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Online fühle ich mich frei

Julia Kristin

In Zusammenarbeit mit
Daniel Oliver Bachmann

Online fühle ich
mich frei

Mein Leben im Netz

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In der Reihe Mein Leben außerdem erschienen:

Ela Aslan: Plötzlich war ich im Schatten.
Mein Leben als Illegale in Deutschland
Christina Helmis: Mein Lollimädchen-Ich.
Mein Leben mit der Magersucht
Josephine Opitz: Auf dem Laufsteg bin ich schwerelos.
Mein Leben als Model im Rollstuhl
Angela S.: Dann bin ich seelenruhig.
Mein Leben als Ritzerin
Mihrali Simsek: Mit 18 mein Sturz.
Mein Leben im Gefängnis
Sabrina Tophofen: So lange bin ich vogelfrei.
Mein Leben als Straßenkind

 

 

Julia Kristin*
sitzt im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal vor dem Computer.
Kurz darauf schlägt sie die Tür zum Arbeitszimmer ihres
Adoptivvaters ein, um ans Gerät zu kommen.
Mit der Entwicklung von Flatrates,
Social Networks und iPhones steigt ihre Abhängigkeit.
Sie ist rund um die Uhr online, bis eine heimtückische Krankheit
sie zur Auszeit zwingt. Während des Aufenthalts in einer Reha-Klinik
trifft Julia ihre große Liebe und findet heraus, dass die Online-Welt
allein ihr nicht geben kann, was sie sich vom Leben wünscht.

*Name von der Redaktion geändert

Daniel Oliver Bachmann
lebt in Oppenau/Schwarzwald. Er schreibt Romane, Biografien,
Drehbücher und Hörspiele. Für seine Arbeiten erhielt er
zahlreiche Literaturpreise und Stipendien.

Inhaltsverzeichnis

Facebook-Profil von Julia Kristin

Wir sind nicht allein

Offline würde ich eingehen

Meine »Computer-Karriere«

Nennt mich Blondi 1984

Von Haus aus lieber online

Ein weiblicher Kevin Costner

Ohne Internet gehe ich ein

Eben noch unterwegs und schon online

Das Leben, wie ich es mir vorstelle

Auf in die große weite (reale) Welt

Jetzt starte ich durch!

24 Stunden, 7 Tage die Woche

Fast ein Neustart

Facebook und ich in der Schwarzwaldklinik

Facebook bleibt in meinem Leben

Nachwort: Nichts passiert zufällig

Danksagung

Facebook-Profil von Julia Kristin

Ist hier zur Schule gegangen

Gottlieb-Daimler-Realschule

Philosophie

Politische Einstellung

Lieblingszitate

Kunst und Unterhaltung

Musik: Böhse Onkelz – ich wette, dass ich immer noch 500.000 BÖHSEONKELZ-FANS finde!!!!!
  DJ Lawless
  DJ Danny
  Hofbräu-Regiment
  DJ Rocking Chris
Filme: Liebe mich, wenn du dich traust
Fernsehen: Bauer sucht Frau

Aktivitäten und Interessen

Geschlecht

 

 

 

Facebook mal wieder!

Da habe ich 630 Freunde

und keiner steht zum Chatten

zur Verfügung…

(Julia Kristin auf Facebook)

Wir sind nicht allein

Fast 600.000 Deutsche sind internetabhängig, hat mir mal jemand gesagt. Das sind so viele wie die hierzulande registrierten Cannabis-Abhängigen und dreimal mehr als die Zahl der Glücksspielabhängigen. Und jetzt kommt’s: Die meisten Internetabhängigen sind Jugendliche und unter denen sind Mädchen zwischen 14 und 16 besonders betroffen. Die Experten meinen, es liegt daran, dass wir Mädchen häufiger in sozialen Netzwerken wie Facebook unterwegs sind als Jungs. Toll, liebe Experten! Ihr könnt ja mich mal fragen, warum ich online bin!

Ich kann es nicht mehr hören, wenn es heißt, wir sind die Generation Praktikum. Wir sind die Leute, die sich den Hintern mit unbezahlten Praktika aufreißen, aber trotzdem immer Zeit und Geld zum Abfeiern haben. Ich glaube einfach: Wir sind die Generation, die sieht, wie die Dinge laufen. Wir wissen, dass zum Beispiel Spanien eine Jugendarbeitslosigkeit von über 45 Prozent hat. Oder Italien oder Griechenland, wo es kaum besser steht. Wer sagt denn, dass es bei uns nicht auch so kommen wird? Wer heute im Osten wohnt und einen Hauptschulabschluss hat, dem geht’s auch so schon mies. Die Krawattenmänner der Großbanken sacken die Kohle ein und sagen, nach uns die Sintflut. Unsere Eltern lassen sich scheiden, die Natur spielt verrückt. Verdammt noch mal, ja, ich mache mir Sorgen, wir machen uns Sorgen, doch in der realen Welt hört ja keiner auf uns.

Auf Facebook werden wir gehört. Im Internet und durch Netzwerke wie Facebook kann es passieren, dass eine junge Frau wie Lina Ben Mhenni aus Tunesien mit einem Blog eine Revolution entfacht. Da kann es vorkommen, dass jemand aus unserer Generation ein ganzes Regime stürzt.

Ja, ich glaube an die Macht des Internets. Denn hier tummeln sich Massen. Lady Gaga hat mehr als 36 Millionen Fans auf Facebook und über 143.000 Follower auf Twitter. So viele sind es bei mir nicht. Trotzdem kommen eine Menge Freunde zusammen und täglich werden es mehr. Mit den meisten von ihnen verbringe ich eine Menge Zeit. Mal im Zweierkontakt, mal in der Gruppe. Man stelle sich vor, ich würde sie draußen in der realen Welt treffen. Ich bräuchte eine Sporthalle! Ich verbringe eigentlich viel zu viel Lebenszeit in virtuellen Räumen. In sozialen Netzwerken. In denen man sich so leicht verlieren kann. Die dafür sorgen, dass ich mediensüchtig bleibe.

Wo wann was passiert. Nach dieser Devise lebe ich: Ich muss nicht aus dem Haus, denn dank Facebook & Co. erfahre ich auch so, was andere tun oder nicht, wo sie sind und was sie erleben. Dafür ist Facebook schließlich geschaffen worden. Und Twitter. Und studiVZ. Und Kwick. Und wie sie alle heißen. Um sich auszutauschen, bequem vom Sofa aus. Früher habe ich stundenlang das Telefon blockiert. Das ist heute nicht mehr nötig. Weil es überall WLAN gibt, kann ich überall online sein, völlig frei von allen Zwängen.

Bei mir sorgt das dafür, dass ich noch süchtiger werde: Mit der Flatrate surfe ich rund um die Uhr im Netz. Offline muss ich nur dort sein, wo es keinen Empfang gibt.

Stellt euch mal vor, mittlerweile werben Hotels damit, dass es bei ihnen keinen Handy- und keinen WLAN-Empfang gibt. Das sind Orte, wo ich mich nicht aufhalten will. Nur wo ich online sein kann, fühle ich mich frei. Das bringt es für mich auf den Punkt: Das Internet macht frei. Oder nicht? Es gibt da diesen Film, Body Snatchers, in dem Menschen von identischen, aber gefühllosen Doppelgängern aufgefressen und ersetzt werden. Genauso fühle ich mich häufig: Ich werde von meinem Computer aufgefressen. Ich werde mehr und mehr von ihm abhängig. Er ist wie eine Droge, manchmal aber auch wie eine Krankheit. Die große Frage ist, was passiert, wenn man feststellt, dass es in der virtuellen Welt schöner ist als in der realen? Wenn man in diese reale Welt nicht zurückkehren will? So geht es mir. Wie Neo bin ich gefangen in der Matrix. So wie in dem gleichnamigen Film existiert für mich neben der realen Welt eine virtuelle Realität. Das Mädchen Julia Kristin aus Fleisch und Blut hört auf zu existieren. Das Mädchen Julia Kristin aus Bits und Bytes lebt weiter.

 

 

Ich will die Welt nicht

erklärt bekommen.

Einfach kommentarlos

zu Füßen legen

reicht völlig!

(Julia Kristin auf Facebook)

Offline würde ich eingehen

Für mich ist es immer leichter, mich in mein Online-Schneckenhaus zu verkriechen. Ich sitze in meinen eigenen vier Wänden, von wo ich Gespräche und Kontakte lenken und kontrollieren kann, wie ich es will. Ich glaube, darin liegt die geheimnisvolle Macht aller sozialen Netzwerke: Durch sie glauben wir, die Online-Welt beherrschen zu können. Draußen in der Offline-Welt ist das unmöglich. Ich stehe mit diesem Gefühl nicht alleine da, vielen meiner Freunde im Internet geht es so. Jeder von ihnen hat seine Geschichte, die ihn auf die eine oder andere Weise zum Online-Dasein gebracht hat. Beim Schreiben dieses Buches wird mir klar: Die Vergangenheit, mein ganzes bisheriges Leben hat einen großen Anteil an meiner Internetsucht. Ich wurde süchtig nach dem Online-Sein, denn die reale Welt machte mit mir, was immer sie wollte. Sie konnte ich nicht beherrschen.

Ich wuchs in Ludwigsburg auf, einer mittelgroßen Kreisstadt in der Nähe von Stuttgart mit 87.000 Einwohnern. Die Stadt wäre noch immer reichlich provinziell, wenn sich nicht durch einen glücklichen Umstand die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg angesiedelt hätte. Das war Anfang der 90er-Jahre. Damals baute man eine der alten Kasernen um, dann packten dort die Studenten ihre Kameras aus. Mittlerweile sind aus den meisten Kasernen Filmstudios, Medien- oder Kunstzentren entstanden. Das ist einzigartig in Deutschland. Die Filmakademie gehört inzwischen zu den zehn besten Filmhochschulen der Welt. Ludwigsburger Filmstudenten gewinnen regelmäßig Studenten-Oskars, den Goldenen Leoparden beim Filmfest Locarno oder einen anderen wichtigen Preis. Im Bereich Animation haben sie weltweit die Nase vorn. Als Roland Emmerich in den 90er-Jahren Independence Day drehte, sorgten Ludwigsburger Filmakademiestudenten für die atemberaubenden Tricks.

Das alles hat für meine Heimatstadt enorme Auswirkungen: Zum einen leben mittlerweile über 500 Filmstudenten in der Stadt. Zum anderen hat sich in den letzten Jahren eine Vielzahl innovativer Medienfirmen angesiedelt.

Warum ich das alles erzähle? Weil in meiner Kindheit Ludwigsburg noch ein völlig verschlafenes Kaff war. Dann wurde es eine der führenden Medienhochburgen des Landes. Und das alles ist natürlich nur von Vorteil für einen Medien-Freak wie mich, wenn er umgeben ist von jungen Leuten, die auf Du und Du mit den Medien stehen.

Manchmal habe ich den Verdacht, von alldem haben meine Eltern nichts mitbekommen.

Wenn ich »meine Eltern« schreibe, muss ich eigentlich »meine Adoptiveltern« schreiben. Anstatt »meine Mutter« muss hier »meine Adoptivmutter« stehen, anstatt »mein Vater« »mein Adoptivvater«. Meine leibliche Mutter lebt in München, wo ich geboren wurde. Sie gab mich vor der Geburt zur Adoption frei. So kam es, dass ich im Alter von drei Tagen zu meinen neuen Eltern – »meinen Adoptiveltern« – nach Ludwigsburg kam. Ich habe noch einen zwei Jahre älteren Bruder, der ebenfalls adoptiert wurde. Wie es der Zufall will, stammt auch er aus München.

Wer mein leiblicher Vater ist, weiß ich nicht. One-Night-Stands gab es auch damals schon und die Folgen sind nicht erst seit gestern bekannt. Ich bin vermutlich so eine Folge. Das ist kein schönes Wissen, das man durch seine Kindheit schleppt. Dass ich adoptiert bin, weiß ich schon, seit ich sieben Jahre alt bin. Und irgendwann begann etwas in mir zu nagen. Ich will es endlich wissen! Ich habe Fragen! Ich will Antworten!

Als ich anfange, meine Mutter zu suchen, verbringe ich viel Zeit an der Spielkonsole. Das Internet ist zwar schon erfunden, aber noch nicht so superpräsent wie heute. Im Internet etwas zu recherchieren, ist noch nicht üblich. Also gehe ich den altertümlichen Weg, mit vielen Briefen und Telefonaten. Das mache ich selbstständig. Meine Adoptiveltern helfen kaum, denn sie sind nicht gerade begeistert von meiner Suche. Sie drängen darauf, dass ich warten soll, bis ich volljährig bin. Ich will aber nicht. Ich will es jetzt wissen. Ich fordere in München meine Geburtsurkunde an und wende mich ans Jugendamt.

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Viel Spaß!



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