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Olivas Garten

Über die Autorin

ALIDA BREMER, geboren 1959 in Split/Kroatien, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik, Slavistik und Germanistik in Belgrad, Rom, Saarbrücken und Münster. Sie ist eine der wichtigsten Vermittlerinnen kroatischer Kultur in Deutschland, als Übersetzerin ist sie die deutsche Stimme u.a. von Edo Popović und Ivana Sajko. Sie hat zahlreiche Bücher und Sammelbände zu kroatischen Autoren und Themen veröffentlicht, sie schreibt Essays, Kritiken, Prosa und Gedichte auf Kroatisch wie auf Deutsch.

OLIVAS GARTEN ist ihr erster Roman.

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BASTEI ENTERTAINMENT

ANTIGONE:

Gab Kreon nicht dem einen unsrer Brüder

Des Grabes Ehr und weigert sie dem andern?

Eteokles barg er nach Recht und Sitte

Im Schoß der Erde heißt es, dass er drunten

Bei den Verstorbenen in Ehren steht,

Des Polyneikes armer Leichnam aber

Darf nicht beweint und nicht begraben werden –

So sei dem Volk befohlen, unbeklagt

Und unbestattet soll man ihn den Vögeln,

Sie lauern schon, zum üppigen Fraße lassen!

Ein solch Gebot hat uns der edle Kreon

Verkündet, dir und mir, du hörst: auch mir.

Und er wird selbst erscheinen, um es allen,

Die es nicht wissen, deutlich anzusagen.

Und damit scherzt er nicht: Wer’s dennoch tut,

Der stirbt durch Steinigung vor allem Volk.

So steht’s. Nun wirst du zeigen, bist du edel

Geboren oder schlugst du aus der Art.

(Sophokles)

Personenverzeichnis

Alida – Erzählerin. Mit einem zuverlässigen deutschen Ehemann verheiratet.

Ana – Ururgroßmutter der Erzählerin. Mutter von Paulina, Klara, Dora und Kata. Als sie 1878 ihren Mann Bartul heiratet, ist der Berliner Kongress in aller Munde, aber sie zeigt kaum Interesse an politischen Themen. Deshalb kann sie später ihrer wissbegierigen Tochter Paulina wenig darüber berichten.

Bartul – Anas früh verstorbener erster Ehemann, der seinen beiden Töchtern Paulina und Klara einen Weinberg und einen Olivenhain hinterlassen hat. Beide liegen allerdings an unfruchtbaren und gottverlassenen Orten.

Benedikt – Sohn von Paulina und Jakov, Bruder von Oliva. Mit seiner ersten Frau Magdalena hat er die Kinder Bianka und Niko; mit seiner zweiten Frau Laura einen Sohn, der zunächst Marin genannt wird. Als sein Heimatort 1941 von italienischen Faschisten besetzt wird, schließt er sich dem Partisanenkampf an.

Bianka – Tochter von Benedikt und Magdalena und wichtigste Vertraute der Erzählerin auf der Suche nach den Familiengeheimnissen.

Blaž – Sohn von Klara und Stipe und Stiefsohn von Jure.

Dora – Jüngere Tochter von Ana und Frane und Halbschwester von Paulina und Klara. Ihr Schicksal ähnelt jenem von Kata.

Duje – Bruder der Erzählerin

Flora – Mutter der Erzählerin. Die älteste der drei Töchter von Oliva und Šimun. Bekannt dafür, dass sie immer den Spruch »nema problema« – »es gibt keine Probleme« auf den Lippen führt.

Frane – Zweiter Mann von Ana. Vater von Kata und Dora. Er unterstützt seine Stieftöchter Paulina und Klara, als wären sie seine eigenen Kinder. Als 1928 im Parlament des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen ein Attentat auf fünf kroatische Abgeordnete verübt wird, vertritt er die Meinung, dass man in Krisenzeiten besser in vertrauter Umgebung leben solle.

Ivan – Vater der Erzählerin und Floras Ehemann. Leidenschaftlicher Koch.

Jakov – Paulinas früh in Australien verstorbener Ehemann. Er ist einer jener Auswanderer, die es immer wieder aus Dalmatien in die große Welt zieht. Er plante, bald zurückzukehren oder seiner Frau und seinen Kindern Benedikt und Oliva Schiffsfahrkarten zu senden, doch dazu kommt es nicht, da er einer Fiebererkrankung erliegt.

Jerolim – Biankas Ehemann. Schreibt Gedichte und Geschichten, aus denen die Erzählerin viel über das Leben in Vodice vor dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat.

Jure – Klaras zweiter Mann und Stiefvater von Blaž. Er stirbt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Trauer um seine Frau Klara.

Kata – Ältere Tochter von Ana und Frane und Halbschwester von Paulina und Klara. Über sie gibt es nicht viel zu erzählen, außer dass sie sich in ihrer Familie wohlfühlt, immer allen behilflich und früh unverheiratet verstorben ist.

Klara – Paulinas jüngere Schwester. In ihrer ersten Ehe mit Stipe wird ihr Sohn Blaž geboren. Klara stirbt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Laura – Zweite Frau von Benedikt und Mutter von Marin

Magdalena – Erste Frau von Benedikt und Mutter von Niko und Bianka. Geprägt durch ihren Onkel und ihren Bruder ist sie überzeugte Kommunistin. Magdalena hat eine schwache Gesundheit und stirbt jung.

Marin – Sohn von Benedikt und Laura. Warum Marin später in Lovro und noch später in Benedikt umbenannt wird, ist im Roman erklärt. Die Namen Laura und Lovro sind von laurus – Lorbeer abgeleitet; in Olivas Garten ist der Lorbeerbaum eine Art Gartenkönig.

Mirta – Floras mittlere Schwester. Lebt mit ihrem Mann auf der Insel Hvar und kann immer noch nicht glauben, dass sie nie mehr in den Ort ihrer Geburt und ihrer Kindheit zurückkehren wird.

Niko – Sohn von Benedikt und Magdalena

Oliva – Großmutter der Erzählerin. Tochter von Paulina und Jakov. Mutter von Flora, Viola und Mirta. Sie heiratet Šimun, einen politischen Mitstreiter ihres Bruders Benedikt, obwohl es vielleicht nicht die beste Wahl für sie ist. Nachdem sie 1945 aus einem deutschen Lager zu Fuß nach Hause zurückgekommen ist, liegt sie nur noch auf ihrer Ottomane und ist 1991 – als ein neuer Krieg ausbricht – verwirrt, da sie glaubt, in die Vergangenheit versetzt worden zu sein.

Paulina – Urgroßmutter der Erzählerin und Tochter von Ana und Bartul. Mutter von Benedikt und Oliva und Großmutter von Niko, Bianka, Marin, Flora, Mirta und Viola. 1903 heiratet sie Jakov, einen Gesellen ihres Stiefvaters Frane. Paulina ist bereits Witwe, als Gavrilo Princip 1914 in Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine schwangere Frau Sophie tötet, ein Ereignis, das Paulina missbilligt, obwohl sie sonst viel Verständnis für revolutionäre Ideen hat.

Šimun – Großvater der Erzählerin, Olivas Ehemann. Angeblich hatte er eine Liebhaberin, über die aber nichts bekannt ist. Überzeugter Kommunist und Partisanenkämpfer. Jäger und Fischer. Vater von Flora, Viola und Mirta.

Stipe – Klaras früh verstorbener Ehemann. Vater von Blaž.

Viola – Floras jüngste Schwester. Sie bringt die Erzählerin auf die Idee, ein Buch über die Familie zu schreiben.

Münster, Frühjahr 2008

Der Brief war in Zadar aufgegeben worden. »Der rosarote Traum«, ein schlafender Frauenakt, Öl auf Leinwand von Vlaho Bukovac, zierte die Briefmarke. Der Stempel verkündete: Pošta Zadar – Republika Hrvatska.

Mein Mann sammelt Briefmarken – nur Männer können sich mit so etwas beschäftigen! – und da Briefe rar geworden sind, war er entzückt. Sofort sprudelte philatelistisches Wissen aus ihm: Als 1919 die Stadt unter italienische Verwaltung gekommen war, wurde der kroatische Teil des zweisprachigen Stempels, den die Österreicher eingeführt hatten, entfernt. Sie wurde von den Stempeln abgekratzt, scalpellata. Nur der italienische Name Zara blieb übrig, während das kroatische Zadar verschwand.

Posta Zara, das klingt wie Pasta Zara. Zara-Nudeln oder Brioni-Anzüge – in den Namen der italienischen Manufakturen sind die Überreste eines Imperiums verewigt worden, das sich von den Apenninen über die schmalste Stelle des Mittelmeers in Richtung Osten erstreckte.

Ich drehte und wendete den Brief, anstatt ihn zu öffnen, während mein Mann mit begehrlichem Blick auf die Briefmarke starrte.

Schon lange heißt die Stadt wieder Zadar. Heute ist die italienische Gemeinschaft in diesen Gebieten »scalpellata.« Die kroatischen Partisanen hatten nach der Befreiung meiner Geburtsstadt Split einen Brunnen in die Luft gesprengt, der von italienischer Hand erbaut worden war, und zeigten auf diese Weise, dass mit ihnen nicht zu spaßen war.

Ab und zu versammeln sich die italienischen esuli, um gegen ihre Vertreibung zu protestieren. Sie, die Italiener, seien 1945 ohne Grund aus ihrer Heimat vertrieben worden, so als könnte man Istrien und Dalmatien diesen slawischen Barbaren überlassen und als sähe nicht jeder sofort, dass es sich um italienische Gebiete handele, es genüge doch, den Duft der Kräuteröle einzuatmen, die Oliven zu kosten, das Meer rauschen zu hören und die lateinischen Inschriften auf den Gräbern zu lesen, um zu erkennen: Hic Italia est. Doch taub sind die Ohren der Gerechtigkeit.

Auch der Maraschino, ein süßlicher Likör, wurde zunächst nur von den Italienern aus Zara produziert, während die kroatischen Bauern die Maraska-Kirschen züchteten und für wenig Geld an die Fabrik lieferten. Die Bauern produzierten loza, füllten Flaschen mit Zucker und Kirschen und ließen sie in der Sonne stehen, bis sie zur višnjevača vergoren waren, einem Schnaps in der Farbe getrockneten Blutes. Heute beanspruchen die Kroaten den Maraschino für sich.

Ein Brief aus Zadar, ich kenne niemanden in dieser Stadt, obwohl die Geschichte meiner Mutter mich mit ihr verbindet. Sie ließ dort einst beim Fotografen in der Calle Larga, der Breiten Straße, ein Passfoto machen. Der Fotograf war von ihrer Schönheit – ein Wort, das sie nie verwendet, um nicht eitel zu wirken – so angetan, dass er das vergrößerte Foto in seinem Schaufenster aufstellte. In der Dämmerung, wenn auf dem Corso das Flanieren einsetzte, jenes Auf und Ab auf dieser sich hinziehenden Straße, Frauen auf der einen, Männer auf der anderen Seite, konnten alle das schwarz-weiße Porträt meiner Mutter bewundern, auf dem der Fotograf die Lippen kräftig und die Wangen leicht rot koloriert hatte.

Der Briefkopf trug ein Logo, in das der Schriftzug »Rechtsanwälte und Notare Dalbello, Gracin, Marković und Matić« eingearbeitet war, schwarz und silbern. Herr Marković schrieb, dass meine vor achtzehn Jahren verstorbene Großmutter Oliva mich als Erbin eines Olivenhaines benannt habe, wobei die Rechtmäßigkeit erst noch festzustellen sei, da die Parzelle, auf der sich der Olivenhain befinde, zwar in der Vergangenheit mit amtlichen Kennziffern versehen, aber bis dato noch nicht in die Grundbücher des neuen Staates eingetragen worden sei. Wenn ich mich unter Angabe meiner Identifikationsnummer bei ihm melde, wolle er mich über das Prozedere aufklären. Man werde nicht ohne ein Gerichtsverfahren auskommen, in dessen Verlauf ich alle Personen, die in die Akte zu diesem Grundstück eingetragen worden seien, aus den Büchern werde streichen lassen müssen. Bei den Verstorbenen würde ich den Nachweis über deren Ableben beizubringen haben und bei den noch Lebenden eine Erklärung, dass sie von ihrem Anspruch auf diesen Besitz Abstand nähmen, andernfalls würde ich sie verklagen müssen, was der einzige Weg sei, alle Namen aus dem Grundbuch streichen zu können.

Er schrieb weiter, dass es drei für hiesige Verhältnisse recht ungewöhnliche Urkunden zu drei Grundstücken meiner Familie gäbe, diese aber aus zwei zerfallenen Staaten, Österreich-Ungarn und dem Königreich der Serben, Slowenen und Kroaten, stammten, was sie unter Umständen vor einem Gericht anfechtbar machen würde. Eine dieser Urkunden beziehe sich auf den Olivenhain, den ich mit etwas Geduld eines Tages mein Eigen nennen könnte.

Bei dem Gedanken daran, wie viele meiner Ahnen, Cousinen, Schwager, Onkel, Tanten und Urgroßmütter in dem Grundbucheintrag auftauchen können, wurde mir nur deshalb nicht schwindelig, weil ich mich noch während des Lesens entschloss, diesen Brief zu ignorieren. Die letzte Ordnung, die es in den Grundbüchern des Landes gab, hatte die österreichisch-ungarische Monarchie vor 1914 eingeführt – und das war schon sehr lange her.

Eine Identifikationsnummer hatte ich nicht, und von Oliven verstand ich nichts, und da ich ab und zu in der einen oder anderen heiteren Runde den Erzählungen gelauscht habe, in denen es um den Kampf mit Grundbuchdokumenten, Katasternummern und ähnlichen Dingen ging, die man sich in Kroatien gern lachend bei einem Glas Wein erzählt und bei denen alle Beteiligten wetteifern, wer die absurdere Geschichte vorzutragen hat, wusste ich sofort, dass ich mir all das nicht antun wollte.

Doch der Gedanke ließ mich nicht los, dass meine Großmutter ausgerechnet mir diesen Hain vermacht hatte, auf dem laut Brief von Herrn Marković stolze zweihundert Olivenbäume – »vernachlässigt, aber in gutem Zustand« – standen, die zwar »zur Zeit keine üppige Ernte tragen, da Olivenbäume wenig Pflege, aber dennoch etwas Mühe fordern, doch bei fachgerechter Handhabung durchaus im Stande sind, Hunderte Liter Öl zu erbringen.«

Der Geschmack von Olivenöl drang in meine Erinnerung. Ich wusste, dass der Briefschreiber nicht jene blassgelben, dünnflüssigen, jungfräulichen Öle in eleganten italienischen Fläschchen meinte, sondern die leuchtend grünen, zähflüssigen, leicht bitteren Öle, die mich in Deutschland in Fanta- oder Cola-Plastikflaschen erreichen, mein Vater schickt sie mir, sobald sich eine Gelegenheit ergibt, er kauft sie bei den Marktfrauen in Šibenik oder Split, ich fülle sie dann in dunkelgrüne Mineralwasserflaschen um.

Mein Vater hat schon manche Güter über die EU-Grenzen geschmuggelt: Einen Oktopus etwa, der am frühen Morgen in Dalmatien aus dem Eis genommen wurde und am nächsten Tag gerade rechtzeitig aufgetaut in Westfalen eintraf, denn einen Oktopus muss man nach dem Fang entweder lange genug gegen die Hafenmauer schlagen oder – seit dem Beginn des technischen Zeitalters – einfrieren, um ihn so hinreichend weich für einen Oktopussalat zu bekommen. Auch ein geräuchertes Schinkenbein, an dem nur noch sehr wenig Fleisch saß, und dazu ein Säckchen Wachtelbohnen, woraus mein Vater – kaum aus dem Auto gestiegen – eine pašta-fažol ansetzte, eine Bohnen-Nudel-Suppe, ursprünglich unter dem italienischen Namen pasta e fagioli bekannt, eine Tatsache, über die sich mein Vater nur entrüstet hätte, sodass ich ihn nie darauf aufmerksam gemacht habe. Dieses Gericht gelingt nur, wenn man als Grundlage ein solches Schinkenbein aus der Region Drniš zur Verfügung hat. Da es nicht mehr beliebig viele Schinken aus Drniš gibt, vor allem nicht, seitdem Ratko Mladić für gewisse Dienste ausgerechnet in dieser Gegend seinen Generalsgrad verliehen bekam, bevor er dann weiter nach Bosnien und Herzegowina zog, brachte mir mein Vater dieses Mal keinen ganzen Schinken, sondern nur den Knochen mit.

Als ich in Italien studierte, ließ er einmal eine Portion gekochten Mangolds mit Kartoffelwürfeln, mit Olivenöl und einem Hauch schwarzem Pfeffer abgeschmeckt, auf einer Fähre nach Ancona und dann weiter mit dem Zug nach Rom transportieren. Als mich diese Mahlzeit an einem Aprilabend in meinem römischen Zimmer erreicht hatte, erzählte mir die Überbringerin dieses Geschenks, dass mein Vater auf ihren Einwand, in Rom gebe es nun wirklich auch Mangold und Olivenöl, von Kartoffeln ganz zu schweigen, trocken geantwortet habe: »Aber doch nicht solche.«

Er transportierte geräucherte Würste aus Vrlika, frische runde Käselaibe, die mich an Mozzarella erinnerten, was er aber mit einer wegwerfenden Geste zurückwies und behauptete, Mozzarella schmecke wie Seife, er schickte Mandeln, Walnüsse, Birnen, Anchovis, milchgesäuerte Kohlköpfe, ohne die man keine sarma kochen kann, ein Gericht, das seinen Ursprung eindeutig in der türkischen dolma hat – aber was ist schon der fremde Ursprung im Vergleich mit unserer einheimischen Verfeinerung!

Als die Nachricht vom Rinderwahn in Europa auch meine Geburtsstadt erreicht hatte, rief mein Vater mich an und fragte besorgt, ob ich glaube, dass ein Pilot, der von Split nach Düsseldorf fliege, bereit sei – für etwas Entgelt natürlich und wenn er, ein alter Mann, ganz höflich bitte –, einige dünn geschnittene Schnitzel mit nach Deutschland zu nehmen? Sein Bruder habe gerade ein Kälbchen geschlachtet, und da ich in Europa auf Dauer sowieso entweder vergiftet, wahnsinnig oder anämisch werden würde, könnten mich diese Schnitzelchen von einem gesunden Kälbchen zumindest vorläufig retten. Sollte der Pilot nichts dagegen haben, werde er ihm einmal in der Woche kleinere Fleischportionen in geeigneter Verpackung zum Flughafen bringen, freilich, gute Kälbchen seien rar, so mein Vater, aber er werde schon immer wieder etwas finden können, ob Schwein, Rind oder Lamm, es werde immer von bester Qualität sein, auch vernünftige Hühner könne er auftreiben und natürlich die frischen Eier dazu, für den Piloten würde er ebenfalls gerne jeweils ein Päckchen zusammenstellen, er beabsichtige selbstverständlich das Entgegenkommen des Piloten mit eigenem Entgegenkommen zu vergelten. Ich müsse dann nur die 120 km zum Flughafen fahren und dort seine Sendungen in Empfang nehmen.

Zum Glück konnte ich ihm diese Idee ausreden, indem ich unter großem Bedauern meinen Zweifel an der Flexibilität heutiger kroatischer Piloten äußerte, die einem ganz anderen Menschenschlag angehören würden als die guten alten Jugo-Busfahrer, die tagelang Gastarbeiter hin und her transportieren.

Nicht selten wanderten seine Sendungen in den Müll. Die geräucherten Rippchen verbreiteten einen unangenehmen Geruch, aus dem Mehl stiegen Motten auf, aus schlecht verschlossenen Behältern tröpfelte es und stank nach Fisch, die Miesmuscheln zeigten dunkle Verfärbungen in ihrem erschlafften gelben Fleisch, dem hausgemachten Wein schmeckte man jeden Hitzestau und alle Erschütterungen an, denen er im Kofferraum ausgesetzt war. Nur den Schnäpsen und Ölen konnte der Transport nichts anhaben.

Jetzt eröffnete sich für mich die Perspektive einer eigenen Ölproduktion!

Ich versuchte dagegen anzukämpfen, aber es nutzte nichts: Den ganzen Nachmittag stellte ich mir immer wieder vor, wie ich meine Zelte in Deutschland abbrechen und ab sofort nur noch in der Sonne leben würde. Ich sah mich im Januar Mandarinen pflücken, sah mich im Februar die Mandelblüte bewundern, im Sommer die langen dunklen Früchte des Johannisbrotbaums knabbern, während mich eine Duftwolke von Lavendel und Rosmarin umgeben würde. Ich sah mich im Herbst am Ende einer vom Regen glänzenden Gasse zwischen den Renaissancepalästen stehen und einer energischen Nonne zusehen, die mit flatterndem schwarzen Kleid um eine Ecke verschwindet – ein Bild, das mich seit meiner Kindheit begleitete.

»Eigene Oliven«, sagte mein Mann nachdenklich. »Du wärest verrückt, den Kampf von vornherein aufzugeben. Dieser Rechtsanwalt bietet sich an, die Dinge für dich zu klären, du müsstest nicht viel tun.«

Sah er sich schon als Gutsverwalter, der seine Olivenbäume zu Pferd besichtigt und für sein eigenes extra vergine fantasievolle Etiketten entwirft?

»Nur meine halbe Familie verklagen und eine ganze Reihe von toten Verwandten endgültig begraben, die in den Grundbüchern noch als lebend geführt werden. Und um mich über dieses Erbe zu informieren, haben meine Mutter und meine Tanten gerade mal schlappe achtzehn Jahre gebraucht.«

»Es wäre die perfekte Gelegenheit, auch die anderen offenen Besitzfragen in der Familie zu klären«, setzte mein Mann unbeirrt fort. »Deine Mutter und ihre Schwestern werden von lokalen Bonzen an der Nase herumgeführt, und zusätzlich werden alle drei und auch ihre Cousine Bianka vom Staat betrogen.«

Ich seufzte laut und wollte in meinen deutschen Alltag zurückkehren.

»Der Tourismus ist im Kommen, der Wert wächst, ihr dürft das nicht einfach kampflos irgendwelchen Profiteuren überlassen«, sagte mein Mann vorsichtig.

»Ich habe nur einen Brief, in dem etwas von einem verwahrlosten Olivenhain steht. Der Hain liegt auf einem Berg, ist also kein Baugrundstück. Und außerdem – in dieser Familie haben ständig alle um irgendetwas gekämpft, die Ergebnisse waren gewöhnlich nicht sehr erfreulich.«

»Kroatien will in die EU aufgenommen werden, und dafür müssen solche Fragen geregelt werden«, mein pragmatisch denkender Ehemann mit seinem unerschütterlichen bundesrepublikanischen Glauben an die Gerechtigkeit der europäischen Institutionen gab nicht auf. »Die EU basiert auf Privateigentum, das muss auch für Kroatien gelten.«

Ich spürte, wie meine Resignation wuchs: »Wahrscheinlich zerfällt diese Union just in dem Moment, in dem Kroatien ihr beitritt.«

»Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn wir unser eigenes Olivenöl hätten«, sagte er kämpferisch.

Offenbar gefiel meinem Mann diese Vorstellung. Einmal in Gang gesetzt, sind solche Träume nicht mehr leicht aufzuhalten.

Oliva liegt auf einer schmalen Ottomane und kühlt ihr Gesicht mit einem Fächer. Auf den gelben Plastiklamellen, die vornehm schimmern, als wären sie aus Elfenbein, sind schwarz lackierte Gondeln und jene bunten Bänder eingraviert, die an den Hüten der Gondolieri hängen. Oliva war nie in Venedig, nicht sie hat dieses praktische und bei Hitze wohltuende Souvenir mitgebracht, sondern ihre Enkelin Alida. Als die Kleine geboren wurde, hatte Oliva einen ganz anderen Namen vorgeschlagen, aber ihre Tochter Flora, die einen Hang zum Mondänen hatte, obwohl sie mit ihrem Mann in einem Zimmer ohne fließendes Wasser wohnte (das Wasser holte man vom Hof, die Toilette war auch auf dem Hof in einem Holzhäuschen untergebracht), erklärte ihr, dass eine selbst in Amerika bekannte Schauspielerin, die schön wie Schneewittchen und Italienerin aus Istrien sei, Alida heiße. Keine esula, sondern eine von denen, die schon zu den Zeiten, in denen Istrien noch zu Italien gehörte, nach Rom gegangen waren. Oliva weiß nicht, was eine esula ist, aber sie kann es sich vorstellen. Wie auch immer, ihre Tochter hatte so sehr von der angeblich bereits erkennbaren Schönheit der Kleinen geschwärmt, dass Oliva nicht den Mut aufgebracht hatte, auf das leicht schielende rechte Auge des Babys hinzuweisen. Und sie fand Gefallen an diesem Klang: Alida. Mit einem schönem A am Anfang. Am Anfang ihres eigenen Namens steht leider ein O als schlechtes Omen, rund wie ein Ei, und so fühlt sie sich heute auch, ach, warum soll man das Ei bemühen, rund wie eine Olive, denkt sie und lächelt vor sich hin, nur dass mein Inneres kein harter Kern ist, wie schade.

Vodice, 2008

Ich komme nicht gerne nach Vodice. Das Haus meiner Großeltern ist heute das zerfallende Erbe dreier Schwestern, die sich nicht einigen können, was sie damit anstellen sollen. Meine Mutter Flora und ihre jüngere Schwester Viola würden dort gerne ein Hotel eröffnen, was ihre mittlere Schwester Mirta verärgert und mich und meinen Bruder wehmütig macht, weil wir die dunklen Balken der Zimmerdecken, die Dachterrasse, über die in der Dämmerung die Schwalben fliegen, und die Pergola mit den Kardinaltrauben im Hof vermissen werden.

Meine Mutter redet immer wieder auf ihre Schwester Mirta ein, doch Mirta bleibt allen finanziellen Verlockungen zum Trotz hart wie ein Fels in der Brandung. »Das Haus ist eine Erinnerung an unsere Eltern!«, sagt sie, entsetzt von der Respektlosigkeit der älteren Schwester. »Von Erinnerungen kann man nicht leben!«, schnaubt Flora, und am Ende mischt sich ihre Cousine Bianka ein: »Nun nehmt euch doch zusammen, Mädchen, ihr findet schon eine Lösung, wenn die Zeit dafür reif ist.«

Tante Bianka setzt immer auf die Zeit. Dass sie ihre Cousinen, die beide über siebzig sind, immer noch Mädchen nennt, passt dazu.

Flora und Viola sagen, dass Häuser vor uns da waren und nach uns da sein werden, und deshalb sollte man nüchtern handeln. Mirta weiß das auch, deshalb sieht sie nicht ein, dass man in Bezug auf das Haus irgendetwas ändern sollte. Und die Zeit schreitet unermüdlich fort, ganz im Sinne von Tante Biankas Weisheit.

Der Verfall des Gebäudes geht indessen munter weiter, so wie sich das Dornengestrüpp auf den Olivenhainen und in den Gärten der Familie verbreitet, die an den Hängen des nahe gelegenen Berges Okit liegen. Bald wird der Niedergang mit seinen verheißungsvollen Spuren alles bedecken: die Steinplatten im Hinterhof, die modernden Weinfässer im Keller, die einst grünen Fensterläden, die vom grauen Schleier abblätternder Farbe überzogen sind, die Ziegelkuppen auf dem Dach, die rostig schimmern und an verblasste Blutflecken erinnern. Als hätte dort oben auf dem Dach dieses Steinhauses, unter der Sonne Dalmatiens ein Mord stattgefunden.

Das Haus betritt man durch eine Holztür. Ein kühler Korridor führt an den grün gestrichenen Türen der konoba vorbei. Hier konnte man früher in die Duftwolke des Öls und des eingekellerten Weins eintauchen, um einige der auf weißen Tüchern ausgebreiteten Mandeln und Feigen zu stibitzen und sie dann auf dem Weg zum Strand zu naschen, damals, als wir – fünf Enkelinnen und ein Enkel – unsere Sommerferien bei den Großeltern verbrachten.

Wir liefen den ganzen Tag barfuß herum, und am Abend stellte uns Viola im Hof in eine Reihe und spritzte uns mit einem Gartenschlauch ab, wir durften nicht kreischen, wir mussten es schweigend und Grimassen schneidend über uns ergehen lassen, um dann erfrischt in das Wohnzimmer zu gehen, wo auf dem Boden Matratzen für alle Kinder ausgelegt waren.

Heute stapeln sich hier staubige Kartons mit nicht verkauften chinesischen Sandalen und T-Shirts, eingeschweißt in dünne Folie, da einer von Violas Schwiegersöhnen den Raum an Marktverkäufer vermietet hat, die die Billigware wohl an Touristen verscherbeln sollten, Menschen, die in dem Glauben hierher kommen, dass sie in diesem Winkel Europas die gleichen unbequemen Schuhe und die gleichen fantasielos beschrifteten T-Shirts finden können wie zu Hause, nur eben noch günstiger. Die Rechnung ging nicht auf, und jetzt lagert dieser Krempel, dieses Sediment der globalen Marktwirtschaft, die auch die letzten ehemals sozialistischen Orte erobert hat, hier im Weinkeller, an der Stelle, wo sich einst die Flaschen mit Kirschschnaps im Holzregal aneinanderreihten. Die Marktverkäufer haben sich inzwischen umorientiert und versuchen nun, den Touristen Öldrucke mit Schiffen im Sturm sowie rote Ketten aus falschen Korallen anzudrehen.

Der Verfall ist wie der feuchte Sand, der in alle Körperöffnungen dringt und der noch Wochen nach den Sommerferien zwischen den Blättern der Bücher, die man am Strand gelesen hat, zu finden ist.

Der Korridor endet mit einer zweiten Holztür, die keine Klinke hat, sondern einen Riegel, an dessen beiden Enden eine Schnur aus Leder befestigt ist, an der man zieht, um den Riegel aus seiner Fassung zu heben. Dann kann man die Schnur zu sich ziehen und damit die Tür öffnen. Dabei lässt der Riegel ein freundliches Klapp! hören. Jenseits dieser Tür geht der Gang weiter, an der rechten Seite befindet sich eine Waschküche. Erst wenn man sie passiert hat, kommt man in den Innenhof, von dem eine Steintreppe nach oben zu einer hübschen Terrasse und von dort aus zum eigentlichen Wohnbereich führt.

Im Innenhof wachsen Rosen, die einst Großmutters ganzer Stolz waren. Immer wenn sie zum Grab ihrer Eltern auf dem nahe gelegenen Friedhof geht, schneidet meine Mutter eines dieser prachtvollen Exemplare ab, die wie das Innere eines bulgarischen Souvenirshops nach Rosenöl riechen. Die Rose steckt sie dann in die kleine Marmorvase auf dem Grab, von dem Viola den kommunistischen roten Stern entfernt hat, aber die fünf Bohrlöcher in dem weißen Stein erinnern verräterisch an ihren verstorbenen Vater.

Nun war ich doch nach Vodice gekommen, mit einem Brief aus Zadar in der Tasche. Die Großmutter hatte alle Enkelinnen in ihrem Testament mit jeweils einem Geschenk bedacht. Darunter waren ein bescheidenes Sparbuch, ein Paar Ohrringe und eine Kette, alles aus Gold und verziert mit Perlen und Granatsteinen, zwei kleine Kirschgärten und ein handtuchgroßes Grundstück direkt am Strand. Meinem Bruder, dem einzigen Enkel, hatte sie den alten Fischkutter hinterlassen, mit dem ein Pächter derzeit Touristen zu den Kornateninseln und abends von dort zurück brachte, benommen von der Sonne, den Sardellen, dem billigen Wein und dem Wind.

Als ich Viola sagte, dass ich der Genealogie der Familie und ihrer Besitztümer auf der Spur sei, hakte sie sich bei mir ein und meinte vergnügt: »Ich werde dir alles erzählen, genau so, wie es war, und du sollst das aufschreiben. Mach ein Buch daraus! Aber du musst die Geschichte etwas schönen, du kannst uns schließlich nicht so darstellen, wie wir wirklich sind. Besonders musst du meinen Vater verändern.«

Ich verstand sie nicht. Großvater war für mich immer ein Held gewesen.

»Erstens«, erklärte sie mir, »wenn er nicht so blöd gewesen wäre, dann wären wir heute reich! Nachdem er in den Fünfzigern fast alles der Gemeinde und dem Staat geschenkt hatte, nahm man ihm in den Siebzigern das einzige verbliebene, größte und wertvollste Grundstück weg, nach dem Motto, dem Genossen Šimun wird das wohl am wenigsten wehtun.«

»Warum haben sie es getan? Was steckte dahinter?«, fragte ich und bereute es sofort, denn eigentlich hatte ich mir vor meiner Abreise aus Deutschland versprochen, mich nur um meinen Olivenhain zu kümmern.

»Die Partei hat entschieden, dass der Ort ein Riesenhotel braucht, und da niemand von den Bonzen eigene Grundstücke opfern wollte, sagten sie sich, Šimun sei so mit dem Herzen dabei, ihn würde es am wenigsten treffen, wenn sein Grundstück dafür herhalten müsse.« Sie nahm ihrem Vater übel, dass er mit seiner Begeisterung für die kommunistische Idee gezeigt hätte, wie wenig er an seine Familie dachte. »Der Kommunismus hatte sein Gehirn ausgetrocknet.«

Ich stellte mir Großvater vor wie Don Quijote, auch ihm hatte das Lesen von Ritterromanen das Gehirn ausgetrocknet:

Schließlich versenkte er sich so tief in seine Bücher, daß ihm die Nächte vom Zwielicht bis zum Zwielicht und die Tage von der Dämmerung bis zur Dämmerung über dem Lesen hingingen; und so, vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen, trocknete ihm das Hirn so aus, daß er zuletzt den Verstand verlor.

Die kommunistischen Broschüren waren so viel langweiliger als die Ritterbücher, aber sie waren von den gleichen Ideen der Gerechtigkeit beflügelt. Tante Viola hielt wenig von diesen Ideen, die ihr Vater nach der Rückkehr aus dem Krieg zu predigen pflegte, bevor er sich jeden Abend auf den Weg zu seiner Liebhaberin machte. Es war das erste Mal, dass ich etwas von einer Liebhaberin hörte!

»Mama hat mir davon nichts erzählt«, bemerkte ich bemüht gleichgültig. Es war typisch für meine Mutter, dass sie von unangenehmen Dingen weder etwas erzählen noch hören wollte.

Wir gingen an den Fischerbooten im Hafen vorbei, und ich erinnerte mich daran, wie ich mit meinem Großvater in der Abenddämmerung aufs Meer gefahren war, um Tintenfische zu fangen. Die Tintenfische taten mir leid, obwohl ich stolz war, wenn ich endlich den ersten nach oben gezogen hatte – Großvater assistierte mir dabei und lachte viel, er lachte immer viel, genauso wie seine jüngste Tochter Viola.

»Du kannst dich doch sicher auch daran erinnern«, fragte Viola, »wie er gegen den Nationalismus wetterte und die Einheit Jugoslawiens beschwor?«

»Damals hielt ich ihn für fortschrittlich«, gab ich kleinlaut zu.

Nun sah ich ja, was daraus geworden war. Er hatte fortdauernd die Brüderlichkeit und Einheit der jugoslawischen Völker beschworen. Diese wunderbare Brüderlichkeit und Einheit sei etwas ganz Besonderes, so predigte er. Das Land der Selbstverwaltung! Das Land, das sich aus eigenen Kräften von den Faschisten befreit habe! Das Land, das die blockfreien Staaten anführe! Weder Westen noch Osten! Weder Orient noch Okzident! (Weder Fisch noch Fleisch, würde Viola dazu sagen.)

»Und wegen dieser Besonderheiten wurde die ganze Welt zum Feind erklärt«, meinte Viola. »Und all die Gedichte, die man in den Schulen lernte: Jugoslavija, du stolzes Mädchen mit blauen Augen wie das Meer und blondem Haar wie Getreide – so ein Quatsch.« Sie schüttelte sich.

Sie redete so, wie mein Vater früher geflüstert hatte – über so etwas durfte man nur flüstern. Ich hatte damals Satzfetzen aufgeschnappt, eher über die Haut aufgenommen, geahnt, dass etwas nicht stimmte.

Die glückliche Zukunft, die sich uns allen in einem derartig phantastischen Land eröffnete, malte mein Großvater in den schönsten Farben. Wer sollte den Sieg der Tito-Partisanen im Krieg aller Kriege nicht bewundern wollen? Die Befreiung! Und die Revolution! Mein Bruder Duje und ich zweifelten nie daran, dass unser Großvater Šimun zu den Guten gehörte, und unser rückständiger Vater Ivan ging uns auf die Nerven mit seiner Flüsterei und den plötzlichen Themenwechseln, die er vollzog, wenn wir in die Küche kamen, in der er schon wieder irgendwelche Hühnerlebern dolce-garbo brutzelte.

»Nichts als hirnlose Parolen«, brummte Viola, immer noch bei mir eingehakt.

Einzig Šimuns kulinarische Fertigkeiten erkannte sie an – niemand konnte gefüllte Tintenfische backen wie er, sagte sie. Auch all ihre Versuche, es ihm gleichzutun und Reis mit Olivenöl und Petersilie im Ofen zu backen, waren fehlgeschlagen, er hatte einfach ein Händchen dafür gehabt, bei ihr schmeckte es nie so wie bei ihm.

Er breitete den Reis in einem flachen Backblech aus, begoss ihn mit Öl und heißem gesalzenen Wasser (»Hat er vielleicht Meerwasser verwendet?«, fragte ich), und dann wendete er die Reiskörner immer wieder, geduldig wie es nur ein Fischer oder ein Soldat sein kann, gewohnt daran, stundenlang zu warten. Mit etwas Wehmut überlegte ich, dass mein Vater diese Geduld nie aufgebracht hat und dass deshalb bei seinen Köstlichkeiten immer irgendetwas nicht stimmte.

»Als wir nach seinem Tod das eine oder andere Rezept nachzukochen versuchten, mussten wir feststellen, dass etwas fehlte«, sagte Viola, »vielleicht hast du recht, vielleicht kochte er wirklich mit Meerwasser. Vielleicht hat er auch Weißwein benutzt.«

Sie blieb stehen und wies auf eine weiße Bank. Vor uns lag die Uferpromenade, die ohne Touristen viel schöner war, als ich sie in Erinnerung hatte. Wir setzten uns auf die Bank und Viola fragte: »Kennst du das Rezept für Steinsuppe? Als wir im Krieg nichts zu essen hatten, kochten wir sie. Man holt einen Stein aus dem Meer, der mit Moos und Meeresgras bewachsen ist, in das sich Krabben verkrochen haben, außerdem muss der Stein überzogen sein von kleinen Muscheln, man gießt Wasser darüber, und wenn man Weißwein hat, gibt man zwei Gläser dazu, dann kocht man ihn so lange, bis alles abgefallen ist, den Stein schmeißt man fort und gibt noch einige Tropfen Olivenöl zur Suppe – sie schmeckt vorzüglich.«

In seiner Loyalität zur Partei war Großvater unerbittlich. Seine Mitstreiter und vor allem Mitstreiterinnen, für die er während der langen Sitzungen nach dem Krieg die letzten Vorräte auf den Tisch brachte, wurden von den Frauen des Hauses – von Oliva, Bianka, Flora, Mirta und Viola – allenfalls skeptisch geduldet, da sie selbst hungrig ins Bett gehen mussten. Sie konnten lange nicht einschlafen, das immer lautere Lachen aus der Küche hielt sie wach. Nur meine Urgroßmutter Paulina, die auch bei ihnen wohnte, sagte: »Deine Freunde bringen dir etwas und nehmen etwas fort. Wehe dem Haus, in das niemand einkehrt.« Paulina schlief auf der oberen Etage mit den Mädchen zusammen, und Oliva wartete vergeblich im Ehebett auf ihren Mann, der am Ende solcher Sitzungen die Genossinnen nach Hause begleitete.

Das alles, meinte Viola, müsse in meinem Buch geschönt werden, denn die schmutzige Wäsche wollen wir unter uns waschen, rief sie und kicherte mit ihrem Gesicht voller feiner Falten, die die Sonne schon früh in ihrer Jugend hinterlassen hatte.

»Tante Viola«, sagte ich, »was denkst du, sollte ich eine solche Geschichte auf Deutsch schreiben?«

Bei Friedrich Schiller stehlen blutrünstige Kroaten Halsbänder. Immerhin zeigen sie ein Gespür für Schönheit – ein »Kroat« bewundert Perlen und Granat, wie sie in der Sonne flinkern. Bei Günter Grass plündern sie alles Essbare, was sie in den Gaststätten um Telgte herum finden. Bei Thomas Mann laufen sie in Lumpen herum und geben komische Laute von sich, oder sie sind durch einen Ganoven vertreten, der mit dem Hochstapler Felix Krull Geschäfte macht.

»So eine Unverschämtheit!«, rief Viola, als ich ihr das erzählte. »Haben wir diese Deutschen überfallen oder sie uns? Mussten sie unseretwegen als kleine Kinder nach Afrika flüchten oder ich ihretwegen? Und sie schämen sich nicht, im Sommer in aller Seelenruhe bei uns zu baden! Pfui!«, ärgerte sie sich, obwohl ich ihr versicherte, dass die Touristen diese Stellen in den Büchern der besagten Autoren sicher nicht kennen würden.

»Ich habe dir das erzählt, damit du verstehst, dass es mir schwerfallen würde, unsere Familiengeschichte jemandem in deutscher Sprache zu erzählen. Aber auch das Kroatische wird mir immer fremder, ich versuche, auf zwei Stühlen zu sitzen, Urgroßmutter Paulina würde das sicher nicht gefallen.«

Als sich mein Großvater über das konfiszierte Grundstück, auf dem später das Hotel »International« gebaut wurde, aufregte – denn sogar ihm ging das zu weit –, sagte Paulina trocken: »Du kannst nicht auf zwei Stühlen sitzen.« Dabei war Paulina inzwischen den Kommunisten gegenüber viel skeptischer als Šimun. Aber sie mochte keine Unstimmigkeiten, Wankelmütigkeiten, Unklarheiten. Entweder war er Kommunist, wie er immer behauptete, und dann sollte er nicht jammern, wenn seine eigenen Ideen an seinem Besitz verwirklicht wurden, oder er war doch nicht so überzeugt davon, dann sollte er sich seine Sprüche und Parolen sparen!

Der Architekt des Hotels »International« hatte alle Register der Moderne gezogen, es gab viel Glas, viel Metall, viel Beton. Das Ensemble aus sieben Gebäuden, einem Park, einigen Schwimmbädern und einem riesigen Wintergarten sah nicht einmal schlecht aus. Als der Sozialismus und der jugoslawische Staat zusammengebrochen waren, wurden Versprechungen gemacht. Alle enteigneten Immobilien sollten den Besitzern zurückgegeben werden. Viola, Mirta und Flora freuten sich, doch das Hotel fiel in die Hände eines neu gegründeten Privatisierungsfonds, der es für ein paar Euro an einen Immobilienhai verkaufte, der das kroatische Herz an der richtigen Stelle hatte. Dieser verklagte meine Familie, um sie für immer aus den Grundbüchern streichen zu lassen, meine Tante Viola reichte Gegenklage ein, und der Fall zog sich jahrelang hin.

»Hm, ich verstehe«, sagte Viola. »Hast du das Gefühl, dass du weder dorthin noch hierher gehörst?« Tante Viola war die offenste und direkteste von den drei Schwestern und in diesem Moment tat es mir leid, dass nicht sie meine Mutter war. Meine Mutter hat mich nie gefragt, ob ich durch das lange Leben in der Fremde in einen Zwischenraum geraten bin, in dem man sprachlos wird. Ihr Lieblingsspruch war »nema problema« – »kein Problem«, und diesen benutzte sie immer, wenn sie irgendwo ein Problem witterte. »Aber dann ist meine Idee mit dem Buch über unsere Familie noch besser, als ich dachte! Vielleicht wirst du so einen Weg zurück finden!«

»Oder für immer fort bleiben«, sagte ich und wir lachten beide, als wäre das ein sehr guter Witz.

Einst hing gegenüber dem Haupteingang des großelterlichen Hauses ein Bild von Marschall Tito in weißer Uniform, als handelte es sich um eine Schule oder um ein öffentliches Gebäude. Direkt darunter hing eine große Aufnahme von meinen Cousinen, den beiden Töchtern Mirtas, die bei ihrer Erstkommunion weiße Rüschenkleider tragen. Sie stehen im Garten ihres Hauses auf der Insel Hvar, die Hände fromm gefaltet, an ihren Handgelenken hängen zwei weiße, runde Stofftäschchen, ein Muss bei jeder Kommunionfeier. Der weiße Tito und die weißen Mädchen passten zwar ideologisch nicht zusammen, aber niemand traute sich, das Foto zu entfernen, das Tante Mirta, die für ihre melodramatischen Anfälle bekannt war, dort aufgehängt hatte. Durch ihre Hochzeit mit einem Maurer von der Insel Hvar hatte Tante Mirta die dünne Schicht der kommunistischen Orientierung abgeworfen, die in ihrer Heimatstadt Vodice nach dem Zweiten Weltkrieg die lange christliche Tradition abgelöst hatte – ihr eigener Vater, ihr Onkel und ihre Großmutter hatten tatkräftig daran mitgewirkt. Und ihre Ursprungsfamilie liebte Mirta am meisten, vielleicht mehr noch als ihren frommen Maurer, obwohl sie das nie zugegeben hätte. Mirta war anhänglich, das mittlere Kind, das glaubte, nie genug Liebe abbekommen zu haben.

»Mirta«, sagte Viola, »war die Schönste von uns allen, entschuldige, wenn ich das sage, aber sie war auch schöner als ihr alle.«

Viola liebte es, durch ihre Direktheit zu überraschen, und um zu zeigen, dass sie es nicht böse meinte, lachte sie.

»Aber sie hat nur Augen für ihren Mann, stell dir vor, bis heute. Ich frage mich, ob das wirklich Liebe ist oder ob sie uns allen trotzt.«

Der Maurer stammte aus einem Ort, wo die alten Traditionen jede Neuerung überdauerten, und die frisch vermählte Mirta mochte Gottesdienste sowieso lieber als Parteisitzungen, weiße Lilien lieber als rote Nelken, Choräle lieber als Arbeiter- und Kampflieder. Aber da sie aus diesem Grund – und auch wegen der Entfernung der Insel, die im Winter manchmal wochenlang vom Festland abgeschnitten war – Angst um die Zuneigung ihrer Eltern und Schwestern hatte, überschüttete sie sie mit Fotos von ihrer neuen Familie. Wenn sie einmal im Jahr zu Besuch kam, prüfte sie immer sofort, ob auch alle Bilder noch dort hingen, wo sie sie aufgehängt hatte.

An den Zimmerwänden konnte man ihre Töchter unter dem Weihnachtsbaum sehen – als Konkurrenz zu Tito im Schnee, beim Jagen aufgenommen, zwei Fasanen an seinem breiten militärischen Gurt – und die weißen Blumenkränzchen in ihrem Haar stellten einen Kontrast zu der Partisanenmütze auf dem Kopf des verstorbenen Niko, Olivas Neffen, dar, der, kaum achtzehnjährig, im Kampf gegen die Deutschen umgekommen war.

»Für die Kommunisten waren alle, die nicht wie sie dachten, Staatsfeinde, aber als Tito sich von Stalin trennte, waren auch die zu Staatsfeinden geworden, die bis gestern größere Kommunisten als Tito selbst gewesen waren«, sagte Viola und rollte mit den Augen.

Sie fuchtelte mit ihren Armen, zog Grimassen, und auf ihrem Kopf erzitterte die schwarz getönte Haarpracht, während sie lachte.

»Schon erstaunlich, dass unser Vater Mirtas fromme Fotos hängen lassen hat! Er hatte eine Schwäche für sie, weil sie so weit entfernt wohnte. Eine Insel, die er mit seinem Fischerboot nicht erreichen konnte, war für unseren Vater genauso weit weg wie Amerika.«

Ich sah den Möwen zu, die in großen Bögen über dem Meer kreisten. Viola lachte schon wieder:

»Weißt du übrigens, was man damals gesungen hat? Amerika i Engleska bit će zemlja proleterska. Amerika und England werden zu Ländern des Proletariats. England hat man nur deshalb eingebaut, weil sich Engleska gut auf proleterska reimt.«

Nach dem Tod von Großmutter Oliva, mit der eine Ära zu Grabe getragen wurde, nahm Tante Mirta all ihre Fotos von den Wänden ab. Die Wände, grün, rosa, gelb oder blau gestrichen, waren mit goldenen Ornamenten geschmückt, die mein Großvater nach alter Sitte mit Holzwalzen gestaltete, deren Reliefs vergoldete Spuren stilisierter Rosen hinterließen; deswegen hatte das Haus für mich etwas von einem Schloss. Wenn es nach meiner Mutter ginge, würden dort bald Touristen wohnen und meine Tante Viola die Kasse an der Rezeption führen. Als ich genauer darüber nachdachte, musste ich ihr recht geben: Das wäre eine gute Entwicklung. Man sollte alle historischen Kapitel abschließen und sich der Zukunft zuwenden.

»Wenn Tante Viola den Touristen wenigstens die Rezepte meines Großvaters anbieten könnte«, sagte ich am Abend zu meinem Mann, als ich mit ihm telefonierte. »Ihre Schwiegersöhne werden Pizza und Lasagne aus der Mikrowelle servieren, so wie fast alle Restaurantbesitzer hier.«

»Siehst du«, sagte er aufmunternd, »es war gut, dass du hingefahren bist. Du kannst ihnen vielleicht nahelegen, dass man aus dem Haus ein wirklich nettes Hotel machen könnte! Ein persönlich geführtes, kleines Familienhotel mit Traditionsbewusstsein! Vielleicht hören sie ja auf dich.«

»Ich werde mich nur um meinen Olivenhain kümmern! Morgen nehme ich mir die Dokumente der Großeltern vor.«

Ich hatte die Papiere, die in einer Kiste in der Speisekammer lagen, untersucht. Da gab es viel Unsinn, Gebrauchsanweisungen für Kühlschränke und Handmixer, die nun als Sperrmüll in der konoba darbten, eine Postkarte aus Serbien, die ich noch vor dem letzten Krieg geschickt hatte, Rechnungen in jugoslawischen Dinar, Šimuns Boots- und Motorradführerscheine und ein Gruppenfoto mit Frauen in Schwarz, darunter meine Urgroßmutter Paulina, und hinter den Frauen, die um ihre gefallenen Männer, Söhne und Enkel trauern, zwei Riesenporträts von Stalin und Tito, geschmückt mit Blumengirlanden. Das Foto muss zwischen 1945 und 1948 aufgenommen worden sein, denn schon 1948 hatte Tito mit Stalin gebrochen. Josip Broz Tito und Jossif Wissarionowitsch Stalin. Zwei Josefs und viele Marias. Frauen in Schwarz als schmerzensreiche Mütter. Eine kollektive Pietà.

Mein Mann sagte, dass er sich dieses Bild gerne anschauen wolle. Er war höflich und irgendwie sehr fern.

»Leider habe ich noch keine Sterbeurkunde von Paulina gefunden, die ich brauchen werde, nichts über Niko, Benedikt und Laura, die wahrscheinlich in irgendwelchen Staatsarchiven als Opfer des Faschismus geführt werden, aber wer weiß, was aus diesen Archiven geworden ist. Dann habe ich noch Gerichtsakten zu dem enteigneten Grundstück gesichtet. Aber ich werde nur die Dokumente ordnen, die ich für meinen Hain brauche!«

Ich hoffte, dass ich deutlich genug war – vor allem mir selbst gegenüber. Dann legte ich vorsichtig auf.

Oliva liegt auf dem Rücken, die Hände hat sie auf ihrem weichen Bauch gefaltet. Die Fensterläden sind geschlossen, draußen ist es heiß. Sie versucht sich an das Rezept für die gefüllten Tintenfische zu erinnern. Sie hat den Geschmack im Mund, sie sieht hinter ihren geschlossenen Augenlidern die knusprige auberginenfarbene Haut der Tintenfische, die sich über die Füllung spannt. Wenn sie jetzt nur klar denken könnte, dann würde sie festhalten, dass sie es immer schon als gemein empfunden hat, wie die gefangen werden. Sie ahnt, dass es den Tintenfischen wehtun muss, wenn sie an dem peškafond, der aus Dutzenden von Angelhaken besteht, hängen bleiben, während sie vergeblich versuchen, den Feind mit Tinte zu bespritzen. In dieser Anstrengung, sich zu befreien, die vergeblich ist und die immer aussichtsloser wird, je mehr sie zappeln, erinnern sie die Tintenfische plötzlich an Menschen. Obwohl sie nicht gerne über solche Dinge nachdenkt – darin unterscheidet sie sich sehr von ihrer Mutter Paulina –, spürt sie, dass die menschliche Hoffnung auf Liebe, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Kämpfen für die Gerechtigkeit, die Suche nach der Wahrheit, dass all das die spitzen Haken eines peškafonds sind, dem die Menschen nachschwimmen, und genauso wie die Tintenfische wissen auch die Menschen nicht, dass sie ihr eigenes Gewicht gefangen hält, wenn sie die Angelhaken erst einmal verschluckt haben. Oliva versucht sich zu erinnern, ob gefüllte Tintenfische mit Olivenöl bepinselt werden, bevor sie in den Ofen kommen, und obwohl all ihre Sinne und all ihre Gedanken ihr zuflüstern, dass es so sein muss – sie weiß es einfach nicht mehr.

Vodice, 1912–1918

Meine Urgroßmutter Paulina war die erste Atheistin in der Familie. Ihren Ehering hatte sie ins Meer geworfen, dort unten am Hafen, und zwar an jenem Tag, als sie dem Glauben an die Mutter Gottes abschwor. Paulina hatte sich an sie gewandt, um von ihr eine gute Nachricht über ihren Mann in Australien zu erflehen.

Zu der kleinen Kirche Unserer Lieben Frau von dem Berge Karmel führten steinerne Stufen, die Paulina auf Knien hochgekrochen war. Es war eine Gegend voller Steine. Vor und hinter ihr krochen andere Frauen aus dem Dorf, einige in Schwarz, andere in bunten Festtagstrachten, es roch nach Schweiß, und man hörte das Gemurmel der Rosenkranzgebete, das Summen und Schwirren der Bienen und in der Ferne einen Esel, der sich ab und zu mit seinem gedehnten I-A meldete.

Ich stand vor dieser langen Treppe und schaute ängstlich immer wieder zu meinen nackten Füßen herunter, da Tante Bianka mich vor den Schlangen, die durch die Macchia kriechen, gewarnt hatte. Keine Demut, keine feierliche Stimmung wollten mich ergreifen, dabei wusste ich, dass einem bei einer solchen Hitze, bei der die Sonnenstrahlen von den weißen Steinen reflektiert werden, die Jungfrau Maria leicht erscheinen kann. Und wer weiß wer noch.

Wollte sich Paulina durch körperliche Schmerzen bestrafen, weil sie ihren Mann nicht nur ziehen lassen, sondern auch ermuntert hatte fortzugehen? Weil sie aus eigener Sehnsucht nach der weiten Welt ihren Mann hatte spüren lassen, wie sehr sie es schätzen würde, wenn er in Australien Geld anhäufen und sie und die Kinder nachkommen lassen würde, um mit ihnen ein neues Leben fern vom heimischen Fischerdorf zu beginnen?

Denn obwohl das Mittelmeer all seine Bewohner wie ein Magnet anzieht, werden hier und da auf diesen Felsen Menschen wie Paulina geboren, denen es an seinen Ufern zu eng und zu klein ist. Meistens bereuten sie es, und sie konnten sich glücklich schätzen, wenn sie es noch schafften, zum Sterben zurück ans Meer zu kommen. Vielleicht waren deshalb so viele Männer am Mittelmeer Seeleute, denn so konnten sie ihr Fernweh und ihre Sehnsucht nach dem Meer gleichzeitig stillen.

Das Fischerdorf erlebte in Paulinas Jugend eine Verwandlung nach der anderen: Die Olivenbäume wurden herausgerissen, um Weinreben anzubauen. Die Weinreben wurden von der Reblaus oder unaussprechlich Phylloxera und vom Falschen Mehltau, der sich mit dem ebenfalls unaussprechlichen Namen Peronospora schmückt, befallen. Für die Sardellen wurde beim Verkauf an die Konservenfabriken wenig bezahlt, die Menschen wanderten aus, und auf den benachbarten Inseln gab es ganze Ortschaften, in denen nur noch die Frauen zurückgeblieben waren, um den harten Boden zu beackern und um Fische zu fangen.

An dem Kreuzweg lagen kleine Kapellen, und Paulina war bei jeder stehen geblieben und hatte sich in die Leiden unseres Herrn Jesu Christi vertieft, in Gedanken an seine jungfräuliche Mutter und ihren Verlust. Paulinas Körper war schweißgebadet, ihre wunden Knie brannten, und sie war siegessicher: Die hohe Macht wird ihre Bitten nicht abschlagen können! Sie hatte der schönen Gospe die einzige Goldkette, die sie besaß, das Hochzeitsgeschenk ihres Stiefvaters, als Gabe dargebracht, alles hatte sie so gemacht, wie es sich gehörte.

Am nächsten Tag bekam Paulina einen Brief von der australischen Eisenbahn, in dem man ihr in perfektem Kroatisch mitteilte, dass ihr Mann einem kurzen und heftigen Fieber erlegen sei, dass ihm sein letzter Lohn unmittelbar vor dem Fieberanfall ausgezahlt worden sei und die Verwaltung ihr gegenüber somit keine weiteren Verpflichtungen habe.

Verblasst und nur noch als Fetzen lag der Brief zwischen Paulinas Habseligkeiten, die Tante Bianka mir gezeigt hatte, als ich sie nach meiner Wanderung besuchte. Keine Schlange hatte mich gebissen und kein Heiliger war mir erschienen, ich war nur durstig und fühlte mich vertrocknet wie die Pflanzen, die zwischen den Felsen herauswuchsen.

»Vermutlich hat sie ihn immer bei sich getragen, sonst wäre er nicht erhalten geblieben«, sagte Tante Bianka. Sie hatte Mokka gekocht und auf zwei kleine Tassen verteilt. Wir saßen in ihrer Küche und genossen den Duft des frischen Kaffees.

Am Morgen lief Paulina zum Hafen und warf ihren Ehering ins Wasser. Nun hatte sie alles, was sie an Schmuck besaß, verloren, und sie sollte nie wieder irgendetwas Goldenes tragen. Sie erklärte die Mutter Gottes zu ihrer Feindin, da sich diese (von wegen Jungfrau, schnaubte Paulina, in ihrem Schmerz etwas übermütig geworden) nicht hatte erbarmen wollen, obwohl sie sich doch mit Armut, Verlust und dem Umherirren in der Fremde auskennen sollte und obwohl sie hätte erkennen müssen, wie innig Paulinas Gebete gewesen waren. Ihre wundgeschürften Knie taten immer noch weh, und sie spürte sie allzu deutlich, während sie sich ausstreckte, um den Ring ganz weit werfen zu können. Dann kehrte sie erhobenen Hauptes in das Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters zurück, in dem sie mit ihren Kindern wohnte.

Paulinas Stiefvater Frane war Tischler und Spross der einzigen Handwerkerfamilie in diesem Dorf, in dem sonst nur Fischer und Bauern lebten. Er hatte dafür gesorgt, dass seine beiden Stieftöchter sowie seine beiden leiblichen Töchter lesen und schreiben lernten, außerdem konnten alle vier Mädchen nähen, stricken und sticken. Es störte ihn nicht, dass die kleine Paulina viel Scharfsinn zeigte. Die Männer hatten sich zwar um Sittlichkeit und Ordnung zu kümmern, und dazu gehörte auch, dass man den allzu großen Übermut der Mädchen und Frauen zu zügeln verstand, aber er war nun einmal jemand, der außerhalb des Üblichen zu denken vermochte. »Ein Mann von Format«, so sagte knapp Tante Bianka über ihn.

»Wäre Paulina ein Junge, könnte sie sogar eine höhere Schule besuchen«, behauptete der Stiefvater einmal, als er sich am Abend zu seiner Frau legte. Er hielt zwar nichts davon, ewig die Schulbänke zu drücken – er zimmerte sie viel lieber. Wenn es nach ihm gegangen wäre, er hätte ganze Kirchenchöre und Klassenzimmer mit seinen glatt polierten Stühlen und Bänken gefüllt. Und doch gefiel ihm der Gedanke, dass Paulina es weit bringen könnte.

Seine Frau Ana, Paulinas Mutter, ärgerte sich über ihn, denn sie hatte den Eindruck, dass er Paulina zu einem ungesunden Ehrgeiz ermutigte, und dieses konnte sich am Ende gegen das Mädchen wenden.

»Wenn ich es mir genau überlege«, sagte Tante Bianka, »hatte ihre Mutter es wahrscheinlich nicht leicht mit ihr. Ich kann mich an Ana leider nicht erinnern, sie war deine Ururgroßmutter. Paulina meinte manchmal, dass ihre Tochter Oliva eher ihrer Großmutter Ana ähnelte als ihr selbst.«

Die Sturheit ihrer Tochter machte Ana ratlos.

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