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Nur nicht aus Liebe weinen

1. KAPITEL

Die Aufzugtüren schlossen sich. Endlich konnte Laine Sinclair ihre sperrige Reisetasche abstellen, um ihre verkrampften Finger zu entspannen. Müde lehnte sie sich gegen die Metallwand des Lifts.

Wut und Enttäuschung hatten sie bis jetzt angetrieben. Doch so kurz vor dem herbeigesehnten Ziel verließen sie langsam ihre Kräfte, und der Jetlag machte sich bemerkbar. Offensichtlich hatte sich ihr Körper noch nicht an die neue Zeitzone gewöhnt. Zu allem Überfluss wurde nun auch noch das Pochen in ihrem verstauchten Knöchel immer stärker.

Nur noch ein paar Meter, dann bin ich endlich zu Hause, dachte Laine sehnsüchtig, als sie sich die sonnengebleichten Haare aus dem Gesicht strich. Und dann ein entspannendes Bad. Vielleicht noch einen wärmenden Tee oder eine Tasse Kakao. Oder lieber gleich ab ins Bett.

Zum Glück würde sie die Wohnung für sich allein haben. Jamie war bei der Arbeit, und die Putzfrau kam an einem anderen Tag. Also brauchte Laine niemanden zu befürchten, der sie bemuttern würde. Obwohl ihr ein bisschen Fürsorge besonders jetzt sehr gutgetan hätte.

Endlich konnte sie ein wenig zur Ruhe kommen, um sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen, bevor das große Verhör begann. Eigentlich standen die unvermeidlichen Fragen schon fest: Du hier? Was ist denn aus deiner Bootcharter-Firma geworden? Und wo ist eigentlich Andy?

Irgendwann würde sie auf diese und alle weiteren Fragen antworten müssen. Aber darüber konnte sie sich Gedanken machen, wenn es so weit war.

Wenigstens von Jamie hatte sie keine Vorhaltungen und kein Das hab ich dir ja gleich gesagt! zu befürchten. Denn sein Leben war nicht weniger chaotisch als ihres.

Endlich hielt der Aufzug, und Laine schulterte ihre Reisetasche. Doch mit dem ersten Schritt in den Flur machte sich ihr Knöchel mit einem stechenden Schmerz bemerkbar.

Eilig kramte sie ihren Schlüssel hervor. Eigentlich hatte sie ihn gar nicht mitnehmen, sondern ebenso wie ihr damaliges Leben einfach zurücklassen wollen. Auf ihrem Weg in einen neuen Lebensabschnitt hatte sie ihn schließlich nicht mehr gebraucht.

Doch es war alles anders gekommen, als sie es sich erhofft hatte.

In der Wohnung angekommen, stellte sie ihre Tasche ab und sah sich prüfend im großen Wohnzimmer um. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befand sich die Kochnische, und an den Seiten lagen zwei Schlafzimmer, jeweils mit eigenem Bad. Hier hatte jeder von ihnen sein eigenes Reich, und beide respektierten die Privatsphäre des jeweils anderen.

Während Laine sich umsah, stellte sie erstaunt fest, wie ungewöhnlich aufgeräumt die Wohnung war. Sonst markierten meist leere Weinflaschen, zerknitterte Zeitungen und leere Pizzakartons den Lebensraum ihres Bruders.

Vielleicht hatte sich ihre anhaltende Kritik nun endlich ausgezahlt. Immerhin konnte sie so problemlos zu ihrem Zimmer gelangen, ohne sich erst mühsam einen Weg bahnen zu müssen.

Aber warum stand eigentlich die Tür zu ihrem Zimmer offen, und wer war darin? Vielleicht ihre Putzfrau Mrs. Archer, die neuerdings an einem anderen Tag kam? Das würde immerhin den tadellosen Zustand der Wohnung erklären.

Gerade als Laine sich bemerkbar machen wollte, wurde ihre Zimmertür noch weiter geöffnet, und ein splitternackter Mann spazierte ins Wohnzimmer.

Voller Panik kniff sie die Augen zu und trat etwas zu hastig den Rückzug an. Dabei stieß sie ausgerechnet mit ihrem angeknacksten Knöchel gegen ihre Reisetasche. Der stechende Schmerz durchfuhr sie wie ein Blitz.

Auch dem Eindringling war der Schock deutlich anzumerken. Denn seine Begrüßung fiel alles andere als freundlich aus. Laut fluchend verschwand er gleich wieder in das Zimmer, aus dem er gekommen war.

Wie versteinert stand Laine da. Zunächst war es nur ein leises Flüstern, doch dann wurde das Flehen in ihrem Innern immer lauter: Nein – nicht er

Die forsche Stimme des Eindringlings kannte sie nur zu gut. Allerdings hätte sie nie gedacht, sie jemals wieder zu hören. Schon gar nicht hier.

Der kurze Blick auf seinen Körper machte alles noch viel schlimmer, denn sie hatte ihn noch nie so sparsam bekleidet gesehen.

Jedoch bestand überhaupt kein Zweifel daran, wen sie vor sich hatte. Diese Gewissheit machte ihr Angst, und sie verspürte den Drang, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Sie war mit ihrer Tasche schon auf halbem Weg zur Tür, als seine Stimme sie erstarren ließ.

„Elaine.“ Wie sie es hasste, wenn man sie bei ihrem vollen Namen nannte. „Was zum Teufel machst ausgerechnet du hier?“ Die tiefe Verachtung in seinen Worten war kaum zu überhören.

„Daniel … Flynn?“

Als sie sich ganz langsam umdrehte, lehnte er mit der Schulter lässig im Türrahmen. Zum Glück hatte er sich inzwischen ein Handtuch um die Hüften geschlungen.

In den letzten zwei Jahren hat er sich kaum verändert, dachte sie benommen, jedenfalls nicht äußerlich. Sein nicht zu bändigendes dunkles Haar war immer noch ein wenig zu lang und glänzte nun, weil es noch feucht war. Wahrscheinlich hatte er kurz zuvor geduscht. Der Anblick seines schmalen Gesichts mit den markanten Wangenknochen und dem sinnlichen Mund fesselten sie, ebenso wie sein scharfsinniger Blick. Sein stattlicher gebräunter Körper mit den athletischen Beinen und diesem dunklen Flaum, der von seiner Brust eine schmale Linie bis hin zu seinem flachen Bauch zeichnete, erschien ihr muskulöser als in ihrer Erinnerung.

Aber so angenehm sein Anblick auch sein mochte, so sehr beunruhigte sie seine Gegenwart. All die schmerzlichen Gefühle stürmten mit einer solchen Wucht wieder auf sie ein, dass sie erschauerte.

„Oh mein Gott! Ich fasse es nicht, ausgerechnet dich hier zu sehen. Ich hatte so sehr gehofft, dich in diesem Leben nicht wieder treffen zu müssen“, sagte sie zynisch.

„Und jetzt musstest du auch noch viel mehr von mir sehen, als man einem Menschen zumuten kann. Wie entsetzlich.“ Sein Blick wanderte von ihren haselnussbraunen Augen mit den langen Wimpern zu ihrem zerknitterten dunkelblauen Top und schließlich zu ihrer schmutzigen weißen Jeans.

„Was um alles in der Welt tust du hier?“, fragte Laine missbilligend und versuchte dabei, nicht zu erröten. „Ich habe geduscht, wie du unschwer erkennen kannst.“ Ungläubig schüttelte er den Kopf.

„Als ob du nicht genau wüsstest, wovon ich rede! Ich möchte wissen, was du in dieser Wohnung zu suchen hast.“ Sie bemühte sich, bestimmt zu klingen und die Kontrolle über diese unangenehme Situation zurückzugewinnen.

„Ich habe zuerst gefragt“, beharrte er. „Ich dachte eigentlich, du hättest in den Florida Keys eine neue berufliche Richtung eingeschlagen. Hauptaufgabenbereich: hübsch lächeln und gut aussehen.“

„Ja, ich war dort im Bootsverleih tätig“ erwiderte sie barsch.

„Ich meine ja nur, dass ich überrascht bin, dich hier zu sehen, wenn du doch eigentlich gerade Cocktails auf dem Deck irgendeiner Yacht im Golf von Mexiko servieren solltest.“

„Ausgerechnet vor dir brauche ich mich nicht zu rechtfertigen“, entgegnete sie ihm kühl. „Nur zu deiner Information: Ich bin zurückgekommen und werde bleiben. Du solltest dich schleunigst anziehen und von hier verschwinden. Sonst rufe ich die Polizei.“

Er sah sie missbilligend an. „Erwartest du jetzt etwa, dass ich vor Angst zittere und widerstandslos gehorche? Da hast du dich aber getäuscht, Darling. Denn soweit ich weiß, gehört diese Wohnung auch zur Hälfte deinem Bruder. Und genau diese Hälfte bewohne ich momentan.“

„Bewohnst du mit welchem Recht?“, fragte sie zögerlich.

„Ich habe die Wohnung für drei Monate gemietet. Falls du den Vertrag sehen willst – gern.“

Für einen Augenblick schien ihr Herz stillzustehen. „Dazu hätte ich meine Zustimmung geben müssen.“

„Du warst nicht hier“, erinnerte er sie. „Und Jamie hat mir versprochen, dieser erfreuliche Zustand würde sich nicht so schnell ändern. Er hat wohl für deinen Geschäftspartner und dich schon die Hochzeitsglocken läuten hören.“ Daniel verzog seinen Mund. Dann fiel ihm jedoch auf, dass sie gar keinen Ehering trug. „Oder hat er da womöglich etwas missverstanden?“

Ja, hat er, dachte sie, und zwar gründlich. Aber damals war es ihr einfach sinnvoller erschienen, die Sache auf sich beruhen zu lassen …

„Es gab eben eine leichte Planänderung.“ Mehr brauchte Daniel nicht zu wissen.

„Sieh an. Du hast also dem Nächsten den Laufpass gegeben? Ich hoffe nur, das wird nicht zur Gewohnheit bei dir.“ Bevor sie zu einer Antwort ansetzen konnte, fuhr er fort: „Wie dem auch sei: Die einzige Bedingung war, dass ich die Wohnung für mich allein habe, solange dein Bruder in New York ist.“

„Er ist in New York? Seit wann?“ Sie war wie betäubt.

„Vor drei Wochen ist er vorübergehend dorthin versetzt worden.“

„Aber warum weiß ich davon denn gar nichts?“

„Es ging alles ziemlich schnell“, erklärte Daniel mit seinem deutlich gedehnten Akzent. „Er hat versucht, dich zu erreichen, aber du warst scheinbar unauffindbar. All seine Anrufe und Nachrichten blieben unbeantwortet.“ Daniels lässiges Achselzucken lenkte ihre Aufmerksamkeit auf seine muskulösen Schultern. Sie konnte dem Anblick kaum widerstehen. Zwangsläufig wanderte ihr Blick noch ein wenig tiefer und blieb an dem wirklich sehr knappen Handtuch hängen. Es drohte jeden Augenblick von seinen Hüften zu gleiten. Allein der Gedanke daran raubte ihr fast den Atem.

Nur mit Mühe gelang es Laine, sich wieder auf das eigentliche Problem zu konzentrieren. Ärgerlich über sich selbst, biss sie die Zähne zusammen. „Wenn du Jamies Hälfte der Wohnung gemietet hast, fällt mein Zimmer aber nicht in deinen Herrschaftsbereich.“

„Das ist doch Unsinn. Ich habe die komplette Wohnung gemietet. Also ist es mein Zimmer, solange ich hier wohne.“ Er grinste siegessicher. „Und so, meine Liebe, bin ich letztendlich doch noch in deinem Bett gelandet. Na, wenn das kein schöner Gedanke ist.“

„Nicht für mich.“

„Vor zwei Jahren hättest du das mit mehr Begeisterung aufgenommen.“

„Da war dir aber auch noch nicht aufgefallen, was für eine Betrügerin, Lügnerin und vor allem was für ein Miststück ich bin.“

Er hob erstaunt die Augenbrauen. „Erstaunlich, wie genau du dich noch an meine Worte erinnerst. Aber ich muss dich enttäuschen, mein Einzug hat rein gar nichts mit dir zu tun. Glaub ja nicht, dass ich noch den alten Zeiten nachtrauere. Auch wenn du mir sicher reine Boshaftigkeit unterstellst, ich wohne hier nur, weil es praktisch ist.“

„Ganz gleich, aus welchen Gründen. Wir zwei unter einem Dach, das funktioniert heute ebenso wenig wie vor zwei Jahren.“

„Ja, das könnte problematisch werden“, stimmte er zu.

„Wie schön, dass wir uns wenigstens in diesem Punkt einig sind. Dann dürfte es ja nicht schwer sein, das Problem gleich aus der Welt zu schaffen.“ Sein Beipflichten überraschte sie sehr, aber gleichzeitig besänftigte es sie auch ein wenig. „Ich nehme an, du möchtest dir schnellstmöglich eine angemessenere Bleibe suchen?“

„Und was genau schwebt dir da vor, das Reich der Finsternis? Anscheinend hast du mich missverstanden, meine Liebe. Wenn du ein Problem mit der Wohnsituation hast, ist das deine Sache. Ich werde ganz sicher nicht das Feld räumen. Dir steht es natürlich frei, zu tun und zu lassen, was du möchtest.“

Fassungslos starrte Laine ihn an. „Das ist nicht dein Ernst.“

Er zuckte wieder die Schultern und knotete nebenbei das verrutschte Handtuch ein wenig fester um die Hüften „Lass es doch darauf ankommen.“

„Aber du willst doch nicht wirklich hier wohnen?“, fragte sie zögerlich.

„Wie kommst du darauf? Abgesehen von den letzten fünf Minuten habe ich mich hier bislang eigentlich sehr wohlgefühlt.“

„So eine einfache Wohnung liegt doch weit unter deinem Niveau.“ Sie versuchte übertrieben erstaunt zu klingen. „Normalerweise bevorzugen millionenschwere Verleger doch glamouröse Penthäuser, die mit goldenen Wasserhähnen und unzähligen hübschen Frauen ausgestattet sind.“ Sie hielt kurz inne. „Es sei denn, Wordwide International ist in Konkurs gegangen, seitdem du den Verlag leitest. Und du musst jetzt den Gürtel enger schnallen.“

Aus seinem Gesicht schien plötzlich jegliche Emotion verbannt. „Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber dem Verlag geht es prächtig. Ich wohne hier wirklich nur aus praktischen Gründen.“

Daniel verschränkte die Arme vor der Brust, blieb aber völlig ruhig. „Mal ehrlich, Laine, du tauchst wie aus dem Nichts hier auf, ohne vorher jemandem Bescheid zu sagen. Nicht einmal Jamie wusste, dass du kommst. Er hat anscheinend gedacht, du bleibst bis ans Ende deiner Tage in Florida. Stell dir vor, es dreht sich nicht alles um dich. Auf jeden Fall betrifft die Abmachung nur Jamie und mich. Was du mit deiner Hälfte der Wohnung anstellst, ist mir ziemlich gleichgültig. Oder hoffst du etwa immer noch, ich könnte an dir interessiert sein? Falls das der Fall sein sollte, haben wir wirklich ein Problem!“

Grimmig hielt er inne und beobachtete, wie sich Laines Wangen röteten. „Aber eines sollte dir klar sein: Ich lasse mich nicht von dir vergraulen. Deine Beschimpfungen kannst du dir also sparen, Laine. Und versuche gar nicht erst an meine menschliche Seite zu appellieren.“

Sie holte tief Luft. „Bislang ist mir noch nicht aufgefallen, dass du überhaupt eine menschliche Seite hast.“

„Nun ja, sie wird eben momentan auf eine harte Probe gestellt. Es ist eigentlich ganz einfach: Entweder du findest dich damit ab, dass wir uns die Wohnung teilen, oder du lässt es bleiben. Von mir aus kannst du gern Jamies Zimmer nehmen.“

„Aber diese Wohnung ist mein Zuhause. Ich habe sonst nichts.“

„Gibt es denn niemanden, den du um einen Gefallen bitten könntest?“ Erneut bekam seine Stimme diesen grimmigen Ton. „Obwohl, wenn ich darüber nachdenke, könnte das sicher etwas schwierig werden. Dein Bruder und du schuldet bereits so vielen Leuten einen Gefallen, dass es fast unmöglich ist, das je wiedergutzumachen.“

Laine holte tief Luft. „Deine Überheblichkeit ist unerträglich.“

„Aber es ist doch die Wahrheit!“ Er sah sie mit festem Blick an. „Dir bleibt wohl kaum eine andere Wahl, als dich mit der Wohnsituation hier irgendwie zu arrangieren. Es sei denn, du bevorzugst tatsächlich ein lauschiges Plätzchen unter irgendeiner Brücke. Hör lieber auf, endlose Diskussionen zu führen, und fang an, dein neues Reich zu erkunden. Denn das nimmt sicher ein wenig Zeit in Anspruch. Und falls du Hunger hast, solltest du einkaufen gehen. Ich bin schließlich nicht die Heilsarmee. Welche Kosten wir uns teilen können, besprechen wir später.“ Er wendete sich von ihr ab, um zu gehen, drehte sich aber noch einmal zu ihr um. „Im Übrigen brauchst du gar nicht erst auf die Idee zu kommen, dein Zimmer zurückzuverlangen. Du weißt ja, wie schmerzhaft eine Zurückweisung sein kann.“

„Daran würde ich nicht einmal im Traum denken“, konterte sie durch zusammengebissene Zähne. „Glücklicherweise sind es ja nur ein paar Wochen, und so lange werde ich es mir in Jamies Zimmer gemütlich machen.“

Bei dieser Vorstellung konnte er sich ein süffisantes Lächeln nicht verkneifen. „Und sobald ich ausgezogen bin, veranstaltest du wahrscheinlich eine Putzparty, und ihr tanzt um mein brennendes Bett.“

„Genauso werde ich es machen!“, rief sie ihm nach, aber die Tür zu seinem Zimmer war bereits ins Schloss gefallen.

Einen Moment lang hielt sie inne. Warum nur war das Schicksal so hart zu ihr? Das konnte doch alles nur ein böser Traum sein. Wann würde sie endlich daraus erwachen, um ihr Leben neu ordnen zu können?

Was da in den letzten Minuten vor sich gegangen war, hatte sie vollkommen überrollt und zutiefst erschüttert. Am liebsten hätte sie sich einfach auf den Boden sinken lassen und ihrer Erschöpfung und Wut Luft gemacht. Doch diesen Triumph würde sie Daniel ganz sicher nicht gönnen. Er sollte sie nicht wie ein verwundetes Tier auf dem Boden kauernd finden.

Um den Schmerz und die Enttäuschung zu überwinden, hatte sie ihn seit damals völlig aus ihrem Denken ausgeklammert. Es wäre unerträglich gewesen, ihm zufällig über den Weg zu laufen. Darum hatte sie sich vor zwei Jahren aufgemacht in ein neues Leben. In der Hoffnung, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und endlich zur Ruhe zu kommen.

Aber nun war er so vollkommen unerwartet wieder in ihr Leben getreten. Und schlagartig fühlte sie die Scham und Fassungslosigkeit genauso intensiv und schmerzhaft wie damals.

Offensichtlich war es keinem von beiden gelungen, die Erinnerung auszulöschen.

Wie hatte er es genannt? „An ihr interessiert sein?“ Diese nüchternen Worte zeugten eindeutig von mangelndem Interesse an ihr.

Laine hingegen sehnte sich nach wie vor leidenschaftlich nach ihm.

Aber davon durfte er um keinen Preis etwas wissen. Sie musste ihn davon überzeugen, dass sie erwachsen geworden und über ihn hinweg war.

Um endlich auf andere Gedanken zu kommen, wollte sie ihr neues Zimmer erkunden. Doch sie musste sich mit ganzer Kraft gegen die Tür drücken, um diese wenigstens einen Spalt weit zu öffnen. Bei dem Versuch, sich in Jamies chaotisches Zimmer zu zwängen, durchfuhr sie ein stechender Schmerz. Erneut machte ihr verstauchter Knöchel auf sich aufmerksam.

Der Anblick, der sich ihr bot, war allerdings schlimmer als jeder Schmerz und ließ sie vor Entsetzen erstarren.

Was da vor ihr lag, war kein Zimmer, sondern das reinste Chaos. Jeder Zentimeter des Raumes war bedeckt. Auf einer Seite stapelten sich zahlreiche Schachteln, gleich daneben standen einige Kartons mit Büchern und CDs. In einer anderen Ecke stand eine Vielzahl alter Koffer. Und über das ganze unbezogene Bett hatte sich eine Flut von Kleidungsstücken ergossen, die aus ihrem Kleiderschrank stammen mussten. Nun konnte sie auch erkennen, was den Weg in das Zimmer versperrt hatte: Hinter der Tür lag ein Berg aus übervollen Plastiksäcken, von denen einer heruntergefallen war und den Durchgang blockierte. Sie hob ihn auf, um ihn zurück an seinen Platz zu legen.

Schlimmer konnte es unter einer Brücke auch nicht sein.

Es würde Stunden dauern, sich einen Weg durch dieses Chaos zu bahnen.

An ein entspannendes Bad oder den so dringend benötigten Schlaf war für die nächsten Stunden nicht zu denken. Tränen der Wut schossen ihr in die Augen.

Zuerst der Ärger mit Andy und dann auch noch dieses entsetzliche Chaos. Und als i-Tüpfelchen hatte auch noch Daniel Flynn als Überraschungsgast vor ihr gestanden.

Fang an, dein neues Reich zu erkunden … das nimmt sicher ein wenig Zeit in Anspruch. Dieser gemeine Mistkerl hatte genau gewusst, was sie hier erwarten würde. Erst hatte er ihr Zimmer in Beschlag genommen und dann Jamies Zimmer zu seinem Abstellraum gemacht.

„Könnte ich mich doch wenigstens zum Fenster vorarbeiten, dann würde das ganze Zeug rausfliegen“, murmelte sie wütend vor sich hin und schob jegliches Selbstmitleid beiseite.

Der gesamte Inhalt ihres Kleiderschranks war einfach auf dem Bett abgeladen worden. Allein die Vorstellung daran, dass er ihre Unterwäsche in den Händen gehabt hatte, versetzte sie in Rage. Sie würde jedes einzelne Stück waschen müssen, bevor sie es je wieder tragen konnte.

Wenn er dachte, sie würde dieses Chaos allein beseitigen, hatte er sich gewaltig geschnitten. Damit würde sie ihn auf keinen Fall durchkommen lassen. Eilig humpelte sie durch das Wohnzimmer und hämmerte an seine Tür.

Im nächsten Augenblick riss Daniel die Tür auf und stand mit ernster Miene vor ihr. Inzwischen trug er zumindest eine Jeans. Sein gut gebauter Körper machte sie immer noch nervös. Doch leider flammten mit seinem Anblick auch all die schmerzlichen Erinnerungen an alte Zeiten wieder auf.

„Was ist?“ wollte er wissen.

„Ich wüsste gern, wann du dieses Chaos in Jamies Zimmer beseitigen willst“, fragte sie heiser.

„Warum? Das ist schließlich nicht mein Chaos, also ist es auch nicht mein Problem.“

Laine kochte vor Wut. „Das kann doch nicht dein Ernst sein. Das Zimmer ist bis unter die Decke vollgestopft mit deinen Sachen. Ich will, dass sie dort verschwinden. Und zwar sofort!“

„Ich verstehe, du bist jetzt hier der Kapitän. Oder warum sonst dieser Befehlston?“ Er verzog den Mund. „Die Seeluft hat dir wohl nicht so gutgetan. Als Nächstes lässt du mich womöglich über die Planke gehen.“

Mit einer unmissverständlichen Geste deutete sie auf ihr neues Zimmer. „Bis heute Abend ist das Chaos aus meiner Hälfte der Wohnung verschwunden.“

„Dann schlage ich vor, du legst gleich los.“ Er gähnte gelangweilt. „Ich bin allerdings gespannt, wo du das ganze Zeug unterbringst. Bei mir ganz bestimmt nicht. Die meisten Sachen gehören Jamie, aber einiges hat auch eine gewisse Sandra hiergelassen. Die ist übrigens mit Jamie nach New York gegangen.“

„Jamie hat mich inmitten dieses ganzen Chaos sitzen gelassen? Das glaube ich nicht. Er hätte nicht …“ Vor lauter Entsetzen versagte ihre Stimme. Fassungslos starrte sie Daniel an.

„Wirklich nicht?“ Wieder spielte dieses süffisante Lächeln um seine Lippen. „Möchtest du selbst mit ihm darüber sprechen? Ich gebe dir gern seine Nummer in Manhattan.“

„Danke, aber ich möchte dir keine Umstände machen. Die Nummer bekomme ich schon selbst raus“, bemerkte sie spitz und machte kehrt, um sich erhobenen Hauptes zurückzuziehen. Aber auf halbem Wege gab ihr Knöchel nach. Der unsagbare Schmerz, der folgte, ließ sie laut aufschreien und brachte sie zum Schwanken.

„Die Mitleidstour funktioniert bei mir nicht, Laine.“

Besorgt stellte sie fest, dass auch ihr Knöchel nicht mehr funktionieren würde. Die geringste Bewegung ließ sie vor Schmerz zusammenzucken.

„Was ist mit dir?“ Mit einem einzigen Schritt war Daniel bei ihr und stützte sie.

„Fass mich nicht an.“ Sie versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, aber er hatte ihren Verband bemerkt und hielt sie noch fester.

„Was um Himmels willen hast du angestellt?“, erkundigte er sich besorgt.

„Ich habe mir nur den Knöchel verstaucht. Bitte verschone mich einfach mit deinen Fragen.“

„Und warum schreist du dann vor Schmerz?“

Schon hatte Daniel sie in seine Arme gehoben und trug sie zu dem großen Sofa neben dem Kamin. Vorsichtig setzte er sie auf den weichen Kissen ab. Dieser kurze Moment reichte aus, um seinen frischen männlichen Duft zu genießen. Sie hatte fast vergessen, wie gut er roch.

Ich darf so nicht denken. Im Grunde kann ich ihn nicht riechen!, ermahnte Laine sich erschrocken.

Inzwischen kniete Daniel vor ihr und hatte damit begonnen, vorsichtig den Verband von ihrem Fußgelenk zu lösen.

„Lass nur, ich komme schon klar.“ Auf sein Mitleid war sie nicht angewiesen.

„Zier dich doch nicht so.“

Die plötzliche und unerwartete Fürsorge brachte sie zum Erröten.

Während Daniel kopfschüttelnd ihr geschwollenes Fußgelenk untersuchte, musste sie sich auf die Lippen beißen. Der hämmernde Schmerz raubte ihr fast die Sinne.

„Wann ist denn das passiert?“

„Vor ein paar Tagen“, gab sie schulterzuckend zurück.

„Du hättest den Knöchel sofort schonen müssen. Jetzt bleibst du erst mal hier sitzen.“ Nachdem er ihr Ruhe verordnet hatte, holte er aus der Küche einen Beutel mit Eiswürfeln. „Damit solltest du den Fuß gut kühlen.“

Widerwillig hielt sie still, als er den Eisbeutel vorsichtig auf ihren Knöchel legte. Mehr als ein knappes „Danke“ konnte sie einfach nicht herausbringen.

„Oh, keine Ursache. Gern geschehen“, erwiderte er kühl und stand auf. „Im Grunde möchte ich nur, dass du schnell wieder auf die Beine kommst. Schließlich ist die Jobsuche sehr anstrengend. Oder wie gedachtest du, Geld zu verdienen?“

Stolz hob sie das Kinn und teilte ihm mit: „Keine Angst. Bislang konnte ich noch immer selbst für mich sorgen.“

„Das habe ich aber anders in Erinnerung. Allerdings halte ich nichts mehr von der Rückzahlung in Naturalien. Barzahlung ist eindeutig risikoloser.“

Wie gelähmt starrte sie ihn an. „Was willst du damit sagen?“

„Erwartest du darauf tatsächlich eine Antwort?“, gab er kühl zurück. Laine kochte innerlich vor Wut. Daniel verschwand erneut in die Küche. Mit zwei Tabletten und einem Glas Wasser kam er zurück.

„Es wäre besser, die zu nehmen.“

„Was ist das?“

„Das sind nur einfache Schmerztabletten. Du brauchst also keine Angst davor zu haben, dass ich dich außer Gefecht setze und dann heimlich an Menschenhändler verkaufe.“

Nicht im Entferntesten ahnte er, was sie in den vergangenen Tagen durchlitten hatte. Warum ihre Nerven blank lagen. Aber sie würde es ihm ganz sicher nicht erzählen.

„Bist du hungrig?“

„Auf dem Flug gab es etwas zu essen“, wich sie aus. Sie hatte keinen Bissen davon angerührt. Dafür war sie viel zu aufgewühlt gewesen. All ihre Gedanken kreisten um diese eine Frage: Wie hatte Andy sie nur dermaßen hintergehen können? Sie fand einfach keine Antwort, und das ließ sie umso mehr verzweifeln.

Und als hätte sie nicht schon genug durchmachen müssen, erwartete sie hier ausgerecht der Mann, den sie nie im Leben hatte wiedersehen wollen.

„Ich koche mir jetzt einen Kaffee. Möchtest du auch einen?“ „Nein, danke“, lehnte sie kopfschüttelnd ab und sank zurück in das weiche Sofa. Dabei schloss sie die Augen, um

wenigstens für einen kurzen Moment aus der realen Welt entfliehen zu können. Mit ein wenig Geduld und viel Kraft würde sie vielleicht endlich von ihm loskommen.

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