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Das verbotene Buch

Über den Autor

Andreas Gößling, geboren 1958, lebt und arbeitet als freier Autor in Coburg. Der promovierte Literatur- und Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit mythen- und kulturgeschichtlichen Themen, insbesondere mit der alten Maya-Kultur, mit Drachenmythen sowie mittelalterlicher Magie und Alchimie. Neben Romanen für erwachsene und junge Leser hat er auch zahlreiche Sachbücher publiziert.

Andreas Gößling

Opus

Das
verbotene
Buch

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel I

1

ERST HINTER DER LETZTEN WEGBIEGUNG kam das Gehöft in Sicht und wie jedes Mal schlug Amos’ Herz bei diesem Anblick schneller: das verwinkelte hölzerne Haupthaus, an das sich links ein baufälliger Stall, rechts der wacklig umzäunte Garten anschloss. Das gesamte bescheidene Anwesen lag in einer Senke, u-förmig umflossen vom Gründleinsbach, den seinerseits Schilf und Weiden säumten. Früher einmal hatte der Bach hier ein Mühlrad angetrieben, doch schon als Valentin Kronus vor mehr als dreißig Jahren den Hof von den Edlen von Hohenstein gepachtet hatte, war die Mühle nicht mehr in Betrieb gewesen. Und seither hatte der gelehrte Einsiedler die Stuben und Kammern mit Büchern und Schriftrollen gefüllt und die einstige Mühle in eine kostbare Bibliothek verwandelt.

Wie jedes Mal, wenn Amos das Innere des murmelnden, glucksenden U betrat, kam es ihm vor, als ob er in einen Strom aus Bildern, Farben, gewisperten Geschichten eintauchte. Wohl eine Stunde lang war er durchs Tannenholz bis hierher gerannt, beunruhigt durch den Gedanken, dass Onkel Heribert neuerlich versuchen könnte, ihm den Umgang mit Kronus zu verbieten. Nun aber, während er mit dem rostigen Klopfer gegen die Haustür schlug, kam ihm seine Sorge lächerlich vor: Wenn Kronus es nicht zuließ, konnte Ritter Heribert von Hohenstein sie niemals voneinander trennen. Und obwohl die Dienste eines fünfzehnjährigen Jungen für den Gelehrten kaum besonders wertvoll sein konnten, spürte Amos doch deutlich, dass der alte Mann ihn mochte und schätzte.

»Komm herein, es ist offen«, erklang Kronus’ leise, aber kräftige Stimme.

Amos trat ein. Die Haustür führte direkt in die einstige Wohnstube, die dem Schriftgelehrten als Schreib- und Lesezimmer diente. Über die Wände zogen sich Regale bis zur Decke, dicht gefüllt mit Büchern, Schriftrollen, Papierstapeln. Mitten in der Stube erhob sich das wuchtige Stehpult, hinter dem Kronus sein halbes Leben verbracht hatte. Es war aus glänzend schwarzem Holz gefertigt und hatte die Umrisse eines aufrecht stehenden, halbwegs aufgeschlagenen Buchs. Seine Vorderseite war mit goldfarbenen Intarsien übersät, die wie Schriftzeichen aussahen, wenngleich Amos nicht eines von ihnen entziffern konnte. Auch jetzt stand der alte Mann hinter der schrägen Pultfläche, mit der Feder in der Hand über sein Manuskript gebeugt.

»Diese Kerle wollten dich zurückhalten, aber du hast dich durchgesetzt.« Kronus legte die Feder zur Seite, trat hinter seinem Pult hervor und kam mit raschen Schritten auf ihn zu. Er war kaum größer als Amos, seine Gestalt unter dem weiten schwarzen Umhang gebeugt und schmal. Sein Gesicht war mit Falten überzogen, sein Haar noch voll, aber funkelnd grau. Dennoch wirkte er seltsam alterslos, vielleicht wegen seiner hellblauen Augen, deren Blick klar und leuchtend war. »Gut gemacht, Junge.« Valentin Kronus legte seine Hände auf Amos’ Unterarme und zog ihn kurz an sich. »Sei mir gegrüßt, Amos von Hohenstein.«

Seine Berührung war federleicht. Gleich schon schob er Amos wieder von sich weg, hielt ihn aber einen Moment lang noch fest und sah ihn aufmerksam, mit einem kaum merklichen Lächeln, an. »Komme mir bloß nicht wieder damit, dass ich angeblich hellseherische Kräfte hätte. Ich habe nur in deinem Gesicht gelesen, dass dein Onkel dich nicht mehr zu mir lassen wollte.«

»Er hat sich nicht einmal getraut, es mir selbst zu sagen. Stattdessen hat er seinen Hauptmann vorgeschickt.« Amos schüttelte den Kopf. »Aber ich habe gleich gespürt, dass Ihr es nicht zulassen würdet.«

»Auf gar keinen Fall. Nicht, solange ich am Leben bin – und mein Werk unvollendet ist.« Der alte Mann wandte sich wieder zu seinem Manuskript um und winkte Amos, ihm hinter sein Schreib- und Lesepult zu folgen.

Auch Amos musste lächeln. »Wie wunderbar, Herr, wieder bei Euch zu sein.«

Neben dem Gelehrten trat er zwischen die aufgeschlagenen Hälften des riesenhaften Buchs. Es war das sonderbarste Möbelstück, das er jemals gesehen hatte. Nicht anders als die äußere Schauseite war auch die Pultfläche im Innern mit geheimnisvollen Zeichen bedeckt. Ein Blatt Papier lag darauf, zur Hälfte mit Kronus’ gleichmäßiger Schrift bedeckt und umlagert von Federkielen, Tintenfässchen und den Gegenständen, die der weise Mann stets um sich hatte: dem elfenbeinernen Totenkopf, der am oberen Pultrand befestigt und so groß wie Amos’ Faust war, dem vergoldeten Mistelzweig und dem silbernen Pentagramm.

Einmal hatte ihm Kronus ganz beiläufig erklärt, dass es mächtige magische Dinge seien, die seit Jahrtausenden verwendet würden, um Tote zum Leben zu erwecken oder Dämonen zu beschwören. Und auch weil er diese Zaubersachen besaß, glaubte Amos keinen Augenblick lang, dass Kronus ihm nur vom Gesicht abgelesen hatte, was vorhin geschehen war. Er besaß übernatürliche Kräfte, das stand für Amos ganz und gar fest. Kronus verfügte über die Gabe, mit seinem Geist an weit entfernte Orte zu reisen, auch wenn sein Körper seit Jahren und Jahrzehnten an dieses abgelegene Gehöft gefesselt war.

»Schau, hier.« Kronus deutete auf den halb beschriebenen Bogen. »Lies das – aber nur die Überschrift.« Mit seiner runzligen Rechten verdeckte er den Absatz, den er darunter bereits geschrieben hatte. »Du erinnerst dich doch?« Er sah Amos bedeutungsvoll an.

»Als ob ich jemals eines Eurer Worte vergessen könnte.« Amos beugte sich über das Schriftstück. Während er die in Schmucklettern ausgeführte Titelzeile entzifferte, begann sein Herz hastig zu klopfen. »Vom Fährmann, der stromaufwärts fuhr.« Er musste sich am Pult festhalten, so schwindlig fühlte er sich mit einem Mal. »Das heißt, Ihr habt mit der vierten Geschichte begonnen, Herr?«

»Mit der vierten und letzten«, bestätigte Kronus. »Wenn mich die Kraft nicht vorher verlässt, hoffe ich Das Buch der Geister in einem Monat abzuschließen.« Er gab dem Jungen einen Wink, ihm in das hintere Zimmer vorauszugehen. »Warte dort einen Augenblick. Ich hole nur noch den Schlüssel für den Bücherschrank.«

Vorn in der Schreibstube kramte Kronus umständlich nach dem Schlüssel. Währenddessen setzte sich Amos im Hinterzimmer auf einen Schemel und dachte an den Zusammenstoß, mit dem dieser Tag für ihn begonnen hatte.

2

WIE IMMER MONTAGS war Amos noch vor dem ersten Sonnenstrahl erwacht. Er war aufgestanden, hatte Wams und Hosen angezogen und seinen Gürtel mit dem Kurzschwert umgelegt. Leise hatte er seine Kammertür geöffnet und mit angehaltenem Atem gelauscht, ehe er sich seinen Weg zu bahnen begann.

Zuerst durch den düsteren Burgsaal auf die eisenbeschlagene Tür zu, die vom Palas direkt zum Hof hinaus führte. Überall hatten schlafende Männer herumgelegen, auf Holzbänken, Strohsäcken oder auf dem nackten Steinboden. Keinesfalls durfte er einen von ihnen aufwecken, denn sie wussten ganz genau, wohin er sich montags in aller Frühe immer davonstahl – und vor allem wussten sie, wie wenig Ritter Heribert von diesen Ausflügen seines Neffen hielt. Wenn sie Alarm schlugen, würde es wieder endlose Wortwechsel mit dem Onkel geben.

So leise wie möglich hatte Amos die gewaltige Eichentür aufgedrückt. Der Himmel über dem Burghof begann sich schon hellgrau zu verfärben. Die ersten Vögel zwitscherten von den Zinnen hinab. Obwohl der Tag kaum erst angebrochen war, fühlte sich die Luft bereits wieder staubig und warm an.

Er lief quer über den Burghof, auf die Wache zu, ein muffiges Gewölbe neben dem Ostturm, das Tag und Nacht mit zwei Wächtern besetzt war: Direkt dahinter befand sich der schmale Durchlass nach draußen. Amos wollte sich eben auf Zehenspitzen vorbeidrücken, als die Tür zur Wache aufging und eine hünenhafte Gestalt nach draußen trat.

»Wohin so früh, junger Herr?« Hauptmann Höttsche hängte die Daumen in den Gürtel ein, der sich um seinen beachtlichen Bauch spannte. Sein Bart war pechschwarz und mit silbernen Fäden durchzogen. Die Arkebuse trug er an einem Riemen auf dem Rücken, doch auch ohne ein solches gewaltiges Gewehr hätte Höttsche Sorgass, Ritter Heriberts treuester Kampfgefährte, furchterregend ausgesehen. Er war anderthalb Köpfe größer und gewiss dreimal so schwer wie Amos. Auf seiner Stirn, genau über der Nase, prangte ein rotes Narben-X – Andenken an einen Kampf, der Höttsche fast das Leben gekostet hätte. Und der jedes Mal, wenn der Hauptmann davon erzählte, vollkommen anders ablief als in sämtlichen früheren Versionen.

»Zu Kronus, es ist ja Montag«, sagte Amos und wollte an Höttsche vorbei zum Durchlass gehen.

Doch der Hauptmann legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Dein Onkel will es nicht länger leiden«, brummte er. »Du sollst heute mit uns gegen die Böhmischen ziehen.«

Amos erschrak. Vergeblich suchte er in Höttsches Gesicht nach einem Zeichen, dass ihn der Hauptmann zum Besten hielt. »Warum sagt mir der Onkel das nicht selbst?«, fragte er. »Wieso schickt er dich vor, Höttsche?«

»Ich spreche in seinem Namen.« Der Hauptmann verschränkte die Arme vor der Brust. »Er hat es geschworen, Junge, beim Grab deines Vaters: dass er dich an Sohnes Statt annehmen und zu seinem Erben und Nachfolger erziehen wird – und jetzt ist es höchste Zeit dafür.«

»Aber ich will nicht.« Amos senkte den Kopf. Ein heißer Klumpen bildete sich in seiner Kehle. »Ich kann nicht mit euch gehen«, brachte er hervor. Bald drei Jahre war es jetzt her, dass er selbst und seine Schwester Oda zu Waisen geworden waren. Mordbrenner hatten ihr Haus überfallen und alles in Schutt und Asche gelegt. Gut dreizehn Jahre alt war seine Schwester da gewesen, er selbst gerade erst zwölf. »Ich will niemals wie Onkel Heribert werden«, fuhr er mit festerer Stimme fort. »Auch mein Vater hat immer gesagt …« Doch dann unterbrach er sich mitten im Satz. Was gingen Höttsche diese Familiengeschichten an?

Ritter Heribert von Hohenstein war der ältere Bruder von Amos’ und Odas Vaters. Er hatte den Stammsitz der Familie geerbt und Amos war der einzige männliche Nachkomme der Familie. Also war es selbstverständlich gewesen, dass Onkel Heribert seinen Neffen bei sich aufgenommen hatte, während Oda in Nürnberg bei ihrer Tante Ulrika untergekommen war. Doch so ähnlich sich die beiden Brüder rein äußerlich waren, so gegensätzlich waren sie in allem anderen. Ferdinand von Hohenstein war ein friedlicher und fürsorglicher Mann gewesen, der weder dem Krieg noch der Jagd irgendetwas abgewinnen konnte. Heribert dagegen war ein Rauf- und Saufbold, der Burg Hohenstein in ein Räubernest verwandelt hatte und von Wegelagerei und Raubzügen über die böhmische Grenze lebte.

»Dein Vater ist tot, Junge«, sagte Höttsche in Amos’ Gedanken hinein, »also fang endlich an, dich daran zu gewöhnen: Eines Tages wirst du Burg Hohenstein erben. Da geziemt es sich nicht, dass du dem alten Kronus das Rübenbeet umgräbst. Ab sofort wird Bastian, der neue Page, an deiner Stelle gehen – er ist sowieso noch zu schwach und ängstlich für den Kampf. Und du reitest mit uns nach Böhmen.«

Während Höttsche dies sagte, wurde Amos mit einem Mal ganz ruhig. Seit Monaten hatte er geahnt, dass der Onkel ihm über kurz oder lang den Umgang mit Kronus verbieten würde. Und genauso lange schon stand sein Entschluss fest: Lieber würde er davonlaufen und sich auf eigene Faust durchschlagen, als sich von Heribert zum Krieger und Raubritter abrichten zu lassen.

»Ich werde auch weiter zu Kronus gehen«, sagte er. »Denn er will ja, dass ich ihm helfe – und nicht irgendein Page oder Knecht. Richte das meinem Onkel aus, Höttsche – und jetzt lass mich vorbei.«

»Der Alte will es?« Der Hauptmann kniff die Augen zusammen. »Und wer hat wohl mehr zu sagen, Junge – dein Onkel oder dieser Tintenpisser Kronus?«

»Kronus!«, gab Amos zurück, ohne auch nur einen Moment lang nachzudenken. Er selbst hatte nicht gewusst, dass er das sagen würde. Doch mehr noch als seine eigene Antwort verwunderte ihn Höttsches Reaktion.

»Verflucht noch mal, da halte ich mich raus«, murmelte der Hauptmann. »Soll der Ritter eben selbst …« Das Blut war Höttsche mit einem Mal aus dem Gesicht gesackt. Er machte einen hölzernen Schritt zur Seite und gab den Weg frei.

Im nächsten Moment zwängte sich Amos durch den engen Durchlass in der Burgmauer. Der Pfad draußen war schmal und von Felsbrocken gesäumt. Schon nach wenigen Schritten führte er steil abwärts. Doch Amos hätte ihn mit verbundenen Augen hinunterklettern können, so oft war er den halsbrecherischen Steig schon hinab- und wieder hinaufgestiegen – an jedem Montag zu Fuß und an allen anderen Tagen in seiner Fantasie.

Im Laufschritt war er kurz darauf schon durchs Tannenholz getrabt, wohl eine Stunde lang. Auf halber Strecke entsprang der Gründleinsbach aus einem Felsenquell – ein waagrechter Spalt in der bemoosten Bergwand, der wie ein vorgestülptes Riesenmaul aussah. Wie immer hatte Amos hier einen Augenblick Rast gemacht, um ein paar Schlucke Wasser zu trinken, ehe er weitergelaufen war, nun auf abschüssigem Pfad, den murmelnden Bach zu seiner Linken.

Ja, Kronus ist mächtig, hatte er unterwegs immer wieder gedacht. Und anscheinend hatte es Höttsche vorhin genauso empfunden: Valentin Kronus war ein gebrechlicher alter Mann – und doch besaß er weitaus mehr Macht als Ritter Heribert, ja selbst als der Amtmann des Fürsten unten in Kirchenlamitz.

3

»DU MUSST EINEN AUFTRAG für mich erledigen.« Den klobigen Schlüssel in der Hand, trat Valentin Kronus ins Hinterzimmer zu Amos und schloss die Tür. »Ich würde dich nicht darum bitten«, fuhr er fort, »wenn es nicht so ungemein wichtig wäre. Für mein Werk, Das Buch der Geister – du verstehst schon. Und wenn ich dir nicht vertrauen würde wie meinem eigenen Sohn.«

»Alles, was Ihr befehlt, Herr.« Amos’ Augen wurden vor Aufregung weit. Sein Herz begann noch schneller zu schlagen, falls das überhaupt möglich war. Gewöhnlich führte er für den alten Mann kleine häusliche Arbeiten aus – er hielt den Gemüsegarten in Ordnung, mistete den Pferdestall aus oder bereitete eine Mahlzeit aus Brot und Käse, Wein und Braten zu, die er in der Rückentrage von der Burg herübergeschleppt hatte. Heute aber erwartete Kronus etwas ganz anderes von ihm, das spürte er genau.

Das Buch der Geister war Kronus’ Lebenswerk. Seit etlichen Jahrzehnten arbeitete er daran, doch was genau es mit diesem Werk auf sich hatte, war Amos bis heute nicht recht klar geworden. Schon vor zwei Jahren, als er das erste Mal hierhergekommen war, hatte er dem Alten schwören müssen, dass er alles für sich behalten würde, was er in Kronus’ Haus sah oder hörte. Mächtige Feinde versuchten zu verhindern, dass Kronus das Buch fertigstellen konnte. Wenn sie ihm auf die Schliche kämen, würde er unweigerlich auf dem Scheiterhaufen oder am Galgen enden.

»Das Buch«, so hatte Kronus ihm erklärt, »wird eine Arche Noah der kostbarsten Geistesschätze der Menschheit sein. Und jene, die mich suchen, würden diese Schätze am liebsten für immer in ihren Verliesen verschließen. Wenn es nach ihnen ginge, würden sie wohl alle Gedanken und Geschichten schlichtweg verbieten, soweit sie nicht in der Bibel verzeichnet und vom Vatikan in Rom ausdrücklich genehmigt worden sind. Ja, ich fürchte, wenn es in ihrer Macht stünde, würden sie sogar die menschliche Einbildungskraft ganz einfach abschaffen, damit niemand mehr sich irgendetwas ausdenken oder von etwas träumen kann, das ihnen nicht passt. Und deshalb, mein lieber Amos«, so hatte Kronus mit seinem stillen Lächeln hinzugefügt, »ist mein Buch der Geister in ihren Augen so überaus gefährlich. Ich nämlich will meine Leser im Gegenteil lehren, ihre Einbildungskraft so zu gebrauchen, dass sie in ihrem Innern einen überaus kostbaren Schatz entdecken. Einen Schatz, der sie reich und mächtig macht und sie die Mysterien von Himmel und Erde viel tiefer verstehen lässt, als es die Formeln der Wissenschaftler oder die Gleichnisse der Priester jemals könnten – einen Schatz, der ihnen magische Kräfte verleihen kann.«

Auch das kleine Hinterzimmer der ehemaligen Mühle erinnerte an das Innere einer urtümlichen Arche. Schränke aus schwarz verwittertem Holz bedeckten die Wände. Der Boden der Kammer bestand gleichfalls aus altersschwarzen Brettern. Die Luft hier drinnen roch dumpfig feucht, mit einer leisen Beimischung von Moder. Vor dem kleinen Fenster in der Rückwand toste der Gründleinsbach vorbei und verstärkte noch die Illusion, dass man sich im Bauch einer über die Meere treibenden Arche befand.

Kronus trat zu einem der wuchtigen Schränke und schob den Schlüssel ins Schloss. Schon mehr als einmal hatte Amos zugesehen, wenn der Einsiedler eine der schweren Türen geöffnet hatte, um im Innern des Möbels ein Schriftstück zu suchen. Der Schrank war bis in den allerletzten Winkel mit uralten Büchern und Handschriften vollgestopft, deren bloßer Besitz laut Kronus lebensgefährlich war.

Das Buch der Beschwörung beispielsweise, vor dreitausend Jahren in aramäischer Sprache verfasst. Gebunden in rissiges, grünlich schimmerndes Leder, dessen schuppige Oberfläche eher an Echsen als an warmblütige Tiere erinnerte. Einmal hatte Kronus das dickleibige Werk vor Amos’ Augen aus dem Schrank hervorgewuchtet und für ihn aufgeschlagen. Amos hatte nur ein Gewimmel unverständlicher Schriftzeichen und gleichfalls unbegreiflicher Bildsymbole erblickt, halb betäubt von dem Schimmelgeruch, der aus dem Buch wie aus dem Innern einer lange Zeit fest verschlossenen Höhle aufstieg.

Oder die Schrift der Schatten, schmal, fast gewichtlos, aschgrau gebunden: das rätselhafte Werk eines griechischen Weisen, der angeblich die Kunst beherrscht hatte, die Welt um sich herum in genau die Geschichte zu verwandeln, die er gerade schrieb.

Bei wieder anderer Gelegenheit hatte Kronus ihm den Gesang der Wandlungen gezeigt, eine stark vergilbte und zerfledderte Schriftrolle, die vor mehr als tausend Jahren von einem hellsichtigen Araber angefertigt worden war. Der Mann war aus heiterem Himmel zum Gefäß übermächtiger Gesichte und Gesänge geworden, die in mehrere Monate dauerndem Strom auf ihn herniedergingen. Anfangs hatte er sich gegen seine Aufgabe gesträubt, denn bis dahin war er weder ein Priester noch ein Dichter gewesen, sondern hatte das Leben eines einfachen Ratsschreibers geführt. Nachdem er den Gesang der Wandlungen empfangen und niedergeschrieben hatte, verließen ihn die Visionen wieder und er kehrte erleichtert zu seinem früheren Leben zurück.

Jedes Mal, wenn Amos den einstigen Mühlhof aufsuchte, fragte er den alten Mann, was es mit seinem Buch der Geister auf sich hatte – und beinahe jedes Mal gebrauchte Kronus andere Bilder und Umschreibungen. Beinahe so wie Hauptmann Höttsche, der jedes Mal eine andere Geschichte zum Besten gab, wenn man ihn nach der Herkunft des Narben-X auf seiner Stirn fragte.

Das Buch, an dem er schreibe, so hatte Kronus ihm beispielsweise erklärt, »ist wie ein magisches Elixier. Denn es wird die Essenz aller magischen und visionären Schriften, aller Mythen und Epen enthalten, die es wert sind, der Nachwelt überliefert zu werden. Wer also Das Buch der Geister vollständig in sich aufgenommen hat, wird die Macht eines Magiers besitzen. Dabei wird es keinerlei Zauberformeln enthalten. Keine Zwingsprüche, keine Rezepte für Pulver oder Dämpfe, mit denen man Dämonen herbeirufen oder Dreck in Gold verwandeln kann.«

Erst vor wenigen Wochen hatte ihm der alte Gelehrte erstmals angedeutet, worin zumindest ein Teil dieser magischen Wirkung bestand. »Alle Menschen, die die erste Geschichte im Buch der Geister vollkommen in sich aufgenommen haben«, hatte er erklärt, »werden imstande sein, auch über große Entfernungen hinweg mit jedem anderen Menschen in Verbindung zu treten, der sich diese erste Geschichte gleichfalls angeeignet hat. Der Titel dieser ersten Geschichte lautet: Vom Ritter, der seine Liebste hinter dem Spiegel fand. Und mit jeder weiteren Geschichte aus dem Buch der Geister, die der Leser vollständig verinnerlicht hat, werden auch seine magischen Kräfte noch weiter steigen.« All das war so sonderbar und rätselhaft, dass Amos sich manchmal fragte, ob der alte Mann vielleicht den Verstand verloren hatte oder ihn ganz einfach zum Narren hielt. Aber gleichzeitig spürte er in seinem tiefsten Herzen, dass weder das eine noch das andere zutraf: Valentin Kronus besaß übernatürliche Kräfte, und jeder, der es verstand, sein Buch der Geister gänzlich zu durchdringen, würde gleichfalls magische Kräfte erlangen.

In der Woche darauf, als Amos ihn aufs Neue aufgesucht hatte, hatte er all seinen Mut zusammengenommen und Kronus gefragt, ob er selbst denn eines Tages im Buch der Geister lesen dürfe. Kronus hatte ihm mit einem begütigenden Lächeln seine federleichte Hand auf die Schulter gelegt. »Noch ist der Zeitpunkt nicht gekommen – mein Buch ist noch nicht weit genug fortgeschritten, und dein Geist desgleichen. Aber hab Geduld, Amos: Wir sind beide auf gutem Weg.«

Heute jedoch gab sich Kronus ungewohnt einsilbig. Ohne ein erklärendes Wort zog er die Schranktür auf, nahm einen Umschlag heraus und riegelte gleich wieder zu. Er wandte sich wieder um, machte einen halben Schritt auf Amos zu und sah dann sinnend zu Boden. Anscheinend hatten ihn Zweifel befallen, ob Amos der Aufgabe gewachsen wäre. Doch im nächsten Augenblick gab er sich einen Ruck und drückte ihm mit einer energischen Bewegung das Kuvert in die Hand.

»Diesen Brief«, rief er gegen das Tosen des Bachs an, »bringe für mich nach Nürnberg. Mach dich sofort auf den Weg, Amos, die Sache eilt sehr. In der Druckerei Koberger unweit der Fürstenburg arbeitet ein Setzer namens Hebedank. Ihm übergib diesen Umschlag – und vergiss niemals: Sein Inhalt ist einzig und allein für Hebedank bestimmt. Vertraue den Brief niemand anderem an. Hebedank wird übermorgen von drei bis vier Uhr nachmittags am Hintereingang der Druckerei auf dich warten. Hast du alles richtig verstanden?«

Amos bejahte, obwohl in seinem Kopf alles durcheinanderging. Nie zuvor war er eine so gewaltige Strecke gereist – bis Nürnberg mussten es an die hundert Meilen sein. Um in zwei Tagen am Ziel zu sein, müsste er beinahe Tag und Nacht reiten. Damit der Umschlag nicht in falsche Hände geraten konnte, durfte er bis dahin sowieso kein Auge zutun. Doch welche Hindernisse auch immer sich vor ihm auftürmen würden – er würde sie überwinden.

Der Umschlag war dünn und leicht, er schien nur wenige Blätter zu enthalten. Amos schob ihn unter sein Wams, während ihm der alte Mann bereits weitere Anweisungen erteilte. »Die Pferde in meinem Stall kennst du besser als ich – nimm beide mit und wechsle immer nach vier, fünf Stunden das Reittier. So kannst du die Strecke in weniger als zwei Tagen schaffen. Und nimm auch das hier an dich.« Er nestelte ein Leinensäckchen hervor und legte es in Amos’ flache Hand. Es war unerwartet schwer und ließ ein leises Klirren erklingen, als Amos seine Finger darum schloss.

»Acht Gulden«, sagte der alte Mann mit einem Lächeln. »Das müsste mehr als genug sein – für dich und für deinen einnehmenden Onkel Heribert.« Das Blut schoss Amos in die Wangen, aber Kronus schüttelte beschwichtigend den Kopf. »Nimm es nicht schwer, Junge – seine Blutsverwandten kann man sich bekanntlich nicht aussuchen, und der Ritter ist nun einmal ein Gierhals. Gib ihm einen Gulden, damit er dich ziehen lässt, und versprich ihm in meinem Namen einen weiteren, wenn du in vier Tagen heil zurück bist. Du wirst sehen, das ermuntert ihn, dir keine Steine in den Weg zu legen.«

Amos hängte sich den Lederriemen um den Hals und verstaute auch den Geldbeutel unter seinem Wams. Ehe er noch etwas sagen konnte, fasste Kronus ihn wieder bei den Armen und zog ihn an sich. Flüchtig und federleicht. »Du wirst schon alles richtig machen, ich weiß es«, sagte er und schob ihn im nächsten Moment in Richtung Tür. »Aber jetzt mach schnell, du hast einen weiten Weg vor dir.«

4

KRONUS’ GULDEN WIRKTEN wahrhaftig Wunder: Kaum hatte Amos dem Onkel ein Goldstück in die Hand gedrückt, da hellte sich Heriberts Miene auf. »Und einen weiteren Gulden will er zahlen, wenn du heil zurück bist? Na, dafür lässt sich sorgen.«

Der Ritter sprang von seinem mit Bärenfell bedeckten Lieblingssessel auf. Obwohl es immer noch früh am Morgen war, hielten die meisten seiner Männer schon wieder schwappend volle Bierkrüge in Händen. Auf den Tischen im Burgsaal dampften Braten, Kohl und Gemüsebrei in großen Schüsseln. Drei Pagen musizierten mit Laute und Schalmei – in einem von ihnen erkannte Amos den jungen Bastian, den Höttsche an seiner Stelle hatte zu Kronus senden wollen.

Davon war nun keine Rede mehr, im Gegenteil. Der Onkel legte Amos einen Arm um die Schultern und bugsierte ihn zurück zum Ausgang. Einige seiner Männer lagen noch schlaftrunken am Boden – im Vorbeigehen versetzte ihnen der Ritter deftige Tritte. »Hoch mit euch, ihr Nichtsnutze. Nehmt euch ein Beispiel an dem jungen Herrn.«

Wenn Amos die Augen schloss, konnte er sich für einen Moment beinahe einbilden, dass sein Vater neben ihm ging und ihn an den Schultern umfasst hielt. Sogar die Stimmen der beiden Brüder ähnelten sich – auch wenn Heribert vom Trinken und Krakeelen ständig heiser war. »In zwei Tagen bis Nürnberg?«, rief der Ritter aus. »Das wird ein Teufelsritt, Junge.« Er schob Amos durch die schmale Tür auf den Burghof hinaus und blieb, ins helle Taglicht blinzelnd, auf der Schwelle stehen.

Kronus’ Pferde hatte Amos neben der Tür zum Palas angebunden. Der Rappe begrüßte ihn mit leisem Schnauben, während der Braune ein nervöses Wiehern hören ließ.

»Und mit zwei Rössern gar?« Nachdenklich schaute Onkel Heribert von den Pferden zu Amos. »Wozu die verdammte Eile, Junge?« Amos zuckte bloß mit den Schultern. Von ihm würde der Onkel keine weitere Silbe erfahren. »Und warum schickt er diesmal keinen Kurier los – wie sonst in all den Jahren?«

Amos schüttelte nur stumm den Kopf. Mehr als einmal schon hatte er heimlich gelauscht, wenn Höttsche dem Onkel Bericht erstattet hatte: von den Boten zu Pferde und den Emissären in Kutschen, die meist zu dunkelster Nachtstunde im einstigen Mühlhof eintrafen. Von den geheimnisvollen Truhen und Paketen, die dort abgeliefert und von Kurieren wieder in Empfang genommen wurden. Die Wappen und Siegel berühmter Klöster, Universitäten und sogar Fürstenhöfe hatten Höttsches Späher an den Truhen und Briefen angeblich bemerkt. Da lag in der Tat die Frage nahe: Warum vertraute Kronus diesmal einem fünfzehnjährigen Jungen eine so wichtige Aufgabe an?

Aber selbst wenn Amos die Antwort gekannt hätte – dem Onkel hätte er sie gewiss nicht verraten. Zu seiner Erleichterung ritt Heribert auf diesem Punkt auch nicht weiter herum. »Vielleicht will der Alte dich ja künftig öfter als Boten einsetzen«, brummte er stattdessen. »Sieh also zu, Junge, dass du deine Sache gut machst. Zwei Gulden für einen Spazierritt – nicht übel. Vor allem, wenn der Bote noch ein wahrer Milchbart ist.« Er nahm seinen Arm von Amos’ Schultern und stieß ihn freundschaftlich in die Seite.

»Von wegen Milchbart.« Amos fuhr sich mit den Fingerspitzen übers Kinn. Da ringelten sich bereits ein halbes Dutzend Haare, und über der Oberlippe spross ihm sogar schon ein Schnurrbart. Schwarz wie sein Haupthaar, das er schulterlang trug, und strichdünn wie seine ganze Gestalt. Obwohl er sich mit den Pagen – den Söhnen von Ritter Heriberts Vasallen – regelmäßig im Ringen und Fechten übte, wollten seine Muskeln einfach nicht wachsen.

»Spaß muss sein, Söhnchen.« Alle Schmähungen, die der Onkel jemals gegen den »Pfaffen« und »Tintenpisser« Valentin Kronus ausgestoßen hatte, schienen aus seinem Gedächtnis getilgt zu sein. Auch auf die angeblich verzärtelnde Wirkung des Bücherlesens, vor der er seinen Neffen unbedingt bewahren musste, würde Heribert wohl so bald nicht mehr zu sprechen kommen – jedenfalls nicht, solange der »verrückte Alte« seine Goldstücke freigiebig springen ließ. Zwei Gulden waren in der Tat ein üppiger Botenlohn – für einen halben Gulden bekam man auf dem Wunsiedeler Kornmarkt zwei Zentner Roggenmehl oder ein gemästetes Schwein. Ritter Heribert und sein Hauptmann hatten schon öfters beratschlagt, wie sie den offenbar vermögenden Kronus in aller Stille ein wenig erleichtern könnten. Aber bisher war Heribert von Hohenstein doch jedes Mal davor zurückgeschreckt, die Schatztruhe seines Pächters zu plündern. Denn Valentin Kronus mochte zwar ein weltfremder alter Büchernarr sein, doch er besaß offenbar mächtige Freunde. Und obwohl sich Heribert von Hohenstein in den zurückliegenden Jahren mehr und mehr auf die Raubritterei verlegt hatte, war auch ihm bewusst, dass man nicht jedes scheinbar wehrlose Opfer ungestraft überfallen durfte.

»Höttsche!«, brüllte er so dröhnend über den Burghof, dass sich das braune Pferd wiehernd aufbäumte. »Her mit dir, du alter Eisenfresser!«

Der Hauptmann stapfte aus der Wachstube hervor. Seine Miene verriet, dass er auf Ärger gefasst war – schließlich hatte er heute früh gegen den ausdrücklichen Befehl seines Herrn verstoßen. Umso erstaunter schien er, als Ritter Heribert ihn lachend zu sich herwinkte. »Sattle dein Pferd, Hauptmann, und bring den jungen Herrn runter zur Kommandantur. Er braucht ein sicheres Geleit nach Nürnberg, verstehst du – nicht wieder solche bestechlichen Kerle wie unlängst, verflucht.« Der Ritter rollte beschwörend mit den Augen, und Höttsche starrte ihn so entgeistert an, dass Amos beinahe losgeprustet hätte. »Ich will die zwei besten Landsknechte als Geleitschutz für meinen Neffen«, fuhr Heribert mit steinerner Miene fort, »richte das dem Kommandanten von mir aus. Sie sollen jeder ein zweites Pferd zum Wechseln mitnehmen – morgen Mittag muss der junge Herr in Nürnberg sein. Für die Kosten«, fügte er hinzu und schlug Amos krachend auf die Schulter, »komme selbstredend ich auf.«

5

IN SCHARFEM TRAB RITTEN sie auf der Handelsstraße nach Süden. Die beiden Landsknechte, die Amos nach Nürnberg geleiten sollten, hießen Marek und Bardo – zwei Bauernburschen, kaum zwanzig Jahre alt, doch eindrucksvoll anzusehen in der blauen Uniform des markgräflichen Geleitdienstes. An dem stürmischen Ritt schienen sie ebenso wie Amos Gefallen zu finden – meist trabte Bardo vorneweg, und wenn vor ihnen eine Kutsche oder ein träge schaukelnder Bauernwagen auftauchte, hob der flachsblonde Soldat sein Horn an die Lippen und blies einen schreckerregenden Dreiton. Ob Wanderer zu Fuß, langsamere Reiter oder sogar mehrspännige Reisewagen – alles musste zur Seite weichen und blieb wie festgewachsen am Wegrand zurück, während sie dicht hintereinander vorüberjagten. Bardo voraus, dann Amos, als Nachhut der rothaarige Marek, jeder mit einem schnaubenden Ersatzpferd am Zügel. Amos hätte jubeln und singen mögen, so gut gefiel ihm der wilde Ritt.

Mit Gewehr, Schwert und Dolch bewaffnet, schienen Bardo und Marek bestens gerüstet, um jeden Angriff auf ihren Schützling abzuwehren. Aber wer würde es überhaupt wagen, sie auf offener Straße zu überfallen? Dafür kamen eigentlich nur Hauptmann Höttsche und seine Männer infrage – schon mehr als einmal hatten sie mit käuflichen Landsknechten gemeinsame Sache gemacht und unglückliche Reisende in einen Hinterhalt gelockt. Amos jedoch war unter dem doppelten Schutz von Ritter Heribert und den markgräflichen Soldaten unterwegs – da konnte ihm selbst und Kronus’ Brief eigentlich nichts Arges passieren. Gefährlicher würde es wohl erst in Nürnberg werden: Dort sollten Bardo und Marek mit den Pferden in einer Herberge an der Stadtmauer auf ihn warten. Amos aber müsste sich zu Fuß bis zur Druckerei unter der Fürstenburg durchschlagen.

Mittag war kaum erst vorbei und Wunsiedel lag schon weit hinter ihnen. Auf einem Hügel nahe der Stadtmauer hatten sie im Schatten einer Eiche ihre Vesper verzehrt, dann die Wechselpferde gesattelt, um nach kaum halbstündiger Rast weiterzureiten. Früher war Amos ab und an mit den Eltern nach Wunsiedel gekommen, um auf dem Markt einzukaufen und in der Apostelkirche eine Kerze anzuzünden – ihr Gutshof lag unweit der Stadt in einem vor Wind und Wetter geschützten Tal. Wunsiedel war die größte Stadt im Fichtelgebirge, und mit ihren gewaltigen Wehrmauern, den vielerlei Kirchen, Klöstern und Marktplätzen war sie Amos immer unermesslich groß erschienen. Doch nach Kronus’ Worten war sogar das stolze Wunsiedel neben der Freien Reichsstadt bloß ein Bauerndorf. Fünfundzwanzigtausend Menschen lebten in Nürnberg, das zu den mächtigsten Metropolen im ganzen Abendland gehörte. Größer waren höchstens noch Köln am Rhein oder das sagenhafte Venedig.

Der Abend dämmerte schon, als sie den Marktflecken Pegnitz erreichten. Fast sechzig Meilen waren sie seit den Morgenstunden geritten, und statt jubelndem Übermut spürte Amos nur noch Müdigkeit und in den Beinen beißenden Schmerz. Auch Bardo und Marek schienen von der Reise ermattet – jedenfalls machten sie keine Anstalten, die Menschenmenge zu zerstreuen, die sich einige Hundert Meter vor dem Stadttor von Pegnitz auf einmal um sie herum zusammendrängte.

Es waren Dutzende Menschen, allesamt von ärmlichem, abgerissenem Aussehen. Manche waren in graue Umhänge gehüllt, andere trugen nur ein paar Lumpen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin waren sie beiderseits des Weges aus dem Wald hervorgestürmt und eilten zeternd, die Arme ausgebreitet oder die Hände bettelnd vorgestreckt, auf Amos und seine Begleiter zu. Ein hochgewachsener Mann, dessen hagerer Leib nur mit einigen Tuchfetzen bedeckt war, schien ihr Anführer zu sein. Mit finsterer Miene sah er zu den Reitern hinauf und deutete dann mit seinem Wanderstock auf Amos. »Tut Buße!«, rief er. »Das Ende der Welt ist nah!«

Heulend und winselnd wie die armen Seelen in der Hölle drängte sich das ganze Bettelvolk daraufhin noch enger um Amos und dessen Pferde. Der Braune begann zu scheuen und zu tänzeln. »Oh Erlöser, wir sind bereit!«, kreischten die Leute. »Nimm uns elende Sünder auf in dein himmlisches Reich!«

Vergeblich versuchte Amos, seine Pferde zu beruhigen. Er beugte sich vor, summte dem Rappen ins Ohr, tätschelte den schweißnassen Hals des Braunen. »Bardo, Marek«, rief er, »holt mich hier raus!«

Doch als ihm die beiden Landsknechte endlich zu Hilfe kamen, wurde alles nur noch ärger: Bardo blies in sein Horn, und die Menge antwortete mit verdoppeltem Winseln und Geheule. Marek riss die Arkebuse von seiner Schulter und gab einen donnernden Schuss in den Abendhimmel ab. Da bäumte sich der Braune mit angstvollem Wiehern auf, und wie verzweifelt sich Amos auch an Hals und Rumpf des Tieres festzuklammern versuchte – im nächsten Moment wurde er abgeworfen und fiel inmitten der schreienden, stampfenden Menge zu Boden.

So hart prallte er mit der Schulter auf, dass der Schmerz ihn für Augenblicke benommen machte. Als seine Sinne wieder klar wurden, bemerkte er die schlammbespritzte schmale Hand, die sich unter sein Wams schlängelte. »Heda!«, schrie er. »Finger weg!«

Ein Junge, vielleicht ein Jahr jünger als er, kauerte neben ihm am Boden. Seine blonden Haare waren wirr und verfilzt, Gesicht und Hemd mit Schlamm verklebt, als ob er sich in einer Pfütze gewälzt hätte. Seine Hand, die er unter Amos’ Wams hervorzog, umklammerte den Umschlag von Kronus.

Amos schrie auf. Blindlings packte er zu und bekam ein Handgelenk zu fassen. Aber der Junge sprang auf und riss sich von ihm los. Der Briefumschlag fiel, zerknickt, doch sonst unversehrt, neben Amos zu Boden. Im nächsten Moment hatte sich der Junge umgewandt und war in der Menge verschwunden.

Amos tastete sich über die Brust – der Beutel mit Kronus’ Gulden steckte noch in seinem Wams. Während er sich aufrappelte und den Umschlag wieder an sich nahm, liefen Bardo und Marek wie besorgte Hütehunde um ihn herum im Kreis. Der eine hatte sein Schwert gezogen, der andere hielt das Gewehr im Anschlag. Doch da waren die Zerlumpten bereits allesamt wieder im Wald verschwunden – leer lag die Straße vor ihnen, nur ihre Pferde standen brav einige Schritte voraus am Wegrand und rupften staubiges Gras.

»Was waren das für Leute?«, fragte Marek. »Was wollten die von Euch, Herr?«

Zu Beginn ihres Ritts hatte Amos die beiden Burschen gebeten, ihn einfach bei seinem Vornamen zu nennen. Doch sie hatten nur erschrocken die Köpfe geschüttelt: Amos war ein Adelsspross, sie selbst entstammten einfachen Bauernfamilien. Wohl oder übel hatte er sich damit abgefunden, dass sie ihn mit dem ehrerbietigen »Ihr« und als »Herr« oder allenfalls als »Herr Amos« anredeten.

»Vom Herrn Amos – gar nichts«, gab Bardo an seiner Stelle Antwort. »Ein Weltuntergangsprophet war das mit seinen Betteljüngern, du Hohlkopf – hast du nicht gehört, was der Kommandant unlängst erzählt hat? Wie die Fliegen vermehren sich die Höllenschreier derzeit – weil wir im 1499. Jahr nach Christus sind und manche glauben, dass der Messias zu Anfang 1500 wiederkehrt.«

Marek schaute zweifelnd und kratzte sich den Rotschopf. »Aber der Kerl mit dem Stock hat auf Euch gezeigt, Herr.«

Amos zuckte mit den Achseln. Seine rechte Schulter schmerzte von dem Sturz. »Der mit dem Stock wollte vielleicht unsere Seelen retten«, sagte er. »Der mit den dreckigen Händen aber hat sich viel mehr für meine Habseligkeiten interessiert.«

Dass der blonde Junge den Umschlag von Kronus bereits in der Hand gehalten hatte, erwähnte er nicht. Das konnte doch nur ein dummer Zufall sein. Wie hätte der diebische Kerl denn von dem Brief wissen sollen? Nein, es hatte bestimmt nichts zu bedeuten – der Junge hatte ihn einfach bestehlen wollen, und da war ihm als Erstes eben der Umschlag in die Hände gefallen.

Doch so beruhigend diese Erklärung sich auch anhören mochte – nachher wälzte sich Amos auf seinem Lager im Pegnitzer Gasthof »Zum weißen Lamm« und fand nicht in den Schlaf. Von den Kirchtürmen läutete es zur elften Abendstunde, zur Mitternacht, dann ein Uhr früh. Außer ihm selbst und den beiden Soldaten lagen wohl noch ein Dutzend Männer, Frauen und Kinder auf Strohballen in der Schankstube, doch ihre regelmäßigen Atemzüge, ihr Schnarchen und Traumgemurmel bewiesen, dass sie alle tief und fest schliefen. Die Müdigkeit summte überall in Amos’ Körper, und sein Kopf fühlte sich ganz dumpf an – vor Erschöpfung und wohl auch von dem Krug Dünnbier, den er gegen seine Gewohnheit beim Abendbrot mit Bardo und Marek geleert hatte. Aber jedes Mal, wenn er kurz davor war, wegzudämmern, sah er den Weltuntergangspropheten wieder vor sich, wie er den Stock gegen ihn reckte, und den Brief in der schmutzigen Diebeshand.

Vielleicht war der blonde Junge ja doch hinter Kronus’ Umschlag hergewesen?, überlegte er wieder und wieder. Aber wie sollte das möglich sein? Wie mächtig auch immer Kronus’ Widersacher sein mochten – wie hätten sie denn erfahren sollen, dass ihn der alte Mann heute früh mit diesem Briefumschlag nach Nürnberg geschickt hatte? Und selbst wenn sie es auf irgendeine Weise in Erfahrung gebracht hätten – wie hätten sie im Handumdrehen alles arrangieren können, was vorhin vor dem Pegnitzer Stadttor geschehen war? Die Menge der Zerlumpten, die schreiend aus dem Wald gelaufen kam, den blonden Jungen, der sich zielstrebig auf Amos gestürzt hatte – nein, das alles hatte sich einfach so ergeben. Dieses abgerissene Volk hatte eben im Unterholz gelauert, bis jemand daherkäme, den sie anbetteln, erschrecken, möglicherweise auch ausrauben könnten, und sonst steckte nichts weiter dahinter.

Es überzeugte ihn immer weniger, je länger er darüber nachdachte. Der Umschlag enthielt nur ein oder zwei Blätter, aber für Kronus’ Widersacher konnten sie dennoch so kostbar sein, dass sie den Brief um jeden Preis an sich bringen wollten. Warum? Um sie zu vernichten, wie sie – laut Kronus – am liebsten alle Bücher und Schriftrollen zerstören würden, die der alte Mann in seinem Haus aufbewahrte? Aber wenn sie tatsächlich wussten, dass er, von Kronus ausgesandt, auf dem Weg nach Nürnberg war, dann musste ihnen doch genauso bekannt sein, wo Kronus wohnte, wo er all die Schriftwerke hortete und an seinem Buch der Geister schrieb.

Amos überlegte hin und her, aber das Ganze ergab keinen Sinn für ihn. Wenn er doch zumindest die erste Geschichte im Buch der Geister schon gelesen und »vollkommen in sich aufgenommen« hätte, wie dies laut Kronus erforderlich war – dann könnte er mit dem weisen Gelehrten jetzt auf magischem Weg in Verbindung treten. Ganz zu schweigen von den weiteren Geschichten, deren Wirkung nach Kronus’ Worten noch tausendmal wundersamer war. Doch bisher hatte Amos noch keine einzige Zeile aus dem Buch der Geister zu lesen bekommen, und so musste er sich mit seinem eigenen Geist begnügen, und der jagte nur immer wieder ohne eine Lösung zu finden im Kreis.

Endlich siegte die Erschöpfung – die Glocken hatten schon zur dritten Nachtstunde geschlagen, als Amos in unruhigen Schlaf fiel.

Er kam zu sich, als er erneut eine tastende Hand unter seinem Wams spürte. Dazu leise keuchenden Atem knapp über seinem Gesicht und etwas Fadendünnes, das ihm kitzelnd über Stirn und Wangen strich – das filzige Haar jenes flachsblonden Dreckskerls? Wie gelähmt lag er da, außerstande, einen Finger zu rühren. Zu sehen war überhaupt nichts – am Abend hatte der Wirt die Fenster mit Holzläden verrammelt, bevor er das Licht ausgelöscht hatte. Sogar das Atmen fiel Amos schwer, und nur sein Herz schlug wie rasend. Vielleicht träumte er das alles ja bloß, und wenn es ihm jetzt gelang, sich aus dem Traum herauszureißen, würde wieder alles in Ordnung sein?

Endlich konnte er die Erstarrung abschütteln. Er tastete unter sein Wams und fand den Brief, wo er ihn vorhin verstaut hatte, daneben das leise klirrende Münzsäckchen. Mit der Hand fuhr er über sich in der Luft herum, aber da war niemand. Sollte er aufstehen, durch die Stube tappen, über die Füße der Schlafenden stolpern, im Stockfinsteren nach dem Burschen suchen? Nein, das hatte keinen Sinn – entweder er hatte alles nur geträumt oder der Kerl war längst über alle Berge. Mit weit offenen Augen und klopfendem Herzen lag Amos im Dunkeln und wünschte sich nur noch, dass es endlich Tag werden würde.

Als er schließlich wieder auf Kronus’ Rappen saß und zwischen Bardo und Marek weiter auf der Landstraße in Richtung Nürnberg trabte, fühlte er sich so müde und zerschlagen, als ob er die halbe Nacht mit dem dreckigen Diebskerl gekämpft hätte. Erst als gegen Mittag die gewaltige Stadt Nürnberg mit unzähligen gleißenden Türmen und Dächern vor ihm aus der Ebene emporwuchs, da erwachte er allmählich aus dumpfer Benommenheit und Grübelei.

Mit einem Lachen versuchte Amos die düsteren Gedanken zu vertreiben. Hier in Nürnberg konnte niemand außer ihm selbst und jenem Setzer namens Hebedank von dem Brief wissen, den er überbringen sollte. Und wenn er diese Aufgabe erledigt hätte, würde er schnurstracks zum Haus von Tante Ulrika laufen, um endlich seine Schwester Oda wiederzusehen. Seit dem Tod ihrer Eltern lebte Oda hier in Nürnberg, wo die fromme Ulrika ein Heim für mittellose Waisenmädchen leitete.

6

NÜRNBERG WAR EIN GEWIRR aus Wällen und Zinnen, Brücken und Treppen, Gassen und Gräben. Kaum hatte Amos das Stadttor passiert, seine Begleiter samt Pferden in einem Gasthof nahe dem Frauentor zurückgelassen, da verlor er die Orientierung. Düster, eng, stickig war es in der großen Stadt – die oberen Geschosse der Häuser ragten so weit in die Gassen hinein, dass nur wenig Tageslicht bis zum Boden durchdringen konnte. Von der Sonne war überhaupt nichts zu sehen – Amos hätte nicht einmal sagen können, ob er sich gerade nach Westen, Süden oder wohin sonst bewegte.

Die Leute schoben, drängelten, schubsten. Alles schwatzte, lachte, fluchte durcheinander – Kaufleute in wallenden Umhängen und Handwerker mit schwarzen Hüten, Gaukler und Schausteller in schreiend bunten Kostümen und ehrbare Bürgersfrauen, die mit ihren Dienstmädchen vom Markt zurückkehrten, die Einkaufskörbe mit Gemüse und blutigen Fleischstücken gefüllt.

So viele Menschen hatte Amos niemals vorher auf einem Haufen gesehen, so viele unterschiedliche Gesichter, Hüte, Mützen, Frisuren, so vielerlei Jackenschnitte, Gehstöcke, Stiefel, Pantinen. Ihm wurde ganz wirr im Kopf, denn von allem und jedem gab es viel zu viel – nur Platz und frische Luft und Sonnenlicht waren elend knapp. Der Schweißgestank von tausend Menschenleibern mischte sich mit köstlich fremden Gerüchen, die aus Backstuben und Wirtshäusern drangen. Alle Fenster und Türen standen weit offen, und in den ebenerdigen Werkstätten wurde ohrenbetäubend gehämmert und gesägt. Währenddessen sangen oben in den Kammern die Dienstmädchen, und unten vor den Haustüren gackerten Hühner, bellten Hunde, spielten Kinder im Schmutz. Von einem Kirchturm in der Nähe erschallte die Stundenglocke – zwölf Uhr. So blieben ihm immerhin drei Stunden, um sich in der Stadt zurechtzufinden und die Druckerei Koberger am Egidienplatz aufzuspüren, wo jener Setzer Hebedank auf ihn warten würde. Kronus’ Briefumschlag und seinen Geldbeutel hielt Amos mit beiden Armen an sich gepresst. Der Schweiß lief ihm in Stirn und Nacken, seine Wangen glühten. Doch trotz der Sommerhitze wagte er nicht, sein Wams auszuziehen, das seine Habseligkeiten vor den Blicken von Straßenjungen und anderen verdächtigen Gestalten verbarg.

Von denen gab es hier mehr als genug. Ein paar Mal hatte Amos schon beobachtet, wie Taschendiebe und sonstiges Gesindel arglose Landleute gerupft hatten. Einer rempelte das ausersehene Opfer an, ein Zweiter machte sich die Verwirrung des armen Teufels zunutze und leerte ihm blitzschnell die Taschen. So leicht würde er sich nicht übertölpeln lassen, dachte Amos – doch der Kopf brummte ihm schon von dem Wirrwarr um ihn her, und seine Arme begannen wehzutun, so angestrengt drückte er sie gegen Brief und Beutel unter seinem Wams.

An einem Brunnen blieb er stehen, hielt seinen Kopf unter den kühlen Strahl und trank gierig einige Mundvoll Wasser. Es schmeckte eisern und zugleich ein wenig faulig – die reinste Kloake, verglichen mit dem klaren Nass des Gründleinsbachs. Trotzdem fühlte er sich etwas frischer, als er mit tropfenden Haaren weiterging. Zumindest führte diese Gasse bergauf, und da die Druckerei unter der fürstlichen Burg liegen sollte, im höchsten und ältesten Teil der Stadt, konnte dieser Weg nicht ganz falsch sein.

An einer Hausecke stand ein kleiner Junge, vielleicht acht, neun Jahre alt, mit einem Stapel bedruckter Blätter in der Hand. Jedem Passanten reichte er einen Zettel, und die meisten nahmen das Blatt auch bereitwillig entgegen. Dennoch schaute Amos argwöhnisch nach links und rechts, ehe er seinen Zettel in Empfang nahm. Er begann doch wirklich schon Gespenster zu sehen! Als ob der kleine Junge mitsamt seinen Flugschriften hier nur deshalb Posten bezogen hätte, um ihn zu täuschen, abzulenken, ihm den Brief abzujagen.

Der Flugzettel war mit Schmähreimen gegen den Fürstbischof von Bamberg bedruckt. Georg III. sei der leibhaftige Teufel, hieß es dort, und den Bischofshut trage er nur aus einem Grund auf dem Kopf: um seine Satanshörner zu verbergen. Aber nicht mehr lange, dann werde der Messias wiederkehren und alle Sünder und Lasterhaften in die Hölle hinabschleudern, wie es bereits in der Bibel geschrieben stehe.

Amos las die Verse, während er langsam weiterging. Ihr derber Witz gefiel ihm so gut, dass er kaum merkte, wie er Passanten anrempelte und von anderen gerempelt wurde. Von seinem siebten bis zum elften Lebensjahr hatte er die Lateinschule besucht und konnte daher einigermaßen fließend lesen und schreiben. Doch von all den Büchern und Schriftrollen in Kronus’ Bibliothek hätte er nur einen winzigen Bruchteil entziffern können – die meisten von ihnen waren in fremden Sprachen wie Griechisch, Arabisch oder sogar Aramäisch verfasst. Und die Autoren, die auf Deutsch oder Lateinisch schrieben, bedienten sich einer verwickelten, verschlüsselten Sprache, sodass Amos zwar einzelne Wörter lesen konnte, die Bedeutung des Ganzen aber rätselhaft blieb.

Dagegen waren die Schmähverse auf dem Flugzettel nur allzu leicht zu verstehen. Immer zu Ostern, hieß es dort, lasse sich der Bischof nach Satansbrauch einen schwarzen Wolfshund schlachten und verzehre ihn genüsslich anstelle des Osterlamms. Und der Weihrauch, der die Gläubigen während der Heiligen Messe beneble, bestehe aus den Dämpfen, die Seine Heiligkeit auf der Kanzel unterhalb des Gürtels entweichen lasse.

Amos musste losprusten – und verschluckte sich fast an seinem Lachen, als er von dem Flugzettel aufsah: Drei Schritte vor ihm stand eine Amtsperson, allem Anschein nach ein Stadtknecht oder Büttel. Es war ein groß gewachsener Mann mit feuerrotem Vollbart, dessen gewaltiger Brustkorb die Uniformjacke beinahe sprengte. Den Holzknüppel in der Linken, die rechte Hand auf seinem Messerknauf, sah er mit grimmiger Miene die Gasse hinab.

Glücklicherweise schenkte er Amos keinerlei Beachtung. Unauffällig knüllte der seinen Zettel zusammen und ließ ihn in eine Kellerluke am Straßenrand fallen. Während er sich an dem Büttel vorbeischlängelte, schlugen die Glocken überall auf den Kirchtürmen neuerlich die Stunde: Es war bereits halb zwei.

Weiter und weiter stieg Amos im Gassengewirr den Berg hinauf, bis er auf eine breitere Straße stieß. Hier waren nicht nur Fußgänger unterwegs – auch Reiter auf Pferden und sogar prachtvolle Kutschen bahnten sich ihren Weg. Die Straße war ungepflastert und mit Pferdemist, Unrat und Schlaglöchern übersät. Doch ganz oben, an ihrem Ende, konnte Amos nun die gewaltige Burg mit ihren Türmen und Wällen sehen. Irgendwo in den Gassen darunter, zwischen den hoch aufragenden Patrizierhäusern, musste also die Druckerei sein, wo er jenen Hebedank treffen sollte.

Mit frischem Mut folgte er der Straße, auch wenn das Gedränge hier noch ärger war. Ein Reiter überholte ihn – mit Flüchen und Sporen trieb der ungeduldige Mann sein geschecktes Pferd voran. Auf dem Rücken trug er einen runden Schild, der in der Sonne schimmerte und spiegelte. Geblendet kniff Amos die Augen zusammen, da bäumte sich die Schecke plötzlich auf, und fast gleichzeitig erklang ein heller Schrei. Der Reiter fluchte, das Pferd machte einen Satz und war im nächsten Augenblick im Durcheinander verschwunden. Zwei Schritte vor Amos aber lag am Straßenrand eine junge Frau.

Sie lag auf dem Rücken, ein Bein angewinkelt, das Gesicht blass und verzerrt. Amos kauerte sich neben sie, fasste nach ihrer Hand. Sie musste etwa in seinem Alter sein, eher ein Mädchen noch als eine junge Frau.

»Bist du verletzt?«, fragte er.

Sie schüttelte nur leicht den Kopf. Ihre Kleidung war einfach, beinahe ärmlich – ein graues Kittelkleid, das ihr bis zu den Schienbeinen reichte, dazu Holzpantinen. Das weizenblonde Haar lag um ihren Kopf ausgebreitet im Straßendreck – wie Sonnenstrahlen, dachte er.

Aus katzenhaft grünen Augen sah sie ihn an. »Hilfst du mir hoch?« Ihre Stimme klang ein wenig zittrig. Behutsam zog er sie auf ihre Füße, und noch bevor sie richtig stand, warf sie sich ihm an den Hals. Er spürte ihren warmen Atem an seinem Ohr, ihre Hand auf seinem Rücken, die zweite an seiner Brust. »Danke«, flüsterte sie, wandte sich um und verschwand in einer Seitengasse.

Amos schaute ihr benommen hinterher. An seiner Schulter meinte er noch die weiche Wärme ihrer Wange zu fühlen, auf seiner Brust ihre tastende Hand. Da erst dämmerte ihm das Schreckliche: Sie hatte ihn übertölpelt! Er riss sein Wams auseinander, fuhr mit beiden Händen darunter, suchte unter seinem Hemd, auf dem Boden, überall.

Aber der Briefumschlag war fort. Und die Diebin ebenso.

7

»HE, WARTE!«

Sie war schon am anderen Ende der Gasse, als Amos aus seiner Erstarrung erwachte. Und natürlich dachte sie gar nicht daran, auf ihn zu warten: Gerade noch konnte er sehen, wie sie dort hinten rechter Hand in die nächste Gasse oder vielleicht in ein Haustor einbog.

So schnell er konnte, rannte Amos hinter ihr her. Der Beutel mit Kronus’ Gulden tanzte am Riemen vor seiner Brust – für das Geld hatte sich das Mädchen offenbar gar nicht interessiert. So wenig wie gestern der Dreckskerl in Pegnitz.

Beide wollten nur den Brief – dabei konnten sie von diesem geheimnisvollen Umschlag doch gar nichts wissen! Oder etwa doch?

Amos hastete die Gasse entlang. Sie war noch enger, finsterer, schmutziger als die Straßen, durch die er bisher gekommen war. Die Häuschen am Wegrand sahen düster und baufällig aus. Schmale Fenster, hinter denen Augenpaare zu lauern schienen. Ein großer gelber Hund sprang aus einer Tür und rannte kläffend neben ihm her. Verschwinde, Mistvieh!, dachte Amos, und der Hund schien die lautlose Beschwörung tatsächlich zu verstehen: Er ließ von ihm ab, hockte sich mitten auf die Straße und sah Amos trübselig hinterher.

Aber auch wenn er gelben Hunden neuerdings Gedankenbefehle senden konnte – für das blonde Mädchen galt das anscheinend keineswegs. Am Ende der Gasse blieb Amos stehen. Rechts gab es eine schmale Öffnung zwischen zwei halb zusammengebrochenen Häusern – dort hinein musste die Diebin verschwunden sein. Mit mulmigem Gefühl im Magen rannte er weiter – in einen düsteren Hinterhof, der mit kaputten Karren, Leitern und sonstigem Trödelkram vollgestellt war.

Eine halbe Ewigkeit lang lief und kletterte er zwischen dem Gerümpel umher, ohne eine Spur von dem Mädchen zu finden. Er war wütend, müde und halb verdurstet. Ein paar Mal rief er noch nach ihr, dann suchte er nur noch stumm und verbissen weiter. Kronus hatte ihm vertraut, doch er war wie ein Trottel in die Falle getappt. Wenn er das Mädchen nicht aufspürte, den Brief zurückbekam und zur vereinbarten Stunde überbrachte, würde der alte Mann ihm niemals mehr einen Auftrag geben. Anstatt die magischen Kräfte zu erlangen, die man durch Das Buch der Geister bekam, müsste er fortan mit Onkel Heribert, Hauptmann Höttsche und den anderen Männern losziehen – auf der Landstraße arglose Reisende überfallen oder hinter der Grenze gegen die Böhmischen kämpfen.

Am meisten aber verdross Amos, dass er einfach nicht verstand, was hier überhaupt vorging. Wer außer Onkel Heribert konnte denn wissen, dass Kronus ihn mit dem Brief nach Nürnberg gesandt hatte? Natürlich abgesehen von dem alten Gelehrten selbst – aber der konnte nun wirklich kein Interesse daran haben, dass sein eigener Bote beraubt wurde.

Halb verborgen hinter Stapeln von zerbrochenen Deichseln und Leitern entdeckte Amos schließlich einen Ziehbrunnen. Auf dem zerbröckelnden Sims saß das Mädchen und sah ihm ruhig, mit einem abwartenden Lächeln, entgegen. Neben ihr lag der Briefumschlag – ein leiser Windstoß würde genügen, um das Kuvert auf Nimmerwiedersehen im Brunnen zu versenken.

Mit einem Satz war Amos bei ihr und raffte den Umschlag an sich. Seine Wangen glühten wie Feuer – von der Sonnenhitze, von all der Aufregung, vor allem aber vor Zorn. »Warum hast du das gemacht?«, schrie er das Mädchen an.

Ihr Lächeln wurde zum Grinsen. »Was denn gemacht?«

Er fasste sie bei der Schulter, schüttelte sie wütend hin und her. An einem Lederriemchen trug sie um den Hals ein Amulett, das über ihrer Brust wild auf- und absprang – ein Dreieck, aus Draht gebogen, mit einem blauen Stein darin, der seiner Form und Farbe wegen Augenstein hieß. »Wer hat dir gesagt«, schrie er, »dass du mir den Umschlag klauen sollst?«

Da wurde Amos von hinten gepackt und herumgerissen. Vor ihm stand ein noch junger Mann von bärenhafter Gestalt, in der braunen Kutte eines Bettelmönchs. Grimmig schaute er Amos an und in seinen Augen funkelte der Spott. »Weißt du nicht, wie man sich benimmt, Kerl?«

»Aber sie hat …«, begann Amos und biss sich auf die Zunge.

»Sie hat was?«, fragte der Mönch.

Amos schüttelte nur den Kopf. Der Mönch sah ja harmlos aus und steckte mit dem diebischen Mädchen bestimmt nicht unter einer Decke. Trotzdem musste Amos auch ihm gegenüber Stillschweigen bewahren. Das hatte er Kronus versprochen, und natürlich könnte auch der Mann mit der Kutte ihm nicht erklären, warum andauernd irgendjemand versuchte, ihm den Briefumschlag abzujagen.

»Du verschwindest jetzt besser«, sagte der Mönch in energischem Tonfall.

Amos nickte. Als er sich umwandte, war von dem Mädchen nichts mehr zu sehen. Das erstaunte ihn nicht allzu sehr – schließlich musste sie darin geübt sein, sich unbemerkt davonzustehlen. Und bei all dem Gerümpel, das sich in diesem Hof stapelte, war es sowieso keine Kunst, sich von einem Moment zum nächsten unsichtbar zu machen.

Trotzdem blieb ihm ein seltsames Gefühl zurück – so als ob das Mädchen ein Geist gewesen wäre, ein Trugbild, das ihm nur vorgegaukelt worden war. Doch diesen Gedanken hatte Amos schon Augenblicke später vergessen. Wieder erklangen von überall her die Stundenglocken, und mit wachsendem Entsetzen zählte er mit: drei volle und danach drei leisere Schläge – Viertel vor vier.

»Gütiger Gott, lass es nicht zu«, murmelte er. Nur noch eine Viertelstunde lang würde jener Hebedank am Hinterausgang der Druckerei Koberger auf ihn warten – und er, Amos, hatte die Druckerei noch nicht einmal gefunden, sondern war stattdessen in Seitengassen und Hinterhöfen herumgeirrt.

Ohne sich länger um den Mönch oder das Mädchen zu kümmern, schob Amos den Umschlag unter sein Wams zurück und rannte aufs Neue los. Aus dem Hinterhof wieder hinaus, durch die finstere Gasse zurück und auf der breiten Straße weiter aufwärts. Endlos zog sich die Straße den Hügel hinauf, immer wieder blieb er in Menschentrauben stecken, musste Reitern ausweichen oder Kutschen vorüberdonnern lassen. Außer Atem blieb er irgendwann stehen und presste sich die Fäuste in die Seiten. Eben schlug es vier Uhr – er sah regelrecht vor sich, wie der Setzer Hebedank traurig den Kopf schüttelte und durch ein schmales Türchen wieder in der Druckerei verschwand.

Aber vielleicht war ja doch noch nicht alles verloren? Verstohlen zog er den Brief unter seinem Wams hervor. Das Kuvert war zerknickt und an einer Ecke eingerissen, aber viel wichtiger war doch: Er hatte den Brief gegen alle Angriffe verteidigt.

Seltsamerweise war der Lederriemen darum gewickelt, den das Mädchen vorhin um den Hals getragen hatte – das silberne Dreieck hing noch daran, nur der Augenstein war nicht mehr da. Er musste ihr im Handgemenge das Amulett vom Hals gerissen haben, ohne es zu merken, und nachher hatte er es anscheinend mit dem Brief zusammen eingesteckt. Das hat sie nun davon, dachte Amos. Sie hatte ihn bestehlen wollen – und stattdessen trug er nun etwas in seiner Tasche, das der Diebin gehörte.

Das Stadtviertel unter der Burg war weitläufiger, als es von unten den Anschein gehabt hatte. Eine weitere halbe Stunde verging, bis Amos endlich den Egidienplatz fand, wo die berühmte Druckerei Koberger in einer ganzen Häuserflucht untergebracht war. Laut Kronus war es die größte Druckerei in Deutschland und eine der bedeutendsten in der ganzen Welt. Anton Koberger hatte die Schedel’sche Weltchronik, das ebenso berühmte Arzneibuch und viele weitere Werke in deutscher und lateinischer Sprache herausgebracht. Eingeschüchtert schlich Amos um den Gebäudekomplex herum, bis er an der rückwärtigen Seite auf ein unscheinbares Tor stieß. Er trat in den Hinterhof, sah Lastkarren, die mit gewaltigen Papierballen und gegerbten Tierhäuten beladen waren, und näherte sich einer halb offen stehenden Tür, durch die Hämmern und Stampfen nach draußen drang.

Hinter der Tür saßen zwei Dutzend Männer in grauen Schürzen, die metallene Lettern in Kästen sortierten oder in Metallformen zu Wörtern und Zeilen zusammensetzten. Das Stampfen und Hämmern musste aus weiter entfernten Hallen herüberschallen, denn hier in der Setzerei war es bis auf das leise Klirren der Drucklettern still.

Ein älterer Handwerker, der hinter einem erhöht aufgestellten Pult gearbeitet hatte, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und kam mit grimmigem Gesichtsausdruck auf Amos zu. »Was suchst du hier, Bursche?«, fragte er in abweisendem Ton.

»Ich suche …«, sagte Amos und musste erst einmal schlucken. »Zum Setzer Hebedank will ich«, setzte er dann neu an. Er zog den Brief aus seinem Wams, sodass eine Ecke des Manuskripts aus dem zerfetzten Umschlag hervorsah.

Der Mann schüttelte zornig den Kopf. »Verschwinde«, sagte er so leise, dass Amos ihn nur mit Mühe verstand. »Hier gibt es keinen Hebedank.«

»Aber ich habe einen Brief für ihn«, beharrte Amos ebenso leise.

Da packte ihn der andere beim Arm und zog ihn nach draußen. »Bist du verrückt?«, zischte er. »Warum stellst du dich nicht gleich auf den Marktplatz und schreist herum, dass du dich nicht um den Buchzensor scherst?«

»Den Buchzensor?«, wiederholte Amos. Er verstand nun überhaupt nichts mehr.

»Wenn deine Papiere in Ordnung sind«, knurrte der Handwerker, »dann geh vorn in die Offizin und gib dort alles ab, wie es sich gehört. Und wenn nicht …« Sein Gesichtsausdruck wurde mit einem Mal milder. Mit einem nahezu väterlichen Lächeln sah er Amos an. Doch seinen Satz sprach er nicht zu Ende, sondern ließ ihn vor der Hintertür der weltberühmten Druckerei Koberger einfach stehen.

Mit hängendem Kopf trottete Amos auf den Egidienplatz zurück. Den Umschlag hielt er noch immer in der Hand, und ohne recht zu merken, was er da machte, ging er abermals um das Gebäude herum zum vorderen Eingang. Der sah hundertmal prächtiger aus als die Hintertür zur Setzerei – eine geschwungene Treppe führte zu einer zweiflügeligen Tür hinauf, über der in Schmucklettern das Wort Offizin eingemeißelt war. Während Amos noch überlegte, ob er sich vielleicht dort im Büro der Druckerei nach dem Setzer Hebedank erkundigen sollte, schwang oben die Tür auf, und ein uniformierter Wächter oder Polizist trat über die Schwelle. Er trug einen gewaltigen Schnauzbart, und bei Amos’ Anblick tastete seine Hand unwillkürlich nach dem Knüppel, den er links an seinem Gürtel trug.

Und da verlor Amos die Nerven. Er war sowieso schon völlig durcheinander, nachdem er den Brief zweimal gerettet und dann doch noch alles verpatzt hatte. Der Wächter mit dem schrecklichen Schnauzbart war einfach mehr, als er jetzt noch ertragen konnte. Zumal er den halb aufgerissenen Briefumschlag immer noch offen in der Hand trug. Und zumal der Wächter ihm jetzt auch noch etwas zurief, das ungefähr klang wie »He, Junge, wo hast du das geklaut?«.

So als ob er ein Dieb wäre und den Brief gestohlen statt verteidigt hätte – nein, jetzt reichte es Amos wirklich: Er warf sich herum und rannte Hals über Kopf davon. Hinter ihm blies der Wächter Alarm, und von verschiedenen Seiten antworteten ihm weitere Büttel, indem sie gleichfalls in ihre Hörner bliesen.

Der Buchzensor?, dachte Amos im Rennen. Und einen Hebedank kannten sie dort angeblich gar nicht? Und das blonde Mädchen war vielleicht einfach in den Brunnen gesprungen, als es vorhin so plötzlich verschwunden war? Amos rannte und rannte, und in seinem Kopf wirbelten die Bilder und Fragen und Rätsel durcheinander, und erst als er vollkommen außer Atem war, blieb er notgedrungen wieder stehen.

Um ihn herum drehte sich alles, und plötzlich saß er auf dem Boden, obwohl er sich nicht erinnern konnte, dass er sich hingesetzt hatte.

Er schaute sich um und versuchte, wieder zu Puste zu kommen. Von dem Stadtknecht mit dem furchterregenden Schnauzbart war weit und breit nichts mehr zu sehen, aber das hieß noch lange nicht, dass er die Büttel wirklich abgeschüttelt hatte. Doch glücklicherweise hielt nun neben ihm eine Kutsche, und der alte Mann auf dem Bock nickte ihm aufmunternd zu und sagte: »Ihr seht aus, als ob Ihr eine Droschke gebrauchen könntet, junger Herr.«

Das ließ sich Amos nicht zweimal sagen. Mit weichen Knien kletterte er auf den Wagen. »Bring mich zum Waisenhaus der heiligen Ottilie«, sagte er.

Während der Fahrt sah sich Amos immer wieder argwöhnisch nach allen Seiten um. Dabei konnte er seine Augen nur noch mit Mühe aufhalten, und ohnehin hätte er gar nicht sagen können, vor welchen Verfolgern er sich fürchtete – vor dem grünäugigen Mädchen und ihren Helfershelfern, die ihm Kronus’ Umschlag stehlen wollten, oder vor den Stadtknechten, die ihn verdächtigten, den Brief geklaut zu haben.

8

ODA MACHTE GROSSE AUGEN. »Amos? Bist du’s wirklich?« Seine Schwester schloss ihn in die Arme und schob ihn im nächsten Moment wieder von sich fort. »Wie groß du geworden bist!« Sie nahm ihn bei den Händen und staunte ihn an.

Und du erst, dachte Amos. Mit ihren sechzehneinhalb Jahren war Oda offenkundig kein Mädchen mehr, sondern eine junge Frau. Obwohl er mittlerweile einen halben Kopf größer war als sie, kam er sich neben ihr linkisch und unfertig vor.

Oda schüttelte den Kopf, dass ihre schwarzen Locken flogen. »Wo kommst du denn überhaupt her?«, rief sie aus. »Jetzt sag doch auch mal was!«

Doch kaum hatte Amos zu einer Antwort angesetzt, da unterbrach sie ihn schon wieder. »Deine Stimme, Amos! Du klingst wie …« Sie biss sich auf die Unterlippe. Ihre Augen begannen zu glitzern. Auf einmal sah sie wieder wie das kleine Mädchen aus, das sie in seiner Erinnerung immer noch war. »… wie Vater, du klingst genau wie Papa!«, brachte sie unter Tränen hervor.

Aufs Neue umarmte sie ihn und bedeckte sein Gesicht mit feuchten Küssen. Es war Amos sehr peinlich, auch wenn außer ihnen niemand in Odas Zimmer war. Tante Ulrika hatte ihn streng gemustert, als er so plötzlich vor ihrer Tür stand, und missbilligend die Nase gerümpft, weil ihn ein Geruch nach Pferd und Schweiß umwehte. Doch glücklicherweise war sie feinfühlig genug, die Geschwister bei ihrem Wiedersehen allein zu lassen.

»Ich weiß, Oda, ich weiß ja«, murmelte Amos und versuchte, sich behutsam aus ihrer Umarmung zu befreien.

Seit sie durch den Tod ihrer Eltern auseinandergerissen worden waren, hatte er seine Schwester erst ein einziges Mal getroffen – vor mehr als einem Jahr, als sie mit Tante Ulrika hinaus nach Hohenstein gekommen war. Dort allerdings hatte sich die sittenstrenge Tante gleich nach ihrer Ankunft mit ihrem Bruder Heribert überworfen – »wie in der widerlichsten aller Höllen« ging es nach ihrem Urteil auf Burg Hohenstein zu. Dabei hatte Heribert aus Anlass ihres Besuchs sogar die Fahne der Edlen von Hohenstein auf dem Dach des Wohnturms aufpflanzen lassen. Darauf war ein stilisierter Adler über zwei gekreuzten Schwertern zu sehen, deren Spitzen die Augen eines niedergestreckten Lindwurms durchbohrten. Doch auch diese Ehrenbezeugung hatte Tante Ulrika nicht versöhnlich gestimmt: Sie war bereits nach zwei Tagen wieder abgereist und hatte Oda wieder mitgenommen, und seit damals hatten sich die Geschwister nicht mehr gesehen.

Endlich gelang es ihm, sich von ihr zu lösen. Er trat zum Fenster und schaute unauffällig auf die Gasse hinaus. Kein Stadtknecht, ob mit oder ohne Schnauzbart, weit und breit. So wenig wie ein blondes Mädchen mit grünen Augen und diebischer Hand.

»Amos, was ist denn mit dir? Was stehst du dort am Fenster wie ein Fremder?« Als er sich umwandte, saß Oda auf einem Stuhl an ihrem Tisch. Ihr Zimmer war schmal, düster, nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Ein Bett, eine Truhe, daneben der kleine Tisch mit zwei hölzernen Stühlen. Kein Vergleich mit den großen, hellen Zimmern früher in ihrem Elternhaus, mit dem Himmelbett in Odas Kammer, den bemalten Schränken, den bequemen Sesseln in der großen Stube. Sogar ein Klavichord gab es dort, auf dem ihre Mutter Mathilde oftmals abends sehnsuchtsvolle Melodien gespielt hatte. »Komm schon, setz dich zu mir«, sagte Amos’ Schwester, »lass uns erzählen. Was führt dich nach Nürnberg – du bist doch nicht nur wegen mir gekommen?«

»Ein eiliger Auftrag.« Amos warf rasch noch einen Blick nach draußen – der Abend dämmerte, die Gasse war still und menschenleer. »Ich darf nichts weiter sagen, Schwesterlein.« Er setzte sich zu ihr, und sie beugte sich zu ihm herüber und nahm seine Linke zwischen ihre beiden Hände.

»Ein Auftrag – doch nicht etwa von Onkel Heribert?«

Er schüttelte den Kopf. »Der Onkel hat nichts damit zu tun. Lass uns nicht darüber reden, Oda – ich darf nicht.«

Sie sah ihn unter gerunzelten Augenbrauen an. »Schwöre mir, dass es nichts Unrechtes ist«, verlangte sie. »Dass du niemals Gottes und der Fürsten Gesetze brechen wirst – schwör’s mir, Amos, bei der Seligkeit unserer Eltern!«

Er hob seine Rechte und öffnete den Mund zum Schwur. Aber dann fiel ihm ein, was vorhin der unwirsche Handwerker in der Setzerei zu ihm gesagt hatte: Es gab einen Buchzensor, der darüber entschied, welche Bücher gedruckt werden durften und welche nicht. Und Das Buch der Geister, an dem Kronus seit einem halben Leben arbeitete, gehörte doch zweifellos zu den Büchern, die zu drucken der Zensor nie erlauben würde. Weshalb sonst hielt sich Kronus in dem einstigen Mühlenhof versteckt, und wozu sonst hatte er Amos zu dem geheimnisvollen Setzer Hebedank geschickt? Doch höchstwahrscheinlich deshalb, weil Hebedank dafür sorgen sollte, dass Das Buch der Geister auch ohne Erlaubnis des Zensors gedruckt würde.

Amos ließ seine Hand auf den Tisch zurückfallen. »Ich kann nicht«, sagte er. »Mit dem Onkel hat das aber nichts zu tun«, fügte er eilig hinzu, »und Unrecht ist es bestimmt auch nicht.« Er zuckte mit den Achseln. Wie er Oda kannte, würde sie sich mit dieser Antwort bestimmt nicht zufriedengeben. Aber mehr konnte er ihr im Moment nicht offenbaren.

»Unrecht ist es nicht, aber schwören kannst du trotzdem nicht?« Oda umklammerte seine Hand nun so fest, als ob er sonst augenblicklich in die Hölle hinabstürzen würde. Ihre Augen begannen sich schon wieder mit Tränen zu füllen. »Hast du vergessen, was ich unserer Mutter versprochen habe – wenige Tage vor ihrem Tod?«

In dem streng geschnittenen grauen Gewand, das sie auf Geheiß von Tante Ulrika tragen musste, sah Oda fast wie eine Nonne aus. Mit ihrer blassen Haut, der schlanken und doch kräftigen Gestalt ähnelte sie der Mutter so sehr, dass Amos sie immer wieder ansehen musste. Und dann ganz rasch wegschauen, wenn es in seinem Hals zu brennen begann.

»Was redest du da, Oda«, sagte er, »wie könnte ich das jemals vergessen?«

»Aber du benimmst dich«, schimpfte sie, »als ob dich das alles nichts mehr anginge – als ob nur noch Onkel Heribert für dich zählen würde.«

»Oh Gott, Oda, bitte glaub mir doch.« Wie sollte er es ihr nur begreiflich machen? »Mit dem Onkel hat das alles nichts zu tun!«

Glücklicherweise wurde gerade in diesem Moment an die Tür geklopft. Nachdem Oda »Herein!« gerufen hatte, traten zwei der kleinen Mädchen ein, die in dem Waisenhaus unter Tante Ulrikas strenger Obhut aufwuchsen. Mit ihren unförmigen dunkelgrauen Kitteln, die Haare unter hellgrauen Hauben verborgen, sahen sie wie traurige kleine Vögel aus, die aus ihrem Nest gefallen waren. Schüchtern verneigten sie sich vor dem Besucher und trugen dann ein einfaches Abendessen auf: altbackenes Roggenbrot, einen Rest Weichkäse, dazu einen Krug voll Wasser.

Amos und Oda ließen es sich schmecken. Den Schwur schien Oda glücklicherweise vergessen zu haben – stattdessen kam sie auf die schreckliche Nacht vor drei Jahren zu sprechen, in der ihre Eltern umgekommen waren.

»Du hast mir das Leben gerettet, Amos«, sagte sie, »dafür werde ich dir ewig dankbar sein.« Sie lächelte ihn unter Tränen an.

»Unsere Eltern sind tot.« Er starrte trübselig in den Krug. »Und das werde ich mir mein Leben lang nicht verzeihen.«

»Aber, Amos, du warst zwölf Jahre alt – fast noch ein Kind!«

»Und wenn schon«, beharrte er, »ich hätte gegen die Mordbrenner kämpfen müssen. Anstatt mich mit dir im Keller zu verstecken.«

Glücklicherweise hatten sie ihr Abendbrot schon aufgegessen. Jetzt, da die Erinnerungen in ihnen wieder wach wurden, hätten sie keinen Bissen mehr herunterwürgen können.

Es war eine Nacht im Spätsommer gewesen. Seit Monaten schon versetzte eine Horde von Aufrührern und Mordbrennern das Wunsiedeler Land in Angst und Schrecken. Sie hetzten gegen alle mächtigen Herren – egal, ob es sich um Fürsten oder Bischöfe, um Ritter oder Gutsherren wie Amos’ und Odas Vater handelte. Hier und dort waren schon Gutshäuser angezündet, die Grundbesitzer von ihren eigenen Höfen verjagt worden.

In jener Nacht erwachte Amos, als in der Ferne stampfende Schritte und ein Durcheinander erregter Stimmen erklangen. Er schlich aus seiner Dachkammer und weckte seine Schwester, deren Zimmer gleich neben seinem lag. Mit Gesten bedeutete er ihr, dass sie nach unten gehen, sich verstecken mussten. Oda nickte stumm und Hand in Hand liefen sie auf der knarrenden Treppe hinab.

Eben als sie die Halle erreichten, zerbarst die Eingangstür mit schrecklichem Getöse. Im Schein einiger Lampen sahen sie, dass ihre Eltern mitten in der Halle standen, die Mutter mit einem Gewehr im Anschlag, der Vater mit gezogenem Schwert.

Mit dem Kopf machte er ihnen ein gebieterisches Zeichen – sie sollten sich im Keller verstecken. Zitternd liefen Amos und Oda die Kellertreppe hinab, in das hinterste Gewölbe, wo die große Steintruhe mit dem eingemeißelten Christuskreuz stand. »Falls wir angegriffen werden«, hatte der Vater ihm schon vor Wochen befohlen, »bringst du dich und deine Schwester in diesem Steinkasten in Sicherheit. Bleibt drinnen und rührt euch nicht, was auch hier oben geschehen mag.«

Amos hielt sich genau an diese Anweisung, auch wenn er sich tausendmal bezähmen musste, um nicht den Deckel zur Seite zu wuchten und wieder nach oben zu schleichen. Dorthin, wo Schüsse und das Klirren von Schwertern ertönten, Flüche und Schreie, schließlich das Prasseln und Fauchen von Flammen. Dann Schritte auf der Treppe und unten im Kellergang, immer näher bei ihnen, und Amos presste seine Hand auf Odas Mund, damit sie sich nicht durch ihr Schluchzen verriet. Die Kerle tappten eine ganze Weile im Keller herum, einmal erzitterte die Steintruhe unter einem heftigen Schlag oder Tritt, aber auf die Idee, in den Kasten zu schauen, kamen die Mordbrenner glücklicherweise nicht.

Erst viele Stunden später, als oben alles wieder ruhig geworden war, wagte es Amos, den Deckel über ihren Köpfen emporzustemmen. Von ihrem Haus waren nur ein paar rauchende Mauern und verkohlte Balken übrig geblieben. Die Körper ihrer Eltern waren zu formlosen Klumpen verbrannt, die Gesichter schwarz und unkenntlich geschrumpft.

»Nicht mal eine Woche vorher«, sagte Oda nun unter krampfhaftem Schluchzen, »hat unsere Mutter mich schwören lassen, dass ich immer auf dich achten werde, Amos – dass ich auf dich aufpassen werde, wenn sie einmal nicht mehr da sein sollten. Als ob sie geahnt hätte, dass sie nicht mehr lange leben würden. Und was machst du«, schrie sie plötzlich, »du nichtsnutziger Kerl?« Sie sprang auf, packte ihn bei seinem Wams und schüttelte ihn hin und her. Ballte die Hände und schlug mit ihren kleinen Fäusten auf ihn ein. »Du weißt ganz genau«, schrie Oda unter Tränen, »dass ich’s der Mutter geschworen habe – und lässt dich trotzdem von Onkel Heribert zu Schande und Frevel verführen!«

Er nahm es hin, dass sie ihn anschrie, schüttelte und schlug. Anstatt sich zu verteidigen, hob er nur die Arme vor seinen Kopf, damit ihre Hiebe ihn nicht im Gesicht treffen konnten. Dabei liefen ihm die Tränen nur so aus den Augen, aber es war ihm nicht peinlich, und er versuchte auch nicht, es vor Oda zu verbergen. Je länger sie schrie und auf ihn einschlug und je länger sie beide heulten, desto leichter fühlte er sich.

»Jetzt lass gut sein, Schwesterchen«, sagte er irgendwann. Seine Kehle brannte, als ob er Feuer geschluckt hätte. Er stand auf, umarmte sie kurz und federleicht, wie er es von Kronus kannte. »Ich bin todmüde, Oda«, sagte er. »Zeigst du mir, wo ich schlafen kann?«

Auch Oda wischte sich die Tränen aus den Augen. »Aber nur, wenn du mir morgen früh hilfst, Tante Ulrika zu überreden«, brachte sie mühsam hervor. »Sie muss einwilligen, dass ich dich im Herbst auf Hohenstein besuchen darf.«

»Versprochen«, sagte er. Sie grinsten sich verschwörerisch an. Es war wie in alten Tagen – jedenfalls fast.

9

»DENK SCHARF NACH, Amos«, sagte Valentin Kronus. »Wie sah der Mann aus, der zu dir gesagt hat, bei ihnen gebe es keinen Hebedank?«

Amos schüttete erst dem Rappen, dann dem Braunen einen Eimer voll Hafer in die Krippe. Auf dem Rückweg von Nürnberg waren sie wiederum in scharfem Trab geritten und hatten die ganze Strecke in kaum anderthalb Tagen zurückgelegt. Nachdem er sich unten in Kirchenlamitz von den beiden Geleitsoldaten verabschiedet hatte, war er geradewegs zu Kronus’ Hof heraufgejagt. Und noch ehe Amos die Pferde fertig versorgt hatte, war der alte Gelehrte hier im Stall aufgetaucht, offenbar neugierig, wie es seinem Boten in Nürnberg ergangen war. Neugierig, aber zugleich sonderbar gelassen, ja geradezu heiter – dabei musste ihm doch schon Amos’ bedrückter Gesichtsausdruck zeigen, dass die Reise gänzlich fehlgeschlagen war.

»Er war in mittleren Jahren«, begann Amos. »Sein Haupthaar war schon gelichtet und eher grau als braun. Und er hatte einen griesgrämigen Zug um den Mund – so als ob er von Sorgen niedergedrückt würde.«

»Gut beobachtet«, lobte Kronus. »Nun, dieser Mann ist Hebedank.« Sein Lächeln wurde noch heiterer und Amos verstand jetzt gar nichts mehr. »Gehen wir in die Bibliothek«, ordnete Kronus an. »Drinnen will ich dir alles erklären. Wie es sein kann, dass der Mann sich Hebedank nennt und Hebedank trotzdem nicht kennt. Und warum du ein guter Bote bist, obwohl du ihm den Brief nicht übergeben konntest.« Mit beschwingten Schritten verließ der alte Mann den Pferdestall und kehrte zum Haus zurück.

Amos beeilte sich, ihm zu folgen. »Und dass gleich zwei Diebe versucht haben, mir Euren Brief zu entwenden, Herr – erheitert Euch das auch?« Er rief es mit erhobener Stimme, gegen das Tosen und Glucksen des Gründleinsbachs, der den Mühlhof umfloss – und mehr noch, weil er aufgebracht war. Wenn es Kronus mit dem Brief so eilig gewesen war, warum schien es ihn nun gar nicht zu bekümmern, dass Amos unverrichteter Dinge zurückgekehrt war?

»Nein, Junge, es erheitert mich nicht.« Kronus trat ins Haus und verriegelte hinter ihm die Tür. »Es erstaunt mich allerdings auch nicht sehr«, fügte er hinzu. »Wir leben nun einmal in unruhigen Zeiten. An vielen Orten sind heutzutage mehr Gauner als brave Leute unterwegs.«

»Aber sie haben sich beide nur für Euren Brief interessiert«, wandte Amos ein. »Meinem – Eurem – Geldbeutel haben sie überhaupt keine Beachtung geschenkt.« Er streifte sich den Riemen über den Kopf und wollte Kronus das Münzsäckchen zurückreichen. »Vier Gulden und vierzehn Groschen sind noch übrig«, sagte er und fing gleich an, seine Reisekosten vorzurechnen. »Zwei Gulden für den Onkel, zwölf Groschen für den Geleitdienst und vierzehn für Essen und Logis – macht zusammen drei Gulden und sechs Groschen.«

Kronus nickte ihm zu, machte aber keine Anstalten, den Beutel entgegenzunehmen. »Die Diebe werden geglaubt haben, dass der Brief die weit wertvollere Beute sei. Und den Beutel behalte nur, Amos – wenn ich dich das nächste Mal um einen Gefallen bitte, wirst du ihn sowieso wieder brauchen.« Er zog sich hinter sein Pult zurück und fuhr mit dem Zeigefinger die Augenhöhlen des elfenbeinernen Totenkopfs nach. »Den Jungen in Pegnitz hast du also in die Flucht geschlagen?« Das heitere Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück. »Und dem Mädchen in Nürnberg bist du sogar hinterhergerannt, um ihr die Beute wieder abzujagen? Ausgezeichnet, Amos – ich bin wirklich sehr zufrieden mit dir.«

Amos wusste allmählich gar nicht mehr, was er sagen oder auch nur denken sollte. »Aber der Brief«, platzte er endlich heraus, »seid Ihr denn gar nicht enttäuscht, dass ich ihn wieder mitgebracht habe?« Er hängte sich den Geldbeutel wieder um, zog stattdessen den Umschlag unter seinem Wams hervor und wollte ihn Kronus reichen.

Doch der alte Mann zeigte wiederum wenig Interesse, sein Eigentum zurückzuerhalten. »Er ist sowieso schon halb offen«, sagte er. »Öffne ihn nur ganz und sieh nach, was in dem Brief steht.«

Unsicher wandte Amos das Kuvert in seinen Händen hin und her. Es sah zerknickt und zerfleddert aus, und auf der Rückseite war deutlich der Abdruck von dem schlammigen Daumen des Jungen zu erkennen, der ihm den Brief in Pegnitz entrissen hatte. An einer Ecke war das Kuvert aufgerissen und der eingelegte Brief schaute hervor.

Kronus reichte ihm den silbernen Fünfzack. »Ob dieses Pentagramm heute noch für Magie taugt, weiß ich nicht«, sagte er, »aber als Brieföffner funktioniert es ganz ausgezeichnet.«

Amos’ Finger schlossen sich um den Stern aus getriebenem Silber. Das Pentagramm war nicht viel größer als ein Gulden, aber unerwartet schwer. Mit einem seiner Zacken ritzte er den Umschlag an der Längsseite auf und schüttelte den Inhalt heraus – ein einziges Blatt, das in Kronus’ sorgsamer Schrift mit wenigen Zeilen beschrieben war.

Hebedank, sei bereit.

Zum vorbestimmten Datum rundet sich das Opus.

V.K.

»Verstehst du nun?«, fragte Kronus.

Amos starrte auf das Papier in seiner Hand. »Nein, Herr, kein Wort.« Er seufzte aus tiefstem Herzen. »Ich bitte Euch, erklärt es mir.«

»Aber ganz einfach«, rief der alte Gelehrte aus. »Der Mann, mit dem du bei Koberger gesprochen hast, heißt natürlich nicht in Wirklichkeit Hebedank. Er ist seit vielen Jahren mein Vertrauter, und wenn er von mir eine ›Nachricht für Hebedank‹ erhält, dann bedeutet das ganz einfach, dass alles nach Plan verläuft. Ich hätte ihm also genauso gut einen leeren Umschlag schicken können. Oder jemanden, der ihm einfach mitteilt, dass er ›eine Nachricht für Hebedank‹ hat. Da du ihm genau das mitgeteilt hast, Amos, ist meine Botschaft bei ihm angekommen und du hast alles richtig gemacht. Dafür danke ich dir von Herzen, mein junger Freund.«

Amos war immer noch ganz durcheinander. Er spürte, dass Kronus ihn erwartungsvoll ansah, aber es gelang ihm nicht, zu dem alten Mann aufzusehen. Mit gesenktem Kopf schaute er auf den Brief und das Pentagramm in seinen Händen. Er hatte das Gefühl, dass ihn Kronus an der Nase herumgeführt, für irgendetwas benutzt hatte, aber er verstand einfach nicht, was dahintersteckte. Außerdem wollte er von dem alten Mann nichts Schlechtes denken. Kronus war sein Stern in der Dunkelheit. Ohne ihn konnte und mochte er nicht leben.

»Pass auf, ich will dir noch etwas zeigen«, sagte Kronus. »Mir ist bewusst, dass dir manches, was ich von dir verlange, seltsam erscheinen muss. Aber glaube mir bitte, Amos, es ist nur zu deinem Besten, wenn ich dich nicht in alle Einzelheiten einweihe. Meine Widersacher sind mächtig und skrupellos.« Er deutete auf die Regale voller Bücher und Schriftrollen. »Jedes, wirklich jedes Mittel ist ihnen recht, wenn es sie nur auf ihrer Jagd voranbringt.« Er unterbrach sich und für einen Moment verdüsterte sich sein Gesicht wie von schmerzlichen Erinnerungen. »Ja, es sind Jäger«, fuhr er fort, »und an ihren Händen klebt Blut, sogar sehr viel Blut, auch wenn es sich bei der Beute, um die es ihnen letzten Endes geht, weder um Tiere noch um Menschen handelt. Sondern um Bücher.«

»Der Buchzensor?« Amos machte einen Schritt nach vorn, jetzt stand er dicht vor dem Pult, das die Form eines aufrecht stehenden, halbwegs aufgeschlagenen Buchs aufwies. »Schickt er diese Bücherjäger aus?« Er beugte sich über die schwarze, mit goldenen Schriftzeichen verzierte Vorderwand hinweg und legte Brief und Pentagramm vor Kronus auf die Pultfläche.

Der grauhaarige Gelehrte nickte. »Der Reichszensor und der Inquisitor. Beide sitzen in Nürnberg und beide arbeiten Hand in Hand. Der eine für den Kaiser, der andere für die Kirche. Beide befehligen mächtige Behörden mit Hunderten Bediensteten und Geheimbeamten. Mit einem Federstrich können sie Menschen in den Kerker oder in die Folterzelle, an den Galgen oder auf den Scheiterhaufen bringen. Und beide fürchten nichts auf der Welt so sehr wie Bücher, die die Macht von Kaiser und Kirche ins Wanken bringen können.«

»Solche wie Euer Buch der Geister, Herr?« Amos wagte kaum mehr, seine Stimme zu erheben. Scheu sah er um sich, so als ob die Bücherjäger schon draußen an Tür und Fenster lauerten und lauschten.

Wieder nickte Kronus. Mit beiden Händen suchte er an den Seitenwänden seines mächtigen Schreibpultes Halt. Auf einmal sah er müde und hinfällig aus. »Wenn sie vom Buch der Geister und seinen magischen Kräften wüssten«, sagte er, »würden sie ohne Zweifel Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit es niemals gedruckt wird. Du musst dir eines klarmachen, Amos: Noch vor einem oder zwei Menschenleben hatten die Bücherjäger leichtes Spiel. Damals gab es noch keine Druckerpressen – um ein Manuskript zu vervielfältigen, musste man es mühselig abschreiben. Bis ein geübter Schreiber auch nur zehn Exemplare eines Buchs hergestellt hatte, war sein halbes Leben vorbei. Wenn die Inquisition damals also beschloss, dass ein Buch vernichtet werden sollte, weil es beispielsweise Anleitungen zur Beschwörung gewisser Dämonen enthielt – dann brauchten die Bücherjäger nur das Original und die Handvoll Abschriften ausfindig zu machen, die es von diesem Buch überhaupt gab. Ohnehin waren nur wenige Menschen des Schreibens und Lesens mächtig, und die meisten von ihnen lebten als Mönche in Klöstern, wo die Bücherjäger sie mühelos überwachen konnten. Heute dagegen …«

In Kronus’ Gesicht kehrte das Lächeln zurück. »Du hast gerade mit eigenen Augen gesehen«, fuhr er fort, »wie es in einer Stadt wie Nürnberg zugeht. In den großen Städten wird sich künftig das Leben abspielen – und nicht mehr in Klöstern oder auch in Burgen wie der deines Onkels Heribert. Das alles gehört jetzt schon der Vergangenheit an. Heute kann jeder Handwerker, jeder Kaufmann seine Söhne in die Schule schicken, wo sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Und eine Druckerei wie die Kobergersche vermag innerhalb weniger Tage Hunderte Buchexemplare zu drucken. Wozu braucht man da noch Schreiber in Klöstern?«

Er sah Amos so aufmerksam an, als ob er von ihm eine Antwort auf diese Frage erwartete. Aber Amos zuckte nur ratlos mit den Schultern. Bücherjäger, denen Blut an den Händen klebte, von Kaiser und Kirche ausgesandt? Er wusste überhaupt nicht mehr, was er denken sollte – außer, dass Kronus verrückt oder der mutigste Mann auf der Welt sein musste. Oder beides zugleich.

»Die Bücherjäger führen einen verzweifelten Kampf gegen die Zeit«, sprach Kronus unterdessen weiter, »und das wissen sie auch ganz genau: Noch gibt es von den meisten alten Schriftwerken, in denen die Weisheit der Jahrtausende enthalten ist, nur einige wenige Abschriften.« Wieder deutete er auf die mit uralten Büchern gefüllten Regale in seiner Schreibstube. »Von Bibliotheken wie dieser hier«, fuhr er fort, »findet man außerhalb der Klöster in ganz Europa allenfalls ein halbes Dutzend. Noch ist also für die Bücherjäger der Kampf nicht verloren: Sie müssen nur so schnell wie möglich diese wenigen Bibliotheken aufspüren und in ihre Gewalt bringen. Denn wenn all diese Handschriften erst einmal gedruckt und in Hunderten Exemplaren vervielfältigt worden sind, können auch der gewaltige Reichszensor und die allmächtige Inquisition die Uhr nicht mehr zurückdrehen.«

Scheinbar gedankenverloren nahm er den vergoldeten Mistelzweig auf und drehte ihn in seinen Händen hin und her. »Stell dir einen Eimer voll Wasser vor, Amos«, fuhr er fort. »Solange nur ein paar Rostlöcher im Boden des Eimers sind, kannst du die hinausrinnenden Tropfen ohne größere Mühe wieder auffangen. Wenn aber der Boden erst einmal ausgeschlagen worden ist, dann – zack!«

Bei »zack!« stieß er den Mistelzweig mit dem gezackten Ende in eine Augenhöhle des Totenkopfs und drehte ihn nach links. Ein dumpfes Knirschen ertönte und im selben Moment wurde Kronus vom Boden verschluckt. Der alte Mann hob die Arme senkrecht empor, hörte keineswegs auf zu lächeln und wirkte nicht im Mindesten bestürzt – obwohl er vor Amos’ Augen in der Erde verschwand.

10

FÜR EINEN LANGEN AUGENBLICK stand Amos einfach nur da und starrte dorthin, wo eben noch Kronus gewesen war. Lähmung hatte seine Gliedmaßen befallen und in seinem Kopf sauste es vor plötzlicher Leere. Erst als er aus der Tiefe die kräftige Stimme des Gelehrten heraufschallen hörte, wurde er langsam wieder munter.

»Amos? Was treibst du denn da oben?«

Vorsichtig ging Amos um das mysteriöse schwarze Möbel herum. Genau dort, wo Kronus immer hinter seinem Pult gestanden und gelesen oder geschrieben hatte, klaffte ein rundes Loch im Boden.

»Wo bleibst du denn, Junge?« Die Stimme des alten Gelehrten klang schauerlich verzerrt zu ihm empor. »Ich habe doch gesagt, dass ich dir noch etwas zeigen will.«

»Dort unten, Herr?« Amos ging neben dem Bodenloch in die Hocke und spähte hinab. In dem Loch war es stockfinster, aber er hörte geschäftige Geräusche, und gleich darauf flammte eine Fackel auf.

»Ja, wo denn sonst?«

Jetzt konnte er auch Kronus erkennen: Der alte Mann stand einige Schritte unter ihm in der Erde, hatte seinen Kopf weit zurückgelegt und sah erwartungsvoll zu ihm hinauf. In der linken Hand hielt er die Fackel, von der eine weiße, leise fauchende Flamme aufstieg.

»Aber wie komme ich zu Euch hinab?« Der Schacht war mindestens drei Meter tief.

»Du hast doch gesehen, wie ich den Aufzug in Betrieb gesetzt habe. Dreh einfach den Schlüssel zurück, dann zieht die Kettenwinde ihn wieder zu dir hoch.« Kronus machte einen Schritt rückwärts und verschwand aus Amos’ Gesichtsfeld.

Nur die zuckende Flamme und sein im Erdloch tanzender Schatten waren von oben noch zu sehen. Da erst wurde Amos klar, dass es dort unten sehr viel mehr als nur einen senkrechten Schacht geben musste, in den man sich – oder einen ungebetenen Besucher – mithilfe der Falltür hinabkatapultieren konnte. Offenbar war es der Zugang zu einem unterirdischen Tunnel, der weiß der Teufel wohin führte.

Amos richtete sich wieder auf. Argwöhnisch schaute er den vergoldeten Mistelzweig an, der mit seinem gezackten Ende im linken Auge des Totenkopfs steckte. Ein Schlüssel, hatte Kronus gesagt. Er umfasste das mit Blättern und Zweigen geschmückte Ende und drehte es behutsam nach rechts.

Mit schaurigem Ächzen setzte sich unter ihm ein Räderwerk in Bewegung. Ketten knirschten, Seile stöhnten – und im nächsten Moment kam die Falltür wieder emporgeschwankt und verschloss das Loch im Boden. Der Mechanismus verstummte. Bis auf das ferne Tosen des Gründleinsbachs und Amos’ rasenden Herzschlag war kein Laut mehr zu hören.

Prüfend setzte er einen Fuß auf die Bodenplatte, dann den zweiten. Wie er es vorhin bei Kronus gesehen hatte, beugte er sich vor, drehte den Schlüssel neuerlich nach links – und sauste, die Arme emporgereckt, zu Kronus in die Unterwelt hinab.

»Gut so«, sagte der alte Mann. »Merke dir alles, was du heute gesehen und gehört hast. Diese unterirdische Apparatur hier wollte ich dir zeigen, damit du siehst, wie sehr ich dir vertraue, und damit du mir ebenso vertraust.« Er wandte sich um und lief behände einen unterirdischen Gang entlang. Amos beeilte sich, ihm zu folgen. »Dieser Tunnel«, sagte Kronus, »verläuft unter dem Gründleinsbach hindurch. Auf der anderen Seite, im Buschwerk verborgen, führt ein zweiter Schacht wieder zur Erdoberfläche hinauf.« Nachdem er noch einige Dutzend Schritte getan hatte, blieb er stehen und reckte seinen Arm mit der Fackel empor. »Hier ist der Ausstieg – mit einer einfachen Strickleiter, siehst du?«

»Ja, Herr«, antwortete Amos. Sie standen eng nebeneinander zwischen den glitschig feuchten Felswänden. Hoch über ihnen sickerte durch schmale Ritzen ein wenig Licht zu ihnen hinab. »Aber Ihr habt mir diesen Gang doch nicht nur deshalb gezeigt, um mein Vertrauen zu Euch zu stärken?«

Kronus nickte lächelnd. »Nicht nur«, räumte er ein. »Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem es dir nützlich sein wird, von diesem Geheimgang zu wissen. Außerdem kommt mir dieser Tunnel, der von meiner engen Einsiedelei hinaus in die weite Welt führt, seit jeher wie ein Sinnbild vor. Aber gehen wir doch zurück«, unterbrach er sich, »hier unten ist es feucht und kalt. In meinem Alter spürt man bei solcher Witterung eine Vorahnung des eigenen Grabes.«

Erst als sie beide wieder oben in der Schreibstube waren, kam Kronus noch einmal auf das Sinnbild zurück. »Eines schönen Tages werden die Bücherjäger mein Versteck aufspüren und sich mit furchtbarer Gründlichkeit über meine Bibliothek hermachen«, sagte er. »Das weiß ich seit Langem, aber selbst wenn ich eine Möglichkeit gefunden hätte, meine Bücher dauerhaft vor ihnen zu verstecken – es wäre nicht genug. Verstehst du?«

Amos schüttelte den Kopf.

»Sogar wenn es mir glücken würde«, fuhr Kronus fort, »alle Bücher aus meiner Bibliothek hinter dem Rücken des Zensors drucken und in Hunderten Exemplaren in der ganzen Welt verteilen zu lassen, sodass die Bücherjäger sie niemals mehr einsammeln und zerstören könnten – auch dann wäre es ...

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