Während eines ungewöhnlich kalten Winters reiste die Familie meiner Großmutter auf der Flucht vor der Diktatur durch Sibirien und bestieg in Sankt Petersburg ein verrostetes Dampfschiff, das nach Amerika fuhr. Die einzigen Erinnerungen, die sie in ihren Stofftaschen bei sich trugen, waren einige verblichene Familienfotos in bräunlichen Farbtönen und Postkarten des kaiserlichen Jekaterinburg – Andenken auf brüchigem Papier, das im Laufe der Jahre vergilbte und immer nach verbranntem Holz roch. Ich erinnere mich noch an diesen Geruch, der mir in die Nase stieg, wenn ich als Kind in dem Familienalbum mit den verblassten Bildern aus einer anderen Welt blätterte.

Damals fand ich zwischen den Seiten des Albums auch ein altes Schwarz-Weiß-Foto und daneben eine Handvoll zerbröselter getrockneter Blumen in einem alten Bogen Pergamentpapier, dessen Ränder mit der Zeit fleckig geworden waren.

»Was ist das, Nana?« Die Fotografie zeigte einen beeindruckenden, mit flatternden Fahnen des russischen Zarenreiches geschmückten Bahnhof. Auf den Stufen des Bahnhofs standen unverkennbar die Romanows: der Zar und seine Gattin, die einer Menge zuwinkten, und neben ihnen ihr Sohn und die Töchter. Ich erkannte Anastasia, die ein weißes Kleid und hübsche Schuhe trug. Sie hatte eine Schleife im Haar und hielt einen Blumenstrauß in der Hand.

»Das wurde beim Besuch der Zarenfamilie 1913 in Jekaterinburg aufgenommen. Das war vor dem Krieg, bevor in Russland die Hölle ausbrach.« Großmutters blaue Augen wurden feucht, als die Erinnerungen an ihr schönes altes Leben in ihr aufstiegen.

»Und die Blumen?«

»Niemand in der Zarenfamilie war so rebellisch und geistreich wie Anastasia. Als sie an jenem Tag auf den Stufen des Bahnhofs stand, warf sie den Kindern in der Menge den Blumenstrauß zu. Du kannst dir sicherlich vorstellen, was für ein Gedränge entstand. Ich wurde fast totgetrampelt, doch es gelang mir, ein paar Blumen zu ergattern. Ich habe sie immer in Ehren gehalten.«

Ich sah auf die Fotos in dem Album und strich mit den Fingerspitzen behutsam über die brüchigen getrockneten Blumen. »Du hast Anastasia gesehen? Sie hat tatsächlich diese Blumen geworfen?«

»Es war ein freches Ding, dieses Mädchen, voller Leben, ein richtiger Wildfang. Wir Kinder haben sie geliebt. Die Familie nannte sie liebevoll Kubyschka. Das heißt ›Pummelchen‹.«

Und jetzt war ich hier, Mitglied eines internationalen archäologischen Grabungsteams, und verbrachte meinen Sommer in Jeans und schmuddeligen Pullovern in einem begehbaren Zelt im Umland von Jekaterinburg. Seltsamerweise hatte ich das Gefühl, als hätte mich die Vergangenheit meiner Familie eingeholt.

Die Neugier brachte mich fast um. Ich drückte auf den Schalter, worauf der Motor zu surren begann und die Winde mich in den Schacht hinunterfuhr.

Zuerst umgab mich Dunkelheit, doch nach etwa sieben Metern wurden die Seiten des Schachtes von Glühbirnen erhellt. Mit meinen abgetragenen Reeboks trat ich immer wieder gegen die Wände, um nicht dagegenzustoßen.

Unter mir sah ich helles Licht, und plötzlich ergriff Roy den Gurt. »Okay, Baby, du bist unten.«

Ich ließ das Seil los und trat auf glitschige verschlammte Holzplanken. Als ich mich abschnallte, begann ich zu frösteln. Es war furchtbar kalt. Ich rieb mir die Arme. Durch die quadratische Öffnung des Schachtes schien grelles blaues Licht auf mich hinab.

Ein Stück von mir entfernt erhellten starke Halogenlampen den Boden der Kammer, die sich mindestens vier Meter in alle Richtungen erstreckte und damit breiter war als der Schacht selbst. Ein Teil der Kammer war in tiefe Dunkelheit gehüllt, wodurch eine ausgesprochen schaurige Atmosphäre entstand. Roy hatte die Wände mit einem Gerüst aus Balken und Streben gesichert, um einen Einsturz zu verhindern, doch das tröstete mich nicht. Ich hasste geschlossene Räume, vor allem Tunnel, was in meinem Job nicht gerade hilfreich war.

Ein kräftig gebauter Mann mit einem dicken grauen Schnurrbart und einer Metallbrille schlug mit einem Fäustel und einem breiten Meißel an einer Wand der Kammer den gefrorenen Torfboden weg. Tom Atkins aus Boston. Er unterbrach seine Arbeit und grinste mich an. »Hallo, Laura, alles klar?«

Vor seinen Füßen stand ein geöffneter Werkzeugkasten, und sein Atem bildete weiße Wölkchen in der kalten Luft. Tom trug eine dick gefütterte Columbia-Skijacke, warme Wollhandschuhe und Ohrenschützer. Neben ihm stand ein Klapptisch, auf dem Werkzeuge und Bürsten sowie zwei große elektrische Taschenlampen lagen. Er nahm die Ohrenschützer ab.

»Du hast dich aber gut eingedeckt, Tom«, sagte ich und wies mit dem Kinn auf einen Haufen ungeöffneter Budweiser- und Heinekendosen, die in einer Ecke aufgestapelt waren.

»Erspar dir deinen Kommentar. Hier unten ist es kälter als in meinem Kühlschrank!«

»Und was habt ihr beide gefunden außer einem perfekten Ort, um euer Bier zu kühlen?«

»Sieh dir erst mal das hier an.« Tom zeigte auf ein Schüttelsieb aus Draht.

Ich nahm es in die Hand. In einer Ecke des Siebes lagen mehrere stark angelaufene Messingknöpfe einer Militäruniform. Ich sah ein paar kupferne Kopeken und silberne Rubel, auf denen ich nur mit Mühe die Jahreszahlen erkennen konnte: 1914 und 1916, und eine Münze aus dem Jahr 1912. Ein vergilbter Kamm aus Elfenbein und ein Teil eines Kofferverschlusses lagen ebenfalls in dem Sieb. Der Anblick des Kinderhaarbandes daneben jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.

In der Zeit des Roten Terrors – der Säuberungsaktion nach der Oktoberrevolution, um die Macht durchzusetzen und Angst und Schrecken zu verbreiten – brachten die Bolschewisten ganze Familien um. Ich schüttelte den Kopf. »Traurig, aber interessant.«

»Den Jackpot findest du da drüben.« Tom zeigte mit dem Daumen in die Ecke der Kammer, in der er arbeitete. »Du solltest erst einmal tief durchatmen, Laura.«

»Warum?«

»Es ist ein bisschen unheimlich. Fast makaber.«

Ich nahm eine Taschenlampe von Toms Tisch und ging tiefer in die Kammer hinein. Als ich den kräftigen Lichtstrahl auf den gefrorenen Boden richtete, stieg pures Entsetzen in mir auf. Aus dem Dauerfrostboden ragte eine Hand heraus. Das Fleisch war unversehrt und ausgeblichen, die Finger von einer dünnen Schicht Schlamm überzogen und zur Faust geballt. Sie schien etwas festzuhalten. »Mein Gott …!«

»Bis jetzt hast du noch nichts gesehen. Schau mal hier.« Roy zeigte auf die gefrorene Wand.

Und dann sah ich es. Es war nicht nur eine Hand, sondern ein ganzer Leichnam. Das Gesicht einer Frau starrte aus der Torferde heraus. Es war ein grotesker Anblick. Auch ihre Kleidung war freigelegt. Sie trug eine helle Bluse und ein dunkles Oberteil aus Wolle, die aussahen, als stammten sie aus einem anderen Jahrhundert. »Wahnsinn!«

»Gruselig, nicht wahr?«, sagte Tom. »Der Dauerfrostboden hat sie tiefgefroren.«

»Das überrascht mich nicht, Baby«, fügte Roy hinzu. »In einem solchen Boden hat man sogar schon unversehrte Wollhaarmammuts gefunden. Wirf mal einen Blick nach links.«

Ich folgte der Aufforderung und sah die Überreste einer dunklen Jacke aus grobem Stoff aus der braunen Erde herausragen. Etwa dreißig Zentimeter des Kleidungsstückes waren freigelegt. Darunter zeichneten sich die vagen Umrisse eines kleinen menschlichen Rumpfes ab.

»Da liegt noch eine Leiche«, sagte Roy. »Wir wissen nicht, ob es die eines Kindes oder eines Erwachsenen ist, und es wird eine Weile dauern, bis wir sie ausgegraben haben. Zuerst konzentrieren wir uns auf die Frau.«

Fröstelnd richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Frau und sah sie mir genauer an. Der gut erhaltene Kopf war deutlich sichtbar. Die Augen waren geschlossen. Ich sah ihre Nase, die Lippen, Ohren und Wangen. Ein paar Locken ihres dunklen Haars fielen auf ihr Gesicht und die Stirn. Sie hatte hübsche Wangenknochen. Ich richtete den Schein der Taschenlampe auf ihr bleiches Gesicht. Der Anblick wühlte mich auf, denn dies war einer der bedeutendsten Funde, die jemals in Jekaterinburg gemacht worden waren. »Unglaublich. Ich frage mich, wer sie war.«

»Keine Ahnung. Aber da ist noch etwas«, sagte Roy.

»Was denn?«

»Schau mal, was sie in der Hand hält.«

Ich richtete die Taschenlampe auf die geballte Faust und fragte mich, wie viele Jahrzehnte sie die Hand schon ballte. Offenbar umklammerte sie eine Metallkette. »Was ist das?«

»Sieht wie ein Schmuckstück aus«, meinte Tom.

»Wahrscheinlich hast du recht. Möchte jemand von euch versuchen, die Hand zu öffnen?«

Roy grinste mich an. »Wir dachten, das überlassen wir dir.«

»Vielen Dank!«

»Du bist der Boss, Baby.« Joe reichte mir ein Paar Einweghandschuhe.

»Okay, ich versuche es. Halt bitte die Taschenlampe«, bat ich ihn.

Roy richtete das Licht auf die geballte Faust. Ich streifte die Handschuhe über, atmete tief durch und schloss kurz die Augen. Dann umklammerte ich den Zeigefinger und das Handgelenk, zog vorsichtig an dem Finger und versuchte, die Hand zu öffnen.

Das Fleisch fühlte sich wie harter, kalter Marmor an.

Ich hatte Angst, die Haut könnte zerreißen oder die ganze Hand wie feines Porzellan zerbrechen. Zu meiner Überraschung öffneten sich die Finger lautlos, zwar nur ein kleines Stück, aber es reichte aus, um zu sehen, was sie festhielt. »Komm näher heran mit dem Licht«, bat ich Roy.

Er richtete die Taschenlampe auf die geöffnete Hand. In den ausgeblichenen weißen Furchen fand ich eine Kette und ein Medaillon.

Es sah nicht so teuer und ausgefallen aus wie andere in Jekaterinburg gefundene Schmuckstücke, welche Verwandte des Adelshauses oder reiche Händler, die hier ermordet worden waren, versteckt hatten. Ich zog das Medaillon mit der dünnen Kette heraus und wischte es vorsichtig mit den Fingern ab. Auf der Vorderseite des Schmuckstückes, das teilweise mit Torf bedeckt war, entdeckte ich ein erhabenes Bild.

Roy reichte mir sein Taschenmesser. »Hier, versuch’s mal damit.«

Ich nahm das Messer und kratzte die Erde ab. Es bestand kein Zweifel, dass das leicht nach vorne gewölbte goldene Familienwappen der Romanows die Vorderseite zierte. Ich erkannte den doppelköpfigen kaiserlichen Adler. Auf der Rückseite fand ich eine Gravur, doch die Korrosion hatte sie unkenntlich gemacht. Mein Herzschlag setzte aus.

»Meinst du, wir hatten Glück?«, fragte Tom begeistert.

»Das frage ich mich selbst. Ich wünschte, ich wüsste es.«

»Könnte es sein, dass wir die sterblichen Überreste einer Romanow gefunden haben, Baby?«, wollte Roy wissen.

Ich antwortete nicht und starrte wie gebannt auf das Medaillon.

Tom rieb sich die eisigen Hände, als wollte er sie durch die Reibung in Brand setzen. »Wer weiß? Jedenfalls müssen wir die Russen informieren, und wir müssen die Leiche aus dem Dauerfrostboden herausholen. Hoffentlich erfahren wir bei der genaueren Untersuchung, ob ihr Körper irgendwelche Wunden aufweist und wie sie möglicherweise gestorben ist.«

Den Russen oblag die Aufsicht über die Grabungsstätte. Jeden Tag kam ein Inspektor aus Jekaterinburg und überprüfte unsere Fortschritte. Doch daran dachte ich nicht, als ich auf das Medaillon blickte und angestrengt nachdachte. »Nein, ihr macht vorläufig gar nichts und informiert niemanden. Noch nicht.«

Tom runzelte die Stirn.

»Warum nicht?«, fragte Roy.

Ich war wie gelähmt und wahnsinnig aufgeregt, als ich noch einmal auf die beiden Leichen starrte. Intuitiv hob ich den Kopf zu der Öffnung des Schachtes. Das blaue Licht, das in diesem Augenblick auf mich herabschien, war wie eine Erleuchtung. Ich umklammerte das Medaillon. Mein Herz begann zu rasen.

»Was ist los?«, fragte Roy, als er bemerkte, wie fassungslos ich war.

Ich ging zurück zu dem Sitzgurt und schnallte mich fest. »Macht Fotos von der Leiche, und zwar aus allen Winkeln. Wir brauchen auch eine Haarprobe für eine DNA-Analyse. Ich will wissen, ob diese Frau eine Romanow oder eine Blutsverwandte der Zarenfamilie sein könnte.« Ich drückte auf den Schalter, worauf die Winde mich nach oben zog.

»Eh, wo gehst du hin, Baby?«, fragte Roy irritiert.

»Ich muss einen Flug buchen. Und frag mich nicht, wohin. Das würdest du sowieso nicht glauben.«

Einige Ereignisse in unserem Leben treffen uns mit einer so ungeheuren Wucht, dass wir sie kaum begreifen können. Die Geburt unseres ersten Kindes. Oder die Hand, die erschlafft, wenn wir am Totenbett eines geliebten Menschen sitzen. Das Mysterium, das diese Leichen im Dauerfrostboden umgab, lag auf derselben seismischen Skala. In den nächsten achtzehn Stunden konnte ich weder richtig denken noch schlafen. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach dem Flug von Jekaterinburg nach Moskau am nächsten Nachmittag am Londoner Heathrow Airport landete.

Als Erstes suchte ich die Telefonnummer heraus, die ich mir ins Notizbuch geschrieben hatte, und rief sie noch einmal vom Handy aus an. Es klingelte und klingelte. Ich versuchte es noch weitere sechs Mal mit demselben Ergebnis. Eine Computerstimme forderte mich auf, eine Nachricht zu hinterlassen. Es war die sechste seit dem Morgen.

Ich war erschöpft, doch ich hoffte, dass die Lösung des Geheimnisses um die Leichen in Jekaterinburg nur ein paar Hundert Meilen entfernt lag.

Der Flug nach Dublin über die Irische See dauerte eine knappe Stunde. Als das Flugzeug von Aer Lingus zur Landung ansetzte, erblickte ich die grüne irische Küste, über die dicke, dunkle Regenwolken hinwegzogen.

Nachdem ich einen Wagen gemietet und in einer Straßenkarte nach dem kürzesten Weg gesucht hatte, war wieder eine Stunde vergangen. Es regnete unaufhörlich, als ich Richtung Norden fuhr. Ich konnte es kaum erwarten, mein Ziel zu erreichen.

Pechschwarze Wolkenfelder verdeckten die Sonne, doch als ich in der Nähe einer Stadt namens Drogheda über eine große, moderne Brücke fuhr, brachen einzelne Strahlen durch die Wolken. Bald sah ich die irische Küste und die zerklüfteten Mourne Mountains vor mir. Es war ein eindrucksvolles Spiel leuchtend grüner Farbschattierungen, die so intensiv waren, dass meine Augen brannten.

Jetzt musste ich nur noch das Dorf finden, das ich suchte, und den Mann, der mir – so hoffte ich – bei der Lösung des Rätsels helfen konnte.

Auf dem Straßenschild stand: COLLON. Ich parkte den gemieteten Ford auf dem mit Blumenkörben geschmückten Dorfplatz. Er war menschenleer, sauber und gepflegt. Hübsche Häuser im viktorianischen Stil und eine alte Hufschmiede mit einem Eingang in Form eines Hufeisens säumten den Platz.

Ich überquerte die Straße, betrat ein Lebensmittelgeschäft und fragte nach dem Weg. Am südlichen Ende des Dorfes fand ich die presbyterianische Kirche aus rotem Granitstein und den Friedhof. Unterhalb des Glockenturms war das Baujahr in den Stein gemeißelt: 1813.

Der Friedhof sah noch älter aus. Die Kirche war wunderschön, und die bemalten Fenster waren echte Meisterwerke. Ich ging an den Gräbern entlang, von denen einige von Gestrüpp und Brombeersträuchern überwuchert wurden. Mein Blick fiel auf ein verrostetes Metallkreuz mit einer Inschrift aus dem Jahre 1875.

Elizabeth, drei Jahre, und Caroline, sechs Jahre,
liebliche, bezaubernde Wesen, niemals vergessen;
nun ruhen sie in den Armen unseres Herrn.

Ich spürte, wie eine längst vergessene Trauer in mir aufstieg.

Als ich näher heranging, klingelte mein Handy. Die schrillen melodischen Klänge störten jäh die Stille. Ich meldete mich und hoffte, dass es die Nummer war, die ich versucht hatte zu erreichen. »Laura?« Es war Roy, und die Verbindung war trotz der großen Entfernung erstaunlich gut. »Wo bist du?«

»In Irland.«

»Irland?«

»Das ist eine lange Geschichte. Hoffentlich hältst du mich jetzt nicht für verrückt, weil ich Hals über Kopf abgereist bin, aber es könnte sein, dass ich einer Sache auf der Spur bin. Es hat mit den Leichen und dem Medaillon zu tun. Wenn ich mehr weiß, melde ich mich.«

»Interessant, Baby. Und wenn nicht?«

»Es könnte auch eine ungeheure Zeit- und Geldverschwendung sein. Was ist mit der DNA?«

Roy hatte nicht alle Antworten von mir bekommen, die er sich erhofft hatte, und ich hörte sein frustriertes Seufzen. »Sie arbeiten daran. Den vorläufigen forensischen Untersuchungen zufolge war es wahrscheinlich eine Europäerin zwischen siebzehn und fünfundzwanzig. Wir sind noch nicht bis zu der zweiten Leiche vorgedrungen, weil wir bis jetzt zu sehr mit der ersten beschäftigt waren.«

»Noch etwas?«

»Der Leichnam ist noch nicht genügend aufgetaut, um zu erkennen, ob der Körper Wunden aufweist. Du erinnerst dich an die Münzen, die wir gefunden haben? Die jüngste ist von 1916. Wir glauben, dass wir es ungefähr mit dieser Zeit zu tun haben, plus minus ein paar Jahre. Der Zahnstatus der Frau lässt vermuten, dass sie aus recht guten Verhältnissen stammte. Wir sind also den Romanows auf der Spur. Konntest du inzwischen etwas von der Gravur entziffern?«

Behutsam nahm ich das Medaillon aus der Handtasche und drehte es in meiner Hand um. Den größten Teil der neun Flugstunden hatte ich damit verbracht, es mir genau anzusehen. Mir war es gelungen, etwas mehr von dem Schmutz zu entfernen. Doch die Gravur war durch die Korrosion ziemlich zerfressen und ließ sich beim besten Willen nicht entziffern. »Ich kann wirklich nichts erkennen.«

»Den Russen wird das gar nicht gefallen«, sagte Roy in besorgtem Ton. »Sie haben schon gefragt, wo du steckst. Ich hab denen erzählt, du musstest wegen einer dringenden Familienangelegenheit schnell abreisen. Mensch, Laura, wenn du ein Stück ihrer Geschichte entwendest, könnte es leicht als Diebstahl ausgelegt werden. Sogar am Telefon hab ich ein komisches Gefühl, darüber zu sprechen. Was passiert, wenn sie dich bei deiner Rückkehr ins Gefängnis stecken?«

Vorsichtig ließ ich das Schmuckstück wieder in die Handtasche gleiten. »Keine Sorge. Ich bring das Medaillon zurück. Ich hab es mir nur ausgeliehen, weil ich hoffe, etwas über seine Herkunft herauszufinden.«

»Wie?«

»Ich ruf dich später noch mal an.«

»Eh, Baby, spann mich nicht so auf die Folter!«

»Tut mir leid, ich muss auflegen. Mach dir keine Sorgen wegen der Russen. Ich kümmere mich darum. Ruf mich sofort an, wenn du etwas hast.«

Als ich das Handy zuklappte, sah ich zwischen den Gräbern einen alten Mann, der auf mich zukam. Neben mehreren Grabstätten mit Kreuzen im russischen Stil mit doppelten Querbalken und kyrillischen Inschriften blieb er stehen. Diese Kreuze wirkten zwischen all den katholischen und keltischen Insignien irgendwie sonderbar.

Ich konnte den Namen auf dem polierten Granitstein des Grabes, neben dem der Mann innegehalten hatte, erkennen: JURI ANDREW.

Der Mann stützte sich mit der rechten Hand auf einen Gehstock aus Schlehdornholz und musterte mich. Seine Haut hatte eine seltsame Farbe, als litte er unter Gelbsucht, und sie wirkte dünn wie Papier. Trotz eines leicht gebeugten Rückens hatte er eine aufrechte, stolze Haltung. Er sprach Englisch, doch ich glaubte, einen russischen Akzent herauszuhören. »Sie sind also endlich gekommen. Dr. Pawlow, nicht wahr?«

Ich starrte ihn an. »Woher wissen Sie das?«

»Ich habe Ihre Nachrichten erhalten. Ich trage niemals ein Handy bei mir. Verzeihen Sie, aber ich lag in den letzten Tagen im Krankenhaus.«

»Ich hoffe, nichts Ernstes.«

Er lächelte verhalten. »Die üblichen Probleme des Alters, fürchte ich. Verzeihen Sie, dass ich Sie nicht zurückgerufen habe, aber Sie sagten ja in Ihrer Nachricht, dass wir uns an der Kirche treffen. Meine Haushälterin hat mich hergebracht, und ich habe Sie von der Straße aus gesehen. Ich kenne Ihr Gesicht von den Fotos in den Fachzeitschriften. Sie sind eine hervorragende Wissenschaftlerin, Dr. Pawlow.«

»Vielen Dank.«

Als der Mann mir seine Hand reichte, sah ich, dass der Handrücken mit Leberflecken übersät war. »Michail Jakow. Offenbar haben wir beide dieselbe Passion.«

»Wie bitte?«

»Die Romanow-Ära. Ich interessiere mich schon seit langer Zeit für Ihre Arbeit.«

»Und ich interessiere mich plötzlich sehr für Ihre.«

»Ich nehme an, Ihre Nachricht bedeutet, dass Sie die Frau gefunden haben?«

»Ja, Mr Jakow. Wir haben sie gefunden. Genau so, wie Sie es vorhergesagt haben. Es könnten noch weitere Leichen dort liegen, vielleicht auch die eines Kindes, doch zum jetzigen Zeitpunkt kann ich Ihnen nicht mehr sagen.«

Jakow atmete tief ein, als würde diese Information ihm schwer zu schaffen machen. »Ich hatte so sehr gehofft, dass Sie sie finden. Sie haben ein Gebiet untersucht, in dem sie meines Wissens nach vergraben worden sein könnte.«

Als ich dort stand und dem alten Mann zuhörte, wurde mir mit einem Mal die Absurdität der Situation bewusst. Ich hatte Michail Jakow nie zuvor getroffen, im Laufe eines Jahres aber regelmäßig Briefe von ihm erhalten. Eine Zeit lang hatte ich mich von ihm fast verfolgt gefühlt. Im Abstand einiger Monate hatte ich immer wieder Schreiben von ihm erhalten, in denen er sich nach den Fortschritten der Grabungen in Jekaterinburg erkundigte. Und jetzt stand ich hier und hoffte, dass er mein Rätsel lösen würde.

»Mr Jakow, seitdem der Öffentlichkeit bekannt war, dass ich beabsichtigte, Grabungen in Jekaterinburg durchzuführen, haben Sie mir mindestens ein Dutzend Mal geschrieben. In fast jedem Brief wiesen Sie darauf hin, dass ich in dem Gebiet, in dem die Grabungen stattfanden, die sterblichen Überreste einer Frau finden könnte. Sie baten mich, Sie zu kontaktieren, falls ich tatsächlich auf ihre Leiche stoßen sollte. Es schien Ihnen ungeheuer wichtig zu sein, auf diese bestimmte Frau hinzuweisen.«

Er nickte. »Ja, das stimmt.«

Ich sah ihm in die Augen. »Sie haben in Ihren Briefen erwähnt, dass ich möglicherweise ein Medaillon finden könnte. Über die Identität der Frau haben Sie aber nie gesprochen. Und auf meine Fragen, warum Sie so großes Interesse an den Grabungen haben und davon überzeugt zu sein scheinen, dass ich die Leiche finde, bekam ich nie Antwort. Ehrlich gesagt habe ich Sie für einen Spinner gehalten. Das ist auch der Grund, warum ich mich seit Monaten nicht mehr bei Ihnen gemeldet habe. Bis gestern. Als wir die Leiche der Frau gestern gefunden haben, habe ich mich gefragt, ob Sie Hellseher sind. Würden Sie mir verraten, was das alles zu bedeuten hat?«

Jakow stieß einen Seufzer aus, der beinahe schmerzverzerrt klang, und seine Augen wurden feucht. »Es ist eine sehr persönliche Geschichte, Dr. Pawlow. Mein Vater hat sie mir erzählt.«

»Es betrifft auch meine Person. Sie haben mich in die Sache hineingezogen.«

Jakow schwieg und legte eine Hand auf den polierten Grabstein. Seine Finger strichen behutsam über den Granit, dann bekreuzigte er sich, als wollte er dem Toten darunter Ehre erweisen.

»Es ist ein seltsamer Ort für das Grab eines Russen zwischen all den keltischen Kreuzen«, sagte ich.

»Kennen Sie dieses Land?«

»Ich habe mehrfach keltische Grabungsstätten besucht.«

Jakows Blick wanderte über den Friedhof, als würde er jeden Stein und jede Grabstelle, jedes Gestrüpp und jeden Grashalm kennen. »In dieser Gegend sind viele Russen begraben. Und das ist nicht so verwunderlich, wie Sie vielleicht meinen, Dr. Pawlow.«

»Und warum nicht?«

»Zwischen Russland und Irland gab es einst einen regen Flachs- und Pferdehandel. Nach der Revolution kamen viele russische Familien hierher, einige auch in diese Gegend. Das war ungefähr zu derselben Zeit, als die Iren mit der britischen Krone um ihre Unabhängigkeit kämpften. Sie kamen sozusagen vom Regen in die Traufe.«

»Das wusste ich nicht. Gehörte dieser Mann auch dazu? Kannten Sie ihn?«

Jakow strich wieder über den glatten Granitstein. »Ja. Ich lernte ihn kurz vor seinem Tod kennen. Juri Andrew war ein ausgesprochen bemerkenswerter Mann, Dr. Pawlow. Ein Mann, der die Geschichte verändert hat. Und noch bemerkenswerter ist, dass ihn kaum jemand kennt. Sein Name ging in den Wirren der Zeit verloren.«

»Ich verstehe das nicht. Was hat all das mit der Leiche der Frau zu tun?«

Jakow sah mich an, und seine wässrigen Augen strahlten plötzlich vor Begeisterung. »Es hat eine ganze Menge damit zu tun. Vielleicht passt es ganz gut, dass wir uns gerade hier auf dem Friedhof getroffen haben, Dr. Pawlow.«

»Warum?«

»Weil wir an diesem Ort von Geheimnissen und Lügen umgeben sind, die allesamt eine Erklärung verlangen.«

Briar Cottage stand in der Nähe des Meeres und war sicherlich weit über hundert Jahre alt. Auf einem schwarz lackierten, ovalen Metallschild an der Mauer neben der Eingangstür stand in verschnörkelter weißer Schrift der Name.

Das Cottage hatte offenbar einmal zu einem großen Landsitz gehört. Auf dem Weg dorthin gingen wir zwischen zwei alten Granitpfeilern hindurch, auf denen verwitterte, aus Kalkstein gemeißelte Löwen saßen.

Hinter einigen Feldern erblickte ich die Ruinen eines riesigen Herrenhauses und die verfallenen Steinmauern eines Obstgartens. Wir fuhren über einen Schotterweg, der sich durch eine Wiese schlängelte, ehe wir schließlich vor dem weiß getünchten Cottage ankamen.

Dank der von Rosen umrankten, blau gestrichenen Tür sah es recht malerisch aus. Eine Hügelkette, von welcher der intensive Kokosduft von prächtigem gelbem Ginster herüberwehte, schützte das Häuschen vor dem Meereswind. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf die Landschaft.

Es begann wieder zu regnen, als ich den gemieteten Ford auf dem Kiesweg vor dem Haus neben einer alten dunkelblauen Toyota-Limousine parkte. Ein paar Halme des ursprünglichen Strohdaches des Cottages ragten unter den schwarzen, nachträglich angebrachten Schieferplatten hervor, sodass es wie eine schlecht sitzende Perücke aussah.

Ich folgte Jakow zur Tür. Er war überraschend rüstig, doch ich sah auch, dass das Alter seinen Tribut forderte. Die Hüften machten ihm zu schaffen.

Die Eingangstür bestand aus einem unteren und einem oberen Teil, wie man es manchmal noch in einigen ländlichen Gebieten Europas findet. Jakow bereitete es ein wenig Mühe, die Tür aufzuschließen, doch als er es geschafft hatte, führte er mich hinein. Das Cottage war erstaunlich groß. Es hatte eine Balkendecke und bot einen atemberaubenden Blick auf die fernen Mourne Mountains, deren Hänge sich sanft zum Meer hin senkten.

In dem Haus herrschte ziemliche Unordnung. Alles war von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften übersät. Ein paar lagen auch auf dem großen Couchtisch aus hellem Kalkstein, der vor dem Kamin stand und an manchen Stellen schwarze Rauchflecken aufwies.

Holzregale, die mit Büchern und zahllosen verschnürten Stapeln vergilbter Zeitungen gefüllt waren, säumten die Wände. Mehrere Spazierstöcke aus Bruyèreholz standen in einem Schirmständer in einer Ecke. Die beiden alten Lehnstühle neben dem Kamin hatten so verschlissene Lehnen, dass man durch den Stoff hindurchsehen konnte. Ein Weidenkorb neben dem Kamin war randvoll mit Holzscheiten und Torfstücken gefüllt.

Es war ein wenig kalt in dem Raum, obwohl das Feuer noch brannte. Jakow schob den Kaminschirm zur Seite und stocherte mit einem Schürhaken in der Glut herum. Dann warf er ein paar Holzscheite und Torfstücke hinein, stellte den Schirm wieder vor den Kamin und rieb sich die Hände.

»Je älter man wird, desto mehr freut man sich über ein bisschen Wärme. Auch im Sommer kann es hier recht kühl sein.«

»Wie lange wohnen Sie schon hier?«

Jakow füllte frisches Wasser in den Wasserkocher und schaltete ihn ein. »Über drei Jahrzehnte. Zuerst zur Miete, und als der Eigentümer verstarb, habe ich das Cottage gekauft. Eine nette Dame hält das Haus in Ordnung und kocht für mich.« Er lächelte verschmitzt. »Wir haben eine Abmachung. Sie beseitigt die Unordnung, und sobald sie gegangen ist, bringe ich alles wieder durcheinander. Tee?«

»Gern.« Ich warf einen Blick auf die Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden. Nach der Kleidung der Männer und Frauen auf den Bildern zu urteilen, nahm ich an, dass sie etwa zurzeit des Ersten Weltkrieges oder kurz danach entstanden waren.

Auf einem der Fotos war ein Paar abgebildet. Ich trat näher heran, um es mir genauer anzusehen: ein gut aussehender Mann mit slawischen Gesichtszügen und Leinenmütze auf dem Kopf neben einer hübschen jungen Frau mit langem dunklem Haar. Sie sahen glücklich aus. Die Frau hatte sich bei dem Mann untergehakt, und sie standen in lässiger Haltung lächelnd und entspannt vor einem weiß getünchten Haus.

Unten auf dem Foto stand mit blauer Tinte geschrieben: Juri und Lydia, aufgenommen von Joe Boyle in Collon am 2. Juli 1918. Mein Blick wanderte zu dem weiß getünchten Haus hinter dem Paar. Das Foto konnte überall aufgenommen worden sein. Doch dann sah ich die halbe Tür und daneben die Kletterrosen, und ich erkannte das Haus, in dem ich stand: Briar Cottage.

Jakow schüttete drei Löffel getrocknete Teeblätter in eine Keramikkanne und goss das kochende Wasser darüber, woraufhin ein kräftiges Aroma den Raum erfüllte. »Übrigens, das Cottage war einst Teil eines großen Landsitzes, das einem russischen Geschäftsmann und seiner Frau, einer bekannten Theaterschauspielerin aus Sankt Petersburg, gehörte. Sie hieß Hanna Wolkowa und war vor dem Ersten Weltkrieg sehr berühmt. Haben Sie mal von ihr gehört?«

»Ich fürchte, nein.«

»Darf ich Sie fragen, woher Ihr Interesse an Russland stammt, Dr. Pawlow? Es scheint ziemlich stark und persönlich motiviert zu sein.«

»Meine Großmutter stammte aus Jekaterinburg, und in meiner Kindheit habe ich viele Geschichten über ihre Heimat gehört. Jedes Mal, wenn sie sich Doktor Schiwago anschaute, weinte sie hinterher eine Woche lang. Beantwortet das Ihre Frage?«

Jakow lächelte verhalten. »Ich habe gehört, dass dieser Film einen starken Eindruck hinterlassen kann. Es scheint fast, als hätten die Russen eine harte Schale – dabei sind es ausgesprochen gefühlvolle Menschen.«

»Sie hat immer gesagt, Lenins Revolution sei ein Kampf für die Seele Russlands gewesen. Eine Schlacht zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und dem Teufel, und eine Zeit lang habe es so ausgesehen, als ob der Teufel gewinnen würde.«

Jakow strich sich nachdenklich über die Wange. »Vielleicht hatte sie recht. Es war jedenfalls ein entsetzlich brutaler Kampf.«

Die zahlreichen Andenken an Russland in dem Raum weckten in mir die Erinnerung an die Heimat meiner Großmutter. Auf einem Bücherregal entdeckte ich eine lackierte Matroschka. Ein polierter, vernickelter Samowar stand in einer Ecke, und vergoldete religiöse Ikonen hingen an den Wänden.

Sogar die Bücher in den Regalen erzählten Geschichten: Das Ende des imperialen Russlands von Waldron, Der Hof des letzten Zaren von King, Lenins Leben von Fischer. Zwischen all diesen Werken entdeckte ich unzählige Bücher über die Romanows und genauso viele über Anna Anderson, die mysteriöse Frau, von der einige behaupteten, sie sei Anastasia, die jüngste Tochter des Zaren, gewesen.

»Was hat Sie nach Irland geführt, Mr Jakow?«

»Es gibt viele Gründe, und sie sind alle persönlicher Natur. Vor vielen, vielen Jahren kam ich als Gastdozent ans Trinity College und kehrte nie wieder nach Russland zurück. Aber das ist eine andere Geschichte.« Er zeigte auf die Regale. »Ich bin glücklich mit meinen Büchern und meinen Unterlagen. Es ist ein ruhiges, aber erfülltes Leben.«

»Darf ich?«, fragte ich mit Blick auf die Bibliothek.

»Gerne.«

Eines der Bücher trug den Titel: Die verlorene Welt von Nikolaus und Alexandra. Ich nahm es heraus und blätterte darin. Es enthielt Bilder des Russlands, das meine Großeltern gekannt hatten, und Schwarz-Weiß-Fotografien der Zarenfamilie, ihrer vier hübschen Töchter und ihres gut aussehenden jungen Sohnes. Anschließend griff ich nach einem der zahlreichen Bücher über Anna Anderson. »Sie scheinen sich für Anna Anderson zu interessieren, Mr Jakow.«

»Sie kennen ihre Geschichte sicherlich?«

»Natürlich. Sie war eine psychisch labile Frau. Als sie 1920 aus einem Kanal in Berlin gezogen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, hatte sie keine Papiere bei sich, durch die sie sich identifizieren konnte. Sie weigerte sich zu sagen, wer sie war. Doch sie schien so detaillierte Kenntnisse über die russische Zarenfamilie zu besitzen, dass ihre Unterstützer immer behaupteten, sie sei tatsächlich die Zarentochter Anastasia, die das Massaker an den Romanows überlebt hat.«

Ich blätterte in dem Buch. »Ihre Geschichte hat Stoff für Filme, ein Broadway-Musical und zahllose Bücher geliefert, nicht wahr?«

Jakow nickte und steckte die Daumen in die Taschen seiner Weste. »Ja, das ist richtig. Sie war eine geheimnisvolle, faszinierende Frau, deren Existenz mehr Fragen aufwarf als beantwortete. Manche behaupten, dass sich das bis heute nicht geändert hat.«

»Sie war gewiss eine rätselhafte Persönlichkeit. Das muss man schon sagen.« Ich stellte das Buch zurück ins Regal und entdeckte einen alten Gedichtband von Yeats mit einem braunen, abgestoßenen Lederumschlag. Ich nahm das Buch, das, wie mir die erste Seite verriet, 1917 veröffentlicht worden war, in die Hand. Ich schlug die mit einem langen braunen Seidenbändchen markierte, abgegriffene Seite auf und las ein paar Zeilen:

Wenn du alt und grau und müde bist
und am Kamin sitzt und ruhst, nimm dieses Buch,
lies ein paar Zeilen und träume von dem sanften Blick,
den deine Augen hatten, und von ihren tiefen Schatten.

Wie viele liebten dich wahrhaftig oder begehrten dich nur,
wenn du vor Anmut und Schönheit erstrahltest,
doch einer liebte deine unstete Seele
und den Kummer auf deinem wechselvollen Gesicht.

»Mögen Sie Yeats?«, fragte Jakow.

Ich sah vom Buch auf. »Dieses Gedicht gefällt mir, aber ich weiß nicht, was es bedeutet.«

»Es hat die Bedeutung, die Sie ihm geben. Yeats schreibt immer über Liebe und Verlust, Erinnerungen und Sehnsucht. Die Russen und die Iren verbinden ihr Hang zur Melancholie und die Liebe zur Poesie.«

Ich klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. »Haben Sie Familie, Mr Jakow?«

»Nein, es gibt nur mich. Meine Frau und ich hatten nicht das Glück, Kinder zu bekommen.«

»Sie haben noch immer Ihren russischen Akzent.«

»Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Russland gelebt. Nehmen Sie doch bitte Platz, Dr. Pawlow.« Er zeigte auf einen der verschlissenen Lehnstühle am Kamin und goss duftenden, dampfenden Tee in zwei Gläser.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ich komme seit vielen Jahren allein zurecht, seitdem meine Frau verstarb. Ich werde es schaffen, bis meine Krankheiten mich besiegen. Zucker? Milch? Oder Sahne, wie Ihr Amerikaner sagt?«

»Keine Sahne, ein Löffel Zucker. Wann werden Sie mir verraten, was hinter diesem Geheimnis steckt, Mr Jakow?«, fragte ich ihn.

Er gab in beide Gläser einen Löffel Zucker, fügte noch ein paar Löffel in sein Glas hinzu und reichte mir dann meinen Tee. Als ich mich in einen der Lehnstühle setzte, nahm Jakow ächzend auf dem gegenüber Platz. »Zuerst muss ich Ihnen mehr über mich erzählen, Dr. Pawlow. Mein Vater war Kommissar Leonid Jakow, der in den Geschichtsbüchern als hoher Funktionär der Geheimpolizei der Bolschewiki, der Tscheka, erwähnt wird. Vielleicht haben Sie mal von ihm gehört?«

Ich wollte gerade einen Schluck heißen Tee trinken, stattdessen hob ich erstaunt den Kopf. »Ja, habe ich. Wenn ich mich nicht täusche, stand er im Ruf, äußerst brutal gewesen zu sein.«

»Eine gewisse Zeit gehörte mein Vater zu den meistgefürchteten Menschen in Russland. Und das zu Recht. Er hat viele schreckliche Dinge getan.« Jakow trank einen Schluck Tee. »Sie erinnern sich an das Grab von Juri Andrew, das Sie vorhin gesehen haben, nicht wahr?«

»Was ist damit?«

»Er und mein Vater hatten eine sehr enge persönliche Bindung.«

»Was denn für eine Bindung?«

»Eine, die viel stärker war, als sie beide es sich hätten vorstellen können, und von der sie lange Zeit nichts wussten. Ein gut gehütetes Familiengeheimnis.«

»Ein Familiengeheimnis? Ich verstehe nicht.«

»Andrews Vater und Leonid Jakows Mutter … Sie hatten ein Verhältnis miteinander. Sie gehörten unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen an, verstehen Sie, aber sie fühlten sich dennoch sehr wohl miteinander. Aus dieser Beziehung ging ein Kind hervor, ein Junge namens Stanislaw. Er war der Bruder von meinem Vater und von Juri Andrew, doch sie erfuhren erst viel später davon.«

»Verzeihung, aber ich verstehe nicht. Das müssen Sie mir erklären.«

»Alles zu seiner Zeit, Dr. Pawlow. Sie sagen, Sie haben die Leiche gefunden?«

»Ja, und auch das Medaillon, das Sie in einem Ihrer Briefe erwähnt haben. Die Frau hielt es in der Hand.«

Jakow schüttelte den Kopf, und seine blassen Lippen zitterten leicht. »Ihre Entdeckung erleichtert und erstaunt mich zugleich, Dr. Pawlow.«

Ich stellte meine Tasse auf den Tisch. »Ich kann es kaum erwarten zu hören, woher Sie diese Frau kannten. Ich habe das Medaillon mitgebracht.«

Er riss die Augen auf. »Haben die Behörden es erlaubt?«

»Ehrlich gesagt habe ich es ihnen nicht gesagt.«

»Dr. Pawlow, Sie wissen doch sicherlich, dass der Diebstahl eines Fundstückes in Russland …«

»… ein schweres Vergehen ist, ja. Aber vertrauen Sie mir. Ich habe vor, es zurückzubringen. Ich dachte, Sie würden es sich gerne einmal ansehen. Ich habe auch Nahaufnahmen der Leiche mitgebracht, die wir am Fundort gemacht haben.«

»Darf ich Sie sehen?«, fragte Jakow gespannt.

Ich reichte ihm eine gepolsterte Versandtasche mit den Fotos.

Jakows Hände zitterten, als er die Farbfotos herausnahm und sorgfältig auf dem Tisch ausbreitete. Er setzte eine dicke Lesebrille auf und nahm ein Foto nach dem anderen vorsichtig in die Hand, als handelte es sich um wertvolle Gegenstände.

Er betrachtete die Fotos von dem Leichnam der Frau, der aus verschiedenen Winkeln aufgenommen worden war. Als er schließlich den Blick hob, waren seine Augen feucht. »Darf ich das Medaillon sehen?«, fragte er mich.

Ich reichte es ihm. »Wie Sie bereits andeuteten, ist die Vorderseite mit dem kaiserlichen Adler der Romanows verziert. Auf der Rückseite ist eine Gravur. Sie ist jedoch korrodiert, und ich konnte sie bisher nicht entziffern. Da Sie aber von dem Medaillon wussten, hoffe ich, dass Sie mir helfen können. Wissen Sie, was dort steht?«

Jakow nahm das Medaillon fast ehrfürchtig entgegen, als wäre es eine heilige Reliquie. Aufmerksam betrachtete er das korrodierte Metall, drehte das Medaillon in seiner Hand hin und her. Die dünne Kette baumelte in der Luft, und jetzt füllten sich Jakows Augen mit Tränen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte ich ihn.

»Ja, Dr. Pawlow«, erwiderte er in heiserem Ton.

»Unsere Entdeckung in Jekaterinburg bedeutet Ihnen offenbar sehr viel, nicht wahr?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Wie haben Sie von dem Medaillon erfahren?«

»Genauso wie ich von der Leiche der Frau erfahren habe. Mein Vater hat es mir erzählt.«

Ein Gedanke durchfuhr mich wie ein Blitz, und mein Pulsschlag beschleunigte sich. »Hatte Ihr Vater irgendetwas mit der Ermordung der Romanows zu tun?«

Ich erinnerte mich, Leonid Jakows Namen in den Geschichtsbüchern gelesen zu haben, aber niemals in diesem Zusammenhang.

Zu meiner Überraschung nickte sein Sohn. »Ja, hatte er. Er wurde heimlich von Lenin beauftragt, die Hinrichtung zu überwachen. Ich muss gestehen, dass ich noch nie mit einem Menschen darüber gesprochen habe.«

»Wissen Sie, wie die Gravur lautet?«

»Ich glaube schon, Dr. Pawlow.«

»Dann sagen Sie es mir um Himmels willen!«

Jakow wandte den Blick ab und starrte in die Ferne, als versuchte er, vor seinem geistigen Auge etwas zu erkennen. Es musste etwas sehr Persönliches sein, denn er sagte nichts. Und dann begann er aus irgendeinem mir unbekannten Grund zu weinen. Seine Schultern bebten, als bittere Tränen über seine Wangen liefen. Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Augen. »Verzeihen Sie bitte.«

»Mr Jakow, es gibt nichts zu verzeihen. Was wühlt Sie so auf?«

»Die Erinnerungen eines alten Mannes.«

»Ich verstehe nicht. Wer war die Frau? Und was hat sie mit dem Grab zu tun, an dem wir uns getroffen haben? Es gibt eine Verbindung, nicht wahr?«

Plötzlich sah Jakow gebrechlich und besorgt aus, schrecklich einsam, wie ein alter Mann auf der Schwelle des Todes, der Angst hat, sie zu überschreiten. Eine Sekunde später veränderte sich seine Miene, und die traurigen Gesichtszüge erinnerten an einen kleinen Jungen, der sich ohne seine Eltern furchtbar verloren fühlte. »Sie sind doch eine Expertin der Romanows, Dr. Pawlow, oder?«, fragte er mich leise.

»Eine Expertin vielleicht nicht unbedingt, aber mich verbindet ein starkes berufliches Interesse mit der Zarenfamilie.«

»Dann, fürchte ich, werden Sie niemals glauben, was ich Ihnen erzählen werde.«

»Warum nicht?«

Jakows Stimme klang nun wieder etwas fester. »Weil hinter der allgemein anerkannten Darstellung dessen, was in der Nacht, als die Romanows starben, passierte, eine gewaltige Verschwörung steckt.«

»Das ist eine recht kühne Behauptung, Mr Jakow.«

»Ich kann es beweisen.«

Ich musterte ihn verwirrt. »Warum haben Sie nie zuvor über Ihre Behauptung gesprochen, wenn sie wahr ist?«

In Jakows Augen funkelte ein Feuer. »Ich habe es so oft versucht, aber niemand wollte mir glauben. Auch Sie hätten mir ohne Beweise nicht geglaubt. Nachdem Sie nun die Leiche und das Medaillon gefunden haben, haben Sie den Beweis. Ich bin ein alter Mann. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, und darum möchte ich, dass Sie die wahre Geschichte hören, Dr. Pawlow.«

»Welche wahre Geschichte?«

»Über das, was den Romanows in der Nacht, als sie verschwanden, zugestoßen ist. Das ist nicht die Geschichte, die in den Geschichtsbüchern steht. Es war ein entsetzliches Blutvergießen, eine unglaubliche Brutalität und ein grausames Sterben. So viel steht jedenfalls fest.« Er verstummte kurz. »Zu viele persönliche Interessen haben in all den Jahren verhindert, dass die Wahrheit ans Licht kam. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt habe, werden Sie das Geheimnis um Anna Anderson verstehen, die Frau, die Anastasia genannt wurde.«

Ich starrte Jakow verblüfft an, als er fortfuhr. »Wenn ihre Geschichte irgendwo begann, dann war es in Sankt Petersburg im Jahre 1918 mit einem amerikanischen Spion namens Philip Sorg.«

»Ich habe nie etwas von Sorg gehört.«

»Nur wenige kannten ihn. Sorg ist ein Rätsel, ein junger Mann, der sich in die Tochter des Zaren verliebte, die Großfürstin Anastasia. Das Paar, das Sie vor diesem Cottage auf dem Foto gesehen haben, Juri Andrew und eine Frau namens Lydia Ryan, spielten dabei ebenfalls eine Rolle. Sie verbrachten gemeinsam einige Zeit hier in diesem Haus, ehe sie nach Russland reisten, um sie zu retten.«

»Um wen zu retten?«

»Den Zaren und seiner Familie.«

Ich blickte Jakow schockiert an. »Ich habe so einiges über verschiedene Rettungsverschwörungen gelesen, aber sie schlugen doch alle fehl, oder?«

»Glauben Sie mir, bei dieser war es anders.« Jakows Augen strahlten. »Von dieser Geschichte steht nichts in den Geschichtsbüchern, und das aus gutem Grund. Und nun werden Sie etwas erfahren, was auch ich erfahren habe, Dr. Pawlow.«

»Und das wäre?«

»Dass die Wahrheit, soweit sie die Romanows betrifft, hinter einem Netz aus Rätseln, Mythen und Lügen verborgen liegt.«

VERGANGENHEIT
1918

ERSTER TEIL

2. KAPITEL

Sibirien

Es war der kälteste Winter seit fünfundzwanzig Jahren. In Paris fielen in einer einzigen Nacht dreißig Zentimeter Schnee. Vierzehn Clochards starben, und ihre Leichname froren auf den Bürgersteigen fest. Die Tragödie zwang den Bürgermeister der französischen Hauptstadt, die Metrostationen zu öffnen, damit die Obdachlosen darin Schutz vor der Kälte fanden.

Die Pariser scherzten mit grimmigen Mienen, dass der Winter mehr Todesopfer forderte als die Granaten der Deutschen. Der blutige Krieg, der in ganz Europa wütete, hatte bereits siebzehn Millionen Menschen das Leben gekostet, und die eisigen Temperaturen machten alles noch unerträglicher.

In einer Zeitung wurde berichtet, dass an der Westfront, wo inmitten von Schneeverwehungen grausame Schlachten tobten, eine Einheit der deutschen Artillerie drei Wochen lang ohne Verpflegung von der Außenwelt abgeschnitten gewesen war. Die Soldaten hatten ihre Pferde geschlachtet, um zu überleben. Und nachdem sie das Pferdefleisch verzehrt hatten, kochten sie ihre Ledersättel und aßen sie.

In Sibirien, wo die Temperaturen unter dreißig Grad minus sanken, kämpfte Juri Andrew in einem anderen Kampf, als seine Verfolger sich ihm näherten, um ihn zu töten.

Schreie und Gewehrschüsse hallten durch den Wald, und die Kugeln flogen links und rechts von ihm durch die Bäume. Sie schlugen in die Birken ein und wirbelten den Schnee auf, doch Andrew lief weiter. Er brach vor Erschöpfung fast zusammen, als seine müden Beine in dem tiefen, eisigen Schnee versanken.

Verbissen kämpfte er sich durch den Wald und rannte um sein Leben. Das Bellen und Kläffen der Hunde wurde lauter, nachdem sie seine Spur aufgenommen hatten.

Andrews Brust brannte, als er die eisige Luft tief einatmete. Bei jedem qualvollen Schritt betete er, dass es ihm gelang, die Eisenbahnschienen zu erreichen. Die Stiefel und die Gefängnisuniform waren sein einziger Schutz vor der furchtbaren Kälte, und der grobe Stoff scheuerte wie Schmirgelpapier auf seiner Haut.

Ein Gewehrschuss hallte durch die Luft, dann ein zweiter, und beide Kugeln zischten nur Zentimeter an seinem Kopf vorbei. Andrew rang nach Atem und warf einen flüchtigen Blick zurück. Mindestens zwei Dutzend bewaffnete Wachen rannten hinter ihm kreuz und quer durch den Wald.

Andrew sah die Bahnschienen, die in diesem Waldstück eine Kurve beschrieben. Das schrille Pfeifen eines Zuges ertönte. Es wurde lauter, und Andrew starrte wie gebannt auf die Gleise. Er war weniger als hundert Meter von den Bahnschienen entfernt, und er wusste, dass der Zug seine einzige Hoffnung auf Freiheit war. Doch es musste ihm gelingen, auf den Zug aufzuspringen, wenn dieser das Tempo in der Kurve verlangsamte.

Achtzig Meter.

Siebzig.

Die Kugeln peitschten ihm um die Ohren.

Sechzig.

Fünfzig.

Andrew lief weiter, und jeder Schritt durch den hohen Schnee war eine entsetzliche Qual. Er hatte unerträgliche Schmerzen am ganzen Körper, als würden tausend Dolche seine Haut durchbohren.

Die nächste Salve schlug in die Bäume zu seiner Rechten ein.

Und dann geschah es.

Gerade rannte Andrew noch auf die Bahnschienen zu, und im nächsten Augenblick hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen. Ein riesiges Loch tat sich vor ihm in der Erde auf. Er schrie auf, verlor das Gleichgewicht und fiel wie ein Stein in den Abgrund.

Als Andrew in die offene Grube stürzte, schlug er mit der Schulter auf und hörte Knochen brechen. Er spürte den brennenden Schmerz in der Schulter, als er benommen vom Aufprall versuchte, sich aus dem Gewirr von Ästen zu befreien.

Plötzlich erkannte Andrew zu seinem großen Entsetzen, dass es keine Äste, sondern ein Haufen gefrorener Leichen waren.

Er lag in einer Grube, in der die Lagerwärter die Toten entsorgten – Hunderte vereister Leichen, deren Glieder zu einem schaurigen Geflecht verschlungen waren. Andrew versuchte, sich aus der Grube zu befreien, während erneut Gewehrfeuer und Hundegebell durch den Wald hallten. Als es Andrew trotz der stechenden Schmerzen in der Schulter gelang, aus der Grube zu klettern, hörte er wieder das schrille Pfeifen des Zuges.

Eine schwarze Dampflokomotive mit einem großen roten Stern auf der Stirnseite bog wie ein riesiges stählernes Ungeheuer auf Schienen ratternd um die Kurve im Wald. Andrew schöpfte neuen Mut und rappelte sich auf, den Blick starr auf die Gleise gerichtet.

Den Wachmann vor ihm zwischen den Bäumen, der sich hinkniete und auf ihn zielte, sah er nicht.

Der Knall eines Gewehrschusses hallte durch den Wald. Im nächsten Augenblick wurde Andrew von der Kugel niedergestreckt. Er wurde rücklings wieder in die schauerliche Grube geschleudert, und dann umgab ihn nur noch Dunkelheit. Stille, leere, schmerzlose Dunkelheit.

Die schwarze Lokomotive mit dem roten Stern auf der Stirnseite und den roten Fahnen, die an den Seiten der Waggons wehten, kam quietschend zum Stehen.

Inmitten einer Dampfwolke wurde eine der Türen geöffnet, und ein Mann mit harten Gesichtszügen, stechenden blauen Augen und blondem Haar sprang mit einem Nagant-Revolver in der Hand in den Schnee. Er trug einen Ledermantel, der bis zu den Knöcheln reichte, einen Schal, Handschuhe und die lederne Schirmmütze eines Offiziers. Er sah die Wachen, die aus dem Wald kamen und mit den Gewehren im Anschlag auf die Grube zuliefen.

Einer von ihnen war ein Feldwebel mit einem derben Gesicht, das seine slawische Herkunft verriet. Eine zusammengerollte Nagaika, eine Kosakenpeitsche, hing an dem Ledergürtel seiner Uniform. Er richtete das Gewehr auf den bewusstlosen Gefangenen und legte den Finger auf den Abzug.

Der Offizier, der von der Lokomotive gesprungen war, hob die rechte Hand und feuerte mit dem Revolver einen Schuss ab. Die Kugel traf den Feldwebel im linken Arm, worauf ihm das Gewehr entglitt und er zu Boden ging.

»Feuer einstellen! Das ist ein Befehl!«, brüllte der Offizier und rannte auf den Feldwebel zu. »Sie Idiot! Wie ist Ihr Name?«

»Feldwebel Mersk, Kommissar Jakow.« Der Feldwebel, ein großer, kräftig gebauter Ukrainer mit dickem schwarzen Schnauzer trug eine schmutzige Schaffellmütze.

»Ich habe strikte Order erteilt, dass der Gefangene lebend gefasst werden soll.«

Der Feldwebel presste eine Hand auf seinen blutenden Arm, stand mühsam auf und untersuchte die Fleischwunde. »Es … es tut mir leid, Kommissar. Ich befürchtete, er würde entkommen.«

»Wenn er tot ist, bezahlen Sie das mit Ihrem Leben!« Jakow steckte den Revolver in sein Holster und stapfte durch den Schnee an den Rand der Grube. Der Gefangene lag ausgestreckt auf einem Berg verrotteter Leichen. Seine Augen waren geschlossen, und aus einer Schusswunde an seinem Oberkörper rann Blut. In der dreckigen Gefängniskleidung, mit dem ausgemergelten Körper und dem unrasierten Gesicht bot er einen erbärmlichen Anblick. Jakow sah schwache weiße Nebelschwaden über den Lippen des Mannes aufsteigen.

»Er lebt! Holt ihn da raus und seid vorsichtig«, fuhr er die Wachen an. »Wenn er stirbt, mache ich euch alle dafür verantwortlich.«

Ein halbes Dutzend Wachen rutschte in die Grube hinunter. Sie hoben den Gefangenen heraus und legten ihn in den Schnee. Jakow kniete sich neben den Mann und fühlte dessen schwachen Puls. »Gib mir deinen Hosengürtel«, sagte er zu einem Wachmann.

»Kommissar?«

»Du hast gehört, was ich gesagt habe! Und ich brauche ein Bajonett.«

Die Wachen führten den Befehl sofort aus. Mithilfe des Bajonetts schnitt Jakow die Kleidung des Gefangenen auf und legte die blutende Wunde frei. Dann riss er sich den Schal vom Hals und faltete den Stoff sorgfältig zu einem kleinen Bündel zusammen, das er als Kompresse benutzte. Den Gürtel schnürte er um den Oberkörper des Mannes, um die Blutung zu stillen.

»Lassen Sie ihn in meinem Zug zurück zum Lager bringen«, befahl er dem Feldwebel und schnippte mit den Fingern. »Und holt den Sanitäter! Ich will, dass dieser Mann am Leben bleibt.«

Mit mürrischer Miene presste der ukrainische Feldwebel noch immer die Hand auf seine Wunde. »Der Gefangene hat versucht zu fliehen. Das ist ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wird.«

»Ich entscheide, ob er lebt oder stirbt. Befolgen Sie den Befehl, sonst trifft Sie gleich die nächste Kugel.«

»Ja, Kommissar Jakow.«

Der Feldwebel gab den Befehl an seine Männer weiter. Sie trugen den Verwundeten zum Zug. Jakow warf einen Blick auf die Blutspuren des Gefangenen im Schnee. Er kniete sich hin und berührte mit den Fingerspitzen die roten Flecken. Als er wieder aufstand, war sein Gesicht wutverzerrt.

»Ich verstehe etwas nicht, Kommissar«, sagte der Feldwebel verwirrt. »Warum sind Sie eingeschritten, um diesem Verräter zu helfen? Er macht nichts als Ärger!«

Jakow sah zu, wie die Wachleute den Verletzten an eine Gruppe Rotgardisten aus dem Zug übergaben. »Der Gefangene hat einen Namen.«

Die Augen des Feldwebels funkelten verächtlich. »Juri Andrew, ein ehemaliger Hauptmann des zaristischen Heeres und ein überführter Staatsfeind. Kennen Sie ihn, Kommissar Jakow?«

»Er ist mein Bruder.«

3. KAPITEL

Deutschland

Über dreitausend Kilometer entfernt war die gesamte Nordseeküste vor Bremerhaven an diesem Morgen in dichten Nebel gehüllt.

Eine atemberaubend schöne Frau stand an Deck der Frachtfregatte Marie-Ann, deren Bug den Nebel durchbrach und geradewegs auf den Hafen von Bremerhaven zusteuerte.

Mit ihrem langen kastanienbraunen Haar, das bis auf ihre Schultern fiel, hätte man Lydia Ryan in einer anderen Zeit für eine Piratenbraut halten können, die an der Reling ihres Schiffes stand. Doch die zweckmäßige, warme Kleidung, die sie trug – ein langer schwarzer Wollrock, Lederstiefel, eine Bluse, die ihrer Figur schmeichelte, und eine kurze Jacke – widerlegten diesen Eindruck.

Mit der blassen Haut und den grünen Augen ähnelte sie einer Spanierin, was im Westen Irlands keine Seltenheit war. Dieses südländische Aussehen ging auf die Basken aus Nordspanien zurück, die sich vor Tausenden von Jahren an der Westküste des Landes angesiedelt hatten.

Die Marie-Ann bereitete das Anlegemanöver vor. Der Kapitän schaltete den Motor aus, worauf sich die Rotation der Schiffsschraube verlangsamte, bis sie schließlich zum Stillstand kam. Deutsche Heeressoldaten hatten den Hafen abgeriegelt. Lydia Ryans Arbeit an diesem Morgen verlangte größte Geheimhaltung.

Sie erblickte Oberst Horst Ritter, einen deutschen Geheimdienstoffizier, der das Manöver vom Hafendamm aus beobachtete. Er war um die fünfzig und trug eine tadellos gebügelte Uniform, Schweinslederhandschuhe und kniehohe, auf Hochglanz polierte Stiefel. Ritter atmete die salzige Luft tief ein, zwirbelte seinen gewachsten Schnurrbart und erlaubte sich ein Lächeln, als er die Hand zum Gruß erhob.

Lydia winkte zurück.

Ritter gab ein Zeichen, worauf zwei Lastwagen mit Planen rückwärts auf den Rand des Hafendamms zufuhren. Deutsche Soldaten sprangen herunter, rollten die Planen hoch, luden Holzkisten mit Waffen und Munition ab und stellten sie auf den Kai.

Als die Besatzung der Marie-Ann das Schiff festmachte, kletterte Lydia über eine Eisenleiter auf den Hafendamm. »Oberst Ritter, bekommen Sie nie einen freien Tag?«

Ritter schlug die Hacken zusammen, nahm ihre Hand und küsste sie wie ein Gentleman. Ritter fand die junge Frau mit dem wohlgeformten Körper und der temperamentvollen Art ausgesprochen anziehend. »Nicht, wenn wichtige Arbeit auf mich wartet, wie zum Beispiel den irischen Republikanern zu helfen, die Briten zu besiegen. Es ist mir eine Freude, Sie wiederzusehen, Miss Ryan«, sagte Ritter in ausgezeichnetem Englisch.

»Die Freude ist ganz meinerseits, Oberst.«

»Ach, ich wünschte, es wäre wahr«, sagte er gut gelaunt und seufzte. »Ich wäre gerne noch einmal dreißig Jahre alt. Hatten Sie eine angenehme Reise?«

»Das kann man nicht gerade behaupten, wenn man bedenkt, dass wir fünf Tage lang ständig die Flaggen wechseln mussten, um der britischen Kriegsflotte zu entkommen. Es gab aber auch angenehme Augenblicke.«

»Jedenfalls sind Sie unversehrt hier angekommen. Ihre Ladung steht bereit. Zweihundert Gewehre und hunderttausend Patronen Munition. Wir haben übrigens noch ein halbes Dutzend Bergmann-Maschinengewehre dazugelegt. Mit besten Grüßen vom Kaiser.«

»Oberst, ich könnte den Mann küssen! Ich bin gerade sogar versucht, Sie zu küssen.«

Ritter warf lachend den Kopf zurück. »Und ich wäre geneigt, das Angebot anzunehmen, Miss Ryan.«

Ein junges Besatzungsmitglied der Marie-Ann stieg mit einer Flasche Jameson-Whiskey in der Hand die Metallleiter hinunter. Der Junge mit den hübschen Gesichtszügen und dem dunklen Teint, der nicht älter als achtzehn Jahre war, ähnelte Lydia. Eine Leinenmütze saß schräg auf seinem Kopf, was ihm einen adretten Eindruck verlieh, und seine Wangen waren von Sommersprossen übersät. Er reichte Lydia die Flasche. »Paudie hat gesagt, das Beladen wird nicht lange dauern. Höchstens zehn Minuten.«

»Gut. Hilf ihnen, die Kisten an Bord zu bringen, Finn.«

Der Junge drehte sich um und ging auf die Lastwagen zu.

»Irre ich mich, oder ähneln Sie sich beide ein wenig?«, sagte Ritter zu Lydia.

»Mein jüngster Bruder.« Sie reichte Ritter die Flasche Jameson. »Ein kleines Geschenk als Dankeschön. Ich hoffe, Sie mögen irischen Whiskey, Oberst?«

Ritter betrachtete die Flasche und salutierte, um sich zu bedanken. »Sehr sogar. Ich werde ihn genießen.« Er wies mit dem Kinn auf einen verlassenen Teil des Hafens und machte plötzlich ein ernstes Gesicht. »Sie haben es eilig, und darum möchte ich Sie nicht lange aufhalten. Gehen wir ein paar Schritte?«

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, diese Einladung klingt ein wenig unheilvoll.«

Ritter nahm ihren Arm. »Ich fürchte, Sie haben recht. Ich habe schlechte Nachrichten.«

Lydia und Ritter gingen ein Stück am Kai entlang. Es war windstill, und der Nebel über dem Meer hielt sich hartnäckig. Plötzlich fühlte sich Lydia furchtbar müde. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.

Ritter zog die Schweinslederhandschuhe aus. »Nachdem Sie eine Woche lang volle Quartiere mit einem Haufen Männer geteilt haben, sehnen Sie sich sicherlich nach einem heißen Bad und etwas Zeit für sich allein.«

»Sie können Gedanken lesen, Oberst.«

»Dies ist die dritte Schmuggeltour innerhalb von sieben Monaten. Ich wundere mich, dass es Ihnen so lange gelungen ist, den Briten zu entwischen.«

»Sie kennen uns Iren. Wir würden sogar das Risiko eingehen, vom Teufel persönlich Waffen anzunehmen.«

Ritter lächelte. »Wir Deutschen können uns nicht beklagen. Die irischen Aufständischen binden britische Truppen und halten sie von unseren Fronten fern.«

»Und was haben Sie für eine schlechte Nachricht, Oberst?«

»Ich habe von unserer Kriegsmarine Bericht erhalten, dass die königliche Kriegsflotte in der Irischen See sehr aktiv ist. Die Briten scheinen nun alles daranzusetzen, um Sie daran zu hindern, Waffen zu schmuggeln.«

»Keine Sorge, unser Kapitän ist es gewohnt, Katz und Maus mit der Kriegsflotte zu spielen.«

Ritter schlug mit den Schweinslederhandschuhen in seine Handfläche. »Das glaube ich Ihnen gern. Aber Sie erinnern sich, was mit Ihrem Kameraden Roger Casement geschehen ist, als er unsere Gewehre nach Irland gebracht hat?«

»Die Briten haben ihn als Verräter gehängt.«

Ritter nickte. »Sie werden mit Ihnen dasselbe machen, wenn Sie nicht aufpassen, und dabei spielt es keine Rolle, dass Sie eine Frau sind. Man wird Ihnen nicht einmal einen Prozess zugestehen – nur eine Kugel in den Nacken, um die Dinge zu vereinfachen.«

»Warum plötzlich diese Sorge?«

»Ich möchte Sie nicht verlieren, Miss Ryan. Und das möchten Ihre republikanischen Freunde und Ihr jüngerer Bruder bestimmt auch nicht. Darum habe ich mit einem unserer U-Boote vereinbart, dass es Ihr Schiff die ganze Strecke bis zur irischen Küste begleitet. Wenn Sie auf Probleme stoßen, wird der Kapitän des U-Bootes sich persönlich darum kümmern.«

»Dafür bin ich Ihnen ungeheuer dankbar, Oberst, und die Mannschaft gewiss auch.« Lydia Ryan sah, dass die Beladung der Marie-Ann fast abgeschlossen war. »Wollten Sie mir noch etwas sagen?«

»Ja, in der Tat. Ich habe auf Ihre Bitte hin versucht, etwas über den Verbleib des Gefangenen herauszufinden.«

Lydia Ryan blieb stehen, und ihre Miene veränderte sich schlagartig. »Was ist mit ihm?«

»Ich habe die Listen britischer Kriegsgefangener in mindestens zwei Dutzend unserer Gefangenenlager überprüft. Ein Ire namens Sean Quinn befindet sich nicht unter unseren Kriegsgefangenen. Oder zumindest niemand in dem Alter, auf den Ihre Beschreibung und Ihre Hintergrundinformationen zutreffen.«

»Sind Sie sicher?«

»Absolut. Es tut mir wirklich leid, Miss Ryan.«

Lydia sah furchtbar niedergeschlagen aus. »Es ist nicht Ihre Schuld, Oberst. Sie haben es zumindest versucht.«

»Ich nehme an, der Mann war ein enger Freund oder ein Verwandter von Ihnen?«

»Ja.«

Ritter runzelte die Stirn. »Das verstehe ich nicht. Er gehört zum britischen Heer, und Sie sind eine Aufständische, die gegen die Krone kämpft.«

»Es ist eine lange Geschichte, Oberst. Ich erzähle sie Ihnen ein anderes Mal. Jetzt muss ich mich verabschieden.«

Als sie zur Marie-Ann zurückkehrten, deren Beladung abgeschlossen war, sagte Ritter: »Ich habe auch ein Geschenk für Sie. Eine Hand wäscht die andere.«

Er griff in die Tasche seiner Uniformjacke und zog eine kleine schwarze Mauser-Pistole mit einem polierten Griff aus Walnussholz heraus. »Hier haben Sie etwas, um sich zu schützen, falls Sie jemals in eine schwierige Lage geraten sollten.«

Lydia nahm die Pistole entgegen. »Ich nehme alle Waffen, die ich bekommen kann. Sie wissen, wie man eine Frau beeindruckt, Oberst. Die meisten Männer versuchen es mit Blumen oder Pralinen, aber Ihr Deutschen seid liebenswürdig und praktisch zugleich.«

Ritter strich ihr freundschaftlich über den Arm, trat dann zurück und schlug die Hacken zusammen. »Ich meine es ernst. Ich möchte Sie nicht verlieren, Lydia. Bon voyage, bis zur nächsten Lieferung.«

»Wenn der Teufel mich nicht vorher erwischt.«

Zehn Minuten später stand Lydia am Heck der Marie-Ann und sah zu Ritter auf dem Hafendamm hinüber. Er winkte ein letztes Mal, ehe er wie ein Geist im Nebel verschwand. Lydia fröstelte. Ritters Informationen hatten ihr arg zugesetzt und bereiteten ihr zunehmend Bauchschmerzen.

Als sie ein Geräusch hörte, das das Tuckern des Motors übertönte, drehte sie sich um. Ihr Bruder verließ das Steuerhaus, wo der Kapitän am Ruder stand und das Schiff aus dem Hafen herausmanövrierte.

Finn stellte sich neben sie. Er nahm die Mütze ab, worauf dicke schwarze Locken zum Vorschein kamen. Die Mädchen fanden die Arglosigkeit, die in seinen jugendlichen Gesichtszügen lag, sehr reizvoll. »Na? Was hat der deutsche Offizier gesagt? Es ging um Sean, nicht wahr?«

»Ist das so offensichtlich?«

»Es steht dir ins Gesicht geschrieben. Hatte er neue Informationen für dich, oder konnte er dir wenigstens Hoffnung machen?«

»Keine neuen Informationen, aber Hoffnung gibt es immer, Finn.«

Ihr Bruder schüttelte den Kopf. »Er kommt nicht mehr zurück, Lydia. Du musst die Wahrheit akzeptieren. Ich weiß, dass Sean die Liebe deines Lebens war, aber er gilt schon seit über drei Jahren als vermisst. Du hättest es längst gehört, wenn er in einem Gefangenenlager wäre.« Er strich ihr über den Arm, und in der Geste lag mehr als ehrliche Zuneigung – fast so etwas wie Ehrfurcht. »Das Leben muss weitergehen.«

»Sean wurde als vermisst gemeldet. Wir wissen nicht, ob er tot ist. Und sie werden ihn eines Tages finden. Ich weiß es.«

»Aber Lydia …«

Von einer Sekunde auf die andere stieg Wut in Lydia auf. Nach der letzten Woche auf See und all der Anspannung, die sich in ihr aufgestaut hatte, geriet sie schnell in Rage. »Nein, ich werde nicht akzeptieren, dass das Schlimmste passiert sein könnte! Ohne Beweise wissen wir gar nichts. Geh jetzt, und sag Dinny, dass uns ein deutsches U-Boot bis nach Hause begleitet. Es passt auf uns auf. Beeil dich!«

Finn zögerte. »Du musst dich wirklich mal ausruhen, weißt du das? Du bist am Ende. Du hast fast eine Woche lang nicht richtig geschlafen. Geh runter und hau dich aufs Ohr, solange alles ruhig ist. Und ich muss dir noch etwas sagen.«

»Ja?«

»Ich liebe dich, Lydia Ryan, trotz deiner Fehler. Du bist und bleibst mo cushla, wie Dad immer sagt.« Finn zwinkerte ihr verschmitzt zu. Mo cushla – du bist mein Atem, mein Herzschlag – war ein gälischer Kosename, der sie immer milde stimmte.

Lydia musste lächeln, und ihre Wut löst sich in Luft auf. »Nun geh schon. Ich komme gleich.«

Finn ging auf das Ruderhaus zu. Lydia sah ihm nach und bedauerte sofort, dass sie so ungehalten reagiert hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, da war sie großherzig, liebenswürdig und freundlich gewesen. Doch nun wütete der Krieg, und der hatte mit all seinen Verwüstungen und seinem unermesslichen Elend dazu geführt, dass sie schnell aus der Haut fuhr und oft kleinmütig und hart war.

Jetzt bemerkte sie, dass sie etwas Schweres in der rechten Hand hielt. Es war die kleine schwarze Mauser, die Ritter ihr geschenkt hatte. Lydia zog den Rock hoch, sodass ihre Waden entblößt wurden, und steckte die Mauser in ihren rechten Halbstiefel.

In diesem Moment verließ die Marie-Ann den Hafen, und von irgendwoher wehte eine frische Brise und ließ sie frösteln.

Der Nebel löste sich auf, und die unermessliche Weite der grauen Nordsee erstreckte sich bis zum Horizont. Aus irgendeinem Grunde fühlte sie sich schrecklich einsam. »Wo bist du, Sean Quinn? Verdammt, nie bist du da, wenn ich dich brauche!«

Im nächsten Augenblick trug der Wind ihre Klage davon, und sie verlor sich in der Unendlichkeit des kalten, gleichgültigen Meeres.

Lydia tupfte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, strich ihren Rock glatt und ging unter Deck.

4. KAPITEL

Sankt Petersburg/Zarskoje Selo

Nur wenige Wochen nach der Februarrevolution und dem Sturz des Zaren ähnelte die Stadt der Hölle auf Erden, einem Ort, an dem die Welt vollkommen aus den Fugen geraten war.

Der Frühling hatte begonnen, doch in den Straßen der ehemals von Peter dem Großen gebauten Stadt herrschte noch immer eisiger Winter. Riesige, dreckige Eisklumpen türmten sich auf allen Straßen und Bürgersteigen.

Natürlich hatte der Krieg auch hier Spuren hinterlassen. Philip Sorgs aufmerksamen Blicken entging nichts, als er in der angemieteten Droschke Richtung Westen fuhr. Der Weg führte ihn an den Elendsvierteln von Sankt Petersburg vorbei, die sich immer weiter ausdehnten und in denen katastrophale Zustände herrschten. Überall auf den Balkonen waren Leinen gespannt, auf denen schmutzig-graue Wäsche hing.

Sorg fielen die Sandsäcke auf, die vor wichtigen öffentlichen Gebäuden aufgestapelt waren, und die Propagandaplakate an den Laternenpfählen und an den Mauern. Er achtete genau darauf, welche Straßenzüge Einschusslöcher von Artilleriegranaten aufwiesen und wo die blutroten Fahnen der Revolution an den zaristischen Gebäuden flatterten. Von dort aus war einst das riesige russische Reich regiert worden, das sich von der Ostsee bis zum Pazifik erstreckte.

Er sah eine Reihe von Motor- und Lastwagen, von denen die meisten von den gewalttätigen Banden der Rotgardisten gefahren wurden, und die zahlreichen Pferdekadaver und Leichen auf den Straßen. Sorg zählte die Menschen in den Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften – es waren Hunderte, wenn nicht gar Tausende. Er sah auch die Parolen, die auf die Mauern geschmiert worden waren: »Land und Freiheit«, »Ein langes Leben den Arbeitern« oder »Sieg oder Tod«.

Die Unruhen der Revolution hatten das Land fest im Griff, und die Kämpfe zwischen den roten Bolschewisten und den weißen Zaristen, die versuchten, die Vorherrschaft zu gewinnen, richteten es zugrunde. Kinder scheuten sich ebenso, in die Schule zu gehen, wie die Bürger unnötige Wege vermieden. Es war nämlich keine Seltenheit, dass das Donnern von Artilleriefeuer und Gewehrschüssen durch die Straßen hallte.

All diese Dinge entgingen Sorg nicht. Er war viel aufmerksamer als andere ausländische Geschäftsleute, die sich in Sankt Petersburg niedergelassen hatten, weil sie hofften, in dem Chaos des Bürgerkrieges gute Geschäfte zu machen.

Allerdings war Philip Sorg auch kein gewöhnlicher Geschäftsmann.

»Knapp zwei Stunden, wenn wir Glück haben, Herr.« Der Kutscher schlug die Peitsche auf die Flanken der Pferde und folgte der matschigen Landstraße, die aus der Stadt herausführte. Der Atem der großen Tiere kondensierte in der Luft.

»Danke, Genosse.« Sorg tippte an seinen Trilby-Hut und schlug den Kragen seines langen schwarzen Chesterfield-Mantels hoch, um sich gegen die Kälte an diesem Märzmorgen zu schützen.

Die Fahrt hätte mit der Dampflok keine vierzig Minuten gedauert, doch in der vergangenen Nacht hatte die Gewerkschaft der Lokomotivführer einen Streik bis zum heutigen Nachmittag ausgerufen. Daher war Sorg gezwungen, eine Droschke für die Fahrt zu mieten. Als sie an einer Bäckerei mit einer langen Schlange hungriger Menschen vorbeikamen, erregten die Schreie und Rufe seine Aufmerksamkeit.

Sorg beobachtete entsetzt, wie sich zwei hungrige Frauen wegen eines Laibs Brot gegenseitig fast umbrachten. Die Rauferei der beiden Frauen, die sich schlugen, bissen und einander die Haare ausrissen, war schnell entschieden. Die bemitleidenswerte Verliererin, die sich den verletzten Kopf hielt, lief in Tränen aufgelöst davon und zog ihre beiden schreienden Kinder hinter sich her.

Sie verschwanden in der Menschenmenge in den Seitenstraßen, ehe Sorg aus der Droschke steigen und ihnen folgen konnte. Er hätte der armen Frau gerne ein paar Münzen zugesteckt. Es sah so aus, als würden überall in Russland hungernde Menschen in den Abfällen wühlen, um zu überleben.

Das war verständlich. Ein Pfund Butter kostete so viel wie ein Tageslohn. Ein Laib Brot – falls man überhaupt eine geöffnete Bäckerei fand – kostete fast ebenso viel. Die Straßenbahnen fuhren nur unregelmäßig. Inmitten der hungrigen Bevölkerung blühten Prostitution und Diebstahl. Sorg schrieb all das in seinen geheimen Berichten auf, die er nach Washington schickte. Sie enthielten die minutiösen, vertraulichen Details des Lebens in der Stadt, die für einen Spion im Ausland von Bedeutung waren.

Auch ungewöhnliche Dinge wie zum Beispiel die Tatsache, dass sich trotz der Revolution oder gerade deshalb überall ausländische Besucher aufhielten. In den Hotels und Seitengassen drängte sich ein bunt gemischtes Volk. Unter ihnen befanden sich wohlmeinende Helfer, die gekommen waren, um die Lebensmittelknappheit zu lindern, es gab internationale Revolutionäre und Kommunisten, die ganz versessen darauf waren, den Rotgardisten Unterstützung anzubieten, außerdem Zeitungskorrespondenten, die über den Aufruhr im ehemaligen Zarenreich berichteten.

Als Sorgs Droschke eine gute Stunde später durch ein Dorf fuhr, wurde er Zeuge weiterer Unruhen. Ein großes herrschaftliches Haus wurde von einer aufgebrachten Meute geplündert. Bauern schleppten ihre Beute heraus – Stühle und Gemälde, Wandteppiche und sogar Rohrleitungen. Eine gackernde alte Frau hatte einen hölzernen Toilettensitz ergattert und ihn sich wie einen Jahrmarktsgewinn um den Hals gehängt. Die Menge brach bei dem Anblick in Gelächter aus.

Es war allgemein bekannt, dass skandinavische Antiquitätenhändler in der ganzen Stadt auf der Suche nach guten Geschäften waren, seit die prächtigen Häuser der Reichen geplündert wurden. Deren ehemalige Besitzer waren mit dem Schmuck und den Wertsachen, die sie retten konnten, ins Exil geflüchtet.

Diejenigen, denen es gleichgültig war und die noch immer Geld besaßen, vertrieben sich die Zeit in Wirtshäusern, verräucherten Spielkasinos oder Nachtklubs, wo Zigeuner aufspielten. In Sankt Petersburg und Moskau herrschte eine dekadente, ausschweifende Atmosphäre.

»Wir sind da, Herr.«

Als die Pferde schnaubten und die Droschke stehen blieb, erwachte Sorg aus seinen Tagträumen. Er sah sich um. Zarskoje Selo flößte ihm immer wieder Ehrfurcht ein.

Sobald Sorg an Russland dachte, kam ihm diese Stadt in den Sinn, die Zaren seit Katharina der Ersten als Residenz hatten ausbauen lassen. Sie war Zeugnis der herrschaftlichen Eitelkeit und ein atemberaubendes architektonisches Meisterwerk imperialer Größe. Gepflasterte Gässchen, malerische, holzverkleidete Häuser in Bernsteingelb und Grünblau und orthodoxe Kirchen mit vergoldeten Zwiebeltürmen stellten eben jenes märchenhafte Russland dar, dessen sein Vater voller Nostalgie gedachte, wenn er zu viel Wodka trank. Und das trotz der Tatsache, dass Sorgs Mutter nur zu glücklich gewesen war, Russland zu verlassen, als aufgrund der brutalen Pogrome massenweise Juden umgebracht und Millionen von ihnen zu heimatlosen Flüchtlingen gemacht wurden.

Am Ende einer breiten Prachtstraße entdeckte Sorg die Krönung zaristischer Bauwerke – den großen Alexanderpalast mit den beeindruckenden korinthischen Säulen, die Sommerresidenz des Zaren, die fünfundzwanzig Kilometer von Sankt Petersburg entfernt lag.

So nahe, zum Greifen nahe.

Er umklammerte seine abgegriffene Gladstone-Ledertasche, stieg von der Droschke herunter und reichte dem Kutscher eine Silbermünze. »Danke, Genosse.«

Der Kutscher nahm die Silbermünze entgegen, küsste sie und steckte sie grinsend in die Tasche. »Ich danke Ihnen, und einen schönen Tag, Herr.« Mit diesen Worten ergriff er die Zügel und wendete die Droschke. Das Getrappel der Pferde im matschigen Schnee verhallte in der Ferne.

Sorg begann zu schwitzen, als das Adrenalin durch seine Adern strömte.

Er war ein schlanker, mittelgroßer Mann mit aufmerksamen braunen Augen und einem sorgfältig gestutzten Bart. Seine gefällige Erscheinung wies nur einen Makel auf, und das war sein linkes Bein. Es war zwei Zentimeter kürzer als das rechte. Sorg hatte in seiner Kindheit unter den üblichen grausamen Spötteleien leiden müssen: Häschen, Hinkebein, Klumpfuß.

Er erinnerte sich genau an den Tag, als er vier Jahre alt gewesen war und sein Vater – ein Musiker, der in Varietétheatern auftrat und ein praktisch veranlagter Mann war – Abhilfe schuf. Sein Dada saß mit einem scharfen Messer und einem großen, zwei Zentimeter dicken Stück Leder am Küchentisch. Aus diesem Stück schnitt er eine Sohle heraus und nagelte sie unter den linken Schuh seines Sohnes. Jetzt hinkte der Junge zwar kaum noch, da aber die Hüfte ihre Lage verändert hatte, um das Hinken auszugleichen, äußerte sich der körperliche Makel nun durch einen auffallend stolzen Gang. Doch das nahm Sorg dankbar in Kauf.

»Was ist das für ein Gefühl, Philip?«

»Viel besser, Dada. Jetzt fühle ich mich wie ein richtiger Junge.«

Noch Jahre später glaubte Sorg, sich an die feuchten Augen seines Vaters an jenem Tag zu erinnern. Aus ihnen sprachen Liebe und Stolz, aber auch Mitleid, denn er konnte nicht mehr tun, als eine zwei Zentimeter dicke Sohle unter den Schuh seines Sohnes zu nageln, um dessen Gebrechen zu lindern.

Sorg betete seinen Vater an.

Und es gab noch eine andere Erinnerung an seine Kindheit, die Sorg niemals vergessen würde.

Er war zehn Jahre alt, als eines Abends im Winter eine Gruppe von Männern in dunklen Uniformen die Tür der Einzimmerwohnung seiner Eltern eintraten. Angeführt wurden sie von einem Schläger mit finsterer Miene, glänzender Glatze und aschfahler Haut. Sein linkes Auge war milchig-trüb. Er trug einen langen schwarzen Mantel, und es schien ihm Freude zu bereiten, Menschen zusammenzuschlagen. Seine rechte Hand steckte in einem Furcht einflößenden Schlagring aus Messing.

Bis zum heutigen Tag erinnerte sich Sorg an den höhnischen Blick des Mannes, nachdem er die Tür zertrümmert und seinen Ausweis gezeigt hatte. »Kasan – Geheimpolizei, Ochrana. Hände hoch, du sozialistisches jüdisches Dreckschwein. Wir werden dich lehren, Unruhe zu stiften!«

Seit diesem Tag verfolgte Kasans boshaftes Grinsen Sorg in seinen Albträumen.

Blanker Hass war dem Mann im Gesicht gestanden, als er Sorgs Vater mit dem Schlagring brutal zusammenschlug und ihn dann trotz des verzweifelten Flehens seiner Mutter aus dem Zimmer zerrte. Sorgs Mutter verprügelte er ebenfalls. Er trat ihr in den schwangeren Bauch und traktierte ihren ganzen Körper mit Schlägen.

Sorg sah seinen Vater nie wieder.

Vor ihm lag nun eine breite von schmiedeeisernen Gaslaternen flankierte Prachtstraße, die zum Alexanderpalast führte. Zu Fuß waren es etwa zehn Minuten bis dorthin, wenn man zügig ging. Bis zu seinem Wohnhaus brauchte er nicht einmal so lange. Sorg nahm die Tasche in die Hand und lief los.

Es war kaum zu glauben, dass die Romanows – der Zar, seine Frau, der Sohn und die vier Zarentöchter einschließlich der Großfürstin Anastasia – hier gefangen gehalten wurden. Das wollte Sorg ändern, und die Ironie entging ihm dabei nicht. Er wollte helfen, den Zaren zu retten. Den Mann, den sein Vater auf den Tod verabscheute.

Als Sorg Richtung Osten ging und die prachtvollen Straßen hinter sich ließ, gelangte er schließlich auf einen verlassenen gepflasterten Hof mit Stadthäusern aus Holz und Stein.

Diese Häuser wurden einst von einfachen Hofbediensteten bewohnt. Hier und da wiesen sie die Einschüsse des Bürgerkrieges auf. Einige waren zerstört und vernagelt.

Sorg sah einen großen, dicken Mann mit hängenden Schultern, der auf dem Bürgersteig vor einem der Stadthäuser Schnee wegfegte. Er trug einen Mantel mit Pelzkragen und Handschuhe. »Herr Carlson, Sie sind zurück. Immer fleißig, hoffe ich«, sagte er und ging auf Sorg zu.

»Ich versuche es. Und Sie, Herr Rawitsch?«

Der Hausbesitzer grinste schief. »In diesen Zeiten ist es schwer, Hilfe zu bekommen, Herr Carlson. Mein Hauswart hat mich im Stich gelassen und sich den Roten angeschlossen. Es könnte übrigens sein, dass die Stadt das Wasser eine Zeit lang abstellt, um Reparaturen durchzuführen.«

»Ich denke daran.«

Der Hausbesitzer, ein Mann mit schlechten Zähnen, einer langen, dünnen Nase und listigen Augen, war einst – wie er Sorg erzählt hatte – Offizier in der Marine des Zaren gewesen. Er prahlte stets damit, dass er vier Stadtvillen und profitable Geschäftshäuser in Sankt Petersburg besaß. Doch Sorg war der letzte Mieter in diesem Haus, und er wusste, dass Rawitsch Angst hatte, die Roten könnten sein Eigentum beschlagnahmen.

Sorg traute ihm nicht und hielt ihn für ein heruntergekommenes Subjekt. »Ich muss an die Arbeit«, sagte Sorg.

»Natürlich, Herr Carlson. Ich muss auch weitermachen. Und wenn Sie irgendwelche Probleme haben, sagen Sie mir Bescheid«, erwiderte der Hausbesitzer und widmete sich wieder dem Schneefegen.

Sorg stieg das halbe Dutzend Stufen zu dem Stadthaus hinauf, zog eine Schlüsselkette aus der Tasche und öffnete die beiden Schlösser an der massiven Eichentür. Dann betrat er den kalten, kahlen Korridor.

Die Zweizimmerwohnung mit den verschlissenen Spitzengardinen vor den Fenstern bestand aus einem Wohnzimmer, in dem auch das Bett stand, und einer schmutzigen Küche. Die Wohnung war schäbig eingerichtet. Es fehlte die Hand einer Frau. Die schale Luft wies darauf hin, dass die Räume nur selten gelüftet wurden. Für Sorgs Zwecke war es der ideale Ort.

Sein Vermieter glaubte, er sei ein schwedischer Antiquitätenhändler, der fast die ganze Woche über auf Reisen war. In Wahrheit wohnte Sorg meistens in einem der wenigen verbliebenen anständigen Hotels in Sankt Petersburg – dem Krim.

Sorg betrat die Küche und stellte seine große Tasche auf den wackeligen alten Tisch. Dann drehte er den Wasserhahn auf und ließ das Wasser eine Weile laufen, ehe er den Teekessel füllte. Wenigstens waren die Rohre nicht eingefroren. Mit einem Streichholz zündete er den Gasherd an. Während er darauf wartete, dass das Wasser kochte, öffnete er die Gladstone-Tasche und nahm einen Schraubenzieher heraus.

Dann drehte sich Sorg zu der grün gestrichenen Schranktür um, öffnete sie und blickte auf das Holzbrett an der Rückseite des Faches. Mit dem Schraubenzieher löste er vier Schrauben und hebelte das Brett heraus. Dahinter war ein großes Loch. Er griff mit beiden Händen hinein und zog zwei Beutel aus wasserdichtem Segeltuch aus dem Versteck.

Sorg knotete die dünne Schnur auf, mit der einer der kleinen Säcke zusammengebunden war, in dem dicke Stapel russische Rubel, englische Pfund, Schweizer Franken und amerikanische Dollars lagen. Alles sah unberührt aus. Er band den Beutel wieder zu und stellte ihn zurück in das Versteck.

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