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Cassidys Lauf

Inhaltsübersicht

1. Einst ...

2. Das Doobey-Haus

3. Der Frühstückslauf

4. Crosslauf

5. Bowling for Dollars

6. Bruce Denton

7. Andrea

8. Dick Doobey

9. Ein Nachmittag

10. Dämonen

11. Notizen eines Fans

12. Die Anklage

13. Die Verhandlung

14. Hallensaison

15. Außer Gefecht

16. Neuland

17. Durchhängen

18. Ränke schmieden

19. Die Wahnsinnige Nachtrazzia

20. Nachtlauf

21. Steven C. Prigman

22. Brady Grapehouse

23. Mehr Pferd als Reiter

24. Auszug

25. Im Wald

26. Auf Erkundungstour

27. Ein vorzeitiger Tod

28. Zeit ...

29. Achtunddreißig im Regen

30. Whirlpool

31. Irisch breit

32. Das Intervalltraining

33. Orchideen

34. Pause ...

35. Die Energiesphäre

36. Das Rennen

37. Nachbar stiller Nachbarschaft

38. ... ein Läufer

Dieses Buch ist für Jack Bacheler und Frank Shorter, alte Freunde, großartige Läufer. In lieber Erinnerung, Kameraden, an viele Läufe und Rennen ...

Wie ich draufgekommen bin, dass du die Meile in 4:30 auf der Highschool gerannt bist? Ganz leicht: Jeder ist die Meile in 4:30 auf der Highschool gerannt.

Frank Shorter, irgendwo draußen laufend, ca. 1969

1. Einst ...

... drehten die Abendjogger wie üblich ihre Runden.

In der hereinbrechenden Dunkelheit sah der junge Mann ihre schemenhaften Gestalten auf der Laufbahn. Langsam stampften sie im Kreis auf dem unendlichsten aller Pfade. Unter ihnen, das wusste er, fette Frauen, die sich verbissen voranwälzten, während ihre fleischigen Knie stöhnten und ächzten. Hin und wieder wischten sie sich grimmig ein paar feuchte Strähnen aus dem Gesicht und träumten dabei von herrlichen Belohnungen: Bikinis, Tennis mit gut aussehenden Männern, wildem Tango im Mondschein.

Männer gab es natürlich auch, in jedem Alter und Verfallsstadium. Vermutlich waren sie ebenfalls von heimlichen Fantasien getrieben (hielten sie sich für einen nur vom Fett und Zaudern gebremsten Peter Snell, wenn sie ihre 90er-Runden herunterhechelten?).

Der junge Mann stand eine Weile vor dem Zaun. Nachtfalter wirbelten um die Straßenlaterne über ihm und verwandelten das dumpfe, staubige Licht in einen wirren Schattentanz. Er liebte den Herbstbeginn im westlichen Florida. Anderswo fielen die Blätter von den Bäumen, doch hier hielt der warme Sommeratem der Kälte noch stand. In der schwülen Hitze machte sich allerdings bereits ein kaum wahrnehmbarer Hauch von kühler Luft bemerkbar, der in der Höhe um die Baumwipfel und am Boden über das Moos schlich. Er hob seine kleine Reisetasche auf, schritt durch das Tor und dann im Uhrzeigersinn die Bahn entlang zur weißen Startlinie in der ersten Kurve. Die Jogger ignorierten den Fremden in Straßenkleidung, und auch er schenkte ihnen nicht die geringste Beachtung. Die würden immer da sein.

Die Hochsprunganlage war verlegt worden. Man hatte eine neue Tribüne hinzugefügt und für den Hindernislauf eine Wassergrube eingebaut. Aber im Großen und Ganzen sah alles aus wie vor vier Jahren. So wie eine Vierhundertmeterbahn für jemanden aussieht, der jeden Zentimeter davon in- und auswendig kennt.

Die Spiele waren zu Ende, und zwar für ihn, wie er wusste, endgültig zu Ende. In manchen Kreisen sind vier Jahre eine kleine Ewigkeit; in normaler Zeit gerechnet – wirklicher Zeit, wie in der von Ladenbesitzern, Versicherungsvertretern und Zinssparern –, mag das überhaupt nicht lange sein. Aber in seiner Welt teilte sich die Zeit in ganz besondere Einheiten; seine Minuten hatten einen ganz eigenen, einzigartigen Inhalt: Eine Minute war der Viertelteil einer Vierminutenmeile, ein fester Bestandteil seines täglichen Denkens und Handelns.

Wie viele seiner Kollegen hatte er keine Ahnung, was er jetzt – nach Montreal – tun sollte. Es war solch eine Herausforderung gewesen. So endgültig, so erlösend, dass die meisten ganz einfach nie darüber hinausgedacht hatten. Inzwischen waren sie wieder über den ganzen Erdball verstreut und taten wohl genau das, was auch er gerade tat: Bilanz ziehen.

Er würde den Faden eines normalen Lebens wiederaufnehmen müssen. Und irgendwie hatte er gespürt, dass er dazu hierher zurückkommen musste, zurück in die tropische Hitze Westfloridas, zurück zu dieser Vierhundertmeterbahn, auf der er seinen längst verdunsteten Schweiß noch riechen konnte. Eine Reise zurück in jenen September, den Monat der Verheißungen. Er legte seine Tasche neben der Stabhochsprunganlage ab, blickte über die Schulter, um sicherzugehen, dass niemand kam, und ging dann zur Startlinie. Mann, dachte er, noch einmal am Start.

Er stand regungslos auf Bahn eins, und die Jogger fingen an, ihn im Vorbeilaufen neugierig zu beäugen. Den Blick auf seine Straßenschuhe gerichtet, versuchte er, das Gefühl heraufzubeschwören. Nach einer Weile spürte er einen Hauch davon, und er wusste: Mehr würde es nicht werden. Du kannst dich daran erinnern, sagte er zu sich, aber du kannst es nicht noch einmal erleben. Du musst dich mit dieser Ahnung begnügen. Dann dachte er an die zweite und dritte Runde, und mit einem schiefen Grinsen beschloss er, dass eine Ahnung manchmal durchaus genug war.

Er war sechsundzwanzig Jahre, fünf Monate und zwei Tage alt, und doch fühlte er sich, wie er da so an der Startlinie stand, deutlich älter. Die harten und sehnigen Muskeln unter dem Stoff seiner Hose konnten – biologisch gesehen – nur das Ergebnis Tausender und Abertausender Kilometer sein. Mehr als er sich in seinen wildesten Träumen vorstellen wollte.

Mit einer inneren Kamera versuchte er, das verschwommene Bild seiner Erinnerung scharf zu stellen. Was war das? Nostalgie? Bedauern? Seine Gedanken überstürzten sich, hackten wie ein Metronom ein und dieselbe Frage: Bist ... du ... eine ... Heulsu-hu-se?

Vielleicht. Er bemerkte einmal mehr, wie gut er darin geworden war, solche Dinge vor sich selbst zu verbergen. Seine Gefühle hatten Schwielen wie seine Füße.

Der Startrichter würde sie anweisen, sich ein paar Meter vor der Linie aufzustellen, also stand er da einen Moment aufrecht in der Nacht. Dann käme das Kommando »Auf die Plätze«, gefolgt vom Startschuss. Er holte tief Luft und ging los, linksrum in die Kurve, gegen den Uhrzeigersinn, wie immer, wie in jedem Rennen, und dachte dabei: Die erste Runde verfliegt in einem Rausch aus Adrenalin und Hufgestampfe ...

2. Das Doobey-Haus

Das Doobey-Haus war eines dieser uralten hallenden Holzgebäude, in denen etwas der vorigen Bewohner fortzuleben scheint. Es war wie ein alter Polstersessel, muffig, aber gemütlich. Wie viele ehemalige Wohnhäuser hatte es trotz des nun dort herrschenden lautstarken Dauerbetriebs eine gewisse familiäre Wärme bewahrt. Hier pochte und rumorte es, im Gegensatz zu dem knochigen, abgehackten Krachen in moderneren, effizienteren Unterkünften.

Das große gesellige Haus hatte einst Bürgermeister Hiram »Sidecar« Doobey und seine turbulente Verwandtschaft beherbergt, aber seit einigen Jahren wohnten dort nun rund 30 dankbare Mitglieder des Leichtathletikteams der Southeastern University. Das Gebäude lag etwas abseits vom Campus, und hier herrschte von früh morgens bis spät abends eine beständige Kakophonie aus menschenfernem Gebrüll, primitivem Geschrei, selbstsicherem Grölen und schief gesungenen aktuellen Hits. Dies alles ging auf das Konto einer einzigen Gruppe von jungen Homines sapientes, deren Hauptaufgabe es war, zu rennen, zu springen und schwere Gegenstände herumzuwerfen. Und dies hoffentlich weit besser als, nun ja, gewöhnliche Menschen. So ein bisschen Putz und Holz konnten die Nettoenergie, die für einen 20 Meter weiten Kugelstoß oder einen Sprung über eine zwei Meter hohe Latte nötig war, einfach nicht im Zaum halten.

Einer hätte sich darüber ganz sicher gefreut wie ein Schneekönig: der alte Sidecar Doobey. Der Spitzname des 1959 verstorbenen Mannes rührte aus den glücklichen Zeiten der Weltwirtschaftskrise, als er an den Samstagabenden aus reinem Zeitvertreib einen Dreiviertelliter seines unversteuerten Schnapsvorrats fröhlich wegkippte, mit mächtigem Gebrüll seine kleine verschreckte Frau packte – ein hübsches Ding mit großen runden Augen namens Emma Lee –, sie in den Beiwagen seiner Harley Davidson Flathead Baujahr 1932 setzte und losdonnerte mit dem Ziel, möglichst viele der großen grasenden Rinderherden zu terrorisieren.

»Weib«, sagte er dann stets, »halt dich fest, jetzt geht’s auf in die Nacht!« Dabei leuchteten seine wilden grünen Augen hell wie Scheinwerfer.

»Jippieee!«, rief sie.

Das soll nicht heißen, dass Sidecar ein Outlaw war, immerhin gehörten ihm fast alle Kühe in Kahloun County (und ein weites Stück Land, ganz zu schweigen von den Immobilienwerten, die er besaß). Er schlug halt gern mal über die Stränge, wie manche es formulierten. Sidecar war einer dieser rohen, energischen Männer, die ganz früh im Leben begriffen, welche Hebel und Zahnräder wirklich funktionierten und welche nur zum Schein da waren. Und er hatte auch begriffen, dass die ganze Chose mit ziemlicher Sicherheit eines schönen Tages mit lautem Krach in sich zusammenfallen würde. Unwiderruflich, vermutete er.

Das einzige Mal, dass er überhaupt in nennenswerte Schwierigkeiten kam, war nach einem Abend, an dem er es noch bunter getrieben hatte als sonst. Er hatte einige Hecken und Zäune umgefahren (Emma Lee kreischte dabei wie eine verwundete Fledermaus) und war ins Stadtzentrum von Kernsville gerast, um »den gottverdammten Tauben Hören und Sehen vergehen zu lassen«, derweil alte, faltige Neger auf dem Platz vorm Gerichtsgebäude amüsiert zuguckten. Sidecar hatte ganz eigene Vorstellungen von Spaßhaben.

»Bei Gott, ich schwör’s dir, Sheriff ... Ich weiß echt nicht, wieso mich manchmal so der Teufel reitet«, sagte er am Morgen nach seiner Verhaftung mit aufrichtiger Reue in der Stimme. Er massierte seinen struppigen, verkaterten Schädel.

»Mag ja sein, Paps«, sagte der Sheriff, »aber die Leute fangen an zu reden, das ist nun mal eine Tatsache.« Sheriff William »Boots« Doobey war Sidecars ältester Sohn.

»Was ich nicht ganz verstehe«, fuhr der Gesetzeshüter fort, »ist, warum du jedes Mal Mama mitschleppst.«

Sidecars Gesicht hellte sich plötzlich auf. »Junge«, grinste er schelmisch, »deine Mutter hat einen Heidenspaß an der Sache!«

Wer weiß, ob es dem kollektiven Sinn für Humor der Universitätsstadt zu verdanken war, aber ein Jahr später wurde Sidecar zum Bürgermeister gewählt. Sein Wahlprogramm war einfach – »Weg mit den Hurensöhnen!« – und nur deshalb interessant, weil besagte Hurensöhne ausnahmslos seiner eigenen Sippe angehörten. Seinem Motto getreu, warf er dann in der Tat die Hurensöhne raus.

Wie vieles in Sidecars Leben fiel ihm auch seine Ernennung zum Bürgermeister mehr oder weniger in den Schoß. Sein einziger Verdruss war sein jüngster Sohn, der zur Welt kam, als Sidecar schon 52 und Emma Lee beinahe 40 war, und sich als Schwachmatiker entpuppte. Boots hätte ohne Weiteres einen Posten in West Point bekommen, und Sheryl Ann war eines der beliebtesten Mädels an der TU von Georgia (bevor sie das Studium an den Nagel hängte, um einen hiesigen Footballhelden zu heiraten). Sidecar verspürte einen tiefen Stich in der Brust, wenn er mit feuchten Augen seinem Jüngsten, der eher ein Enkel als ein Sohn war, dabei zusah, wie er unbeholfen an der simplen Gangschaltung des großen John-Deere-Traktors herumfummelte. Als das Kind bei einem einfachen Kartenspiel von einem halb so alten Cousin unter den Tisch gespielt wurde, rannte Sidecar hinaus auf seine Felder und heulte vor Wut.

In diesem Augenblick beschloss Sidecar, ein Mann großer Pläne und ein wahrer Schutzengel der Ironie, seinem leicht zurückgebliebenen Kind das zu ermöglichen, was die anderen Kinder nicht hatten (und auch gar nicht anstrebten): ein Universitätsdiplom. Einige Jahre darauf wurde dieses seltsame Ziel so verwirklicht, wie schwierige, nahezu unmögliche Dinge oft unter sehr mächtigen und integren Männern geregelt werden. Unter der Hand. Er spendete der Southeastern University (die verzweifelt nach einer Unterkunft für das Entomologielabor suchte) jenes Haus, in dem er sieben Jahre lang als Bürgermeister gewohnt hatte, »für zehn Dollar und einige andere, völlig legale Gegenleistungen ...«. Die genaue Art dieser einigen anderen, völlig legalen Gegenleistungen war nur Sidecar persönlich, seinem Anwalt und dem künftigen Rektor der Universität, dem hochachtbaren Stephen C. Prigman, bekannt. Zu diesem Zeitpunkt war Emma Lee seit fünf Jahren tot, und Sidecar hatte die »gottverdammte Kleinstadtpolitik« satt und wollte zurück auf seine Ranch, wo er, wie er meinte, wenigstens »verdammt noch mal mit dem ehrlichen Gestank von frischer Kuhscheiße in der Nase verrecken« konnte. In Wirklichkeit spielte er mit dem Gedanken, seine geliebte alte Harley wieder zum Leben zu erwecken. Die Maschine rostete im Schuppen unter einem mit Farbklecksen besudelten Segeltuch vor sich hin.

Sein Jüngster musste pro forma die Universität durchlaufen, so dass die Diplomverleihung erst vier Jahre nach der Schenkung des Hauses erfolgte.

In der Zwischenzeit werkelte Sidecar auf seiner Ranch herum, stand seinem Verwalter im Weg und wurde schließlich mit sanftem Druck dazu überredet, eine Reise in mehrere touristisch interessante mexikanische Städte zu unternehmen. Nach seiner Rückkehr schwärmte er von den regenerativen Eigenschaften mancher Kaktusdestillate und machte verdeckte Andeutungen zum lukrativen »Im- und Exportgeschäft«. Auf dem akademischen Plan lief alles wie am Schnürchen, und der alte Mann konnte zusehen, wie sein verdutzter Sohn Barett und Talar verliehen bekam. Die Entomologieabteilung wurde bald zu groß für das Doobey-Haus, und so wurde 1958 das Gebäude dem Leichtathletikteam vererbt, das das Angebot in einhelliger Freude annahm. Sidecar verstarb kurz darauf. Die Leute erzählten sich, dass er noch auf dem Weg zum Friedhof versuchte, aus dem Sarg zu entwischen.

In und um Kernsville machten noch lange Zeit Geschichten über Doobey die Runde, und auf dem Campus zeugten zahlreiche Graffiti davon. In fetten roten Buchstaben prangte auf der Seitenwand der alten Sporthalle folgende ominöse Warnung: SIDECAR LEBT, UND ER KRIEGT DICH SCHON NOCH!

Hiram Sidecar Doobey, Frohnatur, Drahtzieher und Nervensäge par excellence, endete als eine Art Hinterwäldler-Kilroy.

Und sein jüngster Sohn, der mit dem schwachen Verstand, dem erschwindelten Diplom und dem unerklärlichen Drang, Insekten zu quälen – sein jüngster Sohn Dick Doobey endete als Cheftrainer des Footballteams.

3. Der Frühstückslauf

In der dritten Etage des Doobey-Hauses lag das Zimmer, in dem Richard Doobey als Kind geschlafen hatte. Heute, im Jahr 1972, hingen zwei sorgfältig mit Reißzwecken übereinander befestigte Karteikarten an der verbeulten Eichentür.

Auf der einen stand in Smith Corona geschrieben:

Füllst du die Minute, jenen grausamen Tyrann’

Mit sechzig Sekunden kühnen Laufens,

So liegt dir die Welt zu Füßen,

Dann, mein Sohn, bist du ein Mann!

Rudyard Kipling, 1892

Auf der anderen Karte stand:

Rudyard Kipling lief die Meile in 4:30.

Quenton Cassidy, 1969

Im Zimmer lag der einzig wahre Quenton Cassidy in seinem Bett und schlief tief und fest. Draußen graute der Morgen. Sein Albtraum, ein wiederkehrendes Ensemble seiner schlimmsten Ängste, besaß eine gewisse Grandeur. Das Thema war alt und wohlbekannt: die letzte Runde eines Rennens, in der er systematisch von allen Läufern der westlichen Hemisphäre überholt wurde. Er lief wie auf Erdnussbutter, während die anderen locker vorbeizogen. Was war nur los? Stimmte etwas mit seinem Training nicht? Was war mit seinem Endspurt?

Gott sei Dank wachte er auf. Noch vor dem Wecker und ganz durchgeschwitzt vom Kampf mit dem Schreckgespenst. Der Traum war schnell vergessen. Er setzte sich auf den Bettrand und wackelte bedächtig mit den Zehen, während die letzten Panikwellen in seinem zerzausten Kopf abebbten. In wachem Zustand drehte sich sein ganzes Dasein um rasche Fortbewegung ohne Hilfe von Verbrennungsmotoren aus Detroit. Dabei konnten ihm gerade mal ein paar Dutzend andere auf der Welt das Wasser reichen. Sie erwachten aus den gleichen unruhigen Träumen, und Quenton Cassidy kannte jeden von ihnen beim Namen.

Nur mit der leichten Nylonunterhose bekleidet, in der er schlief, schleppte er sich steif zum Fenster und genoss einen Moment lang schläfrig die morgendlichen, orangegelben Strahlen, die über die Äste der Schwarzeichen im Garten tanzten. Eine sachte Brise wehte herein, so kühl, dass sich die Haare auf seinem bettwarmen Körper aufstellten. Er war alles andere als ein früher Vogel, doch noch nie war ihm der Gedanke gekommen, dieses Ritual auszulassen, und sei es nur für einen einzigen Morgen.

Quenton Cassidy war eins achtundachtzig groß, und die Art, wie sich seine mageren 75 Kilo um sein Knochengerüst verteilten, rührte von den zehrenden täglichen Notwendigkeiten seiner besonderen Lebensaufgabe her. Unter der straffen Haut bewegte sich eine geschmeidige Muskulatur mit fließender Leichtigkeit und strahlte elastische, leichtfüßige Kraft aus. Er ähnelte einem jungen Falken ohne Federn.

Nirgends gab es überflüssige Ecken oder Ausbuchtungen. Eine wie aus Treibholz gemeißelte Form, vom Sand glattgeschmirgelt, mit schrägen Rillen und länglichen, spitz zulaufenden Rändern. Das ziselierte Ergebnis seines eisernen Pflegeregimes. Selbst jetzt, wo er regungslos im frühen Morgenlicht dastand, suggerierten die umgekehrte Tränenform seiner Oberschenkel und seine hochliegenden, sich deutlich abzeichnenden Wadenmuskeln nichts anderes als Bewegung: flüssige, mühelose Geschwindigkeit.

Er reckte sich mit angenehmem Schmerz, wandte sich vom Fenster ab und setzte sich wieder auf sein zerwühltes Bett, um die abgetragenen Adidas Gazelle anzuziehen. Seine Wangen waren rot, selbst in diesem schwachen Licht. Er hatte eine skandinavische Nase und scharfe Wangenknochen. Gut aussehend war wohl nicht das richtige Wort. Sein struppiges, hellbraunes Haar, gebleicht von den vielen Stunden in der Sonne, fiel ihm wirr ins Gesicht, als er sich vorbeugte, um die Schuhe mit einem Doppelknoten zu schnüren. Er wusch sich die Hände am Waschbecken (die Schuhbänder, in denen sich uralter Schweiß gesammelt hatte, stanken wie ein totes Tier, das hinter dem Kühlschrank verweste), und dann war er mit einem Grunzen zur Tür hinaus und weg.

Quenton Cassidy war ein Meilenläufer.

Draußen auf den morgendlichen Straßen lief die kleine Laufgruppe die University Avenue entlang in Richtung Norden und bog in die 34th Street ein. Sie waren auf der Elfkilometerrunde, die abwechselnd »Morgenrunde«, »Elferrunde« oder »Venushügel« (der Kurs war recht wellig) genannt wurde. Cassidy lief mit lockerem, beinahe ungelenkem Schritt am Ende der Truppe. Vier Minuten pro Kilometer waren für einen Mittelstreckler das reine Schneckentempo, aber er war so hundemüde, dass ihm das ganz recht war. Er plauderte mit Jerry Mizner. Der war dünner und dunkelhäutiger als er; die typische Ausgabe eines wahren Langstreckenläufers. Cassidy und Mizner kämpften sich schon seit Jahren von Meilenstein zu Meilenstein, wie sie das nannten. Ein Meilenstein stand für Tausende gelaufener Kilometer. Not schafft Vertrautheit, manchmal gar Liebe, wie bei Schiffbrüchigen, Geiseln und Menschen in ähnlich schrecklichen Umständen. Hin und wieder schienen Cassidy und Mizner gegenseitig Gedanken lesen zu können.

»Ich glaub echt nicht, dass das geht«, sagte Mizner.

»Doch, es stimmt wirklich. Die ersten beiden Runden kann ich durchpennen. Angeblich können Soldaten ja auch beim Marschieren ...«

»Nee ...«

»Jedenfalls fühlt es sich so an, als würde ich schlafen, und das reicht mir.«

»Fühlen und Tun sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Platon meinte das. Oder Hugh Hefner. Irgendein berühmter Philosoph.«

Cassidy genoss gar nichts an diesen frühen Läufen. Er schlief tief und wachte nur schwer auf. Ihm gingen die Frühaufsteher, denen das Training am Morgen leichtfiel, total auf die Nerven. Aber das Geplauder machte es erträglicher und auch teilweise etwas geselliger. Auch für Langstreckenläufer galt, dass mit bestimmten Rängen bestimmte Privilegien einhergehen. Bei Dauerläufen schnatterten sie wie Gänse.

In einem Tempo, das manch gewissenhaften Jogger schockieren und traumatisieren würde, quatschten und alberten die Läufer munter herum. Wenn sie ab und zu an einem schnaufenden Fettsack oder einem alternden Straßenläufer vorbeirauschten, hielten sie sich mit dem Unfug zurück, um nicht arrogant zu wirken (was nicht hieß, dass sie auch nur eine Spur langsamer liefen). Im Grunde respektierten sie diese fernen Brüder im Geiste. Die ahnten zumindest halbwegs, wie das Tagwerk eines Läufers aussah. Wobei sie ihnen aber nicht mehr ähnelten als eine Hauskatze einem Puma. Es ist ein Unterschied, ob man faul auf dem Teppich liegt und alle viere von sich streckt oder den Dschungel auf der Suche nach frischem blutigem Fleisch durchstreift.

»Ich nehme an, wir werden bald wissen, wer ausgeruht aus dem Wochenende kommt«, sagte Cassidy. Sie waren fast bei der Hälfte.

»Dreimal darfste raten«, meinte Mizner.

Obwohl bei Dauerläufen in der Gruppe Tempobeschleunigungen ausdrücklich untersagt waren, da solche Einheiten leicht aus dem Ruder liefen, wurde hin und wieder ein Nachwuchsläufer vom wilden Affen gebissen und raste los, erpicht auf ein wenig kurz währenden Ruhm.

»Jetzt pass auf«, sagte Cassidy kurz darauf. Mizner blickte nach vorn und zuckte ungerührt die Achseln.

»Montagmorgenkoller ...«, antwortete er nur. Gemeint war Jack Nubbins, der sich etwa 20 Meter von der Gruppe abgesetzt hatte und weiter forcierte. Nubbins war ein Studienanfänger, aus den Kiefernwäldern um Orlando stammend, der von einigen Universitäten hofiert wurde, bis seine Aufsätze offenbarten, dass Amerikas Schulen noch immer eine Menge funktioneller Analphabeten auf die Gesellschaft losließen. Nachdem Nubbins an der Southeastern zur Probe aufgenommen worden war, stellte er sich wie folgt seinen Kameraden im Doobey-Haus vor: »Nubbins mein Name, renn die Meile in 4:12,3, aber reiten tu ich noch besser, und im Herbst jag ich Wildschweine mit mei’m Opa, manchmal mit Knarre, manchmal ohne. Nett, euch kennenzulernen.«

Die anderen waren allesamt Läufer und daran gewöhnt, dass jeder so seine Eigenheiten hatte, aber Nubbins wurde rasch zum totalen Freak erklärt und mit dem vorübergehenden Status »Legende zu Lebzeiten« geehrt. Cassidy konnte ihn recht gut leiden, auch wenn er fand, dass Nubbins zu laut lachte und zu viel Eindruck schinden wollte mit Ausdrücken, in denen Wildschweine und Gewehrkugeln vorkamen. Außerdem schien ihm eines zu fehlen, und zwar ein gewisser ... Respekt.

»So, wie es aussieht, kann er sich heute nicht beherrschen«, knurrte Cassidy verärgert. Ein paar andere Läufer beschleunigten nun ebenfalls, und die Gruppe begann zu zerfallen. Für den Verstoß gegen das ungeschriebene Rennverbot bei Dauerläufen stand eine Strafe: Der Schuldige musste es entweder mit Cassidy oder mit Mizner aufnehmen (oder mit beiden gleichzeitig, wenn sie sich nicht entscheiden konnten, wer sich schlechter fühlte).

»Du bist gestern 43 gelaufen, oder?«, fragte Cassidy.

»Jepp.«

»Hast du trotzdem Lust mitzukommen? Nur zum Spaß?«

»Nee.«

»Dacht ich mir schon. Bis nachher.«

»Bis denn.«

Ein Läufer entwickelt mit der Zeit ein starkes Gefühl von Stolz. Es stand außer Frage, dass Nubbins ein Riesentalent war. Er war die Meile in 4:12 gelaufen, und um ein Haar hätte er die Neunminuten-Grenze über zwei Meilen geknackt. Für einen von der Highschool waren das beeindruckende Leistungen, die Nubbins automatisch einen gewissen Rang unter seinen jungen Laufgenossen verschafften. Wenn ein so guter Läufer wie er nicht durch Zusammengehörigkeitsgefühl oder auf andere Weise gezügelt wurde, konnte er innerhalb kürzester Zeit ein ganzes Team zerschleißen, indem er seine Kameraden von Tag zu Tag immer mehr kaputtrannte. Bald würde er für die anderen die absolute Spitze vergegenwärtigen, den ultimativen Gegner; für immer würde er die oberste Grenze ihrer eigenen Leistung bleiben. Und sollte er über einen bestimmten Charakter verfügen (was bei Nubbins der Fall war), würde er diese Verantwortung sehr gern und mit großer Bescheidenheit auf sich nehmen. Solange er unbestritten der Hahn auf dem Hof war, würde er mit ihnen lachen, Witze reißen und ihnen kameradschaftlich auf die Schulter klopfen, doch im Gelände, auf den Straßen und auf der Bahn würde er sie täglich in Grund und Boden stampfen. Mizner nannte dies das Alphawolfsyndrom.

Bis zu einem gewissen Grad war jeder davon befallen (von einem Teamkollegen bei einem einfachen Training geschlagen zu werden verhieß nichts Gutes für den Moment, wenn man es mit dem Rest der Welt aufnehmen musste). Aber Cassidy verspürte ein aufrichtiges Verlangen, die jüngeren Läufer mitzuziehen, ohne auf erniedrigende tägliche Vergleiche zurückzugreifen. Er war stärker als sie, und er wollte ihnen das auch bewusst machen, ohne ständig darauf herumzureiten. Ihr habt alle Zeit der Welt, sagte er immer. Zeit, Zeit und noch mal Zeit. Er wollte einige der Weisheiten weitergeben, die Bruce Denton ihm eingebläut hatte: dass man kein guter Läufer wurde, indem man einen Frühstückslauf gewann. Sondern nur, wenn man es schaffte, seinen Ehrgeiz über Tage, Wochen, Monate, ja sogar (wenn man einmal so weit war, es zu akzeptieren) über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten. Laufen, laufen, laufen. Tausende von Meilen. Jahr für Jahr. Von Meilenstein zu Meilenstein. Wie sollte er ihnen das begreiflich machen?

Nubbins war alles andere als eine Niete. Er war schnell, unerschrocken und mental stark. Wie alle guten Läufer verschenkte er nichts. Gewinnen war für ihn eine Selbstverständlichkeit, das wusste Cassidy. Nubbins bedachte seine Gegner stets mit sorglosem Mitleid, bevor er mit seinem eleganten Laufstil davonzog.

Die langsam in Nubbins aufkeimende Verzweiflung, als er merkte, dass ihm ein Schatten folgte, den er trotz des in seinen Augen verdammt scharfen Tempos nicht abzuschütteln vermochte, war eine völlig neue und frustrierende Erfahrung für den jungen Läufer. Quenton Cassidy (auf seinem T-Shirt stand: HAGER IST SEXY) lächelte freundlich zu Nubbins rüber.

»Gut drauf, Jack?«, fragte Cassidy beim Ausatmen.

»Passt schon.« Nubbins versuchte zu grinsen.

»Gut«, sagte Cassidy, »sehr gut«, und verschärfte das Tempo um zehn Sekunden. Eine Minute später – Nubbins hatte sich gerade an die erschreckende Geschwindigkeit gewöhnt – knallte Cassidy einen Zweihunderter in 32 Sekunden rein, um zu sehen, was geschehen würde. Nubbins’ Gesicht war bleich und besorgt. Er sah aus, als hätte er ein großes Problem.

Sie flogen über die frühmorgendlichen Bürgersteige von Kernsville dahin, in einem Kilometertempo von unter 3:20, schnell genug, um Fußgängern eine Heidenangst einzujagen. Sie bogen auf den letzten Kilometer ein und rasten jeweils links und rechts an einer verschlafenen Studentin vorbei, die auf dem Weg zu ihrem ersten Kurs war: Blätter voller Biologieaufzeichnungen wirbelten durch die Luft.

Mizner trottete auf die Stufen vor dem Eingang zum Doobey-Haus zu, wo Cassidy saß und sich ausruhte.

»Na, wieder jemanden zu unserer Antirennpolitik bekehrt?«, fragte er.

»Keinen blassen Schimmer. Verdammt, das ist ein harter Brocken. Nächstes Mal darfst du ihn haben. Bist du ihm irgendwo begegnet?«

»Ja, bin vor ’nem knappen Kilometer an ihm vorbeigelaufen. Er meinte, dass er nur angehalten hat, um in der Sporthalle noch ein paar Gewichte zu heben. Hat er dir das auch gesagt?«

»Nee, mir hat er nur eines gesagt: ›Aaaack.‹«

»Aaaack?«

»Aaaack. Und dann ist er vornübergekippt, hat sich an die Knie gefasst und wie ein Ertrinkender nach Luft geschnappt.«

Wie im Ozean, so herrscht auch in der Läuferwelt eine mörderische Hierarchie. Die flinke Makrele wird vom blutrünstigen Barrakuda gefressen, der wiederum vom schrecklichen Makohai verschlungen wird. Im Läuferuniversum werden diese Gesetzmäßigkeiten schwarz auf weiß festgehalten; sie verändern sich nur zu einem unheimlich hohen Preis. Unvermeidlich wächst und gedeiht hierbei ein Stolz. Ein Stolz, der sich nur durch unentwegtes Unterwerfen unwilligen Fleisches entwickeln kann; nach einer schmerzvollen Ewigkeit, in der alles, was schwer ist, Kraft kostet und für einen als Projektil gedachten Körper nutzlos ist, abgeschliffen und verbrannt wird. Der Läufer wird arrogant, leider. Zu seinem Bezwinger sieht er mit Respekt und Angst auf, die Langsameren betrachtet er mit Nachsicht und Mitgefühl (sie befinden sich in einem Stadium, das er schon längst hinter sich gelassen hat). Jede gewonnene Sekunde wird verkündet wie die Geburt eines Kindes.

Quenton Cassidy war die Meile in 4:00,3 gelaufen, und trotz der einstudierten Gleichgültigkeit der Sportwelt waren Menschen, die eine Meile in vier Minuten laufen konnten, fast so rar gesät wie, sagen wir mal, Überlebende einer Herztransplantation. Der Name »Cassidy« tauchte acht Mal in der Liste der Universitätsrekorde auf, die Staffeln mitgerechnet. Klar, Jack Nubbins war außergewöhnlich talentiert, doch Quenton Cassidy hatte Flügel an den Fersen. Wenn er durch die vertrauten Schichten aus Düsterkeit und Müdigkeit griff, fand er dort mehr als nur eine undeutliche und vergängliche Sehnsucht nach Plastiktrophäen. Er lief in einer ganz anderen Liga als Nubbins.

»Guten Morgen, Captain Cassidy«, rief Michael Mobley, einer der besten Kugelstoßer im ganzen Land. Er umfasste seinen Tisch wie ein Möbel aus einem Puppenhaus.

»Guten Morgen, Captain Mobley«, rief Cassidy zurück. »Bin gleich bei Ihnen.« Vermutlich steckte Cassidy hinter den überhöflichen Umgangsformen zwischen den Gruppenführern. Er hatte einen hoffnungslosen Hang zu harmlosen Traditionen.

Der Speisesaal des Doobey-Hauses vermittelte einem eine gute Vorstellung davon, was zu erwarten wäre, wenn ein mit rohen Steaks beladenes Frachtflugzeug in einem Löwenreservat abstürzte. Dutzende junge Männer johlten, lachten, umarmten und boxten sich gegenseitig in jener losen, freundschaftlichen Intimität, die unter Sportlern herrscht. Jene Intimität, die sie bewusst oder unbewusst ihr restliches Leben lang vermissen würden.

In diesem fröhlichen Chaos vertilgten sie die täglichen Kalorienrationen mehrerer Kleinstaaten. Die relativ mageren Langstreckenläufer aßen mehr, als man erwarten würde (Cassidy lud sich drei Portionen Rührei, zwei Pfannkuchen, Wurst, fast einen Liter Milch und zwei Doughnuts für später auf den Teller). Aber ein Koloss wie Mobley fraß, als ob sein Leben davon abhinge. Mit unbeirrbarer Entschlossenheit und Konzentration saß er da und schaufelte in sich hinein.

»Muss ja schließlich bei Kräften bleiben, stimmt’s?«, sagte er dann. »Sonst müsste ich zu Anabolika greifen, und ich hab keinen Bock, dass meine Eier wie verschrumpelte Erdnüsse aussehen, hab ich recht? Würde ’ne saftige Enttäuschung bedeuten für ’ne Reihe von Mädels in meinem Bekanntenkreis.« Sein Lachen dröhnte wie eine Basstrommel.

Die Schwergewichtler waren großspurig, viril und gutmütig. Allein ihre physische Anwesenheit war so beeindruckend, dass sie niemanden zusätzlich einzuschüchtern brauchten. Diese Typen bahnten sich einen Weg im Leben, indem sie sieben Kilo schwere Kugeln so weit wie möglich von sich stießen, Fiberglasscheiben außer Sichtweite schleuderten und spitze Speere aus Aluminium an den Horizont warfen. Sie waren die direkten Abkömmlinge jener Ahnen, die diese Künste dazu nutzten, die Rüstung der Feinde zu demolieren und zu zerschlagen und Blut aus der Ferne zu vergießen. Das Selbstvertrauen von Männern, die solche Dinge beherrschten, war riesig und bedurfte keiner gespielten Überheblichkeit. Sie hatten vor nichts und niemandem Angst, höchstens voreinander.

Werfer und Langstreckenläufer empfanden große gegenseitige Hochachtung, über die man aber nicht offen sprach. Sie war einfach da, ohne jemals genauer hinterfragt zu werden. Alle beschäftigten sich auf die eine oder andere Weise mit den absoluten Grenzen des menschlichen Körpers und Geistes, doch die Läufer und Werfer schienen irgendwie ein besonderes Verständnis füreinander zu haben.

Mit den Sprintern und Springern war es eine ganz andere Geschichte. Ihre Kunst drehte sich um einen einzigen explosiven Augenblick, in dem alles gewonnen oder verloren wurde. In diesem Sinne waren sie vielleicht die geistigen Abkömmlinge der Angriffstruppen, die über Gräben sprangen und Barrikaden erstürmten, um den ersten Schlag auszuführen. Sie waren nervös, überempfindlich; entweder trunken vom eigenen Erfolg oder versunken in einem Morast aus Niedergeschlagenheit. Sie waren sozusagen die Manisch-Depressiven der Leichtathletikwelt. Ständig pumpten sie sich mit Selbstvertrauen auf, entweder um ihr schwächelndes Ego zu stärken oder um den Gegner zu beeindrucken. Ihre Wettkämpfe waren unglaublich intensiv, heftig, geradezu grausam. Ein Hochspringer schwebt weniger als anderthalb Sekunden in der Luft. Das Rennen eines Sprinters dauert zehn Sekunden. Ein Stabhochspringer steht viel länger mit seinem flexiblen Fiberglasstock in der Hand da und starrt auf die Bahn vor sich als die drei Sekunden, die er letztlich in der Luft kämpft. Cassidy bemitleidete sie für die Intensität ihrer Wettkämpfe, aber er war auch etwas neidisch. Nach einem angestrengten Grunzen schraubten elastische Muskeln, die nach jahrelangem Krafttraining und nach auf Explosivität ausgerichteten Übungen sofort das Kommando übernahmen, den Körper empor, immer höher, und ließen ihn dann in technisch perfekter Haltung eine Drehung um die eigene Achse beschreiben (so schnell, dass einem das Schöne dabei entging, wenn man nicht wusste, auf was man achten musste), ein schauriger Augenblick, in dem die gefürchtete schwarz-weiße Stange hasserfüllt angestiert wurde – dieses federleichte Hindernis, das auf jede Berührung reagierte und den Springer jederzeit erniedrigen konnte –, gefolgt von einem freien Fall (mit vor Freude und Erleichterung geballter Faust) zurück zum irdischen Alltag. Ja, das hatte schon was, dachte Cassidy manchmal, vor allem an einem heißen Tag im Frühling, wenn er 15 oder 20 Vierhunderter auf einer stickigen, vor Hitze flimmernden Laufbahn rennen musste.

Eines konnte man Cassidys Tischgenossen jedenfalls nicht nehmen: Sie sorgten für Stimmung beim Essen. Er und Mizner, beide noch feucht von der Dusche, setzten sich mit ihren vollen Tabletts Mobley gegenüber, der so aussah, als stopfte er das Essen, ohne zu kauen, in sich hinein.

»Hab gehört, dass ihr Jungs heute morgen ’ne kleine Lehrstunde abgehalten habt«, sagte Mobley, ohne seine Essensaufnahme zu unterbrechen.

»Ich versteh echt nicht, wieso einer aus eurer Gorillatruppe sich für das interessieren sollte, was bei unserer Morgeneinheit los war«, antwortete Mizner, der haargenau wusste, dass Mobley auch mit scharfen Kommentaren nicht aus der Ruhe zu bringen war. Mobley – ein Gigant von 1,98 Meter und 120 Kilo – hielt nicht mal im Kauen inne. Er entsandte Mizner einen Blick, der nicht die geringste Spur von Verärgerung erkennen ließ.

»Achten Sie bloß darauf, dass diese kleinen Scheißer keinen Unfug treiben, Captain«, sagte er, an Cassidy gewandt, während er sich einen halben Pfannkuchen zwischen die Kiemen schob. »Dieses Jahr haben wir gute Chancen, bei den Meisterschaften ordentlich abzuräumen, solange Ihre Teichstelzen ein paar Pünktchen einfahren.«

»Wie bitte, Teichstelzen?«, sagte Mizner. Er schlug wie ein ungeduldiges Kind mit seinem Löffel auf die Tischplatte. »Teichstelzen? Ich hab Bock, ein paar Monate meine Muckis aufzupumpen und dir dann den Hintern zu versohlen, Freundchen.« Die Vorstellung, die dieser Spruch hervorrief, sorgte für einige Heiterkeit im Speisesaal.

4. Crosslauf

Cassidys Jahr, das Jahr eines Läufers, gliederte sich in drei Abschnitte. Herbst bedeutete Crosslaufen. Eine Saison mit Zehnkilometerrennen, die sich vom warmen Spätsommer bis in die matschige Novemberkälte zog. Im Winter war Hallensaison, eine Zeit voller spannender Wettrennen auf schiefen Holzbahnen in den Großstädten im Nordosten. Frühling und Frühsommer waren für das, was Denton das »wahre Laufen« nannte. Während der trostlosen Herbst- und Wintertage lag das »wahre Laufen« allerdings zu fern, als dass man darüber nachdenken konnte.

Cassidy hielt nichts vom Cross. Für einen Mittelstreckler waren die Rennen eindeutig zu lang. Außerdem missfiel ihm, dass er während des Rennens das Finish nicht »spüren« konnte. Zehn Kilometer wirkten unendlich lang für einen Läufer, der die herrlich unveränderliche Symmetrie von vier mal 400 Metern in je rund 60 Sekunden gewohnt war (aus seiner Sicht spürte er die erste Runde überhaupt nicht. Die zweite und dritte waren die reinste Hölle, aber dennoch schnell. Die letzte verging in der schwindelerregenden Anspannung vor dem Schlussspurt, wenn der Laufstil steifer wurde und mehr und mehr dem eines Zombies ähnelte, weil die Sauerstoffschuld in den Muskeln unerträglich wurde).

»Was gefällt dir denn nicht am Cross?«, fragte Denton. Das Auslaufen war ein träger Luxus, eine mühelose Meile geprägt von tiefer, ächzender Befriedigung.

»Es gibt tatsächlich ein paar komische Vögel, die das mögen. Ich weiß, ich weiß«, antwortete Cassidy. Denton und Mizner tauschten einen belustigten Blick aus. Sie hörten das nicht zum ersten Mal.

»Zehn Kilometer ... 10 000 Meter«, stieß Cassidy angewidert hervor, »über Berg und Tal irgendwo in der Pampa. Die Spucke, die dir auf deiner verdammten Haut festfriert. 500 total verrückte Männer rennen durch den Schlamm und treten dir mit ihren Spikes in die Hacken. Oh, ich liebe Crossläufe, das ist total toll. Fast so toll, wie bei lebendigem Leib mit einer rostigen Rasierklinge gehäutet zu werden.«

»Aber ey, Quenton, du warst doch Bezirksmeister auf der Highschool, oder? Hab’s selbst gesehen in deinem Sammelalbum. Du hattest einen Ausschnitt drin von der Morgenzeitung und einen von der Abendzeitung. Haste schon vergessen?«, fragte Denton ganz ernst. Mizner biss sich auf die Lippe.

»Oder die Zunge in eine Steckdose stecken, das macht auch voll Spaß«, sagte Cassidy finster.

»Aber du hast doch gewonnen bei dieser ...«

»Ja, und nur zu deiner Information: Meine Mutter hat diese Artikel ausgeschnitten, das erkennst du allein schon daran, wie gerade die Ränder sind. Bei mir würde das anders aussehen.«

»Quenton Cassidy, unser Crosslaufchampion ...«

»Es war ein Vierkilometerrennen, und die Konkurrenz war mörderisch, Leute. Mehrere Teilnehmer aus der Region hätten mich ernsthaft in Bedrängnis bringen können, wenn die Runde auch nur dreieinhalb Kilometer kürzer gewesen wäre. Das waren solche, die auf den ersten 100 Metern rufen und schreien, ihr wisst schon, als wäre das Ganze ein lockerer Spaziergang ...«

»Aber sie konnten das Tempo nicht halten, nehme ich an?«

»Ich kann das echt nicht haben, wenn sie so rufen und schreien oder wenn sie beim Laufen ganz nachlässig miteinander reden, als würden sie sich überhaupt nicht anstrengen«, sagte Cassidy. Die Sache schien ihm wirklich Kopfzerbrechen zu bereiten.

»Aber waren ein paar harte Jungs dabei?« Denton ließ nicht locker.

»Nur einer«, sagte Cassidy und grinste zu Mizner rüber. »Im Ziel hatte ich einen knappen Kilometer Vorsprung auf den Zweiten. Vielleicht hatten sie aus Versehen das Wrestling-Team geschickt. Na ja, Palm Beach County ist nicht gerade bekannt für seine Crosslauftalente.«

»Einen knappen Kilometer! So weit liegst du normalerweise hinter Mizner, nicht wahr?«

Cassidy warf Denton einen pseudoverletzten Blick zu. »Brauchst nicht noch Salz in die Wunde streuen. Ich hab doch gesagt, dass ich es nicht mag. Dieses Zeug überlasse ich gern Kilometerfressern wie euch. Wir Meilenläufer sind viel zu fein getuned für diesen rustikalen Scheiß.«

»So wie die Straßenläufer, die Geher, die Knallköpfe vom Orientierungslauf und all die anderen Weicheier, die wahre Konfrontation meiden«, sagte Denton.

»Richtig«, stimmte Mizner zu, der mit Vergnügen beobachtete, wie Cassidy aufgezogen wurde.

»Wahre Konfrontation, das sind vier Runden und eine Wolke aus ... Tartanstaub«, erwiderte Cassidy.

»Tolle Antwort.«

»Tartanstaub?«, fragte Mizner.

»Oh ja, echt ’ne tolle Antwort.« Denton schüttelte den Kopf.

»Meinetwegen reißt ihr euch dabei den Ar...«

»Ruhig Blut, mein Jung’«, sagte Denton mit tiefer Schauspielerstimme. Er klang wie Lone Ranger, der seinen treuen Partner Silver nach einem harten Tag auf Banditenjagd besänftigt. Cassidy musste lachen und stieß halbherzig mit dem Ellbogen nach Denton, der ihm auswich und dabei mit den Augen rollte.

Coach Benjamin Cornwall sah die drei, wie sie vor dem Eingang der Turnhalle herumblödelten, als er in seinen Wagen stieg. Erschöpft von seinen eigenen Anstrengungen, konnte er nie begreifen, wie man nach einem 30-Kilometer-Tag in den Beinen noch so zu Scherzen aufgelegt sein konnte.

»Noch drei?«, fragte Cassidy.

»Mindestens.«

Er und Mizner machten Steigerungsläufe im Gras, um etwas Milchsäureresistenz aufzubauen und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Vor dem Wettkampf wollten sie in den Zustand gelangen, den manche »den zweiten Atem« nannten. Die Läufer selbst gebrauchten meistens den physiologischen Terminus »Homöostase«. Wie auch immer man es nennen mochte, es setzte ein sauberes, hartes Aufwärmen voraus. Sie waren bereits fünf lockere Kilometer gelaufen.

Mannschaftswettkämpfe waren nicht allzu hektisch, und eigentlich hatte Cassidy nichts gegen diese Minicrosslaufvariante, bei der nur zwei Teams gegeneinander antraten. Ein einziges Team brachte normalerweise nicht genug Talent mit, um eine reelle Bedrohung darzustellen, nicht einmal für Cassidy. Weder für ihn noch für Mizner war der Wettkampf so wichtig, als dass sie dafür ihr Training eingeschränkt hätten. Beide waren am Vortag 25 Kilometer gelaufen, Wettkampf hin, Wettkampf her. »Durchlaufen« nannten sie das. Aus dem Training heraus. Wer gegen einen durchlaufenden Athleten verliert, der gehört ihm mit Haut und Haar. Die Rangfolge ist damit so unumstößlich etabliert, dass sie eigentlich nur durch finstere Machenschaften verändert werden kann, beispielsweise durch Zuhilfenahme von Landminen.

Bruce Denton kam von hinten angelaufen und schloss sich ihnen an. Selbst bei diesem schnellen Tempo bewegten sich seine Beine mit gespenstischer Leichtigkeit. Läufer aus dem anderen Team warfen ihm verstohlene Blicke zu. Cassidy dachte: Diese kleinen Hurensöhne kippen vor Ehrfurcht gleich aus den Socken.

»Kommst du gerade von deiner Morgeneinheit?«, fragte Mizner.

»Jepp. Dachte, ich schau mir den Spaß mal an.«

»Ich hasse Wettkämpfe so früh am Morgen«, vermeldete Cassidy.

»Dir gefällt nicht besonders viel an diesem ganzen Ding, oder, Sportsfreund?«

Denton grinste ihn an.

»Nicht viel, nee«, gab Cassidy mürrisch zu. »Mein Magen spinnt total ...«

»Haben diese Typen irgendwelche Zugpferde?«, fragte Denton.

»Den rothaarigen Kerl da«, sagte Mizner und machte eine vage Armbewegung. »Der so demonstrativ nicht zu uns rüberschaut. Das ist Eammon O’Rork höchstpersönlich, ein echter importierter Ire. Nehme mal an, sie konnten sich keinen Afrikaner leisten.« Mizner ahmte unbewusst Cassidys Redeart nach.

»Der hat dir in der letzten Hallensaison ’nen ordentlichen Schrecken eingejagt, oder?«, fragte Denton, an Cassidy gerichtet.

»Ordentlicher Schreck trifft’s nicht ganz. Das war bei den Mason-Dixon-Games in Louisville, und das Ergebnis lautete 4:03,2 für mich hier und 4:03,2 für den irischen Grünling. Aber es war enger, als es sich anhört.«

Denton lachte, und sie begannen einen weiteren Steigerungslauf. Auf O’Rorks sommersprossigem Gesicht zeichnete sich tiefe Konzentration ab, während er sein Aufwärmprogramm absolvierte. Er blickte ständig auf seine Uhr, um jede Übung auf die Minute genau zu timen. Ihnen blieben noch etwa acht Minuten vor dem Aufruf zum Start. O’Rork war älter als seine Teamgefährten, älter und deutlich reifer. Sein Talent und sein eiserner Wille hatten ihn vom harten Leben in Nordirland befreit, und er ging an das Laufen mit der unkomplizierten Inbrunst eines Mannes heran, der alles auf eine Karte setzt, koste es, was es wolle. Denton beobachtete den Iren im Vorbeigehen bei seinen Vorbereitungen und dachte: Ja, mein Junge, irgendwas treibt uns immer an, nicht wahr? Uns und die Berufsboxer, die Verwundeten und die Flüchtlinge ...

O’Rork dachte an Cassidys hauchdünnen Sieg im letzten Jahr. Es wurmte ihn noch immer. Der Amerikaner war ganz okay, vermutete er, vielleicht eine Spur zu unbekümmert, das könnte ihm noch zum Verhängnis werden. Ein paar Wochen nach dem Meeting in Louisville hatte sich O’Rork eine Magen-und-Darm-Grippe eingefangen, die ihn für die gesamte Bahnsaison außer Gefecht gesetzt hatte. Er hatte einen schlimmen Dezembermonat hinter sich: Ein Telegramm (es hing in einer wichtig aussehenden Plastikhülle an seiner Zimmertür im Studentenwohnheim) hatte schlechte Neuigkeiten von zu Hause gebracht. Fünf Minuten lang hatte er dagesessen und auf den traurigen gelben Zettel gestarrt. Dann hatte er seine Laufschuhe angezogen und sich in den Hügeln von Tennessee, die seinen Campus umgaben, zu einem Häufchen Elend gelaufen. Danach hatte er zwei Wochen lang das Bett gehütet, und wenn er dabei draufgegangen wäre, dann hätte es ihm auch nichts ausgemacht. Kalte Dezembermonate, dachte er, während er den sorglosen Amerikaner nicht aus den Augen ließ. Davon habe ich zu viele mitgemacht.

Sie waren noch einen guten halben Kilometer vom Ziel entfernt. Cassidy lief dicht hinter O’Rork, den Blick auf dessen sommersprossigen Nacken geheftet. Er blieb im Windschatten, und das weder aus Häme noch aus Spaß. Falls O’Rork sich ärgerte, auf diese Weise ausgenutzt zu werden, ließ er sich in jedem Fall nichts anmerken.

Irgendwo weit vor ihnen trabte Jerry Mizner den Zielhang hoch. Der bevorstehende Sieg erhellte sein ebenso gezeichnetes Gesicht. Er hatte das Einfachste getan und war allen davongelaufen. Genauso isoliert vom Rest, kämpften die beiden Läufer in spannungsloser Zermürbung um den zweiten Platz.

Cassidy war kurz vorm Sterben. Sie hatten die erste Meile in 4:37 zurückgelegt, und er hatte entsetzt gedacht: Verdammte Scheiße, das tat weh. Das harte Training der letzten Wochen gab ihm den Rest. Als er seine ganze Kraft für einen Zwischensprint sammelte, um dranzubleiben, spürte er nur ein höllisches Brennen, das ihm allzu vertraut war: Er war im dunkelroten Bereich. Dieses Wochenende hatte er wirklich keinen Spaß.

O’Rork hatte er auf den letzten beiden Kilometern nur dank einer Mischung aus Willenskraft und Verlangen halten können. Bleib dran, du Arschloch, sagte Cassidy zu sich selbst. Dann stellte er sein Hirn auf neutral, heftete den Blick auf die sommersprossige Schulter vor sich und fand zu seinen mentalen Abstraktionen zurück: Gleiten, Schweben, Vorwärtskommen. Er scheute ganz offen die heftigen Beschwerden, unter denen er in diesem Moment litt. Er dachte sogar daran aufzugeben, ein nicht ungewöhnliches Gefühl, wusste aber, dass es nicht geschehen würde. Er redete sich auch ein, dass es nicht jedes Mal so schlimm sein konnte, sonst könnte er nicht damit leben. Er hielt sich nicht für besonders tapfer.

Ein langer Pfad schlängelte sich bergauf durch den Wald bis zum Ziel. Der Anstieg war heftig. Er lähmte die Beine und entmutigte die Läufer vor dem Schlusssprint. O’Rork gönnte Cassidy an diesem Hügel keine Verschnaufpause. Der Ire zerlegte damit in chirurgischer Manier das Sprintvermögen seines Gegners, an das er sich nur allzu gut erinnerte. Er machte Druck, zog leicht davon. Mit größter Mühe kämpfte Cassidy sich wieder heran. So schlimm ist es gar nicht, dachte Cassidy, ich sterbe nur, das ist alles. Aber bleib jetzt bloß dran, du Arsch, wer weiß, vielleicht bist du gleich der Held. Er hasste sich in diesem Augenblick abgrundtief, und wenn er im Nachhinein darüber nachdachte, konnte er sich nicht erklären, warum das so war.

Jeder Schritt kostete ihn jetzt tiefste Überwindung. Er spuckte kleine Flocken von gefrorenem Speichel aus und seine Gedanken äußerten sich nur noch in ruckartigen Stößen: noch 200 Meter ... dranbleiben ... dranbleiben jetzt.

Als das Ziel vor ihm auftauchte, sah er aus den Augenwinkeln, dass Mizner albern auf und ab hüpfte und irgendetwas brüllte. Cassidys Gliedmaßen wurden schwerer und schwerer. Andrea musste auch irgendwo stehen, aber er sah sie nicht. Ein weißer Schleier vor seinen Augen – ein ganz normales Phänomen – trübte die Sicht. Es war, als blicke er durch das schmutzige Fenster eines seit langem verlassenen Hauses. Lustig, wie dein Hirn am Ende eines Rennens funktioniert, dachte er. Um ihn herum schrien und klatschten die Zuschauer aufgeregt, in seinem Schädel tobte es, und doch analysierte er das alles in Seelenruhe.

Noch 100 Meter, dachte er, ach du liebe Scheiße, und warf den allerletzten Rest an Kraft in den Kampf. Verflixt, das tat weh.

O’Rork setzte sich blitzschnell von ihm ab und wurde mit zehn Metern Vorsprung Zweiter.

Cassidy stand vornübergebeugt, die Hände auf den Knien, und beschrieb eine Art Kreiselwanken, das unter anderen ...

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