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Nur wenn du mich hältst

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Dieses Buch ist für meine Freundin Lois. In Liebe.

DANKSAGUNG

Danke an meinen persönlichen Beraterstab:
Anjali Banerjee, Carol Cassella, Sheila Roberts,
Suzanne Selfors, Elsa Watson, Kate Breslin,
Lois Faye Dyer, Marie Harris, Patty Jough-Haan,
Susan Plunkett und Krysteen Seelen –
wundervolle Autorinnen und noch bessere Freundinnen.

Dank an Mr David Boyle, Präsident und Mitbesitzer der
New Haven County Cutters, für die Informationen
bezüglich des unabhängigen Baseballs und der
Can-Am-Liga.

Außerdem großen Dank an Margaret O’Neill Marbury und
Adam Wilson von MIRA Books, Meg Ruley und
Annelise Robey von der Jane Rotrosen Agency
für ihre unschätzbaren Tipps und Anregungen.
Dank auch an meinen Verleger und meine Leserinnen und
Leser für die Unterstützung der Lakeshore Chronicles
und dafür, dass sie immer wieder nach Avalon zurückkehren.

Mit jedem Wort, das ich schreibe, bin ich meiner Familie dankbar –
der Ursache für all das.

1. KAPITEL

La Guardia Flughafen

Terminal C

Gate 21

Die dunkle Brille verbarg nichts, jedenfalls nicht wirklich. Wenn Leute an einem wolkenverhangenen Tag mitten im Winter jemanden mit Sonnenbrille sehen, nehmen sie an, sein Träger oder seine Trägerin wolle verbergen, dass er oder sie getrunken, geweint oder sich geprügelt hat.

Oder alles zusammen.

Unter normalen Umständen genoss Kimberly van Dorn es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Am vergangenen Abend hatte sie aus genau diesem Grund das Haute-Couture-Kleid mit dem skandalösen Schlitz an der Seite ausgewählt – um den Leuten den Kopf zu verdrehen – und hatte keine Ahnung gehabt, dass die Nacht katastrophal enden würde. Wie hätte sie das auch vorhersehen sollen?

Jetzt, bei der Landung nach einem zermürbenden Nachtflug, bei der Fahrt zum Gate und danach würde sie die Sonnenbrille aufbehalten.

Touristenklasse. Sie flog niemals Touristenklasse. Die erste Klasse war jedoch ausgebucht gewesen, und persönliche Bequemlichkeit hatte der Zweckdienlichkeit den Vortritt lassen müssen. So hatte sie sich auf Sitz 29-E in der Mitte des Fliegers wiedergefunden, eingequetscht zwischen zwei Fremden. Manchmal war der Drang zu fliehen eben mächtiger als das Bedürfnis nach Beinfreiheit. Obwohl ihre steifen Glieder dem im Moment vermutlich widersprechen würden.

Wer zum Teufel hatte überhaupt die Economyclass erfunden? Kimberly war überzeugt, den Abdruck des Ohrs ihres Sitznachbarn auf ihrer Schulter zu haben. Nach seinem vierten Bier war er immer wieder eingeschlafen, wobei sein Kopf in ihre Richtung rollte. Was war schlimmer als ein Mann mit einem schlaff herunterhängenden Kopf?

Ein Mann mit herunterhängendem Kopf und Bier-Atem, dachte sie grimmig. Sie versuchte, die quälenden Strapazen des Transkontinentalflugs abzuschütteln, doch die Erinnerung hing ihr nach wie der Schmerz in ihren Beinen – ein schlaffer, schnarchender Kerl auf der einen und ein unglaublich gesprächiger älterer Gentleman auf der anderen Seite, der stundenlang von seinen Schlafstörungen geredet hatte. Und über eine Schleimbeutelentzündung und seinen lausigen Schwiegersohn, seine Vorliebe für gebratene Süßkartoffeln und seine Abneigung gegen den Jude-Law-Film, den sie sehen zu wollen vorgab, weil sie hoffte, ihn damit zum Schweigen zu bringen.

Kein Wunder, dass sie nie Economy flog. Doch der Albtraumflug war nicht das Schlimmste, was ihr in letzter Zeit passiert war. Bei Weitem nicht.

Nun stand sie im Gang und wartete darauf, dass die Passagiere der achtundzwanzig Reihen vor ihr das Flugzeug verließen. Der Prozess schien sich endlos hinzuziehen. Die Leute kramten in den Gepäckablagen herum, suchten ihre Sachen zusammen und sprachen währenddessen in ihre Handys.

Sie holte ihres ebenfalls heraus und ließ den Daumen über der Einschalttaste schweben. Eigentlich sollte sie ihre Mutter anrufen, sie wissen lassen, dass sie nach Hause kam. Nicht jetzt, dachte sie und steckte es wieder weg. Sie war zu erschöpft, um in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen. Außerdem könnte es gut sein, dass ihr Handy mit einer Ortsbestimmungsapp versehen war, und sie hatte keine Lust, aufgespürt zu werden.

Nun, da sie angekommen war, war sie nicht mehr in Eile. Tatsächlich fühlte sie sich vollkommen unzulänglich darauf vorbereitet, sich einem düsteren Wintermorgen in New York zu stellen. Sie ignorierte die Blicke der anderen Passagiere und versuchte so zu tun, als wäre es normal, in Abendrobe zu reisen. Vielleicht hatte sie ja Glück, und sie hielten sie für das Opfer verloren gegangenen Gepäcks.

Wenn es doch nur so einfach wäre.

Während sie sich schrittweise durch den schmalen Gang nach vorne arbeitete, fühlte sie sich definitiv als Opfer, und zwar auf mehr als eine Weise.

Dabei zog sie eine Spur aus Pailletten hinter sich her. Es gab einen Grund, weshalb Kreationen wie diese als Abendgarderobe bezeichnet wurden. Das mit glitzerndem Flitter bestickte Kleid aus Seidencharmeuse sollte im romantischen Halbdunkel eines von Kerzenlicht ausgeleuchteten Privatclubs getragen werden oder in einem mit Fackeln beleuchteten Garten in Südkalifornien. Nur nicht im hellen, erbarmungslosen Tageslicht eines Samstagmorgens.

Es ist lustig, dachte sie, dass im Morgenlicht selbst ein Designerkleid von Shantung am Rodeo Drive billig aussieht. Vor allem, wenn es einen taillenhohen Schlitz an der Seite hatte und man dazu nackte Beine und Peep-Toe-Stilettos trug. Am vergangenen Abend hatte jedes Detail noch von Klasse gezeugt. Nun schrie ihr Outfit Schlampe. Kein Wunder, dass man sie merkwürdig anschaute.

Letzte Nacht, während das alles passierte, hatte Kim nicht an den Morgen gedacht. Sie hatte nur den Wunsch gehabt wegzulaufen. Es schien, als wären eine Million Jahre vergangen, seit sie sich so sorgfältig zurechtgemacht hatte, seit sie voller Hoffnung und Optimismus gewesen war. Lloyd Johnson, Star der Lakers und größter Kunde der PR-Agentur, für die sie arbeitete, war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Und wichtiger noch für sie, er hatte in Manhattan Beach sein Traumhaus gefunden. Sie hatten vorgehabt, zusammen dort zu wohnen. Es hätte ihr Abend sein sollen, ihr Augenblick des Triumphes, vielleicht sogar ein Abend, der ihr Leben veränderte, wenn Lloyd sich entschieden hätte, ihr die Frage zu stellen.

Nun, lebensverändernd war er gewesen, allerdings auf andere Weise als erwartet. Kim hatte sich mit Leib und Seele ihrer Karriere als Medientrainerin für Sportler verschrieben, doch innerhalb von Stunden war alles zerbröselt. Sie war wie Jerry Maguire, nur ohne das triumphale Ende.

Endlich kam sie am Ausgang des Flugzeugs an und murmelte den Flugbegleitern ein Dankeschön zu. Es war nicht deren Schuld, dass der Flug so unerträglich gewesen war, und sie waren ebenfalls die ganze Nacht aufgewesen.

Gerade als sie auf den Flugsteig trat, öffnete sich die Sicherheitstür, und ein Mann von der Bodencrew in einem Overall und mit Schallschutzkopfhörern ließ einen Schwall eisiger Luft herein. Der arktische Wind war wie ein körperlicher Angriff, riss an ihrem Seidenkleid und zerrte an ihren nackten Beinen. Sie keuchte laut auf und zog sich den Fransenschal, das einzige zusätzliche Kleidungsstück, das sie dabeihatte, um die bloßen Schultern. Mit einer Hand hielt sie ihn vor ihrer Brust fest, mit der anderen umklammerte sie die mit Edelsteinen besetzte Abendtasche in Form eines Pfauenrads.

Grundgütiger Gott. Das hatte sie vollkommen vergessen – diese Ostküstenkälte, die in Kalifornien noch nicht einmal ansatzweise anzutreffen war. Sie griff an ihren Kopf, doch es war zu spät. Ihre Frisur war bereits durcheinandergeweht worden, und ihr langes rotes Haar hing wild herunter. Außerdem war sie ziemlich sicher, dass sie einen Ohrring verloren hatte. Entzückend.

Hoch erhobenen Hauptes verließ sie den Flugsteig und betrat das Terminal. Sie ging in normaler Geschwindigkeit, ohne Hetze, obwohl sie am liebsten zusammengebrochen wäre. Die Louboutins mit den roten Sohlen und den zwölf Zentimeter hohen Absätzen, die am vergangenen Abend zu dem Kleid, das eine Schulter freiließ, so fabelhaft ausgesehen hatten, fühlten sich jetzt wie reinste Folterinstrumente an ihren Füßen an.

Die Designerschuhe stumm verfluchend, zog sie den Seidenschal fester um sich und hielt nach einem Geschäft Ausschau, in dem sie sich etwas zum Anziehen für den Rest der Reise nach Avalon in den Catskills kaufen konnte, wo ihre Mutter lebte. Vor dem Flug war keine Zeit gewesen, etwas einzupacken, selbst wenn sie einigermaßen klar hätte denken können. Sie war in letzter Sekunde am Flughafen angekommen.

Zu ihrem Entsetzen waren alle Kioske und Läden, an denen sie vorbeikam, noch geschlossen; nie hatte sie sich mehr nach einem Paar Flip-Flops und einem „I love New York“-T-Shirt gesehnt. Es war ein langer Weg bis zur Ankunftshalle, vor allem in diesen Schuhen.

Sie kam an Fluggästen in warmer Winterkleidung vorbei, die vermutlich auf dem Weg zu einem Wochenendtrip in die Berge waren, und tat, als bemerke sie deren Blicke und die hinter behandschuhten Händen geflüsterten Kommentare nicht. Normalerweise galt ihre Hauptsorge dem, was die Leute von ihr dachten, aber nicht heute. Sie war zu müde, um sich Gedanken darüber zu machen, was andere Menschen über sie redeten.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs stand ein Kerl, einen Fuß an die Wand gestützt, und schaute sie an. Okay, dann warfen ihr eben viele Männer Blicke zu. Sie sah ja auch aus, als wäre sie von einer Nuttenmesse geflohen. Er war fast zwei Meter groß, hatte langes Haar und trug eine Cargohose sowie einen Armee-Parka mit Wolfsfellbesatz an der Kapuze.

Es war idiotisch, dass sie ihn nicht ignorieren konnte. Männer waren ihr Untergang, dabei sollte sie es besser wissen. Und – bitte lieber Gott, nein – da stieß er sich auch schon lässig von der Wand ab und kam auf sie zugeschlendert. Kim war zwar keine große Leseratte, aber nun fiel ihr ein Buchtitel von Dorothy Parker ein: Welch neue Hölle ist das?

Schneller als auf den dünnen Absätzen vernünftig war, eilte sie zum Rollband und wünschte, es wäre ein magischer Teppich, der sie von all ihren Sorgen wegtrug. Sie betrat das Band – und spürte, wie einer der Absätze im Spalt zwischen zwei Elemente geriet und stecken blieb. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie, den Schuh freizubekommen. Dabei verhakte sich auch der andere Absatz.

Und gerade hatte sie gedacht, der Tag könnte nicht noch schlimmer werden.

2. KAPITEL

Bo Crutcher musterte die Rothaarige in den High Heels auf der anderen Seite des Ganges. Sie war mit der Nachtmaschine aus L.A. gekommen. Er wartete auf einen anderen Flug, den aus Houston. Die Anzeigetafel über dem Gate zeigte an, dass der Verspätung hatte.

Die Rothaarige war genau sein Typ – groß und schlank, wundervolles Haar und prächtige Titten, leicht nuttige Klamotten. Das gefiel ihm an einer Frau. Sie versuchte zwar, ihn mit ihren Blicken zu erdolchen, aber da er Zeit totzuschlagen hatte, kam ihm die Ablenkung gerade recht. Sie verkörperte alles, was er mochte, in einem Paket – Tequila und Eis am Stil, Stanley-Clarke-Riffs und einen makellosen Baseballwurf, diesen einen Wurf, den kein Schlagmann jemals kriegen würde. Sie hatte den perfektesten Hintern der Welt und das Gesicht einer Göttin aus einem Renaissance-Gemälde. Unvergesslich.

Im Moment war sein Interesse an ihr zwar eigentlich unangebracht, aber sie ließ sich schwer ignorieren. Er betrachtete sie auf die Weise wie ein Kunstliebhaber die Venus von Botticelli. Nie würde er verstehen, wie ein Künstler dasitzen und eine nackte Frau malen konnte. Wie zum Teufel war es einem Kerl möglich, sich in der Gegenwart eines Aktmodells zu konzentrieren?

Als würde sie seine unangebrachten Gedanken spüren, beschleunigte die Rothaarige ihre Schritte und eilte auf das Rollband zu. Die Absätze ihrer Schuhe klackerten missbilligend über den Boden.

Bo erinnerte sich wieder daran, weshalb er hier war. So hatte er sein Wochenende eigentlich nicht verbringen wollen. Er sollte zu Hause sein und nach einer großartigen Nacht in der Hilltop Tavern ausschlafen. Torres hatte Bledsow im Match des Jahres geschlagen, und er hatte tausend Dollar berappt, um die Satellitenübertragung in der Bar möglich zu machen. Sein Plan war gewesen, lange aufzubleiben, mit Gästen und Freunden ein paar Bier zu trinken und den Underdog auf dem Plasmabildschirm anzufeuern, dessentwegen er die Bar in Schulden gestürzt und den Zorn seiner Chefin Maggie Lynn erregt hatte. Alles sprach dafür, dass es eine verdammt coole Nacht werden würde, doch leider war es anders gekommen.

Seine Pläne hatten sich in Luft aufgelöst, als er die Mailbox seines Telefons abhörte und darauf den unerwartetsten Anruf seines Lebens vorfand. In dem Moment hatte er alles stehen lassen müssen und war so schnell er konnte vom tief in den Catskills liegenden Avalon nach New York City gefahren, um rechtzeitig zur Ankunft des Flugs aus Houston dort zu sein.

Jetzt stand er am Gate 22-C und schwitzte vor Panik. Noch eine weitere halbe Stunde, die er irgendwie herumkriegen musste. Er schaute sich um und konzentrierte sich erneut auf die Rothaarige, die auf dem Rollband dahinglitt und Probleme mit ihren Schuhen zu haben schien. Sie beugte sich vor und versuchte offensichtlich, die Riemchenpumps auszuziehen.

Er erkannte, dass sie festhing, und eilte an ihre Seite. „Sie sehen aus, als könnten Sie Hilfe gebrauchen, Ma’am“, sagte er.

Sie kämpfte weiter mit den Riemchen ihrer High Heels. Es sah so aus, als stecke nicht nur einer, sondern beide Absätze fest. Bo schaute sich suchend nach einem Notausschalter um. Als er keinen sah, beugte er sich hinunter, legte die Hände um den rechten Knöchel der Rothaarigen und befreite ihren Fuß mit einem Ruck. Sie schrie überrascht und leicht panisch auf.

„Lassen Sie mich los“, sagte sie. „Ich meine das ernst. Treten Sie zurück oder …“

„Sekunde.“ Der andere Schuh wollte einfach nicht nachgeben, und sie hatten beinahe das Ende des Laufbands erreicht. Die Frau riskierte ernsthafte Verletzungen, sollte er sie nicht freibekommen. Er zog ein letztes Mal, und begleitet vom unverkennbaren Geräusch reißenden Stoffs kam auch dieser Absatz frei. Er packte die Rothaarige am Ellbogen, damit sie nicht umfiel, hob sie von den Füßen und trug sie vom Rollband. Dahinter setzte er sie ab, trat einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände, um ihr zu zeigen, dass er nichts Böses wollte.

Hatte er Dankbarkeit erwartet, wurde er herb enttäuscht. Er hätte sie auf den Hintern fallen oder sie wie eine Cartoonfigur vom Laufband aufsaugen lassen sollen. Trotzdem registrierte er erneut, dass sie die Gesichtszüge einer Göttin hatte. Ein Gesicht, das als Statue in einem Museum stehen könnte. Er fragte sich, welche Farbe ihre hinter der Sonnenbrille verborgenen Augen haben mochten.

Dann sah er ihr modisches Abendtäschchen auf dem Boden liegen und bückte sich, um es aufzuheben. Eine weitere ritterliche Geste. „Ma’am.“ Er reichte ihr die Tasche, wobei er eine leichte Verbeugung machte. „Schöner Pfau“, sagte er. „Judith Leiber ist einfach unvergleichlich.“

Diese Bemerkung schien sie noch mehr zu verwirren. Die Ladies waren meistens überrascht, wenn er mit seinen Designerkenntnissen angab. Manche dachten, er wäre schwul, doch er mochte Frauen eben und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Vorlieben und Abneigungen mit der Gewissenhaftigkeit eines Kulturanthropologen zu studieren.

Die Rothaarige schnappte sich ihr Täschchen.

„Darf ich Sie auf einen Drink einladen?“ Er nickte in Richtung der Bar auf der anderen Seite, die schon geöffnet hatte und trotz der frühen Stunde gut besucht war.

Sie starrte ihn an, als würden Frösche aus seinem Mund springen.

„Ganz sicher nicht.“

„Ich dachte, fragen kann man ja mal.“ Er behielt sein Lächeln bei. Manchmal gaben die Frauen sich besonders unnahbar, um sicherzugehen, dass er es ernst meinte. „Hatten Sie eine harte Nacht?“

Ein kleines angestrengtes Lächeln zeigte sich um ihre Mundwinkel. „Es tut mir leid“, sagte sie, „aber Sie verwechseln mich ganz offensichtlich mit jemandem.“

Zu allem Überfluss hatte sie diese präzise Aussprache der Schülerinnen von Eliteinternaten, die er so sexy fand.

„Mit jemandem, der auch nur das geringste Interesse daran hat, sich mit Ihnen zu unterhalten.“ Damit drehte sie sich um und ging.

Der Riss in ihrem Kleid gewährte ihm einen kurzen Blick auf lange, schlanke Beine.

„Gern geschehen“, murmelte er und starrte ihren Hintern an, während sie davonstakste.

Erster Fehlschlag, dachte er. Es war vermutlich besser so, schließlich war er nicht hier, um zu flirten. Vor ihm lag ein anstrengender Tag.

Nachdem die Rothaarige am Ende des Terminals verschwunden war, sah er sich gezwungen, sich wieder mit der Realität und seiner Anwesenheit auf diesem Flughafen auseinanderzusetzen. Er tigerte auf und ab und beobachtete das Gate wie ein Gladiator, der auf den Ansturm einer Meute hungriger Löwen wartet. Die schwere graue Tür war fest geschlossen. Der Mann am Boardingschalter wirkte bereits genervt, weil er ihm inzwischen vier Mal seinen Sicherheitspass unter die Nase gehalten und gefragt hatte, wann die Maschine endlich landen würde.

Bo schaute auf die Uhr. Immer noch zwanzig Minuten.

Die Bar war voller Leute, die Kaffee oder Bloody Marys konsumierten, in ihre Handys sprachen, E-Mails oder Zeitung lasen. Verdammt. Saß denn niemand mehr einfach da und trank? Wann hatte die Welt beschlossen, es sei nötig, jederzeit beschäftigt zu sein, selbst wenn man mit einem kühlen Blonden in einer Bar saß?

Beim Gedanken an ein großes, frisch gezapftes kaltes Bier lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Zum Teufel, es war noch ausreichend Zeit. Er könnte sich eins auf die Schnelle gönnen und in wenigen Minuten wieder am Gate stehen.

Er beobachtete eine Reihe Passagiere, die ein Flugzeug nach Fort Lauderdale bestiegen, und verspürte einen Anflug von Neid. Ja, Fort Lauderdale wäre jetzt nett. Ohne richtig darüber nachzudenken, schlenderte er gemessenen Schrittes auf die Bar zu. Verdammt, eine Viertelstunde war mehr als ausreichend, um ein Bier zu trinken. Ein morgendlicher Augenöffner. Er würde sich einfach gegenüber von der Kasse an den Tresen stellen. Das war der Platz, an dem man am schnellsten bedient wurde, wie er aus seinen vielen Jahren als Barkeeper wusste. Jedes Mal, wenn der Angestellte etwas einbongte, sah er das Gesicht des Kunden im Spiegel. Ein Garant für flotten Service. Er trat an die Bar.

„Taylor Jane Purvis, du kommst sofort zurück!“, hörte er in dem Moment eine verärgert klingende Frau.

Ein sehr kleiner, lachender Wirbelwind auf zwei Beinen sauste an ihm vorbei in Richtung des Laufbandes, das beinahe die Rothaarige verschluckt hätte. Es war ein Mädchen, den Kopf voller goldgelber Ringellocken, das seiner Mutter entschlüpft war, die sich mit ungefähr neun Gepäckstücken abmühte. Die Kleine sprang auf das Band und rannte los. Wegen der zusätzlichen Geschwindigkeit des Rollbands war sie wesentlich schneller als ihre gestresste Mutter. Die Frau sah aus, als würde sie im nächsten Moment einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Bo zögerte, dachte an die Rothaarige. Er war an diesem Tag schon einmal beschuldigt worden, ein Perverser zu sein, aber das Kind entfernte sich immer weiter von seiner Mutter. Er verließ seinen Platz an der Bar und ging auf das Laufband zu. Ohne Probleme erreichte er das Mädchen, griff über die Seitenwand und hob es wie einen Jahrmarktgewinn aus dem Strom der Passanten. Die Kleine strampelte erstaunt mit den Füßen.

„Bist du Taylor Jane?“, fragte er und hielt sie auf Augenhöhe vor sich.

Sie nickte überrascht.

„Deine Mama sucht dich.“

Das Mädchen überwand seine Überraschung und stieß einen lauten Schrei aus, während es ihm gleichzeitig in einen empfindlichen Körperteil trat.

Bo ließ einen Fluch hören, den die Kleine vermutlich noch nicht kannte, und stellte sie auf den Boden. Dann erhob er die Hände, machte ein paar Schritte zurück und betrachtete sie, als wäre sie eine Stange Dynamit.

Die Mutter der Kleinen eilte herbei und packte sie. „Taylor Jane!“, sagte sie. Dann drehte sie sich um und funkelte ihn wütend an. „Lassen Sie die Finger von meinem Kind oder ich rufe den Sicherheitsdienst.“

„Wie Sie meinen.“ Bo machte sich nicht die Mühe, ihr zu erklären, dass er nur versucht hatte zu helfen. Er wollte einfach so schnell wie möglich weg. Mit Kindern war er noch nie sonderlich gut zurechtgekommen.

Zweiter Fehlschlag. Der kleine Vorfall hatte ihn sein Bier gekostet. Eine weitere Maschine war gelandet, und die durstigen Kunden standen nun in Doppelreihe am Tresen.

Er kehrte genau in dem Augenblick zu Gate 22-C zurück, als der uniformierte Bodenflugbegleiter die Sicherheitstür öffnete. Helfer stellten sich mit Rollstühlen und Elektrocarts auf. Bo spürte, dass er sich anspannte. Alle seine Sinne waren in höchster Alarmbereitschaft. Es war diese übermäßige Wachsamkeit, die er vom Baseballplatz kannte, kurz vor einem entscheidenden Wurf. Jede Einzelheit trat deutlich hervor – ein vorbeigehender Mann, dessen Gitarrenkoffer ihm leicht gegen den Rücken schlug. Das helle Klackern von Frauenschuhen auf dem glänzenden Fußboden. Der Geruch von Pot, der unpassenderweise aus dem Mantel eines Geschäftsmannes aufstieg. Die anschwellende Unterhaltung zweier Gepäckträger auf Spanisch. Alles stürzte in diesem Moment auf ihn ein. Als letzte Warnung erfolgte ein Adrenalinschub.

Er könnte immer noch abhauen. Ihm bliebe ausreichend Zeit, um wegzugehen, zu verschwinden. Es wäre nicht das erste Mal.

Er ließ den Blick über die anderen Gates gleiten. Flüge nach Raleigh/Durham, Nashville, Oklahoma City … Der Flug nach New Orleans war bereit zum Boarding, auf der Anzeigetafel leuchtete der Hinweis für den letzten Aufruf auf. Ein kurzer Anruf, und er hätte einen Sitz in diesem Flieger. Los, drängte eine innere Stimme, mach es einfach. Niemand könnte es ihm vorwerfen. Jeder Kerl bei klarem Verstand würde diese Situation Leuten überlassen, die besser dafür geeignet waren.

Er näherte sich dem Counter für die Strecke nach New Orleans. Der Bodenflugbegleiter dahinter, ein kräftiger Angestellter mit Betonfrisur, der entschlossen auf seiner Tastatur herumklapperte, schaute auf und fragte: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Bo räusperte sich. „Sind auf diesem Flug noch Plätze frei?“

Der Mann nickte. „Im Big Easy gibt es für jeden ein Plätzchen.“

Bo zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche seiner Hose. Als er es aufklappte, fiel eine Münze heraus. Er bückte sich und hob sie auf. Es war ein altes Stück, in das ein dreieckiges Symbol eingraviert war. Eine dieser Marken, die sie bei den Treffen in Kirchenkellern verteilten, wenn man schwor, ein Jahr trocken zu sein. Er hatte sie weiß Gott nicht verdient. Wer wollte es schon so lange Zeit ohne einen Drink aushalten? Er ganz sicher nicht. Es war schwer genug, eine Baseballsaison ohne durchzustehen. Er behielt die Münze, weil sie alt war und von einem Menschen stammte, den er nicht kannte, mit dem er aber auf intimste Weise verbunden war.

„Sir“, fragte der Flughafenmitarbeiter. „Benötigen Sie noch etwas?“

Bo betrachtete das runde Metallstück in seiner Hand. Einsatz, Einigkeit, Besserung. „Ich denke nicht“, sagte er leise und schloss die Finger darum zur Faust. Dann kehrte er zu Gate 22-C zurück. Ein Gepäckträger drehte am Sender seines Funkgeräts, aus dem es knackte und rauschte.

In Gedanken stellte Bo sich das entfernte Tosen der Massen vor, das wie das Meeresrauschen in einer Muschel klang, die man sich ans Ohr hielt, und darüber eine begeisterte Ansage über die Stadionlautsprecher: Meine Damen und Herren, das heutige Spiel im hiesigen Yankee Stadion ist restlos ausverkauft. Und hier ist unser Starting Pitcher für die Heimmannschaft, der nun die Abwurfstelle betritt. Das muss der härteste und triumphalste Gang seiner Karriere sein, Leute. Ich denke, in diesem Moment ist er der einsamste Mensch auf Erden. Ihm gegenüber, in Position, wartet Tony Valducci. Jetzt ist er bereit! Fastball! Zu hoch. Ball zwei!

Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er es versucht, so viel, wie auf dem Spiel steht. Crutcher, der einfache Junge aus Texas City, war auf der Highschool als sicherer Kandidat für eine frühe Auswahl angesehen worden … doch die Sichtungen kamen und gingen. Es brauchte weitere dreizehn Jahre und eine Unmenge Glück, aber nun ist er endlich hier. Er ist der Beweis dafür, dass das Alter manchmal nur eine Zahl ist. Es ist an der Zeit, den Spot auf einen Mann zu richten …

Beinahe wäre Bo mit dem Gepäckträger zusammenstoßen. Er schüttelte die Vorstellung ab und konzentrierte sich auf das Gate. Die Passagiere des Houston-Fluges kamen in stetem Strom durch die Tür. Geschäftsleute, die bereits wieder an ihren Handys hingen, Pärchen und Alleinreisende machten sich auf den Weg zur Gepäckausgabe, erschöpft aussehende Eltern tauchten mit schlecht gelaunten, zerzausten Kindern im Schlepptau auf. Der Menschenstrom aus dem Flugzeug schien nicht zu versiegen.

Es dauerte so lange, dass ihm Zweifel kamen. Hatte er die Flugnummer richtig notiert? Hatte er sich mit der Zeit, dem Tag oder der Fluggesellschaft geirrt? War das Ganze ein entsetzlicher Fehler?

Er wollte sich gerade dem Flughafenmitarbeiter nähern, als ein älteres Pärchen durch die Tür schlurfte. Die Gepäckträger halfen den beiden in ein Elektrocart, und dann endlich tauchte eine Stewardess mit dünnen Haaren und müden Augen auf dem Flugsteig auf. Ihr folgte jemand. Die Flugbegleiterin trat an den Schalter und übergab ein Klemmbrett. Der letzte Passagier betrat das Gate. Er zog einen abgenutzten, mit Klebeband reparierten Koffer hinter sich her und trug eine Baseballkappe der New York Yankees – ein Weihnachtsgeschenk von ihm, wie Bo sich erinnerte. Um seinen Hals baumelte eine durchsichtige Brusttasche mit einem Schild darin, auf dem stand: ‚Alleinreisendes Kind‘.

Dritter Fehlschlag. Du bist raus.

Bo trat vor und stellte sich so selbstbewusst wie möglich hin. „AJ?“, sagte er zu dem Jungen, den er noch nie gesehen hatte. „Ich bin’s, Bo Crutcher. Dein Dad.“

3. KAPITEL

Kim humpelte durch den Flughafen zum Hauptterminal. Der Schlitz in ihrem Kleid war inzwischen beinahe unsittlich weit aufgerissen, und der Stoff flatterte um ihre nackten, kalten Beine. Sie hoffte, bei einem privaten Frachtunternehmen mitfliegen zu können und so den Weg in die Stadt und die lange, ermüdende Zugfahrt hinaus nach Avalon zu umgehen. Wenigstens hierbei war ihr das Schicksal gewogen. Pegasus Air hatte noch einen freien Platz in der Maschine nach Kingston, die in einer Stunde abflog. Kim reichte ihre Kreditkarte hinüber und schaute gar nicht erst auf die Summe, die ihr dafür abgebucht werden würde, sondern unterschrieb einfach und begab sich in die Wartehalle. Innerhalb weniger Minuten wurde der Flug aufgerufen, und das kleine Grüppchen Passagiere reihte sich auf, um einzusteigen.

Der Gang zum Frachtflugzeug führte über einen langen Fußgängerweg, der nur mit Segeltuch überspannt war, an dem der eisige Wind zog und zerrte. Kim war so erschöpft, dass sie sich nicht einmal mehr Gedanken darüber machte, was die Leute wohl wegen ihres Aufzugs sagten. Das Einzige, was ihr nicht egal war, war die mörderische Kälte, die sich an ihre Knöchel und Beine klammerte. Kleine Schneewehen wirbelten um ihre Füße und jagten sie zur Treppe, die zur zweimotorigen Bombardier hinaufführte.

Während des kurzen, unruhigen Fluges nach Norden in die schneebedeckten Berge des Ulster County döste sie ein und erwachte ruckartig, als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte. Blinzelnd betrachtete sie die graue Winterlandschaft vor dem Fenster und wurde erneut von Bedenken gepackt. Einfach von der Party zu verschwinden und direkt zum Flughafen zu fahren, eine erfolgreiche Karriere, einen miesen Freund und ihr ganzes Hab und Gut hinter sich zu lassen, war vermutlich nicht die beste Idee gewesen, die sie je gehabt hatte. Vielleicht war es ein wenig extrem, vor der Katastrophe in L.A. ausgerechnet in die Kleinstadt zu flüchten, in der ihre verwitwete Mutter lebte.

Trotzdem. Manchmal musste ein Mädchen einfach seinen Instinkten folgen, und letzte Nacht hatte ihr Instinkt sie gedrängt, abzuhauen. Oft schon hatten sich solche impulsiven Entscheidungen im Rückblick als falsch erwiesen; sie hatte sich bereits mehrmals tausend Gedanken über eine Sache gemacht, die sich im Nachhinein als gar nicht so schlimm herausstellte. Dieses Mal jedoch war es anders. Unter dem Schock, der Panik, der Demütigung und der Enttäuschung drängte noch etwas an die Oberfläche – Entschlossenheit.

Sie würde das durchstehen.

Kim straffte die Schultern, ertrug tapfer die arktische Kälte auf dem Weg zum winzigen Flughafengebäude und ging direkt in den Wartebereich. In einem war sie wirklich gut – darin, vollkommen ruhig und gelassen zu erscheinen. So gut sogar, dass sie sich selbst fast glaubte. Niemand, der sie so sah, würde vermuten, dass sie kurz davor war, loszuschreien und nicht mehr aufzuhören.

Der Wartebereich lag in einem zugigen, höhlenartigen Aluminiumgebäude, das zu einem Windkanal wurde, sobald jemand die Tür öffnete. Kim legte ihre juwelenbesetzte Abendtasche auf den Tresen. Sie war ein Weihnachtsgeschenk von Lloyd und mehrere Tausend Dollar wert, aber wenn sie hineinschaute, sah sie nur, wie klein sie war, wie leer. Es befand sich lediglich ihr verbliebener Diamantohrring darin, das Geschenk eines Eishockeyspielers, mit dem sie vor Lloyd ausgegangen war. Es würde ihr nicht fehlen, die Ohrringe nicht mehr zu tragen, denn sie waren sowieso viel zu schwer und unbequem. Außerdem enthielt die Tasche einen Lippenstift und eine Tube Concealer, eine Platinkarte von American Express, ihren Führerschein und ein Bündel Bargeld, das sie am Flughafen über ihre Amex-Karte am Geldautomaten gezogen hatte. Dafür würde vermutlich eine exorbitante Gebühr fällig werden, aber darüber konnte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Es gab größere Schwierigkeiten, die es zu bewältigen galt.

Sie biss die Zähne zusammen, holte ihr Handy heraus und zögerte wie schon zuvor. Das Telefon einzuschalten bedeutete anzuerkennen, was in der vergangenen Nacht vorgefallen war, aber es ausgeschaltet zu lassen würde ihre Probleme auch nicht lösen. Also reckte sie das Kinn und drückte auf die entsprechende Taste. Wie erwartet hatte sie eine ganze Reihe entgangener Anrufe. Sie scrollte die Nummern durch, hörte sich die dazugehörigen Nachrichten auf der Mailbox jedoch nicht an. Sie wusste, das meiste waren irgendwelche Tiraden von Lloyd und seinem Manager, von seinen Coaches, seinen Mannschaftskollegen und seinen Eltern. Guter Gott, der Mann war dreißig Jahre alt und ging nicht mal zur Toilette, ohne sich vorher mit seiner Mom und seinem Dad zu beraten.

Diese Seite an ihm würde sie definitiv nicht vermissen. Sie würde gar keine Seite von ihm vermissen, nicht einmal sein Geld, seinen Status, sein Aussehen oder seinen Ruf. Nichts davon war ihr Herz wert. Oder ihre Selbstachtung.

Während sie auf den kleinen Bildschirm starrte, kam das Signal für einen niedrigen Akkustand, dann wurde das Display dunkel. Umso besser, schoss es ihr durch den Kopf. Wobei sie diesen einen Anruf wirklich dringend tätigen musste.

Sie schaute sich nach einem öffentlichen Telefon um. Das einzige, das sie sah, stand ungefähr fünfzig Meter entfernt draußen auf der gefrorenen Tundra, die den Parkplatz darstellte. Bitte nicht, dachte sie und ging zum Tresen. „Entschuldigen Sie“, sprach sie das Mädchen, das dahinter saß, an. „Gibt es hier drinnen ein Münztelefon? Der Akku meines Handys ist leer.“

„Ortsgespräch?“

„Ja.“

Die junge Frau musterte ihr Outfit und zeigte auf einen Apparat an der Wand, um den lauter Post-it-Zettel klebten. „Bedienen Sie sich.“

Kim betrachtete ihren Finger, der die Ziffern eintippte, als gehöre er einer Fremden. Zu ihrem Entsetzen zitterte sie unkontrolliert und schaffte es kaum, die richtigen Tasten zu treffen. Nach ein paar Fehlversuchen hatte sie endlich die Nummer eingegeben.

„Fairfield House.“

Kurzfristig verwirrt runzelte sie die Stirn. „Mom?“

„Kimberly“, flötete ihre Mutter. „Guten Morgen, meine Liebe. Wie geht es dir?“

Glaub mir, das willst du nicht wissen.

„Du bist früh auf den Beinen“, fuhr ihre Mutter fort.

„Ich bin nicht da“, sagte Kim. „Ich meine, ich bin nicht in L.A. Ich bin mit dem Nachtflug hergekommen.“

„Du bist in New York?“

„Ich bin am County-Flughafen, Mom.“

Es folgte ein leichtes Zögern, eine von Zweifeln durchsetzte Pause. „Mein Gott, ich hatte ja keine Ahnung, dass du vorhattest, herzukommen.“

„Kannst du mich abholen?“ Zu ihrem Entsetzen spürte Kim, dass ihre Kehle eng wurde und ihre Augen brannten. Das liegt an der Müdigkeit, redete sie sich ein. Sie war einfach nur übermüdet, das war alles.

„Ich bin gerade dabei, das Frühstück wegzuräumen.“

Scheiß aufs Frühstück, wollte sie brüllen. „Mom, bitte. Ich bin wirklich sehr müde.“

„Natürlich. Ich bin im Nullkommanichts da.“

Kim fragte sich, wie lange „Nullkommanichts“ war. Ihre Mom sagte ständig so Sachen wie „im Nullkommanichts“. Das hatte ihren Dad immer in den Wahnsinn getrieben. Er fand es stillos, wenn jemand sich zu umgangssprachlich ausdrückte.

„Warte, kannst du mir einen Mantel und irgendwelche Schneestiefel mitbringen?“ Zu spät. Ihre Mutter hatte bereits aufgelegt. Sie fragte sich, was ihr Vater von ihrem momentanen Aufzug gehalten hätte. Nein, sie fragte sich nicht, sie wusste es. Das eng anliegende Kleid hätte im besten Fall skeptische Blicke geerntet, aber vermutlich eher offenes Missfallen, seine übliche Einstellung.

Ich wünschte, wir hätten die Zeit gehabt, einander zu vergeben, Dad, dachte sie.

Sie riss sich von den Gedanken an ihn los und ermahnte sich, dass dies in ihrem augenblicklichen Zustand nicht das richtige Thema war. Eines Tages würde sie daran arbeiten, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, aber nicht an diesem Morgen. Jetzt musste sie all ihre Kraft aufbringen, um sich in diesem Warteraum nicht in ein mit Pailletten besetztes Eis am Stiel zu verwandeln. Sie ging zur einzigen Bank, setzte sich und nickte immer wieder weg wie ein Saufbruder nach einer Zechtour.

Nach einer Weile riss sie sich zusammen und schaute auf die Uhr an der Wand. Ihre Mutter bräuchte vermutlich noch zehn Minuten, bis sie käme. Weitere zehn Minuten. Wie viel konnte in zehn Minuten passieren? So lange dauerte es ungefähr, um einen Blumenstrauß zu verschicken oder eine E-Mail zu schreiben.

Oder mit seinem Freund Schluss zu machen. Oder einen Job zu kündigen. Diese zehn Minuten, dachte Kim, diese zehn Minuten sind der Anfang der Ewigkeit.

Dieser Gedanke ließ sie aufrechter sitzen. Gleich jetzt, gleich hier, könnte sie einen neuen Weg im Leben einschlagen. Die Vergangenheit hinter sich lassen und nach vorne gehen. Das taten Menschen doch andauernd, oder? Warum sollte ihr das nicht auch gelingen?

Mom hat in Avalon ebenfalls neu angefangen, erinnerte sie sich. Es war möglich. Nach dem Tod ihres Ehemannes war Penelope Fairfield van Dorn in die Kleinstadt in den Bergen gezogen, um in dem Haus zu leben, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Kim hatte sie nur ein einziges Mal dort besucht, das war im Sommer vor zwei Jahren gewesen. Penelope behauptete, sie träfe sich lieber in New York mit ihr, wo sie zusammen zu Mittag essen und danach durch die Upper East Side schlendern konnten, das Viertel, in dem Kim aufgewachsen war. Penelope war überzeugt, dass ihre Tochter Avalon langweilig und eintönig fand.

Ihre Mutter war auf liebevolle Weise von ihrer Arbeit eingeschüchtert, von ihren Freunden, ihrem Lebensstil. Vor ein paar Wochen, zu Weihnachten, hatten sie sich mit Lloyds Familie in Palm Springs getroffen. Penelope hatte Lloyd von der ersten Sekunde an ins Herz geschlossen und umgekehrt. So war es ihr zumindest vorgekommen, doch nach dem vergangenen Abend fragte sie sich, inwieweit sie Lloyd Johnson überhaupt kannte. Sie wusste nur, dass sie ihn nicht wiedersehen wollte. Nie mehr.

Außer ihr saß niemand im Warteraum. Das Mädchen vom Tresen und ein paar Arbeiter standen zusammen, tranken Kaffee und taten so, als würden sie nicht immer wieder verstohlen zu ihr herüberschauen. An einem normalen Arbeitstag würde sie jetzt auch Kaffee trinken und mit den Kollegen klatschen. In ihrer Branche war Tratsch mehr als nur eine Möglichkeit, das Schweigen zu füllen. Manchmal war er der Todfeind, der wie die Beulenpest bekämpft werden musste. Manchmal war er Mittel zum Zweck, um einem Klienten Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie hatte Klatsch und Tratsch als Werkzeug benutzt und fragte sich, was die Leute in ihrer alten Firma in L.A. wohl gerade über sie sagten.

Mitten auf der Party ist sie plötzlich durchgedreht.

Er hatte schon immer eine gemeine Ader.

Wer hätte gedacht, dass sie so viel Kampfgeist hat?

Die Trennung war so öffentlich …

Ihre Kollegen hatten keine Ahnung, wie es danach weiterging, denn Lloyd folgte ihr zum Parkplatz des Hotels.

Kim hielt es nicht mehr auf der Bank. Sie stand auf und schlenderte unruhig auf und ab. Inzwischen waren ihre Zehen taub, sodass ihre Schuhe sie kaum noch störten. Sie suchte den Waschraum auf und nahm die Brille ab. Als Bewohnerin von Südkalifornien ging sie nie ohne Sonnenbrille aus dem Haus, doch dies war das erste Mal, dass sie sie benutzte, um sich dahinter zu verstecken.

Sie holte den Concealer aus der Tasche und richtete ihr Make-up. Es war ein teures Produkt, das von Profistylisten verwendet wurde, um selbst die schlimmsten Makel zu überdecken. Irgendwie war es die logische Fortführung dessen, worin sie in ihrem Job so gut war. Kimberly van Dorn, die Meisterin der Vertuschung, allerdings meistens im Interesse ihrer Kunden, nicht in ihrem eigenen.

Erleichtert, dass sie immer noch ganz gut aussah, kehrte sie in den Warteraum zurück und stellte sich ans Fenster, um ihre Mutter per Gedankenkraft schneller herzubefördern. Gleichzeitig machte sie sich Sorgen um die Straßenverhältnisse. Die Winter in Upstate New York waren nichts für Leute mit schwachen Nerven. Kombis und Kleinwagen krochen und rutschten in stetem Strom über die Straßen. Sie wusste nicht, was für ein Auto ihre Mutter fuhr. Einen rücksichtsvollen kleinen Hybrid? Einen glänzenden New Beetle?

Darüber nachzudenken war eine gute Ablenkung.

Einen sicherheitsbewussten Volvo? Einen ökonomischen Chevrolet oder einen praktischen Importwagen? Vielleicht den Cadillac, der sich wie ein blank polierter Käfer näherte. Kim hatte keine Ahnung. Es war erschreckend, wie wenig sie über das aktuelle Leben ihrer Mutter wusste.

Nach dem Tod ihres Mannes hatte Penelope eine radikale Veränderung durchgemacht. Zu Anfang war sie wegen des Verlusts und der Einsamkeit am Boden zerstört gewesen. Die körperlichen Anzeichen ihrer Trauer hatten sich tief in ihre Gesichtszüge gegraben und die feinen Fältchen zu Falten des Schmerzes und der Sorge vertieft.

Doch das alte Sprichwort von der Zeit, die alle Wunden heilt, hatte sich auch hier bewahrheitet. Im Laufe der Wochen und Monate erholte sich ihre Mutter Stück für Stück. Sie vermisste ihren Ehemann immer noch, aber sie konnte wieder lächeln und ihre natürliche Ausgelassenheit brach sich langsam Bahn, was man ihrer Stimme und ihrem Verhalten anmerkte. Wie geht so etwas? fragte sich Kim. Wie kam man über einen solchen Verlust hinweg? Wie verabschiedete man sich von jemandem, den man mehr als dreißig Jahre geliebt hatte?

Sie wollte das wirklich gerne wissen, denn ihr gelang das nicht sonderlich gut, und dabei waren Lloyd und sie gerade mal vierundzwanzig Monate zusammen gewesen.

Als ein gelb-weißer PT Cruiser von der Straße abbog und auf den Parkplatz fuhr, wo er gefährlich nah am Kantstein stehen blieb, beugte sie sich näher an die eiskalte Fensterscheibe. Noch bevor sie das Gesicht des Fahrers erkennen konnte, wusste sie, dass ihr Warten ein Ende hatte.

An der Seitentür des Wagens klebte ein Magnetschild, auf dem stand: „Fairfield Home – Ihr Zuhause in der Fremde“.

Kim hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Im Moment war sie zu müde, um mehr zu tun, als nach draußen zu eilen und sich von den Armen ihrer Mutter umfangen zu lassen. Splitt und Eiskristalle fanden den Weg in ihre Peep Toes. Sie zuckte zusammen und stieß einen kleinen Schluchzer aus. Die Realität dessen, was vergangene Nacht geschehen war, erwischte sie mit voller Wucht und ließ sie beinahe in die Knie gehen.

„Süße, was ist los?“ Ihre Mutter hielt sie von sich und musterte sie.

Kimberly war kurz davor, auf dem verkrusteten, salzgestreuten Gehweg vor dem Terminal zusammenzubrechen, doch sobald sie in das sanfte, gütige Gesicht ihrer ahnungslosen Mutter schaute, traf sie eine Entscheidung. Nicht jetzt.

„Es war eine lange Nacht, mehr nicht. Es tut mir leid, dass ich nicht vorher angerufen habe“, sagte sie. „Ich wusste nicht … die Reise war nicht geplant.“

„Nun, dann ist es einfach eine fabelhafte Überraschung.“

Ihre Mutter wirkte entschlossen, fröhlich zu klingen, doch in ihrem Blick lag Sorge.

„Und sieh dich nur an, in deinem Abendkleid. Du wirst dir noch den Tod holen. Wo ist dein Gepäck? Hat die Fluggesellschaft deinen Koffer verloren?“

„Lass uns nach Hause fahren, Mom.“ Die Müdigkeit überfiel Kim mit der Wucht einer Riesenwelle, der sie nichts entgegenzusetzen hatte. „Es ist eiskalt hier draußen.“

„Du hast ja recht.“

Penelope ging um das Auto herum zur Fahrerseite. Kim setzte sich auf den Beifahrersitz, der Saum ihres Kleides hing im dreckigen Schneematsch. Sie zerrte ihn hinter sich ins Wageninnere und zog die Tür zu.

Die Reifen drehten durch, als sie losfuhren. Kim erinnerte sich, dass ihre Mutter nicht die beste Autofahrerin der Welt war. Als ihr Vater noch lebte, hatten sie in der Stadt gewohnt, und Penelope war kaum gefahren, schon gar nicht im Schnee. Jetzt war sie hier hoch in die Berge gezogen und lernte, ihr Leben ohne ihren Ehemann zu meistern, und das erforderte es, bei jedem Wetter mit dem Auto unterwegs zu sein. Wie gut sie sich diesen veränderten Bedingungen angepasst hatte, war der Beweis dafür, dass ihre Mutter eine ungeahnte Stärke besaß, von der Kim keine Ahnung gehabt hatte. Penelope beugte sich konzentriert über das Lenkrad und steuerte den Wagen vom Parkplatz. Sie fuhren in nordwestlicher Richtung in die Wildnis der Catskills, wo die Fahrbahn sich zu einem zweispurigen, salzgestreuten Weg verengte.

„Ich habe mich von Lloyd getrennt“, sagte Kim mit ruhiger, ausdrucksloser Stimme. „Ich habe meinen Job gekündigt. Ich bin … achte auf die Straße, Mom.“ Ihnen kam ein Sattelschlepper entgegen, der beinahe die gesamte Breite der beiden Fahrspuren einnahm.

„Ja, natürlich.“

Sie lenkte den Wagen nach rechts. Der Lastwagen spritzte Schneematsch auf die Scheibe, aber Penelope stellte ungerührt die Scheibenwischer an.

„Du hast Lloyd verlassen? Liebes, das verstehe ich nicht. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr Probleme habt.“

Als sie eingestiegen war und sich angeschnallt hatte, war Kim aufgegangen, dass die Geschichte zu lang und kompliziert und sie zu müde und zu verwirrt war, um alles zu erklären, daher hielt sie sich jetzt an die Kurzversion.

„Wir hatten gestern auf einer Party einen Riesenstreit“, sagte sie. „Doppeltes Pech – er hat mich sowohl verlassen als auch gefeuert. Ich bin … es wurde irgendwie laut und hässlich, also bin ich einfach so, wie ich war, zum Flughafen gefahren – mit nichts als meinem Abendkleid und dieser kleinen Handtasche.“ Sie berührte ihre Sonnenbrille, beschloss aber, sie aufzubehalten.

„Das ist ein schönes Täschchen“, sagte ihre Mutter nach einem Seitenblick.

Kim schoss das Bild von dem Mann mit dem Wolfspelz an der Kapuze durch den Kopf, wie er ihr die Tasche reichte. Woher hatte er gewusst, dass es ein Stück von Judith Leiber war? War er schwul? So wie er sie angemacht hatte eher nicht. „Lloyd hat sie mir zu Weihnachten geschenkt.“

„Ich wette, du könntest sie bei eBay verkaufen.“ Ihre Mutter stellte die Heizung im Wagen höher.

Kim genoss den heißen Luftstrom, der aus dem Gebläse kam. „Wie auch immer, es tut mir leid, dass ich nicht vorher angerufen habe. Ich habe nicht wirklich klar gedacht.“

„Und jetzt? Bedauerst du es?“, wollte ihre Mutter sanft wissen.

„Nein. Zumindest noch nicht.“ Sie holte tief Luft. „Tja, hier bin ich also.“

„Für immer?“

„Für den Moment.“ Kim begriff, dass sie unter Schock stand. Sie hatte ein Trauma erlitten. Sie war das Opfer eines sehr öffentlichen Angriffs geworden. Nach allem, was sie wusste, wäre es gut möglich, dass ihre Trennung bereits der Hit auf Youtube war.

Menschen erholten sich von Rückschlägen wie diesem. Sie lebte schon lange genug in L.A., um gesehen zu haben, wie Leute sich aus einem Karrieretief wieder hocharbeiteten. So etwas passierte. Man kam darüber hinweg. Und sie würde es auch schaffen. Sie konnte sich nur im Moment nicht vorstellen, wie.

„Mein Weggang aus L.A. ist für immer, Mom“, hörte sie sich sagen und erkannte, dass sie das irgendwo im Himmel über dem Mittleren Westen entschieden hatte. Vielleicht war sie sich dessen nicht wirklich bewusst gewesen, aber jetzt, wo sie es laut aussprach, klang es wie die erste gute Entscheidung seit langer Zeit. „Die Agentur wird mir gleich Montagmorgen kündigen.“

„Unsinn. Du bist die beste PR-Agentin an der Westküste, und ich bin sicher, dass alle in deiner Firma das wissen.“

„Mom. Es geht um Lloyd Johnson von den Lakers. Den größten Klienten, der je durch die Türen der Will-Ketcham-Gruppe gekommen ist. Es ist ihr Geschäft, ihm alles zu geben, was er verlangt. Wenn er will, dass die Wände in den Büros kariert tapeziert werden, ist es am nächsten Tag erledigt. Mich zu feuern ist keine größere Sache, als den Wasserlieferanten zu wechseln.“

„Besteht denn nicht die Möglichkeit, dass sie dich behalten und dafür nicht mehr für Lloyd arbeiten?“

„Niemals. Wenn ihr wichtigster Kunde will, dass ich gehe – und glaub mir, das will er –, bin ich Geschichte. Ich bin eine gute PR-Agentin, aber ich bin nicht unersetzlich. Zumindest nicht in ihren Augen.“ Oder in Lloyds.

„Tja, in dem Fall haben sie selber Schuld. Sie haben sich gerade um eine sehr fähige und talentierte Mitarbeiterin gebracht.“

Kim versuchte ein Lächeln. „Danke, Mom. Ich wünschte, in meinem Leben wären alle so loyal wie du.“

„Was ist mit deinen Sachen?“

„Die sind noch eingelagert, erinnerst du dich? Wir haben kürzlich darüber gesprochen.“ Wenige Tage vor Weihnachten hatte sie ihre Wohnung aufgegeben. „Lloyd und ich haben während der Haussuche im Heritage Arm in Century City gewohnt. Wir hatten vor, zusammenzuziehen. Ich glaubte, alles würde ganz toll werden. Bin ich wirklich so dumm?“

„Nein. Nur tief in deinem Herzen eine echte Romantikerin.“

War sie das? Eine Romantikerin? Kim dachte darüber nach. Sie hatte sich selbst für nüchtern gehalten, und doch steckte in der Behauptung ihrer Mutter ein Fünkchen Wahrheit. Nicht sonderlich weit unter der Fassade verborgen schlug ein Herz, das an so dumme Dinge glaubte wie sich zu verlieben und diesen Zustand für immer beizubehalten, seinem besten Freund und Geliebten die tiefsten Seelengeheimnisse anzuvertrauen. Eine Zukunft auf Vertrauen aufzubauen, anstatt Versprechen und Garantien einzufordern.

So viel zu ihrem romantischen Herzen.

„Mom, mit Sportlern bin ich so was von durch.“

„Süße, du wirst mit Sportlern niemals durch sein. Sie sind deine Leidenschaft.“

„Ha“, sagte Kimberly. „Sie sind nicht alle gleich. Es ist so lange her, dass ich einen Klienten hatte, der kein komplettes Arsch… äh, kein Idiot war.“

„Du darfst ruhig Arschloch sagen, Süße.“

Zum ersten Mal seit dem Debakel in der vergangenen Nacht spürte Kim, dass sich ein echtes Lächeln in ihr regte. „Mom.“

„Manche Dinge kann man einfach nicht höflich ausdrücken.“

Kim betrachtete ihre Fingernägel mit der French Manicure. „Als ich anfing, habe ich es geliebt. Ich arbeitete mit Jungs, die mich brauchten. In letzter Zeit erfinde ich nur noch Lügen und versuche, das Fehlverhalten meiner Klienten irgendwie zu vertuschen. Ich habe angefangen, meine Arbeit zu hassen. Es ist mir gelungen, die Presse und die Fans davon zu überzeugen, dass gute sportliche Leistungen der Freifahrtschein für schlechtes Benehmen sind. Das war nicht mein Ziel, und ich bin es wirklich leid.“

„Oh, das ist sehr unglücklich.“

„Was soll das heißen?“

Ihre Mutter antwortete nicht, sondern bog in die Straße ein, in der sie wohnte. King Street war ein breiter, prächtiger Boulevard, auf dessen Mittelstreifen große Ahorn- und Walnussbäume wuchsen. Die über hundert Jahre alten Herrenhäuser waren von Eisenbahnbaronen, Bankern und Schiffsmagnaten einer vergangenen Ära erbaut worden. Jedes Haus ein Meisterstück des Goldenen Zeitalters, eine Hommage an die damalige Pracht, umgeben von schmiedeeisernen Umzäunungen oder hohen Mauern. Etliche gehörten heutzutage Leuten, die besessen davon waren, sie zu erhalten, einige waren inzwischen baufällig und wieder andere – wie Fairfield House – befanden sich seit Generationen im Besitz derselben Familie.

Penelope lenkte den Wagen die lange, von Zäunen begrenzte Fahrspur hinunter und bog dann in ihre Auffahrt ein, wobei das Heck ein wenig ausbrach.

Kim betrachtete das Haus, eines der größten und bekanntesten historischen Gebäude der Stadt, und riss den Mund auf. „Mom?“

„Ich habe ein paar Veränderungen vorgenommen“, sagte ihre Mutter.

„Das sehe ich.“ Das war nicht mehr das imposante Bauwerk am Ende der Straße, an das sie sich aus ihrer Kindheit erinnerte.

„Ist es nicht wundervoll, Liebes? Wir sind rechtzeitig vor dem Winter mit dem Anstrich fertig geworden. Ich wollte dir Bilder schicken, bin aber noch nicht ganz dahintergekommen, wie man sie per E-Mail versendet. Wie findest du es?“

Es gab keine Worte dafür. Das eigentliche Gebäude hatte sich nicht verändert. Das weitläufige Grundstück, das im Moment unter einer rekordverdächtig hohen Schneedecke begraben lag, war auch nicht merklich umgestaltet, abgesehen davon, dass einige der größeren Büsche in Form geschnitten worden waren.

Die Fassade des Hauses war jedoch eine ganz andere Geschichte. Das Fairfield House, an das Kim sich erinnerte, das Heim, in dem ihre Großeltern gelebt hatten, war in zurückhaltendem Weiß mit schlichten schwarzen Akzenten gestrichen gewesen. Jetzt erstrahlte es in allen Farbschattierungen, die nirgendwo in der Natur zu finden waren. Farben, die überhaupt nirgendwo vorkamen, außer vielleicht in Barbies Traumhaus.

Kim blinzelte, doch das Bild wollte nicht verschwinden. Sie konnte den Blick nicht von der grellen Fassade lösen. Mit seiner Rotunde, den Türmchen und Giebeln sah es aus wie eine Hochzeitstorte. Das Kutscherhäuschen und der Gartenpavillon strahlten in Lavendel und Fuchsia und hoben sich krass vom weißen Schnee ab.

Vielleicht war es nur die Grundierung. Die hatten manchmal seltsame Farben, oder? „Tut mir leid, Mom, hast du gesagt, ihr seid mit dem Anstrich fertig geworden?“

„Ja, endlich. Die Hornets haben den ganzen Sommer gebraucht.“

Ihre Mutter stellte den Wagen auf der überdachten Einfahrt neben dem Seiteneingang ab. Die korallenroten Zierleisten waren mit limonengelben Akzenten versehen, und das gewölbte Dach des Carports strahlte in Himmelblau.

„Die Hornets haben das Haus gestrichen“, wiederholte Kim.

„Ja, genau. Die Spieler sind immer auf der Suche nach Arbeit. Und sie haben es großartig gemacht, findest du nicht?“

Die Hornets waren Avalons Baseballteam, ein professioneller Club, der in der Can-Am-Liga spielte. Als sie vor Jahren hier ankamen, waren sie mit offenen Armen empfangen worden, verwandelten sie doch den schläfrigen Ort am See in eine echte Baseballstadt. Die Mannschaft hatte nur ein geringes Budget und war auf örtliche Unterstützung angewiesen. Deshalb boten die Familien neben moralischem Beistand auch immer wieder kleine Jobs, Zimmer und Mahlzeiten an.

„Mom, gibt es nicht irgendeine Nachbarschaftsvereinbarung, die den Einsatz von grellen Farben verbietet?“

„Ganz sicher nicht“, erwiderte Penelope. „Und wenn doch, hat es mir keiner gesagt.“

Kim betrat das Haus. Das schwindelig machende Farbkaleidoskop beschränkte sich nicht nur auf das Äußere. Die Wände in der Eingangshalle und die geschwungene Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte, waren genauso bunt.

Ihre Mutter hängte ihren Mantel in den Garderobenschrank. „Die Farbtöne sind ein wenig übertrieben, findest du nicht?“

„Ja, ein wenig.“

„Ich dachte nur, wenn ich schon mit Farbe arbeite, dann auch richtig.“

Kim brachte ein Lächeln zustande. „Das ist ein schönes Lebensmotto.“

„Um ehrlich zu sein, es war eine rein finanzielle Entscheidung“, sagte ihre Mutter. „Das sind alles Nuancen, die aus dem Programm gestrichen worden sind, deshalb haben sie mich kaum etwas gekostet. Ich habe einfach ein wenig hiervon genommen und ein wenig davon … und ich habe die Maler ermuntert, kreativ zu sein.“

Es gab vermutlich Schlimmeres als von Baseballspielern zusammengestellte Farben, aber im Moment wollte Kim nichts einfallen.

„Wo wir gerade von Fehlern sprechen, bist du sicher, dass das mit Lloyd endgültig ist?“, fragte ihre Mutter.

Das war ihre Hauptaufgabe gewesen – Lloyd und ihre anderen Kunden als nette Menschen darzustellen, als sympathisch und ihrer exorbitanten Gagen wert. Manchmal war sie in ihrem Job so gut, dass es unmöglich war, die öffentliche Person vom Privatmenschen zu trennen. Vielleicht hatte sie deshalb die Sache mit Lloyd nicht kommen sehen. Sie fing an, den Hype zu glauben, den sie selbst verursacht hatte.

„Kimberly?“

Die Stimme ihrer Mutter ließ sie aus ihren Gedanken hochschrecken. „Absolut“, sagte sie. „Es ist ein für alle Mal vorbei.“ In diesem Moment traf sie der Schock wie ein Schlag in den Magen, und sie fing an zu zittern.

„Du bist ja weiß wie ein Gespenst.“ Ihre Mutter nahm sie am Arm und sorgte dafür, dass sie sich auf die Bank in der Eingangshalle setzte. „Kann ich dir etwas bringen?“

Die Worte klangen, als kämen sie durch ein langes Rohr. Kim rief sich in Erinnerung, dass der demütigende, schreckliche, verwirrende Vorfall hinter ihr lag. Klienten, die unter Schmerzen litten, empfahl sie oft, darüber hinauszuwachsen, sich auf die Heilung zu konzentrieren. Es war an der Zeit, ihren eigenen Ratschlag zu beherzigen.

„Ist schon gut“, sagte sie mit leiser, fester Stimme, setzte langsam die Sonnenbrille ab, legte sie beiseite und wischte sich mit der Ecke ihrer Stola vorsichtig das Make-up ab.

Ihre Mutter starrte sie fassungslos an, und sofort verwandelte sich ihr Entsetzen in pure Wut. Penelope van Dorn war niemand, der leicht wütend wurde, aber wenn, dann flammte der Zorn so schnell auf wie ein Buschfeuer.

„Guter Gott. Wie lange geht das schon so?“

Kim ließ den Kopf hängen. „Mom. Ich bin zwar eine dumme Kuh, doch so dumm nun auch wieder nicht. Ich hatte keine Ahnung, dass er fähig ist, jemanden zu schlagen. Dann hatten wir gestern Abend diesen grässlichen Streit über irgendetwas Unwichtiges, der eskaliert ist.“ Sie schluckte die Übelkeit hinunter und erinnerte sich an die wachsende Menge an der Rezeption und daran, wie sie das Hotel verlassen hatte und Lloyd ihr zum Parkplatz gefolgt war. Seine Faust war ihr überhaupt nicht wie ein Teil seines Körpers erschienen, sondern wie eine Waffe zur Ausübung stumpfer Gewalt. Der Schlag war aus dem Nichts gekommen, angestachelt von Wut.

Eins musste man ihr lassen. Sie lernte schnell. Sie war fort, bevor er noch seine Krawatte hatte richten können.

Die Augen ihrer Mutter füllten sich mit Tränen. „Kimberly, das tut mir so leid.“

„Ich weiß, Mom. Mach dir keine Gedanken. Er ist Geschichte“, sagte sie entschlossen.

„Du musst ihn anzeigen.“

„Daran habe ich auch schon gedacht, aber ich werde es nicht tun. Wenn man bedenkt, wer er ist, habe ich kaum eine Chance. Ich würde das alles nur noch mal durchleben müssen und wofür? Man wird ihn nie verurteilen.“

„Aber …“

„Bitte, Mom, tu mir einen Gefallen und bemitleide mich nicht und schalte nicht die Polizei ein. Ich will so tun, als hätte es Lloyd Johnson nie gegeben. So ist es am besten. Deshalb bin ich hier – um neu anzufangen.“

Mit einem Mal fand sie sich in der Umarmung ihrer Mutter wieder, die sich gleichzeitig weich und fest anfühlte, und Kim spürte, wie sehr sie ihn vermisst hatte, Penelopes tröstlichen Duft. Als sie die Augen schloss und tief einatmete, erwachte ein altes, längst vergessenes Gefühl der Sicherheit in ihr. Doch so süß diese Empfindung auch war, sie stieß direkt durch den Panzer aus Schmerz und Schock. Heftige Schluchzer bahnten sich ihren Weg nach oben und brachen an der vertrauten Schulter aus ihr heraus. Sie saßen zusammen, ihre Mutter streichelte ihr Haar und gab beruhigende Laute von sich, bis Kim sich völlig leer, aber innerlich gereinigt fühlte.

Penelope gab ihr ein Taschentuch, damit sie sich das Gesicht abwischen konnte. Kim tupfte sich die Tränen aus den Augen. „Das heilt wieder. Ich habe beim Sport schon schlimmere Blessuren erlitten.“

„Von jemandem verletzt zu werden, den man liebt und dem man vertraut, trifft einen tiefer als die Verletzung selbst.“ Ihre Mutter sprach mit leiser und doch so überzeugender Stimme, dass Kim sich Sorgen machte.

„Mom?“

„Komm, ich bringe dich erst mal nach oben.“

Kim folgte ihr durch den vorderen Salon – Apfelgrün – in den Hauptflur – Kürbisorange.

„Du bekommst dasselbe Zimmer, in dem du immer geschlafen hast, wenn du bei deinen Großeltern zu Besuch warst. Ist das nicht schön? Ich habe es im Großen und Ganzen so gelassen. Im Schrank hängen sogar noch ein paar Sachen, sodass du es dir erst einmal gemütlich machen kannst. Du siehst nicht so aus, als hättest du seit der Highschool auch nur ein Gramm zugenommen.“

Seitdem sie in L.A. wohnte, hatte Kim es nicht gewagt zuzunehmen. Und trotzdem war sie sich mit Kleidergröße 34 neben den meisten anderen Frauen wie ein Footballspieler vorgekommen. Es gefiel ihr, wie wohl sich ihre Mutter in ihrer Haut zu fühlen schien.

In diesem riesigen, stillen Haus, das so viele Kindheitserinnerungen barg, betrat Kim ihre eigene Vergangenheit. Der Flur im ersten Stock bildete ein T am Ende. Nach rechts ging es in ihr Reich. Als einziges Enkelkind hatte sie immer den ganzen Flügel für sich allein gehabt.

„Was machst du für ein Gesicht?“, fragte ihre Mom.

„Ich mache kein Gesicht.“

„Machst du wohl. Du siehst aus, als hättest du aufgegeben.“

„Schau mich doch an. Ich habe angeblich dieses fabelhafte Leben, und nun ziehe ich wieder bei meiner Mutter ein.“ Sie zögerte. „Vorausgesetzt, du bist damit einverstanden.“

„Einverstanden? Es ist exakt das, was wir beide im Moment brauchen. Da bin ich mir sicher. Hier schließt sich der Kreis. Alles wird ganz wunderbar, du wirst sehen.“

Kim hätte gerne gewusst, was fabelhaft werden würde, aber sie fragte nicht nach.

„Ich lasse dir Badewasser ein. Das ist jetzt genau das Richtige.“ Ihre Mutter eilte ins Badezimmer und werkelte geschäftig herum.

„Oh ja, ein heißes Bad wäre himmlisch.“ Kim seufzte.

Als sie das Stöhnen der rostigen alten Leitungen hörte, stellte sie ihre Abendtasche ab, ließ den Seidenschal auf das Bett fallen und zog endlich – bei Gott endlich – ihre Schuhe aus. Dann schlenderte sie durchs Zimmer und machte sich erneut mit den Dingen vertraut, die sie längst vergessen hatte – die Andenkensammlung vom Camp Kioga, einem rustikalen Sommercamp am nördlichen Ende des Willow Lake. Als Kind war sie oft dort gewesen und hatte zu ihrer Teenagerzeit dort als Betreuerin gearbeitet. Sie hatte keine großartige Bindung an diese kleine Stadt, doch ihre Besuche hier waren ihr lebhaft in Erinnerung geblieben. Jeder Sommer, den sie im Camp Kioga verbrachte, war eine magische Kette von endlos aufeinanderfolgenden Sonnentagen am Willow Lake, eine Welt entfernt von Upper Manhattan, wo sie ansonsten lebte. Diese zehn Sommerwochen Jahr für Jahr hatten sie genauso geprägt wie die teuren Privatschulen in New York. Das bemalte Ruder, auf dem alle Freundinnen aus ihrer Hütte unterschrieben hatten, brachte eine Flut von Erinnerungen an Gespenstergeschichten und nächtliches Gekicher zurück. Die auf dem Regal aufgereihten Pokale gehörten einem Mädchen, das in allen Sportarten gut war.

Sie nahm ein graues Kapuzensweatshirt mit dem Camp-Logo aus dem Schrank, das sie bekommen hatte, als sie siebzehn war, und zog es über. Es war immer noch viel zu groß und reichte ihr bis zur Mitte der Oberschenkel. Der weiche Stoff wärmte sie und weckte Erinnerungen an diese weit zurückliegende Zeit. Sie hatte es damals nicht gewusst, aber das war der Sommer gewesen, der die Richtung ihres Lebens bestimmen sollte. Sie schloss die Augen und vergegenwärtigte sich, wie intensiv ihr alles vorgekommen war. Wie bedeutsam. Von Idealismus erfüllt hatte sie sich eine fabelhafte Zukunft für sich ausgemalt. Ein Leben, von dem sie dachte, es inzwischen zu führen – bis gestern.

Aus dem Giebelfenster konnte man die Berge sehen. Als kleines Mädchen hatte sie sich bei ihren Besuchen hier immer auf die breite Fensterbank gekuschelt, nach draußen geschaut und davon geträumt, dass ihre Bestimmung irgendwo hinter dem Horizont läge. Und das hatte sie ja auch für eine Zeit. Jetzt schloss sich der Kreis, wie ihre Mutter es genannt hatte.

Ihr Abendkleid glitt zu Boden – ein schimmernder Haufen Pailletten und Seide. Der trägerlose BH war nicht nach Gesichtspunkten der Bequemlichkeit entwickelt worden, und ihn abzunehmen entlockte Kim einen Seufzer der Erleichterung. Mehr hatte sie unter dem Kleid nicht an – bei einem Stoff, durch den sich alles so sehr abzeichnete, musste man Kompromisse eingehen.

„Sind die Handtücher im Wäscheschrank?“, rief sie Penelope zu.

„Ja, genau, Liebes.“

Ihre Mutter sagte noch etwas, aber das rauschende Wasser übertönte sie. Kim ging den Flur hinunter zum Schrank.

Dort stand ein fremder Mann in einem Trenchcoat und schaute sie an. Er war älter, hatte silbergraues Haar und die Ausstrahlung eines harten Kerls. Und er hatte absolut nichts in diesem Haus zu suchen.

Panik erfasste sie und löste sich in einem Schrei. Im gleichen Augenblick zog sie das Sweatshirt enger um sich und zerrte am Saum, um ihm Länge zu geben.

„Oh, Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte der Mann.

Kim versuchte, nicht zu hyperventilieren. „Bleiben Sie, wo Sie sind“, sagte sie mit leiser und, wie sie hoffte, ruhiger Stimme. Mom, dachte sie. Sie musste ihn von ihrer Mutter fernhalten. Normalerweise hatte sie immer Pfefferspray bei sich, doch natürlich war die Dose vergangene Nacht von den Mitarbeitern der Flughafensicherung konfisziert worden. „Die Wertsachen befinden sich alle unten. Nehmen Sie sich einfach, was Sie wollen. Aber bitte … gehen Sie.“ Sie zeigte auf die Treppe und war sich nur zu bewusst, dass sie dem Mann mit jeder Geste eine kleine Peepshow lieferte.

Der Eindringling hob abwehrend die Hände. „Sie müssen Kimberly sein. Penny spricht sehr oft von Ihnen.“

Penny? Der Einbrecher hatte einen Spitznamen für ihre Mutter?

Ihr Herz zog sich zusammen, als Penelope mit erwartungsvollem Blick auf den Flur hinaustrat.

„Ich dachte, ich hätte Stimmen gehört … oh.“

„Sollten Sie einer von uns auch nur ein Haar krümmen“, warnte Kim den Mann, „tue ich Ihnen weh, das schwöre ich.“ Sie kannte sich etwas mit Selbstverteidigung aus, obwohl sie wenig Lust hatte, ihr Wissen im halb nackten Zustand anzuwenden.

Ihre Mutter lachte. „Liebes, das ist Mr Carminucci.“

„Dino“, sagte er. „Nennen Sie mich Dino.“

Er lächelte und sah auf einmal aus wie dieser italienische Schlagersänger. Tony irgendwas. Bennett. Tony Bennett. Kim war so verwirrt, dass ihr die Worte fehlten. Gefangen in diesem surrealen Augenblick, schenkte sie dem Mann ein halbherziges Lächeln, während sie versuchte, sich irgendeinen sinnvollen Grund zu überlegen, was er im ersten Stock dieses Hauses zu suchen hatte. Er sah tatsächlich aus wie Tony Bennett, vor allem seine warmen braunen Augen und die silbergrauen, leicht welligen Haare. Er schaute Penelope an, als würde er jeden Moment anfangen, ein Lied zu schmettern. Penny. Niemand nannte ihre Mutter Penny.

„Dino ist einer unserer Gäste“, sagte die leichthin. „Die anderen wirst du heute beim Abendessen kennenlernen.“

Gäste? Die anderen? Kim versuchte gar nicht erst, ihre Verwirrung zu verbergen. „Äh, es war nett, Sie kennengelernt zu haben, aber …“ Sie ließ ihre Stimme verebben und zeigte vage in Richtung ihres Zimmers. Das Schild am Auto fiel ihr ein, und bei ihr regte sich ein Verdacht.

„Kimberly ist gerade angekommen und wird eine Zeit hierbleiben“, erklärte ihre Mutter dem Fremden. „Sie hat den Nachtflug aus L.A. genommen.“

„Dann sehnen Sie sich bestimmt danach, sich ein wenig auszuruhen, Kimberly. Wir sehen uns später, Ladies.“ Pfeifend ging er Richtung Treppe.

Kim packte ihre Mutter und zog sie mit sich ins Schlafzimmer. „Wir müssen uns unterhalten.“

Penelopes Lächeln zeigte einen Hauch von Ironie. „Meine Rede seit über fünfzehn Jahren.“

Autsch. Nun ja, vielleicht bot sich ihnen hier die Chance, alles zu klären.

„Ich habe dir ein schön heißes Schaumbad eingelassen“, fuhr Penelope fort. „Wir können uns unterhalten, während du in der Wanne liegst.“

Kim war zu müde, um Gegenwehr zu leisten. Innerhalb weniger Minuten lag sie in der tiefen, auf Klauenfüßen stehenden Badewanne im Bad, das an ihr Zimmer angrenzte, und steckte bis zum Kinn in nach Lavendel duftendem Badeschaum. Es war so gemütlich, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie blinzelte sie schnell weg.

Ihre Mutter saß auf dem Stuhl, der zur Frisierkommode gehörte, und musterte sie liebevoll. „Es ist schön, dich hier zu haben, Kimberly.“

„Wenn du das so empfindest, wieso hast du mich dann seit Grandmas Beerdigung nicht mehr zu dir eingeladen?“ Das war vor zwei Jahren im Sommer gewesen, wie sie im Kopf überschlug. Der Tod ihrer Mutter, der so kurz nach dem Verlust ihres Ehemannes gekommen war, hatte Penelope schwer getroffen.

„Ich dachte immer, dir wäre es lieber, dass wir uns in der Stadt treffen oder wenn ich zu dir nach Los Angeles komme. Ich habe mir vorgestellt, dass du Avalon im Vergleich mit deinem Leben in der Großstadt fürchterlich langweilig findest.“

„Mom.“

„Und ja, okay, ich glaubte, du würdest mein Unternehmen hier nicht gutheißen.“

„Dein Unternehmen. Die Gäste, meinst du wohl?“

„Ja.“

„Von wie vielen Leuten reden wir?“

„Im Moment sind es drei. Dino gehört die Pizzeria in der Stadt, und er ist gerade dabei, sein Haus zu renovieren, deshalb wohnt er vorübergehend hier. Mr Bagwell verbringt die Winter normalerweise im Süden, aber dieses Jahr bleibt er in Avalon und brauchte eine Unterkunft. Und dann natürlich Daphne McDaniel – oh, sie ist einfach entzückend. Ich kann es kaum erwarten, dass du sie kennenlernst. Es wäre Platz für noch jemanden. Ich bin gerade damit fertig geworden, die Suite im zweiten Stock zu renovieren, und hoffe, auch dafür bald einen Mieter zu finden.“

„Mom, was soll das?

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