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Fur gute Freunde?

1. KAPITEL

Rhys Wolfe wünschte sich nichts sehnlicher, als heiß zu duschen, ein kühles Bier zu trinken und vierundzwanzig Stunden zu schlafen – und zwar genau in dieser Reihenfolge. Es war sechs Uhr morgens. New York erwachte gerade: Busmotoren dröhnten, Autos hupten – und er wollte nichts wie ins Bett. Er hatte keine Vorstellung davon, wie spät es war. Seit Stunden war er unterwegs gewesen und fiel vor Müdigkeit beinahe um.

Während er das schmiedeeiserne Tor unterhalb der Treppe aufschloss, die zu seinem Apartment in dem roten Sandsteinhaus mit Garten führte, blickte er vorsichtig nach oben zu dem Apartment, das über seinem war. Ob Mariah schon wach war und auf der Lauer lag? Als hätte sie die ganzen letzten neun Wochen damit verbracht, am Fenster zu stehen und auf ihn zu warten. Als würde sie sich etwas aus ihm machen.

Rhys öffnete die Tür zu seinem Apartment. Aber genau das war das Problem: Sie machte sich etwas aus ihm. Mariah und er waren Freunde. Oder zumindest waren sie das einmal gewesen. Rhys war sich nicht sicher, was sie jetzt waren. Er legte seinen Matchbeutel ab, zog die Tür hinter sich zu und lehnte sich erschöpft dagegen.

Zwei Monate lang war er nicht mehr zu Hause gewesen. Seit … Seit er morgens neben Mariah aufgewacht war. Seiner reizenden Nachbarin, seiner guten Freundin Mariah.

Sonst zog es ihn immer nach Hause, und er freute sich darauf, sich von der Verantwortung und den Anstrengungen seiner Arbeit in einer Feuerbekämpfungs-Spezialeinheit zu erholen. Normalerweise konnte er es kaum erwarten, Mariah anzurufen und sich zu erkundigen, was sie in den letzten Wochen getan hatte.

Seufzend begann er, sein Hemd aufzuknöpfen. Diesmal hatte er nicht die geringste Lust, sich bei ihr zu melden. Er wusste nicht, was er zu ihr sagen sollte. Das ist das Problem, wenn man mit Frauen schläft, die einen wirklich gern haben, dachte Rhys. Es machte alles kompliziert und führte dazu, dass sie sich überzogene Hoffnungen machten. Zum Beispiel auf eine Beziehung. Oder eine Heirat.

Nein. Entschlossen schüttelte Rhys den Kopf und ging ins Badezimmer. Mariah wusste genau, wie er übers Heiraten dachte. Sie hatte oft genug seine Meinung darüber gehört.

Er, Rhys Wolfe, wollte keine Ehe, keine Beziehung, keine Verantwortung. Das alles hatte er bereits hinter sich. Und er wollte es nicht noch einmal erleben. Das erklärte er jeder Frau deutlich, die sich vielleicht Hoffnungen machte. Man würde ihm also nicht vorwerfen können, dass er sie nicht gewarnt hatte. Die Frauen, die mit Rhys Wolfe ins Bett gingen, wussten genau, woran sie waren. Sex mit Rhys war aufregend und spannend – und unverbindlich.

Und er hatte nie mit einer Frau geschlafen, die mehr erwartete als das. Das war die wichtigste der Regeln, die er zum Selbstschutz vor acht Jahren aufgestellt und nie gebrochen hatte. Bis vor neun Wochen.

Nachdem Jack gestorben war.

Jack.

Er hatte gerade das erste Mal mit ihm zusammengearbeitet. Der fröhliche und mutige Jack, ein erfahrener Feuerwehrmann, der von allen bewundert wurde und unverwundbar zu sein schien.

“Lucky Jack” nannten ihn die anderen Mitglieder der international bekannten Spezialeinheit, die bei Bränden auf Bohrinseln und in der Nähe von Ölquellen eingesetzt wurde.

“Ich gehe mit Jack”, hieß es immer bei riskanten Einsätzen, “Jack hat immer Glück.”

Aber vor zehn Wochen, auf einer Bohrinsel in der Nordsee, hatte Jack das Glück verlassen. Es war ein Einsatz, wie sie ihn schon hundertmal erlebt hatten. Alle hatten sorgfältig gearbeitet, niemand war unvorsichtig gewesen. Rhys konnte sich immer noch nicht erklären, warum es passiert war.

Vielleicht war Jacks Zeit gekommen.

Fünf Tage später war Rhys von der Beerdigung seines besten Freundes nach Hause gekommen, voller Wut und Verzweiflung. Jacks Verlust war schlimm genug, aber noch schlimmer waren die Erinnerungen, die in Rhys hochgekommen waren.

Erinnerungen an ein anderes Feuer, eine andere Beerdigung – die von Sarah, vor acht Jahren. Von Sarah, seiner Frau, seiner Jugendliebe. Sarahs Zeit war noch nicht gekommen, dachte Rhys. Sie hätte nicht sterben müssen.

Wenn er damals zu Hause geblieben wäre, statt wie besessen zu arbeiten und Überstunden zu machen, wäre Sarah jetzt noch am Leben – und ihr ungeborenes Kind auch.

Damals hatte Rhys im Familienunternehmen gearbeitet und allen – seinem Vater, seinem älteren Bruder Dominic – beweisen wollen, dass er, der direkt vom College kam, genauso hart und so viele Stunden arbeiten konnte wie sie. An jenem Tag war er nicht einmal zum Abendessen zu Hause gewesen. Stattdessen hatte er weitergearbeitet und Sarah nur kurz angerufen, um ihr zu sagen, dass sie nicht auf ihn warten solle.

Das hatte sie auch nicht getan. Der Arzt hatte ihr Ruhe verordnet, und so war sie früh schlafen gegangen. Aber zuvor musste sie noch eine Kerze angezündet haben.

“Ich lasse Licht für dich brennen”, hatte sie ihm erklärt.

Als das Feuer ausgebrochen war, hatte sie bereits geschlafen. Und sie war nie wieder aufgewacht. In dieser Nacht hatte er sie und das Kind verloren. Und nichts, was er tat, konnte sie zurückbringen. Irgendwann hatte er gelernt, das zu akzeptieren. Doch den Schmerz und die Schuld trug er weiterhin mit sich.

Rhys hatte den Familienbetrieb verlassen und sich zum Feuerwehrmann einer Spezialeinheit ausbilden lassen, wofür sein Vater keinerlei Verständnis gezeigt hatte.

“Dadurch wird Sarah auch nicht wieder lebendig”, hatte er gesagt.

Das wusste Rhys, doch er verspürte das Bedürfnis, immer und immer wieder gegen das Feuer zu kämpfen, das ihm seine Frau genommen hatte.

Er war ein sehr guter Feuerwehrmann – konzentriert, entschlossen und furchtlos. So versuchte er seine Schuld wiedergutzumachen. Und in den acht Jahren, die seit Sarahs Tod vergangen waren, war Rhys langsam darüber hinweggekommen. Er hatte sich ein neues Leben aufgebaut und lebte jetzt in einem Apartment in der West Side, weit weg von dem Wohngebiet in der East Side, wo er mit Sarah gelebt hatte. Er hatte sich einen neuen Bekanntenkreis aufgebaut.

Aber heiraten würde er nie wieder. Er wollte nie wieder eine Frau an sich heranlassen und so lieben, wie er Sarah geliebt hatte. Der Schmerz, den man ihm zufügen könnte, wäre zu groß. Nie wieder würde er das zulassen.

Rhys hatte Freunde und ab und zu eine Geliebte. Doch nie hatte er eine Geliebte, mit der er gleichzeitig befreundet war. Bis zu jenem Tag, als er von Jacks Beerdigung kam. Der Schmerz und die Erinnerungen hatten ihn überwältigt.

Und die ahnungslose Mariah hatte bei ihm Licht brennen sehen und an seine Tür geklopft. Er versuchte, nicht an das zu denken, was danach passiert war. Seit mehr als zwei Monaten verdrängte er diese Erinnerung.

Rhys wollte sich nicht daran erinnern, wie sie ihn in den Armen gehalten, ihn geküsst und getröstet hatte und er – ein selbstbewusster, unabhängiger Mann – sich an sie geklammert hatte wie ein Kind. Auch daran, wie sehr er sie begehrt und gebraucht hatte, dass er sie geküsst und berührt hatte, wollte er sich nicht erinnern.

Mariah hatte sich ihm voller Leidenschaft hingegeben.

Rhys biss die Zähne zusammen. Er durfte nicht daran denken. Denn jedes Mal, wenn er es tat, begehrte sein Körper sie von Neuem. Doch er würde nicht zulassen, dass es noch einmal passierte. Mariah war ihm sehr wichtig – als gute Freundin. Er würde verhindern, dass mehr daraus würde.

Rhys konnte sich noch gut daran erinnern, wie erschrocken er darüber gewesen war, neben Mariah aufzuwachen. Nach Sarah hatte er nie eine Frau in seinem Bett schlafen lassen. Es bedeutete zu viel Nähe. Als er damals aufgewacht war, lag Mariah eng an ihn gekuschelt, die Wange an seiner Schulter und einen Arm um ihn geschlungen.

Er hatte kaum gewagt, sich zu bewegen. Aber er hatte fortgemusst, und er wollte sie auf keinen Fall wecken. Denn er wusste nicht, was er zu ihr sagen sollte, wenn sie neben ihm aufwachen würde.

Rhys hatte die ganzen vergangenen neun Wochen darüber nachgedacht, und er wusste es noch immer nicht. Er hoffte darauf, dass ihm spontan etwas einfiele, wenn er sie sehen würde. Mariah wusste, wie er über all dies dachte, und mit ein wenig Glück würde sie das Ganze mit einem kleinen Scherz und einem Lächeln abtun. Vielleicht würde sie ihm sagen, dass es nichts zu bedeuten hatte. Und er hätte so den Kopf aus der Schlinge.

Vielleicht würde sie das wirklich tun. Sie war eine tolle Frau: großzügig, tolerant, verständnisvoll. Rhys mochte sie sehr. Er mochte sie vor allem deswegen, weil sie ganz anders war als Sarah.

Mariah war groß und gertenschlank, aber stark, Sarah dagegen hatte zart und zerbrechlich gewirkt. Mariah empfing die Welt mit offenen Armen, während Sarah vorsichtig und zurückhaltend gewesen war und Entscheidungen und Verantwortung lieber ihm überlassen hatte.

Sie hatte kurzes blondes Haar gehabt. Mariahs Haare waren lang und kastanienfarben. Er erinnerte sich, wie sich seine Hände in jener Nacht darin verfangen hatten.

Rhys schüttelte den Kopf und bemühte sich, an Mariah als eine gute Freundin zu denken. Sie hatte nie angedeutet, dass sie mehr sein wollte, und genau deshalb hatte Rhys sich in ihrer Gegenwart immer so wohlgefühlt. Sie war immer nur eine gute Freundin gewesen.

Er hatte sie kennengelernt, als sie bei ihrem Einzug alle Nachbarn zu einem Essen auf ihrer Terrasse eingeladen hatte. Mariah war die beste Nachbarin, die man sich nur wünschen konnte – man konnte mit ihr über alles reden, und sie war immer gut gelaunt. Er liebte es, mit ihr zu joggen, ins Kino zu gehen oder ein neues Restaurant auszuprobieren.

Diese Freundschaft wollte er nicht aufs Spiel setzen. Und Mariah will das vermutlich auch nicht, dachte er, gähnte und fuhr sich durch das ungekämmte Haar. Zumindest hoffte er das.

Wenn ich geduscht und geschlafen habe, rede ich mit ihr, beschloss er. Er würde ihr sagen, wie viel ihm ihre Freundschaft bedeutete und dass er so weitermachen wollte wie zuvor. Und dann würde er sie anlächeln und fragen: “Kommst du mit aufs Empire State Building?” Dann würde sie wissen, dass zwischen ihnen alles wieder so war wie früher.

Vor drei Jahren hatte Mariah herausgefunden, dass sie, die aus Kansas stammte, bereits auf dem Empire State Building gewesen war, während Rhys, der in New York geboren war, noch nie dort gewesen war.

Sie sagte ihm, dass er dies unbedingt nachholen müsse. Und er hatte immer wieder abgelehnt. Einmal, zweimal, ein Dutzend Mal. Schließlich hatte sie ihn, als sie spätabends nach einem Kinobesuch auf dem Weg nach Hause waren, beim Arm gegriffen und förmlich zu einem Taxi geschleift.

“Du bist ja verrückt”, hatte er gesagt. Aber sie hatte darauf bestanden. “Du musst es einfach gesehen haben”, hatte sie entgegnet, “es ist unglaublich schön.”

Und sie hatte recht gehabt. Weil es schon so spät war, waren außer ihnen nicht mehr viele Leute dort. New York erstreckte sich glitzernd und funkelnd bis zum Horizont, als hätte ein Riese unzählige Diamanten verstreut. Es war ein atemberaubender Anblick, und Rhys bedauerte, dass er sich dies so lange hatte entgehen lassen.

“Was habe ich dir gesagt?” Mariah sah Rhys an.

“Du hattest tatsächlich recht”, erwiderte er. Und er war es gewesen, der darauf bestanden hatte, noch länger zu bleiben und auf dem Dach umherzuwandern, bis sie schließlich hinausgeworfen wurden.

Seitdem waren sie häufig wieder dort gewesen. Fast jedes Mal, wenn er zu Hause war. Nur das letzte Mal nicht.

Rhys atmete tief ein, als er sich daran erinnerte, was sie das letzte Mal getan hatten. Dann schob er die Erinnerung beiseite. Es war nicht mehr von Bedeutung, es war vorbei. Dieses Mal würden sie wieder aufs Empire State Building steigen.

Er warf einen sehnsüchtigen Blick zum Kühlschrank, in dem kaltes Bier bereitstand. Doch er beherrschte sich, denn er wusste, dass er es viel mehr genießen würde, wenn er erst sauber wäre.

Rhys musste den Staub und Schmutz eines ganzen Monats im Mittleren Osten abschrubben, außerdem Ruß und Asche vom Feuer. Natürlich hatte er auch während des vergangenen Monats regelmäßig geduscht, aber ohne viel Erfolg.

Er zog sich aus und ging nackt über den Flur zum Badezimmer. Rhys drehte die Dusche auf und genoss das heiße Wasser, das auf ihn herabströmte. Während der Arbeit duschte er gern kalt, doch sobald er zu Hause war, brauchte er heißes Wasser – je mehr, desto besser. Es dauerte eine Weile, bis all der Schmutz und Ruß des Feuers abgewaschen waren.

Noch länger würde es dauern, bis er sich endlich von den Erinnerungen an die Flammen befreien könnte – und bis er zu dem normalen Leben zurückfinden würde, das den meisten Leuten so selbstverständlich war.

Langsam fühlte sich Rhys besser. Pfeifend seifte er seinen durchtrainierten Körper ein. Als das von ihm herabströmende Wasser wieder sauber aussah, nahm er ein Handtuch und trocknete sich ab. Er putzte sich die Zähne und fuhr sich über die stoppeligen Wangen. Seit fünf Tagen hatte er sich nicht mehr rasiert – jetzt konnte er auch noch zwölf weitere Stunden damit warten.

Rhys rubbelte sich das kurze dunkle Haar trocken. Während er sich das Gesicht abrieb, trat er, noch immer nackt, aus dem Badezimmer – und stieß mit etwas Weichem zusammen.

“Was …?”, begann er, wich erschrocken einen Schritt zurück und nahm das Handtuch vom Gesicht. “Mariah?”, fragte er ungläubig.

Die letzte Person, die er hier erwartet hatte – und die letzte, die er im Moment sehen wollte –, stand an der Tür zu seinem Schlafzimmer und trug nichts als ein kurzes hellblaues Nachthemd. Ihre Haare waren verwuschelt, und ihr Gesicht sah blass aus. Sie schien ebenso erschrocken wie er zu sein und blickte ihn starr an, während sie einen Arm voller Kleider an sich presste.

“Was, um alles in der Welt, tust du hier?”, fragte Rhys.

Genau das wollte Mariah ihn auch gerade fragen. Merkwürdige Geräusche hatten sie geweckt. Zuerst hatten sie zu ihrem Traum gepasst: Schritte, laufendes Wasser. Doch dann hatte jemand gepfiffen, und sie war aufgewacht. Einen Augenblick lang hatte sie wach gelegen, bis ihr klar wurde, dass das Pfeifen nur eins bedeuten konnte: Rhys war wieder da!

Sie war schnell aufgestanden, hatte ihre Kleider zusammengerafft und wollte schnell in ihre eigene Wohnung zurück. Dort würde sie sich anziehen und versuchen, sich zu beruhigen. Dann würde sie wiederkommen, um mit ihm zu sprechen. Stattdessen war sie in ihn hineingerannt, als er gerade aus dem Badezimmer kam und nur ein Handtuch trug – über dem Kopf!

Sie hatten sich starr angesehen, als er das Tuch vom Gesicht nahm und endlich seine Blöße damit bedeckte.

Mariah schluckte. “Es tut mir leid, ich wollte dich nicht so überrumpeln. Ich habe nur … Du hast immer gesagt, ich könnte dein Apartment benutzen, wenn du nicht da bist … wenn ich Gäste habe.” Sie verhaspelte sich. Warum musste er aber auch so unerwartet zurückkommen!

“Meine Cousine Erica ist mit ihrer Familie zu Besuch … aus Emporia. Ich wollte ihnen lieber meine Wohnung überlassen.” Und ich konnte ja nicht ahnen, dass du heute zurückkommen würdest, fügte sie insgeheim hinzu.

Rhys lächelte und sagte betont fröhlich: “Natürlich kannst du jederzeit mein Apartment benutzen. Geh ruhig wieder ins Bett, ich kann auf dem Sofa schlafen.”

“Nein.” Mariah wollte nicht schlafen, sie wollte mit ihm reden und reinen Tisch machen. Aber nicht jetzt. “Das kommt gar nicht infrage. Ich sehe dir doch an, dass du todmüde bist. Du brauchst dein Bett selber. Und ich wollte sowieso gerade aufstehen. Ich ziehe nur noch schnell die Wäsche ab, bevor ich gehe.” Dann drehte sie sich um und hastete ins Schlafzimmer.

Mariah spürte, dass Rhys sie beobachtete, und wünschte, sie hätte Zeit gehabt, sich anzuziehen. Das Nachthemd reichte ihr kaum bis zu den Oberschenkeln. Aber vielleicht bemerkte Rhys das gar nicht.

Sie machte sich nichts vor: Als Rhys vor wenigen Wochen mit ihr geschlafen hatte, hatte es ihm vermutlich nichts bedeutet. Auch wenn sie sich das noch so sehr gewünscht hatte!

Plötzlich bemerkte sie, dass Rhys versuchte, an ihr vorbei zu seinem Kleiderschrank zu gelangen, um sich etwas zum Anziehen zu holen.

“Entschuldigung”, sagte sie und wurde rot vor Verlegenheit, “ich werde dir aus dem Weg gehen.”

Sie versuchte, Rhys nicht anzusehen, während er sich schnell anzog. Es fiel ihr schwer, denn er hatte einen tollen Körper: schlank und muskulös. Sie atmete tief ein und griff nach einem frischen Bezug. Ihre Hand zitterte.

“Du brauchst das Bett nicht frisch zu beziehen, das kann ich selber machen. Und es ist wirklich in Ordnung, dass du hier übernachtet hast. Dafür habe ich dir doch den Schlüssel gegeben. Wir sind ja schließlich Freunde, nicht wahr?”

Zumindest waren wir das einmal, dachte Mariah. Sie wusste nicht, was sie jetzt waren.

“Wenn ich gewusst hätte, dass du heute zurückkommst, hätte ich nicht hier übernachtet”, sagte sie und strich das Laken glatt.

“Warum nicht?”

Sie wollte lieber später darüber reden, wenn sie sich beruhigt hätte und gefasster wäre. Aber wenn er darauf bestand … “Du weißt genau, warum nicht.”

“Wegen dem, was zwischen uns passiert ist”, erwiderte Rhys kühl und scheinbar ungerührt.

Mariah nickte.

“Wir sollten darüber reden.”

Allerdings, dachte sie. “Ich weiß, wie du darüber denkst – über …”

“Ja”, unterbrach er sie hastig, “genau wie du. Warum sollten wir unsere Freundschaft aufs Spiel setzen? Es war eben ein Ausrutscher. Vergessen wir das Ganze und machen so weiter wie bisher.”

Mariah blickte ihn starr an. Eine leichte Übelkeit überkam sie, und plötzlich wurde ihr kalt.

“Zwischen uns muss sich deswegen nichts ändern”, fuhr Rhys fort. “Wir waren doch Freunde – wir sind Freunde”, korrigierte er sich. “Und daran hat sich nichts geändert.”

“Nein, aber …”

“An unserer Freundschaft wird sich nichts ändern. Es wird nicht wieder passieren. Mariah, ich weiß, dass du mich nur trösten wolltest, weil du dachtest, ich bräuchte …” Er verstummte.

Er wollte nicht zugeben, dass er sie wirklich gebraucht hatte.

“Es ging mir nicht gut. Jacks Tod – und dann die Beerdigung …”

Aber Mariah wusste, dass Jack nur der Auslöser gewesen war. Rhys Schmerz war tiefer gewesen und hatte mit der Erinnerung an Sarah zu tun gehabt, seiner Frau, über die er nur sprach, wenn er zu viel getrunken hatte.

Sarah, die einzige Frau, die er je geliebt hatte.

Rhys atmete tief ein. “Du wolltest mich trösten und ich … hätte nicht tun sollen, was ich getan habe. Ich war nicht ganz bei mir. Ich habe die Situation ausgenutzt und gegen meine Vorsätze verstoßen.”

“Vorsätze?”

“Ich schlafe nicht mit Frauen, mit denen ich befreundet bin.”

Rhys fuhr sich durchs Haar. Sie sah ihm an, wie erschöpft er war. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber zu reden.

“Ich hätte nicht mit dir schlafen sollen.” Er bemühte sich, kühl und sachlich zu klingen. “Das macht alles nur kompliziert. Ich will nicht, dass sich zwischen uns etwas ändert. Es war ein Fehler.”

In Rhys Augen war ihre Liebesnacht also ein Fehler gewesen. Sie hätte es wissen müssen.

“Das war es allerdings”, erwiderte Mariah, bemüht gelassen. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr seine Worte sie verletzten.

Rhys lächelte und hielt ihr die Hand hin. “Wir sind also immer noch Freunde?”

Mariah antwortete nicht und nahm auch nicht seine Hand. Sie blickte ihn nicht an und versuchte, wieder das zu werden, was er in ihr sehen wollte: seine gute Freundin. Sein Kumpel.

Rhys ließ die Hand sinken und fragte nochmals: “Sind wir noch Freunde?”

Sie sammelte ihre Sachen zusammen und presste sie an sich. Schließlich nickte sie. “Ja”, brachte sie mühsam hervor.

“Toll”, sagte Rhys erleichtert.

Mariah ging eilig an ihm vorbei zur Wohnungstür. Noch immer war ihr kalt und übel. Sie drehte sich zu ihm um: “Aber es wird nie wieder so sein wie früher.”

Er zog fragend die Augenbrauen hoch. “Aber warum nicht? Du hast doch gesagt …”

“Ich bin schwanger, Rhys. Ich bekomme ein Kind von dir.”

2. KAPITEL

Mariah hatte nicht erwartet, dass er begeistert wäre. Besser als jeder andere kannte sie Rhys Einstellung zum Thema “Familie”.

“Kein Interesse”, sagte er ganz unverblümt, als sie sich erst ein paar Monate kannten und zum ersten Mal über dieses Thema sprachen. Er war mit ihr zur Hochzeit ihrer Freundin Lizzie gegangen. Als das Gespräch auf das Thema “Ehe” kam, blockte Rhys ab.

“Ich war einmal verheiratet, das genügt”, stellte er kompromisslos fest.

Damals wusste Mariah noch nichts über seine Vergangenheit, und seine Heftigkeit erstaunte sie. Viele ihrer männlichen Bekannten standen den Verpflichtungen und angeblichen Fesseln der Ehe sehr skeptisch gegenüber, doch ihre Ablehnung wirkte weniger unwiderruflich.

“Und wenn du eines Tages der richtigen Frau begegnest, sagst du ihr dann, dass sie verschwinden soll?”, neckte sie ihn.

“So weit wird es nie kommen”, entgegnete Rhys. “Ich werde es nicht zulassen.”

Sie war also vorgewarnt. Und trotzdem verliebte sie sich in ihn. Sie kannte ihn, seit sie vor drei Jahren das Apartment über seinem in dem Sandsteinhaus gekauft hatte. Sie hatten sich unterhalten, zusammen gegessen, gelacht, gespielt. Und Mariah hatte gemerkt, dass er genau der Mann war, nach dem sie sich immer gesehnt hatte.

Aber sie sagte es ihm nie. Denn als sie merkte, dass sie sich in ihn verliebt hatte, wusste sie schon, dass er an einer Beziehung nicht interessiert war. Und sie verlangte nie mehr von ihm, als er zu geben bereit war. Seit drei Jahren war sie seine beste Freundin, die er zum Joggen abholte oder die er fragte: “Hast du Lust, dir den brasilianischen Film im Lincoln Plaza anzusehen?” Sie tranken gemeinsam Bier im McCabe’s, einer Kneipe in der Nachbarschaft, oder sie probierten ein schickes neues Restaurant aus, besuchten eine Ausstellung oder gingen zu einem Baseballspiel der Yankees.

Sie war der einzige Mensch, mit dem er je auf dem Empire State Building gewesen war. Rhys hatte ihr vorgeschlagen, Jack irgendwann einmal mitzunehmen. Aber das würde jetzt nie mehr passieren.

Vielleicht würden auch sie beide nie mehr dorthin gehen. Mariah hatte Rhys angesehen, wie erschrocken er gewesen war. Ablehnung, Ärger und Schmerz hatten sich auf seinem Gesicht gespiegelt.

Ihre Hoffnung, dass er seine Meinung ändern würde, wenn sie ihn mit der Tatsache konfrontierte, dass sie schwanger war, hatte sich zerschlagen. In sieben Monaten würde sie Rhys Kind zur Welt bringen – ob es ihm gefiel oder nicht, ob er das Kind wollte oder nicht.

Denn sie wollte es. Sie hatte genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken, und sie war sich dessen nun ganz sicher. Allerdings hatte sie an jenem Abend vor neun Wochen, als sie Rhys Apartment betrat, weder geplant noch damit gerechnet, schwanger zu werden. Sie war einfach neugierig gewesen – und besorgt.

Mariah wusste, dass man nie genau sagen konnte, wann Rhys zu einem Feuereinsatz musste und wann er zurückkommen würde.

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