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Die Bücherjäger

Über den Autor

Andreas Gößling, geboren 1958, lebt und arbeitet als freier Autor in Coburg. Der promovierte Literatur- und Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit mythen- und kulturgeschichtlichen Themen, insbesondere mit der alten Maya-Kultur, mit Drachenmythen sowie mittelalterlicher Magie und Alchimie. Neben Romanen für erwachsene und junge Leser hat er auch zahlreiche Sachbücher publiziert.

Andreas Gößling

Opus

Die
Bücher
jäger

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel I

1

LEGT AMOS VON HOHENSTEIN in Ketten! Verbindet seine Augen und knebelt ihn! Und was auch geschehen mag – ihr dürft ihm die Fesseln auf keinen Fall lösen. Hast du das verstanden, Waldo?«

»Jawohl, Euer Gnaden.«

»Und du, Franz – was ist mit dir?«

»Wie befohlen, Herr.«

»Ihr seid meine treuesten Soldaten«, sagte der, den die beiden anderen »Herr« und »Euer Gnaden« genannt hatten, und stieß mit lautem Pusten die Atemluft aus. »Ich vertraue euch voll und ganz. Ihr bringt den Gefangenen auf sicheren Nebenwegen nach Nürnberg, wie wir es besprochen haben. Und kein Wort zu irgendwem!«

»Jawohl, Euer Gnaden.«

Amos hatte diesen Wortwechsel wie durch eine Nebelwand mit angehört. Die drei Männer mussten irgendwo da draußen in dem dunklen Gang sein – jenseits der beiden Pechfackeln, die bei Tag und Nacht vor seiner Kerkertür brannten. Die Stimmen kamen ihm allesamt bekannt vor, aber hier unten im Felsverlies konnte man sich seiner Sinneseindrücke selten sicher sein.

Das Fauchen der Flammen verfolgte ihn bis in den Schlaf. Der schwarze Qualm brannte ihm in den Augen, sodass er ständig wie durch einen Tränenschleier sah. Die kleinsten Geräusche, selbst Räuspern oder Hüsteln, wurden hier unten durch vielerlei Echos verfremdet. Vor allem aber war es im immerwährenden Halbdunkel schwer, Einbildungen und wirkliche Geschehnisse auseinanderzuhalten. Wie lange er schon in diesem Verlies unter der Bamberger Bischofsburg festsaß, hätte Amos gar nicht sagen können. Drei Tage oder genauso viele Ewigkeiten. Längst hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Hunger und Durst quälten ihn unaufhörlich. Er fühlte sich matt und schwindlig, doch schlimmer als alles andere war die Hoffnungslosigkeit.

Der kurzatmige Herr da draußen schien noch immer nicht ganz beruhigt. »Lasst euch von dem harmlosen Aussehen dieses Jünglings nicht täuschen«, sagte er in beschwörendem Tonfall. »Amos von Hohenstein ist wie ein gefräßiger Wolf, der die wehrlosen Lämmer zerfleischt – vergesst es niemals!« Er unterbrach sich, um neuerlich pustend auszuatmen. »Schwört mir – Waldo, Franz«, fuhr er fort, »dass ihr euren Gefangenen zur Heiligen Inquisition in Nürnberg bringen werdet – und wenn sich die Hölle vor euren Füßen auftut, um euch daran zu hindern.«

»Wir schwören es!«, riefen die beiden Wächter aus.

»So ist es gut, meine Kinder«, sagte »Euer Gnaden« daraufhin. »Brecht jetzt unverzüglich auf.«

»Wie befohlen«, erhielt er neuerlich zur Antwort – und gerade in diesem Moment erwachte Amos aus seiner Erstarrung.

»Bitte, Herr!«, rief er und seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren zittrig und schwach. Der anscheinend wohlbeleibte Mann, der bei jedem Aus- und Einatmen wie ein Blasebalg pustete und keuchte – das konnte ja niemand anderes als Fürstbischof Georg sein, dem er vor seiner Verhaftung Das Buch der Geister hatte überbringen wollen. Aber aus welchem Grund bemühte sich der Herrscher höchstselbst in diese modrige Unterwelt hinab? Und die beiden Soldaten, denen Fürstbischof Georg eben seine Befehle erteilt hatte – waren das nicht dieselben Burgwächter, die Amos bei jenem unseligen Zusammentreffen überwältigt hatten? Wie eigenartig, dachte er – bisher hatte er hier unten außer einem greisen Kerkerwärter keine Menschenseele zu sehen bekommen. Anfangs hatte er den Alten immer angefleht, ihn zum Herrn Fürstbischof zu bringen, aber schließlich war ihm klar geworden, dass der Wärter taub und mit Blödigkeit geschlagen war.

Amos sprang auf und taumelte zur Zellentür. »Bitte, hört mich an!« Er umfasste zwei der rostigen Gitterstäbe mit seinen Händen. »Herr Fürstbischof, so glaubt mir doch – ich wurde genauso wie Ihr selbst getäuscht!«

Anstelle einer Antwort vernahm er unverständliches Gemurmel. Gleich darauf entfernte sich mit schweren Schritten einer der Männer. Das konnte nur der Fürstbischof sein – offenbar hatte er nicht die Absicht, seinen Gefangenen noch einmal anzuhören. Ganz im Gegenteil: Er wollte sich Amos so schnell wie irgend möglich vom Hals schaffen, und er hatte seine Soldaten angewiesen, den Häftling zu knebeln, damit er an niemanden auch nur ein einziges Wort richten konnte. Jedenfalls so lange, bis ihn die Inquisitoren in Nürnberg in ihrem Folterverlies befragen würden.

Amos ließ die Eisenstäbe los und tappte zurück zu der Steinbank, die als Bett, Tisch und Stuhl in einem diente. Er ließ sich wieder darauf fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die kalte Felswand und schloss die Augen. Es machte kaum einen Unterschied, ob er seine Lider öffnete oder schloss. So wie es wohl auch keinen Unterschied machte, ob er um Gnade winselte oder sich in sein Schicksal ergab. Wen die Inquisition erst einmal in ihren Fängen hatte, dessen Leben war verwirkt. Wie oft hatte er früher von Unglücklichen erzählen gehört, die von den Hexen- und Ketzerjägern verhaftet worden waren! Solche Geschichten wurden stets nur mit ängstlich gedämpfter Stimme weitergegeben und sie gingen ausnahmslos grässlich aus.

Die beiden Soldaten, die der Fürstbischof mit Waldo und Franz angeredet hatte, traten in den Fackelschein vor seiner Kerkertür. Erstaunt sah Amos vom einen zum andern. Kein Wunder, dass ihre Stimmen ihm so bekannt vorgekommen waren – es waren wahrhaftig die Gardisten, die das Tor der Bischofsburg bewacht hatten, als Klara und er Einlass begehrt hatten. Warum hatte der Herr Georg gerade diese beiden beauftragt, ihn nach Nürnberg zu bringen? Schließlich hatte Amos mit eigenen Augen gesehen, dass hier in der Burg auch ein Trupp Kirchenkrieger stationiert war. Wenn ihn der Fürstbischof doch nach Nürnberg schaffen lassen wollte – warum nicht durch diese päpstlichen Soldaten in den purpurroten Uniformen, die dem Inquisitor direkt unterstellt waren? Sonderbar, dachte Amos. Doch weit mehr noch erstaunte ihn, dass die beiden Torwächter wie fahrende Händler gekleidet waren. Anstelle ihrer Uniformen trugen sie eng anliegende Hosen, darüber weite Hemden und Umhänge, unter denen allerdings ihre Kurzschwerter hervorblitzten.

Der Jüngere der beiden nestelte einen Schlüssel aus der Gürteltasche und stieß ihn ins Türschloss. Das musste Waldo sein, der schnauzbärtige, hochgewachsene Wachsoldat, der Klara und Amos bei ihrer Ankunft so grimmig gemustert hatte. »Kein Wort, sonst …«, sagte Waldo in drohendem Tonfall und zeigte Amos seine Faust.

Amos nickte ihm zu. Er wusste genau, wovor die beiden Wächter sich fürchteten, und er konnte es ihnen wahrlich nicht verdenken. Ihm selbst erging es ja kaum anders – wenn er daran dachte, wie er bei jenem Treffen alle Versammelten in die magisch beschworene Vergangenheit zurückgerissen hatte, dann wurde auch ihm noch immer ganz unheimlich zumute.

»Und sieh auf den Boden!«, fuhr ihn Franz an – der ältere Wächter, der Klara und ihn damals zu den Gemächern des Hofkaplans gebracht hatte.

Franz war von stämmiger Gestalt und nicht mehr ganz jung an Jahren – das Haupthaar gelichtet, das runde Gesicht wie von einem geheimen Kummer zerfurcht. Während sie dem Wachsoldaten durch das Burggelände gefolgt waren, hatte Amos noch geglaubt, dass sie ihm vertrauen dürften und er vielleicht sogar selbst der Bruderschaft Opus Spiritus angehörte. Allerdings hatte derselbe Franz ihn bei seinem missglückten Fluchtversuch unerbittlich festgehalten, während Waldo ihm von hinten seinen Knüppel auf den Kopf geschlagen hatte. Und gerade in dem Sekundenbruchteil, bevor Amos in den Abgrund der Ohnmacht hinabgestürzt war, hatte ihn eine Erkenntnis durchzuckt, die ihn immer noch tief erschreckte, sobald er auch nur flüchtig daran dachte.

Bei dem ganzen mörderischen Verwirrspiel, in das die Bruderschaft Opus Spiritus sie alle verwickelt hatte, musste es um etwas sehr viel Mächtigeres und sehr viel Gefährlicheres gehen, als er bisher geglaubt hatte. Um die Erweckung magischer Kräfte weit jenseits jener Fähigkeiten, die in ihm selbst und in Klara durch die ersten beiden Geschichten aus dem Buch der Geister bereits wach geworden waren. Gefühlsmagie und Gedankensprache – das waren nur die allerersten Stufen auf einer Treppe, die bis in schwindelnde Höhen führte. Oder bis in höllische Tiefen – je nachdem.

Woher ihm diese Erleuchtung gekommen war, hätte Amos nicht sagen können, aber er spürte genau, dass es die reinste Wahrheit war. Seitdem fürchtete er sich vor den magischen Kräften, die durch das Buch der Geister in ihnen erweckt worden waren – und er verspürte sogar zuweilen ein leises Unbehagen, wenn er Klara Gefühls- und Gedankenbotschaften schickte oder von ihr auf dem gleichen Weg Nachrichten erhielt. Welche Fähigkeiten die dritte und die vierte Geschichte zusätzlich in ihren Lesern erwecken konnten, hatte Valentin Kronus ihm niemals verraten wollen – und manchmal fragte sich Amos, ob der alte Mann sich in diesem Punkt vielleicht deshalb so hartnäckig ausgeschwiegen hatte, weil es dunkle, zerstörerische Gaben waren. »Ein wenig wie die Engel« werde Amos sein, wenn er erst das ganze Buch der Geister gelesen und zuinnerst verstanden hätte – das hatte Kronus einmal zu ihm gesagt. Aber »wie die Engel« konnte mancherlei bedeuten – schließlich kamen in der Bibel auch Engel der Verheerung vor, die Menschen töten oder zu Steinsäulen verwandeln konnten.

»Du sollst uns nicht anstarren, Teufelsbursche!«, schnauzte Waldo.

Folgsam senkte Amos den Kopf. Offenbar glaubten die Wächter, dass er die teuflische Gabe des »eindringenden Blicks« besäße, und auch in diesem Punkt hatten sie wohl nicht ganz unrecht. In den Tagen, die er hier unten verbracht hatte, hatte sich Amos mehr als einmal gefragt, ob er mittlerweile genauso brennende Flammenaugen hatte wie der furchtbare Magier Faust.

Aber an Faust und an jene magische Reise in dunkelste Vorzeit, auf die ihn der mächtige Zauberer geschickt hatte, wollte er jetzt wirklich nicht denken. In seinem Kopf erhob sich dann immer ein sausender Schwindel, und ihm war, als ob er kopfüber in einen schwarzen Abgrund stürzen müsste – einen bodenlosen Schlund, der sich unter seinen Füßen und gleichzeitig in seinem eigenen Innern befand.

Mit rostigem Kreischen drehte sich der Schlüssel, und zum ersten Mal, seit Amos eingekerkert worden war, ging seine Zellentür auf. Unter halb gesenkten Lidern sah er zu, wie Franz und Waldo in sein Gefängnis traten, wie der eine ein Tuch und der andere einen breiten Lederriemen unter seinem Umhang hervorzog. Sie verbanden ihm die Augen und knebelten ihn mit dem Riemen, der widerlich schmeckte – aber auch nicht ekelhafter als die Suppe, die ihm der uralte Verlieswärter immer durch die Luke am Fuß seiner Kerkertür geschoben hatte. Eine schlammtrübe Brühe, in der Kartoffelschalen und weitaus ärgere Brocken schwammen – doch nach anfänglichem Sträuben hatte Amos die gräuliche Tunke immer bis auf den letzten Tropfen in sich hineingeschlürft.

»Mitkommen!«, befahl Waldo. Sie packten ihn bei den Armen und zerrten ihn mit sich. Ein gutes Dutzend Schritte weit, dann wurde er zurückgerissen und mit dem Rücken gegen eine raue Steinwand gedrückt. »Stehen bleiben!«, kommandierte der schnauzbärtige Wächter.

Eine Tür wurde geöffnet und kurz darauf ertönte lautes Klirren. Amos erschauerte – schon der dunkle, scheppernde Klang ließ erahnen, wie schwer und rostig die Ketten waren, die sie ihm jetzt um seine Hand- und Fußknöchel schlingen würden.

»Sieh nach, ob die Pferde angeschirrt sind«, sagte Waldo, der bei den beiden offenbar den Ton angab, obwohl er so viel jünger war als Franz. »Wenn die Karre fertig ist, gib mir ein Zeichen – dann komme ich mit dem kleinen Teufel hoch.«

Schritte entfernten sich nach links, die Treppe hinauf – das musste der Wächter Franz mit dem gramzerfurchten Gesicht sein, dessen Stimme immer so bekümmert klang.

»Versuch am besten, bald einmal zu fliehen, Teufelchen«, hörte er Waldos raue Stimme an seinem Ohr. »Du tust mir damit einen großen Gefallen. Und weißt du auch, warum?« Er unterbrach sich und schien darauf zu warten, dass sein Gefangener eine Antwort durch seinen Knebel stöhnte. Doch Amos zuckte nicht einmal mit den Schultern. »Ganz einfach«, fügte der Wachsoldat schließlich hinzu und sein stinkender Atem fuhr Amos in die Nase. »Dann kriegst du meine Axt ins Kreuz und ich brauche nicht tagelang Straßenstaub fressen.«

Er wand eine Kette um Amos’ Handgelenke, eine zweite um seine Fußknöchel und schloss die losen Enden jeweils mit einem Vorhängeschloss zusammen. Eine dritte Kette hängte er in die Handfesseln ein, und als von irgendwo über ihnen ein Pfiff ertönte, schlang sich Waldo das klirrende Ende um eine Hand. »Auf geht’s, Teufelsjunge!«

Wie einen Hund an der Leine zog er Amos hinter sich her.

2

DIE BEIDEN SOLDATEN saßen vorn auf dem Kutschbock, die meiste Zeit schweigend. Ab und an ließ Franz ein grämliches Gemurmel hören, doch Waldo fuhr ihm jedes Mal grob übers Maul. »Halt die Augen offen, Waschweib, und die Schnauze zu.«

Amos spürte die Anspannung der beiden Männer, auch wenn er nach wie vor nicht verstand, wovor sie sich eigentlich fürchteten. Und noch weniger, weshalb sie als reisende Kaufleute verkleidet waren, obwohl sie im Auftrag des Landesfürsten einen Gefangenen nach Nürnberg bringen sollten.

Es ergab einfach keinen Sinn, so wie allerdings nur allzu vieles in diesem Verwirrspiel keinen Sinn zu ergeben schien. Wen auf dieser Erde hatte der Fürstbischof von Bamberg denn überhaupt zu fürchten – wenn er doch laut Klara einer der mächtigsten Herrscher im Deutschen Reich war?

Sosehr sich Amos auch den Kopf zerbrach, er kam einfach nicht darauf. Wahrscheinlich konnte ja die päpstliche Inquisition selbst einem so gewaltigen Mann wie Fürstbischof Georg Schwierigkeiten bereiten. Aber gerade dem Inquisitor Leo Cellari sollten die beiden Soldaten doch ihren Gefangenen überbringen – ihn, Amos von Hohenstein, der in den Augen des Fürstbischofs zweifellos ein besonders gefährliches Mitglied der Bruderschaft Opus Spiritus war. Dabei hatte dieselbe Bruderschaft vor drei Jahren Amos’ Eltern ermorden lassen, und erst als er selbst längst unrettbar in die Machenschaften der mysteriösen Loge verstrickt war, hatte Amos erfahren, dass es diesen geheimen Orden namens Opus Spiritus überhaupt gab.

Amos schnitt wilde Grimassen, um die Binde über seinen Augen zu lockern. Er runzelte die Stirn, riss die Augen auf, kniff sie wieder zu und versuchte sogar, mit den Ohren zu wackeln. So schaffte er es tatsächlich, die Binde um anderthalb Zoll nach oben zu verschieben. Aber wie er seine Augen auch verdrehte – sehen konnte er nach wie vor so gut wie nichts.

Allem Anschein nach fuhren sie ihn in einem Planwagen durchs Land. Er lag auf einer Schicht aus Tuchballen und sonstigen Bündeln, die mit Vogelfedern oder irgendeinem anderen weichen Zeug vollgestopft waren. Weitere Ballen und Rollen waren um ihn herum aufgeschichtet – auch ohne die elenden Eisenfesseln, die ihm Hände und Füße zusammenschnürten, hätte er sich kaum von der Stelle rühren können.

Wenn er die Augen weit genug verdrehte, um unter der Binde hindurchzuschielen, konnte er verschwommene Schatten wahrnehmen, die einer nach dem anderen vor der Wagenplane vorübertanzten. Riesenhafte Bäume, schien es ihm – offenbar fuhren sie auf holprigen Wegen durch dichten Wald. Seit einer geraumen Weile ging es überdies steil aufwärts – der Wagen ächzte zum Erbarmen, die Kutschpferde kamen nur noch im Schritttempo voran und alle paar Augenblicke ließen die Soldaten vorne die Peitsche schnalzen und feuerten die Gäule mit dumpfen Zurufen an.

Allem Anschein nach mieden Waldo und Franz die Handelsstraße, die durch Täler und Ebenen über Forchheim nach Nürnberg führte. »Auf sicheren Nebenwegen«, hatte der Fürstbischof angeordnet, sollten sie ihre menschliche Fracht zum Inquisitionskerker am Nürnberger Liebfrauenplatz bringen – und wieder fragte sich Amos, weshalb der Landesherrscher seine eigenen Soldaten angewiesen hatte, sich wie lichtscheues Gesindel auf mühseligen Umwegen durchzuschlagen.

Er dachte darüber nach und versuchte gleichzeitig, den ekelhaften Geschmack des vielfach zerkauten Lederriemens in seinem Mund zu ignorieren. Genauso wie den nagenden Hunger, den noch quälenderen Durst und die Ketten, die ihm die Haut an den Handgelenken wund scheuerten. In seinen Füßen kribbelte es, als ob tausend Ameisen auf seinen Fußsohlen herumkrabbeln würden – da unten hatte Waldo seine Fesseln viel zu eng zusammengezurrt, aber Amos war klar, dass er durch lautes Stöhnen und Kettenklirren seine Lage nur noch verschlimmern würde.

Der schnauzbärtige Soldat war sowieso schon wütend, weil er diese beschwerliche und gefahrvolle Reise auf sich nehmen musste. Waldo wartete bloß darauf, dass ihr Gefangener ihm einen Vorwand bot, um seinen Zorn an ihm auszulassen. Aber das alles, sagte sich Amos, spielte sowieso keine Rolle mehr.

Morgen, spätestens übermorgen würden sie ihn in die Hände des Inquisitors Cellari geben. Weshalb also sollte er sich heute über zu eng geschnürte Fesseln beklagen – wenn er in allenfalls zwei Tagen im Folterkeller sitzen würde? Cellaris Schergen ausgeliefert, die ihn mit glühenden Nägeln und Zangen martern würden, bis er endlich gestand, wer die Hintermänner des Opus Spiritus waren? Dabei wusste er selbst noch weniger als der Inquisitor, was es mit diesem Geheimorden auf sich hatte, von wem er gegründet worden war und was diese dunklen Brüder mit dem Buch der Geister letzten Endes bezweckten.

Aber natürlich würde Cellari ihm kein Wort glauben. Und so würden sie ihn weiter und weiter martern, ihn aufs Rad flechten und an der Seilwinde emporziehen, bis ihm die Knochen aus den Gelenken sprangen, und andere Grässlichkeiten mehr. Auf dem eisernen Streckbett würde er sich voller Sehnsucht an diese Fahrt zurückerinnern, dachte Amos, er würde sich wünschen, wieder in Ketten, geknebelt, mit verbundenen Augen umhergerüttelt zu werden.

Angst flutete in ihm empor. Warum gerade ich?, dachte er. Wie kam diese Bruderschaft dazu, ihn und Klara wie Spielfiguren hin und her zu schieben – und jetzt auch noch sein Leben zu opfern, als ob er ein Schachbauer wäre, bei dem es nicht weiter drauf ankam? Ich will nicht sterben, dachte Amos, und ich habe schreckliche Angst vor den Schmerzen, die der Inquisitor Cellari mir zufügen wird, um alles aus mir herauszuquetschen, was ich über das Opus Spiritus weiß.

Aber ich weiß nichts, ich weiß gar nichts. Ich weiß nicht einmal, warum Valentin Kronus, der Mann, den ich wie einen zweiten Vater verehrt und geliebt habe – warum er zugelassen hat, dass mich die Ketzer- und die Bücherjäger wie eine Meute blutgieriger Jagdhunde durchs Land hetzen. Warum nur, geliebter Herr, warum? Wenn Ihr am Leben seid, gebt mir ein Zeichen! So flehte Amos im Stillen, zum ungezählten Mal, seit er Valentin Kronus’ Haus in Flammen vorgefunden hatte. Die kostbare Bibliothek des alten Gelehrten von den Ketzer- und Bücherjägern niedergebrannt und von Kronus selbst keine Spur. Ausgenommen nur das Original des Buchs der Geister, das Kronus an einem Ort versteckt hatte, den außer ihm selbst nur Amos kannte. In diesem Buch hatte Kronus nach seinen eigenen Worten das kostbarste Wissen aus heidnischer Vorzeit destilliert und in vier Geschichten geborgen, die jedermann leicht lesen und verstehen konnte. Und die ebenso viele magische Gaben in all jenen Lesern erweckten, die sie mit wachem Geist und offenem Herzen lasen und zuinnerst in sich aufnahmen.

Amos lauschte in sich hinein. Seit er die erste und die zweite Geschichte aus dem Buch der Geister gelesen hatte – Vom Ritter, der seine Liebste hinter dem Spiegel fand und Von der Frau, die im Brunnen wohnte –, konnte er mit jedem anderen Leser, der sich diese beiden Erzählungen gleichfalls zuinnerst angeeignet hatte, auf dem Gefühls- und auf dem Gedankenweg in Verbindung treten – ganz egal, wie weit sie räumlich voneinander entfernt waren. Er brauchte sich nur auf sein Innerstes zu konzentrieren, dann erblickte er dort einen geheimnisvollen Lichtquell – sein magisches Herz oder seinen »inneren Stern«, wie Kronus sich ausgedrückt hatte. Von diesem magischen Gestirn gingen Strahlen zu all jenen aus, die über die gleichen Fähigkeiten wie er selbst verfügten. Doch seit die Purpurkrieger des Inquisitors und die Bücherjäger der kaiserlichen Zensurbehörde Valentin Kronus’ Haus verwüstet hatten, war es Amos niemals mehr gelungen, mit dem alten Gelehrten Kontakt aufzunehmen. Was höchstwahrscheinlich nur eines bedeuten konnte – dass Kronus nicht mehr am Leben war.

Er lauschte neuerlich in sich hinein. Ihre Kutsche hatte unterdessen offenbar den höchsten Punkt des steilen Anstiegs erreicht. Auf der anderen Seite der Kuppe ging es nun holterdiepolter wieder bergab. Klara, dachte Amos beschwörend, hörst du mich?

In all der Zeit, die er im Kerker unter der Bischofsburg gesessen hatte, war es sein einziger Trost gewesen, dass nicht auch noch Klara in die Fänge der Inquisition geraten war. Sie hatte im allerletzten Moment fliehen können und sie hatte auch das Buch der Geister in Sicherheit gebracht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie von morgens bis abends und auch noch die halbe Nacht hindurch auf magischen Wegen mit ihm Gefühls- und Gedankenbotschaften ausgetauscht. Sie hatte sogar vorgeschlagen, dass sie ihm ja auf dem Gedankenweg die dritte Geschichte aus dem Buch der Geister vorlesen könnte – Vom Felsen, der ein Fenster war. Aber Amos hatte nichts davon wissen wollen. Es war viel zu gefährlich – solange sie nicht zumindest ungefähr wussten, welche magischen Gaben die dritte und die vierte Geschichte in ihnen erwecken würden, so lange durften sie auf keinen Fall im Buch der Geister weiterlesen. Und bis dahin durften sie auch die Fähigkeiten, die in ihnen bereits wach geworden waren, nur möglichst selten einsetzen.

Seit Amos im Kerker zu sich gekommen war, hatte er deshalb nur ein paar Mal mit Klara Kontakt aufgenommen und auch das jedes Mal nur kurz. Er hatte ihr einen warmen Gefühlsstrahl geschickt, damit sie spürte, dass er noch am Leben war. Und dass er sie immer noch so sehr liebte wie an ihrem ersten Tag. Doch bevor sie ihn beschwören konnte, den Mut nicht sinken zu lassen, oder bevor sie anfangen konnte, ihn mit verzweifelten Befreiungsplänen zu bestürmen, hatte Amos die magische Verbindung schnell wieder unterbrochen.

Er wollte nicht, dass sich Klara unerfüllbare Hoffnungen machte. Wer einmal in die Fänge der Inquisition geraten war, hatte sein Leben verwirkt. Und noch weniger wollte er, dass sie sich in Gefahr begab, dass sie womöglich ihr eigenes Leben und ihre Freiheit riskierte, um ihn durch einen waghalsigen und von vornherein aussichtslosen Angriff zu retten. Deshalb hatte er ihr auch nicht gleich berichtet, dass der Fürstbischof sich auf einmal entschlossen hatte, ihn nach Nürnberg schaffen zu lassen – und überdies auf so eigentümliche Weise.

Klara? Nun spürte er schon das vertraute Ziehen von seinem Nabel bis in den Hals hinauf und zugleich ein Sausen hinter seiner Stirn – das Zeichen, dass die magische Verbindung hergestellt war. Doch er zögerte immer noch, ihr jetzt schon von seiner plötzlichen Reise zu erzählen. Wenn er erst in Nürnberg im Inquisitionskerker säße, wäre es immer noch früh genug. Allerdings hielt sich Klara ja wohl nach wie vor im Dickicht unweit der Bamberger Bischofsburg versteckt – wenn sie jetzt von ihm erfuhr, dass er seit Stunden auf dem Weg nach Nürnberg war, konnte sie ihn unmöglich noch einholen und sich dadurch selbst in Gefahr bringen.

In seinem Inneren erklang ihre Stimme – hell, fast zart und doch kräftig. Amos? Wie froh ich bin, endlich von dir zu hören. Ich versuche seit Stunden, dich zu erreichen.

Ich weiß, Klara. Das Herz zog sich ihm zusammen. Wie sehr er sie liebte! Niemals in seinem ganzen Leben hatte er irgendeinen Menschen in dieser Weise geliebt. Nicht seine Eltern, die von der Bruderschaft Opus Spiritus ermordet worden waren. Auch nicht seine Schwester Oda, die der Inquisitor Cellari auf dem Gewissen hatte. Und nicht einmal Valentin Kronus.

Aber gerade deshalb, weil ihm Klara der liebste Mensch auf der ganzen Welt war – gerade darum durfte er auf gar keinen Fall auch noch ihr Leben und ihre Freiheit gefährden. Waldo würde nicht einen Augenblick lang zögern, mit seiner Axt oder seinem Kurzschwert jedermann zu erschlagen, der sich ihnen in den Weg zu stellen wagte. Nicht einmal, wenn ihm ein wunderschönes Mädchen von gerade mal sechzehn Jahren entgegentreten würde, mit langen blonden Haaren und leuchtend grünen Augen, die vor Zorn oder Trauer beinahe schwarz werden konnten.

Klara, hör mir bitte zu, begann er. Der Fürstbischof lässt mich nach Nürnberg bringen – ich bin schon unterwegs und werde wohl

Weiter kam er nicht. So ist es also wahr!, fiel ihm Klara ins Wort und sogar ihre Gedankenstimme klang atemlos.

Aber woher weißt du denn davon? Vor Verblüffung verschlug es Amos fast die Sprache. Hat irgendwer aus der Burg dir davon erzählt?

Nicht irgendwer, gab Klara zurück. Und auch nicht aus der Bischofsburg. Ich kann es selbst noch kaum glauben – aber es war Mutter Sophia.

Mutter Sophia? Sie lebt also? So allmählich verstand Amos gar nichts mehr. Aber woher konnte sie denn wissen, was der Fürstbischof mit mir vorhat?

Ich weiß es nicht, Amos, antwortete Klara. Jedenfalls ist sie am Leben, sie hat sich letzte Nacht auf dem Gedankenweg bei mir gemeldet und mir ganz genau beschrieben, was ich heute in aller Frühe tun sollte.

Mutter Sophia war die Äbtissin des Klosters Mariä Schiedung nahe Nürnberg, in dem Klara einige Jahre lang gelebt hatte, nachdem ihre Eltern von Mordbrennern umgebracht worden waren – nicht anders als Amos’ eigene Eltern kurz darauf. Die Äbtissin war für Klara wie eine zweite Mutter gewesen. Sie hatte Klara getröstet, wenn sie nachts aus dem Schlaf aufgeschreckt war, weinend und vollkommen verstört, weil sie wieder mal von jenem schrecklichen Tag geträumt hatte, als ihre Eltern ermordet worden waren. Mutter Sophia hatte ihr beigebracht, sich im Gebet vertrauensvoll an Jesus Christus und seine Mutter Maria zu wenden. Durch ihr gütiges Vorbild hatte Klara überhaupt erst erfahren, dass der Gottessohn seine Jünger gelehrt hatte, barmherzig zu sein und stets für die Schwachen und Armen einzutreten – ganz im Gegensatz zu den heutigen Kirchenfürsten, ihren Inquisitoren und Soldaten, die mit Feuer und Schwert überall im Land Angst und Schrecken verbreiteten.

Allem Anschein nach gehörte auch Mutter Sophia dem Opus Spiritus an – sie hatte Klara die ersten beiden Geschichten aus dem Buch der Geister vorgelesen, und sie hatte ihr angekündigt, dass Amos auf magischem Weg mit ihr Verbindung aufnehmen würde, damit sie zusammen Das Buch der Geister vor den Ketzer und Bücherjägern retteten. Dann jedoch war sie von der Nürnberger Inquisition verhaftet worden, und kurz danach war Klaras Kontakt zu der weisen und gütigen Äbtissin abgerissen. Eigentlich hatten sie beide geglaubt, dass Mutter Sophia genauso wie Valentin Kronus nicht mehr am Leben war.

Amos ließ sich das alles durch den Kopf gehen. Diese unerwartete Wendung gefiel ihm überhaupt nicht. Er hätte nicht sagen können, was ihm daran so wenig behagte, aber er hatte ein äußerst ungutes Gefühl dabei. Und was solltest du machen?, fragte er.

Das Buch der Geister einpacken und beim ersten Morgenlicht losreiten, antwortete Klara – und zwar in Richtung…

Mehr bekam Amos von ihrer Gedankenbotschaft nicht mehr mit. Um ihn herum brachen mit einem Mal mindestens fünf Dutzend Leute in lautes Geschrei aus. Beunruhigt lauschte Amos nach draußen und so riss seine magische Verbindung zu Klara unvermittelt ab. Es war ein Gefühl, als ob sich die Magendecke mit einem Ruck zusammenziehen würde, und mit dem Sausen hinter seiner Stirn erstarb auch ihre Stimme so plötzlich, als ob eine innere Tür zugefallen wäre.

Die Erde um ihn herum erzitterte von stampfenden Schritten. Dazu knirschte und krachte es, wie wenn ein riesengroßer Baum umstürzen würde. Die Kutsche kam so abrupt zum Stehen, als ob sie gegen eine Felswand gefahren wären. Was um Himmels willen war da draußen nur los?

Verzweifelt warf Amos seinen Kopf hin und her. Er rieb seine Schläfen abwechselnd an den Tuchballen zu seiner Linken und zur Rechten und schaffte es endlich, sich die elende Augenbinde bis in die Stirn hinaufzuschieben. Mühsam setzte er sich auf und versuchte, sich darüber klar zu werden, was da draußen überhaupt vorging. Aber durch die verdammte Plane, die an gebogenen Stangen über den Karren gespannt war, konnte er nach wie vor nur ein wildes Durcheinander zuckender Schatten sehen.

Vorn auf dem Kutschbock fluchten Waldo und Franz um die Wette. Mittlerweile hatten etliche Angreifer offenbar ihr Gefährt geentert. Der ganze Wagen wankte und ächzte und in das Kampfgeschrei mischte sich das Klatschen von Backpfeifen und Faustschlägen. Mit einem Ruck wurde die Plane über Amos entzweigefetzt und im nächsten Moment halb von ihrem Gestänge heruntergerissen. Mehr noch verwundert als erschrocken, sah er, dass es sich bei den Wegelagerern um eine Horde wilder Leute handelte, die anscheinend hier draußen im Dickicht hausten.

Es mussten mindestens fünfzig Wegelagerer sein, die sich auf dem engen Waldweg um ihre Kutsche herum drängten. Männer und Frauen, auch Halbwüchsige und Kinder – allesamt ausgemergelte Gestalten mit verfilzten Haaren, in zerlumpten Gewändern, Hände und Arme und sogar die Gesichter über und über mit Schlamm beschmiert. Noch immer schrien alle wüst durcheinander und dazu schwenkten sie furchterregende Waffen – Sauspieße, riesenhafte Äxte und sogar Krummsäbel. Soweit Amos das erkennen konnte, hatten sie die Straße vor ihnen mit einem gewaltigen Baumstamm blockiert. Und das Knirschen und Krachen, das er vorhin gehört hatte, war offenbar von einem zweiten Baum ausgegangen, der keine fünf Schritte hinter ihrem Wagen auf die Straße gekracht war.

Ein perfekter Hinterhalt, dachte Amos. Aber wie gewöhnliche Räuber und Wegelagerer sahen diese wilden Leute eigentlich nicht aus. Ganz abgesehen davon, dass auf diesem abgelegenen Weg höchstwahrscheinlich nur alle paar Wochen einmal ein Wanderer oder eine Kutsche vorbeikam, die auszuplündern sich lohnte. Wer aber waren diese Leute sonst?

Sie zerrten Waldo und Franz von dem Kutschbock herunter, und wie verzweifelt die beiden Soldaten sich auch sträubten – im Nu hatten die Räuber sie bis aufs Hemd ausgezogen und wie zum Ausgleich von den Füßen bis zum Hals mit daumendicken Seilen umschnürt. Knebeltücher wurden in ihre Münder gestopft, nur noch die rollenden Augen sahen darüber hervor und bei Waldo zwei Zipfel von seinem Schnauzbart.

Ein junger Räuber, eher noch Knabe als Mann, turnte währenddessen auf dem Sparrwerk über Amos herum. Er war eben dabei, sich zu ihm ins Innere des Karrens zu schwingen – zweifellos, um nachzuschauen, was all die Bündel und Rollen an Stehlenswertem enthielten. Doch noch bevor er sich ganz hereingeschlängelt hatte, ertönte aus dem Dickicht zur Rechten der Straße ein krachender Schuss.

Der junge Räuber erstarrte, seine Augen wurden weit vor Schreck. Ein zweiter Schuss, diesmal schon ganz in der Nähe. Der Junge warf sich herum, und vielleicht war es weniger sein Aussehen – die blonden Haare, die grünen Augen, die dreckigen Hände – als dieses katzenhafte Herumfahren, an dem Amos ihn mit einem Mal wiedererkannte.

»Bleib stehen!«, schrie er durch seinen Knebel hindurch und heraus kam nur ein dumpfes Gurgeln.

Der Junge lachte auf, sprang mit einem Satz vom Wagen herunter und verschwand aus Amos’ Blickfeld.

Er kannte diesen blonden Dreckskerl, kein Zweifel – es war derselbe Junge, der ihn vor Wochen, bei seiner ersten Reise nach Nürnberg, vor den Toren des Marktfleckens Pegnitz schon einmal fast bestohlen hätte – in einem sehr ähnlichen Tumult wie diesem. Der verdammte Bursche hatte versucht, ihm den Brief zu entwenden, den Amos im Auftrag von Valentin Kronus nach Nürnberg bringen sollte – und vielleicht war sogar diese ganze abgerissene Horde, die sie heute umzingelt hatte, dieselbe wie damals.

Aber wie sollte das möglich sein?, überlegte er dann. Auch wenn er keine genaue Vorstellung hatte, wo sie diesmal in einen Hinterhalt geraten waren – sie mussten fünfzig oder noch mehr Meilen von dem Städtchen Pegnitz entfernt sein. Ganz bestimmt war es kein Zufall, dass er schon zum zweiten Mal mit derselben Horde und vor allem mit diesem diebischen Dreckskerl aneinandergeraten war. Aber wenn nicht der blinde Zufall, wer oder was sonst hatte die abgerissene Schar gerade jetzt an diesen abgelegenen Ort geführt?

So angestrengt dachte Amos darüber nach, dass er kaum mitbekam, wie die ganze Räuberschar linker Hand wieder im Dickicht verschwand. Die Kutschpferde hatten sie abgeschirrt und führten sie am Zaumzeug mit sich fort, und über jeden Gaul hatten sie einen Wachsoldaten geworfen – verschnürt vom Hals bis zu den Füßen und zum Überfluss auch noch mit einem Hafersack über dem Kopf.

Nach all dem Geschrei und Getöse kam Amos die plötzliche Stille fast unwirklich vor. Von der wilden Horde war schon nur noch leises Trappeln und Knacken im Unterholz zu hören. Viel lauter klirrten die Ketten an seinen Händen und Füßen, als er so tief wie irgend möglich unter die Tuchballen kroch. Wer auch immer die Wegelagerer gewesen mochten – noch weit gefährlicher waren doch offenbar diese anderen im Dickicht oberhalb der Straße, die die Räuber mit Gewehrschüssen vertrieben hatten. Und wer waren nun wieder diese Bewaffneten? Jäger vielleicht oder womöglich … Sein Herz setzte für einen halben Schlag aus. Die Purpurkrieger des Inquisitors? Diese furchtbare Heerschar hatte Burg Hohenstein und Kronus’ alten Mühlhof in ein Schlachtfeld verwandelt und alles mit Leichen und Ruinentrümmern übersät.

Mit einem Auge spähte Amos zwischen Tuchballen und den Fetzen der Wagenplane nach draußen. Mit krachendem Getöse brach dort ein Reiter aus dem Dickicht. Das fuchsrote Pferd setzte schnaubend über einen Felsbrocken hinweg und sprang neben dem Wagen auf die Straße. Amos starrte die Gestalt auf dem Pferd ungläubig an.

Der Reiter war eine Reiterin. Die blonden Haare wehten wie ein Lichtschweif hinter ihr her und ihre grünen Augen blitzten vor Triumph und Angriffslust.

Klara, brachte Amos hervor. Klirrend und keuchend arbeitete er sich aufs Neue aus dem verdammten Tuch- und Federzeug heraus. Wie um Himmels willen kommst du hierher?

Sie lenkte ihre Füchsin näher an den Karren heran. Genau hier sollte ich mich auf die Lauer legen, antwortete sie und ihr ganzes Gesicht strahlte vor Glück und Zufriedenheit. Und die Räuberhorde sollte ich durch ein paar donnernde Warnschüsse mit diesem Gewehr hier vertreiben. Sie klopfte auf den Lauf der Flinte, die aus ihrer Satteltasche ragte. Mutter Sophia hat mir auch die Jagdhütte einige Meilen waldeinwärts beschrieben, wo ich das Gewehr finden würde. Und tatsächlich ist alles ganz genauso gekommen, wie sie es vorhergesagt hat.

Klara glitt von der Füchsin und ihr Gesicht nahm einen schuldbewussten Ausdruck an. »Aber du Ärmster«, fuhr sie mit ihrer gewöhnlichen Stimme fort, »ich rede und rede – anstatt dich als Erstes von diesen grässlichen Fesseln zu erlösen!« Sie schwang sich zu Amos auf den Wagen. »Ich habe es immer gespürt«, sagte sie, »dass es uns glücken würde, dich wieder zu befreien.«

Sanft löste Klara die Augenbinde auf seiner Stirn und den abscheulichen Knebel. Wie köstlich es für ihn war, ihre Lippen zu schmecken anstelle des hundertfach zerbissenen Lederriemens. »Mein Auserwählter«, flüsterte Klara nah an seinem Ohr, »nie mehr werde ich zulassen, dass irgendwer uns trennt.«

Sie zog Das Buch der Geister unter ihrem Gewand hervor. Der Einband aus schwarzem Kaninchenleder sah mittlerweile stumpf und verfleckt aus, und die halb herausgerissenen Blätter, die an der Längsseite heraushingen, erinnerten Amos mehr denn je an die Zunge eines hechelnden kleinen Tieres.

Mit den Fingerspitzen fuhr er über die Vorderseite des dünnen kleinen Buchs, und ihm war, als ob ein heißer, heller Strahl von dem Buch bis in sein Innerstes hineinführe. Kronus selbst hatte das Manuskript in diesen Lederfetzen gebunden und den Buchtitel eigenhändig mit einem Messer eingeritzt. Das Buch der Geister, stand da in schwer leserlicher Schrift, und darunter, viel kleiner, Von Valentin Kronus.

»Willst du es wieder an dich nehmen?«, fragte Klara.

Amos schüttelte den Kopf und seine Ketten klirrten. »Erst muss ich diese vermaledeiten Fesseln loswerden.«

3

EIN PAAR HABSELIGKEITEN von Waldo und Franz lagen noch neben dem Kutschbock auf der Straße verstreut – ein ausgeplünderter Geldbeutel, ein leerer Wasserschlauch, die untere Hälfte von einem zerbrochenen Holzkruzifix. Aber den Schlüssel, mit dem der schnauzbärtige Wachsoldat die Schlösser an Amos’ Ketten zugeriegelt hatte, fanden sie nicht.

»Und was machen wir jetzt?«, sagte Amos. »Mit diesen Fesseln komme ich keine zwei Meilen weit – schon weil sie so elend schwer sind.« Überdies konnte er nur Trippelschritte machen, solange seine Füße mit der Kette umwunden waren, und seine Arme mit den unbeweglich gegeneinander gepressten Händen hingen vor ihm herab wie ein Bündel totes Holz.

Klara machte schmale Augen, wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte. »Wir müssen zurück zur Hütte – zu dem kleinen Jagdhaus«, erklärte sie, weil Amos sie verständnislos ansah. »Du weißt doch – Mutter Sophia hat mich dorthin geschickt, damit ich das Gewehr an mich nehmen konnte. Bestimmt finden wir da auch irgendwelches Werkzeug, mit dem wir die Kette auseinanderbekommen.«

»Wie weit ist es bis dahin?« Nach den Tagen im Kerker fühlte er sich ziemlich schwach auf den Beinen. Mit den Fesseln um seine Fußknöchel konnte er sich nicht einmal auf die Füchsin schwingen. Und sowieso fühlte es sich für ihn noch ganz unwirklich an, wieder frei zu sein. Ängstlich schaute er sich alle paar Atemzüge um – so als ob im nächsten Moment die Purpurkrieger des Inquisitors herbeigeprescht kämen.

Klara sah mit besorgter Miene von Amos zu dem unwegsamen Waldstück oberhalb der Straße. »Zwei Meilen«, sagte sie, »vielleicht drei.«

»Dann reite du allein zurück und ich verstecke mich so lange irgendwo da oben im Gebüsch.«

Doch davon wollte Klara nichts wissen. »Und wenn die Räuber zurückkommen?«, wandte sie ein. »Der größte Teil ihrer Beute ist ja noch auf dem Wagen.«

Amos schüttelte den Kopf. »Das waren keine Räuber«, sagte er. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese ganze wilde Horde irgendwie zum Opus Spiritus gehört. Oder zumindest kann die Bruderschaft diese Leute durch die Gegend dirigieren und immer da einsetzen, wo es ihr gerade passt.«

Klara machte große Augen. »Wie kommst du denn da drauf?«

»Das erkläre ich dir später. Hilf mir bitte erst mal die Böschung hoch.«

Klara schob und stützte ihn nach Kräften, aber es war eine mühselige Plackerei, mit den Eisenfesseln steil aufwärts durchs Dickicht zu kraxeln. Schon nach kaum einem Dutzend Schritten war Amos nass geschwitzt. Seine Arme und Beine fühlten sich so schwer an, als ob sie mittlerweile selbst aus Eisen bestünden. Andauernd verfing sich eine Kette im Geäst und außerdem klirrte und schepperte er bei jedem Schritt wie eine ganze Waffenkammer.

Außer Atem ließ er sich auf einen bemoosten Felsbrocken fallen. »Bis zur Hütte schaffe ich es nie«, brachte er keuchend hervor. »Und das Geschepper muss meilenweit zu hören sein. Lass es uns machen, wie ich es vorgeschlagen habe«, fuhr er fort, nachdem er ein wenig zu Atem gekommen war. »Ich warte hier auf dich – mit der Füchsin bist du im Nu bei der Hütte und wieder zurück.«

Klara war hinter ihm den Hang hinaufgeklettert und hatte die Stute am Zügel mit sich gezogen. Sie machte das Pferd an einem tief hängenden Ast fest und setzte sich neben ihm auf die Felsbank. Liebevoll lächelte sie Amos an und schmiegte sich für einen Moment an ihn. Aber gleich darauf wurde sie wieder ernst.

Das geht nicht, Amos – es ist zu gefährlich, brachte sie auf dem Gedankenweg hervor. Sie schaute sich nach links und rechts um, so als ob auch sie befürchtete, dass sie bereits von irgendwelchen Verfolgern entdeckt worden wären. Doch außer Bäumen und Gestrüpp war weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht hast du recht, was die wilden Leute da unten angeht, fuhr sie fort. Aber es ist trotzdem viel zu gefährlich – mit den Fesseln kannst du dich weder wehren noch wegrennen.

Amos zuckte mit den Schultern. Sogar durch eine Bewegung wie diese rief er vernehmliches Klirren hervor. »Wovor hast du Angst, Klara?«, fragte er. »Glaub mir, die Wegelagerer da unten müssen auf der Seite der Bruderschaft sein. Ich habe einen von ihnen wiedererkannt – so ein dreckiger kleiner Bursche, der schon mal versucht hat, mich zu bestehlen.«

Er erzählte ihr mit raschen Worten, was damals vor dem Stadttor von Pegnitz passiert war. »Das gehörte also auch schon zu der Prüfung«, schloss er, »die Kronus damals mit mir angestellt hat – ob er sich auf mich verlassen kann und ich mir Schriftstücke, die er mir anvertraut hat, nicht einfach so wegnehmen lasse. Bei Pegnitz hat die Bruderschaft diese wilde Horde auf mich losgelassen – und fast hätte der Junge es auch geschafft, mir Kronus’ Brief zu entreißen, aber nur fast. Und in Nürnberg haben Kronus und deine Mutter Sophia dann am nächsten Tag dich ins Rennen geschickt. Und du hast mir den Brief tatsächlich abgeluchst, aber ich …« Er sah ihr tief in die Augen und vergaß einige Atemzüge lang, weiterzureden. »Ich bin dir wie verrückt hinterhergerannt und hab ihn dir schließlich wieder abgejagt.« Er grinste sie an.

Klara grinste mindestens genauso frech zurück. »Aber nur, weil ich an dem Brunnen auf dich gewartet habe. Wenn ich es drauf angelegt hätte – du hättest mich niemals gefunden. Und den Brief noch viel weniger.«

Er beugte sich zu ihr herüber und küsste sie sanft auf ihren Mund. »Ich kann sehr hartnäckig sein, weißt du?«

»Oh ja«, gab Klara zurück, »das weiß ich allerdings.« Sie löste sich von ihm, und er spürte, dass sie immer noch voller Angst war. Sie wechselte auch gleich wieder in die Gedankensprache, obwohl sie in diesem abgelegenen Dickicht doch bestimmt niemand belauschen konnte. Seit ich heute früh in Bamberg losgeritten bin, sagte sie, kommt es mir immer wieder vor, als ob mich irgendjemand verfolgen würde. Oder irgendetwas, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu und schüttelte sich wie bei einem Gruselschauder. Und deshalb kann ich dich auf gar keinen Fall allein hier zurücklassen. Ihre Augen wurden ein paar Schattierungen dunkler. Hast du nicht gehört, was ich vorhin zu dir gesagt habe, mein Auserwählter: Ich werde niemals mehr zulassen, dass wir getrennt werden.

Du könntest mir ja das Gewehr hierlassen, und wenn dann … Er brach ab, ohne seinen Einwand zu Ende zu bringen. Klara hatte recht. Er bekam seine Hände nicht einmal weit genug auseinander, um das Gewehr anzulegen. Falls hier wirklich irgendwelche Verfolger auftauchen würden, während er allein auf diesem Felsbrocken saß, wäre er hilf- und wehrlos. Allerdings glaubte Amos nicht, dass der Inquisitor Cellari oder der Unterzensor Skythis mit seinen Bücherjägern ihnen schon wieder so dicht auf den Fersen sein könnten. Der Inquisitor würde morgen oder wahrscheinlich sogar erst übermorgen Verdacht schöpfen, wenn Fürstbischof Georgs Wachsoldaten ihren Gefangenen nicht in Nürnberg ablieferten. Und Klaras Spur hatten sie allem Anschein nach sowieso verloren, seit sie mitsamt dem Buch der Geister aus der Bischofsburg geflohen war – da konnte Cellari jetzt erst recht nicht ahnen, wohin Klara heute in aller Frühe aufgebrochen war. Und dass irgendein geisterhaftes Wesen ihr gefolgt wäre, hatte sie sich bestimmt nur eingebildet.

»Also gehen wir weiter«, sagte Amos und wollte schon aufstehen, aber Klara legte ihm ihre Hand auf den Arm.

Hörst du das nicht? Sie konnte mit ihrer Gedankenstimme sogar flüstern. Hör doch, wisperte sie in seinem Kopf, wie es da drüben im Buschwerk heult und winselt. Das ist wieder dieser … dieses Etwas, das mich seit Bamberg verfolgt.

Amos lauschte angespannt und schließlich hörte er es auch. Ein Jaulen und Fiepen, das sich überhaupt nicht nach Mensch anhörte, aber genauso wenig wie ein Tier. Ein Frösteln lief ihm den Rücken hinunter. Es klang wie nichts, was er jemals vorher vernommen hatte.

»Ein Geist«, flüsterte Klara, »vielleicht vom Zauberer Faust erschaffen, damit er immer weiß, wo Das Buch der Geister gerade ist?« Sie sah mit großen Augen von Amos zu dem Gebüsch einige Dutzend Schritte linker Hand, aus dem gerade in diesem Moment wieder ein gräuliches Heulen erklang.

Es war ein gewaltiger Hollerbusch, groß genug, um einer ganzen Gespensterschar Unterschlupf zu bieten – aber Amos glaubte nicht einen Augenblick lang, dass in diesem Gestrüpp ein Geist lauern könnte. »Ein Dämon, von Faust erschaffen?« Er sprach absichtlich laut und in wegwerfendem Tonfall, um Klara aus ihrer ängstlichen Erstarrung aufzuwecken. »Ich habe ja selbst erlebt, dass der Herr Faust so einiges durcheinanderrütteln kann. Aber einen dienstbaren Geist aussenden, um dich und Das Buch zu überwachen – das kann bestimmt nicht mal er.«

Scheppernd wie ein Ritter in voller Rüstung erhob sich Amos von dem Felsbrocken und machte Anstalten, zu dem Hollerbusch hinüberzustapfen. Nicht, Amos, bitte geh nicht dorthin!, flehte Klara mit einem solchen Entsetzen in ihrer Gedankenstimme, dass er gleich wieder stehen blieb. Ich weiß etwas viel Besseres, fuhr sie fort, du musst nur auf diesen Steinbrocken klettern, dann kannst du dich quer über den Rücken der Füchsin legen. Keine Angst, sie wird dich so sachte den Berg hinaufschaukeln, als ob du zerbrechlich wärest wie böhmisches Glas.

Im Hollerbusch wurde neuerlich gewinselt, aber auch ohne diesen Dämon im Nacken wäre Amos nur zu gern bereit gewesen, sich von der Stute weiterschleppen zu lassen. Mit Klaras Hilfe gelang es ihm, auf den Steinbrocken zu klettern, und nachdem sie die Füchsin nah genug an den Fels herangeführt hatte, ließ sich Amos wie ein halb geöffnetes Klappmesser quer über den Pferderücken sinken. Die Füchsin schnaubte, aber Klara summte ihr beruhigende Laute ins Ohr und gleich darauf setzte sich das Pferd gemächlich in Bewegung.

Was hast du zu ihr gesagt? Anfangs hatte er sie das immer nur im Scherz gefragt, aber mittlerweile wusste Amos, dass Klara wirklich mit der Füchsin reden konnte.

Dass sie mit zu uns ins Haus darf, wenn sie dich den ganzen Berg hinaufträgt.

»Mit ins Haus?« Vor Erstaunen verfiel Amos in gewöhnliches Sprechen. »Gibt es da keinen Schuppen oder so etwas?«

So, wie er bäuchlings über dem Pferderücken hing, Füße und Kopf in Höhe der Steigbügel, konnte Amos nicht sehen, was Klara für ein Gesicht machte. Aber er hörte an ihrem Tonfall, dass sie noch immer voller Angst war. »Wir dürfen einander nicht eine Sekunde lang aus den Augen lassen«, sagte sie, »solange dieser Geist … diese Kreatur … hinter uns her ist.«

Wie zur Bekräftigung ihrer Worte begann es unter ihnen aufs Neue, im Dickicht zu jaulen – nicht mehr vom Hollerbusch her, den sie mittlerweile weit hinter sich gelassen hatten, sondern höchstens ein halbes Dutzend Schritte zurück.

Klara summte und murmelte in das zuckende Ohr der Füchsin und die Stute setzte sich in behutsamen Trab. Krampfhaft hielt sich Amos an dem Steigbügel fest, so gut das mit seinen gefesselten Händen gehen mochte. Klirrend und scheppernd schwankten sie den Hang hinauf, begleitet vom Geheule ihres Verfolgers, der beharrlich mit ihnen Schritt hielt und doch unsichtbar blieb.

4

DIE SÄGE WAR GUT EINE ELLE LANG und so schwer, dass Klara sie kaum aus der Truhe herauswuchten konnte. Sie hatte einen hölzernen Handgriff an jeder Seite und ein rostiges Sägeblatt mit furchterregend gezackten Zähnen.

Die Jagdhütte bestand lediglich aus einer engen Diele und einem einzigen Zimmerchen, das auch nicht besonders geräumig war. Aber der Jäger hatte es sich recht behaglich eingerichtet – mit einem Bärenfell vor dem Kamin und einem kleinen Holztisch am Fenster, das auf die Waldlichtung hinausging. In der winzigen Vorratskammer neben dem Küchenherd gab es Dörrfleisch und altbackenes Brot, einen Käselaib, in dem allerdings die Maden wimmelten, und sogar einen Sack Hafer für die Füchsin – notfalls hätten sie in diesem Versteck ein paar Wochen ausharren können. Nur einen Schlüssel für die verflixten Kettenschlösser oder zumindest einen stabilen Draht, der sich zu einem Dietrich zurechtbiegen ließe, konnten sie nirgendwo auftreiben.

Amos ließ sich auf das Bärenfell fallen. Klara schleppte die Säge herbei und kauerte sich neben ihn. Aus der Nähe sahen die Eisenzähne noch viel grässlicher aus. Aber er wollte die verdammten Ketten jetzt endlich loswerden. Diese Unmengen von Eisen mit sich herumzuschleppen, war ungeheuer anstrengend. Seine Handgelenke waren wund gescheuert und seinen Fußknöcheln ging es nicht viel besser. Das Klirren und Scheppern der Eisenringe zerrte an seinen Nerven – aber erträglicher als das Winseln und Jaulen da draußen war es allemal.

Ihr unheimlicher Verfolger war ihnen anscheinend bis hier herauf gefolgt und jetzt lag er da draußen auf der Lauer und jaulte. In vollkommen unvorhersehbaren Abständen stimmte die Kreatur irgendwo vor der Hütte ihr Geheule an. Nicht besonders laut und es klang auch nicht gerade angriffslustig oder irgendwie bedrohlich – und doch fuhren Amos und Klara jedes Mal zusammen, wenn das elende Gewinsel wieder losging. Ganz zu schweigen von der Füchsin, die sie in der Diele untergebracht hatten – die Stute stieß dann immer ein wildes Schnauben aus, und einmal hatte sie sogar so durchdringend gewiehert, dass Klara und Amos beinahe das Herz stehen geblieben wäre.

Mit Müh und Not schaffte es Amos, einen der Sägegriffe zwischen seine aneinandergefesselten Hände zu schieben. »Lass uns mit den Fußfesseln anfangen«, schlug er vor. Er hatte im Sitzen seine Beine angewinkelt und so weit auseinandergestellt, wie es ihm die Kette erlaubte. Klara kauerte vor seinen Füßen und hielt die andere Seite der Säge gepackt. Sie setzten das Sägeblatt auf die straff gespannte Kette zwischen Amos’ Füßen und fingen behutsam zu sägen an.

Sie beide hatten keinerlei Übung darin, ein solches Werkzeug zu handhaben. Außerdem war die Säge so klobig und schwer, dass es sogar für zwei ausgewachsene Männer nicht ganz leicht gewesen wäre, dieses Metallmonstrum unter Kontrolle zu halten. Ein paar Mal zogen sie das Sägeblatt auf einem Kettenglied hin und her, dann rutschte es mit einem Kreischlaut ab und ratschte über Amos’ Schienbein.

Er schrie auf – nicht allein vor Schmerz, sondern mehr noch vor Schreck, obwohl es auch elend wehtat. Unter dem zerfetzten Hosenstoff kam eine hässliche Schürfwunde zum Vorschein. »Halb so wild«, sagte er und versuchte, Klara anzulächeln. Aber sie lächelte nicht zurück und ihr Gesicht war auf einmal so weiß wie frischer Schnee.

»So schaffen wir es nicht«, sagte sie. »Am besten, wir bringen das schreckliche Ding gleich wieder weg – bevor es noch mehr Unheil anrichten kann.«

Amos rappelte sich auf und half ihr, die Säge zu der Truhe in der Diele zurückzuschleppen. Der Schreck saß ihm noch in den Gliedern, aber wenn es nach ihm gegangen wäre, er hätte lieber noch einen weiteren Versuch mit der Säge gewagt. Doch Klara hatte sicher recht – höchstwahrscheinlich war es sowieso eine Baumsäge, mit der sich der Jäger sonst immer Brennholz für seinen Kamin zurechtschnitt. Amos konnte noch von Glück sagen, dass sie ihm nicht versehentlich den halben Unterschenkel abgesägt hatten. Aber irgendeine Lösung musste es doch geben! Er konnte ja nicht für den Rest seiner Tage mit diesen vermaledeiten Eisenfesseln herumlaufen. Lieber würde ich sogar einen Pakt mit dem heulenden Dämon da draußen schließen, dachte er, während sie das unförmige Werkzeug an der Füchsin vorbei durch die enge Diele bugsierten – Hauptsache, ich werde endlich diese Ketten los!

Sie wuchteten die Säge zurück in die Truhe, und Klara klopfte den Hals der Stute, die schnaubend mit den Augen rollte. Die klirrenden Ketten und vor allem das grässliche Gejaule da draußen im Buschwerk machten der Füchsin anscheinend genauso wie ihnen selbst zu schaffen. Und während Klara ihr beruhigende Laute ins Ohr summte, begann es auf einmal an der Hüttentür, unmittelbar neben ihnen, aufs Unheimlichste zu kratzen und zu scharren.

Was ist das – um Himmels willen?, brachte Klara hervor.

Oder auch – in Teufels Namen, dachte Amos und achtete sorgsam darauf, dass sie nichts davon mitbekam. Dieses Winsel-Ding, nehme ich an, gab er so gelassen wie möglich zurück. Eben noch hatte er sich gewünscht, dass die Kreatur, der Geist oder was auch immer da draußen herumschlich, ihn von seinen Ketten befreien würde – und schon begann es an der Tür zu scharren. Das war doch bestimmt kein Zufall – auch wenn Amos sich nicht recht erklären konnte, wieso dieses Geschöpf imstande war, seine Gedanken zu lesen. Aber wenn es tatsächlich eine vom Zauberer Faust erschaffene Kreatur war, dann war ihr allerdings so einiges zuzutrauen. Die Lust und der Mut, sich auf einen Pakt mit ihrem unheimlichen Verfolger einzulassen, waren Amos jedenfalls fürs Erste wieder vergangen.

Er hob seine Hände und schlug sie gegen das Türblatt, dass es nur so krachte und klirrte. Die Füchsin begann aufs Neue zu schnauben, und Amos sagte so laut, dass es auch da draußen zu hören sein musste: »Verschwinde – oder du kriegst eine Gewehrkugel ab!«

Die Kreatur heulte angstvoll auf und Amos warf Klara einen Blick zu: Offenbar handelte es sich bei ihrem Verfolger weder um einen Geist noch um ein Tier. Oder höchstens um einen Dämon, der sich vor Kugeln fürchtete, oder um ein Tier, das die menschliche Sprache verstand. Das eine war so unwahrscheinlich wie das andere – aber wer oder was war dann sonst hinter ihnen her?

Einige Augenblicke lang lauschten sie noch, doch die Kreatur da draußen gab nicht mehr den leisesten Winsellaut von sich. Klara überprüfte noch einmal den Türriegel, dann kehrten sie in den Wohnraum zurück und Amos streckte sich auf dem Bärenfell aus. Wahrscheinlich diente es dem Jäger auch als Nachtlager, auf dem er sich, vielleicht noch in eine Decke gewickelt, zum Schlafen niederlegte.

Durch unzählige Ritzen und Astlöcher in den Hüttenwänden und im Fensterladen schien noch die helle Nachmittagssonne, aber Amos fühlte sich mindestens so erschöpft wie damals, als er mit dem Buch der Geister den halben Tag lang durch den Wald gerannt war, die Bücherjäger im Nacken. Und dabei war er heute nur ein paar Stunden mit dem Karren umhergefahren worden und anschließend auf dem Rücken der Füchsin den Waldhang emporgeschaukelt. Aber die bleischweren Ketten raubten ihm nicht nur alle Kraft, sondern mehr noch Mut und Zuversicht. Wenn Klara und er selbst es nicht einmal schafften, ihn von seinen Eisenfesseln zu befreien – wie sollte es ihnen dann jemals gelingen, ihre Verfolger abzuschütteln, den Inquisitor Cellari, den Unterzensor Skythis und dessen gepanzerte Bücherjäger?

Klara kauerte sich neben Amos auf das Bärenfell. »Ich hatte noch gar keine Zeit«, sagte sie, »dir richtig zu erzählen, was ich letzte Nacht alles erfahren habe.« Sie schob eine schmale, kühle Hand zwischen seine zusammengeketteten Hände. »Mutter Sophia klang schwach und ängstlich«, sagte sie. »Sie schien in Sorge zu sein, dass sie gestört werden könnte, bevor sie mir alles mitgeteilt hatte – oder dass ihr die Kräfte vorher ausgehen würden. Sie machte immer wieder kleine Pausen, so als ob sie sich erholen müsste – und dann redete sie umso hastiger weiter.« Klara unterbrach sich und ihr Gesichtsausdruck wurde für einen kurzen Augenblick düster. »Mutter Sophia kam mir so niedergeschlagen vor«, fuhr sie fort, »beinahe, als ob sie ein schlechtes Gewissen hätte – vielleicht bereut sie ja mittlerweile, dass sie bei diesem Opus Spiritus mitgemacht hat.«

Amos schloss die Augen und dachte über ihre Worte nach. »Ist Mutter Sophia noch im Inquisitionskerker in Nürnberg?«, fragte er.

Ohne die Lider zu heben, sah er ganz deutlich vor sich, wie Klara mit den Schultern zuckte. »Es ging alles so schnell«, sagte sie. »Mutter Sophia hat es nicht erwähnt und ich habe sie auch nicht gefragt. Aber da war noch etwas anderes, Amos.« Der Druck ihrer Hand wurde fester. »Vielleicht bedeutet es ja auch gar nichts, oder vielleicht wollte Mutter Sophia mir nur klarmachen, dass sich ihre Botschaft an uns beide richtet.«

Sie verstummte und Amos wartete, dass sie von sich aus weiterredete. Es war schön, so neben Klara zu liegen, ihre Hand in seinen Händen zu halten und nicht einmal das leiseste Klirren zu hören – jedenfalls, solange er vollkommen reglos dalag.

Doch damit war es im nächsten Moment vorbei.

»Ganz zum Schluss«, fuhr Klara nämlich fort, »hat Mutter Sophia noch gesagt, dass sie ihre Botschaft auch im Namen von Kronus übermittelt.«

Amos zuckte heftig zusammen und seine Ketten schepperten. »Auch im Namen von Kronus?« Er wiederholte es beinahe schreiend, sodass diesmal Klara zusammenfuhr. »Was soll das denn bitte sehr heißen, Klara – etwa dass Kronus lebt? Aber warum hat er dann in all der Zeit …« Seine Stimme versagte ihm ihren Dienst – er musste sich erst einmal die Kehle freiräuspern. »Warum hat er mich allein gelassen?«, fuhr Amos fort. »Du glaubst gar nicht, wie oft ich versucht habe, mit ihm auf dem Gedanken- oder Gefühlsweg Kontakt aufzunehmen. Aber seit damals – seit sie sein Haus angezündet haben – habe ich nie mehr auch nur die kleinste Nachricht von Kronus erhalten.«

Klara beugte sich über ihn und gab ihm einen liebevollen Kuss. »Mir ist es mit Mutter Sophia ja genauso gegangen«, sagte sie. »Bis sie sich letzte Nacht plötzlich gemeldet hat. Aber ich bin mir sicher«, fügte sie hinzu, »dass beide uns schon viel eher eine Botschaft geschickt hätten – wenn sie nicht durch irgendetwas daran gehindert worden wären.«

Amos lächelte zu ihr hinauf. »Du hast bestimmt recht«, sagte er. »Aber vielleicht habe ich ja diesmal Glück?« Nach einem Kuss von Klara kam es ihm immer so vor, als ob es für ihn eigentlich gar keine unlösbaren Aufgaben gäbe. Allerdings hielt dieses Gefühl leider nie sehr lange vor.

Er schloss erneut die Augen und konzentrierte sich auf sein magisches Herz. Kronus, geliebter Herr, dachte er beschwörend – bitte gebt mir ein Zeichen, dass Ihr lebt und dass Ihr mich hört.

Zwei Lichtbänder gingen von dem rotgoldenen Punkt aus, der sein eigenes magisches Herz war. Das eine Band war dick und funkelte wie ein Sommersonnenstrahl und Amos hätte es unter Dutzenden anderen wiedererkannt: Es war der magische Strahl, der ihn mit Klara verband. Aber da war noch ein zweiter Lichtfaden, viel dünner und blasser. Das magische Band, das ihn früher mit Valentin Kronus verknüpft hatte, war mindestens so kräftig gewesen wie der Lichtschweif, der ihn jetzt mit Klara verknüpfte. Aber wenn der alte Gelehrte genauso wie Mutter Sophia in der Gewalt der Inquisitoren war, dann war er bestimmt geschwächt und möglicherweise sogar verwundet – vielleicht hatte er sogar schon damals Verletzungen erlitten, als die Purpurkrieger ihm das Haus über dem Kopf angezündet hatten.

Zu wem sonst sollte dieses Rinnsal aus Licht also gehören – wenn nicht zu Kronus? Allerdings hatte der weise Alte selbst ihn einmal davor gewarnt, sein magisches Herz leichtfertig zu öffnen. Amos erinnerte sich noch genau an seine Worte: »Jeder Lichtfluss verbindet dein Herz mit einem anderen Geschöpf. Öffne niemals dein Herz für irgendwen, dessen Absichten du nicht kennst.« Ein einziges Mal hatte Amos diese Warnung bisher missachtet – und da war ein grässlicher Lichtfresser über ihn hergefallen und hatte das Licht aus seinem Innersten gierig in sich hineingeschlürft. Den Schmerz und den Schreck über diesen Überfall würde er niemals vergessen. Aber dieser Lichtfresser war Johannes gewesen, der Gehilfe des Unterzensors Skythis. Und der zweite Lichtstrahl, den er heute in seinem Innern erblickte, hatte mit jenem krampfhaft zuckenden Faden, der ihn damals mit Johannes verbunden hatte, überhaupt keine Ähnlichkeit. Es war wiederum nur ein dünnes, blasses Rinnsal aus Licht, aber es floss ganz ruhig dahin, auf Amos’ magisches Herz zu.

Kronus? Mit aller Kraft und Sehnsucht konzentrierte sich Amos auf die Quelle des Rinnsals aus Licht. Seid Ihr das, mein geliebter Herr? Ich flehe Euch an – gebt mir ein Zeichen.

Anstelle der starken und vertrauten Stimme des alten Mannes bekam er etwas ganz und gar Unerwartetes zu hören: In seinem Innern ertönten auf einmal genau die gleichen Jaul- und Winsellaute, die eben noch da draußen auf der Lichtung erklungen waren.

Aber wie war das nur möglich? Verwundert lauschte Amos in sich hinein. Das dünne, blasse Lichtrinnsal zitterte jetzt zum Erbarmen – nicht krampfhaft, nicht zwischen Begierde und Angst hin und her gerissen wie damals, als Johannes ihn auf diesem magischen Weg angegriffen hatte. Sehr viel eher war es ein Zittern aus Schwäche, aus Hilfsbedürftigkeit. Und doch war der Quell des Rinnsals damals wie heute ein und derselbe, auch das spürte Amos nun ganz genau.

Johannes?

Die Antwort war ein neuerliches Winseln und Heulen. Alles, was der andere Junge fühlte, empfand Amos mit einem Mal so stark und deutlich mit, als ob es seine eigenen Gefühle wären. Seine eigene Angst, seine eigenen Schmerzen, sein eigenes Betteln um Hilfe und Mitgefühl. So als ob er selbst da draußen unter einem Busch hocken und immerzu nur bitten und flehen würde, dass sie beide hier drinnen ihm verziehen und ihre Tür und ihre Herzen für ihn öffneten.

»Es ist Johannes«, sagte er zu Klara.

Sie sah ihn verständnislos an. »Wer – ich meine, wo – ?« Ihre Augen wurden weit vor Schreck und jähem Begreifen. »Du meinst, dieses Geheule da draußen …«

»Er ist schon hier drin«, sagte Amos. Er deutete auf seinen Kopf und dann, nach kurzem Zögern, auf sein Herz. »Bisher hat er ja wohl nur die erste Geschichte aus dem Buch der Geister gelesen – und auch die nur in wild durcheinandergeschüttelten Fetzen. Der arme Kerl – auch seine Gefühle sind ziemlich durcheinander, und ich fürchte, daran bin ich nicht ganz schuldlos. Gedankenbotschaften kann er uns nicht senden, aber seine Gefühlsbotschaft ist trotz allem ziemlich klar: Er bittet uns um Entschuldigung, Klara. Er liegt da draußen, und er hat Angst und Schmerzen und bettelt uns an, ihm beizustehen.«

Klara warf einen argwöhnischen Blick in Richtung Fenster. Zögernd schloss sie die Augen und konzentrierte sich auf ihr eigenes magisches Herz. Doch im nächsten Moment wurde ihr Gesicht sanft vor Mitgefühl. Ich spüre ihn auch, teilte sie Amos mit. Du hast recht, wir müssen ihm helfen – aber wir müssen wachsam bleiben.

Amos nickte ihr zu. Versteck Das Buch, bevor du ihm aufmachst. Und es kann nichts schaden, wenn du das Gewehr vorher noch lädst.

5

AMOS STIESS DEN RIEGEL ZUR SEITE und riss mit einem Ruck die Hüttentür auf. Hinter ihm stand Klara, das durchgeladene Gewehr im Anschlag. Doch im nächsten Moment ließ sie die Waffe sinken und schaute mit großen Augen von Amos zu der absonderlichen Gestalt, die vor der Türschwelle kauerte.

Sie sah mehr wie ein riesenhafter Geistervogel als wie ein Mensch aus – und doch konnte es niemand anderes als Johannes Mergelin sein, der Gehilfe des Bücherjägers Skythis. Johannes kniete zwei Fußbreit vor ihrer Tür. Seine Kleidung war vollkommen zerlumpt und zerfetzt und sein knochendürrer Körper sah darunter hervor. Seine Arme hielt er seitlich weggespreizt, als ob es Flügel wären. Den Oberkörper hatte er so weit vorgebeugt, dass sein Kopf an der Tür gelehnt haben musste, solange die geschlossen war. Und nun kippte er unwirklich langsam nach vorn.

Amos und Klara wechselten Blicke. Seine Stirn auf die Türschwelle gedrückt, lag Johannes jetzt vor ihnen. Entweder er war zu schwach oder er wagte es nicht, auch nur sein Gesicht zu ihnen zu erheben. Die Arme hielt er weiterhin nach beiden Seiten weggestreckt und aus seinem Mund quoll leises Winseln in unaufhörlichem Strom.

»Edle Dame, schenkt mir Euer Herz«, verstand Amos. »Immer will ich Euch lieben, nie Euch bekümmern, Lucinda.« Ein Zittern überlief die verkrümmte Gestalt vor Klaras Füßen. »Der Spiegel war von seinem Atem beschlagen«, murmelte Johannes, »und als Laurentius ihn mit der Hand blank reiben wollte, da fuhr er mit dem ganzen Arm bis zur Schulter wie in einen Eimer voll Wasser hinein …« Seine Stimme brach. Nur noch ein heiseres Schluchzen brachte er hervor, während der ganze klapperdürre Körper wie von einem Weinkrampf geschüttelt wurde.

Was Johannes da eben gemurmelt hatte, waren die allerersten Sätze aus der ersten Geschichte im Buch der Geister. Amos verspürte heftige Gewissensbisse, weil er diesem Jungen während ihrer Verfolgungsjagd durch das Fichtelgebirge immer wieder Papierfetzen mit einzelnen Sätzen und Absätzen aus der Geschichte Vom Ritter, der seine Liebste hinter dem Spiegel fand hingeworfen hatte – magische Köder, um die Bücherjäger von seiner Fährte abzulenken. Das war ihm damals auch geglückt – aber Johannes waren diese Happen offenbar schlecht bekommen.

Valentin Kronus hatte Amos mehrmals darauf hingewiesen, dass man die Geschichten aus dem Buch der Geister mit seinem Innersten verstehen und sich aneignen musste, damit sie die erwünschten magischen Gaben in einem weckten. Wenn man wie Johannes nur ein paar Fetzen davon zugeworfen bekam und die auch noch wüst durcheinandergewürfelt lesen musste, und wenn man sich außerdem vor dem Buch der Geister mindestens so sehr fürchtete, wie man sich davon angezogen fühlte – dann richtete es in Herz und Geist eines solchen Lesers offenbar ein schreckliches Durcheinander an. Von Reue erfüllt, sah Amos auf den nur wenig älteren Jungen hinab und überlegte, was sie anstellen konnten, damit in seinem Innern alles wieder in Ordnung kam.

Klara hatte sich unterdessen neben Johannes hingekauert und eine Hand auf seinen Hinterkopf gelegt. »Johannes«, sagte sie sanft. »Sieh mich an.«

Ganz langsam hob er seinen Kopf ein wenig empor. Die wasserhellen Augen zu Klara nach oben verdreht, begann er sogleich aufs Neue zu winseln. »Laurentius Answer eilte im Laufschritt durch den unerhört großen Saal und fiel vor ihr auf die Knie.« Es waren abermals Fetzen aus der Geschichte von Laurentius und seiner geliebten Lucinda, und während Amos dem Gemurmel des Kauernden zuhörte, wurden seine Gewissensbisse und sein Mitgefühl mehr und mehr von ungläubiger Wut verdrängt. »Er kniete vor ihr, wie er es sich tausendfach ausgemalt hatte«, winselte Johannes, »und sie beugte sich vor und legte ihre schlanke weiße Hand auf sein Haupt und sagte: ›Laurentius, mein geliebter Herr – versprecht mir, dass Ihr mich nie mehr verlassen werdet.‹«

Amos wollte seinen Ohren nicht trauen – dieses nichtswürdige Knochenbündel von einem Bücherjägergehilfen schmachtete Klara doch wahrhaftig wie eine verliebte Nachtigall an! So als ob er selbst der Ritter Laurentius wäre und Klara niemand anderes als Lucinda, die seit Jahr und Tag darauf gewartet hatte, dass ihr über alles Geliebter endlich zu ihr zurückkam.

Amos wollte mit einem Wutschnauben dazwischenfahren, doch Klara warf ihm einen besänftigenden Blick zu. Lass ihn, bitte – er ist außer sich vor Angst und Einsamkeit.

Vor Einsamkeit?, dachte Amos. Wie eine Stichflamme schoss Eifersucht in ihm empor. Klara wollte doch nicht etwa dafür sorgen, dass sich dieser Bursche weniger einsam fühlte?

Mit einem stillen Lächeln schüttelte sie fast unmerklich den Kopf in Amos’ Richtung. Gleichzeitig fasste sie Johannes unter der Achsel und das zerlumpte Knochenbündel ließ sich ohne weiteres Widerstreben auf die Füße ziehen. Allerdings knickte Johannes mit seinem rechten Fuß gleich wieder ein – offenbar war die Wunde, die er sich zugezogen hatte, als ihn Klara damals auf der Füchsin hinter sich hergeschleift hatte, noch nicht gänzlich verheilt.

Johannes ließ die Stute auch keinen Moment aus den Augen, während er, von Klara gestützt und geleitet, an dem mächtigen Pferdeleib vorbei in den Wohnraum der Jagdhütte humpelte. Das Gewehr hatte sich Klara achtlos über die Schulter gehängt, und wenn Johannes es darauf angelegt hätte – bestimmt hätte er ihr die Waffe in diesem Moment entreißen und Das Buch der Geister aufs Neue an sich bringen können.

Das Buch lag auf dem kleinen Holztisch unter dem Fenster. Amos, der hinter den beiden in die Stube getreten war, behielt Johannes scharf im Auge. Deshalb sah er auch ganz genau, wie der Blick des anderen Jungen auf Das Buch der Geister fiel und Johannes für einen kurzen Moment regelrecht erstarrte. Doch schon im nächsten Augenblick ließ er sich fügsam weiterziehen und schaute sogar in eine andere Richtung – so als ob kaum ein zweites Ding in diesem Zimmer ihm derart gleichgültig wäre.

»Wo hast du deinen Herrn gelassen«, fuhr ihn Amos an, »den Unterzensor Skythis und seine gepanzerten Bücherjäger? Raus mit der Sprache, Johannes!«

»Kein … nein … kein Herr«, winselte der andere Junge. Er legte die Hände aufeinander und reckte sie Amos beschwörend entgegen. »Kein Skythis … keine … nur ihr …«

Eben als er mit Johannes magisch verbunden gewesen war, hatte Amos im Innern des anderen keine Hinterlist, keine Verstellung entdeckt. Trotzdem blieb er auf der Hut. Auch wenn Johannes diesmal die schrecklichen Bücherjäger wohl nicht im Schlepptau hatte, war er selbst doch bestimmt nach wie vor hinter dem Buch der Geister her.

Noch während Amos das dachte, wandte sich Johannes zu ihm um. Sie standen jetzt alle drei auf dem Bärenfell vor dem Kamin und Johannes musterte aufmerksam die Ketten und Schlösser an Amos’ Hand- und Fußgelenken. »Willst du die nicht loswerden?« Mit einem Mal wirkte er ziemlich normal – seine Augen waren nicht mehr verdreht und seine Stimme hatte überhaupt nichts Winselndes mehr.

»Wie denn«, fragte Amos, »ohne Schlüssel?«

Der Tag neigte sich bereits wieder. Durch die Ritzen in Wänden und Fensterläden drang nur noch dämmriges Abendlicht herein. Klara setzte ein Schwefelholz in Brand und ging im Zimmer umher, um einige der Wachskerzen anzuzünden, die der Jäger auf dem Kaminsims, auf Tisch und Herd aufgestellt hatte.

»Ha, du bist wohl selber ein Buch!«, stieß Johannes hervor. »Das sich alleine nicht aufkriegen kann! Ha!«

Amos und Klara wechselten Blicke. »Was soll das, Johannes?«, sagte Amos. »Was redest du für ein krummes Zeug?«

Der andere Junge machte einen Satz, knickte beim Landen neuerlich mit dem rechten Fuß ein und kam dicht vor Amos zu stehen. »Krumm wie ich – wie ein Nagel, wenn der Hammer draufknallt, ha!« Seine Rechte schoss vor und bekam das Schloss an Amos’ Handfesseln zu fassen. Er hob es zu seinen Augen empor, und Amos ließ es zu, dass er seine Hände und Arme mit in die Höhe zog.

»›Schlag das Buch eben auf‹, sagt der Herr Unterzensor immer – und was sonst bleibt einem übrig, wenn der Schlüssel zu einer Bücherschließe wieder mal fehlt?«

»Das Buch aufschlagen?«, wiederholte Klara. »Du meinst, Johannes …«

Der Gehilfe des Bücherjägers hatte anscheinend gar nicht mitbekommen, dass Klara mit ihm sprach. Er drehte und wendete das Schloss in seinen Händen hin und her und murmelte irgendetwas vor sich hin, das Amos nicht verstand. Offenbar glaubte Johannes in seiner magischen Verwirrung tatsächlich, dass er ein Buch vor sich hatte – oder dass zumindest das Schloss in seinen Händen eine Bücherschließe war, wie sie zum Versperren von Büchern verwendet wurden. In Kronus’ Bücherregalen hatte Amos früher etliche solcher gewaltigen Buchexemplare gesehen – zwischen mächtige Holzbretter gebunden, die oftmals auch noch mit Eisenblech beschlagen waren. Wenn das Schloss zwischen den beiden Einbandbrettern verriegelt war, konnte nur derjenige darin lesen, der den zugehörigen Schlüssel besaß – es sei denn, man brach die Schließe einfach auf.

»Hammer und Nagel«, sagte er zu Klara, »so etwas könnte es hier doch irgendwo geben …«

»Hab ich vorhin erst gesehen«, gab sie zurück. »In der Truhe, wo die Säge ist – ich bin gleich wieder da.«

Sie eilte in die Diele und Amos blieb allein mit Johannes zurück. Auf dem Tisch lag nach wie vor Das Buch der Geister und sie beide schauten fast gleichzeitig dorthin. Wie vorhin sah Johannes sofort wieder weg, und Amos dachte aufs Neue: Wir müssen auf der Hut sein.

Das Gewehr lehnte an einem der beiden Stühle neben dem Tisch. Mit zwei Schritten wäre Johannes dort und könnte die Waffe und Das Buch an sich raffen. Amos senkte seine Lider und konzentrierte sich auf Johannes. Die Gedanken des anderen Jungen konnte er zwar nicht lesen, solange der sich nicht die zweite Geschichte im Buch der Geister zuinnerst angeeignet hatte – aber zumindest konnte er nochmals Johannes’ Gefühle belauschen, um herauszubekommen, was der andere im Schilde führte.

Amos tauchte in das dünne, zitternde Lichtrinnsal ein, das sein magisches Herz mit Johannes verband. Sofort fühlte er wieder die Angst und Verwirrung im Innern des anderen Jungen und wurde von Gewissensbissen gepeinigt, weil er mitgeholfen hatte, Johannes derart durcheinanderzubringen. Aber da war noch ein anderes Gefühl in dem Wirbelsturm der Empfindungen, der in Johannes’ Innerem tobte, und allem Anschein nach versuchte er, es unter seiner Angst und Einsamkeit zu verbergen – vor Amos und Klara und vielleicht auch vor sich selbst.

Eine irrwitzige Gier, ein hündischer Heißhunger, ein rasendes Verlangen. Amos spürte jetzt auch, welche Kraft es Johannes kostete, diese Gier einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Sie vor seiner Umgebung zu verstecken, seinen Geist und sein Herz zu bezähmen – damit er sich nicht einfach darauf stürzte, blindlings drauflosrannte und den Schatz, das Kleinod, die Kostbarkeit an sich raffte, die ihm lieber und wertvoller als alles andere auf der Welt war.

Das Buch.

Immer wieder sah Johannes blitzschnell zum Tisch hin und im nächsten Sekundenbruchteil wieder fort. Es war weit mehr als bloße Verstellung – es war ein übermenschlicher Kampf gegen diese wilde Gier, den Johannes da unaufhörlich mit sich selbst ausfocht. Und den er gerade in diesem Moment wieder einmal verlor – er stieß Amos von sich und fuhr im nächsten Augenblick herum. Anscheinend wollte er sich mit einem einzigen Satz, die ausgestreckten Hände voran, auf Das Buch der Geister werfen, wie ein halb vertrockneter Fisch sich mit seiner letzten Kraft vom Ufer ins rettende Wasser schnellt.

Aber Amos hatte ja alles mitbekommen, was sich im Innern von Johannes an Gefühlsstürmen abspielte, und so war er auf diesen Angriff zumindest halbwegs gefasst. Er riss seine Hände hoch und fing den Stoß gegen seine Brust, den ihm Johannes versetzen wollte, mit den Unterarmen ab. Es klirrte schauderhaft und Johannes stöhnte auf, weil er mit seinen Händen gegen Schloss und Ketten geprallt war. Viel langsamer, als er es vorgesehen hatte, wandte er sich um, und als er mit unbeholfenem Humpeln auf den Tisch zulief, warf sich Amos hinter ihm her, die gefesselten Hände hoch über seinen Kopf erhoben. Krachend und scheppernd und schreiend gingen sie zu Boden. Amos kam auf dem Rücken des anderen zu liegen, dessen distelspitze Schultern unter dem Lumpenhemd hervorstachen. Und erst als Klara plötzlich neben ihnen beiden auftauchte und mit schreckverzerrtem Gesicht auf sie herabsah – erst da wurde Amos bewusst, dass der Junge unter ihm keinen Muckser mehr machte.

Den Kopf seitlich aufs Bärenfell gebettet, lag Johannes Mergelin da, als ob er tief und fest schliefe. Aus einer Wunde über seinem linken Ohr, die wie eine Sternschnuppe geformt war, rannen dicke, leuchtend rote Tropfen und fielen einer nach dem anderen auf das zottig braune Fell hinab.

»Oh mein Gott, Klara«, stieß Amos hervor, »ich habe ihn doch nicht umgebracht?«

6

GERADE ALS JOHANNES seine Augen wieder aufschlug, wurden Amos und Klara mit den letzten Vorbereitungen fertig.

Klara hatte die Verletzung an Johannes’ Schläfe untersucht und mit einem Fetzen von seinem Lumpenhemd verbunden. Glücklicherweise war es nur eine harmlose kleine Fleischwunde, allerdings umrahmt von einem blau-lila schillernden Bluterguss. Anschließend hatten sie den Ohnmächtigen aufgerichtet und mit dem Rücken gegen das Kamingitter gelehnt. Amos hatte Das Buch der Geister in der Vorratskammer neben dem Küchenherd versteckt – dort war es zwar nicht wirklich sicher, denn Johannes besaß ja die eigentümliche Gabe, das Geisterbuch auch über große Entfernungen zu erspüren. Aber zumindest konnte er es sich so nicht einfach schnappen und damit aus der Tür rennen – die Vorratskammer lag am Ende der Küchennische, und falls er wirklich bis dorthin vordringen würde, könnten sie ihm leicht den Weg nach draußen abschneiden.

Aber eigentlich glaubte Amos nicht, dass es so weit kommen würde.

Johannes’ Blicke glitten von Amos zu Klara. Sie mussten beide ziemlich furchterregend aussehen – Amos hielt einen gewaltigen Eisenhammer in den Händen, Klara zielte mit dem Gewehr des Jägers auf Johannes’ Herz.

»Pass gut auf, Johannes«, sagte Amos. »Du wirst jetzt diese beiden Schlösser an meinen Ketten aufbrechen, wie du selbst es vorhin angekündigt hast. Wenn du deine Sache gut machst, liest dir Klara zur Belohnung die erste Geschichte aus dem Buch der Geister vor – von vorne bis hinten und alle Sätze in der richtigen Reihenfolge. Damit auch in dir drinnen alles wieder in die rechte Ordnung kommt. Hast du das verstanden?«

Johannes’ Augen sahen glasig aus. Sein Blick flackerte zum Tisch hinüber, dann zurück zu Amos und Klara. »Und wenn nicht?« Es klang wieder mehr nach tierischem oder geisterhaftem Winseln als nach Menschensprache. »Dann schlägst du mich tot?« Er sah zu Klara auf und sein Gesicht nahm einen unterwürfigen und gleichzeitig heimtückischen Ausdruck an. »Mit diesem zugeschlagenen Buch?« Er deutete mit seiner verbundenen Schläfe zu Amos.

»Lass es besser nicht drauf ankommen.« Klara hob das Gewehr ein wenig weiter an. »Also? Wofür entscheidest du dich?«

Eine ganze Weile lang schaute Johannes nur brütend in Klaras Augen. Amos wollte schon wieder dazwischenfahren, aber Klara beschwor ihn: Warte noch – ich spüre, dass er gleich so weit ist.

Im nächsten Moment machte Johannes seinen Mund auf und diesmal klang seine Stimme wieder ganz klar. »Für Das Buch«, sagte er zu Klara. »Ich schlag es für dich auf.«

Das klang allerdings nicht allzu beruhigend, aber Amos hatte jetzt einfach keine Lust und keine Geduld mehr, sich mit Johannes’ verdrehten Gedanken und zweideutigen Anspielungen zu beschäftigen. Er wollte endlich diese elenden Ketten loswerden, nichts anderes interessierte ihn in diesem Moment. Und was sollte schließlich auch Schlimmes passieren? Klara zielte mit dem Gewehr auf Johannes’ Kopf – und falls er nicht glaubte, dass sie notfalls schießen würde, musste ihm mindestens klar sein, dass er die Geschichte Vom Ritter, der seine Liebste hinterm Spiegel fand nur dann zu hören bekommen würde, wenn er vorher machte, was sie von ihm verlangten.

Amos sah ihn eindringlich an, sagte aber kein Wort mehr. Er reichte Johannes den Hammer und klaubte anschließend den kleinfingerdicken Nagel aus den Bärenfellzotteln, den Klara auch noch vorn in der Truhe aufgetrieben hatte.

Johannes nahm Hammer und Nagel entgegen, gleichfalls ohne ein weiteres Wort. Amos kauerte sich vor ihn hin und legte seine Unterarme vor sich auf den Boden – zwischen seinen flach aufeinander gepressten Händen das verdammte Schloss, mit dem vermaledeiten Schlüsselloch nach oben.

»Ha, bist wohl ein Buch«, murmelte Johannes wieder. Er stocherte mit der Nagelspitze in dem Schloss herum. »Kann sich selber nicht aufkriegen, ha!« Er winselte in sich hinein, und Amos dachte beunruhigt, dass Johannes’ Geist und Herz noch sehr viel ärger durcheinandergeschüttelt waren, als es bisher für sie den Anschein hatte. Und gerade in diesem Moment, als er noch fieberhaft überlegte, ob er seine Hände mitsamt Schloss und Ketten nicht doch lieber wieder in Sicherheit bringen sollte – gerade da schwang Johannes den Hammer hoch über seinen Kopf und ließ ihn auf den Nagel herunterkrachen. Mit einem hässlichen Kreischton, der in den Ohren wehtat, zersprang das Schloss, und Amos spürte unsagbar erleichtert, wie der Druck um seine Handgelenke endlich, endlich wich.

Nur ein paar Atemzüge, ein wenig Gewinsel, einen weiteren Hammerschlag später war er auch von seinen Fußfesseln befreit. Er stieß und trat die grässlichen Ketten so weit wie möglich von sich weg, sprang auf und fiel Klara um den Hals. »Und ich dachte schon, ich müsste dieses Zeug für den Rest meines Lebens mit mir herumschleppen!«

Wie leicht er sich fühlte ohne diese scheppernden Zentnergewichte – und wie großartig, wenn man nicht bei jeder Bewegung klirrte wie ein Ritter in rostiger Rüstung. Und wie köstlich Klaras Lippen schmeckten, wie wunderbar es sich anfühlte, sie in seinen Armen zu halten. Er war frei, endlich wieder frei! Amos spürte, wie der Albtraum der zurückliegenden Tage von ihm abfiel – die Kerkerhaft, die Angst, die Hoffnungslosigkeit.

Da hörte er scharrende Schritte hinter seinem Rücken – Johannes? Voller Bedauern löste er sich von Klara und fuhr herum. »He, du verdammter Kerl!«

Das Gewehr lehnte noch am Stuhl, wo Klara es vorhin abgestellt hatte, Gott sei Dank. Doch in der Jagdstube war außer ihnen niemand mehr.

Klara riss die Waffe an sich und eilte in die Diele hinaus. »Ist gut, ist ja schon gut«, hörte Amos sie murmeln – offenbar sprach sie wieder mal mit der Füchsin. Gleich darauf kam sie zurück und erklärte: »Raus ist er nicht.«

Amos nickte ihr zu, einen Finger auf dem Mund. Er muss in der Kammer sein. Er zeigte zu dem schmalen Türchen am Ende der Küchennische. Ich spüre es ganz deutlich.

Und was jetzt? Klara hängte sich das Gewehr am Trageriemen über die Schulter. Da drin sitzt er in der Falle. Und gleichzeitig wie die Made im Speck.

Sie beide hatten auf einmal Mühe, sich das Lachen zu verbeißen. Was hatten sie nicht schon alles durchstehen müssen! Ihre Eltern waren von Mordbrennern umgebracht worden. Klara hatte monatelang in Nürnberg auf der Straße leben müssen, nachdem auch noch Mutter Sophia von der Inquisition verhaftet worden war. Die Purpurkrieger des Inquisitors hatten Burg Hohenstein überfallen und jede einzelne Menschenseele dort gemeuchelt – einzig und allein Amos hatte jene furchtbare Nacht überlebt. Er war von dem Bücherjäger Skythis und seinem Gehilfen, ebendiesem verrückten Johannes, der jetzt in ihrer Vorratskammer hockte, durch den Wald gehetzt worden, als ob er ein Rehbock bei der Treibjagd wäre. Im Felslabyrinth bei Wunsiedel hatten ihn die Bücherjäger wieder aufgespürt, und nur durch eine waghalsige Flucht war er ihnen abermals entkommen – auf einer zerschossenen Tür die Felsschlucht hinabrasend, die durch ein Unwetter in einen reißenden Fluss verwandelt worden war. Im unwegsamsten Fichtelgebirge hatten die Bücherjäger Klara und ihn schließlich aufs Neue aufgespürt – und diesmal hatten ihre Verfolger den halben Wald in Brand gesetzt, und sie beide waren nur um Haaresbreite dem Feuertod entronnen, an die Fuchsstute geklammert, aus deren Fell buchstäblich schon kleine Flammen züngelten.

Dagegen war das hier doch wirklich nicht ganz ernst zu nehmen: ein Verfolger, der mitleiderregend humpelte und winselte. Der offenbar nicht ganz richtig im Kopf war – und der sich auch noch selbst in einer Kammer eingesperrt hatte, aus der man nur durch dieses Zimmer hier wieder herauskam.

Allerdings begann es gerade in diesem Augenblick von der Vorratskammer her entsetzlich zu krachen und zu dröhnen. Es klang, als ob da drinnen jemand Holz hacken würde.

Der Hammer! Panisch sah sich Amos nach allen Seiten um. Von dem verdammten Hammer war weit und breit nichts zu sehen. Er hat uns übertölpelt! Uns den Idioten vorgespielt – und in Wirklichkeit …

Er hat solche Angst, fiel ihm Klara ins Wort. Und er ist furchtbar durcheinander – du hast es doch selbst in seinem Innern gesehen. Glaub mir, Amos, wenn ich ihm erst die Geschichte vorgelesen habe, wird er wie verwandelt sein.

Fragt sich nur, in was verwandelt, dachte Amos.

Aber für weitere Wortwechsel, ob laut oder stumm, war es jetzt ohnehin nicht die passende Zeit: Da drinnen in der Kammer schwang Johannes abermals den Hammer und diesmal erzitterte die ganze Hütte unter seinem Hieb. Er versuchte offenbar, sich einen Weg durch die hölzerne Außenwand zu hauen – und obwohl er schwächlich und ausgezehrt war, würden die Bretter bestimmt nicht mehr lange standhalten.

Gib mir das Gewehr. Amos griff nach der Waffe, aber Klara drehte sich rasch von ihm fort.

Versprich mir, dass du nicht auf ihn schießt.

Versprochen, gab Amos zurück, jedenfalls solange der Kerl nicht mit seinem Hammer auf mich zielt. Er nahm Klara das Gewehr ab und stürmte auf das Kammertürchen zu. »Johannes?« Er rüttelte an der Tür, aber der verdammte Bursche hatte sie anscheinend von innen mit irgendeinem Gegenstand verkeilt.

Johannes’ Antwort bestand aus einem weiteren gewaltigen Hammerhieb. Holz knirschte und splitterte, und als Amos sein Ohr an das Türblatt legte, hörte er Johannes auf eine Weise winseln, die überhaupt nicht ängstlich klang. Sondern sehr viel eher nach Jubel und Triumph – so als ob er die ersten Bretter bereits weggehauen hätte und durch die Bresche nach draußen sehen könnte.

»Johannes!«, rief Amos. »Mach sofort auf – sonst schieße ich durch die Tür!«

Auf Burg Hohenstein war er wie die anderen Knappen von Hauptmann Höttsche nicht nur im Ringen und im Schwertkampf, sondern auch im Schießen ausgebildet worden. Aber er hatte sich so oft wie möglich davor gedrückt, und das Schießen hatte ihm sogar noch weniger gefallen als die anderen Kampfkünste, bei denen es wenigstens einigermaßen ritterlich zuging.

Johannes stieß eine Folge von Jaul- und Wimmerlauten aus und kurz darauf krachte aufs Neue ein Hammerschlag gegen die Wand. Lehmbrocken rieselten von der Decke auf ihre Köpfe nieder und Amos hatte jetzt wirklich genug.

Er drehte das Gewehr herum und drosch mit dem eisenbeschlagenen Kolben so fest er nur konnte auf die Kammertür ein. Das dünne Lattenholz zersplitterte schon beim ersten Hieb, und durch das gezackte, mehr als faustgroße Loch konnte Amos den anderen Jungen sehen, wie er in der Ausholbewegung erstarrte. Von zwei Kerzen beschienen, den Hammer hoch über seinen Kopf erhoben. Unter dem hochgerutschten Lumpenhemd schauten seine knochenspitzen Hüften hervor, mit einem darumgeschlungenen Strick, der ihm als Gürtel diente. Und mit dem Buch der Geister, das er sich vorn in den Hosenbund geschoben hatte.

»Leg den Hammer weg«, sagte Amos. »Und komm jetzt sofort da raus.« Durch das Loch in der Tür hindurch zielte er auf Johannes, der neuerlich zu winseln begann. Jetzt aber klang sein Geheule überhaupt nicht mehr nach Triumph.

Folgsam ließ er den Hammer fallen und humpelte mit hängenden Schultern auf Amos zu. Sein Gesicht war staubgrau und glitzerte vor Schweiß. Obwohl er einen gewaltigen Krach veranstaltet hatte, war es ihm lediglich gelungen, ein einziges schmales Brett aus der Wand herauszuhämmern. Und jetzt waren seine Kräfte offenbar vollkommen erschöpft. Er hob seine Hände und sie zitterten wie im Fieberkrampf. Unbeholfen machte er sich an dem Balken zu schaffen, mit dem er sich von innen verbarrikadiert hatte. Endlich gingen die Überreste des Türchens auf und wieder warf sich Johannes auf die Knie, den Kopf tief gesenkt und die Arme seitlich weggestreckt wie Vogelflügel.

In einer Hand hielt er Das Buch der Geister. Amos nahm es ihm weg und Johannes ließ es wie willenlos geschehen.

Er weint, sagte Klara. Sie war neben Amos getreten und sah voller Mitleid auf die zuckende Gestalt hinunter. Lass mich ihm jetzt vorlesen. Dann wird er nie wieder versuchen, uns zu hintergehen.

Amos war sich da keineswegs so sicher.

7

ER LIESS JOHANNES UND KLARA nicht aus den Augen, während die beiden es sich auf dem Bärenfell behaglich machten. Sie setzten sich nebeneinander, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und Amos musste eine weitere brennend heiße Eifersuchtswelle niederkämpfen.

Dabei kam er sich selbst vollkommen kindisch vor. Und geradezu empörend ungerecht gegenüber Klara – als ob sie für dieses winselnde Knochenbündel irgendetwas anderes empfinden könnte als Mitgefühl! Und als ob Johannes überhaupt jemals ein Rivale in Liebesdingen sein könnte. Kindisch und lächerlich, sagte sich Amos wieder, während er sich auf einen der Stühle am Fenster fallen ließ.

Doch das Gewehr lehnte er griffbereit neben sich an die Wand. Man konnte schließlich nie wissen. Er gähnte verstohlen und die Kerze vor ihm auf dem Tischchen flackerte müde zurück. Am liebsten hätte er die Arme vor sich auf die Tischplatte gelegt und den Kopf darauf gebettet. Aber das ging nicht. Eigentlich sollten sie längst wieder unterwegs sein – so weit wie möglich weg von diesem Ort, an dem der Inquisitor Cellari als Erstes nach ihnen suchen würde. Spätestens morgen Nachmittag oder Abend würde er seine Purpurkrieger aussenden, um herauszubekommen, wo die beiden Soldaten von Fürstbischof Georg mit ihrem Gefangenen abgeblieben waren. Klara und er selbst mussten dann weit, weit von hier weg sein und die Häscher des Inquisitors durften nicht den kleinsten Hinweis entdecken, in welche Richtung sie diesmal geflohen waren.

»Die Nacht war lange schon hereingebrochen«, so begann Klara unterdessen vorzulesen, »doch Laurentius Answer stand noch immer vor dem kreisrunden Spiegel. ›Edle Dame, schenkt mir Euer Herz‹, flüsterte er und streckte sehnsuchtsvoll seine Arme nach der Liebsten aus. Zumindest schien es ihm im ungewissen Kerzenlicht, dass der Spiegel neben ihm selbst auch seine Geliebte zeigte. ›Immer will ich Euch lieben, nie Euch bekümmern, Lucinda.‹ Laurentius beugte sich ihr entgegen, schloss die Augen und stülpte seine Lippen vor, um die Dame seines Herzens zu küssen. Doch statt der warmen, weichen Wange von Lucinda fühlte er an seinem Mund die kalte Härte von Metall. Er hob die Lider. Der Spiegel war von seinem Atem beschlagen, und als Laurentius ihn mit der Hand blank reiben wollte, da fuhr er mit dem ganzen Arm bis zur Schulter wie in einen Eimer voll Wasser hinein.

Doch das konnte eigentlich nicht sein. Denn Laurentius Answer war vor Monatsfrist erst zum Ritter geschlagen worden, nachdem er seinem Herrn, dem Grafen Leonhard von Wallenfels, vier Jahre lang treu als Page gedient hatte. Und der Spiegel, vor dem Ritter Laurenz seither in jederfreien Stunde stand, war nichts anderes als der blanke Schild, den ihm Leonhard zusammen mit dem Erbschwert seiner Väter übergeben hatte: ›Das Schwert aus Blitzen gehämmert, der Schild ein geschmiedeter Mond – erweist Euch ihrer würdig, Ritter Laurenz!‹«

Klaras gleichmäßiges Murmeln und das Rascheln der Buchseiten schläferten Amos noch weiter ein. Klara hatte ihm erzählt, wie es ihr ergangen war, als Mutter Sophia ihr im Kloster Mariä Schiedung die beiden ersten Geschichten vorgelesen hatte. Die Geschichten selbst waren ja ziemlich kurz – jede kaum zwei Dutzend Buchseiten lang. Das Vorlesen war deshalb jeweils nach einer halben Stunde zu Ende gewesen, aber davon hatte Klara nichts mitbekommen. Sie selbst war jedes Mal erst viele Stunden später aus der magischen Welt der Geschichten zurückgekehrt – so wie es auch Amos ergangen war, als er Vom Ritter, der seine Liebste hinter dem Spiegel fand und Von der Frau, die im Brunnen wohnte selbst gelesen hatte. Er war schon nach den ersten Sätzen vollkommen in jenen Ritter Laurentius verwandelt gewesen und hatte ganz und gar vergessen, dass er eigentlich jemand anderes war, ja dass es außerhalb der Welt von Ritter Laurentius überhaupt noch eine andere Wirklichkeit gab.

Draußen vor der Jagdhütte hatte sich unterdessen die Nacht herabgesenkt. Vor morgen früh kamen sie hier nicht mehr weg – im unwegsamen Dickicht war es schon bei Tage mühsam genug, sich einen Pfad zu bahnen. Aber beim allerersten Morgenlicht mussten sie sich schleunigst davonmachen.

Fragte sich nur, wohin. Wo auf dieser Welt gab es für Klara und ihn überhaupt noch ein Fleckchen, auf dem sie halbwegs in Sicherheit wären? Und was sollten sie mit dem verrückten – oder dann hoffentlich nicht mehr ganz so verwirrten – Johannes beginnen? Ihn etwa mitnehmen, in ihre Pläne einweihen, ihm bedingungslos vertrauen? Nein, dachte Amos, unmöglich.

Er hoffte sehr, dass Klara ihm in diesem Punkt zustimmen würde. Bisher waren sie eigentlich immer einer Meinung gewesen – aber mit Johannes in ihrem Schlepptau würde das wahrscheinlich nicht mehr so sein. Natürlich hätte es einige Vorteile, den Spürhund der Bücherjäger auf ihrer Seite zu wissen, ihn zumindest ständig im Auge behalten zu können, sodass er den Unterzensor Skythis nicht wieder auf ihre Fährte lenken könnte. Aber würden sie es wirklich schaffen, Johannes bei Tag und Nacht so zu überwachen, dass er nicht wieder unbemerkt das Weite suchen konnte? Ob er Das Buch der Geister mitnehmen oder einfach so davonrennen würde – für sie wäre beides unheilvoll.

Amos senkte seine Lider und lauschte in sich hinein. Kronus, geliebter Herr – bitte gebt mir ein Zeichen! Er wartete geraume Zeit und wiederholte dann seine Beschwörung, aber er erhielt keine Antwort. Dabei war es ihm doch eben, gerade als er seine Augen geschlossen hatte, für einen kurzen Moment so vorgekommen, als ob da noch ein dritter Lichtstrom funkeln würde. Nicht nur der dicke goldene Lichtschweif, der ihn mit Klara verknüpfte, und das ärmliche, zitternde Rinnsal, das zu Johannes gehörte. Aber ehe er nachprüfen konnte, ob ihn dieser dritte Strahl vielleicht zu Kronus führen würde, war er wieder erloschen – gerade so, wie es auch Kronus früher immer gemacht hatte, wenn er nicht gestört werden wollte.

Oder hatte sich Amos das vielleicht nur eingebildet? Nein, bestimmt nicht, dachte er – klar und deutlich, wenn auch nur für die Dauer eines halben Wimpernschlags hatte er den dritten Lichtstrahl gesehen. Und vielleicht war es ja wirklich Kronus gewesen und der weise Alte hatte sich gerade in diesem Augenblick vergewissert, dass es Amos wohl erging? Amos wünschte es sich so sehr – dass Kronus am Leben war und dass er zumindest hin und wieder ganz im Stillen seine Hand über ihn hielt.

Als er wieder zum Bärenfell hinüberschaute, ruhte Johannes’ Kopf mit der unverletzten Seite an Klaras Schulter. Seine Augen waren geschlossen und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck kindlichen Glücks.

»Laurentius wendete seinen Rappen und lenkte ihn behutsam die Böschung hinab.« Klara war nun fast bis ans Ende der ersten Geschichte gelangt.

»Ohrenbetäubend toste hier unten der Strom in seinem Bett. Felsbrocken so groß wie Kutschkästen wurden von der Flut mitgerissen, an die Ufer geschleudert und aufs Neue fortgewirbelt, wenn sie ins Wasser zurückgekollert kamen.

Auf einem solchen Felsbrocken, der im flacheren Uferwasser lag, entdeckte Laurentius Answer schließlich ein eigenartiges Wesen. Es war kaum länger als sein eigener Arm und von schilfgrüner Farbe. Seine Beine baumelten im Wasser, und auch sein Haar, das aus Schlick und Tang zusammengezwirnt schien, hing in wirren Wellen bis in den Strom hinab.

Laurenz sprang vom Pferd und kauerte sich neben dem Wasserwesen hin. ›Ich bin Laurentius Answer und ich suche das Land meiner Väter‹, sagte er, ›kannst du mir zeigen, wie ich dorthin zurückgelange?‹

Die Augen des grünen Kleinen ähnelten Seerosen. Nachdenklich sah er Laurentius an, ehe er gurgelnd Antwort gab. ›Suchst du das Land deiner Väter, so frag die Frau, die im Brunnen wohnt.‹«

Klara schloss leise Das Buch und rappelte sich auf. Mit einer Hand stützte sie Johannes ab, bis er seitlich auf dem Fell zu liegen kam. Lächelnd ging sie zu Amos herüber, legte Das Buch der Geister auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber auf den Stuhl. »Hoffen wir, dass er wieder bei Sinnen ist«, sagte sie, »wenn er in ein paar Stunden aus der Geisterwelt zurückkehrt.«

»Ach, Klara – vergiss doch endlich mal diesen verrückten Kerl.« Amos beugte sich über den Tisch und nahm ihre linke Hand zwischen die seinen. »Viel wichtiger ist doch, was aus uns jetzt werden soll – aus dir und mir und aus dem Buch. Spätestens morgen wird Cellari wieder nach uns suchen – wir brauchen dringend ein sicheres Versteck!«

»Darüber denke ich nach«, gab Klara zurück, »seit ich aus der Bischofsburg in Bamberg geflohen bin. Niemals werde ich den schrecklichen Anblick vergessen, als die Wächter dich überwältigt haben. So etwas darf uns nie mehr passieren.«

»Und wie sollen wir das verhindern? Wenn uns darauf nicht möglichst sofort eine gute Antwort einfällt, geht morgen alles von vorne los.« Amos warf einen weiteren Blick zu Johannes hinüber und dämpfte seine Stimme. »Dann fliehen wir wieder durch den Wald und die Ketzer- und Bücherjäger hetzen hinter uns her. Vielleicht schickt der Zauberer Faust mir ja noch mal eine Vision, aus der wir schließen können, wohin wir Das Buch als Nächstes bringen sollen – aber weißt du, Klara, ich bin mir überhaupt nicht mehr sicher, ob wir uns von dieser Bruderschaft noch länger wie Schachfiguren herumschieben lassen sollen.«

»Nicht von der Bruderschaft«, sagte Klara. »Aber was ist mit Kronus und mit Mutter Sophia?«

»Wie meinst du das denn?« Amos war so müde, dass er Mühe hatte, seine Augen aufzuhalten. »Die beiden gehören doch genauso zum Opus Spiritus wie die Männer, mit denen wir in Bamberg zusammengetroffen sind.«

Klara machte schmale Augen – wie fast immer, wenn sie angestrengt überlegte. »Sie gehören dazu, na klar – aber irgendwie vielleicht auch nicht.«

Amos sah aufs Neue zum Kamin hinüber. Johannes’ Augen waren nach wie vor geschlossen und auch das selige Lächeln lag noch auf seinem Gesicht. Aber Amos traute ihm nach wie vor nicht recht über den Weg. Lass uns lieber nicht laut über diese Dinge reden, sagte er auf dem Gedankenweg. Er rieb sich über Stirn und Schläfen, um wieder etwas wacher zu werden. Du meinst, dass die Bruderschaft Kronus und Mutter Sophia vielleicht nicht in alle ihre Pläne eingeweiht hat – so wie sie es auch bei Fürstbischof Georg gemacht haben?

So ähnlich, antwortete Klara. Oder eigentlich doch nicht, schob sie nach kurzem Zögern hinterher. Den Fürstbischof haben sie ja mehr als Deckmantel und Schirmherrn verwendet, damit sie unter seinem Dach ungestört ihre Versammlungen abhalten konnten. Sie haben ihm eingeredet, dass es sich bei dem Buch der Geister um eine Art frommes Spielzeug handelt, mit dem man nichts Schlechtes anrichten, aber auch sonst eigentlich nicht viel anfangen kann. Aber Mutter Sophia und Kronus konnten sie so etwas natürlich nicht einreden – schließlich hat Kronus Das Buch selbst geschrieben und niemand außer ihm konnte kontrollieren, welche alten Mysterien und Zauberformeln er dafür überhaupt verwendet hat.

Amos nickte. Das sehe ich ganz genauso, Klara, und ich zerbreche mir so wie du seit Tagen und Wochen über all diese Rätsel den Kopf. Aber es ergibt einfach keinen Sinn. Er liess ihre Hand los und fing an, aus Wachsresten, die an der Kerze heruntergeronnen und auf die Tischplatte getropft waren, kleine Kugeln zu formen. Wenn Das Buch der Geister, fuhr er fort, irgendwelche gefährlichen magischen Gaben erwecken würde, dann hätte Kronus nicht sein halbes Leben daran gearbeitet, und dann hätte er auch bestimmt nicht zugelassen, dass ich in diese Angelegenheit verwickelt werde. Da bin ich mir nach wie vor ganz sicher – und das Gleiche gilt ja auch für Mutter Sophia. Kronus hat ihr die ersten beiden Geschichten in anderen Versionen als denen geschickt, die er schließlich in Das Buch der Geister aufgenommen hat – sie haben also zusammen ausprobiert, wie die Geschichten am besten die Wirkung hervorrufen, die sie erzielen wollten – und dabei hätte doch auch Mutter Sophia niemals mitgemacht, wenn sie auch nur im Geringsten befürchtet hätte, dass sie dich dadurch gefährden könnte. Und deshalb kann es einfach nicht sein, dass Männer wie dieser Organist Senft in Bamberg oder wie der Zauberer Faust mit dem Buch der Geister i

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