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Nur noch diese eine Nacht …

1. KAPITEL

„Ach du meine Güte ist das dort drüben nicht dein Mann?“

Das eindringliche Flüstern ihrer Freundin ließ Claire Brady zusammenzucken. Eben noch hatte sie sich stolz in dem Gefühl gesonnt, einen tollen Vertrag unter Dach und Fach gebracht zu haben und den Rest der Woche ruhig angehen lassen zu können. Die Galerie gehörte so untrennbar zu ihrem Leben, dass sie sie nie ganz aus ihren Gedanken verbannen konnte, nicht einmal für einen Tag.

Doch gerade schwieg das Handy, sie hatte entspannt die sanfte Brise auf der belebten Piazza Navona genossen, während der attraktive junge Römer neben ihr mit sanft kreisenden Bewegungen ihre Handfläche streichelte.

Es fühlte sich gut an. Sie fühlte sich gut. Gerade hatte sie sich gefragt, ob sie nicht doch einmal …

Aber so viel dazu.

Claire warf Paulo, dem attraktiven Typen, um den gerade ihre Gedanken gekreist hatten, einen entschuldigenden Blick zu und antwortete Sally, ihrer besten Freundin und Assistentin, mit einem entschiedenen Nein.

Als sie ihrer Freundin das Geheimnis um ihren Ex anvertraute, war Claire bewusst gewesen, dass sie das irgendwann einholen würde. Doch Claire hatte es sattgehabt, alles für sich zu behalten – jahrelang hatte sie sich deshalb isoliert gefühlt. Das war zum Glück vorbei. Dass Sally nun gelegentlich falschen Alarm schlug, nahm sie gern in Kauf dafür. Allerdings war das bereits das dritte Mal diesen Monat, dass Sally angeblich Ryan sichtete.

„Der Mann lebt in Kalifornien. In den Vereinigten Staaten. Außerdem wüssten wir es, wenn er irgendwo im Ausland unterwegs wäre.“ Mit einer Kopfbewegung deutete sie zu einem Zeitungskiosk in einer Ecke der Piazza.

Wenn schon auf sonst nichts, auf eins hatte Claire sich in den vergangenen Jahren in ihrer Ehe mit Ryan Brady unweigerlich verlassen können. Die Medien berichteten stets genüsslich und bis ins Kleinste über Ryans erotische Eroberungen, seine finanziellen Abenteuer und Firmenerwerbungen. Sie hatte ihren Gatten nie mit einem Begrüßungscocktail an der Tür empfangen müssen, um zu hören, wie sein Tag gewesen war. Dank der Nachrichten war sie stets bestens auf dem Laufenden, was er geschäftlich machte und mit wem er die Nacht verbracht hatte.

Und heute wusste sie aus zuverlässiger Quelle, dass Ryan sich vor fünfzehn Stunden im Zentrum von Los Angeles mit seinem Anwalt getroffen hatte.

Zweifelnd verzog Sally den Mund und blickte bedeutsam vom Zeitungsstand zum berühmtesten Brunnen Roms auf der anderen Seite der Piazza. „Hm. Aber der Typ dort drüben sieht wirklich wie Ryan aus.“

„Wie der Obdachlose am Bahnhof diesem Schauspieler ähnelte, diesem Gerard Bu…“

„He, er hätte ja verkleidet sein können.“

„Und sich Essensreste aus dem Abfalleimer fischen?“ Claire gab sich Mühe, nicht allzu laut loszuprusten, aber dann lachte sie doch schallend.

Ihre Freundin reagierte mit einer versteinerten Miene. Beschwichtigend legte Claire den Arm um Sally, die sich mit einem Knuff revanchierte.

„Au!“

„He, vielleicht ist der Kerl dort ein Double oder so was.“

Claire hatte sich von ihrem Lachanfall erholt und räumte heiter ein: „Tja, vielleicht.“ Genüsslich nippte sie an ihrem Espresso und stellte dann die winzige Tasse auf die weiße Papiertischdecke zurück.

Ihre Reise nach Rom hätte sich nicht besser entwickeln können. Einmal aus allem herauszukommen, tat ihnen beiden gut – ihr selbst, weil sie endlich einmal etwas anderes sah, als das ganze Jahr über nur die Galerie, und für Sally war der Zeitpunkt der Reise genau richtig gewesen, weil sie dringend Urlaub brauchte.

Unauffällig blickte Claire über die Schulter zur Fontana dei Quattro Fiumi hinüber, wo der ägyptische Obelisk sich in den verwaschenen blauen Himmel aufreckte – nicht, weil sie hoffte, zwischen den Touristenscharen Ryan zu entdecken –, sie wollte einfach nur einen Blick auf den Fremden werfen, der ihm angeblich so ähnlich sah. Doch dann verwarf sie diesen Gedanken gleich wieder.

Hier im Schatten der Kirche Sant’Agnese in Agone, inmitten der prächtigsten römischen Bauwerke und Skulpturen, war es wirklich das Letzte, nach einem Mann Ausschau zu halten, der wie ihr von ihr getrennt lebender Ehemann aussah. Idiotischer könnte sie ihre freie Zeit kaum vergeuden. Das wäre ja fast noch dümmer und selbstzerstörerischer, als Männer mit Babys auf dem Arm zu mustern, die Ryan ähnelten.

Sie hatte sich ein eigenes Leben aufgebaut. Schon vor Langem. Wirklich.

Dennoch konnte Claire sich nicht verkneifen, doch einen letzten Blick über die Piazza zu riskieren. Verrückt. Hirnverbrannt. Aber sie konnte nicht anders.

Schnell überflog sie einen uninteressanten Typen nach dem anderen – kein Einziger zeigte auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit Ryan.

Gut.

Sally lehnte sich entspannt zurück und schmiegte sich in den ausgestreckten Arm ihres Begleiters Massimo. „Na gut, vielleicht habe ich mich geirrt. Jetzt sehe ich ihn auch nicht mehr. Entschuldige, Claire.“

„Kein Problem“, winkte diese gleichmütig ab.

Aber es gab sehr wohl ein Problem. Der Schaden war angerichtet. Die heiter-gelöste Stimmung, die Claire noch vor wenigen Augenblicken erfüllt hatte, war verflogen. Sie war an das Leben erinnert worden, das sie hinter sich gelassen hatte.

Und als ob es noch einer Veranschaulichung bedurft hätte, spürte sie absolut nichts, als Paulo die Finger verführerisch von ihrer Handfläche zu der besonders empfindlichen Stelle am Handgelenk gleiten ließ. Sie war auch vorher von dem dunkelhaarigen Römer nicht gerade hingerissen gewesen, doch sie hatte eine gewisse Hoffnung verspürt, dass er etwas in ihr entfachen könne, das zu lange erloschen gewesen war.

Aber jetzt erschien Claire die Situation schrecklich fad und durchschaubar. Sie saßen unter freiem Himmel in einem kleinen Straßencafé auf der touristenbevölkerten Piazza Navona, Paulo flirtete auf Teufel komm raus mit ihr, während sein Freund sich ebenso hingebungsvoll Sally widmete.

Es war allerdings nicht zu übersehen, dass ihre Freundin das Werben des Italieners genoss. Lachend beugte sie sich zu Claire und flüsterte ihr ins Ohr: „Da wir nun offiziell vom geschäftlichen zum vergnüglichen Teil übergegangen sind, macht es dir doch hoffentlich nichts aus, wenn ich mit Massimo losziehe?“

Überrascht lehnte Claire sich zurück, um Sally anschauen zu können. Hatte ihre Freundin Feuer gefangen? Da es ganz so aussah, nickte Claire zustimmend.

Prompt stand Massimo auf, zog sich das Jackett zurecht und besprach sich kurz mit Paulo. Dann nahm er Sally bei der Hand, um mit ihr aufzubrechen.

Lachend drehte Sally sich noch einmal zu Claire um. „Du kommst doch zurecht?“

Claire lächelte ihr aufmunternd zu. „Na klar. Viel Spaß.“

Nachdem Sally mit Massimo verschwunden war, bemerkte Paulo zufrieden: „Ora bella, avete solo.“

Jede normale Frau hätte seine Freude, sie für sich allein zu haben, als Einladung zum Sündigen aufgenommen – als eine Versuchung, zu verlockend, um ihr zu widerstehen.

Aber Claire entsprach nun mal nicht der Norm. Nicht mehr.

Seufzend registrierte sie Paulos schmachtenden Blick und rang sich ein Lächeln ab, wie sie es für solche Situationen auf Lager hatte: kühl und höflich abweisend, ohne beleidigend zu werden.

Diese Abfuhrtaktik hatte sich unzählige Male bewährt, doch bei Paulo schien sie nicht zu wirken.

Immerhin hatte sie ihn jetzt gewarnt. Auf die Dauer würde es ihr schon schwerfallen, sein Streicheln zu ignorieren. Doch irgendwann würde der gute Paulo hoffentlich merken, dass seine Liebesmüh vergeblich war …

Bis es so weit war, konnte sie sich in Gedanken mit dem Coup beschäftigen, den sie heute für ihre Galerie gelandet hatte. Bei Faye Lansing hatte sie einen fantastischen Riecher gehabt – ein bisschen Instinkt und viel Glück waren im Spiel gewesen. Ausgerechnet an der Wand der Gästetoilette eines Kunden in Connecticut hatte Claire das sensationelle Gemälde entdeckt, das sie schließlich hier nach Rom zu einer bisher unbekannten Malerin geführt hatte. Doch das Bild, das sie schon kannte, war gar nichts, verglichen mit dem, was sie heute Morgen in Faye Lansings Atelier gesehen hatte. Claire hatte die in Rom lebende Malerin gleich für die erste Ausstellung in den Vereinigten Staaten unter Vertrag genommen und sie obendrein überredet, beim Förderprogramm für junge Künstler mitzuarbeiten. Die jungen Leute würden die Künstlerin lieben, die so leidenschaftlich über Kunst sprechen konnte …

Im Geist plante Claire bereits eine weitere Ausstellung in der West Hall. Die dortigen Räumlichkeiten würden das Spiel von Licht und Farbe der Arbeiten erst richtig zur Geltung kommen lassen …

Unvermittelt wurde Claire in die Gegenwart zurückgeholt. Zu Paulo. Und einer Berührung, die sie beim besten Willen nicht mehr ignorieren konnte. Inzwischen hatte er sich zu ihrem Ellbogen hinaufgearbeitet, und dabei würde er es vermutlich kaum belassen.

Die unmissverständlichen Annäherungsversuche des attraktiven Römers ließen Claire kalt. Sie wollte seine Gefühle nicht verletzen, aber wenn er auf feine Signale nicht reagierte, musste sie eben deutlicher werden. Resigniert schloss Claire die Augen. Gerade wollte sie Paulo mit einer scharfen Bemerkung in die Schranken verweisen.

In diesem Augenblick geschah jedoch etwas völlig Unerwartetes. Ihre Haut begann wie elektrisiert zu kribbeln. Paulo hielt mitten in der Bewegung inne, und Claire riss die Augen auf, als jemand eine kraftvolle Hand auf ihre Schulter legte und dann auch noch begann, sie besitzergreifend am Hals zu streicheln.

„He, Mäuslein. Erinnerst du dich an mich?“

Das durfte nicht wahr sein! Sally hatte also doch recht gehabt.

Mit einem Aufstöhnen brachte Claire den Namen über die Lippen: „Ryan.“

„Du brauchst nicht gleich vor Freude in die Luft zu springen, sonst werde ich noch ganz verlegen.“

Ryans dunkles selbstbewusstes Lachen ging ihr durch und durch, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, küsste er sie auf die empfindsame Stelle unter dem Ohr.

Claire zuckte zusammen – natürlich nicht weil der Kuss ihre Haut elektrisiert hatte, sondern weil sie so überrascht war. Instinktiv griff sie nach Paulos Hand, als könne er sie schützen.

Wieso tauchte Ryan aus heiterem Himmel hier in Rom auf?

Sie wagte nicht, vom Stuhl aufzustehen, weil ihre Beine sich so schwach anfühlten. Mit bebender Stimme fragte sie: „Was machst du denn hier?“

„Ich will mich nicht mehr so abwimmeln lassen wie in den letzten neun Jahren.“

Verblüfft über Ryans aggressiven Ton, suchte Claire noch nach Worten, als Paulo, der ihren Händedruck offensichtlich als Hilferuf verstanden hatte, aufsprang.

Oje! Auch das noch. Das ist keine gute Idee.

Paulo mochte so groß wie Ryan sein, doch seine Muskeln waren unübersehbar nur im Fitnesscenter antrainiert, während Ryan ein durchtrainierter Sportler war. Steilwandklettern. Rugby. Wasserpolo. Schwimmen, Surfen, Hockey und Reiten. Sie hatte die Hochglanzseiten in dem Männer-Fitnessmagazin gesehen, auf denen über ihn berichtet wurde. Und natürlich hatte sie nicht vergessen, wie fantastisch er sich selbst und alles verteidigen konnte, was er besitzen wollte. Nur dürfte Ryan jetzt nicht hier stehen und Besitzansprüche anmelden – er müsste sich in sicherer Entfernung in Los Angeles aufhalten und mit den Bilanzen seiner Biotechunternehmen beschäftigt sein, die er gerade gekauft hatte.

Die eine Hand ruhte immer noch an Claires Hals, die andere Hand hatte Ryan lässig in der Tasche seiner anthrazitfarbenen Hose. Er wandte sich Paulo zu. „Verschwinde, mein Junge. Ich möchte mit meiner Frau sprechen.“

Claire brachte nur ein Husten hervor. So viel Unverfrorenheit verschlug ihr glatt die Sprache.

Es war Jahre her, dass sie sich das letzte Mal gesehen hatten.

Für wen hielt er sich eigentlich? „Das genügt, Ryan.“

Das fehlte ihr gerade noch, dass bekannt wurde, dass sie mit Ryan verheiratet war. Dann wäre es schlagartig vorbei mit ihrer ruhigen Existenz außerhalb von seinem langen Schatten.

Das musste sie verhindern, gerade jetzt.

Paulo versuchte, Claire an seine Seite zu ziehen, doch da sie spürte, wie angespannt Ryan war, der hinter ihr stand, schüttelte sie schnell den Kopf und drehte sich dann kurz zu Ryan um. „Keine Szene in der Öffentlichkeit, Ryan!“

In stummer Bitte rieb sie Paulos Unterarm, es war eine intime Geste, die den jungen Mann besänftigen und zugleich Ryan über den Stand ihrer Beziehung zu dem jungen Italiener unterrichten sollte.

Siehst du, wie gut es mir geht? Das ist mein italienischer Liebhaber …

Sobald sie Ryan abgeschüttelt hatte, würde sie wohl ihre liebe Not haben, den angeblichen „Liebhaber“ wieder loszuwerden.

Oder vielleicht auch nicht.

Musste sie Paulo denn abwimmeln? Vielleicht sollte sie sich überwinden und sich mit dem jungen Italiener einlassen, die Hürde endlich nehmen und es schaffen, wieder etwas zu empfinden … eine richtige Frau zu sein? Fast hatte sie alles wieder, was sie verloren hatte … An manchen Tagen spürte sie die Wunden gar nicht mehr.

Claire warf Paulo einen kurzen Blick zu. Der junge Römer sah gut aus, eigentlich richtig sexy.

Konnte sie ihn bitten, es schnell zu machen, wie bei einem Pflaster, das heruntermusste? Aber vielleicht wäre es ja gar nicht so unangenehm, wenn sie erst einmal damit angefangen hätten. Es würde ja auch nicht ewig dauern …

Mit einer gereizten Schulterbewegung schüttelte sie Ryans Hand ab und stand auf. So anhimmelnd, wie es ihr möglich war, blickte sie den Italiener an und legte ihm die Hand flach auf die Brust.

„Bitte, Paulo, lass mich zehn Minuten mit ihm reden“, sagte sie leise.

Der schmachtende Ausdruck in seinen Zügen verschwand, seine Miene wurde steinern. „Pietro, Claire“, antwortete er beleidigt. „Il mio nome non è Paulo.“

Obwohl sie entschuldigend lächelte, nahm er kühl ihre Hand von seiner Brust, deutete einen Handkuss an, ehe er ihre Hand fallen ließ, und schlenderte davon.

Ach du liebe Zeit! Der Typ heißt gar nicht Paulo?

Claire stand da und blickte ihrem angeblichen Liebhaber verblüfft nach. Der Schuss war prompt nach hinten losgegangen. Und der Mann, der ihretwegen über den Atlantik gejettet war, dachte leider nicht daran, sich in Luft aufzulösen, um sie mit ihrer Blamage allein zu lassen.

Ganz und gar nicht.

„Alle Achtung, Claire. Das war den weiten Flug über den Atlantik hierher wirklich wert.“

Wut packte sie, sie konnte einfach nicht anders, zumal Ryan sich vor Lachen ausschüttete. Mit geballten Fäusten wirbelte sie herum und ging drohend auf ihn zu. „Ryan! Du mieser …“

Unvermittelt hielt sie inne. Zum ersten Mal hatte sie den Mann wieder richtig vor sich, der ihr einmal alles auf der Welt bedeutet hatte. Groß und breitschultrig stand er da, eine Gestalt wie aus einem Sportmagazin: schmale Hüften, kraftvolle, markante Züge, dichtes dunkles Haar, das sich nicht so richtig bändigen ließ. Die braunen Augen konnten eiskalt blicken, aber auch so warm, dass man sich an geschmolzene Schokolade erinnert fühlte. Gerade lag ein amüsiertes Lächeln auf den sinnlichen Lippen.

Ein toller Mann, wie er da mitten auf der Piazza Navona vor ihr stand! Die Verkörperung von Selbstbewusstsein und jungenhaftem Charme – und von allem, was sie nicht gebrauchen konnte.

Wenn er nach all den Jahren wenigstens nicht mehr so fantastisch aussehen würde!

„Tut mir leid, das mit deinem Freund“, bemerkte er amüsiert und lächelte auf eine Weise, die alles andere als entschuldigend wirkte.

An jedem anderen Tag und bei jedem anderen Mann hätte Claire über ihre Dummheit gelacht, eine Beziehung vorzutäuschen, die nicht existierte. Sie hätte nicht mal sagen können, warum sie das getan hatte. Aber bei Ryan war ihr ganz und gar nicht zum Lachen, sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben und schon gar nicht daran denken, was einmal zwischen ihnen gewesen war.

Sie wollte ihr neues Leben genießen. Deshalb hatte sie endlich die Scheidung eingereicht.

Weil ihr nichts Besseres einfiel, schüttelte Claire den Kopf und wiederholte: „Was willst du hier?“

Ryan wurde ernst und sah sie durchdringend an. „Ist das nicht sonnenklar? Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen.“

Wie vom Donner gerührt, stand Claire da, in ihren himmelblauen Augen erschien ein verwirrter, verletzlicher Ausdruck.

Ich habe sie also tatsächlich überrumpelt, dachte Ryan.

Gut. Aber auch ihr war das gelungen. Schon einmal damit, dass sie die Scheidung ohne ein erklärendes Wort oder die geringste Vorwarnung gefordert hatte. Es war schon verrückt gewesen, den Wisch im Vorzimmer zum eigenen Büro ausgehändigt zu bekommen – während er damit beschäftigt war, nicht nur seinen Laptop zu tragen, sondern auch noch einen Becher heißen Kaffee, drei Zeitungen, ein Handy, zwei Kuriertaschen voller Akten und einen Bagel zwischen die Zähne geklemmt hatte. Ja, Claire, vielen Dank für die gelungene Überraschung.

Und dann die völlig unmöglichen Forderungen. Typisch Claire – ohne die klitzekleinste Zugeständnisbereitschaft. Obwohl er großzügig angeboten hatte, sich mit Claire zu treffen, um die Angelegenheit persönlich zu besprechen, hatte sie es natürlich lieber ihrem Schwachkopf von Anwalt überlassen, ihn abzukanzeln. Um das Maß vollzumachen, hatte Claire sich dann auch noch schnell über den Atlantik abgesetzt, sodass sie nicht einmal mehr erreichbar gewesen war.

Und als ob das alles noch nicht genug wäre, hatte ihn der erste Blick auf Claire quer über den Platz fast umgeworfen. Mit ihrer atemberaubenden Figur saß sie da an einem Tisch in der Sonne, die Beine elegant übereinandergeschlagen, und plauderte mit diesem Kerl, gestikulierte dabei weltgewandt und lächelte. Lächelte! Diese neue Claire sprühte förmlich vor Leben und erinnerte in nichts an das zerbrechliche Wesen, das er beim letzten Mal erlebt hatte. Das hätte er niemals erwartet! Was war aus der jungen Frau geworden, die er vor fast neun Jahren in der Notaufnahme in Boston verloren zu haben geglaubt hatte? Jetzt saß sie hier und lächelte diesen Typen an, der sie offensichtlich beharrlich zu umgarnen versuchte.

Mit einer temperamentvollen Bewegung, die er so an ihr gemocht hatte, warf sie das Haar zurück, sodass die lange schwarze Mähne ihr wie schimmernde Seide über den Rücken floss. Ihre helle Haut sah frisch aus und war zart gerötet. Wieder lachte sie übermütig, und er fühlte sich, als könnte er nach einem langen Tauchgang endlich wieder Luft holen.

Unwillkürlich durchlebte Ryan wieder die Augenblicke, als er Claire zum ersten Mal gesehen hatte …

Sein Herz raste, er konnte nicht anders, verließ einfach die Laufspur, um dem Mädchen nachzujagen, das so umwerfend gelächelt hatte, als er an den Tribünen vorbeikam. Ihr Anblick machte ihn atemloser als der Zehnkilometerlauf, den er hinter sich hatte. Von da an hatte Claire ihn ständig auf Trab gehalten, unermüdlich war er ihr nachgejagt … er musste sie haben, und wenn es ihn das Leben kostete.

Die süße, sanfte, sexy Claire.

Sie war alles, was er sich erträumt hatte, und für eine Weile war sie sein Mädchen gewesen. So verrückt war er noch nach keiner Frau gewesen. Wirklich noch nie. Und auch seitdem nicht mehr. Aber das Glück hatte nicht lange gedauert. Ihre Beziehung war zerbrochen, eine Versöhnung unmöglich gewesen. Claire hatte ihn verlassen. Ihre Wege hatten sich getrennt, andere Dinge waren ihm wichtig geworden. Und irgendwann hatte er sich daran gewöhnt, ohne Claire zu leben.

Seitdem hatte er gewaltig Karriere gemacht, war ganz nach oben aufgestiegen …

Doch Claire jetzt wiederzusehen …

Sie war so wunderschön. Und dieses Lächeln …

Anfangs hatte er sie nur gebannt aus der Ferne beobachtet.

Aber dann hatte dieser Casanova es zu weit getrieben, sich bei ihr ins Zeug gelegt, bis er sich von Claire ein kaltes Lächeln einhandelte.

Das regte Ryan auf. Er war wütend auf den Kerl und Claire. Und auf sich selbst, weil ihn das gewaltig störte. Das wollte er nicht mehr zulassen.

Claire schien sich von ihrer Verblüffung erholt zu haben, sie sah ihn jetzt entschlossen an, wirkte kein bisschen verletzlich.

„Du willst mich nach Hause holen?“, fragte sie herausfordernd.

Er wollte ihr erklären, was er vorhatte, und musste lächeln, weil sie einfach weitersprach, ohne seine Antwort abzuwarten.

„Bist du verrückt geworden? Stehst du unter Drogen? Ich gehe nicht mal bis zur nächsten Ecke mit dir, geschweige denn …“

„Bleib auf dem Teppich, Claire. Ich möchte mit dir über deine Scheidungsforderungen reden. Ich möchte eine Einigung erzielen. Eine annehmbare Einigung, denn ich denke nicht daran, dir das so durchgehen zu lassen.“

Ryan hatte genug von ihren Weigerungen, mal einen anderen Standpunkt zu betrachten als ihren eigenen. Das hatte schon genug Zeit gekostet … seine und die seiner Anwälte. Und er war es leid, tatenlos dazusitzen, wenn Claire ihn einfach aus allen Überlegungen ausschloss. Er wollte endlich eine vernünftige finanzielle Regelung, bei der er ein gutes Gewissen haben konnte. Da Claire ihr seelisches Gleichgewicht inzwischen eindeutig wiedergefunden zu haben schien, würde er die Samthandschuhe ausziehen und endlich Nägel mit Köpfen machen.

Selbstbewusst verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah ihn fest an. „Mir das durchgehen zu lassen?“

Na gut, das mochte nicht ganz die richtige Wortwahl sein, aber genau genommen … Ryan straffte sich und setzte eine unbewegte Miene auf. „Ja, dir das durchgehen zu lassen.“

Claire schaute ihn erstaunt an, kniff dann die Augen zusammen und musterte ihn abschätzend.

Ohne ihn aus den Augen zu lassen, trat sie einen Schritt vor. „Du musst mir nichts durchgehen lassen, Ryan. Das habe ich schon seit Jahren nicht mehr nötig. Und falls es noch nicht zu dir durchgedrungen ist, ich habe mich selbstständig gemacht und mir erfolgreich eine Karriere aufgebaut. Weil ich weiß, was ich will und was ich brauche. Und was ich nicht will.“

Bewusst beließ sie es bei der Anspielung, sie war sich sicher, dass Ryan sie auch so verstanden hatte.

„Na gut, Claire, Hut ab vor deinem Unabhängigkeitsdrang. Mit der Galerie in New York hast du einen Knaller gelandet. Aber es ist mir egal, was du denkst oder willst oder nicht willst …“

„Was stört dich denn daran, dass ich nichts will?“

Mann, jetzt ging sie zum Angriff über, und das fuchste ihn mindestens so wie ihre hirnrissige Weigerung, ihren Teil des Geldes zu nehmen.

„Du meinst die Hälfte von unserem Geld, die dir zusteht? Natürlich nimmst du es an!“ Ryan fuhr sich mit der Hand durchs Haar und atmete scharf durch.

Wie schaffte sie es nur, dass er innerhalb von Minuten die Beherrschung verlor? Wegen ihrer Unvernunft hatte er schon genug Zeit damit vergeudet, über den Atlantik zu jetten. Noch mehr Zeit wollte er nicht verlieren.

„Hör mal, Claire, ich weiß, du hast das gemeinsame Konto nicht angetastet, seit du mit dem Studium fertig bist, und was du mit der Galerie aufgebaut hast, ist allein dein Werk. Du hast viel Fachwissen und Geschäftssinn. Aber was das Geld betrifft, kann ich dir nur dringend raten, vernünftig zu sein.“

Der kämpferische Ausdruck in Claires Augen verschwand, sie war jetzt hellwach.

„Im Moment schreibst du schwarze Zahlen und machst gute Gewinne, aber bedenke, dass die Wirtschaftslage schnell kippen kann. Überleg dir, wie du leben willst, wenn ein unvorhergesehenes Ereignis alles ändern könnte. Du hast doch selbst erlebt, wie schnell so was gehen kann, Claire.“

„Irgendwie würde ich schon über die Runden kommen und mich wieder aufrappeln. Oder neu anfangen. Und selbst, wenn ich es nicht könnte, ist das nicht dein Problem.“

Genau da irrte Claire sich gewaltig, fand Ryan. Er mochte nicht der Ehemann sein, den sie sich gewünscht hatte, aber was Verantwortung und Verpflichtung bedeutete, wusste er nur zu gut. Deshalb würde er in dieser Sache nicht nachgeben. „Und was ist, wenn es gar nicht ums Geschäftliche geht? Wenn du wieder heiratest und Kinder hast? Oder einen Hund? Wenn jemand, der dir nahesteht, mehr braucht, als du ihm als Selbstständige geben kannst? Hier geht es nicht nur um dich und mich. Denke bitte pragmatisch und versuch, vernünftig zu handeln.“

Sie war zusammengefahren, als er auf ihr gemeinsames Leben zu sprechen kam, hatte jedoch mit keiner Wimper gezuckt, als er auf die Möglichkeit anspielte, sie könnte irgendwann eine Familie haben. Das hatte sie geflissentlich überhört.

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