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Nur mit dir sind wir eine Familie

1. KAPITEL

Charlotte Fagan kauerte fröstelnd in ihrem kleinen Sportwagen, die Finger vor Nervosität ineinander gekrallt. Sie saß schon eine ganze Weile so da und starrte hinaus in die Dunkelheit. Der eisige Januarregen prasselte erbarmungslos auf das Verdeck über ihrem Kopf und strömte über die Windschutzscheibe, doch der Sturm da draußen war nur ein Witz im Vergleich zu jenem, der in ihrem Innern tobte.

Charlotte hatte keine Ahnung, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, als sie vor drei Stunden nach New Orleans aufgebrochen war. Der Anblick des großen alten Stadthauses vor ihr beruhigte sie leider auch kein bisschen.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie keine Sekunde gezögert, ihren Mann um einen Gefallen zu bitten. Damals hatte sie ihm blindlings vertraut und in der beruhigenden Gewissheit gelebt, dass er ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen würde.

Inzwischen jedoch war eine solche Bitte eine fast unüberwindliche Hürde für sie. Seit sechs Monaten hatten sie nämlich nur noch telefonisch Kontakt, weshalb ihre Chancen, ihn jetzt von ihrem Anliegen zu überzeugen, vermutlich bei null lagen.

Sean wusste nicht, dass die Erfüllung ihres lang gehegten Traums und damit ihr ganzes Glück in seiner Hand lagen. Sie brauchte seine Hilfe – dringend sogar. Doch zum ersten Mal seit jenem Sommer vor zehn Jahren, als er gelobt hatte, sie für immer zu lieben und zu ehren, bezweifelte Charlotte, dass er ihr diese Hilfe gewähren würde.

Sein roter Wagen parkte vor dem Haus, durch dessen Fensterläden Licht drang. Sean war da.

Aber war er auch allein?

Er hatte Charlotte zwar nie eine Veranlassung gegeben, an seiner Treue zu zweifeln, aber nun hatten sie sich schon so lange nicht mehr gesehen …

Die verkrampften Hände lösend, griff sie nach dem dicken braunen Briefumschlag, den sie vorhin hastig auf den Beifahrersitz geworfen hatte. Nachdenklich ließ sie den Zeigefinger über die Absenderadresse gleiten.

Nachdem sie den Umschlag aus dem Briefkasten am Fuß ihrer Einfahrt gezogen und den Inhalt überflogen hatte, hatte sie ihren Wagen sofort gewendet. Sie war viel zu glücklich und aufgeregt gewesen, um die Kieseinfahrt zu ihrem Zuhause hochzufahren, einem alten Plantagenhaus, das sie und Sean zu Beginn ihrer Ehe liebevoll restauriert hatten. Trotz der späten Stunde und des erbarmungslosen Regens hatte sie sich direkt auf den Weg zum zweispurigen Highway Richtung Autobahn nach New Orleans gemacht.

Unterwegs jedoch waren ihr Zweifel gekommen. Mehr als einmal hatte sie mit dem Gedanken gespielt, wieder umzukehren und nach Hause zurückzufahren, zumal der Sturm immer heftiger geworden war. Mit Schaudern dachte sie an die Verwüstungen zurück, die der Hurrikan Katrina vor einigen Jahren in New Orleans angerichtet hatte.

Außerdem hatte Charlotte sich nach dem Abklingen ihrer ersten Euphorie eingestehen müssen, dass die Unterlagen und die kleine Fotografie in dem Umschlag kein Zaubermittel waren, um ihre kaputte Ehe zu retten. Aber zumindest versprachen sie die Erfüllung eines lang gehegten Traums.

Um Charlottes Wagen pfiff der Wind, das Licht einer Straßenlaterne flackerte unheilvoll. In dem kleinen Auto fühlte sie sich zunehmend ungeschützt, und ihr war eiskalt. Jetzt wieder umzukehren, war ausgeschlossen. Sie würde einfach aussteigen, Sean kurz die Fakten mitteilen, ihn um seine Unterstützung bitten und das Beste hoffen.

Entschlossen steckte Charlotte den Umschlag in ihre Handtasche und griff nach dem kleinen Regenschirm, der unter ihrem Autositz lag. Innerlich versuchte sie, sich auf Seans Reaktion einzustellen, musste sich jedoch eingestehen, dass sie nach dem halben Jahr Trennung keine Ahnung hatte, womit sie bei ihrem Mann zu rechnen hatte.

Der Regenschirm erwies sich in dem Sturm als völlig nutzlos. Dank Charlottes Wollmantel und ihrer Cordhose blieb sie zwar einigermaßen trocken, aber ihre schwarzen Pumps waren schon nach wenigen Schritten völlig durchnässt.

Nachdem sie die Straße überquert hatte, stieg sie die Steinstufen zur Tür des Stadthauses hoch. Ihre Hände waren so nass und steif gefroren, dass sie kaum noch den Schirm halten konnte. Zu blöd, dass sie nicht daran gedacht hatte, ihre Handschuhe mitzunehmen. Oder sich zumindest ein Kopftuch umzubinden. Sie sah bestimmt aus wie eine Irre, aber daran ließ sich jetzt leider nichts mehr ändern.

Mit zitternden Fingern drückte sie auf den Klingelknopf und versuchte sich damit zu beruhigen, dass ihr Aussehen absolut keine Rolle spielte. Sean hatte sie schon in weitaus schlimmerer Verfassung gesehen, ohne vor ihr zurückzuschrecken. Allerdings hatte er sie damals auch noch geliebt …

Die Tür vor ihr ging so unvermittelt auf, dass Charlotte unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Als sie auf den nassen Steinen ausrutschte und ins Straucheln kam, riss ihr der Wind den Schirm aus der Hand. Sie schrie auf und fiel fast rücklings die Treppenstufen hinunter. Gerade noch rechtzeitig fand sie sich plötzlich in den Armen ihres Mannes wieder.

Erschrocken blinzelte sie zu ihm auf, während sie spürte, wie der Regen sie bis auf die Haut durchnässte. Auch Sean wurde klitschnass.

Plötzlich verspürte sie den unwiderstehlichen Drang zu … kichern. Sie fand die ganze Situation so komisch, dass sie sich trotz des strengen und missbilligenden Gesichtsausdrucks ihres Mannes nicht beherrschen konnte und in schallendes Gelächter ausbrach.

Allzu rasch verwandelte es sich jedoch in lautes Schluchzen.

Einen gedämpften Fluch ausstoßend, führte Sean sie ins Haus und stieß die Tür mit dem Fuß hinter sich zu. Erschöpft lehnte Charlotte den Kopf an seine Schulter und weinte wie ein Kind. Sie wusste, dass sie sich gerade völlig lächerlich machte, war jedoch machtlos gegenüber den Tränen, die nach all den Monaten der Selbstbeherrschung wie eine Urgewalt über sie hereinbrachen.

Sean führte Charlotte behutsam durch die Eingangshalle ins Wohnzimmer, setzte sich auf das abgewetzte braune Ledersofa und zog sie sanft auf seinen Schoß. Sein Verhalten war fürsorglich, doch seine Stimme klang wütend und vorwurfsvoll. „Ich würde es sehr begrüßen, wenn du mir sagen könntest, was hier eigentlich los ist, Charlotte“, sagte er, nachdem ihre Tränen endlich versiegt waren. Seine tiefe Stimme mit dem gedehnten Südstaatenakzent hatte trotz seines gereizten Tonfalls eine beruhigende Wirkung auf sie. „Alles in Ordnung mit dir?“

Nein, mit ihr war schon lange nicht mehr alles in Ordnung! Sie war emotional am Ende!

Doch sie wusste, dass ihr diese Antwort kein Mitgefühl einbringen würde. Nicht nachdem sie ihn einfach hatte gehen lassen, als er vor sechs Monaten aus ihrem gemeinsamen Haus in Mayfair ausgezogen war. Nicht nachdem sie aus ihrer Erleichterung darüber keinen Hehl gemacht hatte. „Ja, alles in Ordnung“, sagte sie niedergeschlagen.

Sie traute sich nicht, ihren Mann anzusehen. Stattdessen beschränkte sie sich darauf, seinen vertrauten Duft einzuatmen und die Wange an sein Hemd zu reiben.

„Das klang vor ein paar Minuten aber noch ganz anders“, entgegnete Sean schroff.

„Es geht mir gut, wirklich. Ich will nur … mit dir reden“, erklärte sie und hob den Blick zu ihm.

Vor der Tür war sie so plötzlich gestrauchelt, dass sie kaum dazu gekommen war, ihn richtig anzusehen. Doch jetzt, im sanften Licht der Wohnzimmerlampen, musterte sie ihn.

Er hatte sich kaum verändert. Sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen, dem markanten Kinn und der gebogenen Nase war genauso attraktiv wie immer, nur sein volles schwarzes Haar war etwas stärker ergraut. Und er hatte einen müden Zug um die Augen, der vorher nicht da gewesen war …

„Es muss sich um etwas Ernstes handeln, sonst wärst du nicht mitten in der Woche im Sturm hierher gefahren“, entgegnete Sean kühl. „Du fährst sonst nie bei Sturm Auto, und außerdem ist dir dein Job viel zu wichtig, um einfach so freizunehmen.“

Sean hatte recht, sowohl was den Sturm als auch was ihren Job anging. Sie nahm ihre Arbeit als Hochschulberaterin an der Mayfair Highschool sehr ernst. Vor allem im Frühjahr, wenn die Schüler des elften Jahrgangs sich an den Colleges bewarben und die des zwölften sich um Stipendien, Studiendarlehen oder Ausbildungsplätze bemühten, hatte sie alle Hände voll zu tun.

„Es handelt sich tatsächlich um etwas Ernstes, zumindest für mich“, antwortete Charlotte nach kurzem Zögern. „Etwas sehr Ernstes sogar …“

Sean wirkte plötzlich beunruhigt. „Bist du etwa krank, Charlotte? Hatten all diese Fruchtbarkeitsbehandlungen etwa irreparable Nebenwirkungen?“

Als er ihre Wange berührte, spürte Charlotte plötzlich so etwas wie Hoffnung in sich aufflackern. Vielleicht war ja doch noch nicht alles zwischen ihnen verloren. Anscheinend hatte Sean noch Gefühle für sie …

Aber das konnte nicht sein. Schließlich war er derjenige gewesen, der von ihr verlangt hatte, ihren „Baby-Wahn“ aufzugeben, wie er sich ausgedrückt hatte. Er hatte gesagt, dass es ihm egal war, dass sie keine Kinder bekommen konnten – Kinder, nach denen sie sich so lange gesehnt hatte.

Denn sie war immer fest davon überzeugt gewesen, dass es ihr bestimmt war, Mutter zu werden, und ihre verstorbene Mutter und Großmutter hatten sie in dieser Auffassung bestärkt. Doch bisher hatte sie das Erbe, das die beiden starken Frauen ihr hinterlassen hatten, nicht antreten können. Ihr war immer alles zugeflogen, was sie sich gewünscht hatte, nur eins nicht: schwanger zu werden. Und jetzt bekam sie plötzlich doch noch eine Chance, Mutter zu werden. Die durfte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

„Nein, das ist es nicht“, antwortete sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Wenn ich allerdings nicht bald aus diesen nassen Klamotten herauskomme, kriege ich bestimmt eine ordentliche Erkältung“, fügte sie hinzu und strich sich das tropfnasse Haar aus dem Gesicht. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, als ihr das eiskalte Wasser in den Kragen ihres Rollkragenpullovers rann. „Du kannst mir nicht zufällig einen Jogginganzug und ein paar dicke Socken leihen?“

Mit knapp eins achtzig war Charlotte nur wenige Zentimeter kleiner als Sean und hatte daher schon öfter Sachen von ihm angezogen.

„Natürlich.“ Sean erwiderte ihr Lächeln nicht direkt, doch der harte Zug um seinen Mund verschwand. „Ich würde vorschlagen, dass wir beide erst einmal duschen und uns dann in der Küche treffen, um etwas zu essen und Kaffee zu trinken. Ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist, aber ich habe seit heute Mittag nichts gegessen.“

„Gute Idee“, stimmte Charlotte zu. „Ich auch nicht.“

Sie wandte den Blick von ihm ab und kletterte so anmutig wie möglich von seinem Schoß. Dabei versuchte sie möglichst nicht daran zu denken, wie gern sie früher immer zusammen geduscht hatten.

Sean stand ebenfalls auf und schob verlegen die Hände in die Hosentaschen. Er wich ihrem Blick aus. Offensichtlich war ihm die Situation genauso unangenehm wie ihr. „Im Gästebad liegen frische Handtücher, Seife und Shampoo. Ich hole einen Jogginganzug und ein Paar Socken und lege dir beides ins Gästezimmer“, sagte er betont neutral, drehte sich um und wandte sich zur Treppe.

„Danke, Sean“, murmelte Charlotte und folgte ihm. Früher wäre sie mit ihm zusammen in den zweiten Stock gegangen. In dem ans Schlafzimmer angrenzenden Bad hätten sie sich gemeinsam unter die Dusche gestellt oder wären in die altmodische Badewanne mit den Löwenklauenfüßen geklettert.

Heute jedoch begab sie sich in das nüchterne und ordentliche Gästezimmer mit seinem praktischen kleinen Duschbad, während ihr Mann weiterging, ohne sich auch nur nach ihr umzusehen.

Hatte er sich so an ihre Abwesenheit gewöhnt, dass er sie gar nicht mehr vermisste? Oder war er so erleichtert darüber gewesen, ihren Eheproblemen entkommen zu können, dass er sie gar nicht erst vermisst hatte?

Als Charlotte die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte, fiel ihr Blick auf ihr blasses Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken. Wie immer in den letzten Wochen lagen dunkle Schatten unter ihren großen goldbraunen Augen, und ihr normalerweise lockiges braunes Haar klebte ihr nass am Kopf. Sie sah absolut jämmerlich aus.

Es geht mir gut, versuchte sie sich einzureden. Sie war eine starke unabhängige und intelligente Frau, die nur zufällig gerade vom Regen durchnässt worden war! Auf keinen Fall durfte sie Sean gegenüber mitleiderregend wirken. Sie musste sich unbedingt zusammenreißen und ein glückliches Gesicht machen.

Zitternd vor Kälte ließ Charlotte das Wasser schon warmlaufen, zog sich aus und legte ihre nassen Kleidungsstücke auf den Wäschekorb. Sie würde sie zum Trocknen aufhängen, sobald sie selbst wieder warm und trocken war.

Die heiße Dusche war eine wahre Wohltat. Der vertraute Duft des Lavendel-Duschbads, das sie vor einiger Zeit gekauft hatte, entspannte sie und gab ihr das Gefühl wieder, eine Frau zu sein. Als sie nach ein paar Minuten aus der Duschkabine trat, fühlte sie sich schon erheblich besser.

Sie wickelte sich ein Handtuch um den Kopf und trocknete sich mit einem anderen ab. Danach hängte sie ihre nassen Sachen auf Kleiderbügel und streifte sich den dunkelgrauen Jogginganzug und die Wollsocken über, die Sean ihr wie versprochen aufs Bett gelegt hatte. Nachdem sie sich das Haar frottiert hatte, ordnete sie es notdürftig mit den Fingern.

Dann öffnete sie den Reißverschluss ihrer Tasche und zog den braunen Umschlag hervor. Tief Luft holend zog sie das Anschreiben heraus und warf einen Blick darauf, bevor sie es wieder zurückschob.

Lächelnd verließ Charlotte das Gästezimmer. Und ihr Lächeln verstärkte sich, als sie den leckeren Duft von warmem Muffuletta-Sandwich roch. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wann sie das letzte Mal eins gegessen hatte: Es war hier in diesem Haus gewesen, zusammen mit Sean.

Sie hatten in der Küche gesessen und sich das runde, italienische, mit Schinken, Salami, Provolone-Käse und Oliven belegte Brot geteilt.

Damals hatte Charlotte noch geglaubt, dass sie auch die Hoffnung teilten, bald ein Kind zu bekommen. Doch nur drei Monate später hatte sie herausfinden müssen, dass sie sich getäuscht hatte.

Offensichtlich hatte ihr geliebter Mann nur ihr zuliebe so getan, als wünsche er sich auch Kinder, die Scharade nach zwei Jahren jedoch so satt gehabt, dass er ihr reinen Wein über seine wahren Gefühle eingeschenkt hatte. Da sie sich einfach nicht damit hatte abfinden können, hatte er kurz entschlossen seine Sachen gepackt und war in ihr Stadthaus in New Orleans gezogen.

Sein Verrat hatte sie so tief verletzt, dass sie ihn am Anfang noch nicht einmal vermisst hatte. Nach der Zerstörung all ihrer Hoffnungen und Träume hatte sie genug damit zu tun gehabt, ihren Alltag zu bewältigen.

Doch sie konnte einfach nicht darüber hinwegkommen, dass der einzige Mann, den sie sich als Vater ihrer Kinder vorstellen konnte, sie so im Stich gelassen hatte. Hoffentlich würde er wenigstens heute auf ihre Bitte eingehen.

Als Charlotte die Treppe hinunterging, versuchte sie sich damit zu beruhigen, dass es sich um eine Kleinigkeit handelte. Warum sollte er ihr die abschlagen? Schade nur, dass sie ihm im Gegenzug nicht viel bieten konnte. Außer vielleicht dem Versprechen, ihn hinterher ein für alle Mal in Ruhe zu lassen.

2. KAPITEL

Sean beeilte sich mit Duschen und Anziehen, damit er in der Küche noch etwas Zeit für sich allein hatte. Außerdem brauchte er erst mal einen starken Drink, bevor er Charlotte wieder gegenübertreten konnte.

Sie war der letzte Mensch, mit dem er an diesem stürmischen Januarabend gerechnet hätte. Nicht wegen der Gründe, die er ihr genannt hatte – ihrer Aversion gegen das Fahren bei schlechtem Wetter und ihrem anstrengenden Job an der Mayfair Highschool –, sondern weil sie sich im letzten halben Jahr so stark voneinander distanziert hatten.

Als er in Mayfair ausgezogen war, hatte er Charlottes Erleichterung deutlich sehen können. Sie schien seitdem auch nicht das geringste Interesse an seiner Rückkehr zu haben. Sogar die Feiertage hatte sie lieber ohne ihn verbracht. An Thanksgiving hatte sie ihre beste Freundin Ellen Herrington und deren Familie besucht, und in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr war sie mit ihrer anderen Freundin Quinn Sutton in den Skiurlaub gefahren.

Nicht dass Sean ihr die Gesellschaft nicht gönnte, aber schließlich war es Charlotte gewesen, die immer wieder betont hatte, dass man Feiertage mit seiner Familie verbringen sollte. Sie beide hatten keine engeren Verwandten mehr. Doch vermutlich betrachtete sie ihn gar nicht als ihre Familie, seitdem seine Wut, sein Überdruss und seine Frustration ihn dazu gebracht hatten, sich eine Auszeit von ihrer zehnjährigen Ehe zu nehmen.

Natürlich hätte er das Ganze damals behutsamer angehen können, doch die Spannungen zwischen ihnen waren so unerträglich gewesen, dass er einfach nicht mehr klar hatte denken können. Außerdem hatte er befürchtet, Charlotte endgültig zu verlieren, wenn er nicht die Notbremse zog.

Zudem hatte er gewusst, dass sie ihn früher oder später ohnehin rauswerfen würde. Da war es ihm als die bessere Option erschienen, ihr zuvorzukommen. Dabei hatte er jedoch nur eine vorübergehende Trennung im Auge gehabt – in der festen Überzeugung, dass eine kurze Auszeit ihnen beiden guttun und ihnen helfen würde, sich innerlich auf ein Leben ohne Kinder einzustellen. Mit seinem Hinweis, dass es genug kinderlose Paare gab, die trotzdem glücklich verheiratet waren, schien er jedoch alles kaputtgemacht zu haben.

War es denn wirklich so schlimm, dass er davon überzeugt war, dass man kein Kind brauchte, um ein glückliches Leben zu führen? Schließlich hatte Charlotte lange genug darunter gelitten, keine Kinder bekommen zu können. Wie viel Leid wollte sie denn noch auf sich nehmen, wo doch klar war, dass sie ihr Ziel niemals erreichen würde? Warum fiel es ihr nur so schwer zu akzeptieren, dass es ihnen offensichtlich einfach nicht bestimmt war, Eltern zu werden?

Sean hatte dieser Gedanke nie richtig gestört. Sein eigener Vater war nicht gerade ein gutes Vorbild gewesen: beruflich ständig unterwegs und vom Wesen her kühl, distanziert und kritisch. Er hatte in Sean nie den Wunsch geweckt, selbst Kinder zu bekommen.

Im Grunde genommen hatte Sean sich Charlottes Wunsch nach einem Baby nur deshalb gefügt, weil er sie liebte und ihre Bedürfnisse und Wünsche respektierte.

In den letzten Monaten ihres Zusammenlebens war Charlotte in ihren Bemühungen, ein Kind zu bekommen, so verbissen gewesen, dass Sean sich von Tag zu Tag ausgeschlossener gefühlt hatte – wie eine bloße Randfigur. In dieser angespannten Situation ein Kind zu bekommen, hätte für ihre Beziehung bestimmt das endgültige Aus bedeutet.

Die ganze Situation hatte ihn so tief verunsichert, dass er es für die beste Lösung gehalten hatte, die Lage neu zu überdenken. Also hatte er den Hormonbehandlungen und weiteren künstlichen Befruchtungen nicht zugestimmt, kurz entschlossen seine Sachen gepackt und war nach New Orleans gezogen.

Hätte er jedoch geahnt, was für eine unüberwindbare Kluft sich in den nächsten Monaten zwischen ihm und Charlotte auftun würde, hätte er es nicht getan. Er wäre geblieben und hätte versucht, seine Frau an ihre schönen ersten acht Ehejahre zu erinnern. Denn die waren glücklich gewesen – bis Charlotte es sich in den Kopf gesetzt hatte, ein Kind zu bekommen.

Aber vermutlich hätte das auch alles nichts gebracht, dachte Sean resigniert, während er sich einen doppelten Whisky einschenkte. Charlotte hatte sich nämlich strikt geweigert, seinen Standpunkt zu akzeptieren. Wie er es auch drehte und wendete – es sah so aus, als wären sie in eine Sackgasse geraten.

Das beantwortete jedoch noch immer nicht die Frage, warum Charlotte ausgerechnet an einem so dunklen und stürmischen Abend zu ihm gekommen war. Wollte sie ihn womöglich um die Scheidung bitten? Allein bei dem Gedanken bekam Sean sofort heftiges Herzklopfen. Aber vielleicht sah er das Ganze ja auch viel zu pessimistisch. Möglicherweise verstand sie ihn inzwischen besser und wollte sich wieder mit ihm versöhnen. Die Vorstellung, dass sie ihrer Ehe vielleicht noch eine Chance geben wollte, beschleunigte seinen Herzschlag noch mehr.

Charlottes etwas zu muntere Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Wenn meine Sinne mich nicht trügen, riecht es hier nach warmem Muffuletta-Sandwich.“

Als Sean sie ansah, blieb sie zögernd stehen. Plötzlich wünschte er, er hätte sich eine geeignete Strategie für das bevorstehende Gespräch überlegt, anstatt über die Vergangenheit nachzugrübeln. Trotz seiner Wut auf sie fand er sie nämlich noch immer verdammt anziehend. Sogar in dem ausgebeulten Jogginganzug und den dicken Socken sah sie sexy aus.

Voller Entsetzen wurde Sean bewusst, dass er gerade eine Erektion bekam. Er hätte die körperliche Reaktion gern auf sein sechsmonatiges Zölibat geschoben, aber es steckte mehr dahinter als nur ein Ansturm von Testosteron. Denn keine Frau, der er je begegnet war – ganz egal wie kultiviert, glamourös oder willig –, hatte ihn je so angezogen wie Charlotte.

Jetzt war allerdings nicht der passende Zeitpunkt, ihr das zu zeigen. Zumindest nicht, bis er wusste, was sie von ihm wollte. Das Beste war, seine Gefühle und sein Verlangen hinter einer nüchternen geschäftsmäßigen Fassade zu verstecken.

„Stimmt, ich wärme gerade eins im Ofen auf“, antwortete er kühl. „Ich habe es auf dem Rückweg von der Arbeit vom Markt mitgebracht.“ In diesem Moment fiel sein Blick auf den dicken braunen Umschlag, den Charlotte an die Brust gepresst hielt.

„Ich habe kein Muffuletta-Sandwich gegessen, seit … seitdem wir das letzte Mal zusammen hier waren“, sagte sie und lächelte wehmütig. Sie ging zur Kücheninsel, setzte sich auf einen der hohen schwarzen Hocker und legte den Umschlag mit dem Absender nach unten vorsichtig vor sich auf die Tischplatte.

„Das Sandwich ist in ein paar Minuten fertig.“ Sean stellte sein Glas ab und füllte Wasser in die Kaffeemaschine. „Ich mache dir jetzt erst mal einen Kaffee.“

„Ehrlich gesagt hätte ich lieber einen Whisky mit Eis“, sagte Charlotte.

Sean drehte sich verblüfft zu ihr um. Sie war zwar keine Abstinenzlerin, trank normalerweise jedoch nur Wein oder Bier. Und in den letzten zwei Jahren sogar nur Mineralwasser. „Ich habe auch Wein, wenn du …“

„Danke, aber ich möchte jetzt einen Whisky“, unterbrach Charlotte ihn. „Mir steckt noch immer die Kälte von draußen in den Knochen.“

„Ich kann gern die Heizung höher drehen, wenn du willst.“

„Gib mir einfach einen Whisky, Sean!“, antwortete sie genervt. „Ich verspreche dir auch, nicht wieder einen hysterischen Anfall zu kriegen“, fügte sie sarkastisch hinzu. „Einer reicht für heute.“

Sean behagte die Vorstellung, dass sie hochprozentigen Alkohol trank, überhaupt nicht. Er wusste nämlich aus Erfahrung, wie emotional Charlotte werden konnte, sobald sie sich so richtig entspannte. Und dass es dann unmöglich war, vernünftig mit ihr zu reden.

Widerstrebend nahm er ein zweites Glas aus dem Schrank und füllte es mit Eis. Ganz bewusst schenkte er nur eine winzige Menge Whisky ein. Als er Charlotte das Glas reichte, sah er ihre spöttisch erhobenen Augenbrauen. Sie durchschaute seinen Trick. Herausfordernd blickte sie ihn an, führte das Glas zu den Lippen und trank einen großen Schluck, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen.

Sean verspürte den Impuls, ihr die Hände auf die Schultern zu legen und … was? Sie zu schütteln? Oder sie in die Arme zu nehmen und ihr das spöttische Lächeln von den Lippen zu küssen? Was zum Teufel war eigentlich los mit ihm?

„Müsste unser Sandwich nicht inzwischen fertig sein?“, fragte sie.

Unser Sandwich? dachte Sean genervt. Das hier war sein Sandwich, und ihr besitzergreifender Tonfall gefiel ihm überhaupt nicht. „Warum holst du nicht schon mal zwei Teller und Servietten, während ich den Kaffee aufsetze?“, fragte er kurz angebunden.

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