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Nur in den Nächten gehörst du mir

1. KAPITEL

„Auf die Debs!“, sagte Abby Baldwin Talbot und hob ihr Champagnerglas, um auf das Wohl der fünf Frauen zu trinken, die ihre besten Freundinnen waren.

„Ja, auf uns. Das haben wir gut gemacht!“, stimmte Felicity zu, und die anderen Frauen hoben ebenfalls ihre Gläser.

Abby sah von einer zur anderen und lächelte sie der Reihe nach an. Sie waren die Gründungsmitglieder des Deb-Klubs. Als Mädchen hatten sie gemeinsam die Eastwick Academy besucht und zusammen ihre Einführung in die Gesellschaft Eastwicks überstanden. Emma, Mary, Felicity und Abby kannten sich schon seit ewigen Zeiten, und ihre Verbindung zueinander war durch nichts zu zerstören.

Dennoch waren die Freundinnen, die sich seit Jahren regelmäßig im Emerald Room des Eastwick Country Clubs trafen, offen genug gewesen, vor nicht allzu langer Zeit zwei neue Mitglieder in ihrem engen Kreis willkommen zu heißen. Lily und Vanessa hatten sich nahtlos in ihre eingeschworene Gemeinschaft eingefügt. Und jetzt konnte Abby sich ihr Leben ohne all diese Frauen überhaupt nicht mehr vorstellen.

Ganz besonders jetzt, dachte sie, sprach es aber nicht laut aus. Da alles in ihrem Leben schiefzulaufen schien, brauchte sie die Vertrautheit und Zuneigung, die sie bei ihren Freundinnen fand, mehr denn je.

„Okay, ich hasse es, diesen Moment zu beenden“, sagte Mary mit einem kurzen Grinsen. „Aber sosehr ihr mir auch alle am Herzen liegt, möchte ich mir einen Tanz mit Kane sichern.“ Ihr Lächeln wurde ein wenig zaghafter. „Bist du in Ordnung, Abby?“

„Mir geht es blendend“, log Abby und lächelte strahlend. Sie nahm noch einen Schluck Champagner, um ihre trockene Kehle zu befeuchten. „Geh und tanz schön.“

„Das klingt wirklich gut“, stimmte Felicity zu und schloss sich Mary an.

„Ich folge euch auf dem Fuß“, sagte Vanessa und warf dann einen Blick auf die verbleibenden drei Frauen, die im hinteren Teil des Ballsaals des Country Clubs standen. „Kommt ihr auch mit, Mädels?“

„Aber ja“, antwortete Lily und strich unnötigerweise den Rock ihres Abendkleides glatt.

„Ich werde in ein paar Minuten nachkommen“, meinte Abby zu ihren Freundinnen. „Ich möchte einfach noch ein bisschen hier im Hintergrund stehen und die Party beobachten.“

„Okay“, sagte Vanessa und deutete dann mit dem Zeigefinger auf sie. „Aber wenn du in einer Viertelstunde nicht auf der Tanzfläche auftauchst, komme ich zurück, um nach dir zu sehen.“

Abby nickte. „Das ist mal eine Warnung …“

Vanessa und Lily gingen los und verschwanden in der Menge. Abby holte tief Luft. Es war ungeheuer anstrengend für sie, um der Menschen willen, die sie so gern hatte, ein unbeschwertes, fröhliches Gesicht aufzusetzen. Aber sie würde diese Party, für die sie alle so hart und engagiert gearbeitet hatten, nicht ruinieren, verdammt! Mit diesem festen Vorsatz sah sie ihre Freundin an. „Du hast hier wirklich tolle Arbeit geleistet, Emma.“

„Du meinst, wir haben hier tolle Arbeit geleistet“, konterte Emma, während sie ihren Blick durch den Ballsaal schweifen ließ, in dem sich die Gäste drängten.

Es schien, als wäre jeder in Eastwick in diesem Herbst zum jährlich stattfindenden Autumn Ball gekommen. An den Hälsen, Handgelenken und Fingern glitzerten Diamanten um die Wette. Es war so viel Schmuck zu bewundern, dass der Chef eines Sicherheitsunternehmens die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte über so viel Unbekümmertheit. Die Frauen trugen Abendkleider in leuchtenden Farben – fast so, als ob sie versuchen würden, den Herbst bunter zu machen und den vor der Tür stehenden Winter zu verbannen. Sie begrüßten sich mit Umarmungen und durch Küsschen auf die Wange, um dann mit ihren Freundinnen über alle anderen im Saal zu reden. Männer im Smoking standen in kleinen Gruppen beieinander und unterhielten sich wahrscheinlich über Football oder den Aktienmarkt oder über irgendetwas anderes, das Männer sonst noch faszinierend fanden.

Der Abend versprach ein voller Erfolg zu werden, und Abby war stolz darauf, dass der Deb-Klub es geschafft hatte, dem alten Country Club an diesem Abend einen besonderen Glanz zu verleihen. Der Ballsaal war in warmes weiches Licht getaucht. Eine Live-Band spielte gediegene Tanzmusik, gemischt mit ein paar Rock-and-Roll-Songs, um dem Ganzen mehr Tempo und Pep zu verleihen. Eine Champagnerfontäne – klebrig, aber imposant – stand mitten im Raum, und korrekt gekleidete Kellner bahnten sich mit Tabletts ihren Weg durch die Menge und boten den Gästen kunstvoll arrangierte Kanapees an.

Der Deb-Klub. Abby lächelte, als sie daran dachte, dass sie und ihre Freundinnen sich zu Ehren des Abends, an dem sie als Debütantinnen bei einem festlichen Ball in die Gesellschaft eingeführt worden waren, den Spitznamen „die Debs“ gegeben hatten. Damals hatte das alles so albern und altmodisch gewirkt. Aber die Freundschaften, die sie auf der Highschool und bei diesem ersten großen gesellschaftlichen Ereignis, an dem sie teilnahmen, geschlossen hatten, hatten der Zeit standgehalten. Jetzt, viele Jahre später, hatten sie wieder einmal gezeigt, was sie mit ihren vereinten Kräften alles auf die Beine stellen konnten.

Dennoch hat sich so viel verändert, überlegte Abby. Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen und entdeckte die Gesichter ihrer Freundinnen. Im Laufe der vergangenen Monate war so viel passiert, dass sie die angespannte Atmosphäre im Raum spüren konnte. Es kam ihr vor, als ob jeder der Anwesenden den Atem anhielt und darauf wartete, dass die nächste Bombe hochgehen würde. Wer konnte den Leuten das auch verübeln? Mord und Erpressung standen in Eastwick nicht gerade auf der Tagesordnung. Oder zumindest war es bisher so gewesen.

Abbys Augen füllten sich mit Tränen, und sie war sich nicht sicher, ob ihre verschwommene Sicht auf ihren verzweifelten Versuch, nicht zu weinen, zurückzuführen war, oder ob es am Champagner lag, von dem sie seit ihrer Ankunft auf der Party schon einige Gläser getrunken hatte. Wahrscheinlich sollte sie etwas essen. Aber sie war einfach nicht in der Lage, auch nur einen Bissen hinunterzubringen. Denn ihre Nerven lagen bloß, und ihr Magen rebellierte gegen jegliche Nahrungsaufnahme.

All das ist Lukes Schuld, sagte sie sich grimmig, als sie ihren Ehemann vor ihrem geistigen Auge sah. Er hätte hier auf dem Ball sein sollen. Er hatte ihr versprochen herzukommen. Aber dieses Versprechen war – wie die meisten Versprechen, die Luke Talbot machte – nicht viel wert.

„Ab?“, fragte Emma und sah ihr in die Augen. „Geht es dir gut?“

Oh, ihr ging es schon seit langer Zeit nicht mehr gut. Und mit jedem Tag, der verging, wurde es schlimmer. Sie erwiderte Emmas Blick und tat das, was sie jetzt schon seit Monaten immer wieder machte. Sie log eine ihrer besten Freundinnen an. „Es geht mir bestens, Emma.“ Sie setzte ihr einstudiertes Lächeln auf. „Wirklich, es geht mir gut. Besser als gut.“ Sie machte einen Schritt auf ihre Freundin zu und stolperte dabei über den Saum ihres dunkelroten Abendkleides, dessen Rock bis auf den Boden reichte.

„He, sei vorsichtig“, ermahnte Emma sie.

„Oh, ich bin immer vorsichtig“, erklärte Abby. „So bin ich. Die vorsichtige Abby, die immer erst nachdenkt, bevor sie handelt. Die vorsichtige Abby, die immer das Richtige tut. Worüber haben wir gerade geredet?“

Emma runzelte die Stirn und sah sich dann im Saal um, als ob sie Ausschau nach Verstärkung halten würde. Dann sagte sie: „Ich denke, du solltest mit mir kommen und dich für eine Weile hinsetzen. Ich werde dir etwas zu essen holen.“

„Ich habe keinen Hunger. Ich amüsiere mich köstlich, Emma. Mach dir keine Gedanken.“ Sie nahm noch einen Schluck ihres Champagners, hakte sich bei Emma ein und flüsterte: „Wir alle haben wirklich hart gearbeitet, um diesen Ball auf die Beine zu stellen – du mehr als jede andere von uns. Also lass uns heute Abend tüchtig feiern.“

„Ich denke, du hast schon genug gefeiert.“

„Emma.“ Sie machte eine ausladende Bewegung mit der Hand, in der sie das Champagnerglas hielt. „Huch“, meinte sie, als ein bisschen von der perlenden Flüssigkeit über den Rand des Kristallglases schwappte. „Mir geht es gut. Gut“, wiederholte sie, während Emma einen Kellner anhielt, der vorbeiging, um sich einige Cocktailservietten zu schnappen. „Alles ist gut.“

„Abby, wie viel Champagner hast du denn schon getrunken?“

„Nicht annähernd genug davon“, antwortete sie, und das vorgetäuschte Lächeln, das sie schon den ganzen Abend lang angestrengt zur Schau trug, verrutschte ihr ein kleines bisschen. Ihre ganze Welt lag in Scherben. Niemand wusste es, aber die Ehe mit dem Mann, den sie einmal so gut zu kennen geglaubt hatte, war am Ende. Was würden die Debs sagen, wenn sie wüssten, dass sie mit einem Anwalt gesprochen hatte und Luke demnächst die Scheidungspapiere präsentieren würde? Wenn sie wüssten, was Abby erst vor einer Woche entdeckt hatte: Dass sie einen Lügner und Betrüger, einen Mistkerl geheiratet hatte?

Erneut holte sie tief Luft, streckte die Schultern und blinzelte, um nicht in Tränen auszubrechen und wieder eine klare Sicht zu haben. Sie sah Emma an und hob das Kinn. „Mir geht es wirklich gut. Geh zu deinem frischgebackenen Ehemann und mach dir einen schönen Abend, okay? Ich werde nach draußen gehen und mich in den Patio setzen.“

„Draußen ist es kalt“, erwiderte Emma.

„Ich habe meine Stola, die mich warm halten wird. Kein Problem.“ Als Beweis legte Abby sich ihre schwarze Stola aus Kaschmir über die linke Schulter und stellte dann ihr fast geleertes Champagnerglas auf das Tablett eines vorbeikommenden Kellners. „Siehst du? Mit mir ist alles in Ordnung. Geh tanzen und hab Spaß.“

„Okay …“ Emma gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Aber ich werde später wiederkommen und nach dir sehen.“

„Ich werde da sein“, erwiderte Abby unbeschwert und lächelte noch fröhlicher. Allein, fügte sie insgeheim hinzu. Sie beobachtete, wie sich Emma den Weg durch die Menge bahnte. Sie blieb ein paar Mal stehen, um Bekannten Hallo zu sagen, lächelte Freundinnen an und wurde dann schließlich von ihrem frischgebackenen Ehemann Garrett liebevoll umarmt. Als die beiden, die vor Glück strahlten, zu tanzen begannen, spürte Abby, wie sie von einem Anflug von Neid erfasst wurde.

Du meine Güte, ich bin wirklich eine schreckliche Person, dachte sie. Wie konnte sie Emma nur ihr hart erkämpftes Glück missgönnen? Doch sie hatte keine Antwort darauf. Nicht wirklich. Außer, dass sie sich wünschte, auch wieder einmal so glücklich zu sein. Sie wusste noch ganz genau, wie sie sich gefühlt hatte, als aus ihr und Luke ein Paar geworden war. Sie erinnerte sich an die Schmetterlinge in ihrem Bauch und daran, wie ihr Puls jedes Mal, wenn sie Luke nur gesehen hatte, in die Höhe geschnellt war.

Aber das war schon so furchtbar lange her. Seitdem fühlte sie sich vor allem einsam und allein gelassen. Sie hätte weinen können, weil sie und ihr Ehemann verloren hatten, was sie einst verbunden und so glücklich gemacht hatte.

Jetzt stand sie in dem vollen Ballsaal, war von unzähligen Leuten umgeben und fühlte sich einsamer als jemals zuvor. Sie hörte der Musik zu, während eine leichte kühle Brise durch die Tür hereinwehte, die zum Patio führte. Musik, Lachen und Gesprächsfetzen erfüllten die Luft, und Abby wurde noch unbehaglicher zumute. „Ich hätte nicht kommen sollen“, flüsterte sie so leise, dass niemand in der Nähe sie hören konnte.

Natürlich hatte sie herkommen müssen. Die Debs waren verantwortlich für den Erfolg des Herbstballes, und sie war es ihren Freundinnen schuldig gewesen, hier zu erscheinen. Aber sie wünschte sich wirklich, irgendwo anders zu sein. Sie konnte es kaum noch ertragen, sich hier im Club aufzuhalten. Nichts war mehr so, wie es war. Nichts schien ihr mehr sicher zu sein.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, der nichts mit der vom Patio hereinkommenden Luft zu tun hatte, die Ende Oktober schon ziemlich kühl war. Sie starrte auf die Gesichter in der Menge und entdeckte darin keine Vertrautheit. Stattdessen sah sie Argwohn, Schuld und Angst. Seitdem sie herausgefunden hatte, dass der Tod ihrer Mutter Bunny Baldwin kein Unfall, sondern ein Mord gewesen war, hatte sich ihr Blickwinkel geändert. Seitdem sah sich Abby gezwungen, sich einzugestehen, dass vielleicht jeder, den sie kannte und dem sie vertraute, nicht der war, für den sie ihn hielt.

Inklusive ihres Ehemanns, den sie so gut zu kennen geglaubt hatte. Trotz all dem wünschte sie, dass er jetzt hier bei ihr wäre. Doch nicht so, wie er heute war. Sondern so, wie er am Anfang ihrer Beziehung gewesen war, als sie sich ineinander verliebt hatten. Wehmütig blendete sie das Geschehen auf dem Ball aus und rief sich ihre erste Begegnung mit Luke in Erinnerung.

Am Tag nach ihrer bestandenen Abschlussprüfung am College hatte sich Abby zum ersten Abenteuer ihres Lebens aufgemacht. Sie würde zwei Wochen allein in Paris verbringen. Sie hatte geplant, die Stadt für sich zu entdecken und in den Straßencafés zu sitzen und ein gelangweiltes Gesicht zu machen. Sie wollte in einem Park Wein trinken, sich den Eiffelturm ansehen und Notre-Dame besichtigen.

Sie hatte jede Minute der Reise verplant, auf die sie sich schon seit zwei Jahren freute. Sie neigte absolut nicht zur Impulsivität und glaubte an eine perfekte Organisation, Klarheit und exakte Pläne. Sie hatte sogar einen genauen Zeitplan aufgestellt. Doch der wurde in dem Augenblick hinfällig, als Luke Talbot sich auf dem Flug nach Frankreich auf den Platz neben sie setzte.

Abby, die vor ihm eingestiegen war, beobachtete, wie er ins Flugzeug kam und sich umsah. Und sie hielt den Atem an, bis er zu ihrer Sitzreihe kam und sie anlächelte.

„Nun, dieser lange Flug verspricht plötzlich viel interessanter zu werden, als ich angenommen hatte“, sagte er und verstaute sein Bordcase über den Plätzen in der ersten Klasse. Dann ließ er sich auf den Sitz am Gang neben sie fallen und streckte ihr seine rechte Hand hin. „Luke Talbot.“

Sobald Abby seine Hand berührte, wusste sie, dass dieser Moment anders und ganz besonders war. Ein heißes, aufregendes und total unerwartetes Prickeln erfasste sie, und ihr Herz begann zu flattern. Sie sah ihm in die Augen und konnte den Blick nicht mehr abwenden. „Abby Baldwin“, stellte sie sich vor.

Widerwillig ließ er ihre Hand wieder los, und Abby ballte die Hände in ihrem Schoß, als ob sie so diese elektrisierende aufwühlende Empfindung noch länger festhalten könnte.

„Ist das Ihre erste Reise nach Paris?“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Abby verwundert.

„Da ist diese Aufregung in Ihren Augen.“

„Wirklich?“ Sie war ein bisschen enttäuscht. „Und ich habe so versucht, wie eine erfahrene Weltenbummlerin zu wirken.“

„Oh, das aufgeregte Glitzern in den Augen ist besser. Glauben Sie mir.“

Abby spürte ein Kribbeln im Bauch, als er mit seinen dunkelbraunen Augen ihren Blick erwiderte. Seine ebenfalls dunkelbraunen Haare waren etwas zerzaust und zottelig, und er trug einen grauen Pullover und Bluejeans. Er sah ein wenig so aus, als käme er ebenfalls frisch vom College, und wirkte sehr, sehr sexy. Diese Begegnung war eine tolle Gelegenheit, ihr Abenteuer mit einem kleinen Flirt zu beginnen. „Was ist mit Ihnen?“, fragte sie. „Fliegen Sie auch zum ersten Mal nach Paris?“

Seine Augen verdunkelten sich für einen Moment. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Ich mache diese Reise aus beruflichen Gründen ziemlich regelmäßig.“

„Was machen Sie denn beruflich?“

„Ich bin Computerexperte und für ein Softwareunternehmen tätig.“ Er lächelte sie an. „Und was ist mit Ihnen?“

„Ich habe gerade das College abgeschlossen.“

„Glückwunsch – was haben Sie denn studiert?“

„Danke – ich habe einen Abschluss in Marketing und PR. Im Nebenfach habe ich Fremdsprachen studiert.“

„Nun, das ist enttäuschend“, sagte er und ließ den Blick über ihr Gesicht wandern. „Ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht einen Übersetzer brauchen könnten.“

Abby lächelte. „Ich brauche keinen Übersetzer“, gab sie zu und holte dann Luft, weil sie im Begriff war, ein Risiko einzugehen. Sie konnte kaum glauben, was sie gleich tun würde. Sie kannte diesen Mann nicht einmal. Aber ihr Instinkt sagte ihr, dass sie ihn unbedingt näher kennenlernen musste. „Aber ich könnte einen Stadtführer brauchen, der sich in Paris auskennt, wenn Sie interessiert sind.“

Luke verzog den Mund zu einem Lächeln, das sie völlig elektrisierte. „Das würde ich sehr gern tun, Abby Baldwin.“

Als das Flugzeug auf der Startbahn plötzlich schneller wurde, griff sie nach den Armlehnen des Sitzes.

„Macht Sie das Fliegen nervös?“, fragte er und legte seine Hand auf ihre.

„Ein bisschen“, gestand sie mit zusammengebissenen Zähnen ein. „Nun, nicht direkt das Fliegen“, erläuterte sie. „Das ist okay. Es macht mir ein bisschen Angst, wenn das Flugzeug vom Boden abhebt. Ich kann nie wirklich glauben, dass Flugzeuge tatsächlich dazu in der Lage sind, in den Himmel hinauf zu fliegen.“

Er hatte ihre Hand zwischen seine beiden Hände genommen und festgehalten. „Glauben Sie mir, Abby. Das Flugzeug wird abheben und fliegen, und wir werden gemeinsam Paris entdecken.“

Und das hatten wir dann auch getan, dachte Abby mit einem Seufzer. Zwei Wochen lang hatten sie fast jeden Moment zusammen verbracht. Natürlich musste sich Luke auch seiner Arbeit widmen. Aber die meiste Zeit über waren sie zu zweit unterwegs gewesen. Sie hatten in süßen kleinen Bistros gesessen und in der Dunkelheit zur Musik eines Straßenmusikers unter dem Eiffelturm und dessen glitzernden Lichtern getanzt. Sie hatten Wein und frische Baguettes miteinander geteilt, am Ufer der Seine Picknicks veranstaltet und sich ganze Nachmittage lang in einem winzigen Zimmer in der dritten Etage eines kleinen Hotels eingeschlossen, während unten auf der Straße lautes und geschäftiges Treiben herrschte.

Dort hatten sie sich stundenlang geliebt und sich immer wieder neu entdeckt. Nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Herzen hatten Feuer gefangen. Noch bevor die zwei Wochen vorbei waren, wussten sie beide, dass ihr Leben nie mehr so sein würde wie vorher.

Abby schlang ihre Kaschmirstola um die Schultern, seufzte und ging auf die großen Türen zu, die hinaus auf die Terrasse führten. An diesem letzten wundervollen Abend in Paris hatte Luke ihr einen Heiratsantrag gemacht. Er hatte sie vor dem Louvre geküsst und ihr versprochen, sie immer und ewig zu lieben. Sie war so blind vor Glück und so voller Liebe gewesen, dass sie ihre Gefühle füreinander nie infrage gestellt hatte. Als er sie daran erinnert hatte, dass er aus geschäftlichen Gründen viel auf Reisen sein musste, hatte sie dem keine große Bedeutung beigemessen. Zu wissen, dass er zu ihr zurück nach Hause kommen würde, war für sie mehr als genug gewesen. Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Und nun, so viele Jahre später, war es nicht Liebe, sondern wohl nur noch Gewohnheit, die sie zusammenhielt. Und es ist höchste Zeit, mit dieser Gewohnheit zu brechen, dachte sie.

„Noch ein Glas Champagner, Ma’am?“, fragte ein Kellner, der neben ihr stehen blieb und sich leicht verbeugte.

Sie sah an ihm vorbei auf den Mann, der durch den vollen Ballsaal auf sie zueilte. Luke. Schließlich war er doch noch gekommen. Sie wünschte sich verzweifelt, dass ihr allein bei seinem Anblick nicht das Herz bis zum Hals klopfen würde. Wie konnte sie ihn immer noch lieben, obwohl sie wusste, dass er sie schon seit vielen – sie wusste nicht, wie vielen –Jahren anlog?

„Ma’am?“, fragte der Kellner. „Champagner?“

„Ja.“ Sie griff nach dem Glas. „Ein Glas nehme ich noch.“

2. KAPITEL

Luke Talbot bahnte sich so geschickt den Weg durch die Menschenmenge, dass er von den Leuten um ihn herum kaum wahrgenommen wurde. Aber selbst wenn er Aufsehen erregt hätte, wäre ihm das egal gewesen – wenn er es überhaupt bemerkt hätte. Denn er sah nur seine Frau.

Er kam zu spät. Aber das war schlichtweg nicht zu verhindern gewesen. Verdammt, es grenzte an ein Wunder, dass es ihm überhaupt noch möglich gewesen war, auf dem Ball zu erscheinen. Aber er wusste, wie sehr sich Abby und ihre Freundinnen ins Zeug gelegt hatten, um diesen Abend zu einem Erfolg zu machen. Deshalb hatte er hier sein wollen. Für Abby.

Das ist nicht die ganze Wahrheit, dachte Luke, als er sich seiner Frau näherte, die nicht besonders glücklich wirkte, ihn zu sehen. Er hatte hier sein wollen, weil es ihn traurig machte, nicht bei ihr zu sein. Er war der Erste, der zugab, dass seine Geschäftsreisen notwendig waren. Er wusste, dass er einen wichtigen Job machte, und tröstete sich mit der Tatsache, dass er Abby gewarnt hatte. Bevor sie ihn geheiratet hatte, hatte sie gewusst, dass er häufig nicht bei ihr sein konnte. Aber es fiel ihm zunehmend schwerer, sie so oft allein zu lassen.

Als er nah genug herangekommen war, um ihr direkt in die hellblauen Augen sehen zu können, bemerkte er, wie wütend sie auf ihn war. Vielleicht würde das außer ihm keiner wahrnehmen. Aber er tat es. „Hallo, Schatz.“ Er zwang sich zu einem Lächeln, um sie zu besänftigen. „Ich habe es doch noch geschafft.“

„Das sehe ich.“

Luke beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. Doch Abby trat hastig zurück und kam dabei leicht ins Stolpern, bevor sie ihr Gleichgewicht wiederfand. Er musterte argwöhnisch das immer noch volle Glas Champagner in ihrer Hand. „Wie viel von dem Zeug hast du schon getrunken?“

„Das geht dich nun wirklich nichts an!“, fuhr sie ihn an.

Meine Güte, sogar wenn sie wütend war, stockte ihm bei Abbys Anblick der Atem. Sie hatte ihre blonden Haare so hochgesteckt, dass ihr einige Strähnen in den Nacken fielen. Sie trug die Halskette mit dem Rubin, die er ihr zum ersten gemeinsam verbrachten Weihnachtsfest geschenkt hatte. Der große Rubin schmückte ihr Dekolleté und kam durch das dunkelrote Abendkleid, das sie anhatte, besonders schön zur Geltung. Die dazu passenden Ohrringe mit Rubinen, die ein Geburtstagsgeschenk von ihm waren, betonten ihre helle zarte Haut.

Abby war nicht groß. Sie hatte eine schöne und weibliche Figur und gehörte zu den Frauen, die sich in die Träume der Männer schlichen. Zumindest in seine. Und das hatte sie schon seit dem ersten Moment getan, als er ihr begegnet war.

„Warum bist du hier, Luke?“, fragte sie jetzt ein wenig lauter.

„Was soll das heißen?“ Er sah sich um, um sicherzugehen, dass ihnen niemand zuhörte.

„Das heißt“, sagte Abby angespannt, „dass ich mir nicht ganz erklären kann, warum du dir überhaupt die Mühe machst, doch noch auf dem Ball aufzutauchen.“

„Ich sagte dir doch, dass ich herkommen würde.“

„Oh.“ Sie nickte und verzog den Mund zu einem sarkastischen Lächeln. „Und du lügst mich ja nie an, nicht wahr, Luke?“

Das ist ein gefährliches Terrain, dachte er und steckte die Hände in die Hosentaschen, um sich davon abzuhalten, Abby in die Arme zu nehmen. Wie üblich, ging er den sichersten Weg: Beantworte eine Frage mit einer Gegenfrage, um den anderen abzulenken und zu entwaffnen. „Warum sollte ich dich anlügen, Liebes?“

„Genau das habe ich mich auch gefragt.“ Sie hob die Stimme, sodass ein paar der Leute ganz in der Nähe sich zu ihnen umdrehten und sie ansahen.

„Abby …“ Er funkelte den älteren Mann neben ihm an, bis der sich wieder umdrehte. Aber Luke wusste natürlich, dass der Mann ihnen weiter zuhören würde. „Das ist hier nicht der Ort, um …“

„Um was?“ Sie machte eine weit ausholende Handbewegung und verschüttete dabei etwas von dem Champagner. „Um darüber zu reden, warum mein Mann mich belügt?“

Luke biss die Zähne zusammen und nahm die Hände aus den Taschen, um Abby festzuhalten. Doch sie ging schnell einen Schritt zurück, und es tat ihm weh, dass sie seiner Berührung auswich. „Ich habe dich nicht belogen.“

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