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Ödland

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. PROLOG
  5. ERSTES KAPITEL
  6. ZWEITES KAPITEL
  7. DRITTES KAPITEL
  8. VIERTES KAPITEL
  9. FÜNFTES KAPITEL
  10. SECHSTES KAPITEL
  11. SIEBTES KAPITEL
  12. ACHTES KAPITEL
  13. KAPITEL NEUN
  14. KAPITEL ZEHN
  15. ELFTES KAPITEL
  16. ZWÖLFTES KAPITEL
  17. Bibliografie
  18. Diskografie
  19. Danksagung
  20. Über den Autor

PROLOG

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Wasser, Wind, Staub
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… Und hier unser aktueller Wetterbericht, präsentiert von »Air-Plus - Gesunde Luft für Ihr Zuhause«. Unser Topthema heute lautet: Orkan in Großbritannien. Vor etwa 60 Minuten erreichte ein Orkan der Windstärke 12 die Britischen Inseln. Bis zur Stunde geht man bereits von mindestens dreißig Todesopfern aus. Mehr dazu in wenigen Augenblicken.

In den Niederlanden verstärkt man indessen in Erwartung der Sturmausläufer die Deiche. Man hofft so, dass sie dem Unwetter einigermaßen standhalten werden. Im Anschluss geben wir Ihnen praktische Ratschläge zum Schutz Ihres Eigentums.

Die extreme Trockenheit in Andalusien geht mittlerweile in den dreizehnten Monat. Der Anbau von Orangen ist seither völlig zum Erliegen gekommen. Hören Sie dazu unser Dossier, das sich mit den tief greifenden sozialen Folgen beschäftigt.

Die Quallenplage an der italienischen Adriaküste nimmt beängstigende Ausmaße an. Tausende der hochgiftigen Tiere werden zurzeit an den Stränden angeschwemmt. Unsere Reporter sind vor Ort und berichten exklusiv für Sie.

Eine Warnung noch an unsere Hörer, die in den Alpen unterwegs sind: Nach mehreren Erdrutschen mussten einige Bundes- und Landstraßen gesperrt werden. Betroffen sind auch Autobahnen. Nach einer kurzen Unterbrechung für einen Werbespot unseres Sponsors Green Links geben wir Ihnen einen Überblick über die Verkehrssituation. Sie hören EuroSky, die aktuellsten Wetternachrichten für Ihre Region. Bleiben Sie dran!

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Checkpoint
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Haben Sie Probleme mit der Trinkwasserversorgung? Das System Global Filter verwandelt auch das Wasser des Baches in Ihrer Nachbarschaft zu Trinkwasser. Die neuartige Technologie PolluKill™ von BioGen Labs arbeitet auf der Grundlage transgener Bakterien, die jedem Wasser ohne Gefahr für den menschlichen Organismus zu klarer Reinheit verhelfen. Für nur 1499 Euro haben Sie immer frisches Trinkwasser bereit. Zwei kostenlose Nachfüllungen sind im Preis inbegriffen. Bitte beachten Sie: Das aufbereitete Wasser darf weder zur Zubereitung von Säuglingsnahrung noch zum Waschen von Kleinkindern verwendet werden.

Sintflutartiger Regen peitscht, von heftigen Sturmböen getrieben, über die Windschutzscheibe des Volvo-Fünfzigtonners. Obwohl die Scheibenwischer auf höchster Stufe arbeiten, werden sie der Wassermassen längst nicht mehr Herr. Der tosende Wind rüttelt wie mit eisernen Fäusten an der Karosserie des Lkw, doch die zwölf mit Polycarbonatreifen bestückten Räder halten ihn auf dem Asphalt wie auf einer Schiene. Er weicht keinen Zentimeter von seiner Bahn ab. In etwa hundert Metern Abstand folgt ihm ein zweiter, in feinen Wasserstaub eingehüllter Lastwagen mit der gleichen Exaktheit. Regen prasselt erbarmungslos auf die beiden glänzenden, mit der Shell-Muschel versehenen Tanks.

Plötzlich ertönt in den mit unzähligen elektronischen Kontrollleuchten ausgestatteten Fahrerkabinen ein Alarmsignal. Auf dem oberen Teil der Windschutzscheiben beider Laster erscheint eine rote Leuchtschrift, die in drei Sprachen - Niederländisch, Englisch und Deutsch - verkündet: Checkpoint in 500 m. Haltepflicht.

Die beiden auf Autopilot geschalteten Lkws bremsen synchron, bis sie vor der blinkenden Schranke des Autobahnkreuzes von Zurich am Ufer des Wattenmeeres seufzend zum Stehen kommen. Jenseits der teilweise unter Wasser stehenden Fahrbahn toben entfesselt wütende Wellen, brechen sich schäumend am Deich, überziehen die graugrüne Landschaft mit gelblichem Salz und untermalen das Brüllen des Orkans mit ihrem düsteren, drohenden Rollen. Die in langen Reihen am Ufer des Ijsselmeeres aufgestellten Windräder hat man wegen des Sturms abgeschaltet. Die Rotoren vibrieren und schwanken gefährlich auf den Mastspitzen und verstärken den höllischen Lärm mit ihrem schaurigen Klagen. Nur eines der Windräder scheint einen Defekt im Sicherheitssystem zu haben - es dreht sich wie verrückt und dröhnt wie eine ausgerastete Riesenhornisse. Sollte es zerbersten, was jeden Moment passieren kann, würden die vom Sturm weggepeitschten, über vierzig Meter langen Rotorblätter alles enthaupten, was sich ihnen in den Weg stellt.

Neben der blinkenden Schranke steht ein Wärterhäuschen aus Aluminium, ein winziger, unsicherer Zufluchtsort zwischen den entfesselten Elementen. Die Polizisten bemühen sich gar nicht erst ins Freie; sie setzen sich lieber per Funk mit dem ersten Tanklastzug in Verbindung.

»Identifizieren Sie sich.«

»Transport 106 A und 106 B. Wir fahren für Shell.«

Kurzes Schweigen.

»Sie sind nicht angekündigt. Was haben Sie geladen?«

Limonade, du Spinner, denkt der Fahrer und verzieht ironisch das Gesicht. Doch er antwortet in ausdruckslosem Tonfall: »Flüssiggas. Eine Notlieferung.«

»Wohin?«

»Den Helder.«

»Auf die andere Seite? Der Abschlussdamm ist geschlossen. Zu stürmisch. Sie müssen außen um das Ijsselmeer herumfahren.«

Scheiße. Eine Sekunde lang spielt der Fahrer mit dem Gedanken, die Schranke einfach zu durchbrechen, aber die Polizei könnte die Schwenkbrücke an der Lorentzschleuse öffnen lassen, ehe die Tanklaster dort wären, und damit fiele der gesamte Auftrag ins Wasser. Er entschließt sich zu verhandeln. Zwar hat er seine Argumentation vorbereitet und immer wieder geübt und wiederholt, aber trotzdem ist und bleibt sie eine der Schwachstellen des Plans.

»Unmöglich. In Den Helder sitzen sie im Dunkeln. Fünfzehn Windräder sind umgeknickt, der Strom ist ausgefallen, Krankenhaus und Flughafen stehen vor dem Kollaps. Sie brauchen den Treibstoff für ihre Generatoren, und zwar schnell.«

»Das ist nicht mein Problem«, gibt der Polizist zurück. Seine Stimme knistert über die Lautsprecher. »Der Abschlussdamm ist geschlossen. Punkt. Ich halte mich an die Vorschriften.«

Der Fahrer schickt seinem Hintermann über einen verschlüsselten Kanal ein kurzes Warnsignal, mit dem er ihn anweist, sich für Plan B bereitzuhalten, falls der Polizist sich nicht doch noch erweichen lässt.

»Hören Sie, ich habe eine Sondergenehmigung von Shell, die von den Behörden der Stadt Groningen gegengezeichnet ist. Darin steht, dass ich meine Ladung so schnell wie möglich und auf dem kürzesten Weg ausliefern muss, und zwar unabhängig vom Wetter. Wollen Sie sie sehen?«

Wieder ein kurzes Schweigen. Dann dringt eine andere Stimme aus dem Lautsprecher, die tiefer und älter klingt. Vermutlich der Chef.

»Was sagen Sie, warum wollen Sie unbedingt über den Abschlussdamm?«

Der Fahrer erklärt den Sachverhalt zum zweiten Mal, während er unter dem Sitz nach seiner Mini-Uzi tastet. Immerhin könnte der Chef auf die Idee kommen, seine Aussage genauer zu überprüfen - in diesem Fall käme selbstverständlich sofort Plan B zum Einsatz. Doch der Chef gibt sich verständnisvoll. Vielleicht hat er aber auch nur keine Lust, einen Verweis zu kassieren.

»Okay, ich mache Ihnen die Schranke auf. Allerdings muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie die Fahrt auf eigene Gefahr unternehmen. Da draußen auf dem Damm bläst es verdammt heftig.«

»Danke, Chef.«

»Ich sage den Kollegen auf der anderen Seite Bescheid, dass Sie kommen.«

»Einverstanden.«

Während die Ampel von Rot auf Grün umschaltet und die Schranke sich langsam hebt, lässt der Fahrer seine Maschinenpistole wieder unter den Sitz gleiten, schaltet den Autopiloten ab und legt den zweiten Gang ein. Der schwere Tanklastzug setzt sich ächzend in Bewegung, unmittelbar gefolgt von dem zweiten Lkw, der das Wärterhäuschen im Vorbeifahren mit Fontänen braunschlammigen Wassers bespritzt.

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Apokalypse
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Abschlussdamm (niederländisch Afsluitdijk, friesisch Ofslútdyk) ist ein Sperrdamm am Eingang der einstigen Zuiderzee zwischen Den Oever (Provinz Nordholland) und Zurich bei Harlingen (Provinz Friesland), für dessen Bau 15 Millionen Kubikmeter Kiesellehm und 27 Millionen Kubikmeter Sand verwendet wurden. Er ist 32 Kilometer lang und 90 Meter breit und wurde am 28. Mai 1932 fertiggestellt. Genau um 13:02 Uhr des genannten Tages wurde der Damm geschlossen und trennt seitdem das seit September 1932 offiziell Ijsselmeer genannte Binnengewässer, die ehemalige Meeresbucht Zuiderzee, vom Wattenmeer und ist eines der Hauptelemente der Zuiderzeewerke. Über den Damm führt die niederländische Autobahn Rijksweg 7. Im Damm befinden sich die Schiffsschleusen von Den Oever und Kornwerderzand sowie 25 Ablassschleusen mit einem Durchflussdurchsatz von maximal 5000 m3/sec. Im 20. Jahrhundert lag die Deichkrone etwa 7,50 Meter oberhalb des Wasserspiegels.

Nachdem sie die Schleuse von Kornwerderzand hinter sich gelassen haben, gibt es kein Zurück mehr. Der Fahrer des Volvo macht ein Kreuzzeichen auf sein Lenkrad, küsst sein Kruzifix und betet mit leiser Stimme ein Vaterunser, während er das Gaspedal durchtritt. Er hätte den Augenblick geistiger Sammlung gern mit seinem Kollegen geteilt, der zweihundert Meter hinter ihm fährt, doch außer Warnsignalen in Notfällen ist ihnen jeglicher Funkkontakt untersagt.

Die leere und schnurgerade Autobahn erstreckt sich vor ihm bis zum Horizont - zumindest so weit, wie er überhaupt etwas durch die Wassermassen auf seiner Windschutzscheibe erkennen kann. Und in der Tat, es »bläst verdammt heftig«. Meterhohe, vom Orkan getriebene und von einer Springflut noch verstärkte Wellen brechen sich mit monströsen Schaumfontänen an der Böschung des seit dem ersten Deltaplan immerhin um zehn Meter erhöhten Dammes, branden in schlammigen Strömen über die Fahrbahn und reißen tonnenweise Erde und Ton mit sich, die sich ins Ijsselmeer ergießen. Auch das Binnenmeer wird von einer bösartigen, braunschaumigen Dünung bewegt, auf der abgerissene Algen und tote Fische und Vögel treiben. Der Himmel ist ein unglaubliches Chaos angeschwollener, tiefvioletter Wolken, die im Dämmerlicht noch bedrohlicher wirken. Die Wasserfurie wütet überall; wie zerbrechlich wirkt die schmale Zunge aus Sand, Stein und Beton, die sich mitten in den Tumult hinein erstreckt!

Starr vor Angst klammert der Fahrer sich ans Lenkrad seines Lkw, den er, so gut mächtige Sturmböen und Aquaplaning es eben zulassen, in der Spur zu halten versucht. Jetzt fehlt nur noch, dass er vor dem Erreichen des Ziels einen Unfall baut! Ein kurzer Blick auf das Entfernungsradar zeigt ihm, dass sein Kollege trotz des unfreiwilligen Schleuderkurses, den auch er über sich ergehen lassen muss, einen Abstand von 350 Metern einhält. Gut so. Der Fahrer beschleunigt weiter. 130 … 140 … Der Tachometer ist zwar frisiert, trotzdem fangen die Lämpchen auf dem Armaturenbrett an zu blinken, und ein schriller Alarm ertönt. Er kappt den Kontakt. Jetzt hört man nichts anderes mehr als das Sirren des Wasserstoffmotors, erstickt vom Zorn Gottes, der rings um den Lkw wütet. Noch einmal betet der Fahrer zum allmächtigen Herrn und denkt dabei daran, wie schön es wäre, wenn der Allerhöchste selbst den Reinigungsauftrag zu Ende bringen könnte, für den man ihn ausersehen hat. Doch wirklich damit rechnen kann er nicht; seit hundert Jahren schon hält der alte Abschlussdamm den immer stärker werdenden Stürmen tapfer stand. Mochten die Holländer ein noch so lasterhaftes und vom Geist des Bösen verdorbenes Volk sein - solide bauen konnten sie!

150 Stundenkilometer. Schneller ginge es jetzt wirklich nicht mehr, sonst würde ihn der Sturm von der Fahrbahn katapultieren. Doch die Geschwindigkeit dürfte ausreichen. Er durchfährt die Aufschüttung Breezanddijk mit der im Meerwasser versunkenen Tankstellenruine, den ehemaligen Parkplätzen und Häusern. Das Ziel liegt nun noch acht Kilometer entfernt. Der Fahrer hofft, dass die Polizisten am Autobahnkreuz sich nicht inzwischen mit Groningen oder Den Helder in Verbindung gesetzt haben und dass nicht längst ein paar Abfangjäger unterwegs sind, um die Tanklaster zu bombardieren. Doch nein, das ist unmöglich - bei so viel entfesselter Naturgewalt kann sich kein Flugzeug in der Luft halten. Wieder wirft er einen Blick auf den Radarschirm. Sein Kollege folgt ihm nach wie vor in einem Abstand von 350 Metern. Auch er wird wie ein Spielball über die Fahrbahn geschleudert und arbeitet sich durch Wolken aus Schaum wie ein metallener Wal. Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, gib uns die Kraft, unsere göttliche Mission zu erfüllen, schenke meiner armen, sündigen Seele die ewige Glückseligkeit … Oh, mein Gott, was für eine entsetzliche Welle! Sie wird uns fortreißen! Wir werden es nicht schaffen, hilf Himmel! Aber nein, sie schwappt vorbei, sie schwappt wirklich vorbei, halleluja! Gott ist mit uns. Ehre sei Gott und dem heiligen Amerika!

Das Ziel kommt in Sicht. Als der Regen für Sekunden ein wenig nachlässt, erkennt der Fahrer den zylindrischen Turm des Denkmals, das zu Ehren der Erbauer genau an der Stelle errichtet wurde, wo der Damm am 28. Mai 1932 geschlossen worden war. Beide Fahrer haben die Geschichte des Abschlussdamms auswendig lernen müssen. Letzter Blick auf den Radarschirm - der Kollege ist immer noch da, in 370 Metern Entfernung. Gib Gas, Junge! Du kannst jetzt nicht mehr kneifen! Gott ist mit uns. Er wird uns in seine ewige Glückseligkeit aufnehmen. Das Paradies erwartet uns!

Der Tanklastzug fährt mit voller Geschwindigkeit in die Ausfahrt, die die Böschung hoch zu einem Parkplatz und den fünf Betonzylindern führt, auf denen die Geschichte des Damms erzählt wird. Zwei sind nicht mehr da, die Wellen haben sie verschlungen. Auch auf der anderen Seite der Autobahn hat das Denkmal gelitten. Der Turm ist zur Meerseite hin abgebröckelt, und der Regen frisst sich voller Wut in die entstandene Öffnung. Die Ausfahrt wird immer wieder von schäumender Gischt überschwemmt, doch dank Gottes großer Güte verliert der Sturm für einige Augenblicke an Gewalt, sodass die beiden Tanklaster sich auf der Fahrbahn halten können.

Der Fahrer rast mit Höchstgeschwindigkeit bis zum Ende des Parkplatzes, drückt den Fernbedienungsknopf und wirft das Lenkrad nach rechts herum.

»Näher, mein Gott, zu dir!«, schreit er aus vollem Hals. Der Volvo kommt von der Straße ab, durchbricht das Geländer, reißt das Gitter mit, holpert über die aufgeschütteten Steinblöcke hinunter und stürzt in die tobenden Fluten. Vierhundert Meter hinter ihm macht der zweite Tanklastzug genau das Gleiche.

Zehn Sekunden später bricht die Apokalypse los.

In den Tanks ist natürlich kein Flüssiggas, sondern zwanzig Tonnen eines hochkomprimierten Gemischs aus Quecksilberdämpfen, Argon und Krypton in einer Umhüllung aus Verbundmaterial - einem Epoxid aus Kohlenstoffnanoröhren, Aramiden und Polytetrafluorethylen -, die wiederum in einem Stahlzylinder steckt. Dieser enthält außerdem zwei Super-Magnetrons an beiden Enden der Umhüllung, die von der Wasserstoffzelle des Lastwagens betrieben werden. Die Fernbedienung, auf deren Knopf der Fahrer vor seinem Freitod gedrückt hat, ist auf die Wassertiefe am Fuß des Deichs eingestellt. Sie aktiviert die Magnetrons, sobald die Lastwagen auf Grund gesunken sind. Durch das Elektronenbombardement werden die Gase ionisiert und in Plasma verwandelt, das sich auf eine Temperatur von 3500 Grad Celsius aufheizt. Nach fünf Sekunden erreicht das Plasma die kritische Schwelle, wird instabil und explodiert in einer 10 000 Grad Celsius heißen Feuerkugel.

Mehrere Hundert Meter rechts und links der beiden Explosionsherde verwandelt sich der Damm sofort in eine Masse brodelnden Magmas. Druck und Hitze lassen das Meer zurückweichen. Eine Säule aus kochendem Dampf durchdringt die Wolken. Dann kehren die Fluten wütender denn je zurück. Eine hoch aufgetürmte Wellenwand ergießt Millionen Tonnen Wasser auf den sich auflösenden Damm, der wie ein simpler Sandhaufen einfach weggeschwemmt wird und einen neuerlichen Dampfpilz in die brodelnden Wolken entlässt. Die Nordsee stürzt sich ins Ijsselmeer und auf die benachbarten Polder wie eine schwarze Wand aus schäumendem Wasser. Sie zermalmt alles, was ihr im Weg steht, und schwemmt die Trümmer ins Landesinnere. Weitere Extremwellen folgen. Sie vollenden das Zerstörungswerk. Breite Breschen werden in die von Rissen und Spalten durchzogenen Reste des Abschlussdamms gerissen. Ohne an Wucht zu verlieren, überrollen die Wassermassen die Deiche an der Küste und ertränken Tausende von Quadratkilometern des tiefer liegenden Landes unter ihren schlammigen, tosenden Fluten.

Doch die zweifache Plasmaexplosion hat noch eine weitere Folge: Eine elektromagnetische Schockwelle breitet sich mit hoher Geschwindigkeit im Umkreis von etwa 150 Kilometern Entfernung aus und zerstört jedes elektrische oder elektronische Gerät. Bis auf die Provinzen Limburg und Südbrabant wird das gesamte Land lahmgelegt und versinkt in Dunkelheit und Schweigen. Lichter gehen aus. Autos, Züge und Untergrundbahnen bleiben stehen. Flugzeuge stürzen ab. Fernsehgeräte werden schwarz. Radios verstummen. Computer hängen sich auf. Die gesamte Telekommunikation bricht ab. In den Krankenhäusern fallen Scanner und Dialysegeräte einfach aus, und fernbediente chirurgische Instrumente stecken im Fleisch der Patienten fest. Windräder hören auf, sich zu drehen, und Kraftwerke produzieren keinen Strom mehr. Die hydraulischen Pumpen bleiben stehen, Kanäle laufen erst voll und dann über. Hydroponische Gewächshäuser und Legebatterien versinken in Kälte und Schwärze. Verkehrsampeln erlöschen, Navigationssysteme spielen verrückt, die Verkehrsflusskontrollen auf den Autobahnen funktionieren nicht mehr. Die Leuchttürme gehen aus, Schiffe kommen vom Kurs ab und sind dem Sturm hilflos ausgeliefert. In den Fabriken halten die Förderbänder an. Polizei, Sanitäter und Feuerwehr sind handlungsunfähig. Die Niederlande versinken im Chaos. Ein Viertel des Landes steht komplett unter Wasser. Und über dieser Hölle heult der Orkan. Er wütet und tobt mit unverminderter Kraft; das Schicksal der Menschen ist ihm gleichgültig.

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Tulpen
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… und nun, meine lieben Freunde, kommt der Augenblick, den Sie alle erwartet haben. Heute küren wir den Sieger unseres großen Spiels »Zu dumm, um aus dem Bus zu gucken«, den Kandidaten - oder die Kandidatin -, der unserer gestrengen Jury den besten Blödsinn erzählt hat. Der glückliche Gewinner darf sich über eine wunderbare Wohnung in der luxuriösen Schweizer Enklave Sion freuen, inmitten der gesellschaftlichen Crème de la crème und einer Umwelt, die ab-so-lut geschützt ist! Ehe wir jedoch den Gewinner bekannt geben, möchte ich Ihnen das lauschige Liebesnest vorstellen, das unser Sponsor Rebuilt uns zur Verfügung gestellt hat …

»So ein Blödsinn«, seufzt Aneke Schneider. Sie lümmelt sich auf dem Sofa in ihrem Reihenhaus in Swifterbant, nördlich des Polders Flevoland. Zwischen den Fingern hält sie einen erloschenen Joint und verfolgt zerstreut die Sendung »Zu dumm, um aus dem Bus zu gucken« auf dem großen Wandbildschirm. Das von dem berühmten Moderator Wim Brinker geleitete Spiel ist so ungefähr das Schwachsinnigste, was sie je gesehen hat, wird jedoch angeblich von zehn Millionen Niederländern regelmäßig eingeschaltet. Aneke hätte gerne weitergezappt, aber das Gras, das Rudy anbaut, ist einfach viel zu gut, und sie weiß nicht mehr, wo sie die Fernbedienung gelassen hat. Zum Aufstehen hat sie jedenfalls nicht die geringste Lust. Von Zeit zu Zeit wirft sie einen müden Blick auf ihre vierjährige Tochter Kristin, die bäuchlings auf dem Teppich liegt und mit Hingabe dabei ist, auf ihrer Babybox-Konsole außerirdische Monster zu massakrieren. In regelmäßigen Abständen knurrt, grölt und kracht es aus dem Kästchen, und ebenso regelmäßig jauchzt Kristin: »Hey, jetzt hab ich dich!«

Ich sollte mal was zu essen machen, denkt Aneke und seufzt erneut. Es ist fast sieben, und die Kleine hat bestimmt Hunger … Außerdem muss ich mich um die Gewächshäuser kümmern. Draußen tobt ein heftiger Sturm. Der Wind brüllt, und Regen klatscht gegen die heruntergelassenen Läden; Aneke befürchtet, dass die Gewächshäuser Schaden nehmen könnten. Um die Anlagen zu überprüfen, braucht sie nur in Rudys Büro zu gehen, den Computer zum Leben zu erwecken und die Kameras und die Anzeigen für Temperatur, Luftfeuchtigkeit, pH-Wert, die Leistung des Verteilers und solche Dinge zu kontrollieren. Doch selbst diese Anstrengung erscheint ihr fast unmenschlich. Aneke neigt dazu, zu viel zu rauchen, wenn Rudy nicht da ist. Es hilft ihr, die Einsamkeit und die Langeweile zu ertragen, redet sie sich selbst ein, fühlt sich aber trotzdem in gewisser Hinsicht schuldig. Sie ist immerhin fünfunddreißig und sollte es allmählich ein wenig gemächlicher angehen lassen. Und überdies vergeudet sie ihre Zeit mit »Zu dumm, um aus dem Bus zu gucken«, während Rudy sich in Brüssel aufhält, wo er mithilfe der Gewerkschaft seine Position vor der Agrarkommission vertritt. Rudy züchtet Blumen, unter anderem auch die berühmten holländischen Tulpen. Das mag zwar nichts Besonderes sein, aber immerhin ist es besser, als in homöostatischen Fabriken transgene Hühnchen ohne Federn für den Export zu züchten. Allerdings wird die holländische Tulpenproduktion von einer chinesischen Konkurrenz bedroht, die mit Mafiamethoden arbeitet und, so vermutet Aneke zumindest, Tausende von Kindern unter sieben Jahren dazu zwingt, für zwei Yuan am Tag zu schuften, um das von Universal Seed ausgebrachte Saatgut wieder aufzulesen. Und zu allem Überfluss hat die europäische Agrarkommission aufs Neue die Subventionen der holländischen Blumenzüchter verringert, was dazu führt, dass Leute wie Rudy auf einem ohnehin engen Markt - denn wer hat heutzutage noch die Mittel, Blumen zu verschenken? - die Preise nach oben korrigieren mussten. Das Risiko, in die Pleite abzudriften, ist seither für kleine Unternehmer stark angestiegen.

Das alles nervt Aneke ganz ungemein. Hinzu kommt, dass das freudlose, unendlich flache und landschaftlich uninteressante Flevoland sie deprimiert. Sie sehnt sich nach Bayern, wo sie geboren ist und wo es echte Bäume und eine Vegetation gibt, die diesen Namen wenigstens verdient. Das ist der wahre Grund für ihr exzessives Rauchen. Rrrooooarr-pfiuu-bumm-arrrgh kommt es aus der Babybox. Auch dieses Geräusch macht sie nervös.

»Dreh ein bisschen leiser, Mäuschen«, murmelt sie. »Du musst aber jetzt sowieso aufhören, wir essen nämlich gleich.«

»Noch nicht, Mama. Ich habe es fast geschafft!«

Plötzlich erlischt alles. Die Babybox, der Wandbildschirm, die Lichter, die Klimaanlage.

»Mama! Meine Box ist kaputt! Und es ist ganz dunkel!«

»Bestimmt ist der Sturm schuld daran. Bleib, wo du bist, Mäuschen, ich hole ein paar Kerzen.«

»Mama, ich habe Angst!«

Kristin fängt an zu weinen. Aneke tastet sich zu ihr. Ihr Töchterchen umklammert ihre Beine.

»Das ist wirklich nicht schlimm, Mäuschen. Es ist nur der Sturm. Gleich wird es bestimmt wieder hell. Und inzwischen stellen wir überall Kerzen auf, das sieht ganz toll aus.«

»Wie zu Weihnachten?«

»Ganz genau, wie zu…«

Aneke unterbricht sich und lauscht. Ein merkwürdiges Geräusch dringt von draußen an ihr Ohr. In Windeseile überlagert es das gewohnte Toben des Sturms. Es ist ein tiefes Grollen, ein erschreckendes, beängstigendes Gurgeln, das stärker und stärker wird. Schon verschluckt es alle anderen Geräusche.

»Was, zum Teufel … Kristin, lass meine Beine los!«

Aneke schiebt ihre Tochter beiseite, die sofort wieder zu heulen anfängt, rennt ans Fenster, wobei sie sich am Tisch stößt, und öffnet die Läden mithilfe der Kurbel, weil der Strom ausgefallen ist. Und im violetten Zwielicht der Abenddämmerung sieht sie …

Sie kann es einfach nicht glauben. Swifterbant liegt drei Kilometer vom Ijsselmeer entfernt. Es ist unmöglich! Und doch …

Eine Welle kommt auf sie zu. Eine gigantische Welle. Eine Wand aus glänzend schwarzem, mit bleichem Schaum gekröntem Wasser. Donnernd und fauchend rollt sie auf das Dorf zu und verschlingt alles in ihren flüssigen Rachen. Kommt näher und verschlingt, kommt näher und verschlingt, KOMMT NÄHER!

»Mäuschen! Bring dich in Sicherheit!«

Hoffnungslos. Lächerlich.

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Wolken
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Sie ist jung, schön, sehr schüchtern und heißt Jennifer. Seit etwa fünfzig Stunden bemüht sich Wilbur, sie »zu beschlagen«, wie er sich ausdrückt. Sie beschlagen bedeutet, mit ihr zu schlafen. Natürlich nicht in der niederen Wirklichkeit - Wilbur hat im richtigen Leben noch nie mit einer Frau geschlafen. Es wäre zu gefährlich, angesichts der vielen Krankheiten und mutierten Viren. Außerdem scheut er sich vor dem Unvorhersehbaren und Unerwarteten. Und welches Mädchen würde sich in der Wirklichkeit schon mit Wilbur abgeben wollen?

Doch in der virtuellen Realität ist Wil ein unverbesserlicher Aufreißer, ein Fuchs im Hühnerstall von Love Links. Und seine Beute ist beeindruckend: nicht weniger als sechzig Mädchen in zwei Jahren, darunter mehrere Schauspielerinnen, Top-Models und Stars des virtuellen Raums. Und das, obwohl ihn Mädchen, die es ihm allzu leicht machen und sich im Handumdrehen vor ihm ausziehen, überhaupt nicht interessieren. Was ihn vor allen Dingen anmacht, ist die Eroberung. Er trifft sich gern mit jungen Damen, die als schwierig gelten, macht ihnen geduldig und mit viel Leidenschaft den Hof, entfaltet seine Verführungskünste, und schließlich »beschlägt« er sie, um sie danach wegen einer anderen zu verlassen.

Wilburs größter Trumpf ist sein Avatar, den er mit viel Fingerspitzengefühl aus hunderttausend Gesichtern und fünfzehntausend verfügbaren Körpern zusammengestellt hat. Herausgekommen ist eine einzigartige Komposition, eine ganz besondere Mischung. Sein Avatar hat halblanges, leicht kupferfarben schimmerndes Haar, eine sonnengebräunte Haut, Gesichtszüge, die er teilweise bei den Filipinos, teilweise bei den Massai entlehnt hat, ein grünes und ein blaues Auge und einen Schönheitsfleck im Mundwinkel. Er weiß, dass solche kleinen Fehler sehr verführerisch wirken können; ein perfektes Gesicht ist nicht erotisch. Was die Auswahl des Körpers angeht, so hat er nicht auf die derzeitig herrschende Mode der Gewichthebertypen gesetzt, sondern sich mit langen, geschmeidigen Gliedmaßen und einem jugendlichen Aussehen ausgestattet, die Grazie und Harmonie mit dem Eindruck von Kraft und Macht vereinen. Kleidung steht bei MAYA unbegrenzt zur Verfügung, und Wilbur passt sich meist dem Geschmack seiner jeweiligen Eroberung an. Jennifer bevorzugt den Ninja-Stil, was für Wilbur eine Tunika aus mit japanischen Schriftzeichen bestickter, roter Seide, eine weite, schwarze Dreiviertelhose und weiche schwarze Schuhe bedeutet.

Jennifer trägt ein Bustier aus weißer Spitze, eine naturweiße Pluderhose, hübsch gemusterte Lederpantöffelchen und eine rosa Perle im Bauchnabel. Ein fuchsiafarbenes Bandana hält ihre blonden Haare zusammen und enthüllt zierliche, mit Ringen geschmückte Ohrläppchen. Sie hat sich einen ausgesprochen nordischen Typ ausgesucht - große, unschuldig dreinblickende blaue Augen, eine extrem helle Haut, rosige geschürzte Lippen, ein eigensinniges Kinn und eine zarte Nase in einem ovalen Gesicht. Die Rundungen ihres Körpers sind vollendet, doch wie sollte es in der virtuellen Realität auch anders sein?

Hand in Hand gehen Wil und Jennifer über eine samtweiche grüne, mit mehrfarbigen Gänseblümchen gesprenkelte Wiese, an deren Rand ein Wald aus bemoosten Eichen aufragt, der sich bis in ein lauschiges Tal mit einem kristallklaren, von blühendem Weißdorn gesäumten Bach erstreckt. Jenseits davon liegt eine heitere Landschaft mit sanften Hügeln und baumbestandenen Tälern im goldenen Sonnenlicht. Bunte Schmetterlinge tanzen von Blüte zu Blüte, Vögel zwitschern, und Grillen zirpen. Es ist ein wundervoller Frühlingstag, der zum Nichtstun und zum Schäkern einlädt. Glücklich lächelt Jennifer den Spatzen zu, die ohne jede Scheu um sie herumflattern. Wil denkt, dass es langsam an der Zeit ist, die letzte Bastion zu nehmen.

»Wie schön es hier ist, Wilbur«, ruft Jennifer und klatscht in die Hände. »Hier bin ich noch nie gewesen.«

»Ich kann dir noch viel romantischere Stellen zeigen«, lächelt er und streicht ihr leicht über das seidige Haar.

»Ach nein, ich möchte noch ein wenig bleiben.«

Eine Meise setzt sich auf ihre Schulter. Jennifer küsst sie vorsichtig auf ihr Federhäubchen. Die Meise lächelt sie an - zumindest erweckt sie den Eindruck. Wil ist nicht ganz zufrieden. Beim nächsten Mal würde er die Vögel etwas scheuer programmieren, um seine Eroberung nicht zu sehr abzulenken. Piepsend fliegt die Meise davon. Mit plötzlich ernst gewordener Miene wendet Jennifer sich Wilbur

»Wenn man das Glück hat, solche Augenblicke genießen zu dürfen, dann kann man kaum mehr glauben, dass das wahre Leben so verkommen ist.«

Er greift nach ihren Händen und schenkt ihr sein betörendstes Lächeln.

»Jennifer, meine Süße, warum sollten wir uns mit der Realität beschäftigen? Hier ist alles heiter, alles lädt uns ein. Findest du nicht, dass diese Blumenwiese wie geschaffen ist, sich darin niederzulegen?«

»Sich niederzulegen?«

Das junge Mädchen runzelt die zarten Augenbrauen. Langsam, mahnt sich Wilbur.

»Natürlich! Mit einem Grashalm zwischen den Lippen kann man den Vögeln lauschen oder die Wolken vorbeiziehen sehen. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass manche Wolken ganz außergewöhnliche Formen haben?«

Jennifer hebt die Augen zum Himmel.

»Hier sind keine Wolken.«

Mit dem rechten Auge klickt Wil diskret auf die Option Wolken, wählt Kumulus und dann Sofort.

»Aber sicher! Sieh doch!«

Hübsche flockige Wölkchen segeln langsam über hundertjährige Eichen hinweg. Ihre Formen entstehen im Zufallsgenerator; eine sieht tatsächlich aus wie ein rundliches Hinterteil.

»Oh!«, ruft Jennifer.

Sie wird rot und schlägt sich eine Hand vor den Mund, um nicht loszuprusten. Wilbur lacht offen, sowohl über seine Befangenheit als auch über den Streich der Software. Er greift wieder nach der Hand seiner Eroberung und zieht sie mit sich ins Gras hinunter. Ein Teppich aus weichem Moos bedeckt einen runden Felsbrocken, der dort bewusst als Kopfstütze liegt.

Sie strecken sich auf dem Moos aus. Wils Arm schiebt sich unter Jennifers Nacken, seine andere Hand streicht ihr zärtlich über die Schulter. Sie tut, als wolle sie wieder aufstehen, bleibt dann aber doch liegen und betrachtet verträumt lächelnd die langsam dahintreibenden Wolken. Wilbur kocht zwar innerlich, lässt sich aber nach außen hin nichts anmerken. Weit weg, irgendwo anders, in seinem in der Realität vergessenen Körper spürt er eine schmerzhafte Erektion.

»Ich bin so glücklich«, seufzt Jennifer. »So etwas ist mir nicht mehr passiert, seit…«

»Pst«, murmelt Wilbur. Er richtet sich halb auf und legt ihr einen Finger auf die Lippen. »Wir sind jetzt und hier. Lass uns den Augenblick genießen.«

Er beugt sich über sie. Jennifer öffnet die großen Augen, die zwar erstaunt wirken, ihn im Grunde aber locken. Ihre Lippen begegnen sich, öffnen sich sanft und warm, ihre Zungen kosten einander zum ersten Mal. Wil hat darauf geachtet, die Option Sensibilität seines Avatars mit besonderer Sorgfalt zu wählen. Jennifer legt ihm die Arme um den Hals. Die zarten Finger des jungen Mädchens fahren durch Wils kupferfarbenes Haar. Endlich, jubiliert er innerlich, endlich! Fünfzig ununterbrochene Stunden hat es gedauert, aber jetzt habe ich sie da, wo ich sie haben wollte. Ihr Kuss wird immer ungestümer. Wil streichelt mit seiner freien Hand über Jennifers nackten Bauch, ehe er sie unter das Bustier gleiten lässt. Jennifer erstarrt.

»Wilbur, bitte!«

»Was denn, mein Liebling?«

»Ich …« Sie errötet. »Ich habe das noch nie gemacht.«

»Oh!« Eine Jungfrau! Das ist ja unglaublich! »Keine Angst, meine Geliebte. Es ist das süßeste Vergnügen, das du dir vorstellen kannst.«

Seine Hand gleitet erneut unter die Spitzen. Leidenschaftlich küsst er Jennifers Lippe. Sie zittert.

Wichtige Nachricht von MAYA - Dringlichkeitsstufe 1

Mist!, begehrt Wil innerlich auf. Doch nicht ausgerechnet jetzt! Er streichelt Jennifers Busen und kitzelt die hart aufgerichtete Brustwarze. Ein ausgezeichneter Avatar, der sensibel auf Stimulation reagiert, registriert er zufrieden. Doch die Nachricht von MAYA, die unten in seinem Blickfeld aufblinkt, stört ihn. Es scheint sich um eine persönliche Nachricht zu handeln, die Jennifer nicht erhalten hat. Mit geschlossenen Augen, halb geöffneten Lippen und stoßweise atmend ist sie dabei, die Freuden der Sexualität für sich zu entdecken. Genau wie er selbst ist sie wahrscheinlich entweder mit einer Manside oder einem Sensornetz ausgestattet. Beide Hilfsmittel können ihnen als Feedback alle in der virtuellen Realität erlebten Gefühle übermitteln. Das hast du wohl nicht erwartet, du kleine Genießerin? Aber nur zum Schwatzen braucht man keine Manside.

Achtung! Sicherheitswarnung! MAYA fordert Sie auf, sofort alle Aktivitäten einzustellen!

Später, MAYA. Mist!

Wil und Jennifer rollen sich im Moos und bedecken sich mit Küssen. Wils Hand knetet Jennifers Brüste. Er hat nicht einmal bemerkt, wann sie ihr Bustier ausgezogen hat. Er küsst ihre Rundungen, er leckt sie, arbeitet sich zu ihrem Bauch vor, saugt an der rosa Perle …

Äußerst wichtiger Hinweis! Dringlichkeitsstufe 1 + +

MAYA fordert Sie auf, Ihr Login einzugeben.

Beenden Sie umgehend jegliche Aktivität!

Später, habe ich gesagt! Während seine Hand sich langsam unter Jennifers Pumphose vortastet und Jennifer noch ein wenig zögernd seine Lenden streichelt, ruft Wilbur mit dem linken Auge ein schwarz heruntergeladenes Dienstprogramm seiner Manside auf, das ihm nicht nur gestattet, seinen Zeitrahmen unbegrenzt zu verlängern - was er schon lange tut -, sondern auch den Kontakt zu MAYA zu unterbrechen und seine Internetpräsenz zu vertuschen. Es ist ein nützliches kleines Hackerprogramm, aber ebenso illegal wie die Teledroge Zipzap, die er sich regelmäßig herunterlädt, um durchzuhalten.

Ein Klick mit dem rechten Auge, und die Nachricht von MAYA verschwindet.

»Wilbur … nein … ich … Oh!«

Jennifers Geschlecht ist geschmeidig, seidig, feucht und warm unter seinen Fingern. Eine echte Qualitäts-Manside, denkt Wil anerkennend. Sie überträgt sogar Körpersekrete. Wahrscheinlich von Virtual Life oder Hyperreal. Die junge Dame scheint nicht ganz mittellos zu sein. Nun gut, dann soll sie für ihr Geld auch etwas bekommen!

Jennifer fürchtet sich, ihre Pumphose abzulegen, oder hat vielleicht vergessen, wie es geht. Umso besser, freut sich Wilbur. Seine Eroberung sogar entkleiden zu dürfen ist in der virtuellen Realität zu einem viel zu seltenen Erlebnis geworden, weil man sich dort üblicherweise mit einem Wimpernschlag an- und auszieht. Wilbur lässt das Stück Stoff an ihr heruntergleiten - Jennifer windet sich ein wenig und wehrt sich schwach - und enthüllt den Schatz, den er seit fünfzig Stunden begehrt. Er ist lieblich, rosig und feucht in blonde Löckchen und zwischen langen, seidigen Tänzerinnenschenkeln eingebettet. Mit einem Klick entfernt Wil seine eigene Kleidung. Die Größe seines Gliedes beeindruckt Jennifer, doch seine jugendliche Gestalt beruhigt sie. Sie wagt es, ihn vorsichtig mit den Fingern zu liebkosen. Plötzlich ist alle Zurückhaltung dahin. Sie umfasst das Objekt ihrer Begierde und steckt es sich gierig tief in den Mund. Meine Güte, für eine Jungfrau bist du ganz schön geschickt!

Tatsächlich stellt sich Jennifer als unersättliche Gespielin heraus. In der virtuellen Realität gibt es weder Versagen noch Müdigkeit oder gereizte Schleimhäute, noch nicht einmal eine andere Befriedigung als die rein geistige. Und das Zipzap verstärkt das Vergnügen noch. Wilbur bietet sein gesamtes Talent auf, stillt seine eigenen Bedürfnisse und die seiner Geliebten und lässt sie auf den Wellen ihres Orgasmus geradezu surfen. Er ergießt sich mehrmals in seine Manside, da unten, in einer anderen Welt; doch das beruhigt ihn nicht. Erneut bestürmt er seine Eroberung …

Und plötzlich ist alles verschwunden. Totale Schwärze.

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Horden
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Die berühmt-berüchtigte Verminderung der Treibhausgase, deren Unwirksamkeit hinlänglich bekannt sein dürfte, ist eine Erfindung der Europäer, mit der sie unserer Wirtschaft schaden wollen. Es steht außer Frage, dass wir weder unsere Lebensart verändern noch unsere Industriellen bestrafen werden, nachdem Experten nachgewiesen haben, dass ein Klimawandel eine völlig natürliche Sache ist und sich in der Vergangenheit schon hundertfach wiederholt hat. Im Übrigen ist unsere moderne Technologie selbstverständlich in der Lage, den meisten klimatischen Phänomenen die Stirn zu bieten.

John Bournemouth, Gouverneur von Kansas

Gerade hatte Wilbur noch auf einer wunderbar weichen, grünen Wiese mit Jennifer gebumst, die ihm schamlos ihren süßen Arsch anbot - und dann war plötzlich alles weg. Ein völliges Nichts, absolutes Schweigen. Abgesehen von der schweißnassen Manside, die ihn stört, spürt er nichts mehr. Er hasst diese unangenehme Erinnerung an die Wirklichkeit. In dem vergeblichen Versuch, die Szene zurückzuholen oder wenigstens das Hauptmenü aufzurufen, klickt er zunächst mit dem rechten, dann mit dem linken Auge. Null! Breakdown.

»So eine Scheiße!«, grummelt er.

Mit ausgestreckten Händen tastet Wilbur sich zur Konsole vor, berührt den Sensor, streicht über den Bereich, über den man sich manuell einloggen kann - kein Resultat. Nichts. Allmählich bekommt er es mit der Angst zu tun.

Vorsichtig nimmt er die Cyglasses ab, die an der Haut um seine Augen festgeklebt sind. Fünfzig Stunden ununterbrochen zu surfen hinterlässt nun einmal Spuren. Ganz zu schweigen von den Zipzap-Flashs, die zu zählen er irgendwann aufgehört hat. Noch immer kocht ihm davon das Hirn. Er blinzelt, weil er mit der hellen Beleuchtung seines »Liebesnests« rechnet, das in Wahrheit der Keller des Zweitwohnsitzes seiner Eltern ist. Wilbur hat ihn sich so eingerichtet, dass er hier sozusagen ständig online leben kann. Es ist ihm sogar möglich, in der virtuellen Realität zu essen und zu scheißen. Der Kühlschrank befindet sich unmittelbar neben der Konsole, und er hat sich ein Wayout programmiert, das ihn direkt zur Toilette befördert.

Auch in seinem Keller ist es stockfinster. Nur die Notleuchte über der Tür wirft einen schwachen Schein. Die Konsole arbeitet nicht. Der Kühlschrank ist aus. Das Klo stinkt zum Erbarmen.

Gibt es etwa ein Problem mit der Stromversorgung? Unmöglich! Wilbur lebt in der Enklave von Garden City in Kansas, wo Internetverbindung, Wasser und Energieversorgung grundsätzlich garantiert werden. Selbst bei Versorgungsengpässen verfügt die Enklave über eigene Generatoren, und die Telekommunikationsnetze sind durch eine vierfache Redundanz abgesichert.

Nicht ohne Probleme befreit sich Wilbur von seiner vor Schweiß klebrigen Manside. Sie stinkt nach Pisse und Ficken - einfach ekelhaft! Er geht zum Waschbecken. Seine dürren Beine wollen ihn kaum tragen. Er zittert am ganzen nackten, madenweißen Körper und wird von Krämpfen geschüttelt - das sind die Folgewirkungen des Zipzap. Als er den Wasserhahn öffnet, tröpfelt eine braune, nach Chlor stinkende Brühe mit Rostrückständen heraus. Kein Wasser? Also, das ist doch wirklich … Haben die Alten etwa die Wasserrechnung nicht bezahlt? Dabei haben seine Eltern Geld, sogar viel Geld. Wilburs Vater ist Vorstandsvorsitzender von Resourcing, dem wichtigsten Großkonzern für Umwelttechnologien im Zusammenschluss der worldwide. Mag ja sein, dass Wilburs Eltern den Zweitwohnsitz nicht oft nutzen, aber schließlich tut er es, verdammt! Und alle wissen es. Na ja, zumindest die Lieferanten.

Er verlässt seine stinkende Bude, geht nach oben ins Erdgeschoss und durchquert mit zusammengekniffenen Augen die leeren Räume. Das Tageslicht schmerzt. Trotzdem fällt ihm auf, dass mit dem Tageslicht etwas nicht stimmt - es sieht gelblich und staubig aus. Wilbur betritt das in grünem Marmor gehaltene Bad und drückt auf den vergoldeten Duschknopf. Die gleiche Ekelbrühe tröpfelt aus den fünf beweglichen Duschköpfen. Trotzdem wäscht er sich, so gut es eben geht, trocknet sich mit einem Handtuch aus echter Baumwolle ab und zieht sich einen mit dem Familienwappen - einem Adlerfang, der die Weltkugel hält - bestickten Morgenmantel über.

Aus reiner Gewohnheit betätigt er den Knopf für die Domotik, um sich etwas zu essen bringen zu lassen, denn er muss feststellen, dass er großen Hunger hat. Das Zipzap kappt alle in der virtuellen Realität unnötigen Körpergefühle.

Keine Antwort. Was, zum Teufel, ist hier los? Er schaltet das Visiofon im Wohnzimmer an - einen sehr langsamen, wenig interaktiven Stromkreis, der unter allen Umständen funktionieren soll -, doch auch hier tut sich nichts. Der Bildschirm wird nicht einmal hell. Als letzten Ausweg drückt er auf den roten Knopf mit der Aufschrift Emergency. Das Resultat ist das Gleiche. Jetzt bekommt Wil es ernsthaft mit der Angst zu tun.

Die Nachbarn, denkt er. Ich muss zu den Nachbarn gehen. Vielleicht stimmt ja mit dem Haus etwas nicht.

Die Nachbarn wohnen zweihundert Meter entfernt. Das dürfte schwierig werden, vor allen Dingen, wenn die Sonne scheint. Wilbur ist ein Geschöpf der virtuellen Realität; sein Körper kommt mit der UV-Strahlung nicht zurecht. Es gibt Überlegungen, die Enklave mit einer Kuppel zu überdachen, doch die Kosten für die Maßnahme sind extrem hoch.

Er tritt vor das große Glasfenster, um festzustellen, wie das Wetter draußen ist. Jetzt erst entdeckt er die Nachricht, die von einer Drohne auf die fotosensible Scheibe projiziert worden ist. Sie ist schon fast erloschen, doch Wilbur kann sie gerade noch entziffern:

Achtung - erwarten Tornado der Stärke F 6.

Evakuierung per Hubschrauber hat begonnen.

Bitte nur das Notwendigste mitnehmen.

Wilbur fallen die eindringlichen Warnungen auf MAYA ein, die er entnervt weggedrückt hat, als er gerade dabei war, seine neueste Eroberung zu »beschlagen«. Wie war noch gleich ihr Name? Ah ja, Jennifer.

Er tritt auf die Freitreppe hinaus und konsultiert fast automatisch die Wetterberichtstafel, die neben dem Eingang installiert ist und die ihn normalerweise darauf hinweist, ob er das Haus verlassen kann und wenn ja, mit welchen Schutzvorkehrungen. Die Tafel ist erloschen.

Die Hitze ist erdrückend. Hier draußen herrschen mindestens 40 Grad. Die mit Staub und atmosphärischem Ozon aufgeladene Luft ist schwül und erstickend. Wil überquert den transgenen Rasen, der zwar immergrün, aber auch fusselig und wellig wie ein alter Teppich ist, und erreicht die mit verbrannten Baumskeletten gesäumte Straße. Überall liegen Papiere, Spielzeug und Haushaltsgegenstände herum. Die Evakuierung muss unter großem Zeitdruck vonstattengegangen sein. Im Staub sind Raupenspuren zu erkennen - vermutlich Armeepanzer. Hubschrauberspuren sind auch da.

Wilbur hört hinter sich ein weit entferntes Grollen. Er dreht sich um.

Am Horizont, jenseits der weißen Villen, türkisen Pools, immergrünen Rasenflächen und sterbenden Bäume sind die Horden der Hölle dabei, den Himmel zu erstürmen.

Eine gewaltige tintenschwarze Wolke mit violetten Tumoren und Auswüchsen türmt sich, von fahlen Blitzen durchzuckt, bis zum Firmament empor. Tentakeln wachsen aus ihr heraus; sie drehen und winden sich wie Dämonenzungen.

In der Mitte aber erkennt man bereits den schrecklichen, unglaublichen Trichter des Tornados. Die unermessliche, monströse Windhose wirbelt mit apokalyptischem Dröhnen Myriaden von Trümmern mit sich herum, die aus der Entfernung zwar klein aussehen, sich jedoch als Lastwagen, Mauerstücke und Brückengeländer herausstellen können. Ein Tornado der Stärke F 6 bedeutet Windgeschwindigkeiten von über 500 Stundenkilometern und einen Trichter mit einem Durchmesser von fünf Kilometern - das reicht aus, um die gesamte Enklave dem Erdboden gleichzumachen. Die Sonne wird zur schwefelfarbenen Kugel. Wind kommt auf und formt neckische kleine Staubwirbel. Blätter, Papier und leichte Abfälle fegen durch die leeren Straßen.

In atavistischer Angst erstarrt, bleibt Wilbur wie angewurzelt stehen. Er zittert am ganzen Körper und pinkelt sich voll. Der Wind seufzt in den leeren Straßen. Irgendwo klappert ein Fensterladen. Das titanische Dröhnen des Tornados übertönt das fortgesetzte Donnergrollen. Die Windhose nimmt inzwischen den halben Himmel ein. Sie ist nur noch wenige Kilometer entfernt. Unerbittlich kommt sie geradewegs auf die Enklave zu wie ein Finger Satans.

Endlich reagiert Wilbur. Er rennt ins Haus, saust in den Keller und verbarrikadiert die Metalltür. Die Idee ist lächerlich, und das weiß er auch.

Er reißt die fleckige, stinkende Matratze vom Bett, verschanzt sich unter dem Konsolentisch, verstaut die Matratze vor seinem Körper und wartet. Sein schlaffes Fleisch bebt. Zähneklappernd und mit weit aufgerissenen Augen starrt er in die Schwärze und hört, wie das Grollen draußen jeden anderen Laut verschlingt.

Minuten später bricht das Inferno los.

Den Kopf zwischen den Knien, die Hände im Nacken verschränkt und eingehüllt in seinen Matratzenkokon, spürt Wilbur, wie die Wand, an die er sich anlehnt, zunächst zu vibrieren beginnt, dann Risse bekommt und zuletzt zerbirst. Über ihm brüllt, tobt, explodiert, knallt und splittert es. Die Kellerdecke wird fortgerissen. Trägerbalken und Schutt stürzen in einer Gipswolke in sich zusammen, die ihm den Atem raubt. Das Chaos erreicht seinen Höhepunkt. Nichts als Trümmer sind übrig, die durch den Raum wirbeln und mit übermenschlicher Gewalt gegen Mauerreste und seine Matratze gepresst werden. Die Matratze hält die schwersten Stöße ab, und - so merkwürdig es auch klingt - der Tisch weicht nicht von der Stelle. Wilbur schreit aus Leibeskräften wie ein verängstigtes Tier, doch er kann sich selbst nicht hören. Schlammiges Wasser bricht in seinen Verschlag ein und durchnässt ihm Füße und Hinterteil. Irgendwo ist ein Feuer ausgebrochen; er kann den Rauch riechen. Der immense Druck verstopft ihm die Ohren, Blut rinnt ihm aus der Nase. Er bekommt kaum noch Luft.

Und dann ist alles so schnell vorbei, wie es begonnen hat. Man hört es zwar noch donnern, doch das ist nur ein normales Gewitter. Schwerer schwarzer Regen klatscht auf die Ruinen.

Wie erstarrt bleibt Wilbur noch lange Zeit mit verstopfter Nase und summenden Ohren stocksteif sitzen. Irgendwann begreift er, dass er noch lebt.

Er hat überlebt! Er hat einen F 6 überlebt!

Langsam und schmerzerfüllt faltet er seine Gliedmaßen auseinander, stößt die mit Gipsstaub und Wasser getränkte Matratze von sich und verlässt seinen Verschlag. Der Tisch ist völlig verzogen und mit Schutt bedeckt, unter dem er die verbogenen Reste seiner Konsole zu erkennen glaubt. Er verspürt deswegen kein Bedauern - noch nicht. Wilbur durchquert den ehemaligen Kellerraum, dessen Wände von Rissen durchzogen sind, watet durch das schlammige Wasser und klettert über Trümmerstücke. Dort, wo die Kellerdecke war, gähnt ein riesiges Loch. Vom Haus sind nur noch ein paar Stahlstreben und einige Mauerreste geblieben. Der schwarze Himmel erbricht tropische Regenmassen. Er hebt das Gesicht und lässt es vom Regen abduschen, der zwar lauwarm und sauer ist, doch das ist ihm gleich. Er lebt!

Von oben aus den Ruinen dringen Stimmen an sein Ohr.

Der Rettungsdienst, denkt Wilbur sofort.

»Ich bin hier!«, ruft er. »Hier im Keller. Holt mich raus!«

Er stürzt den Schuttberg hinunter zur Tür, die sich jedoch in ihrem verzogenen Rahmen nicht öffnen lässt. Hastig klettert er wieder hinauf.

»Hilfe! Hilfe! Ich sitze hier im Keller fest.«

Die Stimmen kommen näher. Wilbur hört Schritte und herumkollernden Schutt. Gips und Staub fallen durch das Loch in der Decke.

»Bitte hierher! Holt mich raus!«

Seine Stimme erstirbt, als er das Gesicht entdeckt, das sich über sein Gefängnis beugt. Es ist schwarz, schmutzig, fleckig und vernarbt. Das Haar hängt in grauen Strähnen herunter. Der Mann betrachtet Wilbur aus blutunterlaufenen Augen mit einem zahnlosen Grinsen. In der Hand hält er eine Eisenstange.

Ein Outer.

»Hey, Leute«, wendet sich der Outer mit einem dreckigen Lachen an seine unsichtbaren Kumpane. »Hier im Keller ist eine Kakerlake.«

Natürlich hat die Plasmabarriere der Enklave den Tornado nicht überstanden.

Entsetzt weicht Wil zurück. Am Fuß des Schuttbergs sinkt er in sich zusammen. Vier, fünf Outer in Lumpen springen in den Keller. Alle sehen furchtbar aus, sind bewaffnet und ungeheuer fröhlich.

»Mann, der hat aber einen hübschen kleinen Arsch!«

»Mensch, wir haben einen erwischt!«

»Na, der wird sein blaues Wunder erleben.«

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Agonie
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… kurz, ganz Europa ist bestürzt über das Ausmaß der Katastrophe, die nach ersten Schätzungen und wie bereits gemeldet gestern Abend zwei- bis dreihunderttausend Menschenleben gekostet und mehr als fünf Millionen Wohnungen vernichtet hat. In einem Kondolenzschreiben an Königin Juliana II. hat Präsidentin Fatimata Konaté ihrer tiefen Trauer Ausdruck gegeben und dem niederländischen Volk ihr Mitgefühl ausgedrückt …

Schlammiges Wasser schwappt bis zum grauen Horizont. Es ist früher Morgen. Vereinzelt ragen Mauern der von dem Tsunami zerstörten Gebäude aus der endlosen Wasserfläche. Schlammige Baumleichen mit abgebrochenen Ästen. Verbogene Schilder, die den Verlauf von Straßen angeben. Eingestürzte Autobahnbrücken. Verhedderte Elektrokabel. Auf dem Wasser schwimmt jede Menge Unrat - Möbelstücke, Plastikzeug, Bücher und Zeitungen. Dinge des täglichen Lebens. Tausende von Tierleichen treiben auf den Fluten. Hin und wieder auch die von Menschen. Nichts bewegt sich, nur das schwappende Wasser. Bis auf die neutrale Stimme des Korrespondenten ist kein Laut zu hören. Am rechten unteren Bildrand erscheint das Logo von Euronews im bräunlichen Wasser.

Die Familie des Bürgermeisters von Kongoussi sitzt wie gebannt im abgedunkelten Wohnzimmer vor dem alten 16/9-Fernseher. Die Fensterläden sind geschlossen. Draußen herrscht eine Gluthitze. Die Klimaanlage ist defekt, der Ventilator verwirbelt nur heiße Luft. Im Raum ist es mindestens 45 Grad warm. Der Bildschirm, der kurz vor der Überhitzung steht, flimmert von Zeit zu Zeit. Die blaugrünen Bilder der im Wasser versunkenen Niederlande, die seit dem Beginn der Nachrichten ständig wiederholt werden, scheinen für Familie Zebango von einem anderen Stern zu stammen. Mit vor Staunen offenen Mündern nehmen sie die unendlichen Wasserflächen und die tief hängenden Wolken zur Kenntnis, die sich über den Ruinen ausregnen.

Es ist Félicité, die Jüngste, die als Erste das ausspricht, was alle anderen denken.

»Mensch, ist das ungerecht! Die Leute dort müssen sterben, weil es zu viel Wasser gibt, und wir haben nicht genug. Sie sollten uns etwas davon abgeben.«

»Still, Félicité«, schimpft ihre Mutter Alimatou. »Über eine so schreckliche Katastrophe mit so vielen Toten darf man keine Witze machen.«

Dabei hat Félicité recht, denkt der Vater Étienne. Bei dreihunderttausend Toten in Holland spricht man von einer schrecklichen Katastrophe. Aber von den anderthalb Millionen Toten durch die Trockenheit in unserem Land redet niemand. Burkina Faso ist der Welt völlig egal.

Als Politiker, der sich über die internationale Situation und deren Folgen für den inneren Zustand seines Landes bewusst ist, kann Étienne Zebango sich denken, welche Konsequenz die Katastrophe in Europa für Burkina Faso haben wird. Man würde viel Geld in den Wiederaufbau der Niederlande stecken, was wiederum eine weitere Kürzung der den ärmsten Ländern der Welt - zu denen Burkina Faso gehört - bereits zugesagten finanziellen Hilfen bedeute. Außerdem würde die geschwächte öffentliche Hand die ONG, die nicht staatlichen Organisationen, zu Hilfe rufen, die dann natürlich unabkömmlich wären, um in Burkina gegen Trockenheit und Malaria zu kämpfen. Die Medien würden sich wie die Geier auf das Katastrophengebiet stürzen und auch in Zukunft das langsame Sterben der Hälfte des afrikanischen Kontinents ignorieren. Kongoussi würde eines Tages im Sandsturm krepieren, aber davon würde nie jemand erfahren.

Étienne bringt es nicht fertig, die sogenannten »Notsituationen«, die tagtäglich in der ganzen Welt vorkommen - allein der Ausdruck ist schon ein Euphemismus -, nicht am Zustand seiner eigenen Heimat zu messen, am Zustand der Stadt, für die er verantwortlich ist. Der Todeskampf von Kongoussi ist vielleicht nicht spektakulär, aber er schreitet unerbittlich voran. Viele Menschen haben die Stadt verlassen, um im Süden des Landes oder rings um die kümmerlichen Reste des Niger ein Zuhause zu finden, wo es mehr Wasser gibt. Die verbleibende Bevölkerung wird jeden Tag durch Hunger oder Krankheiten, die auf unsauberes Wasser zurückzuführen sind, weiter dezimiert. Malaria, Denguefieber, Durchfälle und Bilharziose grassieren bereits, die Cholera hat die Stadt bisher Gott sei Dank noch verschont. Zehn Jahre Trockenheit haben die Einwohner ruiniert, die jegliche Hoffnung auf Erträge aus Viehzucht, Ackerbau oder gar Tourismus haben aufgeben müssen. An Investitionen ist nicht mehr zu denken. Hinzu kommt die Demütigung, ständig bei der öffentlichen Hand, den nicht staatlichen Organisationen, der Afrikanischen Union und den internationalen Vereinigungen betteln zu müssen. Kongoussi ist nur eine Akte unter Tausenden.

Étienne Zebango ist seit ihrer Gründung im Jahr 2011 Mitglied der PRB, der zurzeit in der Regierungsverantwortung stehenden Partei für die Erneuerung Burkinas. Von Anfang an hat er sich bemüht - zunächst im Stadtrat, später als beigeordneter Bürgermeister und dann als Bürgermeister -, die von der Präsidentin eingeforderten Prinzipien anzustreben: ökonomische Solidarität, dauerhafte Weiterentwicklung, Umweltschutz, Unabhängigkeit auf den Gebieten Energieversorgung und Ernährung, Zugang zu freier, kostenloser Bildung sowie öffentlichen Dienstleistungen für alle. Das sind natürlich löbliche Grundsätze, allerdings erfordern sie ein Minimum an gesellschaftlicher Organisation. Wie jedoch soll man das alles bewerkstelligen, wenn die Stadträte einer nach dem anderen wegsterben oder auswandern, Geschäfte schließen, weil die Kunden wegbleiben, Bauern in unfruchtbarem Sand herumstochern, Viehzüchter gezwungen sind, die Kadaver ihrer toten Tiere selbst zu essen, wenn Bewässerungskanäle nichts als Staub enthalten und der Asphalt der Straßen sich in der Sonne verflüssigt, ohne dass ein Lkw seine Spuren hinterlässt? Oder wenn das Wasser nicht mehr vom Staat geliefert wird, sondern von einer Mafia, die horrende Preise nimmt, ohne die gesundheitliche Unbedenklichkeit zu garantieren? Was soll er noch versprechen, planen oder verkünden? Woher soll er die erforderlichen Mittel nehmen? Und wie soll er unter diesen Umständen noch an das Überleben der Stadt Kongoussi glauben?

Schon oft hat Étienne daran gedacht, abzudanken und die erdrückende Verantwortung, den Todeskampf einer Stadt und einer ganzen Region zu verwalten, auf andere Schultern abzuladen. Auch er hätte seine Familie gern an einen Ort gebracht, wo es noch Wasser gibt - an die Elfenbeinküste vielleicht, oder nach Mali. Doch abgesehen davon, dass dieser Schritt seine Karriere als zukünftiger Abgeordneter vorzeitig beenden würde - was ihm allerdings inzwischen zweitrangig erscheint -, würde er der Stadt Kongoussi den vorzeitigen Todesstoß versetzen. Étienne weiß genau, dass es niemanden gibt, der ebenso kompetent und den demokratischen Idealen verschrieben ist wie er und der zudem bereit wäre, ihn abzulösen. Die Macht würde aufgeteilt werden und sich verflüchtigen wie eine Wasserlache in der Sonne; die sich selbst überlassene Provinz würde im Chaos versinken, und jeder würde nur noch versuchen, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Struggle for life, würde ein Amerikaner wohl sagen. Es sind düstere Perspektiven, denen Präsidentin Fatimata Konaté um jeden Preis Einhalt gebieten will. Und Étienne ist verantwortlich. Manchmal weiß er vor Angst weder aus noch ein, doch er ist nicht in der Lage, sich dieser Verantwortung zu entziehen, weil er damit ewige Schande auf sein Haupt laden würde - es ist sein Gewissen, das ihn verpflichtet.

»Étienne? Hast du keine Lust auf deinen Tee? Was beschäftigt dich so sehr?«

Er hebt die Augen zu Alimatou, seiner üppigen Frau, die gerade dabei ist, die Essensreste vom Tisch abzuräumen. Es hatte Foutou gegeben, gestampfte Wurzelgemüse, allerdings ohne die traditionelle Okra-Sauce, weil es auf dem Markt keine Okras mehr zu kaufen gibt. Dann wirft er einen Blick auf sein Glas voll Tee aus getrockneter Pfefferminze - frische Minze ist so teuer geworden, dass auch ein Beamter sie sich nicht mehr leisten kann - und trinkt einen Schluck. Der Tee ist fast kalt und kaum gezuckert, denn auch Zucker ist inzwischen rationiert, obwohl kein Mensch weiß, warum. Glücklicherweise haben sie wenigstens noch ausreichend Wasser zur Verfügung. Alimatou hat als vorausschauende Hausfrau Reserven angelegt, die zwar auch nicht unerschöpflich sind, die aber die Engpässe erträglicher machen.

»Sagst du es mir, oder muss ich raten?«, drängt sie.

Étienne zuckt die Schultern und trinkt seinen Tee aus. Sie schenkt ihm sofort ein zweites Glas ein.

»Du weißt doch«, seufzt er. »Die Lage …« Er zeigt auf den Fernseher, wo im Augenblick Werbung für ein Wassertest-Set zu 9900 CFA läuft, das innerhalb weniger Sekunden die Wasserqualität misst. »Ich frage mich, ob und wie wir den Hals noch mal aus der Schlinge ziehen können.«

Er erzählt ihr von seinen Überlegungen bezüglich der Naturkatastrophe in den Niederlanden und den indirekten Auswirkungen auf Kongoussi. Étienne zieht Alimatou gern zurate. Sie verfügt über einen gesunden, natürlichen Instinkt und ist sowohl über die Vorgänge in der Stadt als auch die weltweite Entwicklung bestens informiert. Sie ist ein ausgemachter Fan von Fatimata Konaté, die sie in den Rang eines weiblichen Idealbildes erhoben hat, »Fatou« nennt und sehr gut zu kennen vorgibt, weil ihre Tante Bana eine enge Freundin der Mutter der Präsidentin ist. Hadé Konaté lebt in Ouahigouya und leitet einen Zirkel, in dem Bangré, eine Art Hellseherei, betrieben wird.

Alimatou sitzt mit aufgestütztem Kinn am Tisch und hört ihrem Mann aufmerksam zu. Die Kinder sind fort - entweder in der Schule, die trotz allem noch geöffnet ist, oder irgendwo, wo es zumindest vermeintlich ein wenig kühler ist.

»Du machst dir mal wieder Sorgen um nichts und wieder nichts«, erklärt sie schließlich. »Es wird ganz bestimmt bald besser.«

»Wie kommst du darauf?«

»Weil Fatou sicher eine Lösung findet.«

»Ach ja? Hat sie dich angerufen, um dir das zu sagen?«

»Nein, Bana hat es mir gesagt.«

»Ah, die gute alte Tante Bana! Das hat sie bestimmt beim Bangré gesehen! Diese Hexengeschichten sind doch nichts als Fabeln, Alimatou. Du bist doch sonst so vernünftig! Ist dir etwa die Sonne zu Kopf gestiegen?«

»Du solltest diese Dinge nicht einfach so abtun, Étienne. Madame Konaté ist eine große silatigui, die in Ouahigouya und weit darüber hinaus einen ausgezeichneten Ruf genießt. Und sie hat allem Anschein nach ein Wunder für Kongoussi vorausgesehen. Sie sagt, dass sich Fatou persönlich um uns kümmern wird.«

Étienne zuckt die Schultern, trinkt seinen Tee aus und hält ihr sein Glas hin.

»Weib, du fantasierst. Gib mir lieber noch einen Schluck Tee, statt dummes Zeug zu reden.«

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Geier
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<Sidwaya.com> - 10. Oktober

Neuerliche Einschränkungen bei Trinkwasser

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Dori: Überleben mit einem Liter täglich [praktische Ratschläge]

Ouagadougou: Sand aus dem Wasserhahn [weiter zur Reportage]

Ziga: Wasseraufbereitungsanlage ohne Nachschub. 500 Arbeitsplätze vernichtet [Artikel lesen]

Interview mit Claire Kando, Ministerin für Wasserversorgung und Ressourcenverwaltung: »Entsalztes Meerwasser von der Elfenbeinküste zu importieren käme den Staat zu teuer« [ganzes Interview hören]

Banfors: Der »Exodus des Durstes« führt zu heftigen Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen aus dem Norden [weiter zur Reportage]

Fatou hat nicht mehr die Kraft, sich zu bewegen.

Wie zerschlagen kauert sie in einem windschiefen Liegestuhl im Schatten der Ziegelmauer ihres Hauses und lässt die trüben, verklebten Augen über den leeren, staubigen, unter einer unbarmherzigen Sonne brütenden Hof gleiten. Hartnäckige Fliegen sammeln sich auf ihren halb geschlossenen Lidern und den aufgesprungenen Lippen; von Zeit zu Zeit versucht sie, die Plagegeister mit einer müden, mechanischen Handbewegung zu verjagen, doch es nützt nichts. Fliegen gibt es immer noch genug, denkt sie. Für sie ist mehr als ausreichend Nahrung da. Für die Geier im Übrigen auch. Seit Tagen schon sitzen sie erwartungsvoll auf den oberen Ästen des vertrockneten Tamarindenbaums in der Mitte des Hofes und warten darauf, dass Fatou stirbt. Oder Idrissa, der im Hinterzimmer liegt und an Malaria dahinsiecht. Die Geier scheinen es zu wissen. Sie wissen immer im Voraus, wenn jemand stirbt. Manchmal verlassen sie die Tamarinde und fliegen mit schwerem, langsamem Flügelschlag davon. Dann hört Fatou, wie sie sich kreischend um einen Leichnam zanken - draußen auf der Straße oder in einem anderen Hof. Irgendwann kehren sie satt und vollgefressen zurück und warten weiter. Sie haben alle Zeit der Welt.

Fatou hebt die Augen zum Himmel. Sie sucht nach einer Wolke, nach einem Rastplatz für den Blick, nach einem Wunder. Doch sie sieht immer nur das Gleiche: Der Himmel ist ockerfarben, die Luft trüb von rotem Staub, und die verschleierte Sonne brennt mit tödlicher Kraft. Die Temperatur im Hof beträgt mindestens 55 Grad. Es ist bestimmt fünf oder sechs Jahre her, dass Fatou die letzten Wolken gesehen hat; zumindest solche Wolken, die dicht genug waren, dass es daraus hätte regnen können. Und auch wenn sich die Regierung noch so sehr bemüht, die wenigen Wölkchen mit Salzkristallen zu bombardieren, die Stammeszauberer Opfer bringen und Imame und Priester um Regen beten - es hilft nichts. Gott hat das Land verlassen, ebenso wie die Geister der Vorfahren und die Hilfsorganisationen. Und was den Staat angeht, so verfügt er über keinerlei Mittel mehr. Geblieben sind nur die Geier - und die warten geduldig. Geier geben niemals auf.

Fatou hört, wie Idrissa im Hinterzimmer stöhnt. Was sagt er? Egal - Fatou kann ohnehin nichts für ihn tun. Sie hat kein Sulfadoxin mehr, und auch das Aspirin ist alle. Noch nicht einmal Wasser hat sie für ihn. Den kümmerlichen Rest im Vorratsbehälter würde nicht einmal mehr ein Hund anrühren. Hunde gibt es übrigens auch keine mehr; sie sind alle tot, entweder verhungert oder von verzweifelten Menschen gegessen. Davor waren es die Hühner, und vor diesen die Ziegen und Schafe. Und jetzt sind die Menschen dran, angefangen bei Kindern und Greisen.

Fatou hat drei Kinder gehabt. Die beiden älteren sind mit sieben und fünf Jahren an Typhus und Durchfall gestorben, weil dieses Schwein von Omar Kelemory ihnen ekelhaftes Wasser aus seiner vergammelten Zisterne verkauft hatte, und das auch noch zu einem horrenden Preis. Wer weiß, aus welchem verdorbenen Flussarm er es abgepumpt hatte! Seit die Regierung sich wieder um die Verteilung des Trinkwassers kümmert, ist es ein wenig besser geworden. Trotzdem hat Fatou auch ihr Nesthäkchen Alpha verloren. Wimmelnd vor Würmern und aufgebläht wie ein Ballon, ist er in ihren Armen gestorben. Sie hatte nicht ausreichend Milch für den Kleinen, aber auch kein Geld, um Milchpulver zu kaufen. Ihre leeren Brüste hängen schlaff herab, ihr Bauch ist eingefallen, und die Haut spannt über ihren Knochen. Fatou ist erst dreißig Jahre alt, doch man könnte sie ohne Weiteres auf das Doppelte schätzen.

Wieder stöhnt Idrissa. Deutlich dringt der Laut durch die lastende Stille. Die Stille! Außer dem Knirschen des Sandes und dem Krächzen der Geier ist kein Laut zu hören. Früher spielten und lachten Kinder im Hof, die Alten palaverten im Schatten der Tamarinde, und die Frauen hielten am Brunnen ein Schwätzchen. Wenn die moslemischen Nachbarn zum Fest des Fastenbrechens ein Schaf schlachteten, durften alle - auch die Andersgläubigen - an der Feier teilnehmen. Und dann die jungen Mädchen, die sich darum stritten, welche von ihnen mit dem schönen Morin auf seinem Motorrad zum See fahren durfte … Früher, da teilte man miteinander und half sich gegenseitig. Heute kümmert sich jeder nur noch um seine eigenen Toten, und manchmal noch nicht einmal das. Aus Kongoussi ist eine den Geiern, den Fliegen und dem Harmattan ausgelieferte Geisterstadt geworden.

Fatou würde weinen, wenn sie noch Tränen hätte. Doch sie ist genauso ausgetrocknet wie der Tamarindenbaum. Vielleicht noch nicht ganz so tot, doch das wird nicht mehr lang auf sich warten lassen. Die Geier warten schon. Aber noch will sie sich ihnen nicht überlassen. Noch nicht. Sie hört, wie Idrissa röchelt. Sie müsste vielleicht doch einmal nach ihm sehen, aber sie hat nicht die Kraft aufzustehen. Überhaupt keine Kraft. Sie schließt die Augen. Und verjagt keine Fliegen mehr.

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Markt
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Mitteilung der Obersten Wasserbehörde von Burkina Faso

Richtlinie zur Wasserverteilung in den Provinzen Ouagadougou, Bam, Dori und Fada n'Gourma:

Zulässige Höchstmenge: 20 Liter pro Person und Woche Anlieferung durch Tanklastzüge: Belieferung erfolgt jeden Freitag

Abnahme aus der Wasserleitung: Montag, Mittwoch und Freitag von 18:00 Uhr bis 19:00 Uhr

Staatlich festgesetzter Preis: derzeit 10 CFA/Liter

»Schläfst du, oder bist du tot?«

Mühsam öffnet Fatou die Augenlider einen Spaltbreit. Vor ihr steht ihre Nachbarin Josephine. Die letzte Nachbarin und außer ihr einzige Überlebende des Hofes. Josephines Mann Blaise ist vergangenes Jahr an Aids gestorben, und eigentlich hätte auch sie sich anstecken müssen, aber sie ist noch einmal davongekommen. Davor hatte sie Denguefieber, doch auch daran ist sie nicht gestorben. Später prostituierte sie sich auf der Straße nach Ouaga, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen; noch nicht einmal einen Tripper hat sie sich dabei eingefangen. Josephine ist unverwüstlich, sie hat das baraka. Die kleine, sehr rundliche Frau bringt es tatsächlich noch fertig, sich hübsch zu kleiden und sogar zu schminken. Ihr Boubou sieht sauber aus. Womit mag sie ihn gewaschen haben? Aber so ist sie nun einmal: adrett und kokett in jeder Lebenslage.

Josephine hat einen leeren 20-Liter-Kanister aus gelbem Plastik in der Hand.

»Ist heute Wassertag?«

»Mensch, Fatou, es ist Freitag! Hast du das etwa vergessen?«

»Warte, ich komme mit.«

Ein wenig ermutigt bringt Fatou es fertig, aus dem Liegestuhl aufzustehen und sich ins Haus zu schleppen. Idrissa hört sie und stöhnt erneut.

»Ich gehe Wasser holen«, ruft sie ihm zu. »Vielleicht bekomme ich ja sogar Sulfadoxin.«

Sie sagt es nur so dahin, um ihn zu trösten, denn natürlich weiß sie ganz genau, dass sie kein Geld hat, um das Medikament zu kaufen. Mehr als ein 100-CFA-Schein ist ihr nicht geblieben, und dafür bekommt sie gerade einmal 10 Liter Wasser, und das auch nur, wenn das Wasser von der Regierung geliefert wird und damit der Preisbindung unterliegt. Mit dem Wasser und dem kümmerlichen Rest eines Sacks Hirse - sie wagt kaum, nachzusehen, wie viel es tatsächlich noch ist - muss sie die ganze Woche auskommen. Und danach wird man weitersehen.

Fatou windet sich ein staubiges, ausgebleichtes Tuch um den Kopf, steckt den Geldschein in eine Falte, greift nach ihrem alten Benzinkanister mit der Aufschrift Total, der immer noch nach dem Treibstoff riecht, den er in besseren Zeiten einmal enthalten hat, und geht zur Tür, wo Josephine auf sie wartet.

»Wie geht es deinem Mann?«, erkundigt sich die Nachbarin.

»So lala«, antwortet Fatou.

Josephine schnalzt zweideutig mit der Zunge, und die beiden Frauen machen sich unter der brütenden Sonne auf den Weg zum Marktplatz, wo der Tanklastzug erwartet wird.

Zwar ist Josephine im Gegensatz zu Fatou in Schwatzlaune, doch die Gesprächsthemen gehen ihnen schnell aus. Worüber könnte man sich auch schon unterhalten? Über den Harmattan, der schon seit Tagen weht? Über die vorrückende Wüste? Über die Stadt Kongoussi, die allmählich versandet? Über diejenigen, die in den Süden abwandern, um dort ihr Glück zu versuchen? Oder über die Toten, die vielen, vielen Toten? Tote sehen sie auf ihrem Weg mehr als genug: saubere, von den Geiern blitzblank abgenagte Skelette, einen leprakranken Alten - Lepröse werden von den Geiern verschmäht -, der seinen Handstummel noch immer nach oben streckt, als erwarte er ein Almosen, ein Baby, das erst kurz zuvor im Graben abgelegt worden sein muss und an dem sich bereits der erste Aasgeier zu schaffen macht. Die Frauen achten nicht auf die Leichen; sie sind alltäglich geworden. Die Straßen liegen da wie ausgestorben. Früher wimmelten sie vor Menschen, und es stank nach Autoabgasen. Jetzt ist es der sandige Wind, der den beiden Frauen das Atmen so sehr erschwert, dass sie Mund und Nase mit einem Zipfel ihrer Kopfbedeckung schützen müssen. Sie kommen nur langsam voran. Fatou wird manchmal von einem Schwindelgefühl gepackt und muss sich auf ein Mäuerchen setzen oder auf Josephine stützen, um nicht hinzufallen. Die Freundin macht sich Sorgen um Fatous Gesundheit, doch Fatou entgegnet nur: »Geht schon.« Was hätte sie auch sonst sagen sollen? Was würde es ändern, wenn es nicht ginge?

Endlich erreichen sie den Marktplatz, der nur mehr aus Reihen leerer, halb zerfallener Verkaufsstände unter toten Bäumen besteht. Hier und da findet man noch ein wenig kümmerliches Gemüse, ein paar runzelige Yamswurzeln, eine Handvoll armseliger Kolanüsse, den ärmlichen Krimskrams von Leuten, die ihre letzte Habe an den Mann zu bringen versuchen; der unverwüstliche Amulettverkäufer verspricht Glück, Liebe und Reichtum, an einem Stand wird das vor Fliegen wimmelnde Fleisch von einem Hund oder Werweißwas angeboten, und ein Mechaniker macht Reklame für die Reparatur von Motorrollern, obwohl es gar keine Motorroller mehr gibt. Früher fand der Wochenmarkt auf dem gesamten Platz statt; es war laut, es duftete, Bäume schmückten den Platz und boten Schatten.

Zwar wird der Wasserwagen erst in einer halben Stunde erwartet, doch bereits jetzt stehen etwa hundert Frauen mit Eimern, Kanistern und Kalebassen Schlange. Einige von ihnen wagen einen kurzen Ausflug zu den kümmerlichen Angeboten, ohne jedoch die Straße aus dem Blick zu verlieren. Man begrüßt sich, wechselt hier und da vielleicht ein paar Worte, doch die meisten Frauen hocken mit trüben Augen und gesenktem Kopf im Staub. Eine von ihnen, ein wandelndes Skelett in farblosen Lumpen, lässt plötzlich ihren Kanister fallen und stürzt zu Boden. Sie liegt im Sand, doch niemand kümmert sich darum, wie es ihr geht. Nach einiger Zeit kommt eine andere Frau, stellt fest, dass die Gestürzte längst tot ist, greift nach ihrer Kalebasse und drückt sie an sich, als wäre sie ein wertvoller Schatz.

Eine Stunde vergeht, doch der Wasserwagen ist immer noch nicht da. Aber das ist normal. Eine weitere Frau fällt um. Sonnenstich oder Entkräftung - woher soll man es wissen? Als sie versucht, sich wieder aufzurichten, helfen ihr die anderen, ziehen sie in den Schatten eines Verkaufsstandes und benetzen ihre Lippen mit ein paar Tropfen Wasser. Doch sie ist zu schwach, ihren Platz in der Warteschlange wieder einzunehmen, und wird den Tanklastzug versäumen.

Eine weitere Stunde verstreicht. Allmählich entsteht Unruhe bei den Wartenden. Was, wenn der Wasserwagen nicht kommt? Es wäre nicht das erste Mal. In einem Fall hatte der Lkw eine Autopanne, ein andermal wurde er von Straßenräubern überfallen, und es ist auch schon vorgekommen, dass die Tour aus unverständlichen, verwaltungstechnischen Gründen einfach abgesagt wurde. Aber jede der wartenden Frauen braucht doch Wasser! Woher sollen sie es nehmen? In der Menge machen wilde Gerüchte die Runde. Es heißt, dass der Bürgermeister immense Wassermengen horte, dass ein Zauberer aus dem seit zehn Jahren ausgetrockneten See Wasser habe sprudeln lassen und dass für die kommende Woche Regen angesagt worden sei. Irgendwer behauptet, jemanden zu kennen, dessen Bekannter auf einen Anruf hin Wasser aus Mali bringen würde.

Endlich kommt der Wasserwagen. Es ist nicht der Lkw der Regierung, sondern ein uralter Isuzu Diesel, der auf seinen defekten Stoßdämpfern daherschaukelt und dicke, schwarze, nach Öl stinkende Rauchwolken ausstößt. Die Frauen stürmen auf den Lkw zu. Vier mit M 16 bewaffnete Muskelmänner springen aus dem Führerhaus. Mit rücksichtslosen Kolbenstößen halten sie die Frauen in Schach, während der Fahrer den Schlauch an die Pumpe anschließt.

»Das Wasser ist rationiert«, verkündet der Mann. »Wir können maximal zehn Liter pro Person abgeben.«

Die Frauen protestieren. Ein neuerliches Handgemenge entsteht. Die Muskelmänner stellen sich schlagbereit mit erhobenen Gewehrkolben rings um den Wasserlieferanten auf. Die Frauen beruhigen sich und reihen sich so gut es geht wieder in die Warteschlange ein. Die Erste reicht dem Lieferanten ihren Kanister, bekommt ihre zehn Liter und reicht ihm ihren 100-CFA-Schein.

»Das macht aber zweihundert«, erklärt der Fahrer.

»Was? Das ist doch der reinste Diebstahl!«

»Ich kann nichts dafür. Der Sprit ist schon wieder teurer geworden, und das schlägt sich natürlich auf den Wasserpreis nieder. Zweihundert!«

Empörte Schreie werden laut. Das Gewühl droht in eine offene Meuterei auszuarten. Die Leibwächter schießen mehrmals in die Luft und richten ihre Waffen auf die Frauen. Denen aber nützen weder Geschrei noch Palaver, weder Diskussionen noch Verhandeln, weder Tränen noch Wut - zehn Liter Wasser kosten zweihundert CFA. Punkt. Und wenn es euch nicht passt, dann seht doch zu, wo ihr euer Wasser herbekommt! Die Frauen nehmen ihren Anteil in Empfang, zahlen den exorbitanten Preis und kehren gedemütigt in ihre Häuser zurück. Fatou, die für ihren letzten Hunderter gerade einmal fünf Liter Wasser bekommen hat, fragt sich, wie sie es schaffen soll, mehr als drei Tage damit auszukommen. Vier vielleicht, wenn sie sich nicht wäscht.

Josephine hat nicht auf sie gewartet. Sie geht allein nach Hause. Ihre Schritte sind noch mühsamer als auf dem Hinweg. Die fünf Liter Wasser wiegen schwer in ihrer Hand und noch schwerer in ihrem Herzen. Sie hat nicht widerstehen können, ein paar Schlucke zu trinken; das Wasser ist braun, voller undefinierbarer Schwebstoffe und schmeckt stark nach Schlamm. Schon jetzt rumort es in ihrem Magen. Ich werde wohl eher am schlechten Wasser sterben, als dass ich verdurste, denkt sie. Doch es ist ihr gleich. Vielleicht vergiften sich dann wenigstens ein paar Geier an ihrer Leiche.

Endlich ist Fatou zu Hause. Sie schwankt vor Schwäche. Mit einem erleichterten Seufzer stellt sie den Kanister ab. Sie hat Bauchschmerzen und das Gefühl, sich ganz schnell hinsetzen zu müssen. Aber zunächst ist Idrissa an der Reihe. Noch nicht einmal an das Sulfadoxin hat sie gedacht.

Sie schüttet ein wenig von dem fauligen Wasser in einen Becher und geht in das stickige, düstere Hinterzimmer.

»Idrissa, ich habe dir Wasser gebracht. Sulfadoxin habe ich leider nicht bekommen.«

Stille.

»Idrissa? Hörst du?«

Stille. Noch nicht einmal sein rasselnder Atem ist zu hören.

Fatou stellt den Becher auf einen Schemel und nähert sich der Matte, auf der Idrissa liegt. Er ist in die einzige Decke des Hauses eingewickelt. Sie weiß längst, was sie erwartet, doch sie will sich selbst überzeugen.

Der wie mit Pergament überzogene Kopf Idrissas liegt ganz gerade. Seine weit geöffneten Augen starren das Wellblechdach an. Fatou zieht die Decke von seinem Körper und legt ihr Ohr an die ausgemergelte Brust mit den hervorstehenden Rippen. Dann richtet sie sich wieder auf und drückt ihm die Augen zu. Sie empfindet keinen Schmerz. Das Schicksal hat eben einmal mehr zugeschlagen.

Sie trinkt das lauwarme Wasser und denkt an die harte Arbeit, die ihr bevorsteht. Sie muss den Leichnam in den Hof zerren, wo sich die Geier seiner annehmen werden. Doch ihr bleibt ein Trost: Jetzt hat sie mehr Wasser für ihren eigenen Bedarf zur Verfügung.

ERSTES KAPITEL

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Todestriebe
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276 000 Tote und Vermisste, 5,3 Millionen Obdachlose, ein Schaden, der sich in einer Größenordnung zwischen 700 und 800 Milliarden Euro bewegt - so sieht die vorläufige Bilanz der Katastrophe aus, die vorgestern die Niederlande heimgesucht hat. Ein Viertel der Landfläche steht meterhoch unter Wasser, im Rest des Landes gibt es fast nirgendwo mehr Strom. Auch die Nachrichtenverbindungen sind weitestgehend unterbrochen. Experten zufolge sind dies Hinweise darauf, dass die Zerstörung des Abschlussdamms (siehe Skizze) auf etwa einen Kilometer Länge Folge eines Sabotageaktes sein könnte und nicht zwangsläufig auf den Orkan zurückzuführen ist, der zeitgleich über die Region hinwegfegte. Zwar wurde der Ausdruck Anschlag bisher nicht ausdrücklich erwähnt, jedoch auch nicht ausgeschlossen. Natürlich werden bei Anschlägen sofort Erinnerungen an die Vorgehensweise radikal-islamistischer Gruppierungen wie den Islamischen Dschihad wach; in diesem Fall jedoch wird zusätzlich in eine ganz andere Richtung ermittelt. Wie man weiß, existiert in Amerika eine der europäischen Politik extrem feindlich gesonnene Fundamentalistengruppe: die Göttliche Legion.

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Exotarium
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»Nicht Franzose, nicht Bretone: Ich bin aus Saint-Malo.«

Wahlspruch von Saint-Malo seit der Ersten Republik 1590

Laurie steht am Fenster ihres Schlafzimmers und verfolgt mit starrem Blick, wie schlammiges Wasser zwischen den losen Pflastersteinen der gegenüberliegenden Place Vauban hindurchsickert. Eben erst hat es aufgehört zu regnen, aber es sind nicht die häufigen Schauer, die den alten Platz unter Wasser setzen. Es ist das Meer, das in die Stadt eindringt.

Seit einiger Zeit ist es bei jeder Springflut das Gleiche: grünliches, stinkendes Meerwasser überschwemmt den Platz, sickert in Lauries Haus ein, setzt für etwa eine Stunde das Erdgeschoss unter Wasser und zieht sich dann wieder zurück. Was bleibt, sind gräuliche Ablagerungen und ein Geruch nach Algen und Schlamm. Die Mauern des Hauses sind mit Wasser vollgesogen; alles ist feucht und schimmelt. Das Erdgeschoss ist so gut wie unbewohnbar geworden. Es sind nicht die Festungsmauern, die an diesem Dilemma schuld sind. Seit Jahrhunderten widerstehen sie den Stürmen aus Nordost, werden regelmäßig mit Silikon imprägniert und lassen allenfalls Gischt durch. Der Baumeister Vauban hatte an alles gedacht - an heftige Stürme ebenso wie feindlich gesonnene Engländer -, doch wie hätte er wissen sollen, dass der Meeresspiegel eines Tages ansteigen würde? Inzwischen dringt regelmäßig Meerwasser in die tiefer gelegenen Teile der Altstadt ein, lässt die Mauern verrotten und macht den Bewohnern das Leben schwer. Man hat alles Mögliche probiert und probiert weiter - Pumpen, Drainagen, Trockenlegung, Erhöhung und Abdichtung -, doch bisher war jeder Versuch zum Scheitern verurteilt. Das Wasser kommt immer wieder zurück. Zwar ist Saint-Malo nicht so stark betroffen wie die Stadt Venedig, die langsam, aber sicher in ihrer Lagune ertrinkt, doch der Vergleich ist nicht von der Hand zu weisen. Viele Bewohner haben die Stadt bereits verlassen.

Laurie zittert, niest und putzt sich mühsam die schon wieder verstopfte Nase. Die blöde Erkältung wird sich den ganzen Winter hindurch festsetzen und den Weg für Bronchitis, Angina und andere Infektionen bereiten. Im Sommer sind es Sonnenbrände und Asthmaanfälle, die Laurie zu schaffen machen. Schlechte Gesundheit, schlechtes Wetter, schlechtes Meer. Was will ich eigentlich noch hier? Sie zieht die Nase hoch, seufzt und betrachtet die Festungsmauern, den einzigen Horizont, den sie sehen kann. Wellen donnern von außen gegen das alte Gemäuer und besprühen den Rundweg mit gelblichem Salz. Seit gestern ist der Sturm ein wenig abgeflaut, und die Wolken erwecken nicht mehr den Eindruck, die Erde unter sich zermalmen zu wollen. Trotzdem - das Wetter ist und bleibt ekelhaft. Und außerdem ist es absolut kein gutes Zeichen, wenn man hören kann, wie sich die Dünung an den Steinen bricht.

Als Laurie ein kleines Mädchen war, hatte sie immer Angst, dass die Festungsmauern den Stürmen nicht standhalten könnten. In ihren Albträumen sah sie eine gigantische schwarze Welle, die über den Platz hereinbrach und ihr Haus unter sich zermalmte. Doch ihre Eltern versicherten ihr, dass die Mauern unzerstörbar wären und allem standhalten würden. Auch Lauries Eltern konnten nicht ahnen, dass das Meer eines Tages unter den Mauern hindurch in die Stadt eindringen würde. Jedenfalls vermochten sie Laurie schon damals nicht wirklich zu beruhigen. Sie hatte einfach Angst vor dem Meer. Lauries Vater aber, der in Saint-Malo geboren und Fischer war, wie zuvor schon sein eigener Vater, schien es undenkbar, dass in seiner Familie jemand Angst vor dem Meer haben könnte. Respekt - das ja. Aber Angst? Niemals! Als die Eltern es endlich geschafft hatten, das kleine, alte Geschäftshaus innerhalb der Festungsmauern für einen horrenden Preis zu kaufen, fühlte Vater Prigent sich wie im Paradies. Zumal die Hausfassade mit einer echten, alten Segelrahe geschmückt war und neben dem Eingang ein riesiger, rostiger Anker stand. Ehe die Fassade verputzt wurde, war auf dem Schaufenster in großen Lettern das Wort Exotarium zu lesen. Von Anfang an fragte Laurie sich, was für exotische Dinge man in diesem Laden wohl hatte erwerben können. Die Antworten der Eltern, die von tropischen Fischen, Fundstücken aus der Zeit der Korsaren und Merkwürdigkeiten aus den Kolonien sprachen, fielen ihrer Meinung nach nie wirklich befriedigend aus. Vielleicht wussten sie selbst nicht, was in dem Geschäft früher verkauft worden war. Nach dem Tod der Eltern nahm Laurie sich vor, es ernsthaft in Erfahrung zu bringen, doch sie hat den Entschluss nie in die Tat umgesetzt. Es interessiert sie nicht einmal mehr. Das Haus widert sie an.

Hier wiederholt sich alles, alles dreht sich im Kreis. Sie rennt gegen Wände an und hat die Befürchtung, auf Dauer im Kopf ebenso zu verschimmeln wie die Fundamente des Hauses. Warum muss sie ausgerechnet jetzt an ihre Eltern denken, obwohl sie doch, sobald es eben ging, auf Abstand ging? Sind es ihre verdammten Seelen, die sie heimsuchen? Sie sind tot, Laurie. Du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Aber wenn du natürlich Lust auf eine anständige Depression hast, brauchst du bloß so weiterzumachen.

Oder an Vincent zu denken. Dann ginge es noch schneller.

Vincent. Der attraktive, sanfte, sinnliche Vincent. Vincent, der ihr gezeigt hat, wie schön und heiter die Liebe ist. In einer Welt voller Bösartigkeit und Irrsinn war er ihr ein sicherer Ruhepol. Mit seiner Zärtlichkeit und Weisheit hat er ihr geholfen, den Tod der Eltern zu überwinden. Vincent, der Taoist. Vincent, der Fatalist. Aber auch er war zerbrechlich. Diese Welt, die er vorgab beherrschen zu können und die er glaubte überwunden zu haben, brachte ihn schließlich doch zu Fall. Er wurde computersüchtig, verschanzte sich in der virtuellen Realität und gab sich dem Zipzap hin. Die Teledroge zermürbte sein Hirn innerhalb weniger Wochen und verwandelte ihn in einen krampfenden Zombie, einen Avatar seiner selbst. Er erkannte Laurie nicht mehr, lehnte sie ab, vergaß sie. »Du bist zu gut für mich«, murmelte er an jenem letzten Tag, als sie noch einmal versuchte, ihn seiner Manside und seinen Psycho-Flashs zu entreißen. Er stieß sie zurück, und sie floh vor ihm. Sie akzeptierte den erstbesten Job, der sich bei SOS bot, und fuhr nach Tirana, wo sie aidsinfizierte Prostituierte im Endstadium mit Impfstoff versorgte. Doch trotz eines Monats inmitten finsterster menschlicher und gesundheitlicher Misere konnte sie ihren Liebeskummer nicht vergessen. Von wegen Save Our Selves! Sie hatte es ja nicht einmal fertiggebracht, Vincent vor sich selbst zu retten.

Als sie aus Tirana zurückkehrte, war Vincent verschwunden. In seiner Wohnung in Paramé hatten sich Ökoflüchtlinge einquartiert. MAYA, die große Illusion, hatte Vincents Hirn aufgefressen und ihn wahrscheinlich zu einem gefühllosen Bündel werden lassen, das in irgendeinem Irrenhaus vor sich hin vegetierte. Laurie versuchte gar nicht erst, ihn zu finden. Sie wollte ihn lieber als den Vincent aus glücklichen Zeiten in Erinnerung behalten. Zeiten der Liebe, in denen nichts anderes Bedeutung hatte. Zu spät! Die Erinnerung rührt Laurie zu Tränen. Sie rinnen über ihre Wangen wie die Regentropfen auf der Fensterscheibe.

Na toll! Und jetzt?

Durch den Schleier aus Tränen und Regentropfen erkennt sie etwas Grauweißes, das, vom Sturm vorwärtsgetrieben, über die Festungsmauern trudelt. Etwa ein Vogel? Er benimmt sich reichlich merkwürdig. Laurie wischt sich die Augen. Aufmerksam beobachtet sie das taumelnde Tier. Tatsächlich, es ist eine große Möwe, die es augenscheinlich nicht mehr schafft, vernünftig zu fliegen. Wie ein Spielball im Wind bringt sie es trotz ihrer ausgebreiteten Flügel nicht fertig, den Auftrieb zu nutzen. Von Zeit zu Zeit flattert sie unkoordiniert. Jetzt ist sie über dem Platz. Der Sturm treibt sie genau auf das Haus zu. Sie müsste landen, müsste irgendwo Schutz suchen! Doch dazu scheint sie nicht fähig zu sein. Windböen werfen sie hin und her. Und plötzlich kracht sie mit voller Wucht gegen das Fenster. Die Scheibe zersplittert. Blutend und zitternd bleibt die Möwe inmitten von tausend Scherben auf dem Holzfußboden liegen. Regenschwaden peitschen durch das zerborstene Fenster. Laurie beugt sich zu dem blutenden Tier hinunter. Sie möchte es in den Arm nehmen, ihm helfen, es trösten. Erst im letzten Augenblick schreckt sie zurück und begreift. Die roten, aus den Höhlen tretenden Augen, die erstarrten Flügel, die verkrümmten Füße, der wie zu einem stummen Schrei geöffnete Schnabel und der schwere, abgehackte Atem können nur eins bedeuten: Der Vogel leidet an Botulismus. Seevögel steckten sich häufig an, wenn sie tote Fische aus gekippten Gewässern fressen oder sich auf mit Schweinejauche gedüngten Feldern aufhalten. Es handelt sich um eine mutierte, extrem ansteckende Form der Krankheit, die sich durch einfachen Kontakt auf den Menschen übertragen kann - vor allem, wenn Blut im Spiel ist. Die neue Form des Botulismus führt innerhalb von drei Tagen zum Tod; ein wirksames Gegenmittel gibt es nicht.

Erschrocken schlägt Laurie die Hand vor den Mund, weicht zurück und sieht zu, wie der Vogel langsam stirbt. Das Tier schaut sie an. Es versucht sogar, den Kopf zu drehen, als wolle es um Hilfe betteln. Qualvoll strengt es sich an, wieder auf die Beine zu kommen, doch seine Füße sind ebenso gelähmt wie die Flügel. Der Vogel atmet schwer. Er wird bald sterben.

»Tut mir leid, altes Haus«, murmelt Laurie. »Ich kann dir nicht helfen. Wenn ich dich anfasse, muss ich auch ins Gras beißen.«

Die Möwe zittert. Ihre Bewegungen werden schwächer. In ihren weit aufgerissenen Augen spiegeln sich Panik und Qual. Der durch das zersplitterte Fenster hereinströmende Regen durchnässt sie, setzt den Holzfußboden unter Wasser und mischt sich mit den Glasscherben. Gerade als sich Laurie fragt, wie sie das Tier aus dem Haus bekommen soll, klingelt ihr Telefon.

Sie nimmt es vom Gürtel, befestigt es am Ohr und setzt sich auf ihr Bett.

Der Anrufer ist Markus Schumacher, der Big Boss von SOS-Europa höchstpersönlich.

»Und, Laurie, was treibst du so?«, fragt er in seinem schwerfälligen Französisch, dem man sogar in der fremden Sprache noch den Kohlenpott-Akzent anhört. »Ich habe dir wer weiß wie viele E-Mails geschickt. Warum antwortest du nicht?«

»Ich war beschäftigt«, weicht Laurie aus. »Was willst du?«

»Was ich will?«, explodiert Markus. »In Holland hat es fünfhunderttausend Tote gegeben, Millionen sind obdachlos, das halbe Land steht unter Wasser, und du fragst, was ich will? Du fährst in die Niederlande, Laurie. Dort braucht man im Augenblick jede Hand. Wieso bist du überhaupt noch hier?«

Gute Frage! Die habe ich mir eben auch schon gestellt!

»Nein danke«, erklärt sie. »Da ist mir zu viel Wasser.«

»Was? Du willst nicht?«

»Ganz genau. Ich will nicht. Wasser habe ich hier wirklich selbst mehr als genug. Zweimal täglich dringt das Meer in mein Erdgeschoss ein, und eben ist eine Möwe durch mein Schlafzimmerfenster gekracht; sie krepiert gerade jämmerlich auf dem Fußboden. Ich habe weiß Gott keine Lust, nach Holland zu fahren und mir beim Aufsammeln von Wasserleichen den Tod zu holen. Und hysterische Überlebende sind im Augenblick auch nicht mein Ding. Mein Bedarf an Nässe und Misere ist absolut gestillt! Im Moment träume ich nur noch von einem trockenen Land, wo viel Sonne scheint und wo nicht irgendwelche Vögel vor meinen Füßen liegen und sterben. Du wirst ohne mich auskommen müssen, Markus.«

»Du hast nicht das Recht …«

»O doch, das Recht habe ich! Wenigstens ab und zu habe ich das Recht, mich einmal nicht mit dem Elend der Welt solidarisch zu erklären, sondern mich um meine eigenen Probleme zu kümmern.«

Die Möwe öffnet den Schnabel. Ihre Zunge ist angeschwollen. Erneut versucht sie, auf die Beine zu kommen, sackt jedoch sofort wieder in sich zusammen. Ihr Atem geht stoßweise. Laurie wendet ihr den Rücken zu. Sie erträgt es nicht, dem langsamen, qualvollen Todeskampf des Vogels zuzusehen.

»Ich setze dich vor die Tür!«, droht Markus.

»Gut«, lacht Laurie bitter, »setz mich doch vor die Tür! Für wen hältst du dich eigentlich? Etwa für den Vorstandsvorsitzenden von worldwide? Du bist Chef einer nicht staatlichen Hilfsorganisation, nicht der eines weltumspannenden Konzerns. Oder müssen wir bei SOS etwa demnächst stempeln?«

»Denk doch mal an die Unglücklichen…«

»Oh, das tue ich - ich tue im Augenblick nichts anderes. Aber ich zähle mich dazu, stell dir mal vor! Save Our Selves heißt der Laden. Helfen wir uns selbst! Und deshalb fange ich erst einmal bei mir an. Nur, dass ich niemand anders zu Hilfe rufe.«

»Laurie, so kenne ich dich ja gar nicht!«

»Tut mir leid, aber du hast mich auf dem falschen Fuß erwischt, Markus. Ruf mich einfach später noch mal an. Vielleicht ändere ich meine Meinung ja noch. Tschüs.«

Laurie trennt die Leitung und befestigt das Telefon wieder an ihrem Gürtel. Besorgt dreht sie sich um. Die Möwe ist tot.

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Kill them all
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Nachdem Laurie die tote Möwe mit zwei Paar Haushaltshandschuhen an den Händen sicher eingepackt und in einem Müllcontainer entsorgt hat, fegt sie die Glassplitter zusammen, schrubbt den Blutfleck auf dem Holzboden mit Desinfektionsmittel fort und klebt einen Müllsack über die zerbrochene Fensterscheibe. Danach weiß sie nichts mit sich anzufangen. Natürlich könnte sie das Erdgeschoss säubern, doch wozu? Morgen wird es aller Wahrscheinlichkeit nach wieder eine Flut geben, und das Meer wird erneut ins Haus eindringen.

Langsam wird es dunkel. Mit hereinbrechender Nacht kommt die Zeit, die Laurie am meisten fürchtet - die Einsamkeit des Abends. Das traurige, in der Mikrowelle aufgewärmte Abendessen, das sie allein am Küchentisch verzehrt, das nicht klingelnde Telefon, die schillernde Leere des Fernsehprogramms, die mit Spams und Werbung vollgepfropfte E-Mail-Box, das ziellose Surfen im Internet, mit dem sie sich wenigstens die Illusion erhält, am Weltgeschehen teilzunehmen, der Stadtlärm, den sie mit melancholischer Musik zu übertönen versucht, und schließlich das kalte Bett, das viel zu groß für sie ist. Ausgehen? Sich in einer Bar mit irgendwelchen Säufern abgeben, die ohnehin nur Augen für ihren Arsch haben? Bekannte anrufen, denen sie nichts zu sagen hat und mit ihrer Schwermut nur auf die Nerven geht? Durch die düsteren, engen Gassen irren und sich von Ökoflüchtlingen anmachen lassen? Besäße Laurie ein Auto, würde sie ganz schnell ganz weit wegfahren. Aber ein Auto ist ein Luxus, den sie sich noch niemals leisten konnte. Für eine Hilfsorganisation zu arbeiten bedeutet zwar, dass man viel von der Welt sieht, doch mit der Bezahlung ist es nicht allzu weit her. Ob sie das Angebot von Markus vielleicht doch annehmen soll? Soll sie nach Holland fahren und sich die vielen Leichen, die Trümmer und die Krankheiten antun?

»Gott straft uns. Der Herr lässt uns für unsere Sünden büßen. Er hat uns verdammt und schickt uns die sieben Plagen der Apokalypse, weil wir das Goldene Kalb angebetet und uns mit Satan verbündet haben. Morgen schon werden uns die Vier Reiter mit Namen Weltgericht, Krieg, Hungersnot und Krankheit erreichen. Die große Hure Babylon wird fallen. Tut Buße! Tut Buße!«

Scheiße. Der schon wieder, denkt Laurie. Zum zweiten Mal an diesem Tag steht sie am Fenster und beobachtet den Platz. Unten läuft ein grauköpfiger, struppiger, spindeldürrer Mann wild gestikulierend mit großen Schritten über die Straße. Er trägt eine weiße, bis zu den Knien reichende Tunika mit der Aufschrift Göttliche Legion. Mit nackten Füßen patscht er durch den Schlamm. Laurie kann sein Gesicht nicht sehen - die Hälfte der Straßenlaternen funktioniert nicht -, doch sie erkennt den Mann auch so. Er ist einer der Ökoflüchtlinge, die im ehemaligen Hotel de la Cité in der Rue Sainte-Barbe untergebracht sind. Einer, der sich für erleuchtet hält; ein Verrückter, wie es deren so viele gibt.

»Die sieben Siegel sind erbrochen, das Tier ist mitten unter uns. Wir alle tragen sein Zeichen. Tut Buße, ihr Ungläubigen, ihr Unzüchtigen, ihr Internetabhängigen! O Herr, schütze uns vor dem Tier und seinem entehrenden Zeichen. Schütze uns vor Huren und der virtuellen Realität, lass es keine Frösche regnen. Ihr Irrgläubigen, werft euch vor dem Licht des Herrn in den Staub! Denn Babylon wird fallen!«

Laurie hebt die Hand, um das Fenster zu schließen, und muss feststellen, dass es bereits geschlossen ist. Das Gezeter des Ökoflüchtlings dringt ungehindert durch den doppelten Plastikfilm, der das Loch in der Scheibe mehr schlecht als recht verschließt. Laurie greift nach der Fernbedienung ihrer Stereoanlage, schaltet sie ein und ruft den wildesten Song ab, der ihr einfällt: Holocaust von Kill Them All, einer Gruppe, die sich dem Harsh-Sound verschrieben hat. Lauries Bruder Yann hat ihr den Titel geschickt. Sie dreht die Lautstärke bis zum Anschlag. Ein infernalischer Lärm erfüllt den Raum und bringt die noch intakten Scheiben zum Vibrieren. Das Stück hört sich an wie eine Mischung aus einem Bombenanschlag und einer Schrottpresse, in der das übersättigte Gejohle des Sängers fast ertrinkt. Normalerweise verabscheut Laurie diese Art Klangchaos, doch in diesem Fall kann sie ein grimmiges Lächeln nicht unterdrücken, als sie sieht, wie der Prediger seine Fäuste zu ihrem Fenster hinauf schüttelt und unhörbare Verwünschungen ausstößt. Besiegt von der satanischen Technik, trollt der Ökoflüchtling sich schließlich und verkündet seine Bannflüche an anderer Stelle.

Laurie dreht zurück auf Zimmerlautstärke und ersetzt das Gejohle durch Kirlian Camera, eine italienische Dark-Wave-Gruppe vom Anfang des Jahrhunderts, deren Musik sie liebt, weil sie ihrer Schwermut voll und ganz entspricht. Doch Kill Them All hat sie an ihren Bruder erinnert, und plötzlich kommt sie auf einen Gedanken: Wie wäre es, wenn sie in die Pyrenäen fahren und ihn dort besuchen würde? Viel zu lange schon haben sie sich aus den Augen verloren; genau genommen, seit sie ihn Markus vorgestellt und seine Qualitäten als Programmierer gerühmt hat. Damals suchte Schumacher einen neuen Webmaster für die Homepage von SOS-Europa, weil der alte dem Zipzap verfallen war - wie so viele andere auch. Seither scheint Yann seinen Weg gemacht zu haben. Allerdings hat Laurie nichts mehr von ihm gehört, und ihre sporadischen E-Mails sind ohne Antwort geblieben.

Sie nimmt das Telefon vom Gürtel und zögert. Wie wird er ihren Anruf aufnehmen? Als Geschwister haben sie nicht sehr viel gemein, sind sich aber auch keineswegs feindlich gesonnen. Und doch könnte es kaum unterschiedlichere Charaktere geben. Ihre einzige Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie beide vor ihren Eltern geflohen sind, sobald sie die Volljährigkeit erreicht hatten. Laurie hat die Gelegenheit wahrgenommen, die Welt kennenzulernen und sich mit der rauen Wirklichkeit herumzuschlagen, Yann hingegen hat sich in den Bergen der Pyrenäen verschanzt, verlässt sein Schlupfloch so gut wie nie und erkundet lieber die Sphären von Bytes, Algorithmen und Systembefehlen. Glücklicherweise ist er bisher wenigstens nicht der Versuchung des Zipzap erlegen - soweit Laurie weiß.

Ich rufe ihn einfach mal an, denkt sie.

»Yann Prigent«, befiehlt sie dem Telefon und befestigt es an ihrem Ohr.

Der Anrufbeantworter meldet sich. Hallo, hier ist Yann Prigent. Ich bin gerade superbeschäftigt. Entweder, Sie versuchen es später noch einmal, oder Sie sagen mir, was Sie von mir wollen.

»Yann, hier ist Laurie. Nimm doch bitte ab!«

Sie wartet. Dann versucht sie es noch einmal.

»Yann, hier ist Laurie, deine Schwester. Hast du vielleicht zwei Minuten Zeit zum Reden?«

Wieder wartet sie, ehe sie drängt: »Yann, Scheiße noch mal, nimm endlich ab! Hier ist Laurie, ich muss dir unbedingt etwas sagen!«

Endlich meldet er sich.

»Hallo, Laurie. Ich kann echt gerade nicht, weil ich einen riesigen Fisch an der Angel habe. Wenn ich den loslasse, bin ich am Arsch. Ruf lieber morgen wieder an, falls ich dann noch lebe.«

Freizeichen.

Dieses Arschloch! Zwei Jahre haben wir uns weder gesehen noch auch nur ein Wörtchen miteinander gewechselt, und er lässt mich einfach so in die Röhre gucken! Mensch, Yann, ich bin alles, was du noch an Familie hast! Das kannst du doch nicht machen. Gerade will sie ein weiteres Mal anrufen - sie kann nämlich ganz schön dickköpfig sein -, als ihr ein siedend heißer Schauer über den Rücken läuft. »Falls ich dann noch lebe«? Was sollte das heißen? Yann, du bist doch hoffentlich nicht auch dem Zipzap verfallen?

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Im Feed
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Satellit Mole-Eye 2AC

Typ: EcoSat (umlaufend).

Aufgabenbereich: Aufspüren, Registrieren und Analysieren von Wasservorkommen in der Tiefe.

Ausstattung: 1 Wasserstoff-Maser, 2 Molekular-Laser, 3 Spektrografen, 3 Multifrequenz-Scanner, 12 hochauflösende Kameras, davon 4 panchromatisch mit Auflösung bis 1,5 cm.

Übertragung: UV-Laser, Quantenverschlüsselung mit OverCode© Enigma.ww.

Umlaufbahn: polar, 301,7-542,4 km.

Umlaufgeschwindigkeit: 7,4 km/sec.

Gewicht: 4237 kg.

Baujahr: 2029.

Auftraggeber: GeoWatch Inc.

Eigentümer: Resourcing.ww.

Start: 12. 11. 2029 13:41 UTC mit Trägerrakete MDD 4,5 von Startplattform SeaLaunch-Energia.

Quelle: R2O, Aufstellung der in Umlaufbahn befindlichen Objekte

O nein, Yann ist durchaus nicht dem Zipzap verfallen. Im Grunde bereut er es sogar, seine Schwester so kurz angebunden abserviert zu haben, doch das, was er im Augenblick tut, ist tausendmal wichtiger als Laurie. Yann ist nämlich gerade dabei, in einen Satelliten von GeoWatch einzudringen, obendrein noch einen Mole-Eye, und zwar einen EcoSat auf der Suche nach unterirdischen Wasseradern - eine solche Chance bekommt man nicht jeden Tag geboten.

In drei Minuten ist es so weit.

Brennend vor Ungeduld überprüft Yann ein letztes Mal seine Hardware; vor allem die Demodulatoren, die Schwachstellen des Systems. Draußen stöhnt und bebt die Nacht unter einem eisigen Wind, der von den schneebedeckten Gipfeln herunterweht, doch Yann kümmert sich nicht darum. Er hat auch den Tag davor schon nicht wahrgenommen und weiß längst nicht mehr, seit wie vielen Stunden er inzwischen schon wartet, sich vorbereitet, jeden Schritt genauestens plant und sein Eindringen in den Mole-Eye immer und immer wieder akribisch durchspielt. Sollte ihm der Coup gelingen, wäre dies das absolute Highlight seiner Karriere als Hacker. Wenn er die Sache allerdings in den Sand setzt und erwischt wird, wäre das sozusagen sein Tod. Man würde seiner Spur folgen, ihm nachspionieren, ihm Hunderte von Schnüfflern an die Fersen heften - er könnte keinen Schritt mehr im Internet tun, ohne dass sämtliche Alarmglocken schrillten. Virtuell wäre er ein toter Mann. Hätte er jedoch Erfolg …

Alles fing mit einem jungen »Schüler« von Yann an, der beim Herumsurfen zufällig eine Backdoor auf der Seite von GeoWatch entdeckte. Ob es sich um einen Bug in der Programmierung oder einen Zufallstreffer handelte, konnte Yann nicht mehr in Erfahrung bringen. Der Novize hatte gerade noch Zeit, seinen Fund herunterzuladen, ehe die Wachhunde von Enigma ihn zerfleischten. Schade, denn mit einem solchen Glückstreffer hätte der Junge durchaus Karriere machen können.

Noch zwei Minuten.

Yann streift sein Sensornetz über und zwängt sich mit der geübten Selbstverständlichkeit einer schon tausendmal wiederholten Geste in seine Handschuhe. Grinsend erinnert er sich an das verblüffte Gesicht seines Freundes Steph bei der Erkenntnis, dass eine der heruntergeladenen Dateien die Fortbewegungskoordinaten von Mole-Eye enthielt.

»Der Satellit kommt um 19 Uhr 32 genau 471 Kilometer über deinem Kopf vorbei«, hatte Steph ihm die Zahlenreihen übersetzt. »Mach bloß keinen Blödsinn! GeoWatch ist ein ziemlich großer Fisch und kann sicher ganz schön schmerzhaft zubeißen!«

»Lass das mal meine Sorge sein! Schick mir lieber die Koordinaten rüber.«

»Wenn du dich mit GeoWatch anlegst, habe ich dich nie gekannt. Ich hänge nämlich am Leben!«

»Steph, du tauchst weder in meinem Rechner noch sonst wo auf, und dieses Gespräch hier hat nie stattgefunden. Aber lass die Daten rüberwachsen.«

Wenn man für eine nicht staatliche Organisation wie SOS arbeitet, kann es recht nützlich sein, an die Backdoor eines so diskreten Unternehmens wie GeoWatch heranzukommen, selbst wenn es nur für kurze Zeit ist. Aber die winzige Chance beim Schopf zu packen und sich direkt in einen EcoSat einzuhacken - das muss das echte Nirwana sein! Jedenfalls hat Yann so lange gedrängt, bis Steph nachgegeben hat.

Noch etwas mehr als eine Minute.

Yann setzt die Cyglasses auf, drückt entschlossen den Knopf mit der Aufschrift Connect auf seiner Konsole und macht sich durch sein persönliches Wayout davon, einer einfachen Antigrav-Plattform, die durch die Zufallsverschwommenheit seiner Vorstellung driftet. Nur hier fühlt er sich wirklich sicher. Selbst die Cyberpolizisten von Net Survey wären nicht in der Lage, die vielen unterschiedlichen Verschlüsselungen zu entwirren, mit denen Yann sich geschützt hat. Zumindest würden sie verdammt lange dafür brauchen.

Konzentriert wiederholt Yann die Einzelheiten seines Plans. Die Umlaufbahn des Mole-Eye befindet sich nur 470,8 Kilometer über ihm genau im Zenith. Bei einer Geschwindigkeit von 7,4 Kilometern pro Sekunde bleibt ein Zeitfenster von genau 24 Sekunden. Schon der kleinste Irrtum würde Yann nicht nur um eine einzigartige Chance bringen, sondern möglicherweise auch um den Verstand; die Wucht des Feedbacks wäre in der Lage, seinen Neuronen ebenso zuzusetzen wie eine Überdosis Zipzap.

»Ich muss es schaffen«, murmelt er vor sich hin. »Und ich werde es schaffen!«, fügt er sofort hinzu, als wolle er sich Mut zusprechen.

30 Sekunden.

Durch das Sensornetz spürt er in seinem Körper die Vibrationen der sich ausrichtenden Parabolantenne.

Yann greift nach seinem Werkzeug, startet den Automorph, atmet noch einmal tief durch und wirft sich in den sich öffnenden Feed.

Die Hyperbeschleunigung des Elektronenstrahls entlockt ihm einen unwillkürlichen Schluckauf. Schon ist er vor der Firewall. Wie geplant geht er dank des Automorphs als niederfrequenter Schmarotzer durch, wie sie in dieser Höhe relativ häufig auftreten. Und jetzt heißt es alles oder nichts. Yann generiert eine dringende Inspektionsanweisung, in die er seine Amöbe einbaut, einen einfachen, polymorphen Trojaner, eingepackt in Tequila, einen fünfzig Jahre alten Virus, der längst als überaltert angesehen und von den Virenschutzprogrammen ignoriert wird.

3 Sekunden. Yann schätzt, dass Tequila sich zu etwa 30 Prozent entpackt hat. Weitere 21 Prozent, und der Trojaner würde tätig werden.

5 Sekunden. Yann ärgert sich, dass er keinen schnelleren Virus benutzt hat, doch es stimmt natürlich, dass ein solcher weniger diskret und damit erheblich gefährlicher wäre.

5,6 Sekunden. Endlich ist der Trojaner aktiv geworden. Yann kann ihn als Hologramm in seinem Gesichtsfeld erkennen. Fieberhaft bemüht er sich, die Firewall zu überwinden. Gleichzeitig aktiviert er seinen Ariadnefaden, eine nette, kleine Utility, die im Raster unsichtbare Bezugspunkte anlegt, mit deren Hilfe er bei einem auftretenden Problem sofort den Rückzug antreten kann. Das Programm hat er einem Decyb bei MONET geklaut - man sollte sein Werkzeug eben nicht herumliegen lassen!

8,1 Sekunden. Die Firewall ist ziemlich widerspenstig, doch irgendwann öffnet sich die Bresche und saugt ihn in ein von seinem Trojaner generiertes Unterprogramm ein. Yann frohlockt. Sein Plan funktioniert wunderbar! Vielleicht sogar ein bisschen zu gut. Tequila zeigt sich nämlich wirkungsvoller als vorhergesehen und beginnt, den Kernel zu attackieren. Yanns Nachforschungen gestalten sich schwieriger und vor allen Dingen riskanter. Schon drei Mal hat sich der virtuelle Boden unter seinen Füßen aufgelöst und ihn um Haaresbreite ins Nichts taumeln lassen.

Ich sollte schnellstens die Platte putzen. Die Fehlfunktionen werden Enigma sicher ziemlich bald auffallen!

14,5 Sekunden. Endlich hat Yann es geschafft, auf die Datenbanken zuzugreifen, allerdings erreichen die strukturellen Auflösungserscheinungen eine kritische Marke. Einer seiner eingeschleusten Kontrollmechanismen warnt ihn, dass eine Laserverbindung zu einem anderen Satelliten aufgebaut wird. Yann bemüht sich, so viele Daten wie irgend möglich abzurufen, um schnell verschwinden zu können, ehe die Situation ernsthaft brenzlig wird. Er nimmt mit, was ihm unter die Finger kommt. Aussortieren kann er später immer noch.

21,9 Sekunden. Zwei Sysex von Enigma dringen in den Kernel ein. Glücklicherweise ist Yann soeben damit fertig geworden, seinen letzten verfügbaren Speicherplatz zu füllen. Yann hat gerade noch genügend Zeit, dem Trojaner den Befehl zur Selbstlöschung zu geben, ehe er seinen Ariadnefaden aktiviert und sich in den Feed wirft.

23,1 Sekunden. Yann materialisiert sich in seinem Wayout just in dem Moment, als die Sysex den Feed kappen.

»Puh! Das war verdammt knapp. Aber es hat geklappt!«

Und während Yann begeistert in den entwendeten Daten herumstöbert, stellen die Sysex von Enigma nach eingehender Analyse fest, dass es sich bei dem Alarm um eine durch außergewöhnlich starke Sonnenwinde hervorgerufene Fehlfunktion gehandelt haben muss und eine Information des Kunden nicht notwendig ist. Das System von Mole-Eye wird neu gestartet, nachdem alle Datenbanken komplett zur Überprüfung eventueller Verluste gesichert wurden.

Denn GeoWatch gibt Information nicht einfach weiter. Sie verkauft sie. Und zwar teuer.

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Verdorbenes Wasser
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Rudy sitzt auf dem Rand eines Zodiac der Feuerwehr von Lelystad und braust durch Swifterbant. Sein Hintern hängt nur Zentimeter über dem Wasser. In das Fellfutter seiner Bomberjacke aus Lammnappa kuschelt sich ein nasses, zitterndes Kätzchen. Rudy ist ebenso verwirrt wie das kleine Tier. Sein verstörter Blick streift die Ruinen der Häuser, ohne etwas zu erkennen. Er sieht Mauerreste, eingestürzte Dächer und entwurzelte Bäume, die sich in einem Gewirr von Elektrokabeln verfangen haben. Auf dem schlammigen Wasser dümpeln jede Menge Trümmer, aber auch die aufgetriebenen Kadaver von Hunden, Katzen, Vögeln, Kaninchen, Schafen und Kühen. Die meisten menschlichen Leichen wurden in der Zwischenzeit entfernt. Es gibt weder Licht noch Farbe. Ein bleierner Himmel hängt tief über braunen Wassermassen, die bis zum Horizont reichen, grauem Schutt und der fahlen Blässe zerstörten Lebens und verstreuter Habseligkeiten. Außer dem Plätschern des Wassers zwischen den Gebäuderesten und dem Surren des Bootsmotors ist kaum ein Laut zu hören. Nur manchmal das Husten oder das unterdrückte Schluchzen eines Überlebenden.

Fünf Gerettete befinden sich an Bord; hinzu kommen vier Feuerwehrleute, Rudy und eine auf dem Boden des Bootes liegende Leiche. Das Zodiac ist fast überladen. Drei Frauen und zwei Männer haben sie aus dem Wasser gefischt und in glänzende Wärmedecken eingewickelt. Stumm und stumpf starren die Menschen vor sich hin - sie können es noch nicht fassen, dass sie mit dem Leben davongekommen sind. Den Toten haben die Feuerwehrleute in einen Plastiksack gesteckt, doch alle haben zusehen müssen, wie er an Bord gehievt wurde - eine fahle, aufgedunsene Leiche; Zunge und Augen sind von irgendwelchen Tieren angefressen. Eine der Frauen, eine Alte, in deren Arm eine Glukoseinfusion steckt, scheint das Bewusstsein zu verlieren. Sie ist kreidebleich; ihre Lippen und die Fingerspitzen, die sich in die Wärmedecke krampfen, haben einen bläulichen Schimmer. Die zweite Frau stützt sie und hält die Infusionsflasche. Die dritte Gerettete starrt niedergeschlagen vor sich hin. Sie wird von Fieberschüben geschüttelt. Wasser tropft aus ihren langen Haare auf ihre Knie. Einer der beiden Männer gibt merkwürdige Geräusche von sich. Vergeblich bemüht er sich, das Schluchzen zu unterdrücken, das ihn von Zeit zu Zeit übermannt. Der andere, deutlich jüngere Mann würde den Feuerwehrleuten gern zur Hand gehen, doch er ist an der Schulter verletzt und viel zu erschöpft, um sich zu bewegen.

Auch die Feuerwehrleute sind erschöpft. Ihr Einsatz dauert inzwischen schon den vierten Tag an. Bis auf die Haut durchnässt, waten sie tagtäglich im Schlamm, klettern im Schutt herum, laden Dutzende von Leichen ins Boot, befreien Überlebende mit Pickel und Schaufel, durchsuchen bröckelnde Ruinen, versuchen Hysteriker zu beruhigen und Todgeweihte am Leben zu erhalten, schlafen und essen irgendwann zwischendurch und halten sich gegenseitig irgendwie aufrecht - um Himmels willen nicht zusammenklappen!

Außer seinem ehemaligen Nachbarn Herman van der Hoek kennt Rudy niemanden an Bord des Zodiac. Herman gehört der freiwilligen Feuerwehr von Swifterbant an und hat es Rudy ermöglicht, auf dem Boot mitzufahren. Eigentlich hätte Rudy helfen sollen, doch bisher ist er nicht besonders nützlich gewesen. Auch das Kätzchen hat Herman gerettet. Beinahe wäre er sogar ins Wasser gefallen, als er mit seinem langen Haken nach dem Beistelltisch angelte, auf dem das kleine Tier jämmerlich miauend und mit schlammverklebtem Fell vorbeitrieb.

»Lass das doch!«, schimpfte der Gruppenführer, ein Berufsfeuerwehrmann aus Lelystad. »Das Vieh ist bestimmt krank und wird sowieso sterben.«

Aber Herman hörte nicht auf ihn. Er rettete die Katze und hat sie Rudy anvertraut. Dabei huschte sogar der Anflug eines Lächelns über sein gutmütiges, rundes Gesicht. Ein prima Kerl, dieser Herman - immer das Herz auf dem rechten Fleck, eine joviale Stimmungskanone, die mit flapsigen Bemerkungen ebenso schnell war wie mit dem Öffnen von Bierdosen. Wie Rudy hat auch er bei der Katastrophe seine gesamte Familie verloren, als er gerade im Einsatz und damit beschäftigt war, fremden Menschen das Leben zu retten. Jetzt lacht Herman nicht mehr, kein Witz kommt über seine Lippen, und er öffnet auch keine Bierdose mehr. Dafür schuftet er wie ein Tier. Er zerrt Überlebende aus den Ruinen, hievt sie an Bord, wärmt sie auf, findet manchmal sogar ein tröstendes Wort und steckt Kindern aufgefischtes Spielzeug zu.

Rudy hat ein schlechtes Gewissen, dass er nicht so nützlich und großmütig sein kann wie Herman, doch seit er durch die Ruinen von Swifterbant fährt, fühlt er sich wie gelähmt. Dabei wusste er durchaus, was ihn erwarten würde. Im Verlauf der drei Tage, während der er mit Händen und Füßen darum kämpfte, zumindest zu versuchen, sein Haus zu erreichen, hat er schreckliche Bilder gesehen, herzzerreißende Berichte von Überlebenden gehört, erschöpfte Retter getroffen, die ihm das schiere Entsetzen beschrieben oder nur noch ein hoffnungsloses Kopfschütteln für ihn übrig gehabt haben. Über das Schicksal von Aneke und Kristin gibt es keinen Zweifel. Sie standen auf der ständig aktualisierten Liste, die statt der Abfahrtszeiten der Züge über die Bildschirme des Bahnhofs von Lelystad flimmerte. Der Bahnhof ist dank seiner erhöhten Lage zur Schaltstelle für Informationen und zum Hauptquartier der Rettungskräfte umfunktioniert worden. Die endlos lange Liste von Toten und Vermissten wird tagtäglich von Tausenden ängstlicher Augen verfolgt. Auch Rudy stand in der Menge, aus der immer wieder Schreie und Weinen aufbrandeten. Aneke Schneider, verstorben. Kristin Klaas, verstorben. Zweimal hat er die komplette Liste durchgelesen, hat die grünen, flackernden Buchstaben an sich vorbeilaufen lassen, immer in der verrückten Hoffnung, dass sich ein Fehler eingeschlichen haben könnte, der beim nächsten Durchlauf korrigiert würde. Dringende Nachricht für Herrn Ruud Klaas: Aneke und Kristin warten am Empfang. Wir bitten den Irrtum zu entschuldigen. Doch das Wunder geschah nicht. Aneke Schneider, verstorben. Kristin Klaas, verstorben. Unerbittlich. Und niemand konnte ihm erklären, wie und warum. Oder wo er sie finden könnte. Niemand. Überall liefen völlig überlastete Menschen orientierungslos herum, telefonierten, schimpften, seufzten. Ladentische und Schalter wurden von Überlebenden belagert und waren unerreichbar. Ab und zu tauchten seltsame Gerüchte auf, die irgendwer irgendwo aufgeschnappt hatte und die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten: Die Welle sei fast hundert Meter hoch gewesen; das Wasser scheine vergiftet zu sein; jemandes Onkel sei an Botulismus gestorben; einige Opfer hätten Stromschläge erlitten, weil Hochspannungsdrähte gerissen und ins Wasser gefallen seien; kein einziges Windrad habe die Flut überstanden; einige der Pumpen schienen wieder zu funktionieren; der Deichbruch sei ein Attentat und Werk des islamischen Dschihad gewesen; nein, Schuld an der Katastrophe sei mit Sicherheit die Göttliche Legion, diese fundamentalistischen Schweine; ein neuerlicher Orkan kündige sich an … Aneke Schneider, verstorben. Kristin Klaas, verstorben. Wie sollte er sie finden? Wo sollte er suchen?

Ich muss hin, sagte Rudy sich immer wieder. Ich muss es mit eigenen Augen sehen. Es war ihm unmöglich, angesichts grün flimmernder Buchstaben auf einem abgenutzten Bildschirm wirklich zu trauern. Er konnte einfach nicht draußen bleiben und als Zuschauer an dem von Medien gezähmten Drama teilnehmen. Seine Frau und seine Tochter waren tot, verdammt noch mal! Sie waren gestorben, während er in Brüssel um den Mindestpreis von Tulpenzwiebeln gefeilscht hatte. Sie hatten die gigantische Welle mit voller Wucht abbekommen, sie hatten dem Tod ins Gesicht schauen müssen, während bei ihm gerade mal das Licht kurz geflackert hatte.

Aber Rudy will sehen, will das Ausmaß der Katastrophe begreifen, will Anekes und Kristins Angst und ihr Entsetzen teilen. Und so hat er sich in den Kopf gesetzt, auf irgendeine Weise nach Swifterbant zu kommen. Er weiß, dass das Gebiet völlig abgeriegelt und der Zutritt weder für Schaulustige noch für Familienmitglieder der Opfer gestattet ist. Nur Rettungskräfte dürfen hinein. Er will sein zerstörtes Haus, die zersplitterten Gewächshäuser und sein vernichtetes Leben mit eigenen Augen sehen. Solange er es nicht gesehen hat, kann er nicht daran glauben; alles würde zu dem schrecklichen Albtraum, der schon jetzt seine Nächte heimsucht - zumindest in den wenigen Stunden, in denen er manchmal etwas Schlaf findet.

Zufällig lief er im Hauptquartier im Bahnhof schließlich Herman über den Weg. Endlich ein bekanntes Gesicht! Rudy fragte ihn nicht nach seiner Familie; die furchtbare Antwort stand seinem Nachbarn klar und deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber er sah ihn sofort als seinen Retter an, als ein winziges Licht im Dunkel.

»Herman, du bist doch bei der Feuerwehr. Könntest du mich vielleicht mitnehmen?«

»Kein Problem«, antwortete der gute Herman. »Ich rufe dich an, sobald wir losfahren.«

Und er hielt Wort. Morgens um sechs Uhr rief er an, weckte sämtliche Nachbarn, die zusammengepfercht im Wartesaal des Bahnhofs schliefen, und sagte Rudy, dass es eine Stunde später vom Hafen von Lelystad aus losginge. »Du solltest unbedingt pünktlich sein. Wir werden nämlich auf keinen Fall warten.« Rudy war pünktlich - schließlich hatte er vorgesorgt.

Jetzt ist es drei Uhr nachmittags, und ihre Ausbeute besteht aus einem Toten und fünf Überlebenden, einem völlig unerwarteten Ergebnis. Rudy hat feststellen müssen, dass die Katastrophe viel schlimmer gewütet hat, als es auf den von den Medien gezähmten Bildschirmen aussah: überflutete Felder, soweit das Auge reicht, eine traurige, wässrige, mit Kadavern, Holzstämmen und Trümmern übersäte Ebene, massakrierte Wälder, ineinander verhakte Baumleichen, niedergemähte Windräder, Häuser, die dem Wasserdruck nicht standgehalten haben und eingestürzt sind, und Rettungsmannschaften, die, mit armseligem Werkzeug ausgestattet, zwischen den Ruinen herumwaten. Er hat die Ausdünstungen von Zersetzung, Verwesung und freigewordenen Chemikalien gerochen und den faden Gestank des verdorbenen, bösartigen, zerstörerischen Wassers. Er hat das große, graue, vom Tod über alle Dinge gebreitete Leichentuch gespürt. Er hat die Seelen der Opfer im Wind seufzen hören, übertönt von den Hilferufen der Überlebenden. Er hat kaum geholfen, doch die Feuerwehrleute haben Verständnis gezeigt und seine stumme Unbeweglichkeit respektiert. Hauptsache, sie wurden nicht bei der Arbeit behindert.

Und jetzt erreichen sie sein Haus. Rudy wechselt einen Blick mit Herman, der die Lippen zusammenpresst und die Augen abwendet. Rudy betrachtet die Ruinen. Er erkennt nichts wieder, obwohl er genau weiß, dass es dort gewesen sein muss. Er sieht Mauerstücke, ein eingestürztes Dach, entwurzelte Bäume - wie überall sonst auch. Dinge des täglichen Lebens dümpeln auf dem abgestandenen Wasser. Rudy greift nach einem Plastikteil, das zufällig in Reichweite kommt. Es ist eine Babybox-Spielkonsole. Ob sie seiner Tochter gehört hat? Sicher ist er sich nicht. Er findet nichts, was ihn mit seiner Vergangenheit verbindet, nichts, was ihn an sein früheres Leben fesselt. Die Welle hat alles davongetragen, einschließlich Aneke und Kristin. Verstorben. Verstorben. Grüne Buchstaben auf einem Bildschirm …

Leer und ausgetrocknet findet sich Rudy inmitten dieser Todeslandschaft wieder - ohne Dramatik und ohne trauern zu können. Verdammt zum Weiterleben und besessen von einem Albtraum, den er nicht selbst erlebt hat.

In der Tiefe seiner warmen Lederjacke beginnt das Kätzchen zu schnurren.

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Refugees.org
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Satzung für ökologische Flüchtlinge

Beizufügende Dokumente:

img1.png Personalausweis

img1.png Schadensmeldung

img1.png Rechnung (neueren Datums) eines öffentlichen Dienstleisters

img1.png Mietvertrag (Mieter) oder Besitzurkunde (Hauseigentümer)

img1.png letzte Einkommensteuererklärung

img1.png letzte Gehaltsabrechnung (ggf.)

img1.png Familienstammbuch

img1.png Aufenthaltsgenehmigung (Ausländer)

img1.png Bescheinigung des Arbeitgebers (bei Arbeitsplatzverlust)

img1.png Antrag auf Anerkennung als Flüchtling (Vordruck 1024-A)

img1.png Bankverbindung

img1.png Überweisungsbeleg über 39,73 Euro (Antragsgebühr)

Voraussichtliche Dauer der Antragsbearbeitung: 3 Monate

Auch wenn die ehrenamtliche Mitarbeiterin von Refugees.org hinter einem Schalter des Bahnhofs von Lelystad sitzt - sie ist ebenso erschöpft wie die Tausende von Flutopfern, die sie den ganzen Tag an sich vorüberziehen sieht. Tausende verwüsteter Gesichter, tief gefurchter Wangen, struppiger Bärte, bleicher, schmutziger Hände und nasser Haare, die auf die Ladentheke tropfen. Tausende unvollständiger Anträge, besonderer Fälle und Ausnahmegenehmigungen. Verwirrte Alte, schreiende Babys, genervte Mütter, Männer, die vor Angst stumpfsinnig vor sich hin starren, und stumme, hektische Jugendliche. Von allen wird die ehrenamtliche Helferin behandelt, als hinge das Leben jedes Einzelnen ganz allein von ihr ab, während sie in Wirklichkeit nichts weiter tut, als sie auf provisorische Unterkünfte und Auffanglager zu verteilen. Dort erwarten sie dann ihre Anerkennung als Ökoflüchtling, die jedoch nur ganz wenige - das weiß sie - auch erhalten. Gerade erst ist sie aus Dresden gekommen, von wo sie als Verstärkung angefordert wurde. Angesichts des menschlichen Elends hat sie sich abgeschottet und ihr natürliches Mitgefühl erstickt. Ausgestreckte Hände übersieht und Tränen ignoriert sie. Sie muss so vorgehen, um ihr seelisches Gleichgewicht zu wahren und, wie von allen erwartet, einen Fels in der Brandung abzugeben. Gnade Gott denen, die es nicht schaffen, sich an diesen Felsen zu klammern.

Sie legt den letzten Antrag in ein Körbchen mit der Aufschrift »Unvollständig« und richtet die blauen Augen auf den nächsten Antragsteller, den die drängende Menschenmenge vor ihrem Schalter stranden lässt. Es ist ein untersetzter Typ, etwa vierzig, mit glattem schwarzem Haar, runder Nase, einem länglichen Gesicht und einem Wikingerschnurrbart, der auf sein von einem Dreitagebart beschattetes Kinn hinunterfällt. Ein Ohrring ziert sein rechtes Ohr. Er trägt eine Bomberjacke aus Lammnappa mit einer deutlichen Beule in Brusthöhe. Eine Waffe? Will der Kerl sie etwa angreifen? Sie selbst hat eine solche Situation noch nicht erlebt, doch sie weiß von anderen, die sogar mit dem Leben bezahlt haben.

Der traurige Dackelblick des Mannes jedoch straft jeden Verdacht auf Aggressivität Lügen. Aus der Beule im Blouson ertönt zunächst ein leises Miauen, und plötzlich lugt der zerzauste Kopf eines jungen Kätzchens hervor, das die Helferin von Refugees.org aus runden Augen erstaunt anschaut. Die junge Frau muss unwillkürlich lächeln. Das Kätzchen kommt ihr vor wie ein Sonnenstrahl, wie eine Insel der Zärtlichkeit in diesem endlosen Ozean aus Leid. Sie streckt die Hand aus und lässt ihre Fingerspitzen von dem kleinen Tier beschnüffeln.

»Er heißt Moses«, erklärt der Mann. »Jedenfalls habe ich ihn so genannt, weil er aus dem Wasser gefischt wurde.« Er krault das Kätzchen zwischen den Ohren. Sofort beginnt Moses, hingebungsvoll zu schnurren. »Er ist ein Flüchtling, genau wie ich«, fügt er tonlos hinzu.

»Richtig.« Die Ehrenamtliche besinnt sich. »Ich hoffe, Ihr Antrag ist vollständig.«

Eins zu tausend, dass er es nicht ist. Trotz des nicht enden wollenden Ansturms ist das Körbchen mit den vollständigen Anträgen gähnend leer. Man könnte glauben, dass die kafkaeske Liste der beizufügenden Dokumente eigens erfunden wurde, um die Zahl der offiziell anerkannten Ökoflüchtlinge drastisch zu reduzieren und damit die Statistik zu schönen.

»Sie sind Deutsche«, stellt der Mann fest, als er ihren sächsischen Dialekt hört.

»Ja«, seufzt sie. »Geben Sie mir bitte Ihren Antrag.«

»Sie erinnern mich an Aneke. Aneke, meine Frau. Sie ist … sie war auch Deutsche.«

Die junge Frau seufzt erneut. Ihr Gesicht nimmt einen gereizten Ausdruck an, der für Grübchen auf ihren Wangen sorgt.

»Seit heute Morgen sind Sie ungefähr der Fünfhundertste, den ich an seine verstorbene Frau, Schwester, Tochter oder Cousine erinnere. Ich bin weder Ihre Amme noch Ihr Psychotherapeut, okay? Und jetzt geben Sie mir endlich Ihren Antrag oder verschwinden Sie. Hinter Ihnen warten noch ungefähr zehntausend andere.«

»Richtig, ich stehe mir schon seit Stunden die Beine in den Bauch.«

»Ich bin es so satt!«

»Geht es da vorn vielleicht endlich weiter?«

»Was ist denn nun mit seinem Scheißantrag?«

Rudy zieht einige schlecht bedruckte Blätter aus der Brusttasche, wobei Moses' Köpfchen wieder auftaucht. Das Papier ist grau, feucht und voller Katzenhaare. Die junge Frau von Refugees.org überfliegt den Antrag und nickt verdrossen.

»Da fehlt aber eine ganze Menge.«

»Ich habe nicht mehr bekommen können. Alle Kanäle sind entweder außer Betrieb oder überlastet. Schließlich hat sich hier eine Katastrophe abgespielt!«

»Gut. Herr …« Sie wirft einen raschen Blick auf die Papiere in ihrer Hand. »… Ruud Klaas, haben Sie vielleicht die Möglichkeit, irgendwo unterzukommen - bei Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten?«

Rudy schüttelt langsam den Kopf. In Wahrheit hat er auch niemanden gefragt, weil er beim besten Willen nicht wüsste, wem er sich auf unbestimmte Dauer zumuten könnte, abgesehen vielleicht von seinen Eltern in Haarlem - doch wahrscheinlich wäre auch das schmutzigste Lager dem Aufenthalt bei seinen Eltern vorzuziehen. Wie viele Europäer seiner Generation ist auch Rudy ein individualistischer Einzelgänger. Seine Freundschaften sind eher oberflächlich und von kurzer Dauer; immer hat er den geschützten Kokon seines vernetzten Hauses der aggressiven Außenwelt vorgezogen. Wenn die Natur ein feindliches Gesicht aufsetzt und das Klima zum Killer wird, wenn in Amsterdam jede Nacht Desperados, Full Moon Killers und andere Fans kollektiver Mordanschläge ihr Unwesen treiben, wenn es einem Abenteuerausflug mit ungewissem Ausgang gleichkommt, abends einmal auszugehen, wird das eigene Zuhause schnell zum Zufluchtsort und letzten sicheren Kuschelnest. Was nun seine Eltern in Haarlem angeht … Rudy muss nur daran denken, dass sein Vater ein bedeutendes Mitglied der Nederlandse EuroFront ist und seine Mutter sich mit ziemlicher Sicherheit von der Göttlichen Legion beeinflussen lässt, um sich, ohne lange zu überlegen, für ein Flüchtlingslager zu entscheiden, und zwar ganz gleich, wie weit weg und wie unsicher es sein mag. Außerdem haben seine Eltern ihn ohnehin verstoßen.

Die ehrenamtliche Mitarbeiterin von Refugee.org tippt eifrig auf ihrem Mobiltelefon herum. Dabei murmelt sie Worte auf Deutsch, die Rudy allerdings problemlos versteht: »Ausgelastet … voll … unter Quarantäne … ausgelastet…« Schließlich sieht sie ihn an.

»Buchholz.«

»Wie bitte?«, fragt Rudy nach.

»Buchholz. Das liegt in Deutschland. In der Nähe von Hamburg.«

»Gibt es nichts mehr in der Nähe?«

»Nein. Ansonsten bliebe nur noch Wroclaw in Polen.«

»Und … wie ist es da so?«

»Na, Tennis, Golf, Schwimmbad, Sauna und jede Menge Feinschmeckerrestaurants«, antwortet die junge Frau sarkastisch. »Was erwarten Sie denn?«

Rudy zuckt die Schultern. Während der Tage des Umherirrens, der Bestürzung und der Hoffnungslosigkeit hat er allerlei über die Flüchtlingslager gehört - Gutes und Schlechtes. Darunter waren auch sehr unterschiedliche Meinungen über die in Belgien und den Niederlanden neu entstandenen Camps. Von Buchholz allerdings hat er noch nie gehört. Wahrscheinlich ist es ganz neu.

»Einverstanden. Also Buchholz.«

Die Frau nickt und tippt wieder auf ihrem Handy herum. Daraufhin spuckt ein angeschlossenes Gerät eine Mikrokarte aus, die sie Rudy aushändigt. Auf der Karte, die noch nach warmem Plastik riecht, steht sein Name.

»Das ist Ihr vorläufiger Code als Antragsteller. Sie können damit nach Buchholz fahren und dort maximal drei Monate bleiben. Aber Sie dürfen sie keinesfalls verlieren.«

»Und was ist mit meiner Akte?«

Sie greift nach einem bedruckten Blatt, kreuzt ein paar Stellen an und legt es auf den Schaltertisch.

»Das sind die fehlenden Unterlagen. Den Rest behalte ich hier. In Buchholz sollte es eine gesicherte Internetverbindung geben, wo Sie Ihre Akte vervollständigen können. Die Verantwortlichen werden Ihnen erklären, wie es geht. Viel Glück!«

Der Anflug eines Lächelns erklärt das Gespräch für beendet. Ein Umschlag fliegt in das entsprechende Körbchen, die junge Frau blickt den nächsten Antragsteller an. Rudy wendet sich ab, doch plötzlich wird er noch einmal zurückgerufen.

»Mijnheer Klaas!«

Die ehrenamtliche Helferin hält ihm einen in fettiges Papier gewickelten Butterbrotrest hin. Rudy runzelt die Stirn. Sieht er tatsächlich schon so verhungert aus?

»Für Moses«, lächelt die Deutsche. »Ich hoffe, er mag Salami.«

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Dolly-Syndrom
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»… und sicher war es der innigste Wunsch unseres lieben Wilbur, im Sinne unseres Herrn und Heilands ein Heim und eine Familie zu gründen. Müssen wir nicht genau diese Absicht in seinem leidenschaftlichen Eifer erkennen, im Kontaktnetz eine gleich gesinnte Seele zu finden? Führte nicht die brennende Liebe, die Gott ihm im Übermaß geschenkt hat, dazu, dass er den Sicherheitsalarm überhörte …?«

So ein Quatsch, denkt Anthony Fuller, der zufällig diesen Satz der Traueransprache des Pfarrers mitbekommen hat. Unser lieber Wilburwar wieder mal bis zur Halskrause mit Zipzap vollgedröhnt, wie eigentlich immer. Und was den ›leidenschaftlichen Eifer angeht, so würde ich eher von einem leidenschaftlichen Pimmel reden!

Fuller hält sich die Hand vor den Mund, um das Lächeln über sein zotiges Wortspiel zu verbergen, und tut, als müsse er sich räuspern - nur für den Fall, dass doch jemand hingesehen hat. Lachen ist im Moment wirklich nicht angebracht, denn immerhin ist es sein Sohn, der heute eingeäschert wird. Fuller findet den Pfarrer unsäglich, die ganze Zeremonie einfach lachhaft und das Ambiente des Krematoriums ungefähr so originell wie ein Flughafenhotel. Außerdem hatte er diesen Sohn längst verstoßen, enterbt und vergessen - er hatte ihn aus seinem Leben gestrichen. Wäre es nach ihm gegangen, so wären die Ruinen des Hauses in Garden City Wilburs Grab und die Geier seine Sakramente geworden. Es war Wilburs Mutter, die den ganzen Zirkus arrangierte: Pfarrer, Kerzen, Blumen und der mit dem Familienwappen geschmückte Sarg. Fuller wirft seiner Frau einen verstohlenen Blick zu. Pamela sitzt neben ihm auf einer unbequemen Holzbank - als hätten die Überlebenden kein Recht, sich wohlzufühlen! - und sieht mit ihren runden, rot geweinten Augen, der auf den Wangen verlaufenen Wimperntusche und dem zerknüllten Taschentuch, das sie sich unter ihre Hakennase hält, wie ein Huhn aus, das gerade ein Ei legen will.

Das Bild führt zu einem erneuten Grinsen, das Fuller, so gut es eben geht, hinter einer schmerzverzerrten Grimasse verbirgt. Ungeduldig rutscht er auf der Bank herum. Am liebsten würde er den Pastor samt Sargträgern und dem ganzen Drum und Dran zum Teufel schicken, Wilbur in den Ofen stecken und dann nie wieder darüber reden. Vielleicht habe ich ja doch eine Dexomyl zu viel genommen, überlegt er. Dexomyl ist ein stark stresslösendes Medikament, das bei Vertragsverhandlungen und Aktionärssitzungen unabdingbar ist, allerdings euphorisierende Nebenwirkungen hat. Vor der Zeremonie hat Fuller gleich zwei geschluckt, was möglicherweise ein wenig voreilig war. Eigentlich müsste er eine Calmoxan einnehmen, um seine Lachlust ein wenig zu unterdrücken und die Verkrampfung seines Kiefers zu lindern, doch das geht nicht vor den Augen all dieser Leute.

Dabei sind es nicht einmal viele Leute. Fuller tut, als müsse er seine Sitzposition auf der harten Bank kurz verändern, um einen Blick in die Runde werfen zu können. Außer Pamela und ihm sind noch seine Schwiegereltern John und Jackie Hutchinson da, beide so steif, als hätte man sie in Stärke gesteckt. Sicher träumt John von grandiosen Pogromen gegen Juden, Neger, Kanaken, Kokser und Schwule - alles Leute, die seiner Ansicht nach für Wilburs Tod verantwortlich sind. Auch Anthonys eigener Vater Richard Fuller III. ist gekommen. Er hat großen Wert darauf gelegt, trotz seiner bereits achtzig Jahre im eigenen Hubschrauber anzureisen und so der Enklave Eudora die Macht seiner Familie zu demonstrieren. Ein unbedeutender Unterdirektor der K-State-Universität, an der Wilbur offiziell eingeschrieben war, ist ebenfalls anwesend; wahrscheinlich hat man ihn geschickt, um eine Unterstützung oder ein Sponsoring zu ergattern. Dann sitzen da noch Rachel, eine bigotte Nachbarin vom Typ Schwarze Witwe, die grundsätzlich keine Trauerfeier auslässt, ein paar entfernte Cousins von Pamela, deren Namen Fuller längst vergessen hat und von denen er sich fragt, was sie eigentlich hier zu suchen hatten, Consuela, die venezolanische Pflegerin von Tony Junior, unterwürfig und unauffällig, wie es sich gehört, und schließlich Tony Junior selbst.

Tony Junior kauert verkrümmt in seinem Rollstuhl, der im Mittelgang steht, und mustert seinen Vater mit grauen, durchdringenden Augen. Anthony wendet sich unangenehm berührt ab. Hat er nicht gerade auf den pergamenttrockenen Lippen ein ironisches Lächeln gesehen? Unmöglich! Junior ist gelähmt, und sein verzerrtes Gesicht kann, wie die Ärzte behaupten, keine Gefühle ausdrücken. Aber er kann sehen, hören und verstehen. Und denken kann er auch.

Tony Junior ist fünfzehn und sieht aus, wie Anthony vermutlich mit achtzig aussehen wird. Er ist schon jetzt verkalkter als sein Großvater, der sich allerdings ausgesprochen gut hält. Sein Körper ist vollkommen gelähmt, bis auf die großen, intensiv dreinblickenden, grauen Augen mit dem malvenfarbenen Rand um die Iris. Junior repräsentiert geradezu die Degeneration an sich, was umso trauriger ist, als sowohl sein Seh- als auch sein Hörvermögen sowie sein Intellekt nicht nur vollendet, sondern sogar überentwickelt sind. Tony Junior ist der missglückte Klon seines Vaters und leidet unter dem Dolly-Syndrom, einer sehr seltenen, genetisch bedingten Krankheit, die ähnlich wie Progeria zu einer beschleunigten Zellalterung führt. Seit dem Alter von fünf Jahren, als man die Krankheit entdeckte, wird er mit modifizierten Stammzellen aus menschlichen Embryos behandelt, eine Therapie, die seine Eltern etwa fünfzehntausend Dollar im Monat kostet. Ungefähr einmal im Jahr kündigt der behandelnde Arzt des Jungen, Doktor Kevorkian, Juniors bevorstehenden Tod an, falls man sich nicht entschließe, ihn einer weiteren, noch kostspieligeren und bisher kaum erforschten Behandlung zu unterziehen. »Verstehen Sie, sein Leben hängt davon ab«, pflegt er zu sagen. Fuller blecht, ohne mit der Wimper zu zucken, doch er sieht, wie sein Sohn sich unerbittlich und unausweichlich in eine lebende Mumie verwandelt, ohne jemals eine sichtbare Verbesserung festzustellen.

Anthony bemüht sich, seinem Sohn so selten wie eben möglich über den Weg zu laufen, denn der einzige Fortschritt, den er beobachtet - ein kaum messbarer, aber dennoch erkennbarer Fortschritt -, ist Juniors verderblicher Einfluss auf seine Umgebung, und zwar angefangen bei Anthony selbst. In Anwesenheit von Tony Junior hat er immer den Eindruck, sich einer Verkörperung des Bösen schlechthin gegenüberzusehen - es könnte der Tod höchstselbst sein, der ihn hinter dem unveränderlichen, geisterhaften Lächeln auf dem wächsernen Gesicht herausfordert, oder etwas grässlich Krankhaftes, das ihm Schauder des Ekels über den Rücken jagt. Nein, schlimmer noch: Schauder des Entsetzens.

Natürlich wurde BioGen Labs - das Labor, das die genetische Auswahl und das Klonen durchführte - zu Schadenersatz und Schmerzensgeld in einer derart exorbitanten Höhe verurteilt, dass Fuller das Unternehmen gleich im Anschluss für einen geradezu lächerlichen Preis erwerben und den Vorstandsvorsitzenden vor die Tür setzen konnte. Der Mann würde nie wieder irgendwo sein Brot finden, dafür hat Fuller gesorgt. Seither wird bei BioGen Labs transgenes Getreidesaatgut für die ärmsten Länder der Welt hergestellt. Es ist billig und erzielt hohe Erträge, wenn auch steril. Alles in allem hat sich der gesamte Vorgang letztlich als so rentabel erwiesen, dass er die Kosten für Tony Juniors genetisch verändertes Leben voll und ganz abdeckt.

Trotzdem fragt sich Anthony noch immer, wie er diesen ungeheuren Fehler begehen konnte. Klar, vor fünfzehn Jahren war er noch jung und voller Schwung, stürzte sich kopfüber in alle technologischen Neuerungen und zögerte auch nicht, Risikokapital einzusetzen. In der damaligen Zeit gehörte es in reichen Familien einfach zum guten Ton, mindestens ein geklontes Kind zu haben. Dahinter stand das hehre Ziel, den Stammbaum künftiger Weltbeherrscher zu veredeln und zu verbessern. Hinzu kam, dass Pamela nach der sehr schwierigen Geburt von Wilbur unfruchtbar wurde, trotzdem aber um jeden Preis ein zweites Kind haben wollte. Erst später erfuhr Anthony, dass Pamela damals von ihren Eltern manipuliert worden war, denn ihr Vater besaß ein hübsches Portfolio von BioGen-Aktien. Sie folgten also der herrschenden Mode, und als bei Tony Junior die ersten Degenerationserscheinungen erkennbar wurden, verbrachten sie - vor allem natürlich Pamela - die meiste Zeit damit, das Kind zu pflegen. Dabei vernachlässigten sie Wilburs Erziehung, der sich in der Folge zum Faulenzer und Nichtsnutz entwickelte - ein computersüchtiger Drogenabhängiger, der schließlich von Outers abgeschlachtet wurde. Anthony, der felsenfest daran geglaubt hatte, Vater zweier zukünftiger Mitgesellschafter und späterer Erben des riesigen Firmenimperiums zu sein, zu dem Resourcing ww inzwischen geworden ist, steht mit leeren Händen da. Einer seiner Söhne ist tot, der andere gelähmt und zu keiner selbstständigen Handlung fähig - ganz zu schweigen von der Ehefrau, die abgestumpft von Prozac4 immer weiter in die Bigotterie abdriftet.

Wieder lässt Anthony insgeheim den Blick durch die Runde schweifen, doch die Lachlust ist ihm vergangen. Jetzt ist ihm eher nach Heulen zumute, weniger um Wilbur als vielmehr um sein eigenes Schicksal und die Trostlosigkeit seiner Familie. Die leichte Depression hat vermutlich mit dem Nachlassen der Wirkung des Dexomyl zu tun. Nein, es ist ganz sicher nicht Fullers Art, sich zu beklagen und in Selbstmitleid zu verfallen. Er stellt sich jeder Situation - aufrecht, mit hoch erhobenem Kopf, klarem Blick und zusammengebissenen Zähnen, denn sein erklärtes Ziel ist es, zu gewinnen. Diese Haltung hat er von seinem Vater gelernt, dem imposanten Richard Fuller III. »Du stammst von den Jayhawkers ab, mein Sohn, und die Jayhawkers haben Amerika und damit die freie Welt aufgebaut. Vergiss das nie!«, pflegte er zu sagen. Und wenn der kleine Anthony dann murrte oder gar zu weinen anfing, bekam er einen Tritt in den Hintern, der sich gewaschen hatte. Vielleicht hätte Anthony die gleiche Methode bei Wilbur anwenden sollen, anstatt ein Vermögen für den Unterhalt dieses Parasiten auszugeben.

Ein kurzer Blick aus dem Augenwinkel zeigt, dass Junior ihn noch immer fixiert. Mein Gott, warum muss man ihn denn ausgerechnet so platzieren, dass ich ihn sehe? Könnte nicht wenigstens jemand seinen Rollstuhl umdrehen?

Plötzlich stehen alle auf und beginnen, ein Requiem zu singen. Überrascht folgt Fuller ihrem Beispiel und versucht, es ihnen gleichzutun. Er brummt irgendetwas, weil er ohnehin weder Text noch Melodie kennt. In religiösen Dingen ist er nie unterwiesen worden, weil für Richard Fuller III. der einzige Gott, den zu ehren sich lohnte, der Dollar war. Pamela bemerkt es natürlich sofort und weist ihn, ohne mit dem Singen aufzuhören, mit strengem Blick auf das auf der Bank liegende Gesangbuch hin. Fuller greift danach, weiß jedoch nicht, auf welcher Seite er suchen soll, und blättert fieberhaft. Das Buch entgleitet seinen Händen und fällt vernehmlich auf die Fliesen. Jetzt ist es der Pfarrer, der Fuller mit strengem Blick mustert. Fuller explodiert.

»Verdammt, ich habe wirklich keinen Bock mehr! Lasst uns endlich mit dem blöden Getue aufhören!«

Die Trauergemeinde erstarrt. In der eintretenden Stille ist nur Tony Junior zu hören, der eine Reihe kurzer, durchdringender Schreie ausstößt. Es hört sich an wie das Lachen einer Hyäne.

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Reliquie
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State of Kansas - Douglas County

Welcome to Eudora

People: 3800 (growing)

Visitor's fee:

$ 19 per hour

$ 59 half a day

$ 99 per day

Special rates on week-ends!

Getyour member card

Refugees not admitted

Endlich ist die Zeremonie beendet. Fuller und seine Frau nehmen die Beileidsbekundungen entgegen und verabschieden sich. Die Trauergemeinde steht in der großen Empfangshalle des Krematoriums von Eudora. Ein Stück abseits wartet eine andere Familie, die als nächste an der Reihe ist. Pamela, die während der Einäscherung ununterbrochen geschluchzt hat, umklammert die Urne mit Wilburs Asche, die der Pfarrer ihr in die Hand gedrückt hat, als wäre sie eine Reliquie von Jesus Christus persönlich. Fuller ist ausgesprochen enttäuscht vom Aussehen der Urne - es handelt sich um eine gewöhnliche, schwarze Plastikschachtel, die ein wenig an eine Schmuckschatulle für billiges Talmi erinnert. Er hat etwas wesentlich Massiveres erwartet, aus Marmor oder Stein vielleicht, und auf griechisch oder römisch getrimmt. Allerdings will er um jeden Preis vermeiden, Pamelas Aufmerksamkeit auf die in der Empfangshalle ausgestellten Urnen zu lenken, die wie Baseball-Pokale glänzen. Wilbur die ganze Zeit in einem Baseball-Pokal zu tausend Dollar das Stück auf dem Kaminsims ansehen zu müssen - nein danke! Er hat schon genug für den ganzen Zirkus hier blechen müssen, und das für einen Nichtsnutz, der den Preis seines Sarges nicht wert ist.

Fuller fühlt sich nervös, abgeschlagen und ziemlich gereizt. Zwar ist es ihm gelungen, während der Einäscherung auf der Toilette eine Calmoxan zu nehmen, doch die Pille scheint durch den Hormon- und Vitamincocktail, den er jeden Morgen zum Frühstück trinkt, ihre Wirksamkeit einzubüßen. Nach seinem Ausbruch ging die Zeremonie weiter, als ob nichts geschehen wäre, doch Fuller ist sich sicher, dass sämtliche Anwesenden ihn insgeheim tadelnd gemustert haben.

Pamelas Vettern begrüßen ihn mit einer dem Anlass entsprechenden Miene, murmeln banale Beileidsbezeugungen, reichen ihm lasche Hände und ziehen sich so hastig zurück, als könne er eine ansteckende Krankheit übertragen. Bei Pamela zeigen sie sich beredter, küssen sie, nicken und flüstern ihr etwas ins Ohr - bestimmt etwas gegen ihn. Anthony fällt auf, dass er ihre Namen noch immer nicht kennt. Doch als sein Vater ihn auf betont männliche Art umarmt, vergisst er sie sofort. Mit seinem glatten Erobererschnurrbart, den im Wind des Erfolgs wehenden weißen Haaren, dem perfekt sitzenden Maßanzug und der vergoldeten Remote Manager von Texas Instruments am Handgelenk gibt sich Richard III. auch im vorgerückten Alter noch wie ein Tycoon vergangener Jahrhunderte. Er hält sich übrigens tatsächlich dafür, obwohl er bei Exxon Hydrogen nur noch Ehrenvorsitzender ist und das Gehalt für seine Tätigkeit im Vorstand von Resourcing höchstens dafür reicht, seine Callgirls zu bezahlen.

»Nur Mut, mein Sohn. Du weißt ja, in Lawrence ersteht aus der Asche stets ein Phönix.«

Papa ist doch wirklich immer für einen Scherz gut, denkt Anthony, während er mit schmerzverzerrtem Gesicht die wuchtige Umarmung seines Vaters erträgt. Außerdem sind wir hier in Eudora, nicht in Lawrence.

Pamelas Eltern scheinen noch immer empört über sein Verhalten zu sein, denn sie würdigen ihn keines Blickes. Schließlich kommt der Abgesandte der K-State in Manhattan (Kansas) an die Reihe. Mit schüchtern an die Brust gedrücktem E-case tritt er zögerlich auf Anthony zu. Sofort entscheidet Fuller, dass ihm das Männlein unsympathisch ist und dass er bestimmt keinen müden Cent herausrücken wird.

»Mister Fuller? Darf ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen? Wilbur war ein ausgesprochen angesehener Student unserer Universität …«

»Reden Sie kein dummes Zeug! Wil hat nicht ein einziges Mal auch nur den Fuß in Ihr Institut gesetzt.«

»In der Tat, Sir, und das macht mich unendlich traurig. Dennoch hätte er Herausragendes leisten können. Einigen Professoren ist er aufgefallen…«

»Hören Sie, Mister« - wie hieß der Kerl noch gleich? Scheiß-Gedächtnislücken! Ich muss unbedingt vorsichtiger mit dem Metacain sein! -, »ich habe meinen Sohn von der KU abgemeldet, weil es mich zu teuer kam und nichts brachte. In diese Kaschemme in Manhattan habe ich ihn doch nur geschickt, um ihn hier nicht am Hals zu haben. Sie brauchen sich also gar nicht erst die Mühe machen, mir vorzugaukeln, er hätte bei Ihnen seine Begeisterung für die Wissenschaft entdeckt. Worauf wollen Sie hinaus? Was versuchen Sie, mir zu verkaufen?«

Der kleine Mann sackt unter Fullers beißender Ironie sichtlich in sich zusammen.

»Mein Name ist Peter Lawson, und ich bin stellvertretender Rektor der zur Debatte stehenden Kaschemme, die mit Sicherheit nicht so viel Geld zur Verfügung hat, wie die Consulting ww sie der herausragenden Kansas University in Lawrence bewilligt. Wir bekommen nicht einmal finanzielle Unterstützung von einer der von world-wide gekauften Regierungen. Trotzdem schlagen wir uns einigermaßen durch und vermitteln unser Wissen an Studenten, die sich noch Gedanken um ihre Zukunft und die ihres Landes machen. Ihr Sohn allerdings gehörte nicht dazu, so leid es mir tut.«

»Wir Fullers bauen mit eigenen Händen an der Zukunft Amerikas, Lawson«, explodiert Anthony. »Wir Fullers investieren in leistungsfähige Institute, die Kansas weiterbringen, und nicht in irgendwelche Pennernester mitten in der Wüste! Und ich verbiete Ihnen, meinen Sohn während seiner eigenen Trauerfeier zu beleidigen!«

Alle Köpfe wenden sich seiner Donnerstimme zu. Lawson verkriecht sich immer tiefer in seinen mausgrauen Anzug.

»Aber ich habe ihn nicht …«, beginnt er.

Er beendet den Satz jedoch nicht, sondern dreht sich auf dem Absatz um und eilt aus dem Krematorium. Weil zum wiederholten Mal alle Blicke auf ihm ruhen, zieht Fuller es vor, ihm zu folgen. Er fühlt sich so nervös, dass er am liebsten eine Zigarette rauchen würde. Schade, dass Tabak im gesamten Bundesstaat verboten ist. Außerdem hat er seit seinen verrückten Studententagen in Harvard nicht mehr geraucht. Mit der Hand umschließt er die Schachtel Calmoxan in seiner Hosentasche, wagt jedoch nicht, eine zweite Pille zu nehmen - er muss schließlich noch arbeiten.

Mit spöttisch verzogenen Lippen sieht er zu, wie Lawson auf dem mit anämischen Bäumen bepflanzten Parkplatz in einen alten, auf Ethanol umgerüsteten Chevrolet steigt und nach einigen Startschwierigkeiten über die 1420. Straße Nord auf den Ausgang der Enklave zuholpert. Na, dann viel Glück bei der Heimfahrt, denkt Fuller. Den K10 Highway darf Lawson mit der alten Schrottschleuder nicht befahren; er wird also wohl oder übel mit der 442 und der US 24 vorliebnehmen müssen. Diese Straßen sind allerdings in einem so jämmerlichen Zustand, dass Lawson für die hundertfünfzig Kilometer mindestens drei Stunden brauchen dürfte. Außerdem liegen ein paar Outer-Nester an der Strecke, und er muss durch das Gebiet der Shawnees, die Bleichgesichtern gegenüber nicht gerade freundlich gesinnt sind und gern auch mal ein Lösegeld erpressen. Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um herzukommen, wird Fuller mit einem Mal klar. Und ich weiß noch nicht einmal, was er eigentlich wollte.

Sein Blick schweift über die unbewegliche Landschaft, die wie eine Kulisse unter einem eintönig weißen Himmel daliegt. Der mit kränklichen Bäumen und vertrockneten Blumen bepflanzte Friedhof, dessen Rasenfläche - es handelt sich um Evergreen© von Universal Seed™ - in einem satten Veronesergrün prunkt, ist von ausgedörrten Feldern umgeben, die sanft zum Bett des Wakarusa abfallen. Der ehemalige Fluss ist zu einem brackigen, zwischen Steinen dahinsickernden Rinnsal geworden. An seinem Ufer entlang verläuft die Grenze der Enklave, die von einer fünfzehn Meter hohen, aus einem eigenen Fusionskraftwerk gespeisten Plasmawand umschlossen wird. Ein doppelter, mit allen nur denkbaren Alarmen gesicherter Stacheldrahtzaun verbarrikadiert vonseiten der Enklave den Zugang zur Grenze. Wer der Plasmawand nämlich zu nahe kommt, wird mit 40 000 Volt bei lebendigem Leib geröstet. Der einzige Schwachpunkt der Festung ist die Ausfahrt der K10, die von zwei Maschinengewehren, einem Raketenwerfer, einer Radaranlage und einer rund um die Uhr präsenten Patrouille der Eudora Civic Corp. bewacht wird. Das Leben in Eudora ist friedlich und vermittelt immer noch den Eindruck von Reichtum und Sorglosigkeit. Die Frage ist allerdings, wie lange noch. Als Fuller genauer hinsieht, muss er feststellen, dass das Moderkraut, eine sich mit virenartiger Geschwindigkeit ausbreitende Grasart, die sich aus transgenen Kulturen entwickelt hat und allen Unkrautvernichtungsmitteln widersteht, es tatsächlich geschafft hat, die Plasmawand zu durchbrechen und seine hässlich graugrünen Kissen immer weiter auszubreiten. Eines Tages wird wohl ganz Kansas unter dem Kraut ersticken. Fuller seufzt entmutigt. Ob es irgendwann gelingen wird, die Schranke wieder zu schließen und die Irrtümer vergangener Jahrzehnte zu reparieren? Oder ist die viel gerühmte Kreativität der Amerikaner nichts als eine verzweifelte Flucht nach vorn - eine Flucht in die Wüste?

Das Auftauchen seiner Frau in der offenen Säulenhalle vor dem Eingang des Krematoriums unterbricht Anthonys desillusionierten Gedankengang. Pamela trägt Wilburs Urne noch immer so, als ob sie einen wertvollen Schatz enthielte, und trotz der Prozac4, mit denen sie sich zweifellos vollgestopft hat, schäumt sie vor Wut.

»Na toll !«, zischt sie ihn an. »Super-Vorstellung! Ich nehme an, du bist richtig stolz auf dich.« Tränen schießen ihr in die Augen. »Mein Gott, was sollen die Leute bloß von uns denken? Und erst George. Der arme George.«

»Wer ist denn George?«

»George Parrish, unser Pfarrer. Wenn du ein wenig häufiger zum Gottesdienst gingest, würdest du ihn kennen…«

»Pamela, es reicht«, schneidet ihr Anthony das Wort ab. »Du hast deine Überzeugungen, ich habe meine. Darüber haben wir schon tausendmal diskutiert und müssen es nicht schon wieder durchhecheln. Außerdem störst du - ich bin gerade dabei, meine Nachrichten abzurufen.«

Das entspricht zwar nicht der Wahrheit, doch Anthony hat herausgefunden, dass es sich hervorragend als Ausrede eignet, um einem Streit mit Pamela aus dem Weg zu gehen. Da geschäftliche Dinge in ihrem Eheleben grundsätzlich unbedingten Vorrang haben, zieht Anthonys Frau sich in solchen Fällen meist zurück - zwar schmollend, aber ohne weitere Fragen.

Anthony wirft einen bedeutungsvollen Blick auf den Minicomputer am Handgelenk - es ist die neueste Technik von Nokia, made in China, und sowohl leistungsfähiger als auch schneller als die vergoldete Texas Instruments seines Vaters - und überfliegt die zahlreichen Mitteilungen, die er während der Zeremonie erhalten hat. Wie vorhergesehen, zieht Pamela sich schmollend zurück.

Allerdings hat Fuller nicht die Absicht, sich sofort wieder seinen Geschäften zu widmen. Vorerst möchte er die für Mitte Oktober recht angenehme Temperatur von 28°C genießen. Doch eine rot gekennzeichnete Nachricht höchster Priorität macht ihn neugierig. Die Message stammt von GeoWatch.

GeoWatch? Was mag da los sein? Ist etwa ein Satellit verloren gegangen?

Fuller klickt die Nachricht an, decodiert sie und liest mit, während sie über den winzigen Bildschirm flimmert:

Fremdzugriff auf Sat Mole-Eye 2AC

Bericht Enigma im Anhang

Erwarten Anweisung.

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Ein Don Juan der Ministerien
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In jener Zeit wird sich die Welt verwandeln […]

Hohe Uferböschungen stürzen ein

Wie Mauern aus Kalkstein

Bei einem Tornado.

Das Wasser der Flüsse versickert,

Wälder werden zu Wüsten,

Von großen Städten bleiben nur Ruinenfelder.

Dort, wo klares Wasser plätscherte,

Gibt es nichts mehr als Sandbänke.

Aus dem Njeddo Dewal, einer Initiationserzählung des Volks
der Fulbe, übertragen von Amadou Hampaté Bâ
(Nouvelles Editions Ivoriennes, 1993)

»Tut mir wirklich leid, Monsieur Coulibaly, aber die Präsidentin ist sehr beschäftigt. Sie kann Sie im Augenblick nicht empfangen.«

»Was soll das heißen - sie kann nicht? Ich habe einen Termin!«

Yéri Diendéré, die junge, hübsche und sehr kompetente Sekretärin der Präsidentin, schürzt entschuldigend die Lippen und zuckt die von ihrem Boubou unbedeckten Schultern. Dabei erbeben ihre Brüste unter dem gemusterten Stoff, was den scharfen Augen des Premierministers durchaus nicht entgeht.

»Sämtliche Termine sind abgesagt worden. Es geht um eine äußerst wichtige Angelegenheit.«

»Was für eine wichtige Angelegenheit? Meine Angelegenheit ist wichtig!«

Issa Coulibaly hebt ostentativ einen umfänglichen Attaché-Koffer über seinen Wanst. Der Premierminister ist fett, verschwitzt, kleidet sich wie ein Mafioso in einem billigen Film und hält sich für unwiderstehlich. Yéri kann ihn nicht leiden. Wieder zuckt sie die Schultern, fängt Coulibalys Blick auf und zieht ihren Boubou zurecht.

»Die Präsidentin hat keine genaueren Angaben gemacht. Sie erzählt mir durchaus nicht alles.«

Mit diesen Worten heftet sie den Blick wieder auf den Computerbildschirm und gibt dem Premierminister so zu verstehen, dass sie die Unterhaltung als beendet betrachtet. Doch so schnell gibt Coulibaly nicht auf.

»Wird diese wichtige Angelegenheit lange dauern?«

»Jedenfalls hat sie alle Termine abgesagt«, erwidert Yéri lakonisch.

»In diesem Fall könnten wir beide doch irgendwo etwas trinken gehen«, schmeichelt Issa mit seinem schmierigsten Lächeln. »Nur wir zwei. Wir warten einfach gemeinsam darauf, dass sie fertig wird.«

»Ich habe zu arbeiten«, erwidert ...

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