Logo weiterlesen.de
Nur mit deinen Augen

»Waren Sie schon einmal in Venedig?«

Die ältere Dame, die mir gegenüber im Zugabteil saß, sah mich neugierig durch ihre dicken Brillengläser an. Ich schloss mein Buch. Es hatte keinen Sinn, weiterzulesen, da diese Frau – schon seit Verona – versuchte, eine Konversation zu beginnen.

»Nein. Leider nicht. Es wird mein erstes Mal werden.«

»Sie werden es lieben! Ich war schon mindestens zwanzig Mal dort und kann immer noch nicht genug bekommen. Sie müssen wissen«, sie näherte sich mir vertrauensvoll, »mein verstorbener Mann und ich, wir haben uns in Venedig verlobt. Es gibt ja keine romantischere Stadt.«

Umständlich und unter Verwendung aller nur denkbaren Ausmalungen begann sie von ihrem verstorbenen Mann zu erzählen, von ihrer Verlobung und den Reisen der letzten vierzig Jahre. Ihre Worte schienen an mir vorbeizuziehen wie die flache, eintönige Landschaft vor dem Zugfenster, während meine Gedanken zu meiner Mutter wanderten. Ich musste schlucken, wenn ich mir vorstellte, wie sehr sie sich über diese Reise gefreut hätte.

Jahrelang hatte sie in ihrem Notizbuch jeden Artikel über die Stadt gesammelt, hatte sich in Reisebüros Kataloge geben lassen und Hotelbeschreibungen aus dem Internet gelesen. Immer im Wissen, dass es für sie unmöglich sein würde, als Multiple-Sklerose-Kranke im Endstadium durch eine Stadt mit Hunderten von Brücken zu kommen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass unsere Finanzen nicht einmal einen Billigflug von Berlin nach Venedig erlaubt hätten. Aber ihr Optimismus und ihre Hoffnung auf eine glückliche Wendung waren unerschütterlich gewesen, und so hatten wir abends in unserem kleinen Apartment in Teltow auf den Betten gelegen und uns ausgemalt, wie es sein würde, mit einer Gondel auf dem Canal Grande zu fahren oder einen Aperitif im Café Florian einzunehmen.

»Sehen Sie das nicht auch so?«

Meine Abteilnachbarin wartete auf eine Antwort. Ich hatte keine Ahnung, was sie zuletzt gesagt hatte, und doch entschied ich mich, mich ihrer Meinung anzuschließen. Hatte ich nicht gelernt, dass geringer Widerstand in den meisten Fällen der beste Ausweg war, um unerwünschte Konversationen zu beenden oder wenigstens zu verkürzen?

»Absolut. So sehe ich das auch. Sie haben ganz recht.«

Aber ich hatte das Durchhaltevermögen meines Gegenübers unterschätzt. Sie wollte das Gespräch nicht einfach so verebben lassen. Erneut setzte sie an: »Bleiben Sie lange in Venedig?«

Bei meiner Antwort konnte ich ein Lächeln nicht unterdrücken. Stolz schwang in meiner Stimme, als ich sagte: »Ich werde für ein halbes Jahr als Au-pair bei einer venezianischen Familie arbeiten.«

Die Dame nickte anerkennend und zog ihre Augenbrauen bedeutungsvoll hoch.

»Dann werden Sie ja selbst zur Venezianerin! Passen Sie nur auf, dass Sie sich nicht verlieben und am Ende nicht wieder in die Realität zurückkehren wollen. Das geht nämlich einigen so. Die Italiener sind berüchtigte Verführer!«

Ich lächelte. Wenn es etwas gab, das ich in Venedig nicht vorhatte, war es, mich zu verlieben. Nur zu gut hatte ich erlebt, was eine Liebesaffäre mit einem Italiener bedeuten konnte – mein eigener Vater hatte meine Mutter während ihres Sprachaufenthaltes in Rom kennengelernt, in vier romantischen Tagen verführt und geschwängert. Meine Mutter hatte immer geschworen, dass es die glücklichsten Tage ihres Lebens gewesen waren, aber ich hatte nur die Konsequenzen sehen können: eine einundzwanzigjährige Mutter, die sich statt in Diskos zu gehen und zu studieren mit Windelwechseln und Aushilfsjobs herumschlagen musste, weil mein Vater keinen Unterhalt zahlen wollte und sich unauffindbar ins Ausland abgesetzt hatte. So etwas würde mir – bei aller Romantik – nicht passieren. Mein Leben in den nächsten Monaten sollte aus Museumsbesuchen bestehen, aus dem Aufsaugen der Atmosphäre und dem Treiben in dieser einmaligen Stadt. Endlich würde ich die Düfte riechen können, von denen meine Mutter geträumt hatte, die Farben der südlichen Sonne sich auf den Palazzi und im Wasser spiegeln sehen, die Geräusche von Barkassen und dem leichten Ruderschlag der Gondeln erfahren. Das war genug Romantik, und falls ich mich wirklich nach Liebesgeschichten sehnen sollte, so würde ich diese Sehnsucht so wie bisher in meinen Büchern ausleben, aber ganz sicherlich nicht mit einem Venezianer, der Frauen wie Sand am Meer haben konnte.

»Ich glaube nicht, dass ich an einer Liebesgeschichte interessiert bin.«

Das Gesicht meiner Abteilnachbarin verzog sich enttäuscht.

»Sie wollen sich doch eine solche Erfahrung nicht entgehen lassen? Sie sind jung, Sie müssen was erleben!« Gekränkt von meinem eindeutigen Desinteresse, packte sie ihren Trolley und erhob sich.

»Wir werden in zehn Minuten ankommen, und ich hasse es, den engen Bahnsteig entlanggehen zu müssen. Venedig ist nämlich ein Kopfbahnhof. Wollen Sie mich nicht begleiten und jetzt schon nach vorne gehen? Dann sind Sie hinterher schneller.«

»Nein, vielen Dank, aber ich möchte gerne die Lagune betrachten können, wenn wir über die Brücke in die Stadt einfahren.«

Endgültig beleidigt, weil ich ihren Ratschlag nicht angenommen hatte, schob die alte Dame energisch die Schiebetüre des Abteils auf und verabschiedete sich mit einem kühlen »Auf Wiedersehen und alles Gute«.

Erleichtert lehnte ich mich zurück und war froh, mich endlich wieder der Aussicht widmen zu können. Wir hatten in Mestre gehalten, Nun war der Zug erneut angefahren. Ein grässliches Industriegebiet tauchte auf. Starkstrommasten, Fabriken und eine unüberschaubare Anzahl Gleise, die sich in alle Richtungen verzweigten. Dann endlich lichtete sich der Horizont, und die Lagune war zu erkennen. Mein Gesicht näherte sich dem Fenster, um einen besseren Blick zu erlangen.

Eine Brücke erstreckte sich über die Lagune. Ich konnte sehen, wie der Zug, an dessen hinterem Ende ich saß, in einer leichten Kurve über das graue Wasser fuhr. Mein Blick glitt über die Wasseroberfläche, die sich nun zu beiden Seiten erstreckte. Unzählige verstreute Holzpfähle waren zu sehen, Fischerboote versprühten weiße Gischt hinter sich, während sie zügig ein mir unsichtbares Ziel anstrebten, klobige Bojen kennzeichneten den Weg an ein paar Stellen für größere Schiffe, und über allem breitete sich ein schier endloser Himmel aus, dessen stahlgrauer Farbton sich im Wasser widerspiegelte und den Horizont kaum erkennen ließ.

Doch wo war die Farbenpracht, die ich erwartet hatte? Wo waren das smaragdgrüne Wasser und die grünen Inseln, von denen in Touristenführern gesprochen wurde, und wo war der azurblaue Himmel, den alle Bekannten meiner Mutter beschrieben hatten, die je hier gewesen waren. Statt eines Glücksgefühls überkam mich in dieser trostlosen grauen Landschaft ein Gefühl der Einsamkeit und Trauer. Bedrückt sah ich nach vorne und wartete verängstigt, ob auch die Stadt einen ebenso trostlosen Eindruck machen würde.

Neugierig suchten meine Augen nach den vertrauten Bildern aus Fotobänden und Prospekten, und endlich entdeckte ich zu meiner Linken – hinter der deprimierend anmutenden Autobrücke, die neben dem Zug entlangführte – Kirchtürme, einer höher als der andere, Boote, die in Wasserstraßen einfuhren, und kleine und größere Häuser, die sich ohne Plan abwechselten und sich in den verschiedensten Farben gegen das fahle Licht dieses ersten Märztages abhoben. Erleichtert atmete ich auf: Wenigstens die Stadt selbst schien mich nicht zu enttäuschen.

»Ich komme.«

Die Worte entglitten mir, ohne dass ich sie hatte aussprechen wollen, und in meine Augen traten Tränen – zu lange hatte ich mir diesen Augenblick ausgemalt: mein erster Blick auf Venedig. Oder war es die Müdigkeit, die mich übermannte? Es wäre nicht verwunderlich gewesen, nach mehr als fünfzehn Stunden im Zug, auf einem harten Sitz und im Wissen, dass ich fast all meine Habe in den zwei Koffern über mir hatte und es niemanden außer einer mir völlig unbekannten Familie in Venedig gab, der sich wirklich dafür interessierte, wo ich war.

Ich dachte daran zurück, wie ich vor knapp drei Wochen während meiner Mittagspause im Buchladen die Süddeutsche Zeitung gelesen hatte und über das Inserat der Familie Scarpa gestolpert war: Familie mit zwei Söhnen sucht deutsches Au-pair ab sofort in Venedig. Und ohne auch nur eine Minute darüber nachzudenken, ob es vernünftig war, mit vierundzwanzig Jahren einen – wenn auch schlecht bezahlten – festen Arbeitsplatz als Buchhändlerin gegen eine Stelle als Au-pair einzutauschen, hatte ich mich entschlossen, eine Bewerbung abzuschicken.

War ich nicht bisher in meinem Leben immer vernünftig gewesen, um ja nicht dem Beispiel meiner Mutter zu folgen? Abitur, Germanistikstudium und schließlich Buchhändlerin. Keine finanziellen und emotionalen Eskapaden und immer noch in der kleinen Mietwohnung in Teltow. Ein Leben, das aus Arbeiten, Lesen und meinen Tagträumen in der S-Bahn bestand. Nicht sehr aufregend, aber komfortabel, risikoarm und ohne schmerzhafte Überraschungen. Nichts hatte ich seit dem Tod meiner Mutter vor zwei Jahren verändert, und bisher hatte mich dieses Leben ausgefüllt. Ich war mir glücklich vorgekommen. Innerhalb von Sekunden aber hatte mich dieses kleine Inserat wie ein Magnet angezogen und aus meiner Lethargie gerissen. Kaum zu Hause, hatte ich einen Brief mit meinem Lebenslauf verfasst und am nächsten Morgen mit klopfendem Herzen zur Post gebracht. Tagelang hatte ich mein Mobiltelefon nicht aus den Augen gelassen und den Briefkasten mehrmals am Tag geöffnet, bis ich endlich eine kurze, aber enthusiastische E-Mail erhielt, in der mich die Familie Scarpa bat, so schnell wie möglich die Stelle anzutreten und ihnen mitzuteilen, mit welchem Zug ich eintreffen würde, so dass man mich am Bahnhof Santa Lucia abholen könnte.

Innerhalb von zwei Wochen hatte ich meine Wohnung an eine Studentin, die bei uns im Laden jobbte, untervermietet, meinem Chef eine kürzere Kündigungsfrist abgerungen und die wenigen Dinge, die mir wichtig waren, in zwei Koffer gepackt. Meine Mutter hätte sich köstlich amüsiert, wenn sie mich gesehen hätte, und wahrscheinlich gemeint, dass ich endlich damit beginnen würde, etwas aus meinem Leben zu machen.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Der Zug war in den Bahnhof eingefahren und kam zu einem abrupten Halt. Mit all meiner Kraft hievte ich die schweren Koffer aus der Gepäckablage zur Tür und auf den Bahnsteig. Die Gastfamilie hatte mir geschrieben, dass sie mich am Ende des Bahnsteiges erwarten würden, und ich war erleichtert bei dem Gedanken, das Gepäck nicht allein durch ganz Venedig schleppen zu müssen.

Als ich endlich im vorderen Teil des Kopfbahnhofs anlangte, hatten die meisten meiner Mitreisenden schon den Ausgang erreicht, und die Masse von Touristen, Studenten, Arbeitern und anderen Fahrgästen, die aus dem Zug geströmt war, hatte sich verlaufen. Mein Blick glitt über die wenigen Menschen, die noch um mich herum zu sehen waren: drei Nonnen, die sich über die Ankunft einer vierten freuten, ein junger Mann, der eifrig auf seinem Blackberry tippte, und zwei junge Mädchen, die kichernd in der Ecke standen und den nächsten Zug auf diesem Gleis zu erwarten schienen. Von meiner Gastfamilie war nichts zu sehen.

Nervös kramte ich mein Mobiltelefon aus der Tasche und drückte auf die gespeicherte Nummer der Familie Scarpa. Nach vier Klingellauten antwortete ein Anrufbeantworter und bat darum, eine Nachricht zu hinterlassen. In meinem besten Italienisch, das meine Mutter mir jeden Sonntagnachmittag mit ihren Sprachkassetten eingetrichtert hatte, erklärte ich, dass ich auf dem Bahnsteig warten würde. Nachdem ich aufgelegt hatte, setzte ich mich erschöpft auf einen meiner beiden Koffer und starrte auf die riesige Bahnhofsuhr über der Anzeigetafel. Selbst der Sekundenzeiger schien im Schneckentempo seine Runde zu drehen. Ich nahm ein Buch aus meinem Rucksack und versuchte zu lesen, aber bei jeder Person, die sich dem Bahnsteig näherte, blickte ich auf und erwartete, endlich ein freundliches Gesicht zu sehen, das sich für die Verspätung entschuldigen und mich abholen würde. Doch nichts dergleichen geschah.

Nach etwas mehr als einer Stunde beschloss ich, die Adresse der Scarpas aus meinem Rucksack zu holen und mich selbst auf den Weg zu machen. Angst stieg in mir auf. Hatten die Scarpas ihre Meinung geändert und vergessen, mir zu sagen, dass sie jemand anderes gefunden hatten? War alles nur ein Scherz gewesen?

Vielleicht half mir die Panik, die sich langsam in mir breitmachte, meine schweren Koffer unter Einsatz all meiner Kräfte die breite Treppe zur Vaporetto-Haltestelle hinunterzuschleppen. Unzählige Male hatte ich von den Vaporetti, den öffentlichen Transportbooten, die sozusagen die Wasserbusse der Stadt waren, gehört und mir ausgemalt, wie es sein würde, eines zu benutzen. Doch nun konnte ich weder die Vaporetti noch den so lang ersehnten Anblick der Stadt genießen. Mir entgingen das geschäftige Treiben von Booten die an- und ablegten, die Eleganz der sanft schaukelnden Gondeln, die an Pfählen angebunden waren, und die Schönheit der Paläste, die sich zu meiner Linken entlang des Canal Grande aneinanderreihten. Meine ganze Aufmerksamkeit galt allein den Koffern, meinen jetzt schon entkräfteten Armen und dem Vaporetto-Ticketstand.

Endlich erreichte ich das Häuschen vor der Ablegestelle, reihte mich in die Schlange ein, um dem Verkäufer dann endlich die Adresse meiner Gastfamilie unter die Augen zu halten, die – wie in Venedig üblich – nur einen Stadtteil und eine Nummer zeigte, aber keinen Straßennamen. Ohne viel Hoffnung fragte ich mich, ob er daraus schlau werden würde. Doch der Mann musterte mich freundlich, identifizierte mich sofort als Ausländerin und antwortete mir, ohne zu zögern, allerdings so langsam er konnte und in einfachstem Italienisch: »Sie müssen das Vaporetto Linie 1 bis San Angelo nehmen und dann bis zum Campo Santo Stefano laufen. Dort fragen Sie den Mann in der Bar Sport. Er wird Ihnen sagen können, welches Haus es ist.«

Vaporetto, Linie 1, eine niedrige und laute Barkasse, legte drei Minuten später an. Ich setzte mich erschöpft auf einen der Plastikstühle im Heck. Trotz der winterlichen Kälte klebten meine Haare auf meiner Stirn, und es fühlte sich an, als würden Schweißbäche unter meinem dicken Parka meinen Rücken hinabfließen. So hatte ich mir meine Ankunft wahrlich nicht vorgestellt, aber wenigstens war die Panik durch Müdigkeit und Resignation verdrängt worden, und ich beschloss, was auch kommen würde, wenigstens diesen Augenblick zu genießen. Nie wieder würde ich Venedig zum ersten Mal sehen. Ich wollte mir diesen speziellen Moment nicht von einer schlechten Laune verderben lassen.

Der Anblick, den ich nun endlich entlang des Canal Grande wahrnehmen konnte, war überwältigend: Grandiose Palazzi mit reich verzierten Balkonen und Fassaden schienen sich in ihrem Prunk übertreffen zu wollen. Gondeln wurden geschmeidig und ohne sichtbare Anstrengung von selbstbewussten Männern an uns vorbeigesteuert. Schneidige Motortaxis pflügten durch das Wasser, einen Schweif aus schäumender Gischt hinter sich herziehend. Vaporetti kreuzten mit lauten Motoren den Canal, um an einer der schwimmenden Ponton-Haltestellen anzuhalten, die durch die Bewegungen der vielen unterschiedlichen Boote hektisch auf und ab wippten. Wartende Passagiere, die sich auf diesen Plattformen befanden, glichen gelassen und graziös die unsteten Bewegungen durch kaum wahrnehmbare Verlagerungen ihres Gewichtes aus. Es war faszinierend zu sehen, wie allem und jedem eine Form höchster Eleganz und Schönheit innewohnte.

Langsam dämmerte es, und in einigen der Paläste gingen die ersten Lichter an. Ich entdeckte drapierte Vorhänge, kostbare Deckenbemalungen und seidenbespannte Wände. Unweigerlich stellte ich mir vor, wie es sein musste, in einem solchen Palazzo zu leben. Wer waren die Menschen, die es sich leisten konnten, in solchen Häusern zu wohnen? Waren sie glücklicher als ich, weil sie in diesem Luxus schwelgten und ein solches Panorama tagtäglich sehen konnten? Wovon konnten diese Menschen noch träumen, sie, die doch schon alles zu besitzen schienen. Und ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob ich in meinen Monaten als Au-pair jemals die Chance bekommen würde, einmal einen solchen Palazzo betreten zu dürfen.

Meine Tagträume wurden unterbrochen, als das Vaporetto langsam an einer Art Fährboot, das einer Gondel glich, vorbeifuhr, auf dem mehrere elegante Menschen den Canal Grande überquerten. Kamen diese Menschen von der Arbeit? Sie hatten Aktenkoffer und Rucksäcke bei sich, wie man es von normalen Menschen erwarten würde, die einer regulären Arbeit nachgingen. Aber in Anbetracht dieser Kulisse, die mich mehr an ein Theater als an eine Stadt erinnerte, wirkten sie surreal und fehl am Platz. Eine mondäne Venezianerin neben mir zog fröstelnd den Kragen ihres Pelzmantels hoch und bearbeitete dann erneut angestrengt die Tastatur ihres Mobiltelefons, während wir langsam die Rialtobrücke passierten. Es erschien mir unfassbar, dass sie die um uns herrschende Schönheit nicht wahrnahm, und es wurde mir bewusst, dass man wohl trotz dieser Pracht nach einer Weile abstumpfte, wenn der Anblick zur Gewohnheit wurde.

Das Boot traf in San Angelo ein. Ich hievte meine Koffer über die Landebrücke hoch in eine enge Gasse, die kaum genug Platz aufwies, um das Gepäck hinter mir herzuziehen. Es dauerte keine fünf Minuten, bis sich meine schlimmste Befürchtung erfüllte und ich auf die erste zierliche Brücke traf. Meine ganze Kraft aufbietend, schleppte ich erst den einen und dann den anderen Koffer über die Stufen, um auf der anderen Seite meinen Weg fortzusetzen. Diese Prozedur wiederholte sich in den nächsten zehn Minuten weitere drei Male, und schon fing ich an zu zweifeln, ob ich den richtigen Weg genommen hatte. Ich stöhnte bei dem Gedanken, umkehren zu müssen, als ich mich endlich auf einem großen Platz wiederfand und vor mir im leicht aufkommenden Nebel die Bar Sport erblickte.

Erschöpft trat ich durch die beschlagene Glastür, an der noch mehrere Faschingsdekorationen des soeben vergangenen Carnevale hingen, und trat unter dem Klingeln mehrerer Glöckchen ins Innere. Meine Arme zitterten vom langen Ziehen und Tragen.

»Entschuldigen Sie.« Ich lehnte mich außer Atem an den Tresen. »Dürfte ich Sie bitte etwas fragen?«

Der dicke Barista drehte sich mürrisch zu mir um, sagte aber nichts.

»Wo finde ich bitte diese Adresse?« Ich zeigte ihm meinen Zettel.

Ohne zu zögern, deutete der Mann aus dem Fenster zu einer Gasse und machte mir mit der Hand das Zeichen für eine zwei, um dann nach links zu zeigen. Ich sollte wohl diesen Weg bis zur zweiten Gasse links gehen und dort abbiegen. Überrascht realisierte ich, dass niemand in dieser Stadt Stadtpläne zu verwenden schien, und ich kann mich jetzt noch erinnern, wie altmodisch und unpraktisch ich diese Art der Wegbeschreibung damals fand. Ich wusste noch nicht, dass Pläne jeder Art nicht zu dieser Stadt passten und dass es oft der Umweg war, der einen schneller oder einfach besser ans Ziel führte.

Ich bedankte mich beim Barmann und wollte wieder meine Koffer hochhieven, um zum Ausgang zu wanken, als er ungefragt ein kleines Glas vor mir abstellte und es mit Weißwein füllte.

»Für den Weg.«

Ich schüttelte den Kopf, da ich so gut wie nie trank, aber sein Gesichtsausdruck zeigte mir, dass er keinen Widerstand duldete. So trank ich in fast schon gierigen Zügen das Glas aus und musste mir eingestehen, dass ich mich endlich um einiges besser fühlte.

»Wie viel macht es?«

Abschätzig schüttelte er den Kopf und bedeutete mir, dass es aufs Haus ging. Mein Anblick musste wirklich jämmerlich sein.

Die Koffer wieder in meinen schmerzenden Händen, verließ ich die Bar und erreichte nach einigen Minuten ein hohes Gebäude, das im Gegensatz zu den Nachbarhäusern, erst vor kurzem neu verputzt worden war und in hellen Ockerfarben vor mir aufragte. Müde lehnte ich mich an die Hauswand und entdeckte neben der verzierten hölzernen Eingangspforte ein bronzenes Klingelschild mit sechs Knöpfen. Erfreut stellte ich fest, dass im Gegensatz zu den meisten anderen Wohnungen beim Knopf der Scarpas ein Name eingetragen war. Eine Stimme ertönte aus der Sprechanlage: »Wer ist da?«

»Alice Breuer.«

»Oh, mein Gott.«

Die schrille Stimme, die diesen Ausruf getätigt hatte, verstummte, und ein Summer war zu hören. Entschlossen drückte ich die Tür auf. Vor mir lag eine enge Treppe, und dem Klingelschild nach vermutete ich, dass sich die Wohnung der Familie im obersten, dem vierten Stock befand. Ich schloss die Augen, um all meine Kraft zusammenzunehmen und die Koffer nach oben zu ziehen, als ich jemanden auf der Treppe nach unten springen hörte. Die mir nun schon bekannte Frauenstimme schrie von oben: »Giorgio! Hilf ihr mit dem Gepäck!«

Erleichterung machte sich in mir breit. Denn es war wohl kaum zu erwarten, dass der Sohn der Familie mir dabei helfen würde, das Gepäck nach oben zu bringen, wenn ich nicht doch gebraucht würde. Schon tauchte vor mir ein schlaksiger braunhaariger Junge von zwölf Jahren auf, der mir lächelnd seine Hand entgegenstreckte.

»Giorgio Scarpa.«

Ich schlug in seine Hand ein und erwiderte meinen Namen.

Zusammen schoben und hoben wir den ersten Koffer bis in den vierten Stock, wo mich eine attraktive, aber etwas zu stark geschminkte Frau von Mitte dreißig empfing. Anscheinend hatte ich sie während einer kurzen Siesta gestört, da sie nur mit einem eleganten weißen Seiden-Morgenrock bekleidet war.

»Ich bin Ilaria Scarpa und das«, sie deutete auf den kleinen Jungen, der neben ihr aufgetaucht war und mich mit großen braunen Augen anstarrte, »das ist Frederico, mein jüngster Sohn.«

Sie gab dem Kind, das laut der E-Mails zehn Jahre alt sein sollte, aber wesentlich jünger wirkte, einen leichten Knuff in den Arm. Frederico reichte mir schüchtern die Hand, um sich im gleichen Augenblick wieder abzuwenden und mit seinem Bruder in das Fernsehzimmer zu verschwinden. Signora Scarpa aber streckte mir mit theatralisch ausschweifender Gestik ihre magere Hand entgegen.

»Entschuldigen Sie bitte, dass ich völlig vergessen habe, dass Sie heute ankommen, Allegra. Es ist einfach zu viel los. Erst der Carnevale, dann die Einweihung des neuen Anbaus der Fondazione Fernandi und heute Abend die Einladung des Schweizer Konsuls. In dieser Stadt kommt man einfach zu nichts.« Sie seufzte laut auf und strich sich durch ihre roten Locken. »Ich bin eigentlich aus Mailand, und da lässt man sich mit den Einladungen wenigstens ein paar Tage Zeit, schließlich sind es ja in einer solchen Kleinstadt wie Venedig immer dieselben Gäste, die eingeladen werden. Man müsste wirklich nicht einen solchen Stress veranstalten!«

Mit diesen Worten drehte sie sich um, ohne mir die Gelegenheit zu geben, meinen Namen zu korrigieren, und bedeutete mir mit einem Wink einzutreten. Zögernd betrat ich das Apartment und folgte ihr in einen Gang, der mit wahrscheinlich kostbaren, antiken Möbeln so zugestellt war, dass man ihn kaum passieren konnte. Mehrere verschlossene Türen gingen davon ab, schließlich gelangten wir in einen Salon. Große geblümte Sofas mit lässig drapierten Kissen waren um einen modernen Glastisch gestellt, auf dem ein gigantisches Blumenbouquet thronte, an der Wand hingen goldgerahmte Ansichten von Venedig, und über allem schwebte ein enormer Kronleuchter aus Muranoglas. Ich war angesichts der protzigen Pracht sprachlos.

Mit einer lässigen Handbewegung wies Signora Scarpa mich an, auf einem der drei Sessel Platz zu nehmen, und ließ sich selbst auf das geblümte Sofa fallen.

Leise versuchte ich einen Einwand anzubringen: »Ich habe noch einen Koffer unten an der Tür abgestellt.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ist die Haustür zu?«

»Ich glaube, ja.«

»Dann besteht kein Grund zur Sorge. Wir sind hier in Venedig, hier kommt nichts weg – nicht mal in fünfhundert Jahren.« Sie kicherte. Eine übertriebene Heiterkeit lag in ihrer Stimme, die in mir den Eindruck erweckte, dass Venedig für sie etwas Lächerliches an sich haben musste. Warum wohnte sie bloß hier, wenn es ihr anscheinend so wenig gefiel?

»Mein Mann kann den Koffer hochbringen, wenn er gleich nach Hause kommt.«

»Aber …« Ich dachte an meine Tagebücher und Fotos – meinen ganzen Besitz und alle damit verbundenen Erinnerungen. »Ich möchte ihn lieber gleich hochbringen.« Schüchtern fügte ich an: »Dann kann ich auch auspacken.«

Sie zuckte erneut die Schultern, aber ihr aufgesetztes Lächeln verschwand und verwandelte sich in einen Ausdruck abfälligen Erstaunens. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können, und rufen Sie mich, wenn Sie wieder oben sind.«

Signora Scarpa erhob sich. Es war ersichtlich, dass sie alles an mir nur umständlich fand – meine Ankunft, mein Gepäck, mein Benehmen. Ich folgte ihr aus dem Zimmer, und nachdem ich wahrgenommen hatte, dass mit Giorgio als Hilfe nicht mehr zu rechnen war, da er zusammen mit seinem Bruder gebannt im Nachbarzimmer eine amerikanische Serie im Fernsehen verfolgte, machte ich mich allein auf den Weg nach unten, um meinen zweiten Koffer zu holen. Nach zehn Minuten hatte ich es endlich geschafft, alles Gepäck in den vierten Stock zu hieven, und betrat das Apartment erneut. Von meiner Gastgeberin war nichts zu sehen.

»Signora Scarpa?«

Mein Ruf hallte durch das Apartment. Nach ein paar Momenten erschien Ilaria Scarpa mit einem ungeduldigen Gesichtsausdruck in einer der Türen. Sie hatte sich umgezogen und war nun in eine cremefarbene Seidenbluse sowie einen dazu passenden hautengen Rock gekleidet. Mit einer Bewegung ihrer stark beringten Hand bedeutete sie mir schweigend, während sie eine Haarnadel aus dem Mund nahm, um diese in ihrem Haar zu fixieren, ihr in ein weiteres Zimmer zu folgen. Ich betrat hinter ihr den Raum und stellte fest, dass es sich um das Speisezimmer handelte. Acht zierliche, antike Stühle waren um einen ebenso kostbaren und alten Tisch arrangiert und wurden von einem weiteren Muranokronleuchter erleuchtet. Erstaunt überlegte ich mir, dass der Leuchter wahrscheinlich größer als meine gesamte Küche in Teltow war.

Meine Gastgeberin wies mich erneut an, mich zu setzen, und nahm mir gegenüber Platz.

»Es tut mir wirklich furchtbar leid, dass ich heute nicht am Bahnhof war, aber wissen Sie«, sie seufzte theatralisch, »ich habe so viele gesellschaftliche Verpflichtungen, und da kommt es leider ab und zu vor, dass ich mich im Datum irre oder einfach etwas vergesse.«

Ich nickte, aber sie schien gar keine Reaktion von mir zu erwarten.

»Mein Mann ist es eigentlich, der die Au-pair-Mädchen einweist. Leider ist er noch nicht da, und ich muss auch gleich weg, aber Sie werden sich schon gut zurechtfinden, Allegra. Schließlich sind ja auch noch Giorgio und Frederico da, wenn Sie irgendwelche Fragen haben.«

Zum zweiten Mal hatte sie mich mit einem falschen Namen angeredet. Vorsichtig berichtigte ich sie: »Mein Name ist Alice, nicht Allegra.«

»O ja, entschuldigen Sie. Natürlich, Alice.« Sie fuhr sich zerstreut durch die roten Haare. »Also, wie gesagt, wir haben viele Verpflichtungen und wenig Zeit. Wir verlassen uns also ganz auf Sie. Volle Verantwortung! Sie verstehen?«

Mit ihren großen geschminkten Augen sah sie herablassend auf mich herab, und ich war mir nicht sicher, ob sie meinte, dass mein Italienisch nicht gut genug war, um sie verstehen zu können, oder ob sie mich für begriffsstutzig hielt.

»Aber ja, ich verstehe. Verlassen Sie sich nur ganz auf mich«, antwortete ich ihr demütig.

Signora Scarpa lächelte mich an. »Na, das ist ja wunderbar. Dann könnten Sie vielleicht schon heute Abend aushelfen? Ich meine, ich muss jetzt unbedingt zu einer wirklich wichtigen Veranstaltung, und wir haben leider keinen Babysitter gefunden. Die Kinder müssten noch etwas essen. Eigentlich hätte sich mein Mann geopfert und wäre zu Hause geblieben, aber könnten Sie nicht schon gleich heute anfangen? Sie wollten doch nicht weggehen, oder?«

So hatte ich mir meinen ersten Abend in Venedig eigentlich nicht vorgestellt. Ursprünglich hatte ich mir ausgemalt, ein wenig durch die Gassen zu schlendern und vielleicht irgendwo meine erste echte italienische Pizza zu essen, aber Signora Scarpas Blick machte mir klar, dass ein Nein für sie nicht in Frage kam.

Mit einem erzwungenen Lächeln nickte ich. »Aber natürlich. Ich mache es gerne.«

»Sie sind ein Schatz!«

Signora Scarpa drückte mich an sich, hauchte zwei Küsse auf meine Wangen und erhob sich.

»Wir sehen uns dann morgen wieder … Alice.«

Sie war im Begriff, sich zu verabschieden, ohne mich auch nur im Geringsten eingewiesen zu haben.

»Dürfte ich Sie bitte fragen, wo mein Zimmer ist?«, wagte ich leise vorzubringen. Ich war von mir selbst erstaunt, wie gefasst ich ihr komplettes Desinteresse an mir, meiner Reise und an meinem Wohlergehen ertrug.

Signora Scarpa schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Ach natürlich! Sie kennen ja die Wohnung noch gar nicht!«

Sie trippelte in Louis-Vuitton-Stilettos, die ich bisher nur aus amerikanischen Fernsehserien kannte, vor mir zum Korridor, während sie weitersprach.

»Also, das Apartment hat vierzehn Zimmer, von denen sich zwölf auf diesem Stockwerk befinden, eines ist im Erdgeschoss – aber da bewahren wir eigentlich nur das Gerümpel auf –, und ein Zimmer liegt im Dachgeschoss.«

Sie trat zu einem schweren roten Samtvorhang, den sie zur Seite zog und der den Blick auf eine schmale hölzerne Wendeltreppe mit abgetretenen Stufen freigab.

»Das Au-pair-Zimmer befindet sich dort oben.« Ihr Blick fiel auf ihre Uhr. »Ich muss jetzt leider gehen. Sie schaffen es ja sicherlich allein. Bis später.«

Ohne mich noch einmal anzusehen, drehte sie sich um, stöckelte zu einem Schrank, um sich eine Pelzstola herauszuangeln, griff nach einer ledernen Handtasche mit diversen Goldschnallen, die auf dem Sideboard gelegen hatte, und zog die Haustür hinter sich ins Schloss. Fassungslos sah ich ihr nach. Mit einer solchen Frau sollte ich die nächsten sechs Monate verbringen? Nur langsam und zögerlich schob ich den Vorhang zur Seite und stieg die Treppe hinauf. Ich dachte wehmütig an mein gemütliches Apartment in Teltow, das ein gefühltes Leben lang mein Zuhause gewesen war. In mir stieg die Gewissheit auf, dass es ein Fehler gewesen war, in diese Stadt zu kommen, um hier zu arbeiten.

Als ich die dünne, nur noch teilweise mit blättriger weißer Farbe bedeckte Sperrholztür sah, die meine Unterkunft vom Treppenhaus abgrenzte, machte ich mich auf ein Sammelsurium alter, abgeschrammter Möbel gefasst. Mein Atem stockte, als ich die Klinke herunterdrückte.

Doch der Anblick, der sich mir bot, war überwältigend. Mein Blick streifte nur kurz ein altersschwaches Doppelbett und einen hässlichen Metalltisch mit unpassendem orangefarbenem Plastikstuhl, bis ich, gebannt vom atemberaubenden Anblick, der sich mir durch ein drei Meter breites, staubiges Panoramafenster bot, innehielt. Venedig lag mir zu Füßen. Berauscht begriff ich, dass dieser Teil des Hauses wohl mal ein Künstleratelier gewesen war. Über Hunderte von Dächern konnte ich bis zum Canale della Giudecca, der Kirche San Giorgio Maggiore und bis zur Lagune sehen. Trotz der eintretenden Dunkelheit erkannte ich Boote, die sich mit ihren grünen und roten Lichtern der Stadt näherten, und ein imposantes weißes Kreuzfahrtschiff, das bunt illuminiert in See stach. Ich bemerkte die Lichter von Inseln und weiteren Schiffen und sah, wie sich eine zarte Nebelbank wie ein Schleier langsam vor den Horizont schob.

Vorsichtig näherte ich mich dem Fenster und stellte fest, dass es an einer Stelle einen beweglichen Teil gab, der sich als Tür öffnen ließ und auf eine kleine, etwas morsche Terrasse führte. In Stadtführern über Venedig hatte ich von solchen Konstruktionen, sogenannten Altanen, gelesen, die in früheren Zeiten den wohlhabenden Damen der Stadt zum Bleichen ihrer Haare gedient hatten. Nun befand ich mich selbst auf einer solchen – recht wackeligen – Konstruktion, die sich nur mit ein paar Balken auf das Dach aufzustützen schien. Normalerweise hätte ich den Altan aus Vorsicht lieber nicht betreten, aber magisch vom grandiosen Ausblick angezogen, zögerte ich keinen Augenblick und trat ins Freie. Der Wind strich durch meine Haare. Ich nahm die Gerüche der Stadt und des Meeres in mich auf und konnte mich gerade noch beherrschen, nicht die Arme auszustrecken und mich wie im Film Titanic zu fühlen. An diesem hoch erhobenen und einsamen Ort schien ich die Herrscherin Venedigs zu sein. Was interessierte mich noch, wie schön oder hässlich das Zimmer war oder wie unfreundlich die Scarpas sich gaben, wenn ich nur diese Aussicht genießen konnte!

Fröstelnd, aber überglücklich trat ich zurück ins Zimmer und begann meinen Rucksack auszupacken. Die Koffer würde ich später aus dem Stockwerk der Scarpas hochzerren, falls dies bei der engen Wendeltreppe überhaupt möglich war. Ich sah mich um. Außer dem Bett, dem Plastikstuhl und einem Tisch, der über und über mit Farbklecksern bedeckt war, bot das Zimmer einen senfgelben Linoleumboden, einen wackeligen Schrank aus den fünfziger Jahren und eine Tapete, die sich an mehreren Stellen von der Wand löste. An der Decke baumelte eine Lampe aus grünem Glas.

Noch immer fröstelte es mich, und mir wurde bewusst, dass es, außer einem kleinen Elektrowärmer neben der Tür, keine Heizung gab. Ich konnte nur froh sein, dass es März war und ich auf wärmere Temperaturen hoffen konnte.

Nachdem ich zum hinteren Teil des Zimmers gegangen war, entdeckte ich eine weitere, ebenso nachlässig gestrichene, dünne Sperrholztür, die in ein winziges Badezimmer führte. Das Bad war mit einem WC und einer Dusche ausgestattet, wobei Letztere nur aus einem Abfluss im Boden und einem dünnen ausgeblichenen Plastikduschvorhang bestand. Das Toilettenpapier musste man wohl, wenn man duschte, zur Seite räumen, um es nicht komplett zu durchfeuchten.

Mein Blick fiel auf den Spiegel, der über dem Waschbecken angebracht war. Im Spiegelbild erblickte ich die schlanke, blasse, junge Frau mit den etwas zu weit auseinanderstehenden tiefgrünen Augen und langen aschblonden Haaren. Im Gegensatz zu den schicken Venezianerinnen, die ich bisher in der Stadt gesehen hatte, war ich ein hässliches Entlein. Ich lächelte mein Spiegelbild an – es bestand nun wirklich keinerlei Gefahr, dass ein Venezianer sich für mich interessieren würde. Die Frau im Zug hätte es besser wissen sollen.

Nachdem ich meinen Rucksack verstaut hatte, holte ich meine restlichen Sachen. Die Kinder saßen immer noch vor dem Fernseher und sahen nun eine Reality-Show, als ich meine Koffer durch den Gang wuchtete. Gerade wollte ich sie fragen, was sie sich zum Abendessen wünschten, als ich eine Stimme hinter mir vernahm und mich umdrehte.

»Sie sind wohl Signorina Breuer?«

Ein attraktiver Mann von Ende vierzig mit silbrig meliertem schwarzem Haar und in einem kastanienbraunen, maßgeschneiderten Anzug streckte mir seine Hand entgegen.

»Mein Name ist Luca Scarpa.«

Dankbar erwiderte ich sein freundliches Lächeln und nickte.

»Haben Sie sich schon alles angesehen? Das Zimmer ist vielleicht nicht so wohnlich, aber der Altan!« Er machte eine ausladende Geste der Begeisterung, die mich an die Theatralik seiner Frau erinnerte. »Der Altan ist ein wunderbarer Ort. Finden Sie nicht auch?«

Meine Meinung schien ihn nicht wirklich zu interessieren, denn schon redete er weiter.

»Aber vergessen Sie vor allem nicht die Arbeit! Wir haben da schon schlechte Erfahrungen gemacht, und Sie sind ja nicht hier, um nur die Aussicht zu genießen.«

Sein Lächeln war einem harten Zug gewichen, und ich sah, dass er den Smalltalk hinter sich gelassen hatte und nun zum geschäftlichen Teil kommen wollte.

»Wie ich bereits in meiner Mail schrieb, haben wir hohe Ansprüche an unsere Au-pairs. Schließlich bieten wir Ihnen ja auch Venedig.«

Er bedeutete mir, ihm in die Küche zu folgen, während er weitersprach. Bisher hatte ich noch nicht ein Wort entgegnen können.

»Wir erwarten, dass Sie alle Einkäufe erledigen. Wir haben dafür ein Haushaltsportemonnaie, das wir streng kontrollieren. Sie werden es hier finden.« Er zeigte auf eine Küchenschublade. »Alle Ausgaben, für die Sie keine Rechnungen ablegen, werden Ihnen vom Gehalt abgezogen. Außerdem wünschen wir, dass Sie sich um das Putzen des Hauses kümmern und das Essen für die Kinder kochen. Meine Frau und ich essen so gut wie nie zu Hause. Es wird für Sie also nicht schwierig sein, und Sie dürfen natürlich mit den Kindern zusammen essen. Ich bitte Sie allerdings, mir jeden Montag eine Liste der Gerichte zu geben, die Sie für die Woche planen. Wir hatten nämlich schon einmal ein Au-pair, das jeden Tag nur Pfannkuchen machte. Die Jungen haben sich erst nach zwei Monaten beschwert, aber natürlich erwarten wir mehr Abwechslung und eine gesündere Kost.«

Wieder wies er mich an, ihm zu folgen, diesmal ins Wohnzimmer zu den Jungen.

»Sie sind für die Hausaufgaben von Giorgio und Frederico verantwortlich.« Er deutete auf die beiden. »Ich wünsche, dass Sie diese sorgfältig und gewissenhaft, zusammen mit den Kindern, jeden Tag machen. Das Gleiche gilt für die Klavierübungen von Giorgio und für Fredericos Cello. Mittwoch haben die Kinder Unterricht. Sie müssen hingebracht werden, damit sie rechtzeitig ankommen und nicht schwänzen. Meine Frau wird Ihnen das erste Mal zeigen, wo die Lehrer wohnen, ab dann bringen Sie die Kinder hin. Und vor allem müssen die Jungen selbstverständlich jeden Tag mindestens dreißig Minuten üben. Es ist erforderlich, dass Sie sich dabei neben sie setzen. Spielen Sie ein Instrument?«

»Nein, leider nein.« Meine Mutter hatte sich kaum das Schulmaterial leisten können, ganz zu schweigen von teuren Instrumenten und Musikstunden.

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern.

»Nun, man kann ja nicht alles haben.« Er schien zu überlegen. »Ansonsten ist das fürs Erste alles. Hier sind die Schlüssel.« Er überreichte mir einen Schlüsselbund mit diversen altertümlichen Schlüsseln. »Briefkasten, Haustür, Wohnungstür und einen Schlüssel zum Abstellraum im Erdgeschoss, wo sich Koffer und Taschen befinden.«

Er schien sich schon abwenden zu wollen, als ihm noch etwas einfiel.

»Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen – wir haben sehr viele gesellschaftliche Verpflichtungen. Ich bin Notar, und meine Frau ist Vorsitzende einer der wichtigsten Stiftungen von Venedig. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie die Kinder, wenn wir außer Haus sind, betreuen. Das abendliche Babysitten ist fester Bestandteil unseres Arrangements mit Ihnen. Ihr einziger freier Tag wird Sonntag sein. Haben Sie sonst noch Fragen?«

Benommen stand ich vor ihm.

Vieles von dem, was er mir gesagt hatte, war in den E-Mails, die ich von den Scarpas erhalten hatte, nicht einmal ansatzweise angedeutet worden. Aber was half es jetzt, damit zu hadern, dass diese Familie ihre Au-pairs ausnutzte und als billiges Hauspersonal sah? Ich war nicht nach Venedig gekommen, um schon wieder abzureisen. Daher zwang ich mich, an den Altan und die herrliche Aussicht zu denken. Sollte es mir doch gleich sein, dass ich abends nicht ausgehen konnte. Ich würde in meiner Traumstadt wohnen können und sie bewundern – was wollte ich mehr?

Ohne eine Frage zu stellen, schüttelte ich den Kopf und sagte mit leiser Stimme und gesenktem demütigem Blick: »Nein. Es ist glasklar, was zu tun ist, Signore Scarpa. Verlassen Sie sich auf mich.«

Kapitel Zwei

Mein Leben in Venedig entwickelte sich so, wie es sich schon am ersten Tag abgezeichnet hatte: Die Familie Scarpa nahm mich voll in Anspruch. Giorgio und Frederico waren nette Jungen, die mich schnell ins Herz schlossen. Was blieb ihnen auch anderes übrig bei einer Mutter, die frühestens um elf Uhr aus dem Bett kam, dann ein kleines Frühstück einnahm, um sich für einen Aperitif, eine Versammlung ihrer diversen Wohltätigkeitsvereine fertigzumachen oder in den exklusiven Boutiquen mit ihren Freundinnen zu shoppen? Man konnte es als Ausnahme ansehen, falls sie ihre Söhne mehr als zwei Stunden am Tag sah.

Signore Scarpa hingegen arbeitete hart. Er ging morgens früh in sein Büro und kam abends nicht vor sieben nach Hause. Dann versuchte er sich für die Arbeiten seiner Söhne zu interessieren oder setzte sich mit ihnen vor den Fernseher, streifte seine Schuhe ab, legte die Füße auf den Couchtisch und spielte ein Computerspiel. Meist blieb aber nicht viel Zeit, bis er mit seiner Frau zu einer Abendveranstaltung ging oder sich entschuldigte, dass er noch zu einem späten Klientenbesuch aufbrechen musste. Signora Scarpa schien dies nicht zu stören, was mir umso unverständlicher war, da nach allen abendlichen Arbeitsausflügen derselbe penetrante Parfumgeruch aus seiner Kleidung strömte.

Ich ging dazu über, die Jacken auf dem Altan auslüften zu lassen und die Wäsche so schnell wie möglich in die Waschmaschine zu stecken. Aber wenn ich ehrlich war, konnte ich ihm seine Untreue nicht übelnehmen, da seine Frau ihn eindeutig nicht liebte und ihn anscheinend nur wegen seines Status und seines Einkommens geheiratet hatte.

Die wirklich Leidtragenden waren Giorgio und Frederico, die eigentlich das Potenzial gehabt hätten, intelligente und liebevolle Kinder zu sein, aber von ihren Eltern keinerlei Aufmerksamkeit erfuhren und trotz aller Computerspiele, Pay-per-View-Sendern und teuerster Kleidung nicht glücklich waren.

Sie taten mir aufrichtig leid, und auch wenn ich – nach einem langen Tag mit Einkäufen, Kochen und Putzen – gerne müde in mein Bett gefallen wäre, brachte ich sie in ihre Schlafzimmer und führte das Ritual ein, ihnen eine Gutenachtgeschichte vorzulesen oder mir für sie Geschichten auszudenken. Während dieser Momente, wenn ich auf Giorgios Bett kauerte und meiner Fantasie freien Lauf ließ, um Räuber, Drachen und Ritter zu erfinden, dachte ich an meine Mutter zurück und bedankte mich im Stillen für ihre Erziehung. Wie oft hatte ich ihr vorgeworfen, dass wir arm waren, und hatte sie für ihre Träumereien und falschen Lebensentscheidungen getadelt. Ich hatte es gehasst, die Einzige in der Klasse gewesen zu sein, die mit einer Aldi-Tüte als Sporttasche herumlief, und hatte meine Klassenkameraden beneidet, die Nintendos und später Mobiltelefone in die Schule mitgebracht hatten. Erst jetzt begriff ich, wie sehr ich meine Mutter unterschätzt hatte und welches Geschenk sie mir mit den unzähligen gemeinsamen Stunden, dem Geschichtenerfinden und dem Vorlesen ihrer Lieblingsbücher gemacht hatte. Für mich waren keine neue Gucci-Tasche oder ein Fernseher nötig, um mich aus der harten Realität zu holen und ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit zu erlangen. Ich schloss einfach meine Augen und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Diese Flucht aus der Wirklichkeit hatte mir während der Schulzeit oft Probleme eingebracht, wenn ich mal wieder nicht der Physik- oder Mathelektion gefolgt war, sondern mich in meinen Träumen verloren hatte. Aber diese Fähigkeit war es wohl auch, die es mir ermöglichte, die ersten Wochen bei der Familie Scarpa zu überstehen. Stoisch ertrug ich ihre Zänkereien und Nörgeleien und widersprach nie.

Von Venedig selbst hatte ich allerdings bisher noch nicht wirklich etwas sehen können. Nachdem Signora Scarpa mir am ersten Tag alle für ihre Angelegenheiten wichtigen Orte gezeigt und notdürftig erklärt hatte, wann ich wo sein sollte, hatte man mich mir selbst überlassen. Meine Wege begrenzten sich allerdings in den meisten Fällen auf unser Quartier und die unzähligen Botengänge, die ich für die Scarpas erledigen durfte. Selten blieb mir nach den täglichen Aufgaben noch die Zeit, um meine eigenen Ziele anzusteuern. Spätestens nach dem Abendessen musste ich mich als Babysitter bereithalten, damit die Scarpas ausgehen konnten.

Und so erlebte ich Venedig hauptsächlich auf meinem Altan. Jeden Abend verbrachte ich, in meine alte, zerschlissene grüne Jacke, auf meinem kleinen Balkon, während ich die unzähligen Boote und das Kommen und Gehen in der Lagune, den Gassen und auf den Brücken beobachtete. Obwohl mir bewusst war, wie wenig sich mein Leben im Grunde verändert hatte, schmerzte mich dies nicht sonderlich. Ich war nicht nach Venedig gekommen, um Freundinnen zu finden. Schon in Teltow war ich mir selbst immer die beste Gesellschaft gewesen – die oberflächlichen Gespräche meiner Kolleginnen über Männer, Shopping und die besten Urlaubsorte hatten mich immer gelangweilt, und nie war mir ein Mensch begegnet, der meine Liebe für die Stille, die Schönheit des Augenblicks und den Zauber des Verträumten teilen konnte.

Es waren also nicht die menschlichen Kontakte, die ich vermisste, sondern die Tatsache, dass ich so wenig von meiner neuen Heimat sehen konnte. Je mehr Tage verstrichen, in denen ich nur immer wieder die gleichen Tätigkeiten und Wege auszuführen hatte, desto schwerer wurde mir ums Herz, und ich fürchtete, niemals wirklich die Stadt erleben zu können. Ich hasste es, mich nachmittags durch die Touristenmassen zu schlängeln, um für Signora Scarpa etwas in einem Geschäft abzuholen, ohne dabei je mehr als ein paar hundert Meter von der Wohnung entfernt zu sein. Ich verspürte Widerwillen, schwere Taschen von der Piazzale Roma zum Vaporetto zu schleppen, wenn Signore Scarpa den wöchentlichen Einkauf auf dem Festland erledigt hatte, und dabei nichts anderes zu sehen als dieselben Häuser, an denen ich immer vorbeikam. Und es waren nur die Momente, wenn ich in unserem Quartier beim Metzger, Bäcker oder bei der freundlichen Frau von der Reinigung verweilen konnte, die mir das Gefühl gaben, wirklich in Venedig angekommen zu sein.

Am Ende meiner dritten Woche bei den Scarpas saß ich wieder einmal auf dem Altan. Die Kinder waren soeben ins Bett gegangen, und meine Gasteltern waren zu einem Fest im Palazzo Barbarigo aufgebrochen. Erschöpft setzte ich mich auf die alten Planken und betrachtete die Lichter der Stadt im Widerschein des perfekten Vollmondes, dessen Licht sich im Wasser des Canale der Giudecca spiegelte. Ein paar Boote brachten Fahrgäste zu ihren Hotels. Das entfernte Geräusch von Lachen war zu hören, und ich konnte nicht umhin, darüber nachzudenken, welches wohl mein letztes Fest gewesen war? Die Abiturfeier vielleicht oder die paar Lesungen in der Buchhandlung – wenn man denn einen Stehempfang als Fest bezeichnen konnte.

Ein Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Auf einem Balkon, in einigen Metern Entfernung hatte sich eine Tür knarzend geöffnet, und ein Mann war ins Mondlicht getreten. Noch nie hatte ich diesen Balkon wahrgenommen, der mehr einer Loggia denn einem Altan glich und keine fünf Meter von mir entfernt lag. Ich zog meine Knie näher heran und kauerte mich gegen die Wand, um nicht gesehen zu werden. Es war leicht zu erkennen, dass der Fremde keine Menschen in dieser Umgebung anzutreffen erwartete. Auch wenn ich sein Gesicht nicht ausmachen konnte, sah ich, wie sein schwarzes, gelocktes Haar im Mondlicht glänzte und bis auf seine Schultern fiel. Sein Gang war aufrecht und stolz, und seine Haltung strahlte Kraft und Stärke aus, während seine Hände sanft über die Brüstung der Loggia strichen.

Er war augenscheinlich ganz in Schwarz gekleidet, ein eng anliegender Rollkragenpulli zeichnete seinen muskulösen Körper nach. Ich schätzte ihn auf Anfang dreißig. Er war ein attraktiver Mann von dem Typus, den ich schon oft bei meinen Erledigungen in den Cafés und Bars der Stadt beobachtet hatte – oberflächlich und selbstverliebt und stets auf die nächste Eroberung aus. Ein Italiener, wie es wohl auch mein Vater gewesen war.

Desinteressiert wollte ich mich wieder dem Panorama widmen, als ich eine überraschende Veränderung an dem Fremden beobachten konnte. Langsam senkte er seinen Kopf, er lehnte sich nach vorn und stützte sich mit den Armen auf die Brüstung. Statt Stärke drückten seine Züge nun Schmerz aus; einen Schmerz, der ihn niederzuringen schien. Mehrere Minuten verblieb er in dieser Position und war völlig in sich versunken. Schließlich ging ein Ruck durch seinen Körper, er richtete sich auf, drehte sich um, griff nach dem Türrahmen und trat zurück in den Raum.

Während der ganzen Zeit hatte ich es nicht gewagt, mich zu rühren, und hatte so leise wie möglich geatmet. Wer war der Fremde und was ließ ihn so verzweifeln? Ich war mir sicher, noch nie einen Mann gesehen zu haben, der zwei solch unterschiedliche Seiten gezeigt hatte.

In den nächsten Tagen ertappte ich mich dabei, in jeder freien Minute in mein Zimmer zu gehen und zur Loggia zu starren. Es verging keine Stunde, in der ich nicht an den Fremden denken musste, und ich versuchte, mir die Gründe für seine Trauer vorzustellen: eine verflossene Liebe, der Verlust eines engen Verwandten oder der finanzielle Ruin? Das Geheimnisvolle an ihm zog mich an und wirkte wie ein Magnet auf meine Fantasie. Ich musste mir eingestehen, dass ich meinen Nachbarn wiedersehen wollte.

Doch als er nach fast einer Woche noch immer nicht auf die Loggia getreten war, begannen ernüchternde Gedanken mich zu erfassen: Vielleicht war er nur ein Gast des Hauses gewesen oder ein Tourist, der eine Woche in Venedig verbracht hatte und nun abgereist war. Wahrscheinlich würde ich ihn niemals wiedersehen.

Wie immer hatte ich es mir, nachdem die Kinder versorgt und im Bett waren, auf meinem Altan gemütlich gemacht. Es war nun Ende März, und die Temperaturen fingen an, frühlingshaft zu werden. Gerade hatte ich mir ein Glas Wasser eingeschenkt, mich auf mein Sitzkissen gesetzt und betrachtete die Stadt, als ich hörte, wie die Tür der Loggia nebenan geöffnet wurde. Unwillkürlich kauerte ich mich zusammen, um nicht gesehen zu werden.

Im Licht des Halbmondes sah ich, wie der Fremde auf die Loggia trat – stockend und zögerlich. Ich konnte an seinen hängenden Schultern sofort erkennen, dass er seine Melancholie nicht verloren hatte. Langsam setzte er sich auf einen aus Korb geflochtenen Gartenstuhl, der auf der Loggia stand. Müde streckte er sich aus, sein Blick war starr auf den Sternenhimmel gerichtet.

Ich wagte nicht, mich zu rühren, doch diesmal verweilte er viel länger auf der Loggia, und als mein Bein einzuschlafen drohte, versuchte ich mich so leise wie möglich in eine andere Position zu bringen, ohne den Blick von ihm zu nehmen. Ich kam mir wie ein Voyeur vor, brachte es aber gleichzeitig nicht fertig, mich abzuwenden oder ihn anzusprechen.

Fast hatte ich es geschafft, mich wieder hinzusetzen, als mein Fuß die nun leere Plastikwasserflasche, aus der ich mir eingeschenkt hatte, umstieß. Mit einem hohlen Geräusch fiel sie auf die Planken des Altans und rollte ins Innere. Mein Atem stockte. Er würde mich entdecken.

»Wer ist da?«

Seine Stimme klang tief und kräftig durch die Nacht. Er hatte sein Gesicht zu mir gewandt und sah mir direkt in die Augen. Endlich konnte ich sein fein geschnittenes, aber dennoch männliches Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem energischen Kinn erkennen. Er war der attraktivste Mann, dem ich je begegnet war, und seine dunklen Augen schienen mich förmlich zu durchbohren. Verschämt senkte ich meinen Blick und war im Begriff, eine Entschuldigung zu murmeln, als ein Zweifel mich durchfuhr. Warum hatte er mich nicht direkt angesprochen? Ich sah wieder auf, und zu meinem Erstaunen hatte er seinen Blick wieder den Sternen zugewandt und schien in sich versunken zu sein. Er musste mich gesehen haben. Warum hatte er zuvor nichts gesagt? War er zu höflich?

Ich beobachtete ihn weiter. Schließlich stand er auf und ging langsam zurück ins Innere, während er sich am Türstock abstützte.

Verwirrt blieb ich auf dem Altan zurück.

Als ich am frühen Morgen übermüdet in die Küche trat, stellte ich erfreut fest, dass Signore Scarpa noch nicht das Haus verlassen hatte. Er hielt die neuste Ausgabe der Wirtschaftszeitung 24 ore in der Hand, deren seltsame, lachsrosa Farbe mir für eine Wirtschaftszeitung lächerlich vorkam, und war im Begriff zu gehen. Meine Stimme zitterte, als ich ihn ansprach.

»Signore Scarpa, dürfte ich Sie etwas fragen?«

E

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nur mit deinen Augen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen