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Oase der Versuchung

Olivia Gates

Oase der Versuchung

1. KAPITEL

Hassan Aal Shalaan zog das Tuch vor seinem Gesicht höher, sodass nur noch ein schmaler Sehschlitz verblieb.

Mehr brauchte er nicht, um sein Ziel ins Auge zu fassen.

Der starke Nachtwind zerrte an ihm und trieb ihm den Sand unter die Kleidung. Noch einmal verharrte Hassan und duckte sich in den Schutz einer hohen Düne. Hinter dem Tuch spürte und hörte er deutlich seinen Atem, aber der Wind über der endlosen Weite der Wüste brauste noch lauter.

Geistesabwesend griff er nach seinem Sandcar, fast so, als wäre es sein edler Hengst. Doch das kleine geländegängige Fahrzeug war nicht da. Er war die letzten drei Kilometer zu Fuß gekommen, denn das Motorengeräusch wäre trotz des heulenden Windes zu hören gewesen.

Hassan hatte überlegt, ob er das Sandcar schieben sollte. Aber das hätte ihn mindestens zwanzig Minuten zusätzlich gekostet – und so viel Zeit hatte er nicht. Also hatte er es zurückgelassen.

Auch wenn in den letzten fünf Minuten nichts passiert war, ließ er sich nicht täuschen. Jeden Moment konnten sich die Dinge ändern. Dann war es zu spät, um einzugreifen.

Im Augenblick blieb alles beim Alten. Die beiden Posten, die den einzigen Eingang bewachten, kauerten an einem Feuer, das sich kaum gegen den gnadenlosen Wüstenwind behaupten konnte. Drei weitere Zweierteams patrouillierten um den behelfsmäßigen Unterschlupf aus Ziegelsteinen, der durch Sandstürme verwittert war. Aus dem Inneren drang das Licht einer Gaslaterne durch die schäbigen Holzjalousien.

Die Aal Ossaibis, ein Clan, der mit den Aal Shalaans rivalisierte, hatten sich in kürzester Zeit einen schlauen Plan ausgedacht. Die kleine steinerne Hütte lag mitten im Nichts, über achthundert Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt. Ein idealer Schlupfwinkel nach einer Geiselnahme.

Aber Hassan würde die Geisel befreien.

Er hatte hierhergefunden, indem er einem der Auftraggeber der Entführer auf die Spur gekommen war. Weil Hassan früh genug die Zusammenhänge durchschaut hatte, wusste er auch, wer die anderen maßgeblich Beteiligten waren. Er hatte ihre Handys geortet und war ihnen gefolgt, bis vor ungefähr dreihundert Kilometern der Empfang abgerissen war. Seitdem hatte Hassan alle technischen Hilfsmittel eingesetzt, die ihm zur Verfügung standen, und war mit Satellitenortung bis zu dieser Hütte gelangt.

Ohne seine Macht, ohne das entsprechende Hintergrundwissen und ohne den unbeschränkten Zugriff auf alle Systeme wäre ihm das kaum gelungen. Jeder andere wäre vermutlich an dieser Aufgabe gescheitert. Und doch hätte Hassan all das nichts genützt, wenn er nicht rechtzeitig die richtigen Schlüsse gezogen hätte.

Doch jetzt lief ihm die Zeit davon. Nach allem, was er über die Pläne der Entführer wusste, blieben ihm für die Befreiung kaum zwanzig Minuten. Dann würden die Drahtzieher eintreffen, um der Geisel Fragen zu stellen – und sie würden weitere bewaffnete Leute mitbringen.

Normalerweise hätte sich Hassan, der über gut ausgebildete Spezialtruppen verfügte, dadurch nicht aus der Ruhe bringen lassen. Schon das bloße Auftauchen seiner Einheiten für verdeckte Operationen hätte genügt, damit die Gegner die Waffen streckten. Aber selbst er als Zohayds Innenminister und Sicherheitschef wusste nicht mehr, wem er noch vertrauen konnte. Daher begleiteten ihn nur drei seiner allerbesten Männer, die nicht unter ihm dienten, sondern zur Familie gehörten.

Genau wie er würden sie ihr Leben für das Königreich geben.

Auch wenn Hassan davon überzeugt war, dass das auf viele seiner Männer zutraf, wollte er doch in dieser Angelegenheit keinerlei Risiko eingehen. Zu viel stand auf dem Spiel, und höchste Vorsicht war geboten, um den Frieden in der Region nicht zu gefährden.

Deshalb hielt Hassan gesundes Misstrauen für angebracht. Schließlich war selbst der Palast schon unterwandert worden.

Er schloss die Augen. Noch immer konnte er kaum fassen, dass seit Monaten gegen seinen Vater, den König, und gegen die ganze Familie Aal Shalaan eine Verschwörung im Gange war – die offenbar einen Umsturz zum Ziel hatte.

Der unschätzbar wertvolle Kronschatz, der Pride of Zohayd genannt wurde, der Stolz Zohayds, war gestohlen und durch Duplikate ersetzt worden. Und das auch noch vor dem jährlichen prächtigen Fest, bei dem der Schatz öffentlich präsentiert wurde, um Reichtum und Macht der königlichen Familie zu unterstreichen. Bei allen Stämmen des Landes galten die Juwelen als Symbol für die Macht in Zohayd.

Vermutlich hatten die Verschwörer vor, während dieses Festes die Schmuckstücke als Fälschungen zu entlarven und damit die Aal Shalaans zu entthronen.

Vor Kurzem hatte Hassans Bruder Amir geheiratet. Dem jungen Paar war es gelungen, wichtige Zusammenhänge aufzudecken. Auf der Grundlage dieser Informationen hatte Hassan in den letzten Wochen all seine Verbindungen und sein weit verzweigtes Computersystem eingesetzt. Und an diesem Morgen war er auf eine heiße Spur gestoßen, die ihn mit etwas Glück zum Kopf der Verschwörung führen würde.

Es hieß, dass ein Mann, der anscheinend amerikanischer Reporter war, mehr darüber wusste. Schon zwanzig Minuten später war Hassan in der Wohnung des Mannes eingetroffen. Aber – zu spät! Der Reporter war entführt worden.

Seitdem hatte Hassan nicht geruht und war den Entführern bis in diese verlassene Gegend gefolgt. Es war leicht zu erraten, was die skrupellosen Aal Ossaibis vorhatten: dem Mann seine Geheimnisse abzupressen und ihn dann mutterseelenallein in der Wüste zurückzulassen.

Schon das war für Hassan Grund genug, einzugreifen. Solange er etwas zu sagen hatte, würde in Zohayd keinem Unschuldigen ein Haar gekrümmt. Nicht einmal jemandem, der den Aal Shalaans schaden konnte. Und nicht einmal T. J. Burke.

T. J. Burke. Der Mann war ein Rätsel.

In Hassans Datenbank befanden sich aktuelle Angaben zu jedem Reporter auf der ganzen Welt. Denn in seinen Augen verfügten Journalisten über die gefährlichste aller Waffen: die Medien mit ihrem gnadenlosen Einfluss auf das politische Geschehen und die öffentliche Meinung.

Doch über diesen T. J. Burke hatte er seltsamerweise nichts herausfinden können. Es war, als hätte er erst vor einer Woche – mit seiner Ankunft in Zohayd –, zu existieren begonnen.

Bei seinen Recherchen war Hassan nur auf einen einzigen T. J. Burke gestoßen, der infrage kam: einen amerikanischen Computerspezialisten, der für einen internationalen Konzern in Azmahar gearbeitet hatte. Aber der Mann war schon vor einem Jahr in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Wenige Monate später war ihm wegen Betrugs und Unterschlagung, die er in Zohayd begangen haben sollte, der Prozess gemacht worden. Im Moment verbüßte er eine fünfjährige Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis. Auch nach aktuellen Informationen saß er gut verwahrt in seiner Zelle.

Vielleicht hatte der entführte Mann rein zufällig diesen Namen angenommen – oder er gab sich gezielt als T. J. Burke aus. In diesem Fall musste er ein Spion sein. Verblüffend, dass ihm die Geheimhaltung seiner Absichten und Pläne so gut gelungen war. Außerdem wusste Hassan nicht, mit wem oder für wen dieser Mann arbeitete.

Aber wer auch immer dieser T. J. Burke war, Hassan würde ihn auf jeden Fall retten. Und wenn sie erst in Sicherheit waren, würde er schon etwas aus ihm herausbekommen.

Falls der Mann wirklich wusste, was Hassan hoffte – oder treffender: fürchtete –, würde er nach dem Preis dieser unschätzbar wertvollen Information fragen. Und freiwillig das Doppelte dafür zahlen, damit der Mann niemandem sonst davon erzählte.

Allmählich nickten die Wachen vor dem Feuer ein. Hassan gab Munsoor, seinem Ersten Offizier, ein Zeichen, das dieser an Yazeed an der Südseite der Hütte weitergab. Und Yazeed wiederum gab es weiter an Mohab an der Westseite.

Zwei Mal feuerten sie gleichzeitig Betäubungspfeile ab, und keiner von ihnen verfehlte sein Ziel. Hassan sprang auf und erreichte mit wenigen Sätzen die Steinstufen vor dem Eingang. Blitzschnell waren seine Leute bei ihm.

Die Männer und er nickten einander kurz zu. Im gespenstischen Schein des Feuers, das außer den Sternen die einzige Lichtquelle bildete, wirkten ihre Gesichter unwirklich verzerrt.

Sie würden mit allem fertig werden, komme, was da wolle. Los!

Er drückte gegen die Tür, die sich quietschend öffnete. Laut durchdrang das Geräusch die nächtliche Stille. Hassan blickte sich im Halbdunkel um. Von Burke keine Spur. Aber eine verzogene Brettertür führte in ein weiteres Zimmer. Dort musste er sein.

Hassan betrat den Raum und sah sofort den schlanken, sandfarben gekleideten Mann mit kurz geschnittenem Bart.

Es schien eine kleine Ewigkeit zu vergehen, als sich ihre Blicke trafen. Trotz des schlechten Lichts fielen Hassan die helle Haut und die goldblonden Haare des Mannes auf – und die ausdrucksstarken Augen, die azurblau zu leuchten schienen.

Im nächsten Moment erkannte er, dass sie sich in einer Art einfachem Badezimmer befanden – aber Burke war nur hier drin, weil er versuchte, auszubrechen. Das über Kopfhöhe gelegene Fenster hatte er bereits geöffnet. Und das mit vor dem Körper gefesselten Händen!

Hassan war sich sicher, dass die Entführer ihm ursprünglich die Hände auf den Rücken gefesselt hatten und Burke sich bereits so weit befreit hatte, dass er sie zumindest eingeschränkt benutzen konnte. Offenbar war er ein durchtrainierter Mann, der viele Überlebenstechniken beherrschte. Eine Minute noch, und er wäre aus eigener Kraft entkommen.

Da Burke nicht wusste, dass eine Flucht ihn ins Nichts führen würde, war er vermutlich bewusstlos oder mit verbundenen Augen hergebracht worden. Aber aus seinem Blick sprach so viel Mut, dass Hassan sich sicher war: Der Mann wäre so oder so geflohen. Er war der Typ, der sich lieber bei einem Ausbruchsversuch erschießen ließ, als auf Knien um sein Leben zu flehen. Er war klug, einfallsreich – und furchtlos.

Aber sein Leben war in höchster Gefahr. Hassan musste ihm helfen.

Es bestand kein Zweifel, dass die Entführer Burke töten würden, damit er den Aal Shalaans nichts verriet.

Also durften sie keine Zeit verlieren! Er stürzte auf den Mann zu und packte ihn am Arm. Im nächsten Augenblick fühlte er sich, als hätte ihn eine Rakete im Gesicht getroffen. Es dauerte etwas, bis Hassan begriff: Der Mann hatte ihm einen satten Kinnhacken versetzt!

Benommen wich Hassan zunächst den Schlägen des Mannes aus.

Dann griff er ihn an und versuchte, ihn durch eine feste Umklammerung kampfunfähig zu machen. Auf weiteren Kontakt mit den eisenharten Fäusten Burkes konnte er verzichten …

Burke gab nicht auf, und beinahe gelang es ihm, freizukommen.

„Hören Sie auf, sich zu wehren“, flüsterte Hassan. „Ich will Ihnen doch helfen!“

Entweder lag es an dem Tuch vor Hassans Gesicht, dass der Mann ihn nicht verstand, oder er glaubte ihm nicht. Jedenfalls bekam Hassan einen so heftigen Tritt gegen das Schienbein, dass er fast in die Knie ging.

Er konnte kaum glauben, wie stark und schnell dieser kleine, drahtige Mann war.

Was wäre erst, wenn Burke nicht gefesselt wäre, dachte Hassan und zog das Tuch herunter. Er drückte den Mann gegen die unebene Steinwand und den Unterarm gegen seinen Hals.

Wieder begegneten sich ihre Blicke. Und wieder fielen Hassan die ausdrucksstark leuchtenden Augen auf, mit denen ihn Burke erschrocken und zugleich voller Verachtung ansah.

Hassan war verwirrt. Trotzdem drückte er den Mann fester gegen die Wand. „Wollen Sie, dass ich Sie bewusstlos schlage und wie einen Sack Wäsche wegtrage? Für Ihren Verfolgungswahn ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Wenn Sie hier lebend rauskommen wollen, tun Sie, was ich sage.“

Hassan wartete die Antwort nicht ab, aber Schrecken und Feindseligkeit schienen aus den Augen des Mannes verschwunden zu sein. Hassan sah es, beschloss jedoch, sich darüber später Gedanken zu machen, und drängte Burke Richtung Tür.

Indessen machte es ihnen plötzlich einsetzendes Gewehrfeuer unmöglich, die Hütte auf diesem Weg zu verlassen.

Offenbar waren neue Bewaffnete eingetroffen. Hassan wollte seinen Männern zu Hilfe eilen, aber sie hatten vor ihrer Mission vereinbart, dass nur das Ziel zählte. Auf alles andere kam es nicht an.

Zum Glück hatte Hassan sich schon vorher einen anderen Fluchtweg ausgedacht.

Geistesgegenwärtig griff er nach seinem Messer und schnitt Burkes Fesseln durch. Dann lief er mit ihm zurück ins Bad, bückte sich und hob die Hände, sodass er Burkes Fuß Halt geben konnte.

Doch zu Hassans Überraschung sprang der Mann, gewandt wie eine Katze, nach oben, hielt sich am Fensterbrett fest und zog sich hoch. Mit einer flüssigen Bewegung kletterte er blitzschnell durch die Öffnung. Hassan hörte deutlich, wie er draußen auf dem Boden abrollte.

War dieser Mann ein Akrobat? Oder gehörte er, genau wie er selbst, einer Spezialtruppe an? Wie auch immer, dieser Burke schien einiges auf dem Kasten zu haben. Jetzt konnte Hassan nur hoffen, dass der sture Kerl nicht das Weite suchte.

Jedenfalls würde er selbst, bei seiner Größe, doch etwas länger brauchen, bis er sich durch die enge Fensterluke gequetscht hatte.

Zehn Sekunden später landete auch Hassan, wenn auch bäuchlings, im Freien. Im Licht der Sterne zeichnete sich Burkes Silhouette deutlich ab. Er stand da und wartete. Offensichtlich war er klug genug zu erkennen, dass Hassan ihm helfen wollte.

Hassan sprang auf und begann zu laufen. „Folgen Sie mir!“, befahl er.

Wortlos gehorchte Burke.

Unter dem nächtlichen Himmel rannten sie über die Dünen, nur von Hassans Leuchtkompass geleitet. Seine Taschenlampe, mit deren Hilfe sie zum Sandcar gefunden hätten, wagte er nicht zu benutzen. Schließlich wusste er nicht, ob seine Männer mit allen Gegnern fertig geworden waren. Falls nicht, würde der Lichtschein einer Lampe sie auf ihre Spur bringen, und alles wäre umsonst gewesen.

Während die beiden Männer rannten, sagte sich Hassan immer wieder, dass es den anderen gut ging. Bestimmt wissen würde er das erst, wenn er mit dem Hubschrauber, der einige Kilometer entfernt stand, in ein Gebiet mit Handyempfang fliegen würde.

Momentan hatte T. J. Burke Vorrang.

Hassan sah, dass Burke das Tempo gut durchhielt, obwohl er mehr Schritte machen musste, weil er kleiner war. Er war nicht nur ein gewandter und mutiger Kämpfer, sondern auch top trainiert.

Gut zu wissen, dachte Hassan. Er hatte schon gefürchtet, dass er Burke mehr oder weniger zum Sandcar würde schleppen müssen, falls dieser nicht mehr weiterkonnte. Aber die Gefahr bestand definitiv nicht. Offenbar teilte der Reporter seine Kräfte sehr gut ein, denn er atmete tief und regelmäßig.

Und wieder war Hassan verwirrt. Warum hörte, ja empfand er den Atem des Mannes so deutlich? Trotz des heulenden Windes? Er hatte ein seltsames Gefühl, das in der Höhe des Herzens begann und allmählich tiefer wanderte.

Wieder kämpfte Hassan dagegen an und biss die Zähne fest zusammen.

Als sie das Sandcar erreichten, sprang Hassan auf das vierrädrige Gefährt, das eher einem Motorrad als einem Auto glich. „Setzen Sie sich hinter mich!“

Ohne zu zögern, kam Burke der Aufforderung nach und hielt sich an Hassan fest, als würden sie das jeden Tag machen.

Ein eigenartiger Schauer durchlief Hassan …

Er ließ den Motor an, und gleich darauf ritten sie auf dem Sandcar förmlich über die Dünen. Hassan fuhr noch waghalsiger, als es die Situation erforderte.

Er schwieg, während er über Erhebungen und Vertiefungen sprang und alles aus der Maschine herausholte. Immer wieder spritzte Sand hinter ihnen auf. Und je unebener das Gelände wurde, desto fester hielt sich der Mann an ihm, bis Hassan das Gefühl hatte, sie wären völlig zusammengeschweißt.

Als er Burkes Körperwärme spürte, die durch alle Kleidungsstücke bis in sein Innerstes zu dringen schien, stockte ihm der Atem.

Adrenalin! schoss es ihm durch den Kopf. Bestimmt liegt es an dem Stresshormon, dass ich mich so unbehaglich fühle. Denn selbst unter diesen Umständen ist es alles andere als selbstverständlich, einem anderen Menschen so nahe zu sein.

Denn was sollte es sonst sein?

Hassan war heilfroh, als er in einem Tal zwischen den Dünen seinen Transporthubschrauber sah. Damit war zum einen die Flucht geglückt, und zum anderen konnte er sich endlich aus Burkes Umarmung befreien.

Er gab noch einmal Gas und hätte das Sandcar beinahe umgestürzt. Vor der Pilotenkanzel hielt er an und stellte den Motor ab.

Mit einer einzigen gewandten Bewegung streifte er Burkes Hände ab und sprang vom Sandcar. Auch Burke stieg hinter ihm ab, und wieder erschien er Hassan kraftvoll und katzengleich. Er betrachtete den Mann, der dastand und auf Anweisungen wartete.

Inzwischen hatte sich Hassan an die Dunkelheit gewöhnt, und er erkannte Einzelheiten. Mit windzerzausten blonden Haaren und ausdrucksstarken Augen wirkte Burke zart und unwirklich, wie ein Wesen aus einer Zauberwelt. Nichts konnte seiner Schönheit etwas anhaben. Seiner Schönheit?

„Steigen Sie ein und schnallen Sie sich an“, befahl Hassan unwirsch. So verrückt hatte er noch nie empfunden. „Ich lade das Sandcar ein.“

In diesem Moment zerriss ein Geräusch die nächtliche Stille wie Donnerhall. Sofort begriff Hassan: Gewehrfeuer!

Auch Burke riss erschrocken die Augen auf.

Dann spürte Hassan den Schmerz.

Er war getroffen.

In die linke Seite, auf Höhe des Herzens. Hassan konnte nur hoffen, dass das Herz selbst unverletzt war. Jedenfalls fühlte er sich nicht schwächer. Noch nicht.

Offenbar hatten seine Männer nicht alle Gegner abfangen können. Man war ihnen gefolgt. Das konnte das Ende bedeuten.

Hassan reagierte blitzschnell und sprang zu Burke, um zu verhindern, dass dieser in Deckung ging. Dazu blieb ihnen keine Zeit.

Zum Glück hatte er sich umsonst Sorgen gemacht. Burke war weder dumm noch feige. Schnurstracks rannte er auf den Helikopter zu, selbst als immer mehr Schüsse fielen.

Hassan war offenbar durch Zufall getroffen worden, denn Scharfschützen waren hier nicht am Werk. Dennoch gab ein so großer Hubschrauber natürlich ein bequemes Ziel ab …

Nur wenige Sekunden später saßen sie auf ihren Sitzen und hoben vom Boden ab.

Hassan flog in großer Höhe und so schnell wie möglich. Nun konnte ihnen niemand mehr folgen, weder zu Fuß noch mit einem Geländewagen.

Erst jetzt dachte er wieder an seine Wunde. Bisher hatte er unter Schock gestanden und kaum etwas davon mitbekommen. Doch jetzt spürte er einen brennenden Schmerz in der linken Seite, der sich bis in die Achselhöhle zog. Bestimmt nur eine Fleischwunde, redete er sich ein. Vielleicht auch ein Rippenbruch … Nichts Schlimmeres. Hauptsache, keine verletzte Schlagader.

Noch ehe er sich darüber weitere Gedanken machen konnte, stellte er fest, dass sie Treibstoff verloren. Der Tank des Hubschraubers hatte eine Kugel abbekommen!

Aufmerksam beobachtete er die Anzeige. So schnell, wie der Tank leer wurde, würden sie die Hauptstadt nicht mehr erreichen. Und auch keine andere bewohnte Gegend, von der aus er Kontakt zu seinen Leuten aufnehmen konnte.

Nun blieb nur die Möglichkeit, einen Umweg zu machen und auf die nächste Oase zuzuhalten. Sie war achtzig Kilometer entfernt und lag damit rund siebenhundert Kilometer näher als jede andere menschliche Ansiedlung.

In dieser Oase lebten die Menschen noch sehr ursprünglich, fernab der Zivilisation. Aber von dort aus würde Hassan Boten losschicken können, damit sie seinen Leuten Bescheid sagten. Wenn man einen drohenden Sandsturm miteinrechnete, würde es ein bis zwei Wochen dauern, bis seine Brüder und Cousins erfuhren, dass er nicht tot war. Auch wenn sie sich große Sorgen machen würden – eine andere Art zu überleben gab es nicht.

Nur so konnten sie es schaffen. Sie würden die Oase anfliegen, ihre Wunden versorgen und Hassans Leuten Nachricht geben. Damit war die Aufgabe erfüllt …

Im nächsten Moment erkannte Hassan blitzartig, dass der Treibstoffverlust nicht sein einziges Problem war. Sie verloren an Höhe! Offenbar hatte das Steuerungssystem etwas abbekommen.

Er konnte nichts dagegen tun.

Wenn sie nicht abstürzen wollten, mussten sie auf der Stelle notlanden.

„Sind Sie angeschnallt?“, fragte er Burke.

Dieser hatte bereits begriffen und nickte wortlos.

Hassan blieb keine Zeit, ihm Mut zu machen, denn er ließ nichts von dem unversucht, was er als Testpilot gelernt hatte. Aber sosehr er sich auch bemühte, den Hubschrauber einigermaßen sanft aufzusetzen – unter den gegebenen Umständen gelang ihm nur eine Bruchlandung.

Nach dem höchst unsanften Aufprall atmete Hassan tief aus und lehnte sich im Sitz zurück. Immerhin hatten sie überlebt …

Im nächsten Moment schienen ihm die Instrumente vor den Augen zu verschwimmen. Hatte er zu viel Blut verloren? Oder funktionierte nur die Cockpitbeleuchtung nicht mehr richtig? Der Hubschrauber war Schrott, so viel stand fest.

Aber darum ging es nicht. Sondern um seinen Kameraden.

Hassan befreite sich von seinen Gurten und stellte das Licht heller. Besorgt wandte er sich Burke zu.

Dieser hatte den Kopf nach hinten gegen den Sitz gedrückt und wirkte erschrocken, aber auch erleichtert.

Ihre Blicke begegneten sich. An dem, was dann geschah, gab es nicht den geringsten Zweifel: Hassan war erregt!

Wie das? Was ist nur mit mir los?

Stand er etwa unter Schock und reagierte deshalb so … seltsam?

Schluss mit dem Unsinn! Ich muss feststellen, ob er verletzt ist.

Er streckte die Hand nach Burke aus, der wie elektrisiert zusammenzuckte. Offenbar erging es ihm ähnlich. Sie mussten den Verstand verloren haben.

Hassan versuchte, sich zu beruhigen und dieses höchst eigenartige Gefühl zu verdrängen. Er fasste Burke bei den Schultern und drehte ihn ins Licht.

Burke wehrte sich.

„Halten Sie doch still! Ich will sehen, ob Sie verletzt sind.“

„Mir fehlt nichts.“

Burkes raue Stimme drang Hassan bis ins Innere. Und das, obwohl sich die Rotoren noch immer mit lautem Flapp-Flapp drehten.

Plötzlich verstand er. Dabei hatte er schon befürchtet, dass er durch den Blutverlust an Sinnestäuschungen leiden könnte. Aber diese … unerklärlichen Gefühle hatten ihm schon vorher zu schaffen gemacht. Inzwischen hatte er seine Reaktionen genau beobachtet und konnte sich einen Reim darauf machen. Im Grunde hatte er es von Anfang an gewusst.

Gut, wenn man auf seine innere Stimme hört, dachte er.

Und im Augenblick sagte sie ihm, dass er T. J. Burke begehrte. Aber das konnte nur eines bedeuten.

Er griff in Burkes zerzaustes goldfarbenes Haar, das sich so weich wie feinste Seide anfühlte. Burke atmete schneller, und Hassan spürte, wie seine Erregung wuchs.

Als er mit dem Daumen die feuchten Lippen berührte, gab es keinen Zweifel mehr: Sein Gegenüber war ebenso von intensiven Gefühlen überrascht wie er selbst.

Seine Erkenntnis ließ Hassan triumphieren. Lächelnd fragte er: „Verraten Sie mir eines? Warum geben Sie sich hier in der Wüste als Reporter aus? Sind Sie in Wirklichkeit eine Spionin? Eine Art moderne Mata Hari?“

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