Logo weiterlesen.de
Oase der Liebe

Jennie Lucas

Oase der Liebe

1. KAPITEL

Einen Mann zu heiraten, den man nicht liebt, ist viel einfacher als gedacht, stellte Jasmine Kouri für sich fest.

Mit einem mechanischen Lächeln händigte sie dem wartenden Kellner die leere Champagnerflöte aus. Warum hatte sie sich nur so lange mit ihrer Einsamkeit herumgequält? Sie hätte diesen Schritt schon vor Jahren tun sollen.

Ihre Verlobungsparty steuerte langsam auf den Höhepunkt zu. Die gesamte High Society des Scheichtums Qusay war versammelt. Jeder, aber auch wirklich jeder, der sie einst geschnitten hatte, vergnügte sich heute im luxuriösen weißen Pavillon am mindestens so weißen Mittelmeerstrand. Immer wieder hob man die funkelnden Kristallgläser mit dem teuren Champagner zum Toast auf die Ankündigung ihrer Hochzeit mit dem zweitreichsten Mann des Landes.

Umar Hajjar hatte keine Kosten und Mühen gescheut, den Tag zu einem prunkvollen Event zu machen. Wann immer sich das Sonnenlicht in dem Fünfzehnkaräter an Jasmines linker Hand brach, funkelte der sündhaft teure Diamant in allen Tönen des Farbspektrums und blendete förmlich seine Bewunderer.

Der Ring war ebenso protzig wie schwer, und die Sonne stach so erbarmungslos vom Himmel, dass Jasmine sich dankbar dem Wüstenwind zuwandte, den sie sonst eher mied. Genoss die sanfte Brise, die mit den bauschigen Röcken ihres blassgrünen Chiffonkleides spielte, das ihr Verlobter für sie in Paris gekauft hatte.

Sie wandte sich um und schaute über die gepflegten Rasenflächen hinüber zum Herrenhaus im italienischen Stil, von dessen Türmen rote Flaggen grüßten, in deren Mitte Hajjars persönliches Wappen prangte. Alles, sowohl dieses weitläufige Anwesen wie seine anderen Domizile, die rund um den Erdball verteilt lagen, oder seine Weltklasse-Rennpferde waren Prestigeobjekte, die von seinem immensen Reichtum zeugten.

Ein ganzes Jahr lang belagerte er Jasmine in New York und verfolgte sie mit seinen Aufmerksamkeiten. Erst gestern hatte sie seinem unablässigen Werben nachgegeben und ganz überraschend seinen Antrag angenommen. Diese Party war der erste Schritt in Umars Bestreben, die Bevölkerung von Qusay den alten Skandal vergessen zu lassen, der mit Jasmines Namen in Verbindung stand.

Er würde sie zu einer perfekten Braut transformieren. Zu seiner perfekten Braut … nicht anders, als wenn er ein vielversprechendes Pferd trainierte, um es zu einem Gewinner zu machen – koste es, was es wolle!

Aber nicht das war es, was Jasmines Herz bis zum Hals schlagen ließ, als sie mit ängstlichem Blick die Menschenmenge im Pavillon abtastete. Ihr ging es nicht um Geld, sondern um etwas sehr viel Kostbareres.

Juwelenüberladene Matronen der oberen Zehntausend des Landes steuerten auf sie zu, um ihr zu gratulieren – unter ihnen einige der lästerlichsten Klatschmäuler, die ihr Leben ruiniert hatten, als sie noch jung und schutzlos gewesen war. Doch es würde sich nicht schicken, die alten Hexen jetzt daran zu erinnern, deshalb dankte Jasmine ihnen nur artig und lächelte, bis ihre Wangenmuskulatur schmerzte.

Dann stockte ihr der Atem, als sie entdeckte, wonach sie die ganze Zeit über Ausschau gehalten hatte.

Ihre Familie!

Bei ihrem letzten Zusammensein war sie ein verängstigter sechzehnjähriger Teenager gewesen. Weil sie Schande über die Familie gebracht hatte, wurde sie fortgeschickt – ins Exil und in Armut, von ihrem stolzen, untröstlichen Vater und ihrer leise weinenden Mutter. Doch inzwischen waren dreizehn Jahre vergangen, und wegen ihrer bevorstehenden Heirat würde niemand es wagen, sie noch einmal derart zu demütigen und zu verletzen.

Mit einem erstickten Aufschrei breitete Jasmine ganz weit die Arme aus, um ihre inzwischen erwachsenen Schwestern, die wie aufgescheuchte Hühner auf sie zugerannt kamen, zärtlich zu umfangen.

„Ich bin sehr stolz auf dich, meine Tochter“, brummelte kurz darauf ihr Vater und klopfte unbeholfen Jasmines Schulter. „Zu guter Letzt hast du dich ja doch noch gefangen und alles richtig gemacht.“

„Oh, mein geliebtes Kind!“, rief ihre Mutter unter Tränen. Sie drückte Jasmine an sich und küsste sie auf die Wange. „Du bist viel zu lange weggeblieben.“

Und in dieser Zeit waren ihre Eltern sichtbar gealtert, stellte Jasmine etwas wehmütig fest. Ihre Schwestern, als schlaksige Kinder in ihrer Erinnerung verankert, glichen inzwischen gestandenen Frauen mit Ehemännern und Kindern im Anhang.

Nachdem sie ihre ganze Familie ausgiebig begrüßt und umarmt hatte, trat Jasmine einen Schritt zurück, spürte, wie der Wüstenwind ihr atemberaubendes Kleid erneut erfasste, und genoss das Gefühl der sich bauschenden Chiffonlagen, die in allen Farben des Meeres schillerten.

Ich habe mich richtig entschieden, versicherte sie sich in einer Aufwallung widerstreitender Emotionen. Endlich war sie wieder daheim, mit ihrer Familie zusammen und hatte einen eigenen Platz gefunden, den sie für die glanzvollste Karriere in New York niemals aufgeben würde. Umar zu heiraten war der richtige Entschluss.

„Ich habe euch auch alle schrecklich vermisst“, gestand sie rau.

Doch viel zu schnell musste sie sich von ihren Lieben trennen, um weitere Gäste zu begrüßen. Gleich darauf fühlte sie Umars Hand auf ihrem Arm.

Lächelnd schaute er auf sie herab. „Glücklich, Darling?“

„Ja“, antwortete Jasmine und wischte sich die letzten Tränenspuren vom Gesicht. Umar hasste es, sie in irgendeiner Form derangiert zu sehen. „Doch einige der Gäste scheinen das Festessen gar nicht mehr abwarten zu können. Wer ist denn nun dein geheimnisvoller Ehrengast, und warum lässt er uns so lange warten?“

„Geduld, Darling, bald wirst du ihn sehen“, erwiderte er, beugte sich hinab und küsste sie auf die Wange. Umar Hajjar war sehr schlank, hochgewachsen und Ende vierzig. Der Typ Mann, der auch im Pferdestall noch Designeranzüge trug. Dank bedachtem Gebrauch lichtstarker Sonnencreme war sein hageres Gesicht bleich und relativ faltenfrei, das dunkelgraue Haar sorgfältig mit Gel zurückgekämmt.

„Hörst du?“, fragte er mit geneigtem Kopf.

Jasmine furchte die Stirn und lauschte hinaus in die Wüste. Aus der Ferne erschallte ein Geräusch wie Donner, das immer lauter wurde. Doch am strahlendblauen Himmel zeigte sich nicht das kleinste Wölkchen. „Was ist das?“

„Unser Gast …“, Umars Lächeln wurde immer breiter, „… der König.“

Jasmine stockte der Atem. Aufsteigende Panik schnürte ihr den Hals zu. „König … welcher König?“

Umar lachte. „Aber wir haben doch nur einen König, Darling.“

Wie in Zeitlupe drehte sie sich um und schaute über die grünen Rasenflächen in Richtung des schmiedeeisernen Tores, das den riesigen Besitz zur Wüste hin abgrenzte und durch das in diesem Moment drei Männer hoch zu Ross auf die Verlobungsgesellschaft zupreschten. Hajjars Sicherheitsleute waren respektvoll zur Seite getreten und verharrten in tiefer Verbeugung, während der stolze Anführer und seine beiden schwarz gekleideten Gefolgsleute ihre Pferde zügelten.

Alle drei Reiter hatten dunkle, harte Gesichter und waren bewaffnet, doch der Frontmann war größer und breitschultriger als seine Begleiter. Der reich verzierte und juwelenbesetzte Dolch an seiner Seite zeugte von seinem hohen Rang, während die eisige Kälte in den stahlblauen Augen von Rücksichtslosigkeit und Arroganz sprach.

Als er sich von dem riesigen schwarzen Hengst schwang, gab seine strahlendweiße Robe unter Qusays sengender Sonne einen perfekten Kontrast zu seiner bronzefarbenen Haut ab.

Am ganzen Körper bebend flehte Jasmine inständig, dass sie sich irrte. Er konnte es nicht sein. Er durfte es einfach nicht sein!

Doch eigentlich gab es keinen Zweifel an seiner Identität. Dreizehn lange Jahre waren ihr die schmerzhaft vertrauten Züge nur in quälenden Albträumen erschienen. Jetzt stand er leibhaftig vor ihr.

Der erbarmungslose Wüstenprinz …

Und dann erkannte auch die Partygesellschaft den verspäteten Gast. Das kollektive Aufkeuchen konnte sich durchaus mit Jasmines grenzenloser Überraschung messen.

Kareef. Der Mann, der sie erst verführt und dann tiefster Scham und Schande ausgeliefert hatte. Der Mann, der für die Einsamkeit und Trauer verantwortlich war, die ihr halbes Leben beherrscht hatte, und der Jasmine so grausam für das Verbrechen zahlen ließ, ihn zu lieben …

Kareef Al’Ramiz, den man in wenigen Tagen zum König von Qusay krönen würde.

Jasmine fühlte sich so vehement von sengendem Hass überflutet, dass sie leicht ins Schwanken geriet. Instinktiv klammerte sie sich an Umars Arm. „Was hat er hier zu suchen?“

Um die dünnen Lippen ihres Verlobten spielte ein seltsames Lächeln. „Der König ist mein Freund. Bist du jetzt beeindruckt, Darling? Das war Teil meines Planes. Komm …“ Er zog Jasmine mit sich über den weichen Rasen, um den Ehrengast zu begrüßen. Sie versuchte, sich dagegen zu wehren, doch Umar hielt ihr schmales Handgelenk wie mit einer Eisenklammer umschlossen und lief stur weiter.

Das strahlende Weiß des Pavillons, die blaue See und das grüne Gras schienen in einem wilden Kaleidoskop von Farben zu zerschmelzen und machten Jasmine ganz benommen. Um Atem ringend versuchte sie, ihre Kontrolle wiederzugewinnen, und schaute nervös auf ihren Verlobungsring, der sich plötzlich kalt und fremd auf ihrer Haut anfühlte.

„Sire!“, rief Umar jovial über den Rasen hinweg seinem Gast zu. „Sie erweisen mir mit Ihrem Erscheinen eine große Ehre.“

„Der Anlass sollte auf jeden Fall wichtig genug sein …“, grollte der andere Mann, „… wenn ich extra deswegen meinen Wüstenritt unterbrechen und in die Stadt zurückkehren muss.“

Beim Klang von Kareefs Stimme, diesem dunklen rauen Ton, der einst Musik in ihren Ohren gewesen war, befürchtete Jasmine ernsthaft, auf ihrer eigenen Party das Bewusstsein zu verlieren. Wie würde Umar wohl darauf reagieren?

Heirate mich, Jasmine …

Kareefs drängendes Flüstern von damals hallte in ihrem Kopf wider. Seine dunklen Augen schienen sie verschlingen zu wollen, während er ihre Wange zärtlich und voller Verlangen streichelte. Heirate mich.

Nein, sie konnte Kareef nicht nach all den Jahren gegenübertreten! Nicht jetzt! Niemals! Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. „Ich muss gehen“, murmelte sie erstickt und versuchte, sich aus Umars Griff zu befreien. „Entschuldige mich …“

Überrascht von ihrer Kraft und Entschlossenheit gab Umar sie tatsächlich frei. Allerdings so abrupt, dass Jasmine strauchelte und in einer duftigen blassgrünen Chiffonwolke zu Boden sank. Sie hörte, wie Kareef eine leise Verwünschung ausstieß, und wurde im nächsten Moment von starken Händen wieder auf die Füße gestellt.

Die brüske Berührung war so maskulin und elektrisierend, dass es unmöglich Umar sein konnte, der ihr aufgeholfen hatte. Als Jasmine den Blick hob, schaute sie in ein strahlend blaues Augenpaar. Von der Sonne geblendet, vermochte sie den Ausdruck nicht gleich zu erkennen. Kareefs starke Hand hielt ihre bebenden Finger noch immer umfangen.

Plötzlich wurde sein Griff so hart, dass sie fast aufgeschrien hätte. „Jasmine …“, flüsterte er heiser.

Sie konnte nicht antworten, ja, kaum Luft holen. Wie durch Watte hörte sie die Möwen draußen auf See schreien und das Summen der Insekten um sich herum. Die rund zweihundert Gäste, die sich in ihrem Rücken tummelten, hatte sie völlig ausgeblendet.

Die Zeit war stehengeblieben. Es gab nur noch sie beide. Sie sah ihn an und spürte seine Haut an ihrer. Wie in jeder einzelnen Nacht der vergangenen dreizehn Jahre, während der unruhigen Träume in ihrem Penthouse in New York …

Umar trat zwischen sie, und der Zauber verflog.

„Sire …“, sagte er mit breitem Lächeln, „… ich habe die Ehre, Ihnen meine Braut Jasmine Kouri vorzustellen.“

Zutiefst geschockt schaute Kareef in Jasmines zauberhaftes Antlitz.

Niemals hätte er damit gerechnet, ihr je wieder zu begegnen. So unverhofft vor ihr zu stehen, sie zu berühren, verursachte eine Explosion von Feuer und Eis in seinem Körper, die ihn zu zerreißen drohte.

Gegen seinen Willen tastete er mit den Augen jedes Detail ihres ovalen Gesichtes ab. Die langen schwarzen Wimpern, die zitternd die cremige Haut ihrer Wangen berührten, wenn sie den Blick senkte. Die winzige rosa Zungenspitze, mit der sie unbewusst über die vollen roten Lippen fuhr.

Das dichte schwarze Haar, das früher offen und glatt über den Rücken herabfiel, trug Jasmine jetzt als weich fallende Lockenpracht, die perfekt zum luftigen Traumkleid im Stil der 1930er Hollywoodfilme passte. Es betonte die vollen Brüste und unfassbar schmale Taille, die schlanken Arme schimmerten trotz der langen Ärmel durch den halbtransparenten Stoff.

Eigentlich war sie von Kopf bis Fuß eingehüllt, dennoch war der Effekt fantastisch. Sie wirkte ungeheuer aufregend und glamourös und … unnahbar. Am liebsten hätte er sie einfach von hier entführt, um sie neu zu entdecken … er wollte sie noch intensiver fühlen, schmecken. Allein vom flüchtigen Kontakt ihrer Finger brannte seine Haut wie Feuer.

Dann erst realisierte er, was sein Gastgeber eben gesagt hatte.

Jasmine … Umar Hajjars Braut?

Als hätte er einen Fausthieb in den Magen bekommen, zuckte Kareef zurück. Er atmete tief durch und wandte sich Jasmine langsam zu. „Du bist verheiratet?“

Ihre Blicke begegneten sich, und Kareef verspürte einen Schmerz, der seine Brust zu sprengen drohte. Jasmine befeuchtete nervös die trockenen Lippen mit der Zungenspitze und senkte die Lider über den wundervollen Augen.

„Noch nicht“, antwortete Umar für seine Verlobte. „Doch sehr bald wird sie es sein, gleich nach dem Qais Cup.“

Kareef schaute weiter nur Jasmine an, doch die hielt den Blick gesenkt und sprach kein Wort.

Dabei hatte sie früher in seiner Gegenwart nonstop geplappert, ihn mit ihrem launigen Geplauder aus seinen schlechten Stimmungen gelockt und immer wieder zum Lachen gebracht. Er fand ihre muntere Konversation stets entspannend. Vielleicht, weil sie so natürlich und ungekünstelt herüberkam. Anfangs war Jasmine extrem schüchtern gewesen und schien eifriges Bücherstudium den Flirtversuchen eines Prinzen und Scheichs vorzuziehen. Doch nachdem es ihm gelungen war, sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken, erzählte sie ihm bereitwillig alles, was in ihrem hellen Köpfchen vor sich ging.

Wie jung sie beide damals gewesen waren … und wie unschuldig.

Jasmine.

Der Name war wie eine Zauberformel, und Kareef konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, ihn immer wieder laut zu sagen, um dem warmen Klang nachzulauschen. Es fiel ihm schwer, eine ausdruckslose Miene zu bewahren, während in seinem Innern eine heiße Schlacht der Gefühle tobte.

„Ich bin sehr glücklich, dass Sie unsere Verlobungsparty trotz der späten Einladung mit Ihrer Anwesenheit beehren“, sagte Umar und legte seine blassen, sorgfältig manikürten Hände von hinten auf Jasmines Schultern. „Wir erwarten Ihre Erlaubnis, das Festmahl zu servieren, mein König.“

Kareef kämpfte mit der Versuchung, Jasmine von Umar wegzureißen und den Mann zu Boden zu schlagen, der ihm einst das Leben rettete. Denn dies war nicht irgendeine Frau, sondern das Mädchen, das er vor vielen Jahren gebeten hatte, seine Frau zu werden!

„Sire …?“

„Ja, das Essen …“ Kareef versuchte, ruhig durchzuatmen, während er seine beiden Bodyguards anwies, sich um die Pferde zu kümmern. Dann schaute er zu dem weißen Pavillon hinüber und in die erwartungsvoll lächelnden Gesichter der Partygäste. Einige der älteren, besonders honorigen Society-Größen steuerten bereits auf ihn zu, in der Hoffnung, von ihm bemerkt zu werden und ihm vielleicht sogar ein kurzes Gespräch abringen zu können.

Nach so vielen Jahren Abgeschiedenheit im selbst gewählten Exil der Wüste von Qais, war Kareef nicht gerade für seine Geselligkeit und Umgänglichkeit bekannt. Doch irgendwie machte ihn genau das in den Augen der Elite von Shafar besonders interessant und begehrenswert. Jedermann in dieser verdammten Stadt schien geradezu darauf versessen zu sein, die Aufmerksamkeit des Barbaren-Königs, wie er im Volksmund hieß, zu erhaschen.

Er war noch nicht einmal gekrönt, doch nach qusanischer Tradition sprach man ihn bereits als König an und verehrte und behandelte ihn fast wie eine Gottheit. Die Bevölkerung von Qusay hatte aufmerksam verfolgt, was er für den Wüstenstaat von Qais getan hatte, und wünschte sich den gleichen Einsatz auch für sich. Und deshalb hofierte man ihn auf eine Weise, die ihn abstieß.

Er hasste diese Art von aufgezwungener Nähe. Deshalb hatte er auch nie wieder nach Shafar zurückkommen wollen. Doch vor ein paar Wochen, nicht lange nach dem plötzlichen Tod des alten Königs bei einem Flugzeugabsturz, hatte sich der Kronprinz, sein Cousin, selbst von der Thronfolge ausgeschlossen.

Xavian … nein, Zafir, wie er wirklich hieß, fand überraschend heraus, dass kein Tropfen Al’Ramiz-Blut in seinen Adern floss, und verzichtete deshalb auf den Thron. In Wahrheit war er Prinz Zafir von Calista, der als Fünfjähriger von Schmugglern entführt und bewusstlos am Strand von Qusay angetrieben wurde.

Königin Inas, die in jener Nacht ihren einzigen Sohn Xavian verlor, sah in dem fast gleichaltrigen Fremdling einen Wink des Himmels, pflegte Zafir gesund und gab den Jungen, der an Gedächtnisverlust litt, fortan als ihren Sohn und Thronerben aus, während der echte Xavian heimlich und in aller Stille auf einem anonymen Friedhof begraben wurde.

Inzwischen regierte Zafir an der Seite seiner Frau, Königin Layla, den Wüstenstaat Haydar. Seine Entscheidung war korrekt und ehrenhaft gewesen, und Kareef hätte sie normalerweise voll unterstützt, bis auf einen einzigen Umstand: Durch Zafirs Rückzug war es nun an ihm, den Thron von Qusay zu besteigen …

Und jetzt würde er auch noch mit ansehen müssen, wie Jasmine vor seinen Augen einen anderen Mann heiratete! Durfte er das vom rechtlichen wie vom moralischen Standpunkt aus überhaupt zulassen?

Kareef fluchte lautlos in sich hinein.

„Es ist uns wirklich eine große Ehre, Sire …“, brachte sich Umar Hajjar, der die Hände inzwischen von Jasmines Schultern genommen hatte, mit einer tiefen Verbeugung in Erinnerung. „Wenn ich Sie noch um eine weitere Gunst bitten dürfte …?“

Kareef knurrte nur gereizt, während der Ältere ihm seine Braut förmlich in den Weg schob. „Würden Sie mir die Ehre erweisen, meine zukünftige Frau in den Pavillon zu geleiten?“

Kareef stockte der Atem. Dieser alte Narr verlangte tatsächlich von ihm, Jasmine zu berühren? Seine Hand unter ihren schlanken Arm zu legen und ihr so nahe zu sein, dass er ihren Duft einatmen und ihren Atem auf seiner Haut spüren konnte? Allein sie anzuschauen, brachte ihn fast um!

Einst war sie ein reizendes Mädchen mit großen dunklen Augen und einer sexy Figur gewesen. Jetzt war sie die schönste und aufregendste Frau, die er in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Hinter dem stolzen Blick lagen verborgenes Leid und geheime Sehnsüchte. In dieses Antlitz konnte ein Mann ewig schauen, ohne auch nur annähernd alle Geheimnisse zu ergründen.

Und als sie ihm jetzt einen langen Blick schenkte, standen in ihren nachtdunklen Augen ein stummer Vorwurf und eine Bitte, die ihre anbetungswürdigen Lippen niemals aussprechen würden. Und doch erinnerte dieser Blick an alles, was er so verzweifelt zu vergessen gesucht hatte …

Kareef schloss die Augen, um die schrecklichen Bilder zu verbannen. Mit aller Gewalt zwang er seinen Atem in einen gleichmäßigen Rhythmus und streifte jegliche Emotion seines Körpers und seiner Seele ab, wie man Schmutz und Staub nach einem heißen, langen Wüstenritt von der Haut wusch. Jahrelange Übung hatte ihn gelehrt, auf diese Weise zu überleben.

Dann öffnete er die Augen und stellte fest, dass es in diesem Fall nicht half.

Jasmines Anblick ließ das jahrelang gewaltsam unterdrückte Begehren aufflammen wie ein sengendes Feuer. Er wollte sie, so, wie es ihn immer nach ihr verlangt hatte! So, wie er sich nie nach einer anderen Frau verzehrt hatte.

„Sire …?“

Unwillig hielt er Jasmine seinen gebeugten Arm entgegen. Es war die höchste Auszeichnung, die er der Braut eines anderen Mannes bezeugen konnte. Und als er sprach, klang seine Stimme kalt und kontrolliert.

„Darf ich Sie zu Tisch führen, Miss Kouri?“

Nach kaum merklichem Zögern legte Jasmine ihre Hand auf seinen Arm. Sie spürte die Hitze seines kraftvollen Körpers durch den dünnen Stoff des Ärmels, hob stolz den Kopf und schaute Kareef direkt in die Augen. „Ich fühle mich geehrt, mein König.“

Niemand außer Kareef hörte die bittere Ironie hinter den glatten Worten.

Die Partygäste traten zurück, um eine Gasse zu bilden, und verbeugten sich fast bis zum Boden, während Jasmine am Arm des Königs zwischen ihnen hindurchschritt. Umar folgte dem Paar, auf dem bleichen Gesicht einen Ausdruck höchster Genugtuung.

Sobald sie ihren Platz erreicht hatten, gab Kareef sie frei, trat an den Tisch heran und griff nach einer Kristallflöte. Augenblicklich verstummte das Gemurmel der Gäste. Jedermann hing erwartungsvoll an den Lippen des neuen Herrschers.

„Ich möchte meinem geschätzten Freund und Gastgeber, Umar Hajjar, für die großherzige Einladung zu diesem besonderen Anlass danken.“ Er hob das Glas in Umars Richtung, und der antwortete mit einem Lächeln und einer graziösen Verbeugung, die seinen eleganten Designeranzug perfekt zur Geltung brachte. „Und ich heiße seine Braut, Jasmine Kouri, nach langer Abwesenheit herzlich in ihrem Heimatland willkommen, dem ihre außerordentliche Schönheit zur Ehre und Zierde gereicht. Miss Kouri …“ Jetzt zeigte das Champagnerglas in Jasmines Richtung.

„Es lebe das glückliche Brautpaar!“, schlossen sich die über zweihundert Gäste als stimmgewaltiger Gratulationschor dem Toast des Königs an.

Jasmine sagte nichts, doch als er den Stuhl für sie zurechtrückte und sie sich setzte, spürte Kareef, wie ihm heiße Wellen von Hass und Unversöhnlichkeit entgegenschlugen.

Das Essen wurde serviert – jeder einzelne Gang eine Offenbarung. Neben zartem Lamm und frischem Fisch gab es köstlich gewürzten Reis, Oliven und gebackene mit Fleisch gefüllte Auberginen. Und das war nur der Anfang!

Während er mechanisch die vorzüglichen Speisen zu sich nahm, war sich Kareef einzig und allein Jasmines verstörender Nähe bewusst. Obwohl ihr Verlobter sie immer wieder ermunterte, brachte sie offenbar kaum einen Bissen hinunter. Sie lächelte nur vage und hielt Messer und Gabel fest umklammert wie Waffen.

„Du solltest wirklich mehr essen, Darling“, ermahnte Umar sie zum x-ten Mal. „Noch dünner als jetzt, würdest du viel von deiner Attraktivität einbüßen.“

Unattraktiv? Jasmine?

Kareef konnte nicht fassen, was er mit anhören musste! Grimmig starrte er auf seinen Teller.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Oase der Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen