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Oh, Baby!

PROLOG

Miami

„Es gibt keinen Zweifel, Nanette. Die Kleine ist eine echte Cantor, eine Blutsverwandte.”

Allison Walker blieb wie angewurzelt vor der angelehnten Tür zur Bibliothek stehen und hielt den Atem an. Sie erkannte Marcus Cantors Stimme, aber noch nie war sein Tonfall so hart und kalt gewesen. Und sie arbeitete doch schon seit einigen Monaten in diesem Haus als Rachels Nanny.

Allison strich sich das blonde Haar hinter die Ohren und sah vorsichtig durch den Türspalt in das Zimmer. Marcus Cantors Frau, Nanette, trat gerade von dem großen Balkon, der zum Meer hinausging, ins Zimmer. Sie trug nur einen winzigen Bikini und einen Strohhut, den sie jetzt abnahm. Marcus war nicht in Allisons Blickfeld.

„Du hast ihr Blut schon untersuchen lassen, ohne mir etwas davon zu sagen?”, fragte Nanette.

„Ja, und das nicht nur einmal. Es gibt keinen Zweifel. Der genetische Test ist eindeutig.”

Als Marcus mit der Faust gegen die Wand schlug, zuckte Allison zusammen. „Verdammt! Ich hatte gehofft, dass ich der letzte Cantor sein würde, Onkel Howards einziger Erbe. Jetzt wird Rachel alles kriegen.”

Allison stand wie versteinert da. Sie war gerade mit dem schlafenden Baby von einem Spaziergang zurückgekommen und hatte es ins Kinderzimmer gebracht, als sie Marcus’ Stimme hörte. Wenn seine Worte bloß nichts Schlimmes für Rachel bedeuteten. Die Kleine hatte schon ihre Eltern auf so tragische Weise verloren.

„Das hatte ich befürchtet”, erklang wieder Nanettes Stimme. „Dein Cousin Brian behauptete von Anfang an, es sei sein Kind, weil seine Freundin Stacy nur mit ihm zusammen war. Er ließ sogar seinen Namen auf die Geburtsurkunde setzen.”

„Ja, Brian hoffte, dass er damit seinen Alten herumkriegen könnte. Das ist doch klar. Deshalb holte er seine Freundin und ihr Kind zu sich in die Villa seines Vaters. Er wollte dadurch sicher das Verhältnis zu ihm verbessern.” Marcus klang bitter.

„Aber das ist ihm ja nicht unbedingt gelungen, oder?”, entgegnete Nanette scharf. „Howard ist nicht bereit, Rachel ohne die genetischen Tests als eine Cantor anzuerkennen.”

„Die Beweise haben wir ja nun. Er wird alles Brians Tochter vererben, und wir stehen ohne einen Penny da”, sagte Marcus wütend.

„Aber wir leben doch nun schon so lange mit ihm hier in der Villa. Da kann er uns schließlich nicht ganz leer ausgehen lassen”, klagte Nanette.

„Doch, das kann er. Onkel Howard hat nie besonders viel von uns gehalten. Und gegen eine niedliche Enkeltochter kommen wir nun mal nicht an. Wenn dieser Test doch bloß gezeigt hätte, dass Rachel nicht mit den Cantors verwandt ist.”

„Ja. Oder wenn Rachel mit im Auto gewesen wäre, als Brian und Stacy umkamen”, sagte Nanette kalt.

Allison schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Dann spähte sie wieder durch den Türspalt. Sie konnte Marcus jetzt deutlich sehen. Er war wie immer perfekt gestylt und wirkte in der Khakihose und dem blauem Polohemd wie ein Model aus einer Ralph-Lauren-Reklame. Nachdenklich ging er vor dem Schreibtisch auf und ab.

„Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Ergebnisse des genetischen Tests zu fälschen. Howard wird nicht darauf kommen, dass wir so niederträchtig sein könnten.” Marcus lachte laut auf. „Außerdem hatte er immer schon den Verdacht, dass Rachel nicht Brians Kind ist.”

„Vielleicht hast du recht.”

„Bestimmt. Das Problem ist nur, dass Rachel sich schon ziemlich verändert hat. Mit ihren hellbraunen Augen, der Stupsnase und den blonden Locken sieht sie mittlerweile aus wie ihr Vater auf seinen Kinderbildern. Howard darf sie also nie mehr zu Gesicht bekommen, wenn er von seiner Reise zurückkommt.”

Nanette sog scharf die Luft ein. „Was meinst du damit? Du willst sie doch nicht etwa …?”

„Nein, natürlich nicht. Aber für gesunde hübsche Babys werden ganz ordentliche Preise gezahlt.” Marcus lächelte. „Es wird nicht schwierig sein, eine Adoption in die Wege zu leiten, bei der nicht viele Fragen gestellt werden.”

„Ja, unser Herzchen sollte uns eine schöne Stange Geld einbringen.” Nanette war begeistert. „Und wenn wir dann nicht mehr so knapp bei Kasse sind, wird das deinen Onkel eher beeindrucken.”

Allison straffte sich. Es war höchste Zeit, den beiden das Handwerk zu legen. Als Rachels Nanny war es ihre Pflicht. Sie wollte gerade die Tür aufstoßen, als Marcus’ Stimme sie innehalten ließ.

„Verdammt, wir haben noch was vergessen.”

„Was denn?” Nanette sah ihn beunruhigt an.

„Die Nanny. Wo ist sie überhaupt?”

„Sie ist mit Rachel im Park und kommt sicher nicht vor zwölf zurück.” Nanette machte eine kurze Pause. „Aber du hast recht. Sie wird uns Schwierigkeiten machen. Und wir können sie nicht einfach entlassen. Howard hat sie angestellt. Aber wir können ihr Angst einjagen, sodass sie freiwillig geht.”

„Hatte Howard in ihrem Vertrag nicht festgelegt, dass sie bei Diebstahl fristlos entlassen würde? Und sie war doch dabei, als Howard den Koch hinauswarf, weil er angeblich einen Teil des Haushaltsgeldes unterschlagen hatte?” Marcus lachte kurz auf. „Niemand hat je gemerkt, dass wir das Geld beim Pferderennen verwettet haben.”

Nanette lächelte böse. „Ja, und der Koch ist Hals über Kopf geflüchtet, bevor die Polizei eingeschaltet werden konnte. Allison wird aber nicht so leicht zu erschrecken sein.” Sie biss sich auf die Unterlippe und fuhr dann fort: „Wie wäre es, wenn meine Rubinkette, die ich von deiner Tante geerbt habe, plötzlich nicht aufzufinden wäre? Wir könnten Allison gegenüber behaupten, gehört zu haben, dass sie sie gestohlen hätte, und werden darauf bestehen, ihr Zimmer zu durchsuchen.”

Marcus erwärmte sich sichtlich für die Idee. „Ja, und dann weisen wir sie auf den Vertrag hin und werfen sie raus. Und wenn sie sich wehrt, drohen wir mit der Polizei.”

„Wir müssen die Kette aber aus dem Safe holen und außerhalb des Hauses verstecken, falls es durchsucht wird.”

„Wir könnten sie im Kofferraum deines Rolls-Royce verstecken.”

Allison erstarrte. Sie wollten also nicht nur Rachel loswerden, sondern auch sie, Allison, ruinieren. Und solange Howard Cantor nicht zurück war, würde ihr Wort nichts gegen das seines Neffen und seiner Frau ausrichten. Sie würde in Untersuchungshaft landen, und das Paar könnte mit Rachel verfahren, wie es wollte. Allison lehnte sich gegen die kühle Wand. Was sollte sie tun? Auf jeden Fall musste sie hier weg, bevor die zwei sie entdeckten.

Leise ging sie in ihr Zimmer im Erdgeschoss. Wenn Howard doch bloß nicht weggefahren wäre. Aber nach dem Tod seines einzigen Sohnes war er so deprimiert gewesen, dass er sich mit einer Reise nach Kenia ablenken wollte. Und nun bestand die Gefahr, dass er auch noch seine Enkelin verlor.

Allison riss ihre Reisetasche aus dem Schrank und stopfte hastig ein paar Kleidungsstücke hinein. Ihr blieb keine Wahl, sie musste mit dem Baby fliehen, bevor das Paar seine grausamen Pläne durchführen konnte. Sie hatte noch ein wenig Geld, was wahrscheinlich für ein Flugticket für sie und Rachel reichen würde. Aber wohin sollten sie fliehen?

New York City, ihre alte Heimat, das wäre eine Möglichkeit. Sie war zwar seit zehn Jahren nicht mehr dort gewesen, und ihre Mutter, die nie verheiratet gewesen war, war jetzt mit einem Fernfahrer im Mittleren Westen unterwegs, aber sie war dort zur Schule gegangen, hatte Freunde gehabt …

Plötzlich sah sie Dylan Johnson vor sich, groß, blond und breitschultrig. Er war eng mit ihr befreundet gewesen und hatte sie sehr geliebt. Aber sie hatte ihn einfach stehen lassen.

Was mochte aus ihm geworden sein? Sie war jetzt achtundzwanzig, also war er gut dreißig Jahre alt. Ob seine Familie noch das Café Beanery besaß, in dem sie und ihre Freunde früher ein und aus gegangen waren? Würde Dylan die Vergangenheit vergessen können und ihr helfen? Oder hatte sie ihn zu sehr verletzt, als sie ihn am Abend des Abschlussballs verließ? Nein, wahrscheinlicher war, dass er jetzt eine nette Frau hatte, die wusste, was sie an ihm hatte.

Vielleicht sollte sie ihr Glück lieber bei Pater Clausen von St. Benedict versuchen. Schließlich hatte sie jahrelang zu seiner Gemeinde gehört.

Allison schlich in Rachels Zimmer. Sie hatte das Baby nach dem Spaziergang in der Karre gelassen, weil es so fest schlief. Rasch packte sie ein paar Babysachen in eine Tragetasche und schob dann vorsichtig die Karre aus dem Zimmer, den Flur hinunter und aus dem Haus, hinaus in Miamis hellen Sonnenschein.

1. KAPITEL

„Also ernsthaft, Mann, diese Hochzeit könnte kaum anstrengender sein, wenn es meine eigene wäre.” Dylan Johnson stand genervt auf einem überfüllten New Yorker Bürgersteig und versuchte eine Anzahl von Päckchen und Plastiktüten auf den kräftigen Armen zu balancieren.

Garrett McNamara warf seinem Freund einen amüsierten Seitenblick zu. „Willst du vielleicht auch heiraten? Hat dich das Ehefieber nun doch gepackt?”

„Wie du weißt, habe ich zurzeit keine feste Freundin.”

„So was kann sich schnell ändern. Manchmal trifft einen die Liebe wie ein Blitz. Und eigentlich müsstest du doch allmählich in der richtigen Stimmung zum Heiraten sein. Du warst schließlich Trauzeuge bei den meisten unserer alten Schulfreunde. Wenn ich nun auch verheiratet bin, bleibst nur noch du als Junggeselle übrig.”

Dylan war fest entschlossen, die Sticheleien mit Humor zu nehmen. Natürlich war es irgendwie einfacher und lustiger gewesen, als er und seine Freunde unbeschwert mit den verschiedensten Mädchen ausgegangen waren und noch niemand daran dachte, sich an eine Frau zu binden. Aber mit den Jahren hatte einer nach dem anderen seine große Liebe gefunden, und seitdem waren ihnen die Frauen wichtiger geworden als alte Freunde. Es schien aber unwahrscheinlich, dass ihm Ähnliches widerfahren würde. Ein Gedanke, den er jedoch am liebsten unterdrückte.

Er musste allerdings zugeben, dass Garretts Hochzeit ihn besonders hart traf, war es doch seine kleine Schwester Shari, die Garretts Frau werden würde.

Dylan seufzte. „Die Hochzeit hat noch nicht einmal stattgefunden, und ich vermisse Shari jetzt schon. So lange hat sie auf demselben Flur wie ich über unserem Café gewohnt.”

Seine tiefe Stimme zitterte leicht, und er räusperte sich verlegen. Seine fröhliche, lebhafte Shari würde heiraten. Sie war jetzt sechsundzwanzig und sehr verliebt in Garrett. Und er musste zugeben, dass sein Freund eine gute Partie war. Garrett war einer von Manhattans geachtetsten Financiers. Dennoch empfand er, Dylan, der seine jüngere Schwester stets behütet hatte, so etwas wie Trauer. Shari war so schnell erwachsen geworden, und mit ihrer Heirat würde es jetzt noch offensichtlicher werden, dass er immer noch keine Frau gefunden hatte.

Aber er freute sich auch für Shari. Das tat er wirklich.

„Sie ist doch schon vor über einem Monat bei mir eingezogen.” Garrett legte ihm den Arm um die Schultern. „Allmählich musst du dich doch daran gewöhnt haben.”

„Du hast recht. Ich versuche es ja auch.”

„Ich weiß ja, du hast dich immer wieder in ihr Leben eingemischt und immer verlangt, dass sie ihren Teil der Verantwortung für das Café übernimmt.”

„Wenn ich sie nicht immer zur Vorsicht bei Männern angehalten hätte, wäre sie für dich nicht mehr zu haben gewesen. Und das Beanery gehört ihr schließlich auch. Da kann ich doch einen gewissen Einsatz erwarten, oder?”

„Ich nehme sie dir ja nicht ganz weg, Dylan. Shari möchte auch nach unserer Heirat Teilhaberin des Cafés bleiben. Sie hängt an dem Familienunternehmen genauso sehr wie du und ist dankbar dafür, dass eure Eltern es euch vermacht haben. Wenn sie zurzeit weniger an das Geschäft denkt, liegt das daran, dass sie so viel anderes um die Ohren hat. Sie muss die ganze Hochzeit vorbereiten, dazu richtet sie noch mein Landhaus neu ein. Dass wir schon zusammengezogen sind, erleichtert ihr vieles. In meiner Wohnung muss sie sich weder um das Essen noch um die Wäsche kümmern. Das erledigt alles mein Butler.”

Dylan nickte. „Selbstverständlich, ich will doch auch nur das Beste für sie.”

„Es ist ja ganz natürlich, dass du dir ein bisschen verloren vorkommst”, sagte Garrett beruhigend. „Besonders nachdem deine Eltern nach ihrer Pensionierung nach Florida gezogen sind. Da ist es doch klar, dass du dich ein wenig einsam fühlst.”

Offenbar hatten sich Garrett und Shari darüber unterhalten. Dylan versuchte, das Thema zu wechseln. „Wo bleibt denn dein Chauffeur?” Er blickte suchend die Lexington Avenue hinunter.

Garrett kniff die Augen zusammen, um seinen schwarzen Mercedes unter den Autos auszumachen. „Er wird schon kommen. Ich habe ihn angerufen.”

Dylan fasste in letzter Sekunde eine Schachtel fester, die aus seinen Armen zu gleiten drohte. „Ich kann dieses Zeug hier nicht mehr viel länger tragen.”

„Und das sagst du, der Starbasketballspieler unserer Highschool?”

„Ich hoffe nur, dass Shari zu würdigen weiß, was wir für sie getan haben. Für niemanden sonst würde ich Hochzeitsgeschenklisten in Geschäften aktualisieren und dieses ganze Rüschenzeug besorgen.”

„Sie hatte ein paar Verabredungen, die sie nicht verschieben konnte. Und du weißt selbst, wie wichtig es für sie ist, meiner Mutter zu gefallen.”

Dylan musste lächeln, als er an die alte Dame dachte. Er hatte sie im Verlauf des Frühjahrs, als Shari und Garrett sich im Beanery nähergekommen waren, zu schätzen gelernt. Shari sollte sich allmählich wirklich über das mütterliche Interesse ihrer zukünftigen Schwiegermutter freuen. Schließlich lebte ihre Mutter viele Meilen von ihnen entfernt.

„Hier ist Charles mit dem Firmenwagen.” Garrett trat an den Kantstein heran, als ein Gentleman in den Sechzigern das Auto lautlos zum Stehen brachte und sofort ausstieg.

Charles, der eine tadellos sitzende Uniform trug, öffnete den Kofferraum, nahm Dylan die Pakete ab und verstaute sie sorgfältig.

Garrett sah Dylan von der Seite an. „Willst du mich immer noch zum Mittagessen einladen?”

„Selbstverständlich.”

Nachdem Garrett ihm die nötigen Anweisungen gegeben hatte, setzte Charles sich wieder hinter das Steuer und fädelte sich geschickt in den Verkehr ein.

Von ihren Lasten befreit gingen die beiden Männer jetzt schnell weiter. Als sie dann nebeneinander an einer Ampel auf Grün warteten, musste Dylan daran denken, dass wahrscheinlich niemand der Umstehenden auf die Idee kommen würde, dass er und Garrett enge Freunde waren.

Dabei hatte ihre Freundschaft schon in der neunten Klasse der Brady Highschool begonnen, doch von Anfang an hatten sie auf andere gewirkt, als kämen sie aus verschiedenen Welten. Garrett fiel immer wieder auf, weil er aus reichem Hause kam. Man hatte ihn um seine teure Kleidung beneidet, höhnische Kommentare über seine guten Manieren gemacht und sich gewundert, dass er keine Privatschule besuchte, sondern auf diese eher unbedeutende staatliche Highschool ging. Auch Dylan, der für seine Gelassenheit bekannt war, hatte dieser Typ anfangs irritiert, bis er eines Tages nach dem Unterricht zufällig sah, wie Garrett mit dem Basketball trainierte.

Dylan war schon länger Mitglied der Basketballmannschaft der Brady High gewesen und hatte Garrett zu einem Spiel zu zweit herausgefordert. Er hatte bald gemerkt, dass Garrett einen Gewinn für das Team bedeuten würde, und ihn bei der nächsten Gelegenheit dem Trainer vorgestellt. In kurzer Zeit war Garrett Mitglied der Mannschaft und Dylans bester Freund geworden. Er blieb seinen Mitschülern wegen seiner reichen Familie und seiner guten Manieren zwar immer noch ein wenig fremd, aber Dylan hatte erfahren, warum er gerade in diese Schule ging. Garretts Vater hatte großen Wert gelegt auf einen vorzüglichen Mathematikunterricht, und die Brady High war dafür bekannt.

Jetzt, zwölf Jahre nach ihrem Highschoolabschluss, hätten die Freunde äußerlich kaum gegensätzlicher sein können. Garrett war der Geschäftsmann par excellence, in seinem grauen Anzug vom besten Schneider, seinem Markenhemd und dem eleganten Schlips. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten und wie immer akkurat gekämmt. Dylan dagegen trug Jeans, und der Reißverschluss seine Lederjacke war nur halb zugezogen, sodass man das grüne T-Shirt sehen konnte, das er darunter trug. Das dichte blonde Haar hing ihm in die Stirn.

Nach der Schule hatten sie eine Zeit lang den Kontakt verloren, und Dylan hatte schon geglaubt, dass sich der Freund in seinem alten Viertel nicht mehr würde blicken lassen. Aber jetzt standen sie sich näher denn je. Sodass er durch die Heirat also wirklich keine Schwester verlor, sondern einen Bruder hinzugewann.

Die Ampel schaltete auf Grün, und die Freunde wechselten auf die andere Straßenseite hinüber.

„Ich hoffe, du hast Hunger.”

Garrett blickte lächelnd hoch. „Sicher. Weißt du schon, wo wir hingehen?”

„Ja, zu einem deiner Lieblingsplätze.”

„Ins Plaza? Oder zum Park Avenue Café?”

Dylan grinste. „Ich hatte eigentlich mehr an etwas unter freiem Himmel gedacht.”

„Du meinst doch wohl nicht den Central Park?”

„Doch. So wie in den guten alten Zeiten. Einmal noch sollst du dir das gönnen, bevor du als Ehemann das essen musst, was deine Frau dir vorsetzt.”

Sie bogen in den Central Park ein. Viele New Yorker genossen hier in ihrer Mittagspause bei einem Picknick oder einem Spaziergang die milde Herbstsonne.

„Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit.” Dylan zeigte auf die hohen Bäume, deren Blätter sich leuchtend bunt gefärbt hatten. „Erinnerst du dich noch, wie wir nach der Schule hier im Park Football und Frisbee gespielt haben? Und danach haben wir uns immer Hotdogs an einem dieser Stände gekauft.”

„Ja, das waren schöne Zeiten.” Garrett nickte.

Dylan blieb stehen und bestellte zwei Hotdogs. Während sie dann aßen, gingen die Freunde langsam die Wege entlang. Viele Jogger kamen ihnen entgegen, häufig überholten sie Nannys mit Kinderwagen und kamen an Schachspielern vorbei.

Dylan biss genießerisch in seinen Hotdog. „Gib doch zu, Garrett, dass dir das hier gefehlt hat.”

„Ja, es ist sehr erholsam, hin und wieder einmal den ganzen Börsenstress hinter sich zu lassen. Meine Kollegen sind alle so formell, selbst während ihrer Mittagspause.”

„Das müssen sie wohl auch sein, oder? Es könnten ja potenzielle Investoren in der Nähe sein. Wer würde seine Millionen schon einem Typen in einer Lederjacke anvertrauen, der mit Vergnügen im Central Park einen Hotdog verspeist?”

Garrett lachte. „Ja. Für mich gab es allmählich auch nur noch die Firma. Aber Shari hat mir gezeigt, dass man das Leben auch von einer spielerischen Seite sehen muss.”

„Das hat dir bestimmt gutgetan.”

„Ja. Aber, Dylan, du kannst nicht leugnen, dass du auch viel arbeitest. Unter deinem T-Shirt mit der Beanery-Aufschrift schlägt doch das Herz eines knallharten Managers.”

Ein knallharter Manager? Einer solchen Bemerkung hätte Dylan noch vor einem Jahr nur zugestimmt. Er war sich sicher gewesen, dass ihm nichts wichtiger war als das Café, das seine Eltern ihnen vermacht hatten. Er war ehrgeizig gewesen und stolz auf den Erfolg. Aber als Shari sich in diesem Sommer so richtig verliebte, hatte er sich zu fragen begonnen, ob sein Leben nicht einseitig geworden war. Sollte das wirklich alles sein? Gab es tatsächlich nur das Café für ihn? Oder versäumte er vielleicht etwas Entscheidendes?

Aber was sollte das Grübeln. Es ging ihm doch gut, er hatte gern viel um die Ohren. „Du hast recht, Garrett. Ich bin auch ehrgeizig. Aber mein Leben ist nicht langweilig. Ich bin immer mit vielen Menschen zusammen, und das gefällt mir.”

„Aber was machst du sonst noch, was nichts mit deiner Arbeit zu tun hat?”

Dylan holte tief Luft. „Wie du weißt, spiele ich jeden Donnerstag Basketball im Club. Übrigens bist du schon länger nicht da gewesen. Wir vermissen dich richtig.”

„Ich werde mir Mühe geben und nach der Hochzeit wieder regelmäßiger kommen. Aber was machst du sonst noch so in deiner Freizeit?”

„Hin und wieder gehe ich ins Kino oder ins Theater. Und dann jogge ich auch im Park.”

Garrett sah ihn nachdenklich an. „Das ist alles?”

„Und wenn schon.” Dylan zuckte mit den Schultern. „Du weißt doch, dass ich viel mit der Renovierung des Cafés zu tun hatte.”

„Aber das ist ja nun vorbei.”

„Und das Café sieht jetzt wirklich gut aus, oder?” Erleichtert, dass er das Thema wieder wechseln konnte, holte Dylan noch zwei Becher Kaffee. Er reichte Garrett einen und nahm von seinem einen Schluck. „Hmm, gut, wenn auch etwas anderes als unsere Gourmetkaffees.”

Garrett schüttelte in komischer Verzweiflung den Kopf. „Womit wir wieder beim Geschäft wären. Bloß nichts Persönliches.”

„Ich weiß nicht, was du willst. Du bist doch sonst nicht so an meinem Seelenleben interessiert.”

„Eigentlich sollte ich es dir nicht sagen.” Garrett seufzte. „Aber Shari macht sich große Sorgen um dich. Jetzt, wo sie das große Glück gefunden hat, will sie keine Ruhe geben, bis du nicht auch rundherum glücklich bist.”

Dylan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Da kann sie sich schon wieder beruhigen. Ich werde ihr eben versprechen, mehr auszugehen.”

„So leicht wird sie sich nicht überzeugen lassen. Schließlich arbeitet sie ja mit dir zusammen und wird sehen, ob es für dich auch noch was anderes als das Café gibt.”

„Ich habe eben Spaß an meinem Job. Was ist daran verkehrt?”

„Nichts, wenn es nicht nur ein Vorwand dafür ist, Frauen aus dem Weg zu gehen.”

„Frauen aus dem Weg gehen?” Dylan blieb plötzlich stehen. „Das klingt ja, als ob ihr nichts anderes zu tun habt, als mein Innenleben zu analysieren.”

Garrett rieb sich nachdenklich das Kinn. „Glaubst du nicht, dass deine Einstellung deinem Geschäft, das dir doch so am Herzen liegt, schaden könnte?”

Dylan verzog spöttisch den Mund. „Wirklich? Wie denn? Verbringe ich zu viel Zeit dort? Ist es von Nachteil, dass ich immer wieder nach den besten Konditoren und Kaffeemischungen Ausschau halte? Sollte ich meine Kunden lieber nicht mit Namen ansprechen? Auf welche Weise schade ich denn dem Geschäft?”

„Das ist es nicht, aber man wundert sich, warum du persönlich neuen Bekanntschaften mit Frauen so negativ gegenüberstehst. Dabei seid Shari und du doch dafür verantwortlich, dass das Beanery als Café für Singles so beliebt ist. Ihr selbst habt die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass man dort unverbindlich jemanden kennenlernen kann. Aber sobald sich eine Frau einmal für den Chef interessiert, stößt sie auf eindeutige Ablehnung. Warum?”

Dylan machte eine so heftige Armbewegung, dass er seinen Kaffee verschüttete. Er fluchte laut, zog dann ein Taschentuch hervor, um den Kaffee von der Hose zu wischen. Garrett hatte mit seiner Beobachtung den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber Dylan wehrte aus gutem Grund die Annäherungsversuche seiner Kundinnen ab. Es war offensichtlich, dass das Ziel dieser Frauen eine Bindung fürs Leben war, und das war etwas, das er auf jeden Fall vermeiden wollte.

Er hatte nicht immer eine solche Einstellung gehabt. Früher hatte er geglaubt, das Zeug zu einem guten Ehemann und Vater zu haben, war sogar der Erste in seiner Freundesclique gewesen, der ernsthaft an eine Ehe gedacht hatte. Es war im letzten Jahr auf der Highschool gewesen. Allison Walker schien ihm die ideale Frau zu sein. Klein und lebhaft, funkelnde hellbraune Augen und blonde Locken, und er war fest entschlossen gewesen, sie eines Tages zu seiner Frau zu machen. Seine Freunde hatten ihn zwar gewarnt, sie sei ein bisschen wild und flirte zu viel, außerdem käme sie aus einer zerrütteten Familie und versuche immer, sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Aber er war auf dem Ohr taub gewesen. Sie braucht nur ein wenig Liebe und Stabilität in ihrem Leben, hatte er gedacht. Und dann hatte Allison mit ihm auf dem Abschlussball der Highschool Schluss gemacht und war mit einem früheren Mitschüler, mit dem sie wohl schon länger heimlich ausgegangen war, verschwunden. Ted Zane hieß er, und Allison hatte gemeint, dass Ted mit ihr nach Hollywood gehen würde, wo sie ihr Glück als Filmschauspieler versuchen wollten.

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