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Nur wer dem Glück vertraut

1. KAPITEL

Ich hätte damit rechnen müssen, dachte Cort Morente, während er sich vor den lärmenden Kinderscharen in Sicherheit brachte. Wer versucht schon an einem Montagmorgen ein neues Leben zu beginnen?

Es war Unterrichtsschluss an der Hauptschule von Luna Hermosa, und alle Kinder rannten gleichzeitig aus den Türen zu den Bussen und wartenden Autos. Nur der magere elfjährige Junge nicht, nach dem Cort ohne große Hoffnung in dem Trubel Ausschau hielt.

„Ich habe dich gewarnt“, bemerkte Alex Trejos, der Leiter der Schule und Cort Morentes alter Freund. „Tommy ist scheu und extrem misstrauisch.“

Cort schüttelte den Kopf. „Ja, aber du hast mir nicht gesagt, dass er auch ausschlägt und tritt wie ein Maultier. Wenn du mir damit helfen wolltest, nein danke! Da kann ich auch zu Hause weiter die vier Wände anstarren.“

Ex-Cop Cort Morente hatte schon mehr Zeit in seinen vier Wänden verbracht und sich selbst bemitleidet, als er sich eingestehen wollte.

Vor nun fast einem Jahr hatte ein Drogendealer, dem er auf der Spur war, ihn mit einem Kleinlaster brutal zusammengefahren. Mit viel Glück hatte er damals überlebt. Aber es hatte ihn seine Laufbahn bei der Polizei gekostet. Nach fast zwei Monaten im Krankenhaus und neun Monaten intensiver Physiotherapie hätte er wieder ein normales Leben führen sollen. Nur gab es das Leben, das für ihn normal gewesen war, nicht mehr. Und der Mann, der ihn morgens manchmal im Spiegel ansah, erschreckte ihn selbst. Er verwandelte sich allmählich in einen ungeduldigen, frustrierten, in sich gekehrten Griesgram.

Die Ärzte hatten seinen rechten Arm und die rechte Schulter wieder zusammengeflickt, doch ein Nerv war dauerhaft beschädigt. Dazu kamen Kopfschmerzattacken, die Cort hin und wieder für Stunden außer Gefecht setzten. Er war nur noch fit genug für den Innendienst. Und Schreibtischarbeit machte ihn wahnsinnig. So hatte er in den letzten Monaten brav alle Therapien absolviert und sich körperlich wieder in Form gebracht, während sein Leben um ihn herum zusammenbrach. Die Zukunft gähnte vor ihm als ein großes, leeres Nichts.

Als Alex ihn darum gebeten hatte, sich ein wenig um den elfjährigen Tommy Lujan zu kümmern, hatte er zögernd zugesagt. Hauptsächlich, um etwas zu tun zu haben. Und vermutlich hatte auch Alex sich vor allem an ihn gewandt, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Nicht, weil Cort für diese Aufgabe besonders geeignet schien.

Tommy Lujan war ein Sorgenkind des Schulleiters. Seine Mutter war verschwunden, als er zwei Jahre alt gewesen war, und seinen Vater hatte er nie kennengelernt. So war der kleine Junge bei einem gewalttätigen Onkel aufgewachsen, der jetzt auf absehbare Zeit im Gefängnis saß. Seither wurde Tommy von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht und hatte sich zum Serienausreißer entwickelt.

Noch hatte Tommy sich nicht ernstlich reingeritten, aber Alex machte sich Sorgen, dass der Junge früher oder später auf die schiefe Bahn geraten würde. Er brauchte dringend jemanden, dem er vertraute und der eine echte Bezugsperson für ihn sein konnte.

Cort bezweifelte, dass er dafür der Richtige war. Seine Erfahrung mit Kindern beschränkte sich auf den Umgang mit jugendlichen Dealern und seine beiden Neffen, die noch Babys waren. Heute hatte er versucht, einfach mit dem Jungen ins Gespräch zu kommen, doch als er das Zimmer des Rektors betrat, hatte Tommy ihn nur feindselig angestarrt. Als Cort ihn beruhigen und am Weglaufen hindern wollte, hatte der Junge ihn kräftig vors Schienbein getreten und war hinausgerannt, bevor Alex und Cort ihn aufhalten konnten.

„Du hast keine Ahnung, wo er sein könnte?“, fragte Cort jetzt. Vielleicht konnte er den Jungen finden und diesen verkorksten Tag noch irgendwie retten.

Alex schüttelte nachdenklich den Kopf. „Wir können Laurel fragen, Laurel Tanner, Tommys Lehrerin. Sie kümmert sich um Kinder, die Zusatzstunden brauchen, und sie kennt Tommy am besten von uns allen. Tommy mag sie. Wenn er sich irgendjemandem anvertraut, dann am ehesten ihr.“

Cort sah sich um. Die meisten Schüler waren verschwunden, das große Gebäude wirkte leer und verlassen. Im selben Augenblick winkte Alex in Richtung Parkplatz. „Warte, da ist sie. Hey, Laurel!“

Neben einem schon ziemlich in die Jahre gekommenen Kleinwagen stand eine hochgewachsene, schlanke Frau. Ihr langes Haar schimmerte golden in der Nachmittagssonne. Sie hatte die hintere Tür geöffnet und schien mit irgendetwas auf dem Rücksitz beschäftigt.

Jetzt sah sie hoch und Cort direkt ins Gesicht. In den Sekundenbruchteilen, in denen sie einander musterten, erinnerte ihr Gesichtsausdruck Cort seltsamerweise an jenen von Tommy, kurz bevor der Junge vor ihm Reißaus genommen hatte.

Er machte einen Schritt auf sie zu. Plötzlich winkte die Frau ihnen zu, stieg hastig ein und fuhr davon.

Verwirrt meinte Alex: „Sie dachte wohl, ich winke nur zum Abschied.“

„Kaum“, murmelte Cort. Instinktiv hatte er gespürt, dass auch Laurel Tanner bei seinem Anblick die Flucht ergriffen hatte. „Hast du nicht gesagt, sie hat nachher im Sportzentrum zu tun?“

„Ja, sie trainiert Basketball mit den Mädchen. Aber du kannst ihr doch nicht einfach hinterherfahren. Hey, Cort!“

Doch Cort war schon auf dem Weg zu seinem Motorrad und zog sich im Laufen die dicken Lederhandschuhe über. Er war entschlossen herauszufinden, warum heute alle Welt vor ihm davonlief.

Während der Fahrt warf Laurel Tanner einen Blick in den Rückspiegel zu dem verängstigten Jungen, der auf dem Rücksitz kauerte, die mageren Fäuste gegen das Gesicht gepresst.

Zu ihrer Verblüffung hatte sie Tommy vor wenigen Minuten dort entdeckt. Sie schloss den Wagen nie ab, weil sie davon ausging, dass niemand sich für die alte Rostlaube interessierte. Wer hätte gedacht, dass einmal einer ihrer Schüler diese Nachlässigkeit nutzen würde, um Zuflucht in ihrem Auto zu suchen!

„Sie sagen ihm nicht, wo ich bin?“, bat Tommy zum x-ten Mal. Als sie ihn in seinem Versteck entdeckt hatte, hatte er sie angefleht, ihm zu helfen, dem Mann, der neben Alex auf dem Schulhof stand, zu entkommen. Einem spontanen Impuls folgend, war sie einfach losgefahren. Jetzt bereute sie ihre Unüberlegtheit schon.

Tommy hatte sich gewehrt und wollte nicht mit zum Sportzentrum, doch Laurel bestand darauf. Er konnte sich nicht für immer in ihrem Wagen verstecken, und sie brauchte einen Ort, wo sie in Ruhe mit ihm reden konnte. Ihr Basketballtraining begann erst um vier, und sie wusste, dass die Snackbar in der Sporthalle um diese Zeit menschenleer war.

„Ich sage es niemandem“, versprach Laurel. Sie würde gewiss keinem Menschen erzählen, dass sie dem Jungen geholfen hatte, sich vor dem Rektor aus dem Staub zu machen. An die Folgen mochte sie lieber nicht denken. „Dafür verrätst du mir, warum du weggelaufen bist.“

„Wegen ihm.“ Tommy hatte sich endlich aufrecht hingesetzt und rupfte mechanisch ein Papiertaschentuch in kleine Schnipsel. „Er kommt von meinem Onkel.“

„Kennst du ihn denn?“, fragte sie vorsichtig. Als Tommy heftig den Kopf schüttelte, schob sie nach: „Woher weißt du, dass er etwas mit deinem Onkel zu tun hat?“

„Er sieht aus wie einer der Typen, die immer bei meinem Onkel waren. Bestimmt hat mein Onkel ihn geschickt.“

Laurel verstand, warum Tommy Angst vor dem Mann hatte. Der große, dunkle Fremde, der mit Alex vor der Schule gestanden hatte, hatte ziemlich einschüchternd gewirkt. Auch seine schwarze Lederkluft milderte den ersten Eindruck nicht gerade. Und in der einen Sekunde, als sie an seinem intensiven Blick hängen geblieben war, hatte sie das Gefühl gehabt, er könnte direkt in sie hineinsehen.

„Ich dachte, dein Onkel sitzt im Gefängnis.“

Tommy starrte sie im Rückspiegel an, eine Mischung aus Furcht und Ungeduld in seinem Blick. Jetzt krampfte er die mageren Hände fest ineinander. „Ja. Aber er kann bestimmt Sachen vom Gefängnis aus machen.“

„Was für ‚Sachen‘?“, fragte Laurel.

„Eben … Sachen. Alles Mögliche.“ Tommy verstummte und sah zur Seite, die Lippen fest zusammengepresst. Er verkroch sich wieder in sein Schneckenhaus.

In der Snackbar des Sportzentrums kaufte Laurel dem Jungen eine Limo am Getränkeautomaten. Wortlos nahm er sie. Schweigend saßen sie anschließend einem der leeren Tische, während Laurel zu entscheiden versuchte, wie es weitergehen sollte.

Sie war instinktiv erst einmal losgefahren, um Tommy zu beschützen. Das kam ihr jetzt selbst albern vor. Alex ließ ganz sicher keinen verdächtigen Mann in die Schule. Aber Tommys Angst war nicht gespielt, das spürte sie.

Es war nicht das erste Mal, dass dieser Junge sie rührte und sie ihm gern helfen wollte. Seit sie vor zwei Monaten nach Luna Hermosa gezogen war und die Stelle als Lehrerin angetreten hatte, war ihr der dünne, stille Junge aufgefallen, der sich die meiste Zeit abseits von den anderen hielt. Vielleicht, weil sie beide Einzelgänger waren. Vielleicht auch, weil es ihr zur Gewohnheit geworden war, sich um die Probleme anderer Leute zu kümmern. Das hielt sie, genau wie das Basketballtraining und stundenlanges Joggen, davon ab, von ihren Erinnerungen heimgesucht zu werden.

Beruhigend streckte Laurel die Hand nach Tommy aus. Er wirkte so verloren … Da hörte sie hinter sich ein leises Geräusch. Tommys Augen wurden groß, und Laurel fuhr herum.

Der Fremde von der Schule stand hinter ihr.

Sofort sprang Tommy auf und stürmte zur Tür. Der Mann machte eine Bewegung, als wollte er ihn abfangen, doch Laurel war schneller. Sie warf sich zwischen Tommy und seinen Verfolger und packte den Mann an seiner schwarzen Lederjacke, hinderte ihn daran, dem Jungen hinterherzulaufen.

Einen frustrierten Laut ausstoßend griff der Fremde nach ihren Schultern, als wollte er sie wegstoßen. Tommy war inzwischen längst verschwunden, und der Mann funkelte sie zornig an.

Fast wäre Laurel in ein heftiges, nervöses Lachen ausgebrochen. Das musste der Schreck sein, denn Tommys Verfolger hielt sie fest, eindeutig bedrohlich. Er sah sie an, als würde er sich jede Einzelheit ihres Gesichts einprägen. Ihm gegenüber fühlte sie sich klein, geradezu zierlich. Das geschah ihr mit ihren 1,75 m nicht oft. Dieser Mann musste über 1,85 groß sein, war kräftig und muskulös. Aus der Nähe wirkten seine Augen dunkelbraun, beinah schwarz. Unmöglich zu erkennen, was er in diesem Augenblick dachte.

Er roch nach Leder und Wind. Ihre Haut prickelte, denn Laurel registrierte die körperliche Nähe überdeutlich. Im selben Moment ärgerte sie sich über sich selbst. Was war los mit ihr?

Endlich wurde ihr bewusst, dass sie sich noch immer an seinen Arm klammerte. Sie ließ los, und im selben Moment ließ auch er die Hände sinken. Sofort trat sie ein, zwei Schritte zurück.

Der Fremde sah sie unverwandt an. „Ich nehme an, Sie sind Laurel Tanner“, bemerkte er trocken.

Laurel spürte, wie sie unter seinem eindringlichen Blick rot wurde. Natürlich hatte Alex ihm gesagt, wer sie war. „Ja, richtig.“ Dann platzte sie heraus: „Warum jagen Sie Tommy?“

Sie hätte schwören können, dass es in seinen Augen belustigt aufblitzte. „Eigentlich jage ich ihn nicht direkt.“

Mechanisch fuhr er mit der Hand in die linke Innentasche seiner Jacke, dann unterbrach er die Geste. Als er Laurels fragenden Blick bemerkte, winkte er ab. „Manche Gewohnheiten sitzen tief. Ich war früher mal Cop. Mein Name ist Cort Morente. Alex und ich sind alte Freunde. Er hat mir von Tommys Schwierigkeiten erzählt und mich gebeten, mal mit ihm zu reden. Er dachte, ich könnte ihm vielleicht helfen.“

„Oh … Sie … und ich dachte …“ Laurel wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Der Mann lächelte, jetzt eindeutig amüsiert. „Ich kann mir schon vorstellen, was Sie gedacht haben. Kommen Sie!“ Mit diesen Worten zog er ihr einen Stuhl heran, wartete, bis sie sich gesetzt hatte, und nahm dann ihr gegenüber Platz. „Ich bin kein Bösewicht, der hinter Tommy her ist. Vielleicht muss ich ein wenig an meinem Image arbeiten.“

Auf einmal wirkte er gar nicht mehr so bedrohlich. Besonders, wenn er lächelte. Und sie hörte den trockenen Humor aus seiner tiefen, angenehmen Stimme heraus. Dann bemerkte sie die Linien in seinem Gesicht, die auf starke innere Anspannung hindeuteten. Sie fühlte sich an ihren eigenen Anblick jeden Morgen im Spiegel erinnert. Cort Morente sah aus, als hätte auch er schon länger vor Sorgen nicht mehr ruhig durchgeschlafen.

Jetzt betrachtete sie ihn schon mit anderen Augen.

„Tommy glaubt, dass Sie etwas mit seinem Onkel zu tun haben. Sie erinnern ihn an die Männer, die immer zu ihm ins Haus kamen.“

Er nickte.

„Deshalb ist er weggerannt. Er hat Angst vor Ihnen.“

„Und deshalb sind Sie gemeinsam mit ihm weggerannt?“, fragte er mit einem Lächeln.

Laurel wich seinem aufmerksamen Blick aus. „Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht.“ Sie sah ihn wieder an. „Und Sie wirkten auf den ersten Blick auch nicht unbedingt harmlos.“

„Ich weiß“, entgegnete er mit einem entschuldigenden Achselzucken. „Ich war oft undercover in der Drogenfahndung tätig. Manche Manieren legt man nicht so leicht ab.“

Die unterdrückte Bitterkeit in seiner Stimme machte Laurel neugierig, aber sie ließ sich nichts anmerken. Sie wusste selbst zu gut, dass man seine inneren Dämonen gern vor anderen verbarg.

„Erzählen Sie mir mehr von Tommy“, bat Cort Morente jetzt. „Alex sagt, Sie kennen ihn ein bisschen.“

„Ich glaube, Tommy ist ziemlich allein auf der Welt. Vielleicht hat er nie eine echte Bezugsperson gehabt. Ich bin selbst erst seit August hier, und Tommy ist einer meiner Schüler.“ Ihr Blick fiel auf die Limonadendose, die Tommy zurückgelassen hatte, und abwesend griff sie danach. „Er fiel mir auf, weil er sich immer abseits hält. Er hat kaum Kontakt zu den anderen Kids. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ihn so weit hatte, ein paar Worte mit mir zu reden.“

Der Durchbruch war ihr gelungen, als sie Tommys Schreibtalent entdeckte. Ihre sanfte Ermutigung und ihr beständiges Lob hatten ihn ermuntert, nach der Schule immer öfter dazubleiben und ihr Fragen zu stellen oder ihr kurze, selbst verfasste Texte zu zeigen. Laurel spürte, dass er einsam war und Gesellschaft suchte.

Mehrmals hatte sie Tommy vorgeschlagen, zum Sportzentrum zu kommen und eine der Nachmittagsaktivitäten auszuprobieren. Hin und wieder erschien er auch, beteiligte sich jedoch nie. Er saß nur am Rand und sah den anderen zu.

„Es ist schwer, wenn man keinen Menschen hat, dem man sich anvertrauen kann, mit dem man etwas teilen kann“, sagte sie fast mehr zu sich selbst. „Man ist so isoliert. Man hat das Gefühl, nirgends dazuzugehören …“ Laurel brach ab, als ihr bewusst wurde, dass sie nicht mehr nur von Tommy geredet hatte. Cort Morente sah sie mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an.

„Das hört sich an, als würden Sie ihn ziemlich gut verstehen“, sagte er langsam.

In diesem Augenblick rief jemand „Mrs Tanner!“ in den Saal, und Laurel war dankbar für die Ablenkung. Ein langhaariges Mädchen in Shorts und Sweatshirt stand an der Tür. „Es ist schon nach vier. Haben wir heute Training?“

Erschrocken warf Laurel einen Blick auf ihre Uhr. Das Training hatte sie bei all der Aufregung völlig vergessen. „Ja, ich bin gleich da. Geht schon in die Halle und lauft ein paar Runden!“

Sie stand auf. Cort erhob sich ebenfalls. Er zog eine Sonnenbrille aus der Jackentasche und schob sie in sein dichtes Haar. „Ich würde gern noch mal versuchen, mit Tommy zu reden, aber möglicherweise bräuchte ich dabei Ihre Hilfe. Mit ein bisschen Glück können Sie ihn davon überzeugen, dass ich kein Gangster bin. Vielleicht könnten wir beide einmal darüber reden, wenn Sie Zeit haben.“

Laurel zögerte. „Ja, vielleicht.“

„Dann auf bald.“ Er nickte ihr noch einmal zu, drehte sich um und ging.

Kurz darauf sah Laurel ihn über den Parkplatz laufen. Irgendetwas hielt sie am Fenster, und sie beobachtete, wie er zu einem schwarzen, chromblitzenden Motorrad ging. Er bewegte sich mit vollendeter Körperbeherrschung und der Sicherheit eines Mannes, der sich seiner Stärke bewusst war. Neben dem Motorrad blieb er stehen und sah zurück in ihre Richtung, als spürte er, dass sie ihn beobachtete.

Dann schüttelte er den Kopf, zog Handschuhe und Helm über, stieg auf, startete und fuhr davon.

Erst als er außer Sicht war, löste Laurel sich aus ihrer Erstarrung und eilte hinüber in die Sporthalle.

2. KAPITEL

Zwei Stunden später wollte Laurel nur noch eine Kleinigkeit essen und schlafen. Ihre muntere Mädchentruppe hatte sie ordentlich ins Schwitzen gebracht. Wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag war sie nach dem Training zu müde zum Kochen und fuhr zu dem kleinen Restaurant, das schon zu ihrem Stammlokal geworden war.

Sie parkte ihren Wagen vor dem unauffälligen Lehmbau und ließ sich erst noch einen Augenblick den Wind um die leicht verschwitzten Schultern und das zerzauste Haar wehen. Dann zog sie ihr Haargummi aus der Tasche und band ihre wilde Mähne zu einem Pferdeschwanz. Sie wusste, dass sie ziemlich aufgelöst und in ihrem formlosen grauen Frottee-Trainingsanzug wenig vorteilhaft aussah. Aber die Stammgäste hier scherten sich nicht um ihr Äußeres. Sie beachteten die müde Lehrerin nie, die immer allein an einem Tisch ihr Abendessen verspeiste.

Nur Nova Vargas, die Kellnerin, warf ihr wie immer, ein freundliches Lächeln zu, als Laurel die schwere Tür zu dem kleinen sonnendurchfluteten Innenraum aufstieß. Ein appetitlicher Duft nach Brathähnchen, gebratenen Pfefferschoten und Apfelkuchen wehte ihr entgegen. Die hochgewachsene, kurvenreiche Nova trug ihren pinkfarbenen Arbeitsdress ein paar Zentimeter kürzer als andere und war eine nicht zu übersehende Erscheinung.

Nova nahm Laurel kritisch in Augenschein und verzog das perfekt geschminkte Gesicht zu einer hübschen Grimasse. „Ich hab es Ihnen ja schon gesagt, wie wollen Sie eines Tages das große Los ziehen, wenn Sie immer nur Trainingsanzug tragen“, bemerkte sie kopfschüttelnd, während sie nach einer Speisekarte griff.

Verlegen strich Laurel über ihre Frotteejacke. „Sie werfen mich nicht raus, weil ich nicht der Kleiderordnung entspreche, oder?“ Wie aufs Stichwort ließ ihr Magen ein lautes, sehr unweibliches Knurren hören.

Nova lachte. „Aber nein! Das ist mir ja egal. Nur wird es Ihnen vielleicht gleich nicht egal sein, wie Sie aussehen!“

Bevor Laurel sich auf diesen Kommentar einen Reim machen konnte, führte Nova sie an Reihen von Tischen mit roten Lacktischdecken vorbei, besetzt mit einer bunten Mischung aus Familien und älteren Leuten. Aber sie gingen nicht zu Laurels üblichem Platz, sondern weiter in den Hintergrund des Lokals. Hier zogen sich einzelne rote und schwarze Nischen mit hohen Rückenlehnen an den Wänden entlang und verbargen die darin Sitzenden.

Vor der letzten Nische in der Ecke blieb Nova stehen. „Da ist sie.“

Verwirrt starrte Laurel auf den Mann, der dort saß und ihr mit einem angedeuteten Lächeln entgegensah. Die dunklen Augen zogen sie sofort wieder in ihren Bann, aber etwas an ihm hatte sich verändert. Verschwunden war die lederne schwarze Motorradkluft, er trug jetzt ein weißes T-Shirt und verwaschene Jeans.

„Darf ich Sie zum Essen einladen?“, schlug Cort Morente mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme vor.

„Nein, danke.“ Laurel fühlte sich so überrumpelt, dass sie automatisch den Rückzug antrat. Dabei versuchte sie, ebenfalls gleichmütig zu klingen. „Heute Abend geht es leider nicht.“

Nova legte Cort in einer überraschend vertrauten Geste die Hand auf die Schulter. Ihre langen roten Nägel glänzten. „Ach, Laurel, leisten Sie dem armen Mann Gesellschaft. Sehen Sie nicht, dass er ganz allein ist? Natürlich bist du selbst daran schuld“, fügte sie augenzwinkernd an Cort gewandt hinzu.

Der nahm ihre Hand von seiner Schulter. „Solltest du nicht lieber zu deinen anderen Bewunderern zurückkehren?“ Dann lächelte er über ihren demonstrativen Schmollmund.

„Okay. Wink mir, wenn du bereit bist zu bestellen.“ Mit wippendem Pferdeschwanz und wiegendem Hüftschwung verschwand Nova zurück in den vorderen Teil des Lokals.

Cort wandte sich Laurel zu. „Wie kann ich Sie umstimmen? Ich verspreche, ich bin nicht hier, um Ihnen Ihre dunklen Geheimnisse zu entlocken. Ich schlage nur ein Essen vor.“

„Wir kennen uns doch kaum“, bemerkte Laurel, während sie fieberhaft überlegte, was der Mann im Sinn haben mochte.

„Das würde ich gern ändern.“ Als sie immer noch zögerte, breitete Cort Morente ergeben die Arme aus. „Gut, ich gestehe, ich wollte mit Ihnen über Tommy reden.“

„Woher wussten Sie, dass ich hierher komme?“

Cort forderte sie mit einer einladenden Geste auf, sich ihm gegenüber in die Nische zu setzen. „Bitte. Ich erkläre Ihnen alles. Sie müssen doch wirklich hungrig sein nach dem Basketballtraining mit den Kids. Allein vom Zusehen war ich neulich ganz erschöpft.“

„Sie waren schon mal dort?“

„Alex lässt nichts unversucht, um mich aus dem Haus zu locken.“

Laurel verstand den Kommentar nicht, aber den unterschwellig gereizten Ton in seiner Stimme erkannte sie nur zu gut. Sie selbst klang auch jedes Mal so, wenn jemand in den vergangenen zwei Jahren versucht hatte, sie mit Ratschlägen zu beglücken, wie sie ihr Leben wieder ins Lot bringen könnte.

Ihr Verstand riet ihr, die Flucht zu ergreifen, während es sie gleichzeitig unwiderstehlich zu Cort Morente hinzog. Sie hatte keine Erfahrung mit Männern wie ihm – der Verkörperung aller sündigen Träume.

Manchmal beneidete sie Frauen wie Nova, die sich in ihrer Sinnlichkeit wohlfühlten und nicht zögerten, es zu zeigen. Frauen, die sich ihrer Wirkung auf Männer sicher waren. So war sie selbst nie gewesen.

„Ich beiße wirklich nicht“, drang Morentes leicht belustigte Stimme in ihre Gedanken. Er sah jetzt weniger gefährlich aus, nur ungeheuer attraktiv mit dem dichten, dunklen Haar, das ihm jungenhaft in die Stirn fiel, und dem Bartschatten um das markante Kinn.

Laurel gab sich einen Ruck und brachte ein Lächeln zustande. „Also gut. Ich gebe zu, ich habe Hunger.“

Er nickte und nahm sie kritisch in Augenschein. „Man sieht, dass die Mädchen Sie ganz schön auf Trab gehalten haben.“

Laurel wäre am liebsten im Erdboden versunken. „Ich habe nicht mit Gesellschaft zum Essen gerechnet. Tut mir leid, wenn ich aussehe, wie aus dem Wäschekorb gezogen.“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Seine Stimme klang fast noch ein wenig tiefer. „Überhaupt nicht. Sie haben eine wunderbare, frische Röte im Gesicht. Sie sehen … sehr hübsch aus.“

Laurel versuchte zu ignorieren, wie ihr Gesicht sich prompt noch viel heißer anfühlte. Allmählich fühlte sie sich wie ein Pingpongball, den dieser Mann nach Belieben von einem Ende der Gefühlsskala zum anderen katapultieren konnte. Sie brauchte wieder festen Boden unter den Füßen.

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