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Olivia und der australische Millionär

BRIEF

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Margaret Way

Olivia und der australische Millionär

PROLOG

Ich freue mich auf die Herausforderung. Natürlich freue ich mich darauf!

Das bevorstehende Abenteuer diente schließlich dazu, das Beste aus ihr herauszuholen. Gleichzeitig fühlte sie aber auch eine gelinde Panik in sich aufsteigen. Allein in einem völlig fremden Land? Bestand da nicht auch die Gefahr, noch unglücklicher zu werden, als sie es ohnehin schon war?

Unsinn! Du bist doch nicht umsonst eine Balfour, Mädchen!

Olivia Balfour sprach häufig mit sich selbst. Das war eine Taktik, die sie sich bereits in frühesten Kindertagen angeeignet hatte. Sie war etwa sieben, als sie damit angefangen hatte, weil sie merkte, wie schwer es war, in ihrem Umfeld irgendjemandes Aufmerksamkeit zu erlangen.

Inzwischen war sie erwachsen, couragiert, selbstbewusst, aber nicht zu selbstgefällig – ein Wort, das zu ihrem bevorzugten Sprachschatz gehörte – und mit einem guten Urteilsvermögen ausgestattet.

Allerdings hatte diese Selbsteinschätzung durch die Ereignisse in den letzten Tagen ziemlich gelitten. Das verunsicherte sie. Aber sich jemandem anzuvertrauen kam für Olivia nicht infrage – beziehungsweise gelang es ihr regelmäßig im letzten Moment, diesen Drang zu stoppen.

Sie war ihren Verpflichtungen immer verantwortungsvoll nachgekommen und hatte stets, in Theorie und Praxis, resolut zu ihren Prinzipien und Moralvorstellungen gestanden, die sehr hoch angesiedelt waren.

Jetzt hatte sie es verloren – ihr unerschütterliches Selbstvertrauen!

Und damit auch die Fähigkeit, stets Ruhe, Übersicht und die Kontrolle über alles und jeden zu behalten. Das tat weh. Und wie weh das tat!

„Grundgütiger, Olivia!“, hatte ihr Vater, der englische Multimillionär Oscar Balfour, empört ausgerufen. „Wie konntest du nur? Gerade von dir hätte ich am wenigsten erwartet, dass du mir derart in den Rücken fällst!“

Natürlich hatte sich angesichts dieser Anschuldigung eine gewisse Verbitterung bei Olivia eingestellt. Nach den vielen Jahren, in denen sie alles getan hatte, um seine Anerkennung zu erringen, empfand sie Oscars Worte als ziemlich harte und ungerechte Kritik.

Wäre das Ganze doch nicht mehr als ein böser Traum! Dann könnte ich jetzt ganz normal mein gewohntes Leben weiterführen …

Doch so war es leider nicht. Der Eklat an jenem schrecklichen Abend hatte derartige Kreise gezogen, dass die gesamte Familie davon betroffen und nichts je wieder so wie vorher sein würde. Und das ausgerechnet beim hundertsten Jubiläum des berühmten, jährlich stattfindenden Balfour Charity Balls!

„Der Balfour-Ball ist ein absolutes Muss für jeden, der in der oberen Gesellschaft Rang und Namen hat!“, behauptete Edwina Balfour, Olivias snobistische Großtante. „Eine Einladung zu diesem Ball kommt einer Audienz im Königspalast gleich.“

Hätte man Olivia befragt, würde sie sagen, dass sie einen Ball auf Balfour Manor unbedingt einer Einladung in den Palast vorziehen würde. Auf jeden Fall aber war diese gesellschaftlich äußerst relevante Veranstaltung absolut nicht der richtige Ort, um einen Zickenkrieg auszutragen. Doch genau das hatten sie und Bella an jenem schicksalhaften Abend veranstaltet!

„Geh zum Teufel!“, hatte ihre Zwillingsschwester Olivia ins Gesicht geschrien und ihr eine Ohrfeige verpasst.

Noch nie zuvor hatte ein Zwilling den anderen tätlich angegriffen. Aber nun war diese schreckliche Szene in ihren Köpfen gespeichert, vielleicht für immer. Ein derartiger Bruch der Etikette galt als unverzeihlich und brachte die gesamte Familie in Misskredit. Als einzige Entschuldigung hätte man höchstens anführen können, dass sowohl Bella als auch Olivia es eigentlich nur gut meinten … und zwar mit ihrer geliebten jüngeren Schwester Zoe.

Arme Zoe!

Am wichtigsten Tag im Jahr – und an diesem speziellen Datum sogar des Jahrhunderts – hatten alle Balfour-Schwestern in festlichen Abendkleidern, funkelnden Juwelen und in schöner Eintracht vor dem imposanten Eingang des Herrensitzes beieinandergestanden. Sie gaben ein so hinreißendes Bild ab, dass die Pressefotografen gar nicht genug von ihnen bekommen konnten.

Leider bemerkte niemand, dass einige Paparazzi sich auf der Jagd nach intimeren Bildern und interessanten Schlagzeilen heimlich und als Angestellte getarnt ins Hausinnere geschlichen hatten. An diesem Abend kamen sie mehr als auf ihre Kosten!

Olivia seufzte, als sie daran zurückdachte, wie stolz sie an besagtem Abend auf ihre distinguierte Erscheinung gewesen war, im unübersehbaren Gegensatz zu ihrer wilden, glamourösen Zwillingsschwester, die ohnehin immer wie ein schillernder Kolibri aus der Geschwisterrunde herausstach. In ihrer aufregend mondänen und ziemlich gewagten Designerrobe zog Bella natürlich die meisten Blicke auf sich. Olivia galt eher als die Besonnene, Praktische … von der Presse wurde sie unfairerweise sogar einmal als frömmelnd und scheinheilig bezeichnet, während man ihrer Schwester das größere Herz und natürlich auch mehr Humor attestierte.

Jetzt, wo alle Karten offen auf dem Tisch lagen, musste Olivia sich eingestehen, dass sie sich Bella innerlich immer weit überlegen gefühlt hatte. Sosehr sie ihre Zwillingsschwester auch liebte und an ihr hing, konnte sie den Drang, sie zu bevormunden, einfach nicht unterdrücken. Heimlich bewunderte sie Bellas aufreizende Schönheit, traute ihr aber keine intellektuelle Tiefe und Ernsthaftigkeit zu.

Anders als Olivia las Bella keine Bücher oder Fachzeitschriften, sie hatte ihr Studium nicht beendet, und für schöne Künste interessierte sie sich schon gar nicht. Auch in Geschmack und Lebensart unterschieden sie sich sehr. Während Bella ihre körperlichen Vorzüge herausfordernd unterstrich, tat Olivia ihr Bestes, um sie möglichst zu verbergen.

Aber schließlich waren sie ja auch keine eineiigen Zwillinge. Bella glich geradezu frappierend ihrer verstorbenen Mutter, der wunderschönen Alexandra – bis auf die typischen, leuchtend blauen Balfour-Augen. Sie war ein Freigeist und hasste es, auf einem Fleck zu verharren und Verantwortung zu übernehmen. Olivia dagegen spürte nichts von dem unbezwingbaren Freiheitsdrang ihrer Schwester.

Stattdessen war sie ihrem Vater nach und nach zu einer nahezu unverzichtbaren Assistentin und Vertreterin in Sachen Charity geworden und unterwies und leitete ihre jüngeren Schwestern und Halbschwestern an, wann immer das nötig war. Währenddessen führte Bella unbekümmert ihr hektisches Gesellschaftsleben weiter, stets umringt von einer Horde männlicher Bewunderer.

Doch so unterschiedlich sie auch fühlten und lebten, dieser verflixte Streit war ihre erste ernsthafte Auseinandersetzung gewesen.

„Als Zwillinge halten wir für immer und ewig zusammen!“, hatte ihr gemeinsames Mantra während ihrer nicht ganz einfachen Kindheit gelautet. Olivia und Bella liebten sich, und sie liebten ihre kleine Schwester Zoe, die, wie sich an jenem schrecklichen Tag herausstellte, nicht Oscar Balfours leibliche Tochter war. Und damit ließ sich auch das verklärte Bild ihrer Mutter nicht länger aufrechterhalten. Alexandra hatte in der Fantasie der Zwillinge immer direkt hinter Mutter Theresa rangiert.

„Sie muss eine Heilige gewesen sein. Denn nur die Lieblinge der Götter sterben jung, sagt man doch, oder?“, hatten sie einander getröstet, um den Schmerz darüber zu verarbeiten, dass Alexandra Balfour bei der Geburt ihrer dritten Tochter verstorben war.

Olivia hatte dafür plädiert, Zoe die Wahrheit über ihre Herkunft zu sagen, Bella war strikt dagegen gewesen. Nachdem sie am Tag des verheerenden Balls zufällig ein verstecktes Tagebuch ihrer Mutter gefunden, gelesen und damit Alexandras lang gehütetes Geheimnis aufgedeckt hatten, debattierten sie nicht etwa in aller Öffentlichkeit, sondern in einem Privatzimmer hitzig über ihr weiteres Vorgehen.

Leider hatten sie sich nicht vergewissert, ob die Tür auch wirklich verschlossen war. Außerdem konnten sie nicht damit rechnen, dass sich getarnte Paparazzi ins Haus eingeschlichen hatten. Dass die Presse den schönen und teilweise ziemlich skandalträchtigen Balfour-Mädchen ständig nachspionierte, wusste jede von ihnen. Doch eine derartige Dreistigkeit war ein Novum.

Dazu hatte der Fotograf auch noch das unverschämte Glück, exakt im richtigen Moment auf die beiden Streithähne zu stoßen, und die Chuzpe, die Tür einen Spalt aufzudrücken, um ein höchst brisantes Foto zu schießen.

Am nächsten Morgen konnte die ganze Welt sehen, wie Bella ihre Schwester Olivia ohrfeigte, und die dazugehörige Schlagzeile lesen: Ein weiterer Skandal um Illegitimität erschüttert die Balfour-Dynastie …

Allein die Erinnerung daran verursachte Olivia jetzt noch Übelkeit. Wann würden ihre quälenden Selbstvorwürfe und Zweifel endlich aufhören und sie zur Ruhe kommen? Sie sollte sich entweder damit abfinden, im Zustand ewiger Reue zu leben, oder Bella beipflichten, die gesagt hatte: „Früher oder später muss jeder für seine Sünden bezahlen, Schwesterherz. Darin unterscheiden wir Balfours uns nicht von den Normalsterblichen.“

Olivia spürte, wie sich alles in ihr gegen diese Aussage wehrte.

Was für ein Unsinn! Natürlich sind wir anders als die breite Masse!

Zum Beispiel wohnten sie in einem außergewöhnlich großen, luxuriösen Heim, das sich wahrlich nicht jeder leisten konnte. Ihre Familie wurde im Debrett’s und im Who’s who? erwähnt! Und ihr Vater war Multimillionär.

Und doch hatte Bella irgendwie recht behalten. In diesem Fall zahlten sie alle!

Kein Wunder, dass ihr Vater die alten Balfour-Familientugenden entstaubt und wiederbelebt hatte – eine Ansammlung ethischer Leitsätze, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wurden und nur in der letzten vorübergehend ihre Kraft verloren zu haben schienen. Da Oscar Balfour sich dafür die Hauptschuld gab, lag ihm sehr dran, das Versäumte nachzuholen, wenn auch ziemlich spät.

Darum schickte er seine acht Töchter aus drei Ehen, einem eigenen Fehltritt und der Affäre seiner ersten Frau auf eine Art Sinnreise, um sich an die alten Ideale zu erinnern und damit jede für sich den wahren Sinn des Lebens fand.

Bella hatte er unter dem Motto Würde auf die Reise geschickt und Olivia als Denkanstoß den Begriff Demut mit auf den Weg gegeben, was sie in blankes Erstaunen versetzte.

Demut? Wie ist das gemeint, Daddy?“, fragte sie gekränkt.

Ausnahmsweise hatte Oscar sich viel Zeit genommen, um es ihr zu erklären. Nach dem Gespräch fühlte Olivia sich elender und verletzter als je zuvor in ihrem Leben. Jetzt, mit etwas Abstand und im Stadium aufkeimender Selbsterkenntnis, überlegte sie, ob Oscar nicht doch recht haben könnte, zumindest in einigen Punkten.

Olivia wusste genau, was andere Menschen von ihr dachten: zurückhaltend bis distanziert, kühl bis eisig, über die Maßen selbstbewusst, snobistisch und einen Tick prüde und auf jeden Fall die unzugänglichste von allen Schwestern.

Aber das stimmte nicht! Zumindest zeichnete es kein ganzheitliches Bild von ihr.

Gut, sie war kein Ausbund an Temperament wie Bella und eine eher private Person. Doch in erster Linie entsprang dies demselben Schutzmechanismus wie die virtuos gespielte Heiterkeit und Oberflächlichkeit ihrer Zwillingsschwester. Immerhin hatten sie beide im Alter von erst zwei Jahren ihre Mutter verloren …

„Angesichts Daddys neu erwachten Vatersyndroms bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als unsere Strafexpedition anzutreten!“, lautete Bellas schnippische Devise. „Also, Kopf einziehen und durch.“

„Ich betrachte es lieber als Herausforderung“, behauptete Olivia, „aber, lieber Himmel, Daddy! Doch nicht Australien!“ Ihre Vorstellung von dem fernen Kontinent war die eines verlassenen Fleckchens Erde, nicht weit vom Südpol entfernt. Hatte man nicht unverbesserliche Sträflinge dorthin verschifft? Ob Bella vielleicht doch recht hatte?

„Für dich heißt es Australien, und damit basta!“, entschied Oscar mit ungewohnter Strenge. „Und du wirst jede Arbeit präzise und ohne Protest erledigen, was auch immer man dir zuteilt, verstanden? Schließlich hast du einen klugen Kopf auf den Schultern und bist es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen.“

Vielleicht sollte sie ihn daran erinnern, dass er ihr erst vor Kurzem versichert hatte, wie unverzichtbar sie als Hilfe und Unterstützung für ihn sei. Stattdessen schickte er sie nun zu einem Mann, den sie nur wenige Male getroffen und auf Anhieb nicht hatte ausstehen können.

Obwohl sie sich ihm gegenüber völlig normal verhalten hatte, hatte dieser Clint McAlpine, ein australischer Rinderbaron, die Frechheit besessen, ihr ins Gesicht zu sagen, dass sie dringend einmal einen Dämpfer versetzt bekommen müsste!

„Komm endlich von deinem hohen Turm herunter, Eisprinzessin!“, hatte er sie mit plumper Vertraulichkeit und einem amüsierten Zucken um den gut geschnittenen Mund aufgefordert. „Und misch dich unter die Normalsterblichen. Ich wette, das würde dir gut bekommen.“

Jetzt noch krümmte Olivia sich bei der Erinnerung an diesen schrecklichen Moment. Dass er Multimillionär wie ihr Vater war, gab ihm noch lange nicht das Recht, so mit ihr zu reden. Wahrscheinlich lag es an der Kränkung und der schwelenden Wut, der sie damals keinen Ausdruck hatte verleihen können, dass sein Bild noch immer so lebendig vor ihrem inneren Auge stand.

Irgendwie existierte eine weit hergeholte Verbindung väterlicherseits zwischen den McAlpines und den Balfours, was zur Folge hatte, dass man sich zwangsläufig ab und zu über den Weg lief. Außerdem besuchten die McAlpines London häufiger aus geschäftlichen Gründen und nutzten dann gern die Gelegenheit, Arbeit und Vergnügen zu verbinden.

Vor ein paar Jahren hatte Oscar Balfour einen großen Aktienanteil an der McAlpine Pastoral Company erstanden. Möglicherweise hatte auch das seine Entscheidung beeinflusst, sie ausgerechnet nach Australien zu schicken. Offenbar vertraute er dem Junior ebenso sehr wie zuvor Kyle McAlpine, der inzwischen verstorben war.

Daher war Olivia gerade mal zwei Tage nach dem furchtbaren Skandal auf dem Weg ans Ende der Welt.

Down Under …

1. KAPITEL

Darwin, Hauptstadt des Northern Territory und Tor zu Australien …

Olivia hatte sich noch nie besonders fürs Reisen erwärmen können, obwohl internationales Jet-Setting durchaus zu ihrem privilegierten Lebensstil gehörte. Doch diese Reise war in jedem Fall die bislang aufreibendste Erfahrung.

Zuerst der Flug von London nach Singapur. Der reine Horror! Über vierzehn Stunden Klaustrophobie! Dann hatte sie vergeblich versucht, auf einem Übernachtungsstopp im Raffels neue Kräfte zu tanken. Das Luxushotel versprühte einen ganz besonderen Charme, und sie würde es liebend gern noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt besuchen. Nun ging es weiter nach Darwin – der tropischen Hauptstadt des nördlichen Territoriums –, was noch einmal vier und mehr Stunden Flug bedeutete!

Sie konnte nicht lesen, sie konnte nicht schlafen … und sich nicht mit dem schmerzhaften Entzug des Wohlwollens ihres Vaters abfinden. Doch Olivia wusste, dass es keine Alternative für sie gab, als sich durchzukämpfen. Sie und Bella hatten die Order mit auf den Weg bekommen, nach genau fünf Monaten zurück nach London zu fliegen, um dort am zweiten Oktober an der Geburtstagsfeier ihres Vaters teilzunehmen. Und damit quasi wieder in den Schoß der Familie aufgenommen zu werden und ihre momentan so rapide beschnittenen Privilegien wiederzuerlangen.

Seufzend sah Olivia durchs Flugzeugfenster nach unten auf die glitzernde Oberfläche der Timorsee, eines Seitenarms des Indischen Ozeans zwischen Australien und dem Archipel der Sunda-Inseln. Das Wasser war so leuchtend türkis wie die Augen ihrer Zwillingsschwester. Ihre eigenen waren einen Ton dunkler.

Doch bevor ihre Gedanken zu Bella wandern konnten, erschien Darwins Skyline in ihrem Sichtfeld.

Skyline war allerdings geprahlt, denn neben den spektakulären Anblicken von New York, London und anderen Weltstädten wirkte dieser wie eine Kulisse aus einem Somerset-Maugham-Roman. Ein tropischer Außenposten, mehr nicht.

Durch die familieneigene Privatinsel in der Karibik war Olivia durchaus an tropische Temperaturen gewöhnt, aber die schwüle Hitze Darwins, die sie beim Verlassen des Fliegers wie eine feuchte Decke einhüllte, besaß noch einmal eine ganz andere Qualität!

Sie wurde von ihrem Teint her oft genug als die typische englische Rose beschrieben. Wer etwas vom Gärtnern verstand, wusste, wie sehr Rosen extreme Hitze hassten. Trotzdem schickte ihr Vater sie hierher! Und sie hatte sich seiner Entscheidung gebeugt. Aber tat sie das nicht schon ihr Leben lang?

Stets versuchte sie, Oscars hohen Erwartungen zu entsprechen, während Bella, der die Männer reihenweise zu Füßen lagen, sich auf wilden Partys vergnügte.

„Alles harmlose Flirts, die mir das langweilige Dasein versüßen sollen, Darling.“

Obwohl sie nie mit ihrer Zwillingsschwester hätte tauschen wollen, fühlte Olivia sich weniger wie eine englische Rose, sondern eher wie eine ältliche Jungfer, die mitternächtlich Unmengen von Lampenöl verbrannte, um heimlich obskure Literatur zu verschlingen, anstatt sich von echten Männern verführen zu lassen.

Wie war es eigentlich dazu gekommen? Lag es vielleicht an ihrem Vater, der von klein auf zu viel von ihr verlangt hatte? Bella sah ihre Hauptaufgabe darin, sich immer und überall perfekt gestylt zu zeigen, während ihre Outfits viel zu konservativ für eine Frau von gerade mal achtundzwanzig Jahren waren.

Achtundzwanzig! Lieber Himmel, wann wollte sie denn das Thema Familie und Kinder in Angriff nehmen? Die Zeit lief ihr langsam davon. Mit den Heiratsanträgen, die sie bekam, hätte Bella bereits ein ganzes Zimmer tapezieren können.

Sie selbst jedoch konnte nur auf zwei Beziehungen zurückblicken – beide absolute Desaster! Geoffrey und Justin. Sie hatten ihr nur schöne Augen gemacht, um über sie an ihre Schwester heranzukommen. Hätte sie ihnen daraus einen Vorwurf machen können? Bella besaß alles, was ihr fehlte: Sie war sexy, aufregend, wagemutig und abenteuerlustig, hatte keine Angst, viel Haut zu zeigen, während Olivia meist so zugeknöpft wie eine scheue Novizin war.

Was sollte jemand wie sie in Australien anfangen? Olivia wollte nicht hierher. Es war zu heiß und, wenn ihre spärlichen Informationen auch nur annähernd stimmten, viel zu primitiv und unzivilisiert.

Allein Darwin City! City?

Eine Stadt auf einem Felsvorsprung am Rand von Peninsula, an drei Seiten umgeben von türkisblauem Wasser. Zu ihren Füßen lag ein sehr großer Hafen. Es war typisch für Olivia, dass sie alles über ihren Verbannungsort gelesen hatte, was sie in der kurzen Zeit in die Hände bekommen hatte. So wusste sie zum Beispiel, dass die Stadt bereits zweimal zerstört und wieder aufgebaut worden war.

Zuerst während des Zweiten Weltkrieges nach dem massiven Luftangriff der Japaner im Februar 1942, als mehr Bomben über Darwin abgeworfen wurden als über Pearl Harbour. Dann machte eine Naturkatastrophe die Stadt ein zweites Mal dem Erdboden gleich, durch den Zyklon Tracy im Jahr 1974.

Menschen, die zwei derartige Schicksalsschläge überlebt hatten, müssten doch eigentlich ihre Sachen zusammenpacken und sich irgendwo in den Bergen eine neue Heimat suchen. Doch offensichtlich waren die Bewohner von Darwin viel mutiger als sie.

Im Innern des Flughafengebäudes blickte Olivia suchend um sich. Sie hatte McAlpine als genau so einen mutigen Typen in Erinnerung. Einen echten Mann, der vor überschüssiger Energie fast zu bersten schien. Daneben war er natürlich unerträglich arrogant und unterschwellig aggressiv. Doch die Frauen schienen ihn dafür zu lieben.

Nicht, dass er auf seine Weise nicht auch kultiviert war. Er verkörperte ein widersprüchliches und faszinierendes Image. Der raue, mächtige Rinderbaron und gleichzeitig hoch angesehene Geschäftsführer von M.A.P.C., der McAlpine Pastoral Company. Sonst hätte Oscar Balfour sich als schlauer, alter Fuchs in Geschäftsdingen auch nicht in das Unternehmen eingekauft.

Sosehr Olivia ihren Vater auch liebte und respektierte, momentan war sie etwas unsicher, was ihre Gefühle für ihn betraf. Er war nie wirklich das gewesen, was Bella und sie sich sehnlichst gewünscht hatten, ein Vater zum Anfassen. Immer auf der Jagd nach noch mehr Geld und Macht, hatte er nur selten Zeit für seine Töchter gehabt.

Eine ähnliche Brillanz in Geschäftsdingen und Rücksichtslosigkeit im Bestreben, an der Spitze mitzuspielen, glaubte Olivia auch in McAlpine erkannt zu haben. Ihr Vater hatte auf diese Weise jedenfalls drei Ehen verschlissen, sich einen folgenschweren One-Night-Stand zuschulden kommen lassen und sicher noch weitere Affären gehabt, von denen sie nichts wusste.

Die Tatsache, dass ihre eigene Mutter ihn ebenfalls betrogen hatte, ignorierte Olivia in diesem Zusammenhang. Wer wusste schon, was sie dazu getrieben haben mochte? Vielleicht hatte Oscar ihr ja gute Gründe dafür geliefert.

Olivia erinnerte sich an McAlpines Heirat mit einer australischen Erbin, die einen sehr ungewöhnlichen Namen hatte. Geendet hatte das Ganze in einem erbitterten Scheidungskrieg, was sie nicht im Geringsten überraschte. Vielleicht hatte auch er seine Frau schlecht behandelt oder sogar betrogen! Soweit sie informiert war, gab es auch eine Tochter aus dieser Ehe, die sicher bei ihrer Mutter lebte. Wie sollte sich ein Arbeitstier wie Clint McAlpine auch um die Bedürfnisse eines kleinen Mädchens kümmern?

Dafür strotzte der mächtige Rinderbaron geradezu vor maskulinem Sex-Appeal. Also würde er nicht lange allein bleiben. Sie selbst allerdings hatte nicht die geringste Absicht, sich in die Schar seiner Bewunderinnen einzureihen. Olivia bevorzugte den eher subtilen englischen Look und Style. Wie Justin ihn perfekt verkörperte, hätte er sich nicht als die falsche Ratte erwiesen, die er nun einmal war. Der Ausdruck stammte von Bella, nicht von ihr!

Energisch zwang Olivia ihre Gedanken in die Gegenwart zurück und sah sich erneut um. Ungläubig weiteten sich ihre Augen. War Darwin etwa ein tropisches Seebad? Um sie herum sah sie nur Palmen und andere exotische Grünpflanzen. In riesigen Kübeln blühten Blumen und Stauden jeder Couleur und verbreiteten einen geradezu betäubend süßen Duft. Vom ...

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