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Oft - Die McDermotts Band 3

Table of Contents

Titel

Impressum

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Nachwort

1

Unruhig lief Adrian McDermott vor der Damentoilette des Dolores del Rio Ristorante in San Antonio hin und her. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, stieß die Tür auf und betrat den Raum. Ungeachtet der vorwurfsvollen Blicke einer älteren Dame strebte er auf eine der Kabinen zu, aus der würgende Geräusche zu hören waren.

»Melody, Liebling, kann ich irgendetwas für dich tun?«, fragte er hilflos.

»Geh zurück zu den anderen und lass mich hier einfach in Ruhe sterben«, klang eine brüchige Stimme aus dem WC.

Ein erneutes Würgen folgte, und Adrian seufzte. »Soll ich dich nicht lieber nach Hause bringen?«

Die Spülung rauschte und Sekunden später öffnete sich die Kabinentür.

»Nein, es geht schon wieder«, wehrte Melody Foster ab, »ich kann bloß diesen Essensgeruch im Moment nicht so gut ertragen.«

»Es tut mir so leid«, murmelte er, während er ihr zusah, wie sie sich ihr blasses und von der Anstrengung verschwitztes Gesicht abwusch.

Sie schaute in den Spiegel und warf ihm einen liebevollen Blick zu. »Das muss es nicht, schließlich bin ich auch nicht ganz unschuldig daran.«

»Trotzdem, es war ein ziemlich dämlicher Einfall von mir, die Eröffnung deiner Ausstellung ausgerechnet in einem Restaurant zu feiern.«

»Unsinn«, widersprach sie, während sie nach einem Papiertuch griff und sich das Gesicht abtrocknete, »es war eine tolle Idee. Schöner hätte der Tag doch nicht ausklingen können.«

»Nun, so wie ich meine Geschwister kenne, sitzen sie inzwischen da draußen und reden sich mal wieder die Köpfe über unser Liebesleben heiß.«

»Ja, vermutlich«, schmunzelte Melody. »Also sollten wir jetzt zu ihnen gehen und ihnen wie geplant eröffnen, was los ist.«

Zärtlich strich Adrian ihr eine widerspenstige, blonde Locke hinters Ohr. »Geht es dir wirklich gut? Wenn nicht, können wir auch nach Hause fahren und verschieben das Ganze.«

»Du willst dich doch nicht etwa drücken?«, neckte sie ihn.

»Im Gegenteil«, er legte ihr einen Arm um die Schultern und schob sie zur Tür, »ich kann es kaum erwarten, aller Welt zu verkünden, dass ich der glücklichste Mann unter der Sonne bin.«

***

Unterdessen sorgte Melodys Unwohlsein draußen in der Gaststube tatsächlich für Gesprächsstoff bei den anderen Mitgliedern der Familie McDermott.

»Es tut mir so leid, dass es Melody nicht gut geht, und das ausgerechnet an ihrem großen Tag«, sagte Rose Porter gerade.

Ihre Enkelin Joyce McDermott nickte. »Mir auch. Bestimmt ist ihr die Aufregung auf den Magen geschlagen. Immerhin ist es das erste Mal, dass sie ihre Bilder ausstellt, und sie hat garantiert nicht damit gerechnet, dass es so ein Erfolg werden würde.«

»Quatsch«, schmunzelte ihr Mann Callan, »ich wette zehn Dollar darauf, dass sie schwanger ist.«

Joyce stieß ihm ihren Ellenbogen in die Rippen. »Fängst du schon wieder mit diesem Blödsinn an?«

»Sie ist niemals schwanger«, mischte Jordan, der jüngste der McDermott-Geschwister, sich ein. »Adrian ist doch viel zu konservativ, um eine Frau zu schwängern, mit der er nicht verheiratet ist.«

Callan grinste. »Jaja, von wegen konservativ. Das letzte Mal warst du auch so sicher, dass er zu spießig ist, um überhaupt mit Melody zu schlafen, und dann haben wir die beiden in flagranti über der Couch erwischt.«

Bei der Erinnerung an die leicht missglückte Überraschung zu Adrians Geburtstag musste Jordan schmunzeln. »Trotzdem, ich kann mir nicht vorstellen, dass er so unvorsichtig ist, ich wette zehn Dollar dagegen.«

»Onkel Callan, was ist ‚in flagranti‘?«, fragte der neunjährige Timmy, glücklicherweise ohne wirklich zu verstehen, worum es ging.

»Das sagt man, wenn man jemanden bei etwas ertappt hat«, erklärte Rose und warf Callan einen mahnenden Blick zu. »Vielleicht sollten wir doch besser das Thema wechseln.«

»Oh, aber ich glaube, Callan hat recht«, bedächtig wiegte Millie Campbell, Roses Schwester, den Kopf hin und her, »habt ihr denn nicht den Ring an Melodys Hand gesehen? Ich wette zehn Dollar, dass es ein Verlobungsring ist.«

»Mit einem Smaragd – niemals«, behauptete Callan im Brustton der Überzeugung. »Ich halte dagegen.«

Rose lächelte. »Also ich könnte es mir auch sehr gut vorstellen. Dein Bruder hatte in einigen Dingen schon immer einen ausgefallenen Geschmack, und außerdem passt der Stein genau zu Melodys Augen.«

»Pst, sie kommen«, zischte Jordan.

Sekunden später hatten Adrian und Melody den Tisch erreicht. Fürsorglich rückte er ihr den Stuhl zurecht und setzte sich neben sie. Im gleichen Moment fiel ihm das erwartungsvolle Schweigen seiner Familie auf, und er runzelte die Stirn.

»Dachte ich es mir doch«, murmelte er leise in Melodys Richtung. »Was ist los?«, fragte er dann laut.

»Nichts«, sagte Callan hastig und konzentrierte sich mit verhaltenem Grinsen auf seinen Teller. »Das Essen ist ausgezeichnet.«

Adrian hob eine Augenbraue. »Dieses Gesicht kenne ich, also raus mit der Sprache – was habt ihr wieder ausgeheckt?«

»Wirklich nichts, wir haben uns nur über die Vernissage unterhalten«, beteuerte Jordan.

»Ja, deine Bilder haben ziemlichen Anklang gefunden«, wandte Rose sich an Melody. »Aber das ist ja auch kein Wunder, sie sind ausgesprochen schön.«

»Danke.« Melody lächelte und schaute dann Adrian an. »Vor allem danke ich dir, dass du es möglich gemacht hast, ohne dich hätte es diese Ausstellung nicht gegeben.«

»Schon gut«, wehrte er ab und legte ihr liebevoll den Arm um die Schulter, »du hast es dir verdient.«

Callan warf einen demonstrativen Blick auf den Ring an Melodys Hand. »Gut zu wissen, dass wir eine so begabte Künstlerin in der Familie haben.«

»Daher weht also der Wind.« Adrian seufzte. »Okay, dann geben wir es jetzt offiziell bekannt, das hatten wir sowieso noch vor. – Ja, ich habe Melody gebeten, meine Frau zu werden. Wir sind verlobt und werden bald heiraten.«

»Wusste ich es doch«, platzte Millie triumphierend heraus, während Callan ein missmutiges Knurren von sich gab.

»Mist, zehn Dollar verloren.«

»Habt ihr eigentlich kein eigenes Liebesleben, dass ihr ständig Wetten über meines abschließen müsst?«, brummte Adrian gutmütig und flüsterte Melody hörbar für alle ins Ohr: »Bist du dir sicher, dass du dir das antun willst? Du bekommst nicht nur mich, sondern auch diese ganze verrückte Bande hier mit dazu.«

Sie lachte. »Du hast recht, ich sollte es mir wirklich noch einmal überlegen.«

»Onkel Callan hat gesagt, du bist schwanger«, trompetete Timmy in diesem Moment dazwischen. »Aber Onkel Jordan meint, dass Onkel Adrian dafür zu konservativ ist – heißt konservativ, dass man keine Babys kriegen kann?«

Einen Augenblick herrschte entgeistertes Schweigen am Tisch, dann fingen alle an, zu lachen.

»Nein, konservativ bedeutet so viel wie altmodisch«, erklärte Jordan ihm schmunzelnd.

Adrian verdrehte genervt die Augen. »Das glaube ich ja wohl nicht. Lasst mich raten – ihr habt darauf natürlich auch gewettet?«

»Naja, nachdem es Melody vorhin so schlecht war, haben wir uns eben Gedanken gemacht«, gab Callan zu. »Also – bekommt ihr jetzt ein Kind oder nicht?«

»Tja mein lieber Bruder«, Adrian zwinkerte Melody verschwörerisch zu, »da muss ich dich leider enttäuschen.«

Callan rümpfte die Nase. »Na toll, heute scheint wohl nicht mein Glückstag zu sein.«

»Allerdings«, grinsend hielt Jordan die Hand auf, »ich bekomme zehn Dollar von dir.«

»Du solltest dich nicht zu früh freuen«, bremste Adrian ihn.

»Was? Wieso?« Verständnislos schaute Jordan seinen Bruder an.

Ein amüsiertes Lächeln glitt über Adrians Gesicht. »Tut mir leid, aber dieses Mal haben wir euch wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht – oder hat irgendjemand am Tisch auf Zwillinge getippt?«

»Zwillinge«, entfuhr es Rose und Millie wie aus einem Mund, und auch Joyce stieß ein begeistertes »Oh mein Gott, Zwillinge« aus.

»Jetzt bin ich wirklich platt«, murmelte Callan kopfschüttelnd. »Wie hast du das denn fertiggebracht?«

Joyce knuffte ihm ihren Ellenbogen in die Rippen und strich dann vielsagend über ihren gerundeten Bauch. »Als ob du nicht ganz genau wüsstest, wie das funktioniert, McDermott.«

»Herzlichen Glückwunsch«, lachte Jordan, »so viel Familienzuwachs in so kurzer Zeit, das sollten wir feiern.«

Verschmitzt schaute Rose ihn an. »Wie sieht es denn übrigens mit dir aus? Nachdem wir jetzt zwei McDermotts endlich glücklich unter der Haube haben, wärst du ja wohl der Nächste.«

Abwehrend hob Jordan die Hände und schüttelte den Kopf. »Oh nein, das kommt gar nicht infrage. Ich möchte mein Singledasein noch eine Weile genießen, wenn ihr jemanden verkuppeln wollt, haltet euch an Lauren. Schließlich ist unsere liebe Schwester älter als ich und somit vor mir an der Reihe.«

»Apropos Lauren – schade, dass sie heute Abend nicht dabei sein kann«, sagte Melody bedauernd. »Wo ist sie eigentlich?«

»Geschäftlich in Houston, ihr Chef hat darauf bestanden, dass sie ihn begleitet«, erklärte Joyce.

Ein kleines Funkeln stahl sich in Melodys Augen, als sie an die Geschäftsreise mit Adrian nach Corpus Christi dachte, auf der sie sich nähergekommen waren.

Vielsagend zwinkerte sie ihm zu. »Soso, mit ihrem Chef.«

Adrian schmunzelte. »Wenn das so ist, ist das Verkuppeln vielleicht gar nicht mehr nötig.«

»Lauren und ihr Boss – niemals«, betonte Callan überzeugt, »ich wette zehn Dollar dagegen.«

2

Beeindruckt schaute sich Lauren McDermott in dem eleganten Zimmer des Lancaster Hotels in Houston um. Verglichen mit dem kleinen, eher schäbigen Heim, welches sie zusammen mit Timmy bewohnte, erschien ihr das hier beinahe wie ein Palast. Der Raum war annähernd so groß wie ihre ganze Wohnung. An einer Wand stand ein einladendes Kingsize-Doppelbett, auf der anderen Seite eine gemütliche Sitzecke. Es gab einen Schreibtisch, einen Fernseher und eine Minibar, der Fußboden war mit einem flauschigen Teppichboden bedeckt, die beiden riesigen Fenster boten einen faszinierenden Ausblick auf die Houstoner Skyline. Durch eine seitliche Tür gelangte man in ein luxuriöses Marmorbad mit Dusche, Badewanne, WC und einer breiten Spiegelfront über dem Waschbecken.

Sie wagte gar nicht daran zu denken, was eine Übernachtung in diesem feudalen Hotel kosten mochte, und war ein wenig erstaunt, dass ihr Chef so viel Geld für sie ausgab. Zwar wusste sie, dass Matthew Parson es sich leisten konnte, als Makler für Grundstücke und exklusive Anwesen verdiente er sehr gut. Doch in ihren Augen war das reine Verschwendung. Sie selbst und ihre drei Brüder waren in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, und sie hätte niemals ein so teures Zimmer gemietet, auch nicht, wenn sie das Geld dafür besessen hätte.

Egal, dachte sie, während sie sich auszog und unter die Dusche stellte, ich sollte mir nicht meinen Kopf darüber zerbrechen, sondern es genießen.

Eine knappe Stunde später war sie geduscht und angezogen, und hatte sich sorgfältig zurechtgemacht. Kurz darauf klopfte es bereits an die Tür.

»Lauren, du siehst bezaubernd aus«, sagte Matt anerkennend, nachdem sie geöffnet hatte.

Sie lächelte ein wenig verlegen. »Danke.«

»Dann lass uns gehen, ich habe uns einen Tisch im Masraff‘s reserviert, das ist eines der besten Lokale der Stadt.«

Sie fuhren mit dem Fahrstuhl nach unten, und Matt ließ von einem der Pagen ein Taxi herbeirufen. Die Fahrt zum Restaurant dauerte etwa zwanzig Minuten, und so saßen sie sich wenig später an einem kleinen Tisch am Fenster gegenüber. Bei einem exquisiten Rotwein und einem Meeresfrüchte-Risotto unterhielten sie sich über das Objekt, welches sie sich am Nachmittag angeschaut hatten.

Lauren hatte Mühe, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die elegante Umgebung, die einen eher sterilen Eindruck machte, behagte ihr nicht sonderlich. Zwar war das Essen ausgezeichnet, doch sie hätte eine kleine, gemütliche Bar und ein Glas Bier vorgezogen. Außerdem schien Matt sehr unruhig zu sein, und sie fragte sich, was mit ihm los war.

Als sie beim Dessert angelangt waren, beantwortete sich diese Frage plötzlich sehr überraschend.

»Lauren«, sagte Matt leise und nahm ihre Hand, »wir kennen uns jetzt schon eine ganze Weile, und du weißt, dass du mir nicht gleichgültig bist. Unsere geschäftliche Beziehung ist perfekt, und ich würde das gerne im privaten Bereich fortsetzen. Könntest du dir vorstellen, meine Frau zu werden?«

Umständlich nestelte er ein kleines Kästchen aus der Innentasche seines Jacketts, und ein Ring mit einem großen, protzig wirkenden Diamanten kam zum Vorschein.

Sprachlos starrte Lauren ihn an, während die Gedanken in ihrem Kopf wild umher kreisten.

Seit etwa einem Jahr war sie jetzt für ihn tätig, hatte sich innerhalb kürzester Zeit von einer ungelernten Einsteigerin zu seiner rechten Hand hochgearbeitet. Natürlich wusste sie, dass Matt ihr sehr viel Sympathie entgegenbrachte, denn sie waren in den letzten Wochen öfter miteinander ausgegangen und er hatte sie auch ein paar Mal geküsst. Dass seine Gefühle für sie jedoch so weit gingen, hatte sie nicht geahnt. Völlig überrumpelt von diesem unerwarteten Antrag schaute sie ihn an und hatte keine Ahnung, was sie darauf erwidern sollte.

Auf eine gewisse Art und Weise mochte sie Matt. Mit seinen rötlich-braunen Haaren und den dunklen Augen sah er sehr gut aus, er hatte einen bestimmten Charme und behandelte sie höflich und zuvorkommend. Offenbar war er nicht nur bereit, sie zur Frau zu nehmen, sondern auch ihren Sohn Timmy zu akzeptieren, was nicht unbedingt selbstverständlich war. Sie wusste, dass es ihnen an seiner Seite an nichts fehlen würde, und dass sie es wahrlich schlechter hätte treffen können.

Andererseits vermisste sie ein gewisses Prickeln, vermisste das Gefühl der Leidenschaft und die berühmten Schmetterlinge im Bauch. Doch vielleicht war das ganz gut so. Wie schnell ein knisterndes Feuer zu einem vernichtenden Brand werden konnte, hatte sie bereits einmal erlebt. Zuverlässigkeit, Respekt und gegenseitige Achtung waren sicher solidere Pfeiler für eine Ehe.

»Lauren?«

Sie zuckte zusammen. »Entschuldige, aber das kam jetzt sehr überraschend.«

»Ich weiß, es tut mir leid, ich wollte dich damit nicht erschrecken. Ich wollte jedoch auch nicht länger warten, und ich hoffe, du gibst mir keinen Korb.«

Für einen Moment starrte sie auf ihren Teller. Aus dem Nichts tauchten zwei blaue Augen vor ihr auf, lächelten sie zärtlich an. Sie rang mit sich, dann schob sie das Bild energisch beiseite. Es wurde Zeit, dass sie diese alten Dinge endlich vergaß.

Entschlossen hob sie den Kopf und sah Matt an. »Ja«, sagte sie fest, »ja, ich möchte deine Frau werden.«

***

Am nächsten Abend fand – wie jeden Freitag – in der Cactus-Bar in Stillwell der obligatorische Tanzabend statt. Passend zu der filmtypischen Westernkulisse des knapp 100 Meilen südlich von San Antonio gelegenen Städtchens ähnelte die Bar stark einem klassischen Saloon, wie man ihn aus den einschlägigen Filmen kannte.

Die Einrichtung bestand aus bunt zusammengewürfelten Tischen und Stühlen, die in durch hüfthohe Holzwände abgeteilte Nischen aufgestellt waren. Über dem Tresen, der sich an einer Seite des Raums entlang streckte, hing ein altes hölzernes Wagenrad, davor standen eine Reihe Barhocker, ebenfalls aus Holz und mit halbhohen Rückenlehnen. Die Wände waren mit diversen Pistolen, Lassos, Cowboyhüten und unterschiedlich großen Longhorn-Schädeln dekoriert. Altmodisch aussehende Lampen aus Messing mit weißen Milchglasschirmen schufen eine schummrige Beleuchtung, eine Jukebox sorgte für die musikalische Unterhaltung, der freie Platz in der Mitte des Raums diente als Tanzfläche.

Adrian und Callan hockten an der Theke, hinter der Jordan wie gewohnt die Getränke ausschenkte, und diskutierten den bevorstehenden Verkauf der Cactus-Bar, von dem ihr Bruder gerade berichtet hatte. Joyce und Melody saßen an einem der Tische und sprachen über die bevorstehende Hochzeit.

»Es soll nur eine kleine, ruhige Feier werden«, erklärte Melody gerade.

»Ich fürchte, da macht ihr die Rechnung ohne Granny.« Joyce schmunzelte. »Sie hat bereits etliche Dinge arrangiert und halb Stillwell eingeladen. Ich habe zwar versucht, ihr das auszureden, doch sie wollte es sich einfach nicht nehmen lassen.«

Melody verzog das Gesicht. »Dann bin ich mal gespannt, was Adrian dazu sagen wird. Er hasst so viel Rummel, und mir wäre eine Hochzeit im engen Familienkreis eigentlich auch lieber.«

»Ach was, ihr solltet es genießen. Schließlich soll es der schönste Tag in eurem Leben werden.«

»Was soll der schönste Tag werden?«, hörten sie in diesem Moment Laurens Stimme hinter sich. »Habe ich etwas verpasst?«

»Hallo Lauren«, begrüßten die beiden Frauen sie erfreut, »toll, dass du es doch noch geschafft hast.«

»Wir sind gerade zurückgekommen«, erklärte sie. »Ist Timmy bei Rose?«

Joyce nickte. »Ja, sie hat sich netterweise bereit erklärt, auf ihn aufzupassen. Wie war deine Geschäftsreise?«

»Och, ganz gut«, erwiderte Lauren zögernd und setzte sich, »das Übliche eben. – Also, was war das nun mit dem schönsten Tag? Irgendwie hört sich das so nach Hochzeit an.« Sie warf Melody einen prüfenden Blick zu. »Hat Adrian dir etwa einen Antrag gemacht?«

Melody lächelte strahlend, und Joyce zwinkerte ihr zu. »Allerdings hat er ihr nicht nur einen Antrag gemacht.«

»Was?« Verständnislos schaute Lauren zwischen den beiden Frauen hin und her, und als Joyce sich demonstrativ mit den Händen über ihren gerundeten Bauch strich, begriff sie. »Wow, das nenne ich mal eine Überraschung.« Sie lachte und umarmte Melody. »Herzlichen Glückwunsch, zur Verlobung und zum Baby.«

»Es sind zwei«, korrigierte Joyce sofort, »zwei Babys.«

»Oh mein Gott, das glaube ich nicht«, entfuhr es Lauren entgeistert. »Acht Jahre lebt mein Bruder wie ein Mönch, und auf einmal schafft er es innerhalb weniger Wochen, sich zu verloben und gleichzeitig Zwillinge in die Welt zu setzen. Also eines muss ich ihm ja lassen, wenn er etwas macht, dann gründlich.«

Melody schmunzelte. »Ich schätze, er war davon genauso überrascht wie du.«

»Auf jeden Fall freue ich mich für euch«, nickte Lauren und griff nach ihrem Glas, »ich habe ja gleich geahnt, dass du ihm guttun wirst.«

»Moment mal«, sagte Joyce im selben Augenblick stirnrunzelnd, »was ist das denn für ein Ring da an deiner Hand?«

Sie starrte fragend auf Laurens linken Ringfinger, an welchem Matts Diamantring prangte, und Lauren wurde rot.

»Ich … wir … also, Matt hat mir einen Antrag gemacht«, gestand sie verlegen.

»Matt? Dein Chef?« Joyce runzelte die Stirn. »Ich wusste gar nicht, dass ihr zusammen seid.«

»Naja, waren wir ja eigentlich auch nicht so richtig«, gab Lauren zu, »wir sind ein paar Mal miteinander ausgegangen, mehr war da bisher nicht.«

Joyce warf ihr einen kritischen Blick zu. »Und trotzdem hast du gleich Ja gesagt?«

»Hast du schon mit ihm geschlafen?«, fragte Melody ungeniert, und als Lauren verhalten den Kopf schüttelte, fügte sie offenherzig hinzu: »Bist du sicher, dass das so eine gute Idee war, seinen Antrag direkt anzunehmen? Ich meine, klar ist Sex nicht alles, aber ich würde keinen Mann heiraten, ohne das vorher zu testen.«

Lauren grinste. »Dass du und Adrian ausgiebig getestet habt, ist uns bekannt.« Dann wurde sie wieder ernst. »Wie du eben sagtest, Sex ist nicht alles. Was aus Leidenschaft werden kann, habe ich bereits einmal erlebt und das hat mir gereicht. Matt ist ein netter, kluger und zuverlässiger Mann und das sind Dinge, die mir wichtiger sind. Timmy und mir wird es an seiner Seite gut gehen, und der Rest wird sich finden.«

3

»Sag mal, was ist eigentlich mit Timmys Vater?«, fragte Melody, als sie nach dem Tanzabend neben Adrian im Bett lag. »Obwohl Lauren und ich uns jetzt schon eine Weile kennen, spricht sie nie darüber, und ich wollte sie auch nicht danach fragen.«

Er seufzte. »Das weiß keiner von uns, sie hat niemals jemandem gesagt, wer sein Vater ist. Sie war sechzehn, als sie schwanger wurde, und keiner von uns hat mitbekommen, dass sie einen Freund hatte. Als sich die Schwangerschaft nicht mehr verbergen ließ, kam es bei uns zu Hause zu einem großen Eklat. Mein Vater hat Lauren beinahe krankenhausreif geprügelt, um zu erfahren, wer sie geschwängert hat, doch sie hat beharrlich geschwiegen, und so hat er sie kurzerhand vor die Tür gesetzt.«

»Oh mein Gott, mit sechzehn Jahren und in dem Zustand.« Erschüttert schaute Melody ihn an. »Wie konnte er denn so etwas nur tun?«

»Ich habe dir ja erzählt, dass unsere Mutter ihn ständig betrogen hat und dass er sie deswegen rausgeworfen hatte. Callan und Jordan sind nicht seine Kinder und Lauren ebenfalls nicht, ich glaube, deshalb hatte er keine Probleme, so kaltherzig zu sein. Er war der Meinung, Lauren wäre genauso eine Schlampe wie ihre Mutter und hätte in seinem Haus nichts mehr zu suchen, das waren zumindest seine Worte, als er sie fortgejagt hat.«

Er schwieg einen Moment und Melody spürte, dass es ihm nicht leichtfiel, über diese Dinge zu sprechen. Alle McDermott-Geschwister litten nach wie vor unter den Erinnerungen an ihre schreckliche Kindheit mit einem trinkenden und prügelnden Vater und einer Mutter, die von einem Bett ins nächste gestiegen war.

Tröstend streichelte sie ihm über die Wange, und er fuhr fort: »Wie auch immer, jedenfalls hat Lauren sich all die Jahre alleine durchgebissen. Sie wollte keine Hilfe annehmen, weder von Rose noch von Callan oder mir, dazu war sie zu stolz. Und sie hat bis heute niemals preisgegeben, wer Timmys Vater ist, niemand außer ihr weiß das.«

»Kennst du diesen Matt, den sie heiraten will?«

Er schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich. Ich hatte einmal geschäftlich mit ihm zu tun, vor acht Jahren, als ich das Grundstück für die Ranch hier gekauft habe. Er hat einen ganz anständigen Eindruck gemacht, aber mehr weiß ich nicht über ihn.«

»Ich glaube, sie kennt ihn auch kaum, zumindest nicht außerhalb der Arbeit«, berichtete Melody nachdenklich. »Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl, sie klang nicht halb so glücklich, wie man es angesichts einer Verlobung eigentlich sein sollte.«

Adrian küsste sie liebevoll. »Hör auf, dir Sorgen zu machen, Lauren ist eine Kämpfernatur, ich bin mir sicher, dass sie genau weiß, was sie tut. Außerdem kanntest du mich ebenfalls nicht sehr viel besser und hast meinen Antrag trotzdem angenommen.«

»Immerhin habe ich bei dir gewohnt, wir waren fast vierundzwanzig Stunden am Tag zusammen, das hat mir gereicht, um dich kennenzulernen.« Mit einem kleinen Schmunzeln fügte sie hinzu: »Und ich wusste wenigstens, dass der Sex mit dir fantastisch ist, bevor ich Ja gesagt habe.«

»Aha«, er grinste, »das ist also der Grund, warum du mich heiraten willst.«

Ihre Hände wanderten unter die Bettdecke und strichen verlangend über seine Brust zu seinem Bauch hinab. »Was dachtest du denn?«, fragte sie herausfordernd.

»Hey, ich habe auch noch andere Qualitäten«, murrte er mit gespielter Entrüstung und zog sie auf sich. »Aber du hast recht, es ist fantastisch, ich könnte mir nichts Besseres vorstellen.« Nach einem ausgiebigen Kuss fügte er hinzu: »Siehst du, wir zwei sind doch das beste Beispiel dafür, dass aus einem Chef und seiner Angestellten ein glückliches Paar werden kann – warum also sollte es bei Lauren und ihrem Matt nicht ebenfalls funktionieren?«

***

Während in den nächsten Tagen die Vorbereitungen für Adrians und Melodys Hochzeit auf Hochtouren liefen, fand im ‚Texas Spine and Joint Hospital‘ in Longview ein weniger erfreuliches Gespräch statt.

»So Mr. Davis, nachdem Sie nun endlich wieder auf Ihren eigenen Beinen stehen können, ist unsere Arbeit beendet«, erklärte der Mann im weißen Kittel freundlich. »Sie dürfen morgen nach Hause gehen.«

Ryan Davis nickte, mit dieser Ankündigung hatte er bereits seit einer Weile gerechnet.

»Wenn Sie regelmäßig die Übungen weiterführen, wird die Steife des Beins zunehmend nachlassen, ob es jedoch jemals wieder voll beweglich sein wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Da jedoch die Nerven nicht beschädigt sind, besteht eventuell die Möglichkeit einer erneuten Operation. Ich gebe Ihnen die Adresse einer Spezialklinik in der Schweiz, wo Sie sich beraten lassen können. Allerdings würde ich Ihnen empfehlen, damit noch zu warten, bis Sie sich von den ganzen Strapazen erholt haben.«

»In Ordnung, vielen Dank«, nickte der dunkelhaarige Mann.

Der Arzt reichte ihm die Hand. »Auf Wiedersehen und alles Gute für Sie.«

Nachdem er sich verabschiedet hatte, humpelte Ryan Davis in sein Krankenzimmer zurück. Mit langsamen Schritten lief er zum Fenster, öffnete es und schaute nachdenklich hinaus.

Tja alter Junge, das war‘s dann wohl, dachte er wehmütig. Keine Rodeos mehr – Ende, aus, vorüber.

Bilder der letzten Jahre zogen durch seinen Kopf, Jahre, die er vorwiegend in den Arenen der großen Turniere zugebracht hatte. Er hatte sich auf das Bareback Riding spezialisiert, dem Reiten von Wildpferden ohne Sattel, und es gab kaum einen Wettkampf, den er nicht schon gewonnen hatte. Vor seinem Unfall war er auf Platz fünf der Weltrangliste gewesen, und er hätte gute Chancen gehabt, weiter aufzurücken, wenn dieser schwere Sturz auf dem Rodeo hier in Longview ihm nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Das Pferd hatte ihn abgeworfen, hatte ihn dabei mit solcher Wucht gegen den metallenen Begrenzungszaun geschleudert, dass die Knochen seines linken Beins fast vollständig zersplittert wurden.

Sechs Monate hatte er in der Klinik gelegen, hatte etliche Operationen über sich ergehen lassen, mit dem Ergebnis, dass sein Bein vermutlich für immer steif bleiben würde. Selbst wenn sich das noch ein wenig besserte, an einem Rodeo würde er nie mehr teilnehmen können, damit war es vorbei.

Deprimiert ließ er sich auf das Krankenhausbett sinken.

Ich sollte froh sein, dass ich überhaupt wieder laufen kann, dachte er trocken, die Frage ist nur, was ich jetzt mit meinem Leben anfangen soll.

***

Am Tag vor der Hochzeit herrschte in Adrians Ranchhaus bereits die absolute Hektik. Rose sprang wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Haus, begleitet von Millie, die nicht weniger aufgeregt war. Schon seit dem frühen Morgen scheuchten die beiden grauhaarigen Damen Lieferanten, Dekorateure und andere freiwillige Helfer herum.

»Ich glaube, ich fahre doch ins Büro«, erklärte Adrian seufzend, »dieses Chaos halte ich nicht aus.«

Melody lächelte und gab ihm einen Kuss. »Geh ruhig, Liebling, solange du morgen zur Trauung wieder da bist, soll es mir recht sein.«

Mit einem letzten, verzweifelten Blick auf Rose verließ Adrian kopfschüttelnd das Haus, und Melody ging in die Küche, wo Lauren dabei war, Essen für das Hochzeitsbüffet vorzubereiten.

»Hm, das ist wirklich lecker«, sagte Melody anerkennend, nachdem sie ein paar der Snacks probiert hatte, »du bist eine ausgezeichnete Köchin.«

Ein sehnsüchtiger Ausdruck trat auf Laurens Gesicht. »Eigentlich war es immer mein Wunsch, mich mit einem Restaurant selbstständig zu machen.«

»Und warum tust du es nicht? Du hättest garantiert großen Erfolg, die Leute würden dir deine Sachen aus den Händen reißen, glaub es mir.«

Lauren zuckte mit den Achseln. »Leider fehlt mir dazu das nötige Kleingeld. Außerdem ist es mir zu unsicher, schließlich muss ich für Timmy sorgen, da ist mir ein festes Einkommen lieber.«

»Trotzdem, du solltest es dir wirklich überlegen. Wie du vielleicht mitbekommen hast, steht die Cactus-Bar zum Verkauf – daraus ließe sich bestimmt etwas machen.«

»Ja ich weiß, ich habe mir das vorgestern spaßeshalber mal angesehen. Aber ich wollte ein Restaurant und keine Kneipe«, erwiderte Lauren trocken.

Melody schob sich noch ein Kanapee in den Mund. »Du könntest beides kombinieren. Es würde sich garantiert lohnen, die Bar ist schließlich immer gut besucht und du hättest auf jeden Fall schon mal eine Menge Stammkunden.«

»Ja, das wäre vielleicht gar nicht so schlecht«, überlegte Lauren. Dann seufzte sie. »Meine Ersparnisse würden allerdings gerade mal für eine Renovierung und ein paar Umbauarbeiten reichen, für den Kauf der Bar niemals.«

»Warum sprichst du nicht mit Adrian? Ich bin mir sicher, dass er dir das Geld geben würde, zumindest als zinsloses Darlehen, wenn du es so nicht annehmen willst.«

»Danke, doch das kommt nicht infrage«, wehrte Lauren ab, »ich habe immer Wert darauf gelegt, unabhängig zu bleiben. Ich will mich nicht auf andere verlassen, und ich möchte auch niemandem etwas schuldig sein.«

»Das kann ich verstehen, aber er ist dein Bruder und würde es sicher gerne tun«, betonte Melody eindringlich. »Überleg es dir doch einfach noch mal in Ruhe.«

Gedankenverloren drehte Lauren eine Schüssel in den Händen und nickte dann schließlich. »Ja, vielleicht hast du recht und ich sollte ausnahmsweise über meinen Schatten springen. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen, doch jetzt kümmern wir uns erst mal um eure Hochzeit – schließlich soll es ein unvergesslicher Tag werden.«

4

Langsam rollte Ryan Davis mit seinem Pick-up am frühen Freitagnachmittag die Hauptstraße von Stillwell entlang. Dabei ließ er seinen Blick über die hölzernen Gebäude schweifen und stellte wehmütig fest, dass sich kaum etwas verändert hatte. Der kleine Ort mit den etwa 700 Einwohnern sah immer noch aus wie die Kulisse eines Westernfilms, und beinahe rechnete er damit, jeden Moment eine Postkutsche über die staubige Straße fahren zu sehen.

Vor der Cactus-Bar parkte er seinen Wagen und stieg aus. Er betrat die Bar und schaute sich kurz um. Es war später Nachmittag, der Schankraum war nahezu leer, lediglich ein Pärchen saß an einem der Tische und turtelte miteinander herum. Langsam hinkte Ryan zur Theke, schob sich auf einen der Barhocker und bestellte sich eine Cola.

Joe Anderson, der Besitzer des Saloons, stellte ein Glas auf den Tresen und schenkte ein. Neugierig musterte er seinen Gast. »Sag mal, bist du nicht Ryan, der Sohn vom alten Gregory Davis, der vor ein paar Jahren nach Richmond gezogen ist?«

Ryan nickte. »Ja, der bin ich.«

»Üble Sache, das mit deinem Bein. Hab’s in der Zeitung gelesen.«

»Es hätte schlimmer sein können.«

»Und was willst du jetzt machen? Mit den Rodeos ist es doch sicher vorbei?«

»Ich weiß es noch nicht. Vielleicht finde ich einen Job hier irgendwo auf einer Ranch.« Ryan nippte an seinem Glas. »Weißt du, wo ich ein Zimmer bekommen kann? Aber kein Motel und auch nicht das Stillwell Inn, ich suche etwas, wo ich ein bisschen länger bleiben kann.«

Nachdenklich kratzte Joe sich an seinem stoppeligen Kinn. »Ich habe früher immer die Mansarde hier oben vermietet, die steht jetzt schon seit einer Weile leer. Ist nix Besonderes, doch vielleicht willst du es dir mal anschauen.«

»Klar, warum nicht, ansehen kostet ja nichts.«

Joe machte eine Bewegung mit dem Kopf, die Ryan bedeutete, ihm zu folgen.

Sie durchquerten die Küche, gingen durch eine kleine Seitentür hinaus und stiegen eine Holztreppe hinauf, die an der Außenseite des Gebäudes angebracht war. Joe schloss die Tür auf und sie standen in einem düster wirkenden Flur. Er zeigte auf eine Tür.

»Hier wohne ich, und da hinten«, er deutete auf eine weitere Tür am Ende des Gangs, »ist das Bad, das müsstest du dir mit mir teilen.«

Über eine schmale, steile Treppe gelangten sie ins Dachgeschoss. Eine Holztür mit einem schmutzigen Glasfenster führte in ein recht geräumiges Mansardenzimmer.

Ryan schaute sich um. Der Raum war etwas heruntergekommen und konnte einen neuen Anstrich vertragen. Durch das große Fenster an der Stirnseite sowie eine Luke in der leichten Dachschräge kam jedoch viel Licht herein, wodurch das Zimmer relativ freundlich wirkte. Trotz Ryans nicht unbeträchtlicher Körpergröße war die Decke hoch genug, sodass er sich nicht eingeengt fühlte. Die Schräge nahm nur eine Wand ein, dort, genau unter der Dachluke, befand sich ein breites Bett mit einem alten Metallgestell. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es einen Kleiderschrank, daneben eine Kommode mit einer Kochplatte darauf. Vor dem Fenster standen ein Sessel mit einem abgewetzten Bezug und ein kleiner Tisch. Hinter einer weiteren Tür entdeckte er ein WC und ein Waschbecken.

»Das wäre gerade das Richtige, mehr benötige ich nicht. Wie viel willst du dafür haben?«

»Ich habe immer 60 Dollar pro Woche genommen, da ist Wasser und Strom mit drin. Falls du im Winter Heizung brauchen solltest, müsstest du dir einen elektrischen Ofen hinstellen.«

Ryan nickte. »Gut, einverstanden.«

Sie stiegen die Treppe hinab und gingen in Joes Wohnung, wo er ein Formular aus einer Schublade kramte.

»Normalerweise würde mir ein Handschlag reichen«, erklärte er, »aber ich habe vor, das Haus zu verkaufen, und da du länger bleiben willst, ist es sicher besser, wenn wir einen Mietvertrag machen.«

Wenig später hatten sie alles ausgefüllt und unterschrieben, Ryan zahlte drei Monatsmieten im Voraus, und der Wirt händigte ihm die Schlüssel aus.

»Also dann auf gute Nachbarschaft. Komm doch nach unten in die Bar, wenn du ausgepackt hast, ich spendiere dir einen Drink zum Einstand.«

»Da sage ich nicht Nein«, schmunzelte Ryan, »sieht so aus, als hätte es Vorteile, über einer Kneipe zu wohnen.«

***

Es dauerte nicht lange, bis Ryan seine wenigen Habseligkeiten ausgepackt und verstaut hatte. Seit er mit dem professionellen Rodeoreiten begonnen hatte, war er ständig unterwegs gewesen, und hatte in Motels oder Unterkünften auf den Veranstaltungsgeländen übernachtet. Alles, was er benötigte, befand sich in zwei Koffern und einer Reisetasche, seine restlichen Sachen hatte er in Richmond bei seinen Eltern untergestellt.

Nachdem er sich am Waschbecken ein bisschen frisch gemacht hatte, verließ er die Mansarde und stieg die Treppen hinunter. Da Joe ihn gebeten hatte, nicht durch die Küche zu gehen, umrundete er das Haus, bis er vor dem Vordereingang stand.

Bereits von draußen schallte ihm laute Countrymusik entgegen, und als er den Schankraum betrat, befand er sich inmitten in einer Meute von Männern, die lautstark und fröhlich feierten.

Etwas verwundert setzte er sich an den Tresen, ließ sich von Joe ein Bier geben und sah sich um. Sekunden später schlug ihm jemand von hinten kräftig auf die Schulter.

»Ryan? Bist du das wirklich?«

Überrascht drehte er sich um und grinste, als er sein Gegenüber erkannte. »Live und in Farbe. – Hey Callan, lange nicht gesehen.«

»Mensch, das glaube ich ja nicht.« Callan umarmte ihn freundschaftlich und setzte sich dann auf den Barhocker neben ihm. »Was machst du denn hier?«

»Man könnte es Zwangspause nennen.«

»Wegen deines Unfalls? Ich habe darüber in der Zeitung gelesen, es hat dich wohl ziemlich böse erwischt«, sagte Callan mitfühlend. »Wie geht es deinem Bein?«

Bedrückt verzog Ryan das Gesicht. »Nicht so gut. Die Ärzte haben mich zwar halbwegs zusammengeflickt, doch mit den Rodeos ist Schluss. Ich kann froh sein, dass ich noch einigermaßen laufen kann.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung und lächelte. »Aber egal, lass uns von etwas anderem sprechen. Wie geht es dir denn so?«

Ein glückliches Strahlen ging über Callans Gesicht. »Oh, sehr gut. Ich bin inzwischen verheiratet und werde in Kürze Vater.«

»Im Ernst?« Ryan schaute ihn ungläubig an. »Du? Wo du doch damals schon der größte Schürzenjäger in Texas warst? Wow, das muss ja eine tolle Frau sein, wenn sie es geschafft hat, dich zu zähmen.«

»Ja, das ist sie allerdings«, bestätigte Callan vergnügt.

»Da drüben am Tisch, sind das Adrian und Jordan?«, wollte Ryan wissen und deutete auf eine der Nischen.

Callan nickte. »Ja. Willst du dich nicht ein bisschen zu uns setzen?«

»Ich möchte euch nicht stören.«

»Quatsch, du störst nicht. Wir feiern Adrians Junggesellenabschied, und bestimmt werden die beiden sich auch freuen, dich wiederzusehen.«

»Also gut.«

Ryan schob sich vom Barhocker, nahm sein Bierglas und folgte Callan humpelnd zum Tisch. Nachdem die Männer sich begrüßt hatten, ließ Ryan sich auf einem der Stühle nieder und wandte sich an Adrian.

»Herzlichen Glückwunsch übrigens zur bevorstehenden Hochzeit. Es ist nicht zu fassen, es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass wir immer zum Schwimmen am Silver Lake waren, und jetzt seid ihr alle unter der Haube.«

»Außer mir, ich lasse mich nicht einfangen«, erklärte Jordan grinsend, »mir reicht es völlig aus, Adrians Trauzeuge zu sein.« Dann wurde er etwas ernster. »Das mit deinem Unfall tut mir leid.«

Ryan winkte ab. »Schon gut, schließlich habe ich all die Jahre gewusst, welches Risiko ich beim Rodeo eingehe, also habe ich keinen Grund zu jammern.«

»Und was willst du nun tun?«, fragte Adrian. »Mit den Rodeos wird es ja wohl vorbei sein.«

»Keine Ahnung«, Ryan zuckte mit den Schultern, »mal sehen, was sich so ergibt. Am liebsten würde ich natürlich etwas mit Pferden machen, ich hatte gehofft, auf einer der Ranches hier einen Job zu finden.«

Nachdenklich sah Callan ihn an. »Was hältst du davon, wenn du für mich arbeiten würdest? Ich baue gerade eine Pferdezucht auf, zusammen mit Reece. Außerdem habe ich noch die Urlauber auf der Ranch und nebenbei muss ich mich auch ein wenig um meine Frau kümmern. Ich könnte auf jeden Fall jemanden gebrauchen, der sich mit den Tieren auskennt und ab und zu mal einen Ausflug mit den Gästen unternimmt.«

»Das hört sich doch gut an.« Ryans blaue Augen strahlten. »Wenn das ein ernst gemeintes Angebot ist, sage ich nicht Nein.«

»Klar meine ich das ernst«, bestätigte Callan. »Es wird allerdings noch ein paar Wochen dauern, aber wenn du möchtest, hast du den Job.«

»Kein Problem, ich werde die Zeit nutzen, um ein bisschen zu Kräften zu kommen.«

»Gut, dann sind wir uns ja einig«, nickte Callan zufrieden. »Willkommen zurück in Stillwell.«

5

»Melody, du siehst wunderschön aus.« Lauren musterte ihre künftige Schwägerin anerkennend von oben bis unten. »Adrian werden die Augen aus dem Kopf fallen.«

Seufzend strich Melody mit den Händen über das Brautkleid und betrachtete sich im Spiegel. »Ja, sofern er vorher nicht durchdreht. Seit gestern Morgen gleicht die Ranch einem Irrenhaus, wir hatten keine ruhige Minute. Ich glaube, so langsam ist er mit seinen Nerven am Ende, und wenn ich ehrlich bin, finde ich den ganzen Trubel auch sehr stressig.«

Lauren lachte. »Ihr werdet es überleben. In ein paar Stunden habt ihr es hinter euch.«

Sie zupfte noch einmal an dem kleinen Schleier herum und ging zur Tür. »Dann lasse ich dich jetzt einen Augenblick zur Ruhe kommen, und sehe mal draußen nach, ob alles fertig ist.«

Nachdem Lauren verschwunden war, ließ Melody sich vorsichtig auf dem Bett nieder.

Nun war es also so weit, in einer Stunde würde sie Adrians Frau sein. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie sie sich kennengelernt hatten. Hätte ihr zu diesem Zeitpunkt jemand gesagt, dass sie den Mann, dessen Auto sie morgens um vier Uhr versehentlich demoliert hatte, wenige Monate später heiraten würde, hätte sie ungläubig den Kopf geschüttelt. Sie erinnerte sich daran, welches Chaos sie in seinem Büro verursacht hatte, wie sie sich im Flugzeug auf seine Schuhe übergeben hatte und wie sie das erste Mal in seinem Wagen wie zwei Teenager herumgeknutscht hatten. Anfänglich hatte sie das Gefühl gehabt, sie seien so verschieden wie Feuer und Wasser, und sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie so perfekt zueinanderpassen würden. Aber nun saß sie hier, trug seine Kinder unter ihrem Herzen und wartete auf den Beginn der Trauungszeremonie – um nichts in der Welt würde sie ihn wieder verlieren wollen.

Während sie lächelnd ihren Gedanken nachhing, ging plötzlich die Tür auf und Adrian kam herein.

»Was machst du denn hier?«, fragte sie entsetzt und fügte vorwurfsvoll hinzu: »Du solltest mich doch vorher nicht sehen.«

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