Logo weiterlesen.de
ohne Dich war ich Nie

Für Franz

Heute, Gestern und Morgen…

Seelen kommen, Seelen gehen,

Freunde sehen, Freunde verstehen.

Ich Liebe dich

Mein Herz geht zu all jenen, die mich motiviert an mich geglaubt und niemals aufgegeben haben.

Liebe und Dank sind mehr als nur Worte.

Rene, ohne Dich, wäre ich jetzt nicht hier.

DANKE!

Prolog

Du wirst für deine Sünden bezahlen. Das verspreche ich. Du wirst dafür bezahlen.

Es war schwül an diesem Morgen im Juli. Die gelblich schimmernden Wolken am Himmel zogen sich zusammen und zeigten ein Bild unheilverkündender Gefahr. Der Mann trieb seinen müden Körper bis an die Grenze des Ertragbaren, während er immer tiefer in den Wald hineinlief. Die Schlaglöcher des holprigen Waldbodens ließen ihn straucheln und das Atmen fiel ihm schwer. Immer wieder suchten seine zusammengekniffenen Augen den Wegesrand ab, während er die Worte wiederholte, die er am Abend zuvor auf einem schmierigen Zettel gelesen hatte. „Du wirst dafür bezahlen“. Er lief schneller, durfte nicht zu spät kommen. Als er die kleine Lichtung, abseits des Wanderwegs endlich erreicht hatte, sackte er keuchend auf seine Knie. Nach vorn gebeugt, schlug er beide Arme über seinen Kopf und inhalierte die klare Luft tief ein. Er war da. Und er war allein. Allein mit seiner gottverdammten Schuld. Doch er würde es wieder gutmachen. Vielleicht nicht heute, vielleicht auch nicht morgen, aber er würde einen Weg finden. Deswegen war er hier. Bereit sich seinen Sünden zu stellen.

Hier im Schatten war die Luft kühler. Er konzentrierte sich auf die Atmung, zwang seinen tosenden Puls zur Ruhe, als das Knacken von trockenen Zweigen die Stille um ihn herum zerriss. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. musste auf der Hut sein. Sie durften nicht zusammen gesehen werden. Noch nicht. Er kannte den Wald, kannte all seine Geräusche und Ankündigungen. Langsam stand er auf. Die Sinne geschärft, suchte er mit dem Blick eines in die Enge getriebenen Tieres den Wegesrand ab. Verschwommen nahm er eine Silhouette wahr, die keine zehn Meter von ihm entfernt an einem Baumstamm lehnte. Der Mann hätte den Schatten überall wiedererkannt. Vorsichtig, als könnte er ihn erschrecken, hob er seine Hand zum Gruß. Es war so weit. Er wusste, er musste besonnen vorgehen. Ein zaghaftes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes, als der Schatten bedächtig auf ihn zukam. Ein Anflug innerer Zufriedenheit, durchströmte seinen Körper und kam mit solcher Gewalt zum Stillstand, dass er dachte, die Luft in seinen Lungen würde zu Eis erstarren. Nichts war, wie es sein sollte. Er fühlte die Angst die seinen Rücken hinaufkroch, erkannte die Gefahr. Sie pulsierte mit jedem seiner Atemzüge stärker, nahm vollständig von ihm Besitz. Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und seine Atmung ging viel zu schnell. Er hatte noch so viel zu sagen, so viel zu klären. Doch es war zu spät. Er wusste, dass er seine Chancen verspielt hatte, als er in die leeren Augen seines Gegenübers sah. Regungslos verharrte er. Unfähig auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Die Worte, die ihn nun trafen - voller Abscheu – fühlten sich an wie Messerstiche, die in seine offenen Wunden hineingetrieben wurden.

„Weißt du wie oft wir uns heimlich im Wald getroffen haben? Heimlich im Verborgenem. Warum? Ich kann das nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Es ist an der Zeit, dass du für deine Sünden bezahlst. Ich sorge dafür, dass du bezahlst. Bezahlst und bereust“. Nein. Nicht. Bitte tu das nicht. Nein! Nichts anderes zählte mehr, kein anderer Gedanke hatte Raum. Nein, er würde es nicht zulassen, konnte nicht riskieren, dass ein unschuldiges Leben genommen wurde. Durch seine Schuld. Er musste etwas sagen, musste eingreifen - durfte nicht zulassen, dass ein Mord geschah. Sein Atem ging nur noch stoßweise. Raum und Zeit schienen zu verschmelzen und hielten ihn in seiner Starre gefangen. Jegliches Zeitgefühl war verloren, beherrscht nur von einem Gedanken: Ich lasse nicht zu das jemand stirbt. Ich lasse es nicht zu. Nein! Nein, schrie er das Wort aus sich heraus, als er seinen massigen Körper gegen den zaghaften Brustkorb seines Gegenübers prallen ließ. Nein, dachte er noch, als er bereits auf dem trockenen Waldboden lag und in die Augen des Menschen sah, dem er so viel Leid zugefügt hatte. Mit eisernen Krallen hielt ihn ein übermächtiger Schmerz am Boden gefangen. Er konnte sich nicht bewegen. Konnte nichts sagen. Der Mann spürte wie die Kraft aus seinem Körper glitt und als seine Augen zufielen, dachte er an seine Tochter. Er hätte doch noch so viel zu sagen gehabt – so viel zu erklären. Weit entfernt hörte er die flehende Stimme, die um Verzeihung bettelte. Es gab nichts zu verzeihen. Er war bereit den Preis für seine Sünden zu bezahlen, dachte er als ihn die Dunkelheit willkommen hieß.

Mittwoch, 1 Juli

Grelles Sonnenlicht durchflutete mein Schlafzimmer, als ich blinzelnd zu meinem Nachttisch schaute, um zu erfahren, wie viel Zeit ich heute wieder vergeudet hatte. Leuchtend rot stachen mir die Ziffern meines Weckers ins Gesicht und teilten mir unverblümt mit, dass es erst kurz nach sechs war. Gähnend rieb ich mir die Augen. Mist. Eine ganze halbe Stunde. Wenn ich nicht endlich Zeit erübrigen würde, um neue Jalousien für mein Schlafzimmerfenster zu kaufen, würde ich wohl den ganzen Sommer über noch vor dem Klingeln meines Weckers aufwachen.

Die Augen zugekniffen, rollte ich mich auf meinem neuen Boxspringbett auf den Bauch, das Gesicht fest in die Kissen gedrückt. Nein, ich würde nicht aufstehen, trotzte ich meinem wachen Bewusstsein entgegen. Ich würde liegen bleiben, bis der Wecker klingelte, und mich dann in aller Ruhe anziehen. Unruhig wälzte ich mich im Bett.

Als ich erneut auf die Uhr schaute, stellte ich entsetzt fest, dass ich es geschafft hatte, ganze drei Minuten länger in meinem Bett zu verharren. Resigniert warf ich die Beine über die Bettkante, setzte mich auf und rückte ein Stück nach hinten, um mich an der hellgrauen Schlafzimmerwand anlehnen zu können, als mein Blick auf den Brief mir gegenüber fiel.

Ich schloss meine Augen und atmete einmal tief ein. Dann stand ich langsam auf und ging hinüber zu dem antiken Sekretär, den mein Vater mir von seiner letzten Toskana-Reise aus Siena mitgebracht hatte. Ein Geschenk zu meinem vierzehnten Geburtstag. Wie von selbst streichelte meine Hand über das alte Eichenholz. Vierzehn Jahre befand sich der Sekretär nun in meinem Besitz. Damals ahnte ich nicht, dass sich nur drei Tage nach meinem Geburtstag meine ganze Welt verändern würde. Nur drei Tage später war er nicht mehr da. Drei Tage später war er tot. Einfach so.

Ich nahm den Brief in die Hand, ging zurück zum Bett, lehnte mich zurück in die Kissen und schloss erneut meine Augen. Ein zarter Duft von Lavendel stieg mir in die Nase und ich sog den süßlichen Duft tief ein. Der Geruch war nur noch dezent wahrzunehmen. Nicht mehr so penetrant wie noch drei Wochen zuvor, als ich den Brief erhalten hatte, aber immer noch stark genug, um mich in meinen Erinnerungen gefangen zu halten. Erinnerungen, die ich bemüht war in den Tiefen meines Bewusstseins zu verbergen.

Drei Wochen und vier Tage kämpfte ich nun schon mit mir und jedes Mal ging ich als Sieger hervor. Doch an diesem Morgen scheiterte mein Verdrängungsmechanismus kläglich. Bilder aus meiner Kindheit tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Bilder aus einer Zeit, in der jedes Kind so glücklich sein sollte, wie ich es damals gewesen war.

Ich war erst drei, als meine Eltern den kleinen Delikatessenladen mitten in der Aachener Altstadt eröffnet hatten, in dem sie hauptsächlich Weine aus Italien verkauften. Später, als der Laden florierte, kamen noch Käse, Pasta und Gewürze hinzu, doch es waren die exquisiten Weine, denen die Liebe meiner Eltern galt.

Ich war so sehr in meinen Erinnerungen gefangen, dass ich glaubte, die Gerüche aus dem kleinen Laden riechen zu können, gerade so als wäre mein kleines Schlafzimmer mit italienischen Kräutern angereichert worden. Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht und als ich es bemerkte, zog ich meinen Mund sofort wieder zu einer geraden Linie zusammen. Kurz vor meinem fünften Geburtstag erwarben meine Eltern, durch einen Geschäftsfreund meines Vaters, ein wunderschönes altes Ferienhaus in Guardistallo, einem kleinen Ort, der zu der Gemeinde Pisa gehörte.

Immer noch, nach so langer Zeit, sah ich ihn viel zu lebendig vor mir. Sah seine braunen Augen, wie sie bernsteinfarben glitzerten, wenn er voller Begeisterung erzählte, dass es von Volterra aus nur noch dreißig Kilometer seien, bis wir unser Ziel erreichen würden. Hätte er gesagt, dass wir noch eine halbe Stunde länger im heißen Auto ohne Klimaanlage aushalten mussten, hätte ich ihn auch sicher verstanden.

Hinter meinen fest verschlossenen Augen konnte ich sie sehen, die riesigen Lavendelfelder, wie man sie nur in der Provence vermuten würde. Sah, wie sie sich unendlich weit zu erstrecken schienen und den Weg zu unserem Haus mit ihren blau-violetten Farben zierten. Roch ihren angenehmen, frischen Duft, der in mir das Gefühl erweckte, nach Hause zu kommen. Sah, wie glücklich meine Eltern waren, wenn sie am Abend bei einem Glas Wein auf der Terrasse saßen und redeten. Fühlte die zärtlichen Blicke, mit denen sie mir begegneten und die mir sagten, ich sei das Beste und Einzige auf der Welt. Das Einzige, was wirklich zählte.

In den Sommermonaten begleitete uns oft Tante Sofia. Wir waren nicht wirklich verwandt. Sofia war die alleinerziehende Freundin meiner Mutter. Ihr Sohn Till war nur wenige Monate älter als ich. Ich erinnerte mich daran, dass meine Mutter mir einmal erzählte, Sofias große Liebe und Vater ihres Sohnes sei nach Afrika ausgewandert und habe dort geheiratet. Er hatte ihr sogar eine Einladung zur Hochzeit geschickt. Ich erfuhr nie, ob Sofia wirklich nach Afrika gereist war, doch in jenem Jahr fuhr Till mit uns alleine nach Italien.

Ich verbot es mir an Till zu denken, doch es gelang mir nicht. Immer wieder sah ich den kleinen Jungen mit seinen großen, braunen Kulleraugen und den wilden dunkelbraunen Locken, die mit meinen um die Wette hüpften, vor mir. Till war nicht einfach nur mein bester Freund. Er war so viel mehr. Er war der Bruder, den ich nie hatte. Und auch wenn ich damals noch sehr jung war, wusste ich doch intuitiv, dass unsere Beziehung etwas ganz Besonderes war. Wenn er sich nicht in meiner Nähe aufhielt, fühlte ich mich seltsam alleine, so als würde ich nur zur Hälfte existieren. Wir gehörten zusammen, waren Eins. Wir waren die Art von Freunden, die ihre Eltern mit erfundenen Abenteuergeschichten zur Weißglut brachten. Till konnte bereits vor der Einschulung lesen, woraufhin wir viel Zeit damit verbrachten, uns Artikel in Zeitschriften anzusehen, die für Kinder gänzlich ungeeignet waren. Ich lernte eine Menge dazu.

Abgesehen davon, dass ich in den Genuss sämtlicher Männerzeitschriften kam, war ich wohl auch das einzige Mädchen unserer Klasse, das wusste, dass Anakin nicht der neue Mitschüler der Parallelklasse und Batman nicht von einer Spinne gebissen wurde, womit mir die Gunst der Jungs ebenso zuteil wurde, wie die Ablehnung der Mädchen. Doch Till passte auf mich auf. Das tat er immer. Damals.

Unwillkürlich legte ich meine Hand an mein Knie und begann es zu reiben, den Brief immer noch fest umklammert. Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass ich mich an dem scharfen Papier des Briefumschlags geschnitten hatte. Blut sickerte auf mein Bettlaken und ich stand auf, um mir aus dem Spiegelschrank im angrenzenden Badezimmer ein Pflaster zu holen. Ich nahm das Pflaster aus meiner notdürftigen Hausapotheke, ging zurück ins Schlafzimmer und setzte mich wieder aufs Bett, um die kleine Schnittwunde zu versorgen. Verdammt. Warum musste er mir auch schreiben. Nach all den Jahren.

Meine Hände zitterten, als ich das Pflaster aus seiner Verpackung befreite, um es auf die Wunde zu kleben. Wie hypnotisiert schaute ich auf mein Knie, unfähig die aufkommenden Bilder auszuschalten, die viel zu real wirkten. Till, wie er besorgt vor mir hockte und sanft die blutige Stelle an meinem Knie küsste, als ein Junge aus einer der oberen Klassen mich derart heftig geschubst hatte, dass ich fiel und mir auf dem aufgerauten Betonboden das Knie aufschürfte. Ich hatte fürchterlich geweint. Till tröstete mich, hielt mich in seinen Armen, bis die Tränen versiegt waren. Dann ging er hinüber zu dem Jungen und verpasste ihm, ohne ein Wort der Vorwarnung, einen solch kräftigen Stoß gegen den Brustkorb, dass der rückwärts mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Till musste daraufhin zum Direktor und sollte sich bei dem Jungen entschuldigen. Das hat er nie getan. Ich war mächtig stolz auf ihn. Er war mein Prinz in schillernder Rüstung und ich das kleine Mädchen, das es zu beschützen galt. Doch Zeiten ändern sich und nicht jeder war zum Prinzen geeignet.

Als wir beide älter wurden, war es dann oft an mir, ihm aus der Patsche zu helfen. Mein Gott, wie oft ich seinetwegen gelogen hatte. Bei dem Gedanken daran wurde mir übel. Ständig saß ich vor unserem Direktor und musste mir eine weitere haarsträubende Geschichte ausdenken, nur weil er wieder einmal einem Mädchen imponieren musste. Und jedes Mal nahm ich wie selbstverständlich die Schuld auf mich. Auch wenn mir sein pubertäres Gehabe oftmals den letzten Nerv raubte, musste ich dennoch zugeben, dass wir ein ziemlich gut eingespieltes Team waren. Damals. Doch damals war verdammt lange her.

Zaghaft nahm ich den Brief wieder in meine Hand und betrachtete ihn skeptisch. Ich wollte ihn nicht öffnen, wollte nichts von all den Geschehnissen in meinem Heimatort erfahren. Herrgott, ich wollte nicht einmal wissen, ob es Sofia gut ging. Und Till war mit Abstand der Letzte, von dem ich wissen wollte, wie es ihm ergangen war. Er hatte den Brief doch bewusst mit Lavendel parfümiert. Er wollte, dass ich mich erinnerte. Als hätte er nicht genau gewusst, was er damit bei mir auslöste. Oh mein Gott. Ich erstarrte. Ein irrationales Gefühl der Angst machte sich in meinem Magen breit. Mein Herz raste und Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn. Natürlich war es ihm bewusst. Mama, dröhnte es in meinem Kopf. Wann hatte ich zuletzt mit ihr gesprochen? Vor zwei Wochen? Nein. Es mussten schon über drei Wochen her sein. Mist.

Ich spürte, wie die Schuldgefühle an mir nagten und die eiserne Ignoranz übermannten, als ich vom Bett aufstand und hinüber zum Sekretär ging, um den Brief dort abzulegen.

Ich öffnete die obere Schublade und holte den silbernen Brieföffner heraus. Meine Hände schwitzten, als ich den Brief zitternd in die Hand nahm. Kopfschüttelnd dachte ich darüber nach, wie der Brief mich hatte erreichen können, wo er doch in völlig verschnörkelter Schrift und mit Tinte geschrieben worden war. Doch mein Name war immer noch gut lesbar: Florentina Vergossen.

Eine ganze Weile stand ich wie versteinert da, den Brieföffner in der linken und den Brief in der rechten Hand, unfähig meine Augen auf einen anderen Punkt des Zimmers zu lenken. Jetzt reiß dich zusammen, Florentina, rügte ich mich selbst. Du hast überhaupt keinen Grund, jetzt in Panik zu verfallen. Wäre Mama etwas passiert, hätte sich Sofia oder die Polizei bei dir gemeldet. Ich spürte, wie mein Puls sich beruhigte, nur um Sekunden später erneut zu rasen. Was wenn nicht meiner Mutter, sondern Sofia etwas zugestoßen war? Ich versuchte den Gedanken zu verscheuchen, während ich unwirsch und mit zittrigen Händen den Öffner einmal am oberen Rand des Briefes entlang zog.

Dann setzte ich mich aufs Bett und erhaschte einen schnellen Blick meines Spiegelbildes, den der antike Barockspiegel aus Eiche über dem Sekretär mir zuwarf. Ich war nicht mehr das kleine Mädchen, das vor zehn Jahren von Roetgen nach München gezogen war. Dieses Mädchen existierte nicht mehr. Ich war eine attraktive junge Frau von achtundzwanzig Jahren, die es geschafft hatte, in kürzester Zeit zu promovieren und jetzt als Volljuristin in einer der besten Kanzleien für Strafrecht praktizieren durfte. Ich hatte einen durchaus erfolgreichen, gutaussehenden Freund, der obendrein auch noch um meine Hand angehalten hatte und dessen Vater mein Mentor war.

Doch als ich nun mein Spielbild betrachtete, war von dieser attraktiven Person nicht viel übrig. Meine sonst alabasterfarbene Haut wirkte eher aschgrau, meine großen dunkelbraunen Augen lagen in tiefen Höhlen und meine Lippen waren bleich und spröde. Alles andere als hübsch, dachte ich.

Meine blonden, von hellbraunen Strähnen durchzogenen Haare waren vom Schlaf noch völlig zerzaust und kräuselten sich nun bis zu meinen Schultern hoch. An normalen Tagen opferte ich sogar fünfzehn Minuten Schlaf, um die wilde Lockenmähne zu zähmen. Dank ein paar Pflegeprodukten und mithilfe eines Haarglätters ließen sie sich jedoch in kürzester Zeit und mit minimalem Aufwand in ein gepflegtes, glattes Wunder verwandeln.

Mit einer Körpergröße von einem Meter sechsundsiebzig und einem Gewicht von zweiundsiebzig Kilogramm hatte ich zwar keine Modelmaße, doch ich konnte mich durchaus sehen lassen, auch wenn meine Mutter stets behauptete, ich sei unterernährt. Als ich mich nun betrachtete, war ich fast geneigt ihr zuzustimmen. Mein Körper hing schlaff auf dem Bett und durch das seidene, ärmellose T-Shirt schimmerten meine Rippen hindurch. Da spielte es auch keine Rolle, dass ich nur zu gut wusste, dass hinter dieser Fassade ein durch und durch trainierter Körper steckte, den ich einem disziplinierten Training von vier Mal wöchentlichem Laufen unterzog.

Ich schaute an mir herunter. Na ja, meine Oberweite war nicht gerade in den Genuss des Üppigen gekommen und bei einer Körbchengröße von 75 A konnte es mir wohl auch niemand verdenken, dass ich schon das ein oder andere Mal über eine Brustvergrößerung nachgedacht hatte. Allerdings blieb es auch nur bei dem Gedanken, da meine Vernunft jedes Mal siegte, sobald mir der Gedanke zu gefährlich wurde. Aber alles in allem war ich normalerweise zufrieden mit meinem Erscheinungsbild. Ja, ich wäre sogar so weit gegangen zu sagen, dass ich eine durchaus attraktive Erscheinung war, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Mädchen von einst gemein hatte.

Ich nahm den Briefumschlag wieder auf und während ich eine weiße Hochglanzkarte hervorzog, hämmerte mein Herz so fest gegen meinen Brustkorb, dass ich Angst hatte, es würde jeden Moment zerspringen. Was ich sah, raubte mir förmlich den Atem. All die Angst, die ich noch vor wenigen Minuten verspürt hatte, war wie weggeblasen und machte nun einem mindestens ebenso großen Gefühl Platz. Wut. Unbändige Wut. Wie konnte er nur? Dieser elende Dreckskerl! Mein Blick glitt über das Foto, das auf der Vorderseite der Karte zu sehen war. Meine Jahrgangsstufe. Ein Wasserzeichen verlief diagonal darunter, auf dem groß Abi 2005 stand. Aus einem ersten Impuls heraus wollte ich die Karte zerreißen und dahin befördern, wo sie hingehörte – in den Müll. Doch die Neugierde siegte und gedemütigt von meiner Schwäche klappte ich die Karte auf und begann zu lesen.

Abi 2005 - Liebe Florentina, es sind nun schon 10 Jahre vergangen und mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen, unsere Schulzeit. Menschen verändern sich, werden erwachsen, ziehen in die Welt hinaus … Diese Feier ermöglicht es uns, noch einmal zurückzusehen, mit dem Wissen, was heute aus uns geworden ist. Also Floh, gib dir einen Ruck und komm. Wenn auch nicht um meinetwillen, dann wenigstens deiner Mutter zuliebe. Die Party beginnt um acht Uhr und findet am Samstag, den 04. Juli, auf dem Gutshof von Leonardos Eltern statt. Du erinnerst Dich? Ich denk an dich, alles Liebe, Dein Till

Was? Er schickte mir eine Einladung? Hatte ich nicht deutlich genug gesagt, dass ich ihn nie wieder im Leben sehen wollte? Wo hatte er überhaupt meine Adresse her? Da kam ja wohl nur eine Person in Frage. Wie konnte er es wagen? Wie konnte es meine Mutter wagen, nach allem was geschehen war, diesem selbstgerechten Idioten meine Adresse zu geben? Ich wusste, es war ein Fehler den Brief zu öffnen. Ein einfacher Anruf, Florentina. Ein einfacher Anruf, um deine Ängste aus dem Weg zu räumen, hätte gereicht. Und während ich mir erlaubte, meinen wütenden Gedanken freien Lauf zu lassen, klingelte mein Telefon.

Ich ging in den kleinen Flur, der das Schlafzimmer mit dem Wohnzimmer verband, und nahm den Hörer von der Station, die auf einem kleinen Holz-Sideboard stand. »Florentina Vergossen«, meldete ich mich und erschrak über die Feindseligkeit in meiner Stimme.

»Hallo, mein Liebes. Sag mal, ist alles in Ordnung bei dir? Hast du Sorgen? Seit Tagen versuche ich dich zu erreichen, was um alles in der Welt ist denn nur los? «

Hatten eigentlich alle Mütter eine Direkt-Hotline zu den gegenwärtigen Emotionen ihrer Kinder? Unsanft ließ ich mich auf den Rattanstuhl neben dem Sideboard fallen. Sie wollte allen Ernstes wissen, was los war? Na, zurzeit wohl eine ganze Menge. Du musst doch total durch den Wind sein, wenn du dieser Kröte gestattest, Post zu mir zu schicken, schrie ich sie in meinem Geiste an.

»Nein, Mama, alles gut. Ist nur ein bisschen früh am Morgen und ich bin gerade erst aufgestanden«, sagte ich stattdessen. »Ich hätte mich ganz bestimmt in den nächsten Tagen gemeldet. «

»Ach Kleines, du arbeitest einfach zu viel. Es wird höchste Zeit, dass du einmal abschaltest, und wo wir schon davon sprechen… hast du den Brief erhalten? «

Ach, der Brief? Klar, Mama, während ich hier sitze, halte ich ihn in der linken Hand, während die rechte ihn just in diesem Moment in tausend Stücke zerreißt.

»Ja, ich halte ihn gerade in der Hand. Die Einladung zum Abi-Nachtreffen, ist ja eine ziemliche Überraschung! Sag mal, hast du Till meine Adresse gegeben? « Ich hörte, wie sie am anderen Ende nach Luft schnappte, und wartete geduldig.

»Ja, wieso fragst du? Durfte ich das nicht? Till hilft mir ab und zu mit den Reparaturen am Haus und mit all dem Computerzeug. Du weißt ja, dass ich von all dem keine Ahnung habe. Und Sofia ebenso wenig. Bei einer Gelegenheit hat er mir von dem bevorstehenden Treffen erzählt und mich gebeten, dir eine Einladung zukommen zulassen. Da dachte ich mir, es ist doch albern, wenn ich dir schreibe, das sollte er gefälligst selber machen. «

Heuchlerin.

»Wusstest du, dass er die Party allein geplant hat?«

Nein, und es interessiert mich auch nicht. Aber mit Partys kannte er sich ja früher schon bestens aus. Ohne meine Antwort abzuwarten, redete meine Mutter weiter, was auch gut so war, denn ansonsten hätte ich womöglich Sachen gesagt, die ihr die Schamröte ins Gesicht getrieben hätten.

»Also Kind, wie sieht es aus. Wann genau kommst du denn? Ach, ich freue mich wahnsinnig, dich endlich einmal ein paar Tage um mich zu haben. Sofia ist schon ganz aus dem Häuschen.«

Was? Ich sollte nach Roetgen? Keine zehn Pferde würden mich dorthin bekommen. Und schon gar nicht für ein paar Tage. Oh Gott, ich war ja schon dankbar, wenn ich nur einen Tag überstand. Bei dem Gedanken daran bekam ich eine Gänsehaut und wie von allein überkreuzten sich meine nackten Beine.

»Sofia plant schon ein gemeinsames Abendessen. Ganz klein und in familiärer Runde, nur wir zwei Alten, Till und du.«

Stopp! Jetzt hatte sie den Bogen überspannt. Ich musste eingreifen, bevor sie sich in etwas verrannte, was nie und nimmer passieren würde.

»Mama, Sofia gehört nicht zur Familie! Ebenso wenig wie ihr Sohn!« Ich versuchte so viel Gewicht wie nur irgend möglich in meine Stimme zu legen, was mir durchaus auch gelang, doch leider führte das Ergebnis nicht zu dem Ziel, das ich mir erhofft hatte.

»Florentina, wie kannst du es wagen«, fuhr meine Mutter mich an. Die Kälte kroch jetzt schon meinen Nacken herauf. »Tante Sofia war immer für dich da. Nach dem Tod deines Vaters war sie nicht nur mir eine große Stütze. Nur durch ihre Hilfe konnten wir den Laden behalten, das weißt du genau!«

Na toll, das Gespräch entwickelte sich genau in die entgegengesetzte Richtung. »Mama, ist ja schon gut. So habe ich es nicht gemeint. Rege dich bitte nicht so auf. Sicher würde Sofia sich freuen, mich noch einmal zu sehen, und sicher können wir das bald einmal nachholen. Was hältst du denn von der Idee, zu mir nach München zu kommen? Sofia kann dich begleiten und wir drei verbringen ein paar wunderschöne Tage hier bei mir.«

Ich wartete, ließ ihr Zeit, meinen Vorschlag zu überdenken, doch das Resultat, das ich mir erhoffte, blieb aus. Nur ihr leises Atemgeräusch verriet mir, dass sie den Hörer noch nicht aufgelegt hatte, und so versuchte ich noch einen Trumpf auszuspielen.

»Ich habe noch Karten für die Zauberflöte, die wollten wir schon bei deinem letzten Besuch vor elf Monaten gemeinsam besuchen.« Oh nein, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte meine Mutter seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Sicher, wir telefonierten, wenn auch nicht in regelmäßigen Abständen, aber wir erkundigten uns immer, wie es dem anderen ging. Zumindest handhabte sie es so. Florentina, du bist eine schreckliche Tochter, dröhnte es in meinen Ohren. Inzwischen hatte die Gänsehaut von meinem ganzen Körper Besitz ergriffen. Ich zwang meine Beine dazu, sich vom Stuhl zu erheben, und angelte meine Sweatshirt-Jacke vom Kleiderständer gegenüber, tapste barfuß in meine Küche, genau genommen war es nur eine Küchenzeile, die durch eine Theke vom angrenzenden Wohnzimmer abgetrennt wurde, setzte den Wasserkocher an, nahm den löslichen Kaffee aus dem Schrank über der Spüle und griff nach der danebenstehenden Tasse. Mist! Schon wieder kein vernünftiger Kaffee. Während ich all den Dingen nachging, lauschte ich immer wieder am Hörer, was mir zu der Kälte auch noch Nackenschmerzen bescherte, um letztendlich festzustellen, dass meine Mutter nicht gewillt war, irgendetwas zu meinem Vorschlag zu sagen.

Ich brauchte ganz eindeutig Koffein. Als ich das Warten nicht mehr aushielt, fragte ich ganz leise: »Mama, bist du noch da? Mama?« Nach weiteren zehn Sekunden des Schweigens antwortete meine Mutter dann endlich, doch da war mein schlechtes Gewissen bereits zur Hochform angelaufen.

»Schon gut, Liebes, du musst nicht kommen«, wimmerte sie. »Ich dachte nur … ach, ist ja auch egal.«

»Was? Was dachtest du? Nein, es ist nicht egal! Mensch, Mama … weinst du? Warum weinst du denn jetzt?«

Scheiße! Scheiße! Scheiße! Das war zu viel. Ich spürte, wie ich einknickte, und es ärgerte mich.

»Weißt du was, wenn es dir so wichtig ist, dann komm ich«, sagte ich brüsk. Dann etwas sanfter: »Aber bitte, bitte hör auf zu weinen. Hörst du?«

Allein die Vorstellung, dass sie meinetwegen in Tränen ausbrach, hätte gereicht, um mich über meinen Schatten springen zu lassen. Ganz abgesehen von dieser dröhnenden Stimme in meinem Kopf, die mich gnadenlos rügte, ein selbstgerechtes egoistisches Luder zu sein. Ich bebte innerlich, hoffte sie würde doch noch ein Einsehen haben und zu mir nach München kommen, als ich vorsichtig Luft holte, um einen letzten Versuch zu unternehmen, auf meiner Entscheidung zu beharren. Als ich ein weiteres Seufzen hörte, teilte ich ihr stattdessen mit, wann ich in Roetgen ankommen würde.

Das Wimmern, das ich nur allzu gut in meinen Ohren hörte, verstummte augenblicklich. Ja, ihre Stimme frohlockte förmlich, als sie sagte: »Weißt du, ich könnte dich ja am Flughafen abholen? Das wäre für dich doch bequemer und nicht so gefährlich wie mit deinem kleinen Käfer.«

Den Bruchteil einer Sekunde dachte ich ernsthaft darüber nach, entschied mich dann jedoch dafür, selber mit dem Auto zu fahren. Ich wollte nicht abhängig sein. Mit dem Auto war ich flexibler. Außerdem verschaffte ich mir damit die Freiheit, sämtliche Begegnungen mit der einen oder anderen Person, so kurz wie möglich ausfallen zu lassen.

»Lass gut sein, Mama. Ich komme mit dem Auto. Am Freitag muss ich noch einmal kurz in die Kanzlei, da bin ich ungebundener, wenn ich den Wagen nehme, und außerdem kann ich beim Fahren herrlich abschalten.« Und mich innerlich auf meinen Tod vorbereiten.

»Wir sehen uns dann am Wochenende, in Ordnung?«

»Gut, Liebes. Pass auf dich auf. Ich liebe dich«. »Ich dich auch. Tschüss!«

Bis Freitag blieben mir ja noch zwei Tage. Genügend Zeit, meine Sachen zu packen und alles Notwendige in der Kanzlei zu regeln, wie zum Beispiel meine Kündigung entgegenzunehmen.

Mittlerweile war auch mein Kaffeewasser fertig und ich schüttete den Kaffee hinein, rührte um, nahm einen Schluck und stellte ihn dann wieder zur Seite. Igitt! Ich musste unbedingt einkaufen. Sollte ich den Aufenthalt in der Eifel überleben, würde mich womöglich durch dieses Zeug noch das Zeitliche segnen.

Da der Kaffee den gewünschten Effekt verfehlte, ging ich mürrisch ins Bad, duschte und fischte im Anschluss meinen neuen braunen Rock und eine cremefarbene Bluse aus dem begehbaren Kleiderschrank im Schlafzimmer. Die farblich dazu passenden Pumps fand ich nach langem Suchen unter meinem Sofa im Wohnzimmer. Die Stimme meiner Mutter drang zu mir durch und ermahnte mich zu essen. Ich verabscheute es, morgens schon feste Nahrung aufzunehmen, doch nach dem Telefonat hatte ich die Stimme meiner Mutter viel zu präsent in meinen Ohren. Also angelte ich mir einen Apfel aus der Obstschale, steckte den Stecker meines Haarglätters in die Steckdose und aß gewissenhaft meinen Apfel, während der Zauberstab vorglühte. Mir blieben noch sieben Minuten, bis Alexander hupend vor meiner Tür erscheinen würde, um mit mir gemeinsam in die Kanzlei zu fahren. Seit unserer Studienzeit waren wir nun schon befreundet, auch wenn ihm das Wort Freund mehr als nur missfiel. Aber ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, ihn als meinen Verlobten zu bezeichnen, zumal wir in getrennten Wohnungen lebten. Und das im 21. Jahrhundert. Da hätte das Zusammenleben ohne Trauschein und vorherige Anmeldung zur Eheschließung doch als das Selbstverständlichste überhaupt gelten sollen. Doch Alexander schätzte seine konservativeren Ansichten und wies bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass unsere Kriminalitätsrate deutlich geringer ausfallen würde, wenn die Menschheit Werte und Tradition beibehalten würde. Und genau diese Tradition machte mich zu einer Verlobten, zu seiner Verlobten. Zur Verlobten von Alexander von Hohenbusch, Anwalt für Strafrecht.

Na gut, ein klein wenig machte mich das auch stolz, aber wirklich nur ein klitzekleines bisschen. Wir kannten uns jetzt schon seit fast acht Jahren. Kurz vor meinem neunzehnten Geburtstag hatte ich, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, einen Studienplatz in München erworben, woraufhin ich sofort umgezogen war.

Ein Jahr später lernte ich dann Alexander kennen. Er studierte genau wie ich Jura und wir begegneten uns in diversen Vorlesungen. Zu der Zeit kellnerte ich in einem der zahlreichen Szene-Cafés ganz in der Nähe des Englischen Gartens, das er des Öfteren mit seinem Vater besuchte. Es war nun wirklich nicht Liebe auf den ersten Blick, genau genommen auch nicht auf den zweiten oder dritten. Es war vielmehr so, dass ich seine Aufrichtigkeit und Strebsamkeit bewunderte. Seine Ideale und Wertschätzung, die er Menschen gegenüber aufbringen konnte, selbst wenn diese Menschen oftmals den Respekt der Gesellschaft verloren hatten.

Als er mich eines Tages fragte, ob ich ihn in die Oper begleiten würde, war ich ziemlich aufgeregt. Nie zuvor hatte ich eine Oper von innen gesehen, abgesehen davon, dass ich auch noch niemals zuvor auf die Idee gekommen war, eine Oper zu besuchen.

Es war faszinierend und unglaublich schön. Von diesem Tag an, sahen wir uns regelmäßig. Tauschten Ideen, redeten, lernten. Oft trafen wir uns in meinen Pausen an der Isar. Während ich den Surfern zusah, die sich ihrem unermüdlichen Ritt auf der künstlich angelegten Welle hingaben, nutzte er die Zeit, um sich in neue Themen einzuarbeiten. Wir harmonierten perfekt. Alexander war genau der Mann, den meine verletzte Seele brauchte, und ich war exakt die Freundin, nach der er gesucht hatte. Ein echter Kumpel. Es dauerte dann noch weitere zwei Jahre, bis aus uns ein Paar wurde.

Vor dem Haus ertönte ein lautstarkes Hupen. Ich war gerade im Begriff, meinen neuen rosafarbenen Lippenstift aufzulegen. Das Hupen riss mich derart aus meinen Gedanken, dass ich anstelle der Lippen einmal quer den Mundwinkel erwischte. Na toll, jetzt musste ich auch noch Zeit darauf verwenden, das Ausmaß meiner Verwüstung zu beseitigen, was wieder zur Folge hatte, dass das Gehupe immer öfter ertönte und mit Sicherheit schon sämtliche Nachbarn dazu animiert hatte, neugierige Blicke aus ihren Fenstern zu werfen.

Als ich dann endlich so weit war, schnappte ich mir meine Aktentasche, nahm im Vorbeifliegen die Jacke vom Kleiderständer und rannte die vierundsechzig Treppenstufen im Hausflur hinunter, was mir nicht nur ein strahlendes Lächeln einbrachte, sondern garantiert auch Schweißflecken unter den Achselhöhlen meiner cremefarbenen Bluse.

»Guten Morgen, Schlafmütze«, lächelte Alexander mich an, während er bereits die Beifahrertür seines Volvos für mich geöffnet hielt.

»Von wegen Schlafmütze. Wenn ich dir jetzt erzähle, dass ich bereits seit zwei Stunden wach bin, würdest du mir glauben?», fragte ich und stieg ein. Alexander schloss die Tür und stieg auf den Fahrersitz.

»Selbstverständlich würde ich dir glauben«, antwortete er verschnupft. Irritiert schaute ich in seine stahlblauen Augen, die seine Worte Lüge straften. Er verzog den Mund zu einem amüsierten Lächeln, beugte sich zu mir hinüber und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

»Besser du sagst jetzt kein Wort mehr, deine Augen verraten dich ohnehin«, sagte ich ein wenig zu säuerlich.

Es war ja nicht seine Schuld, dass ich so spät dran war. Im Grunde war ich auch gar nicht sauer auf ihn, sondern auf mich. Ich wusste, dass ich mit ihm reden musste. Aber das konnte ich nicht. Nicht während wir im Auto saßen auf dem Weg zur Arbeit. Hätte ich mich darauf eingelassen, wäre es ganz sicher nicht bei einem unverfänglichen Gespräch geblieben. Alexander konnte sehr hartnäckig sein und ich war weder in der Verfassung, mit ihm zu streiten, noch hatten wir die Zeit, die wir für eine derartige Unterhaltung ganz sicher gebraucht hätten.

»Hey, bis jetzt habe ich dir lediglich einen guten Morgen gewünscht«, erwiderte er, während sein Blick auf die Uhr am Armaturenbrett glitt. »Es sind jetzt exakt acht Uhr zehn. Wenn meine exzellenten mathematischen Fähigkeiten nicht über Nacht verschwunden sind, bedeutet das, du bist seit fünf Uhr fünfzig wach. Soweit ich mich entsinnen kann, muss schon einiges geschehen, bevor du mit deiner Nachtruhe so verschwenderisch umgehst. Also Florentina, raus mit der Sprache. Was ist los? Gab es vielleicht ein Erdbeben, das mir entgangen ist?«

Seine wunderschönen Augen starrten mich mit unverhüllter Neugier an. Fasziniert betrachtete ich die langen dichten Wimpern, die seine Augen umrundeten.

»Nein, kein Erdbeben, auch keine Stürme oder andere Naturgewalten. Ich bin nur eher aufgewacht, um dann viel zu viel Zeit in Sachen zu investieren, die ich für gewöhnlich aufschiebe. Das ist alles«, log ich und mein schlechtes Gewissen nagte zum zweiten Mal an diesem Morgen an mir. Genau genommen war es ja gar keine Lüge, beruhigte ich mich. Ich hatte lediglich die Wahrheit umschrieben. Alexander warf mir einen schnellen Blick zu und musterte mich skeptisch, bevor er seinen Blick zurück auf die Straße vor uns warf.

Wir waren bereits kurz vor dem Deutschen Museum, da lenkte er den Volvo auf einen der vielen Busparkplätze gegenüber dem Museum und brachte ihn zum Stehen. Sanft berührten seine Hände mein Gesicht, als er meinen Kopf zu sich herumdrehte.

»Florentina, was ist denn los? Hat es was mit dem Brief zu tun, der seit Wochen bei dir herumliegt?«

Ich zwang mich zu einem Lächeln, während ich seine Frage bejahen wollte und darüber nachdachte, wie ich ihm meine Entscheidung, das Wochenende in Roetgen zu verbringen, mitteilen sollte.

»Nein, eigentlich eher mit meiner Mutter…« Weiter kam ich nicht. Alexander hatte seinen Sicherheitsgurt gelöst. Kaum dass ich den Mund geöffnet hatte, lagen auch schon seine kühlen Lippen auf meinen. Der Kuss, zunächst federleicht, wurde schon kurze Zeit später immer intensiver, drängender. Ich fühlte mich unbehaglich, wollte auf die Art von Kuss nicht eingehen. Verhalten legte ich meine Hände auf seinen Brustkorb und rückte ein Stück von ihm ab.

»Alexander, nicht. Wir kommen zu spät.«

Er sollte meine miesepetrige Laune nicht auf sich beziehen. Aber ich hatte auch Angst davor, ihm den wahren Grund zu nennen. Er würde außer sich vor Wut sein und das aus gutem Grund. Schließlich wollte er ein romantisches Wochenende mit mir verbringen und nicht mitansehen, wie seine zukünftige Braut sich ohne ihn auf den Weg zu ihrem Exfreund begab. Ich schloss meine Augen, holte einmal tief Luft und wollte gerade eine Erklärung für mein abweisendes Verhalten abgeben, da wurde ich schon wieder unterbrochen.

»Entschuldige Schatz, ich wollte nicht…«

Was wollte er nicht, mich küssen? Wie von selbst zog sich meine rechte Augenbraue nach oben.

»Ich wollte dich bereits von dem Moment an küssen, als du zu mir ins Auto gestiegen bist. Allerdings sollte mein Kuss dich nicht erschrecken. Es ist nur… ich hab dich so wahnsinnig vermisst, letzte Nacht. Verzeih, dass ich dir nicht zugehört habe. Fang noch mal an.« Er hob zwei Finger in die Luft und ballte die restlichen zu einer Faust. »Ich schwöre feierlich dir zuzuhören.«

Sein Schwur wärmte mir das Herz. Alexander ließ sich nur selten zu derartigen Kindereien hinreißen. Lächelnd schaute ich in sein gespielt reumütiges Gesicht, während meine Hand durch seine kurzen blonden Haare fuhr.

»Kindskopf«, schalt ich ihn, immer noch lachend. »Besser wir fahren jetzt erst einmal in die Kanzlei, sonst geben die dort noch eine Vermisstenanzeige auf. Wie wäre es, wenn du heute Abend zu mir kommst? Wir bestellen uns was zu essen und ich schwöre feierlich dir alles, was mir gerade durch den Kopf geht, haarklein zu erzählen.« Alexanders Lachen, als ich seinen Schwur imitierte, war Balsam für meine Seele.

»Hört sich gut an. So gegen zwanzig Uhr?«

»Perfekt.« Ich beugte mich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuss auf den Mund, während er den Wagen bereits startete.

Gegen acht Uhr fünfunddreißig erreichten wir, mit einer fünfzehnminütigen Verspätung, die Kanzlei, was durchaus noch im Rahmen lag, da die ersten Termine erst gegen neun Uhr anstanden und die Sekretärinnen auch noch nicht in ihren Büros waren. Allerdings hatte Friedrich von Hohenbusch, Alexanders Vater und mein Chef, noch eine Besprechung angeordnet, in die wir nun hineinpolterten. Friedrich saß mit weiteren drei Kollegen am Kopfende des großen Konferenztisches und schaute belustigt zu uns hinüber. Bevor Alexander etwas sagen konnte, wünschte ich allen einen "Guten Morgen" und setzte direkt eine Erklärung hinterher, indem ich mich für mein Verschlafen entschuldigte. Zwei meiner Kollegen warfen sich belustigte Blicke zu. Den Penny für ihre Gedanken konnte ich mir sparen. Ich wusste auch so, dass sie dachten, Alexander und ich hätten unserem Liebesspiel kein Ende bereiten können.

Jedoch ersparten sie mir ihre Witzeleien und im Großen und Ganzen verlief die Besprechung dann auch ruhig und fallspezifisch. Termine wurden abgeglichen und einzelne Fälle noch kurz vorgestellt. Als ich gerade dabei war, meine Unterlagen in die Tasche zu stecken, stand Friedrich plötzlich vor mir, legte seine linke Hand auf meine Schulter und bat mich um eine kurze Unterredung.

»Einen Moment noch, Florentina. Heute Morgen erhielt ich einen äußerst merkwürdigen Anruf von einer Frau, die sich mir mit "Schönfeld" vorstellte. Sagt dir der Name etwas?«

Irritiert schaute ich zu ihm hinauf. Friedrich von Hohenbusch war mindestens zehn Zentimeter kleiner als ich, und das mit flachen Schuhen, was seine starke körperliche Präsenz nicht im Entferntesten minderte. Es war die Aura, die von ihm ausging und derer er sich nur allzu bewusst war. Im Gegensatz zu seinem gütigen Gesichtsausdruck vermittelte sie Stärke und eiserne Entschlossenheit. Instinktiv rückte ich mit meinem Stuhl ein Stück zurück, bis ich die Tischplatte an meinem Rücken spürte.

»Schönfeld?« Sofort ratterte mein Gedächtnis sämtliche Namen von Personen herunter, die es irgendwann einmal abgespeichert hatte, doch eine Person mit diesem Namen wollte mir einfach nicht einfallen.

»Es tut mir leid, Friedrich, aber nein, der Name sagt mir nichts. Sollte er?«

Friedrich nahm den Arm von meiner Schulter und setzte sich neben mich, während mein Blick zu Alexander wanderte, der beharrlich auf seinem Platz uns gegenüber verharrte, unterdessen alle anderen den Raum bereits verlassen hatten.

Eindringlich schaute Friedrich mich an. Gerade so als könnte er, wenn er nur beharrlich weiter starren würde, geradezu in mein Bewusstsein dringen. Seltsam. Was hatte es mit diesem Namen auf sich?

»Ich frage dich, weil sie dich treffen möchte«, sagte er schließlich. »Und zwar ausschließlich dich.« Er legte eine Pause ein und wartete. Doch alles, was ich ihm geben konnte, war ein resigniertes Schulterzucken.

»Weißt du, Liebes, es ist schon merkwürdig. Eine Frau wie diese ist mir in all den Jahren noch nicht untergekommen. Und weiß Gott, bis dahin dachte ich bereits, alles erlebt zu haben. Sie bestand darauf, ausschließlich mit dir in Kontakt zu treten. Angeblich würdest du sie kennen. Ich soll dir ausrichten, sie schaffe es vor Freitag nicht in die Kanzlei und bitte dich daher um ein Treffen am Freitagvormittag um elf Uhr dreißig im Café Zentral.«

»Café Zentral? Das Café am Englischen Garten. Da habe ich während meiner Studienzeit gearbeitet«, sinnierte ich laut. »Vielleicht kenne ich sie daher.«

Friedrich schaute mich aufmerksam an. »Ja, meine Liebe. Daran habe ich mich auch erinnert. Wie sollte ich auch nicht. Schließlich kam ich dort zu dem Vergnügen, meine zukünftige Schwiegertochter kennenzulernen. Bitte Florentina, denke noch einmal in Ruhe nach. Möglich, dass dir der Name ja doch noch einfällt. Normalerweise denke ich über potenzielle Mandanten, die derart dominant auftreten, nicht so intensiv nach. Doch diese Frau war nicht einfach nur dominant. Sie wirkte völlig aufgelöst und war durch nichts davon abzubringen, nur mit dir in Kontakt zu treten. Möglich, dass es sich dabei um jemanden handelt, den du aus dieser Zeit noch kennst.«

Ich versuchte noch einmal sämtliche Personen, mit denen ich seinerzeit Kontakt gehabt hatte, aufzurufen, aber Fehlanzeige. Vielleicht war sie eine Kundin, mit der ich etwas länger als üblich gesprochen hatte, doch Friedrich hatte recht. Ihr Verhalten war ziemlich untypisch. Seines jedoch auch. Einen Moment lang gab ich dem Impuls, meiner Neugierde freien Lauf zu lassen, nach, als mir noch gerade rechtzeitig der Wochentag in den Ohren klingelte.»

Am Freitag, sagst du? Kann der Termin nicht eine Woche später stattfinden? Im Übrigen sagt der Name mir wirklich nichts, aber wer weiß …, wenn ich die Frau sehe, vielleicht erkenne ich sie am Aussehen. Gib mir doch einfach mal ihre Telefonnummer. Ich rufe sie an und sehe, was sich machen lässt«, sagte ich voller Tatendrang.

»Würde ich nur zu gerne. Ist aber nicht machbar.«

Frustriert warf er seine Arme in die Luft. »Wir haben keine. Sie hat jegliche Form der Kontaktaufnahme unsererseits rigoros abgelehnt«, klärte mich Friedrich auf.

»Zu dumm«, ärgerte ich mich. Ich atmete einmal tief durch, während ich in Gedanken ein Gespräch mit meiner Mutter durchspielte, in dem ich ihr erklärte, anstatt Freitag erst Samstag zu kommen, um dann am Sonntag den Rückweg anzustreben. Auch wenn die Vorstellung, nur eine Nacht in Roetgen zu verbringen, noch so verlockend war, so konnte ich doch unmöglich weitere Tränenergüsse meiner Mutter über mich ergehen lassen. Schließlich hatte auch ich so etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb.

Also straffte ich meine Schultern, nahm eine aufrechte Haltung an und sah meinem Chef direkt in die Augen, als ich ihm mitteilte, dass ich für das kommende Wochenende bereits andere Pläne hatte und am Freitagnachmittag nicht mehr in der Stadt sein würde. Ich fühlte regelrecht die Blicke aus Alexanders Richtung, die sich in meine Brust zu bohren schienen. Mist! Er war sauer, fuchsteufelswild! Es war die reinste Folter, seine Blicke auf mir zu spüren, während ich strickt darauf achtete, den Drang ihn anzusehen zu unterdrücken.

»Es tut mir leid, Friedrich, aber wenn Frau Schönfeld ein Treffen mit mir so wichtig ist, wird sie sich sicher in der nächsten Woche noch einmal melden. Das kommende Wochenende ist mir wichtig. Wenn du also keinen anderen zu dem Treffen schicken kannst, hoffe ich doch, dass du meine Entscheidung respektieren wirst.«

Zu meiner völligen Überraschung nahm Friedrich von Hohenbusch meine rechte Hand in seine großen Hände und drückte sie liebevoll zusammen. Misstrauisch legte ich meine Stirn in Falten, während meine Hand zu schwitzen anfing. Er würde mir doch wohl jetzt nicht auf charmante Art und Weise mitteilen, dass er mehr Arrangement von seinen Mitarbeitern verlange. Vielleicht fände ich ja in der Eifel noch eine Kanzlei, die eine junge, strebsame Volljuristin einstellte, die wegen Arbeitsverweigerung ihre letzte Stelle hatte aufgeben müssen.

Unbeirrt über meinen Gesichtsausdruck fuhr Friedrich fort. »Ich wusste ja nicht, dass Alexander und du bereits Vorkehrungen für das Wochenende geplant habt.« Zärtlich lächelte er mir zu, um im nächsten Moment seinem Sohn ein munteres Kopfnicken zukommen zu lassen.

»Haben wir auch nicht, Vater«, schaltete sich nun Alexander in das Gespräch ein, was mich dazu veranlasste, meinen Blick doch in seine Richtung zu werfen. Hatten wir nicht? Wollten wir ein anderes Wochenende weg und ich hatte mir völlig unnötig Sorgen gemacht? Bingo! Manche Probleme lösen sich ganz von alleine.

Alexander saß immer noch beharrlich auf seinem lederbezogenen Stuhl, die Beine unter dem Konferenztisch lässig übereinander geworfen, die Arme überkreuzt, so dass sein weißes Hemd an den Oberarmen spannte. Seine Augen schauten mich energisch an. Es war klar, was sie mir zu sagen hatten. "Ich bin wütend!"

Unbeirrt hielt ich seinem Blick stand, in der Hoffnung, er würde den durchdringenden Blick richtig deuten, der ihm vermitteln sollte, dass dies wohl weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt war, um unsere privaten Angelegenheiten auszudiskutieren.

Tja, da lag ich wohl falsch. Sekunden verstrichen, in denen keiner ein Wort sagte, bis schließlich Friedrich räuspernd seinen Stuhl zurückschob und sich erhob. Während er noch dastand, schaute er von mir zu seinem Sohn, tätschelte meine Schulter und sagte an seinen Sohn gewandt: »Na, dann sollten wir jetzt alle wieder an die Arbeit, es verdient ja wohl keiner sein Geld im Schlaf, stimmt es nicht?«

Lachend verließ er den Raum und überließ uns unserer Auseinandersetzung, die ich in keinster Weise gewillt war zu führen.

»Also…«, ergriff ich als Erste das Wort. Alexander hatte den Mund bereits geöffnet. Mit beiden Händen fuhr er sich durch seinen modischen Kurzhaarschnitt.

Wie oft ich ihn einfach nur anschaute, um seine feinen Gesichtszüge zu bewundern, dachte ich, als ich nun in sein vor Wut verzerrtes Gesicht blickte und eine Hand hob, um ihn daran zu hindern, weiterzusprechen. Er schloss den Mund, die Lippen zu einem schiefen Grinsen verzogen nickte er mir zu.

»Sei nicht sauer, Alexander. Ich wollte es dir ja sagen, eben im Auto, aber irgendwie war der passende Moment nicht da.«

Rote Flecken machten sich auf seinem Gesicht und auf seinem Hals breit. Durch zusammengepresste Lippen zischte er mir zu: »Was soll das heißen, der passende Moment war noch nicht da? Seit Monaten reden wir davon, endlich einmal Zeit für uns zu haben. Die Karten für die Zauberflöte hatte ich bereits vor einem halben Jahr gekauft. Für dieses Wochenende.«

»Ja, ich weiß, und es tut mir furchtbar leid. Aber …«

»Herrgott nochmal, Florentina!« Aufgelöst gestikulierte er mit seinen Armen in der Luft herum. »Hast du eigentlich eine Ahnung, wie teuer die Karten waren? Ganz zu schweigen davon, wie viel es mich gekostet hat, überhaupt noch Logenkarten zu bekommen. Und jetzt, während eines Meetings, wirfst du mal eben so in den Raum, dass du am Wochenende gar nicht in der Stadt sein wirst. Da hatte ich ja noch einmal großes Glück, Gasthörer eurer kleinen Unterhaltung gewesen zu sein. Wann hattest du denn vor, mich über deine Abwesenheit in Kenntnis zu setzen? Oder ist für die Frage jetzt auch nicht der richtige Zeitpunkt?«, schrie er mich nun an.

Gut, ich konnte verstehen, dass er sauer auf mich war, aber musste er ausgerechnet in diesem Moment so eine Szene machen? Hatte er vergessen wo wir uns befanden?

»Ganz richtig erkannt«, konterte ich.

»Hör zu, Alexander, ich kann ja verstehen, dass du enttäuscht bist, aber hier und jetzt ist definitiv der falsche Zeitpunkt. Wir reden heute Abend. In Ruhe.«

Oh mein Gott, schoss es mir durch den Kopf, was wenn meine Mutter das Angebot mit Tante Sofia am Wochenende zu kommen angenommen und ich ihnen die überteuerten Logenplätze überlassen hätte? Ich schüttelte meinen Kopf. Ich hatte tatsächlich vergessen, dass Alexander mit mir an diesem Wochenende in die Oper wollte. Nicht, dass ich die Zauberflöte vergessen hätte. Nein, so war es nicht. Nur das Datum war mir entfallen. Dennoch, so aufgebracht wie er war, machte eine Unterhaltung keinen Sinn. Außerdem würde ich den Teufel tun, mich bei ihm zu entschuldigen. Ich war schließlich nicht diejenige, die keifend die gesamte Kanzlei unterhielt.

Alexanders Kinnmuskeln stachen hervor und seine blauen Augen funkelten unverändert wütend zu mir herüber. Bevor er eine Gelegenheit hatte, weiter auf mich einzuschreien, sagte ich mit Bestimmtheit: »Ich erkläre dir alles heute Abend. Versprochen.« Schnell schnappte ich meine Aktentasche, verließ ohne mich noch einmal umzudrehen den Konferenzraum und ging mit schnellen Schritten links den Flur hinunter, in mein eigenes kleines Büro.

Meine Sekretärin Rita, engste weibliche Vertraute im Hause "von Hohenbusch" und, um ehrlich zu bleiben, auch einzige Freundin, erwartete mich bereits mit einem Stapel Akten in der Hand.

»Sind die etwa alle für mich?«, begrüßte ich sie.

»Na, was hast du denn gedacht? Muss allerdings nicht alles heute erledigt werden. Es reicht, wenn du deinen Termin vor Gericht einhalten kannst und dir die Akte noch einmal durchsiehst. Den Rest kannst du auch noch nach dem Wochenende abarbeiten.

Na toll, der Tag wurde doch von Minute zu Minute besser. Den Termin hatte ich glatt verschwitzt. Jetzt nur die Ruhe bewahren, alles wird gut, sagte ich mir und stellte meine Tasche auf ihrem Schreibtisch ab, schaute mir die erste Seite der Akte an, um dann erleichtert festzustellen, dass der Gerichtstermin erst für fünfzehn Uhr angesetzt war.

»Ist das die Diebstahlsache, bei der der Typ so blöd war, mit einer Spielzeugkanone auf den Kassierer zu zielen?«

Rita drehte sich von mir weg, ging zur Kaffeemaschine und kam mit zwei Tassen frisch aufgebrühtem Kaffee wieder zurück.

»Mach dir keinen Kopf, Süße, den holst du unter zwei Jahren raus.« Sie reichte mir meine Tasse und setzte sich auf den Schreibtisch neben die Akten. »Wie wäre es, wenn wir zwei heute Abend ein Bier zusammen trinken? Du siehst aus, als könntest du jetzt schon eines gebrauchen.«

Sie hatte ja keine Ahnung, wie recht sie hatte. Nicht nur mit meinem Mandanten.

»Sehe ich echt so schlimm aus?«, stöhnte ich auf.

»Nö, wenn ich davon absehe, dass du ziemlich zerknittert um die Augen herum ausschaust.«

Was? »Wirklich?«

Rita schenkte mir ein strahlendes Lachen. »Quatsch. Du siehst wie immer toll aus. Ich wollte dich nur aufziehen. Apropos aufziehen. Was war eben los? Unsere netten Kollegen sind schon fleißig dabei, Gerüchte in die Welt zu setzen.«

Unser Streit hatte also schon seine Runden gezogen. Kein Wunder, Alexander hatte es schließlich darauf angelegt, die ganze Kanzlei zu unterhalten.

»Ich dachte immer, Frauen seien des Lästerns Königinnen. Dass es auch Könige gibt, ist mir neu.«

Rita legte ihren Kopf schief. Eine Augenbraue hochgezogen musterte sie mich.

»Schon gut, schon gut. Ich weiß es besser, in Ordnung? Aber du verstehst, dass es mich nervt. Ich kann das Gefühl nicht abschütteln, auf Bewährung dem scharfen Auge des Bewährungshelfers ausgeliefert zu sein. Eine falsche Handlung und ich darf Rede und Antwort stehen.«

Ich nahm meinen Kaffee und trank einen Schluck. Hmm, das erste wirklich Gute an diesem Morgen.

»Das muss sich ändern, Rita.«

»Schätze, dass nicht Es sich ändern muss, sondern Du etwas daran ändern solltest.«

Rita knipste mir mit dem Auge zu und legte einen Finger auf ihre roten Lippen. »Willst du wissen, was deine "Könige" so tratschen?«

Wollte ich ? Nein. ! Ja! Nein! Ich nickte.

»In Ordnung. Aber ich sage es dir besser gleich, es wird dir nicht gefallen. Also bitte, Süße, denke daran, wir reden hier von Männern. Die sind und bleiben ihr Leben lang präpubertär.«

Ich lächelte in mich hinein, als ich ihr nickend zustimmte.»

Die Frage nach Alexanders sexueller Erfüllung geistert durch die Köpfe unserer lieben Kollegen. Nachdem ihr bereits verschlafen hattet, was selbstverständlich nur an einem ausgedehnten Schäferstündchen liegen konnte, hat er dir im Anschluss den Kopf gewaschen.«

Was? Präpubertär war noch viel zu charmant ausgedrückt. Mir ging die Hutschnur hoch. Eigentlich war ich eher der introvertierte Typ, aber wehe meine Toleranzgrenze wurde überschritten, dann konnte ich mich so in meine Wut hineinsteigern, dass für mein Gegenüber nur noch der Notausgang infrage kam.

»Verdammt, Rita. Dreht denn jetzt jeder durch? Warum nur ist mein Sexualleben für Gott und die Welt so interessant? Kannst du mir das verraten? Als hätte ich heute Morgen nicht schon genug, um das ich mir Gedanken machen muss. Ich bin eine erwachsene Frau. Hallo! Zu euer aller Information: Erwachsene haben hin und wieder auch Sex! Das bedeutet noch lange nicht, dass wir es so leidenschaftlich getrieben hätten, dass ich darüber meinen Job völlig vergaß. Herrgott nochmal. Dieses Gerede macht mich noch krank.«

»Florentina…,Süße?« Rita wedelte mit ihrer Hand vor meinem Gesicht herum. Wütend funkelte ich sie an.

»Ich habe dir gesagt, dass es dir nicht gefallen wird. Jetzt maule bitte nicht mich an. Immerhin bist du wirklich zu spät in der Kanzlei aufgetaucht. Den Spott kannst du entweder ertragen oder aber du klärst das mit den Personen, die dafür verantwortlich sind. Stellt sich nur die Frage, wie viel Energie dir das Wert ist.«

»Moment mal. Was ist eigentlich mit dir? Musstest du dir so einen Müll auch schon anhören? Immerhin bist du diejenige von uns beiden, die in regelmäßigen Abständen zu spät erscheint«, giftete ich sie an. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sich ihre Stirn in Falten. Mist. Das hätte ich nicht sagen sollen. Ich hatte sie verletzt.

Ich wollte mich gerade bei ihr entschuldigen, als sie über beide Ohren grinsend und kein bisschen erschrocken über meinen Wutanfall sagte: »Ich bin ganz bei dir. Lieber zu spät als nie.« Was hatte sie da gerade gesagt? Lieber spät als nie? Sollte das etwa eine Anspielung sein? Ich befand mich auf dem besten Weg, einen Streit mit meiner besten Freundin vom Zaun zu brechen. Zu meinem Glück schätzte Rita die Lage ganz anders ein.

»Wenn du mich fragst, brauchst du heute noch die Gesellschaft einer Freundin«, sagte sie, während ihre grünen Augen mich aufmerksam musterten.

»Ich sehe dir doch an, dass du total durch den Wind bist. Klar hast du recht. Ganz ohne Frage. Es ist nichts dabei, zu spät im Büro zu erscheinen. Jedenfalls solange es kein Dauerzustand ist. Und ganz genau hier liegt auch dein Problem. Es ist nicht normal, wenn dir das passiert. Wie lange kennen wir uns jetzt? Vier Jahre? Ist auch egal! Was ich eigentlich sagen möchte, ist…, dass du in all dieser Zeit nicht ein einziges Mal gefehlt hast. Du warst weder krank, noch hast du verschlafen oder dir einfach so einen schönen Tag gegönnt. Im Gegenteil, du warst immer die Erste und in der Regel auch diejenige, die zuletzt ging. Da ist es doch klar, dass die Jungs sich einen Spaß daraus machen, dich aufzuziehen. Dir sollte es zu denken geben, warum du dich so sehr darüber aufregst. Und Süße, frag nicht mich. Ich weiß warum.«

Sie wollte mich nicht verletzen, das wusste ich. Dennoch hinterließen ihre Worte kleine Stiche in der Herzgegend. Angesicht der Tatsache, dass ich ihr nicht sofort antwortete, nahm sie mein Schweigen als Zugeständnis, und um das Ganze noch zu untermauern, nickte sie eifrig. Ihre roten Locken wirbelten um ihren Kopf. Nur der passende Song fehlte und jeder Rockstar hätte sie vom Fleck weg als Groupie engagiert. Wir standen immer noch im Vorzimmer und ich wollte nicht, dass Friedrich oder Alexander unverhofft hineinkamen und unsere Unterhaltung mithörten.»

Wir sollten besser in mein Büro gehen«, sagte ich, deutete mit dem Kopf Richtung Flur und ging voran in mein eigenes kleines Büro. Rita verstand sofort und verschloss die Tür hinter uns. Selbst unter den gegebenen Umständen – wie ein anstehender Gerichtstermin, der mir so völlig entfallen war und mit dem ich mich doch dringend auseinandersetzen sollte – kam ich nicht umhin, meiner Freundin einen kurzen Überblick über meinen ereignisreichen Morgen zu gewähren.

Bekümmert schaute ich sie an, als ich mich in meinen Schreibtischstuhl fallen ließ. Rita hatte einen leuchtend roten Lockenkopf. Nicht etwa rotblond oder rotbraun. Nein, ihre Haare waren einfach nur leuchtend rot. Wenn die Sonne darauf schien, sah es aus, als tanzten tausend kleine Diamanten um die Wette. Ihre Haut hatte die Farbe von Sahne-Karamellbonbons, was wohl an den regelmäßigen Solariumbesuchen lag, da sie laut eigener Aussage ansonsten nie zu einer gesunden Hautfarbe kommen würde. Ihr Gesicht war mit lauter dunklen Sommersprossen übersät. Auf ihren dünnen Lippen zeigte sich ein verschwenderisches Rot. Und sie hatte neue Schuhe, wie ich mit einem Blick auf den Boden feststellte. Pumps. Knallrote Pumps.

»Du hast neue Schuhe?«

»Ja.« Sie stellte ihren Fuß neben mir auf dem Stuhl ab und drehte ihren Fuß so, dass ich mir den Schuh von allen Seiten ansehen konnte. »Sind die nicht scharf? Totales Schnäppchen!«, strahlte sie mich an. Aber in ihren großen grünen Augen sah ich noch etwas anderes. Skepsis. So als würde sie sich fragen, ob mir die Pumps ebenso gut gefielen. Ich konnte nicht anders. Meine Wut war verflogen und ich lachte.

»Ja, die sehen…«

»Was? Willst du mir etwa sagen, die sehen nicht gut aus?«, unterbrach sie mich in gespielter Kränkung, ihre dünnen Lippen zu einem Schmollmund verzogen. »Florentina, eines kannst du mir glauben. Diese Schuhe verfehlen ihre Wirkung auf Männer nie. Niemals. Würdest du sie auch nur ein einziges Mal tragen, ich wette, du würdest mich auf Knien anflehen dir zu verraten, woher ich diese Wunderwaffe habe. Also, heute Abend? Nur du, ich und die Wunderwaffe?«

»Um nichts in der Welt würde ich den Einsatz deiner Schuhe verpassen wollen, aber ich kann nicht«, warf ich entschuldigend ein. »Alexander kommt heute Abend zum Essen.«

Rita zog ihre Stirn hoch, sagte aber nichts. Ich wusste auch so, dass sie dachte, ich würde mein ganzes Leben nur nach ihm richten.

»Ich fahre am Wochenende nach Roetgen und Alexander hatte eigentlich schon andere Pläne für das Wochenende und jetzt ist er ziemlich sauer, weil er es nicht von mir persönlich, sondern während des Meetings erfahren hat«, platzte es aus mir heraus. Ritas Augen weiteten sich überrascht.

»Was? Du fährst zu deiner Mutter? Ich zuckte mit den Achseln.

»Ohne Alexander?« Wieder zuckte ich nur mit den Schulterblättern.

»Das ist ja super!«, strahlte sie mich an. Ich kannte nur einen Menschen, der ihr breites Grinsen überbieten konnte. Till!. Da war er wieder. Till Brenner. Verflixt. Konnte der Typ nicht einfach aus meiner Präsenz verschwinden.

»Super? Super trifft es wohl nicht so ganz. Natürlich freue ich mich meine Mutter zu sehen, wenn da nicht noch dieses "Abi Revival" dranhängen würde, um das ich nicht herumkommen werde«, sagte ich und fühlte mich wie erschlagen.» Also bitte, bitte, bitte«, ich faltete meine Hände zusammen und senkte meinen Blick, »sei du nicht auch noch sauer auf mich, wenn ich dir für heute Abend absagen muss, um in Ruhe mit Alexander zu reden, der im Übrigen noch keine Ahnung davon hat, dass ich ohne ihn fahren werde.«

Grüne Augen funkelten mich belustigt an. »Wie könnte ich da sauer sein? Schließlich bin ich die Erste, die Hier ruft, wenn es darum geht, Entwicklungshilfe zu leisten.« Eine Hand auf ihrer Brust abgelegt, hob sie verschwörerisch die zweite in die Höhe. Gerade weil meine Freundin ihr Dauergrinsen nicht aus dem Gesicht nehmen konnte, traf es mich umso härter, dass sie ihre Meinung über Alexander so offen kundtat. Ich rutschte etwas tiefer in meinen Stuhl hinein und verschränkte die Arme ineinander, aus Angst ich könnte ansonsten handgreiflich werden. Entweder ihr war das völlig entgangen oder es interessierte sie glattweg nicht, denn sie sprach fröhlich weiter.

»Florentina, Hand aufs Herz. «Sie lachte schallend über ihr kleines Wortspiel, als sie bemerkte, dass ihre Hand immer noch unter ihrem Herzen lag. »Was soll an einem Klassentreffen so grausam sein? Wenn es dir nicht gefällt, kannst du dich zur Not noch besinnungslos trinken und bekommst nicht mehr mit, was um dich herum passiert. Du könntest dich aber auch ganz einfach in dein Auto setzen und zurück nach München fahren. Nimm es als das, was es ist…, eine nette Gelegenheit, alte Freunde wiederzusehen, um ein bisschen Spaß zu haben. Ich an deiner Stelle würde mich sexy anziehen, nicht so spießig elegant, eher einen Hauch von mysteriös-schick und siehe da…«, Rita klatschte in ihre Hände, »…alle männlichen Anwesenden haben an diesem Abend nur noch Augen für dich. Doch wenn ich ehrlich sein soll, Süße, siehst du auch ohne das ganze Zeug einfach nur unverschämt gut aus. Also, was gibt es sonst noch für Bedenken?«

Es war keine rhetorische Frage und so warf sie sofort hinterher: »Ein bisschen Spaß könnte deiner Libido ganz gut tun.« Ich musste mich verhört haben. Das konnte sie nicht wirklich gesagt haben. Nicht, nachdem ich ihr kurz vorher noch erzählt hatte, wie wütend mich die Kollegen wegen ihrer Sticheleien machten. Aber es stimmte. Ich wusste, warum ich mich so aufregte. Ich hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Nicht das ich nicht gewollt hätte. Ich wollte es. Doch jedes Mal wenn ich kurz davor war mit Rita zu reden, machte ich einen Rückzieher. Es war mir schlichtweg zu peinlich. .Ich fragte mich nun schon seit geraumer Zeit, ob unser Sexualleben nicht erfüllter sein sollte. Ob ich nicht erfüllter sein sollte. Wenn Rita über ihre sexuellen Erfahrungen sprach, hatte ich stets das Gefühl, nicht mitreden zu können. Um genau zu sein, konnte ich das auch nicht. Doch hier in meinem Büro war ein schier undenkbarer Zeitpunkt, um das Thema anzuschneiden. Vielleicht nach dem Besuch bei meiner Mutter. Ganz bestimmt aber noch vor der Hochzeit. Aber definitiv nicht an diesem Morgen. Rita war immer schnell bei der Hand, wenn es um die Einschätzung ging, ob es zwischen zwei Menschen knisterte oder auch nicht. Lag wohl an ihrer Erfahrung, die mir fehlte. Nicht, dass ich total unerfahren in die Beziehung mit Alexander gegangen war. Vor ihm hatte es schließlich noch Till gegeben. Till, der mich betrogen und belogen hatte. Der Till, der vorgab, mein bester Freund gewesen zu sein. Der Till, von dem ich angenommen hatte, dass er, komme was auch wolle, mich immer respektieren würde. Und genau der Till, dem ich demnächst auf der bevorstehenden Feier begegnen und den ich zu hundert Prozent ignorieren würde.

»Hey Süße, hörst du mir überhaupt zu?«, riss mich Ritas Stimme aus meinen Gedanken heraus.

»Und ob ich dir zuhöre. Mensch Rita, warum sagst du so etwas? Ich liebe Alexander. Da kommt kein anderer Mann infrage«, sagte ich energisch und versuchte die Unsicherheit aus meinem Gesicht zu verbannen.

»Schon gut!« Abwehrend hob sie ihre Arme in die Luft. »Ich wollte dir nicht wehtun. Manchmal schieße ich einfach übers Ziel hinaus.«

Rita rückte einen Zentimeter näher an mich heran, legte ihren Kopf an meine Schulter und murmelte: »Tschuldigung, war ziemlich blöd von mir, was? Wir holen unseren Frauenabend einfach nach, wenn du aus Roetgen zurück bist, und du musst mir versprechen, jedes einzelne schmutzige Detail unaufgefordert preiszugeben, abgemacht?«

In gespieltem Entsetzen verdrehte ich die Augen, musste jedoch lächeln, als ich in ihr Gesicht blickte, das mich so unschuldig ansah. Sie war einfach unverbesserlich.

»Abgemacht«, stimmte ich zu.

»Ach noch was, wenn eine Frau Schönfeld für mich anruft, würdest du mir dann eine Notiz hinterlassen und ihr so bald wie möglich einen Termin einräumen? Sie hat sich bei Friedrich gemeldet und bestand darauf, nur mit mir zu sprechen.«

Der Rest des Tages verging wie im Flug. Ich hatte noch nicht einmal Zeit, eine Mittagspause einzulegen. Nach unserem Gespräch las ich die Diebstahlakte und stellte zu meiner großen Erleichterung fest, dass Rita alles Notwendige fein säuberlich dokumentiert hatte, so dass ich mich schnell in den Fall einlesen konnte, um zumindest einigermaßen vorbereitet in die Verhandlung gehen zu können. Sie war ein Schatz. Mein Mandant wurde auf Bewährung freigesprochen.

Es war schon später Nachmittag, als mich eine Nachricht von Alexander auf meinem Handy erreichte, in der er mir mitteilte, dass er es bis zwanzig Uhr nicht schaffen würde. Er war wohl wütender, als ich gedacht hatte. Schnell schrieb ich zurück, dass ich mich auf ihn freue und warten würde. Fünfzehn Minuten später erhielt ich eine weitere Nachricht, in der er versicherte, auf alle Fälle noch vorbeizuschauen. Wenn der Hunger zu groß werden sollte, könne ich ja auch schon ohne ihn anfangen. Was ich auch tat.

Kaum zuhause angekommen, schlüpfte ich in meine ausgewaschene Jogginghose und warf ein altes Sportshirt über. Ich sah keine Notwendigkeit, mich sexy anzuziehen, wenn Alexander ohnehin auf sich warten ließ. Da konnte ich es mir genauso gut gemütlich machen. Ich bestellte beim Lieferservice eine Familienpizza, wobei ich geflissentlich darauf achtete, den Knoblauch wegzulassen. Dann öffnete ich eine Flasche Monte Vecchio, einer der Weine, die meine Mutter mir geschickt hatte, machte es mir mit meiner Kuscheldecke auf dem Sofa gemütlich und versüßte mir die Zeit des Wartens mit dem alten Hitchcock-Film "Das Fenster zum Hof".

Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn ich erwachte mit einem Druck auf meinem Brustkorb, als ob jemand zehn Zentner Steine dort abgeladen hätte. Gleichzeitig rollte eine Hitzewelle über meine Brüste und landete genau zwischen meinen Beinen. Als ich meine Augen aufschlug, sah ich Alexander, der sich mit einer ruckartigen Bewegung von mir zurückzog. Die Arme vor der Brust verschränkt, als müsste er sich selber festhalten, starrte er mit dunklen Augen auf mich herab.

»Alexander?«

Er sagte kein Wort, stand einfach nur da und schaute mich an.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

Er schüttelte den Kopf und im nächsten Moment lag sein schwerer Körper auch schon auf mir. Seine großen Hände fuhren ruhelos durch mein Haar. Streichelten in der einen Sekunde, um in der nächsten fest an einzelnen Strähnen zu ziehen, so dass ich vor Schmerz kurz aufschrie. Ich spürte seine Erektion, die sich hart und schwer an meinen Oberschenkel presste.

»Warte«, stammelte ich und versuchte mich unter ihm zu bewegen. Doch sein schwerer Körper drückte mich nur noch tiefer in das Sofa hinein. Als ich erneut den Mund öffnete, um mit ihm zu reden, nahm er mein Gesicht in seine Hände und verschloss mir mit seinen Lippen den Mund. Ich fühlte mich unbehaglich, zu schwer war das Gewicht seines Körpers auf meinem. Seine Zunge bahnte sich ihren Weg, immer fordernder, rhythmischer. Er hatte getrunken. Whisky? Ich schmeckte den Alkohol auf seiner Zunge.

Seine Hände schienen überall zu sein. Hart massierte er meinen Busen, zu hart! Unweigerlich stöhnte ich auf. Meine Hände stemmten sich gegen seine Schultern, was ihn dazu veranlasste, noch entschlossener vorzugehen. Seine Hände schienen sich zu vervielfachen, als wären sie zur selben Zeit überall auf meiner Haut. Ich wollte, dass er aufhörte. So sollte es nicht sein. Aber auch wenn mein Kopf sich sträubte, wollte mein Körper doch mehr und noch bevor ich es selber merkte, erwiderte ich seinen Kuss.

Seine Hand zerrte grob an meiner Hose. Ohne das Gewicht von mir zu nehmen, streifte er sie mir über die Beine. Dann stieß er auch schon seinen Finger in mich hinein. Nein, Alexander, nein! Nicht so! Erneut versuchte ich mich von ihm zu lösen. Meine Hände, zu Fäusten geballt, trommelten auf seinen Rücken ein. Es war ihm egal. Es interessierte ihn nicht, dass ich noch nicht so weit war, als er hart in mich eindrang.

Mein Körper krampfte sich zusammen, während meine Hände sich in seinen Schultern festkrallten, als ich vor Schmerz aufstöhnte. Alexander nahm mein Stöhnen als Ansporn. Er machte erst gar nicht den Versuch, mir irgendetwas zu ersparen. Er musste doch merken, dass ich noch nicht so weit war, schoss es mir durch den Kopf, als ich einen kehligen Laut vernahm, der tief aus seinem Inneren zu mir drang.

»Ja, so will ich dich«, stöhnte er. »Genau so.«

So? Ich spürte, wie Tränen mein Gesicht benässten, als seine Hände meine Schultern tief in das Sofa hineindrückten.

Was tat er mir an? Warum? Warum war alles, woran ich dachte, während er immer und immer wieder tief in mich eindrang, bis er plötzlich seine Fingernägel in mein Shirt krallte und sich nach einem letzten harten Stoß in mir ergoss.

Ich hielt meine Augen geschlossen, spürte nur seinen erschlafften Körper auf meinem ruhen. Mein Zeitgefühl war getrübt, Minuten oder Sekunden konnten verstrichen sein. Alles, was ich in diesem Moment verspürte, war Leere. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, lag ich regungslos auf meinem Sofa, bis ich Hände spürte, die sanft über mein Haar strichen, und Alexanders Stimme zu mir durchdrang, die monoton immer wieder das Gleiche von sich gab.

»Alles ist gut. Pst. Alles ist gut!«

Irgendwann nahm dann auch mein Verstand die Worte auf und je klarer die Bedeutung der Worte zu mir durchdrang, desto wütender wurde ich, bis ich schließlich aus meiner Starre ausbrach. So fest ich nur konnte, stieß ich meine Arme gegen seinen Oberkörper. Ich weiß nicht, ob ich wirklich so viel Kraft in mir hatte oder ob Alexander auf meinen Widerstand reagierte, jedenfalls rollte er von mir herunter und landete unsanft auf dem Boden, was er mir durch ein lautes "Aua" zu verstehen gab. Noch bevor er die Möglichkeit hatte, ein weiteres Mal Luft zu holen, donnerte es aus mir heraus.

»Nichts ist gut! Überhaupt nichts von all dem, was gerade geschehen ist, ist gut! Was sollte das? War das deine ganz persönliche Art, mir zu sagen, was du von einem Besuch bei meiner Mutter hältst? Oder wolltest du mich nur so aus Spaß vergewaltigen.«

Ich ertrug es kaum, ihm in die Augen zu schauen. Doch ich tat es und was ich darin zu sehen bekam, raubte mir den Atem. Da war nicht die Spur von Reue. Nichts. Stattdessen hielt er meinem Blick unbeeindruckt stand. Ganz kurz glaubte ich sogar ein hämisches Blitzen darin zu erkennen. »Florentina…«

»Was?«, unterbrach ich ihn.

»Es tut mir leid, ich…, ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Bitte glaube mir, ich wollte dich auf keinen Fall verletzen.«

Es beschämte mich ihn so dasitzen zu sehen. Nackt, auf meinem Parkettboden, ohne Fußbodenheizung. Zu einem anderen Zeitpunkt und vor allem unter anderen Umständen hätte ich Mitleid mit ihm gehabt. Doch wie war das noch gleich? "Das Schicksal ist ein mieser Verräter?" Wie wahr. Hatte ich mich nicht am frühen Vormittag noch darüber beklagt, dass mir in unserem Sexualleben etwas fehlte? Immerhin konnte ich nun mit Bestimmtheit sagen, dass es Das ganz sicher nicht war.

Alexander schaute mich immer noch an und ich spürte, wie meine Wut sich legte, um Platz für ein mindestens ebenso großes Gefühl zu schaffen. Ich stand auf und griff nach der Decke, die am anderen Ende des Sofas lag. Als ich sie endlich erreicht hatte, wickelte ich mich fest darin ein. Auf meinem Gesicht brannte die Schamröte ebenso glühend wie die Tränen, die ich vergossen hatte. Ich fühlte mich elend, benutzt und erniedrigt. In diesem Moment hasste ich ihn.

»Sag doch was, Florentina. Du bist doch nicht verletzt, oder? Ich meine… körperlich?«

Er kniete sich vor mir hin und versuchte mich in den Arm zu nehmen, doch das war mit Abstand das Letzte, was ich jetzt wollte.

»Du solltest dich anziehen und gehen. Ich kann jetzt nicht mit dir reden. Wir reden, wenn ich wieder zurück bin.«

»Nein, warte, Liebes, hör zu!«

Langsam stand er auf, trat auf mich zu und legte seine Hände auf meine Schultern. Mir war nie bewusst gewesen, wie groß und muskulös er war. Sicher, er hatte einen durchtrainierten Körper, und klar wusste ich, dass er mich mit einer Körpergröße von einem Meter und zweiundneunzig überragte, doch ich hatte seine ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ohne Dich war ich Nie" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen