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Nur einsfünfzig

Über den Autor

Martin Gülich, geb. 1963, arbeitete nach dem Studium zum Wirtschaftsingenieur zunächst als Planungs- und Softwareingenieur und ist seit 1997 freier Schriftsteller. Für seine Texte wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. zweimal beim MDR-Literaturwettbewerb sowie als Stadtschreiber in Rottweil und mit dem Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst in Baden-Württemberg. Er lebt in Freiburg i. Br.

www.martin-guelich.de

Inhalt

Schuhe.tif

Über den Autor

Anpfiff

Olympiasieger

Big Titty

Messungen

Zank

Zeugnisse

Hot Legs

Schwuli

Halbfinale

Auftritte

Reifeprüfung

Verpuffungen

Engel

Nachspiel

Anpfiff

Schuhe.tif

Meine Eltern behaupteten, ich sei ein Sonntagskind. Das, so schien es, war ein großes Glück. Zumindest war es das für meine Eltern. Wenn es stimmte, was sie sagten, dann bin ich genau vier Minuten vor Mitternacht zur Welt gekommen. Manchmal allerdings hatte ich den Verdacht, dass im Krankenhaus die Uhren falsch gegangen sein mussten. Vielleicht schummelten sie auch einfach ein bisschen, wenn die Sache mit dem Sonntag knapp wurde. Wie ein Sonntagskind kam ich mir jedenfalls nicht vor. Innerhalb eines Monats hatte ich mir nacheinander einen Zahn ausgeschlagen, war in einen rostigen Nagel getreten und hatte meinen Frisbee unwiederbringlich in der Krone einer Rieseneiche versenkt. Sämtliche Kletterversuche scheiterten noch vor dem ersten Ast. Ein anderer schien dabei mehr Erfolg gehabt zu haben. Wenige Tage später jedenfalls war mein Frisbee verschwunden.

Im selben Monat war auch mein Goldhamster Bubu gestorben, den ich erst vier Wochen zuvor bekommen hatte. Ich hatte ihn schon tagelang nicht mehr gesehen, mich aber nicht getraut, seiner plötzlichen Scheu auf den Grund zu gehen. Es war mein Vater, der schließlich das Häuschen anhob und Bubu reglos auf seinem Rücken fand. Angeblich war er ganz friedlich eingeschlafen, aber das war eine Lüge. Kein Goldhamster schlief jemals auf dem Rücken. Um das zu wissen, musste man noch nicht mal im Lexikon nachschlagen. Vater behauptete, Bubu sei ein Garantiefall und ich müsste im Zooladen auf alle Fälle einen neuen bekommen, aber mir war die Lust auf Goldhamster gründlich vergangen.

Nach meiner Pechsträhne verstummte das Sonntagskindgerede meiner Eltern für eine Weile. Kaum aber hatte ich auf einer Tombola im Gemeindesaal eine Barbiepuppe gewonnen, ging die alte Leier von vorne los. Dabei war eine Barbiepuppe ganz sicher nicht das, was man als großes Glück bezeichnen konnte. Genaugenommen war eine Barbiepuppe so ziemlich das Peinlichste, womit man als Junge in aller Öffentlichkeit gesehen werden konnte. Nicht einmal Anka, meine ältere Schwester, mochte sie mir abnehmen.

»Er ist halt ein Sonntagskind«, sagte meine Mutter zur Losverkäuferin, »da haben wir uns schon dran gewöhnt.«

Sie ließ mich zwei weitere Lose aus dem Plastikeimer ziehen, obwohl der Tisch mit den Preisen schon fast abgeräumt war. Ich war froh, als zweimal hintereinander das Wort Niete auf den Papierröllchen auftauchte.

»Na ja«, sagte meine Mutter entschuldigend, »immer klappt’s natürlich auch nicht.«

Die Losverkäuferin nickte. Irgendwie schienen sie sich zu verstehen.

Auch was mein Äußeres anging, konnte von Glück kaum die Rede sein. Ich war einer der Kleinsten in der Klasse, was auf dem neuesten Klassenfoto besonders auffiel. Neben Hartmut und Frank, die beide einen halben Kopf größer waren als ich, sah ich aus wie ein Zwerg. Um meine Erscheinung ein wenig aufzupeppen, trug ich mit Vorliebe amerikanische Fliegerhemden, bei denen auf der Brusttasche der Schriftzug Commander aufgestickt war. Zur Not gingen auch die mit Lieutenant, aber ich glaubte, dass Commander mehr war. Kerstin, ein Mädchen aus meiner Klasse, nannte sie Kriegshemden, aber das war natürlich Unsinn. Schließlich war der Krieg der Amerikaner längst vorbei, und außerdem waren die Hemden nur Imitationen. Ich hatte drei davon, weitere fielen den Sparmaßnahmen meiner Mutter zum Opfer. Angeblich hatte ich genug Anziehsachen, aber der wahre Grund war, dass sie die Hemden hässlich fand.

Das nächste Problem waren meine Hosen. Ich wollte nur Jeans, aber meine Mutter versuchte mich immer wieder in Cordhosen reinzuzwängen. Cordhosen würden viel feiner aussehen, sagte sie, aber genau das war ja das Problem. Ich wollte alles, nur nicht fein aussehen. Zudem passten Cordhosen ungefähr so gut zu Fliegerhemden wie Lackschuhe zu Arbeitskitteln. Um das zu erkennen, musste man noch nicht mal einen besonders guten Geschmack haben. Ich wusste nicht, was meine Eltern damit bezweckten, aber irgendwie ließen sie keine Gelegenheit aus, mich zum Gespött meiner Klassenkameraden zu machen. Nicht genug, dass sie alles daransetzten, mich wie einen Streber herauszuputzen. In den Sommerferien versuchten sie auch noch, mich in ein Ferienlager der evangelischen Kirche zu stecken. Jeder wusste, dass es da nur Mädchen gab. Ganz besonders wussten das meine Klassenkameraden, die keine Gelegenheit ausließen, mich damit aufzuziehen. Mutter hatte bereits meine Tasche gepackt, da kam die erlösende Nachricht, dass der Gruppenleiter mit einem Blinddarmdurchbruch im Krankenhaus lag. Da auf die Schnelle kein Ersatz gefunden werden konnte, musste die Freizeit abgesagt werden. Es war das einzige Mal in dem ganzen Jahr, dass ich richtig Glück hatte.

Dass ich in der Schule schon ohne ihr Zutun einen schweren Stand hatte, schien meine Eltern nicht sonderlich zu interessieren. Überhaupt schienen sie zu glauben, dass Anka und ich nicht mehr viel zu befürchten hatten.

»Jetzt, da sie aus dem Gröbsten raus sind«, hörte ich meine Mutter vor der Tür zu unserer Nachbarin sagen, »können wir endlich auch mal wieder ein bisschen mehr an uns selbst denken.«

Ich wusste zwar nicht, was genau sie mit dem Gröbsten meinte, aber mein Gefühl sagte mir, dass ich noch mittendrin steckte. Gut möglich, dass mir das Schlimmste erst noch bevorstand. Was das Schlimmste war, wusste ich zwar genauso wenig, aber ich war mir ziemlich sicher, dass das Leben außer Feincordhosen, toten Goldhamstern und evangelischen Ferienlagern noch eine ganze Menge anderer Gemeinheiten für mich bereithielt. Die Bilder, die mir dazu im Kopf herumschwirrten, gefielen mir gar nicht. Ich kniff die Augen zusammen und ließ mich rücklings aufs Sofa fallen. Es war Zeit genug, dem Schlimmsten ins Auge zu sehen, wenn es vor einem stand. Und trotz allem blieb mir immer noch die winzige Hoffnung, dass ich am Ende doch ein Sonntagskind war.

Olympiasieger

Schuhe.tif

Die Schule lag eineinhalb Kilometer von unserem Haus entfernt am anderen Ende des Dorfes. Meinen Eltern war das von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Ich hatte das Gefühl, sie trauten Anka und mir nicht recht zu, jeden Tag so weit mit dem Fahrrad zu fahren. Fast hätten sie deshalb ein kleineres Haus in Sichtweite der Schule gekauft, aber dann waren ihnen andere Dinge doch wichtiger gewesen. Besonders der offene Kamin im Wohnzimmer hatte es meinem Vater angetan. Er bestellte eine riesige Ladung Holz, die wir über Stunden auf der Garageneinfahrt klein hackten. Doch schon an unserem ersten Kaminabend stellte sich heraus, dass der Abzug nicht richtig funktionierte. Beißender Rauch machte sich im Zimmer breit, und binnen Minuten tränten uns die Augen. Die Handwerker, die mein Vater rief, wussten keinen Rat. Zumindest keinen, den meine Eltern bezahlen wollten. Mein Vater tobte, und ich hörte, wie er am Telefon mit dem Rechtsanwalt drohte. Kurz darauf kam tatsächlich ein Mann mit Anzug und Aktenkoffer in unser Haus und schaute sich die Sache an. Er redete ohne Pause. Selbst dann noch, als er seinen Kopf in den Abzug steckte. Seine Stimme hallte wie in einer Geisterbahn. Als er Sekunden später wieder hervortauchte, war ich enttäuscht, dass sein Gesicht nicht schwarz war.

Die Zuversicht, die der Mann mit dem Aktenkoffer verbreitete, dauerte einige Tage an. Dann wurden die Abendbrotgespräche über den Kamin seltener, und schließlich verloren meine Eltern kein Wort mehr darüber. Als meine Mutter begann, den Ascherost mit großen Bildbänden vollzustellen, war die Sache mit dem Kamin endgültig vom Tisch. Noch am selben Tag verschwand unser mühsam gehacktes Holz im hintersten Winkel des Dachbodens.

Der lange Weg zur Schule hatte durchaus Vorteile. Schließlich konnte niemand erwarten, dass eineinhalb Kilometer ohne Zwischenfälle verliefen. Ich liebte es, auf dem Nachhauseweg zu trödeln. Im Vergleich zu Volker, der direkt gegenüber der Schule wohnte, war ich mächtig im Vorteil. Seine Mutter konnte vom Küchenfenster den Schulgong hören, und wenn er nicht drei Minuten später am Mittagstisch saß, gab es jede Menge Ärger. Im günstigsten Fall musste er dann den Abwasch machen, lief es schlechter, konnte es sein, dass er den ganzen Nachmittag nicht mehr aus dem Haus durfte. Dass das auch für mich eine Strafe war, schien Volkers Mutter völlig kaltzulassen.

»Morgen wieder«, sagte sie, breit über das Fensterbrett gelehnt, »Volker hat noch zu tun.«

Dazu grinste sie, als hätte sie den allergrößten Spaß daran, Volker in seinem Zimmer schmoren zu lassen. Manchmal stellte ich mir vor, dass sie ihn mit Leinen dort festband, am Heizkörper oder am Schrank, aber Volker sagte, das würde nicht stimmen.

Dass ich Volkers Mutter nicht leiden konnte, lag auch daran, dass sie ständig mit Lockenwicklern im Haar herumlief. Zusammen mit ihren bunten Kittelschürzen sah sie das ganze Jahr über aus, als käme sie direkt vom Fasching. Zudem hatte sie am Kinn ein paar lange Barthaare, die sie nicht abrasierte. Volker behauptete, Frauen dürften sich nicht rasieren, sonst bekämen sie einen richtigen Männerbart. Wenn schon, dann müsste man die Haare einzeln mit der Pinzette ausrupfen. Aber auch darauf schien sich seine Mutter nicht verlassen zu wollen.

Wenn ich bei Volker zum Mittagessen eingeladen war, gab es fast jedes Mal halbverbrannte Bratwürste, aus denen das Fett schon herausspritzte, bevor man mit der Gabel richtig zugestochen hatte. Die Bananensoße, die dazu in einer Suppenschüssel aufgetischt wurde, sah aus wie frische Affenkotze. Das sagte sogar Volker.

»Na, Jakob«, fragte seine Mutter, »schmeckt’s denn auch?« Die Gabel in der Hand deutete sie auf meine Wurst. Die silbernen Zinken drohten wie kleine Speere. »Es schmeckt dir doch, oder?«

Mir fiel nichts besseres ein, als artig zu nicken. Volkers Mutter zögerte nicht und lud mir eine zweite Wurst auf. Dazu klatschte sie mir eine volle Kelle Bananensoße auf den Teller, die alles unter sich begrub. Jedes Mal nahm ich mir vor, es mit der Wahrheit zu versuchen, aber kaum hatte Volkers Mutter die entscheidende Frage gestellt, konnte ich wieder nur nicken.

Die Würste waren eine Art Familientradition. Das Rezept für die Soße war angeblich von Volkers Urgroßmutter. Wozu eine solche Tradition gut sein sollte, wusste er allerdings auch nicht. Da Volker mein Freund war, behielt ich meine Meinung über die Würste und seine Mutter für mich. Schließlich konnte er für seine Mutter genauso wenig wie für seinen Vater, der angeblich unbekannt verzogen war. Ich kannte diese Formulierung von Briefumschlägen. Für Volkers Vater schien sie mir nicht recht zu passen. Vermutlich war er einfach abgehauen.

Meine Mutter hatte keinen Bart und trug ihre Haare kurz. Auch wenn sie nur zum Einkaufen ging, zog sie sich ziemlich schick an. Mein Vater behauptete, die Verehrer hätten früher bei ihr Schlange gestanden.

»Wie an der Kinokasse«, strahlte er, »aber nur einer hat sie am Ende eben gekriegt.«

Meine Mutter verzog den Mund zu einem gequälten Grinsen. Aus irgendwelchen Gründen mochte sie die Geschichte nicht.

Von den anderen Müttern sah nur die von Sylvia besser aus. Das fanden auch Volker und ein paar andere Jungs in unserer Klasse. Wir nannten sie unter uns die Sexbombe, dabei hatte sie noch nicht einmal einen besonders großen Busen. Aber weil sie so klasse aussah, hatte sie den Namen schon verdient. Sie war jung. Wir schätzten sie auf sieben- oder achtundzwanzig, was nicht recht damit zusammenpasste, dass Sylvia bereits zwölf war. Eine Zeitlang glaubten wir, einer ganz heißen Geschichte auf der Spur zu sein. Schließlich war es kein Geheimnis, dass es Eltern gab, die in Wirklichkeit gar keine Eltern waren. Von Volker, Lars, Frank und mir in die Enge gedrängt, brachte Sylvia zu ihrer Verteidigung Fotos von zu Hause mit. Eines zeigte eine Frau, die ein Baby in ihren Armen hielt. Die Frau hatte ohne Frage Ähnlichkeit mit Sylvias Mutter. Das Baby allerdings hatte mit gar nichts Ähnlichkeit. Am allerwenigsten mit Sylvia. Es war einfach nur hässlich.

»Das bin ich«, sagte Sylvia, »schaut!«

Sie drehte das Foto um und deutete auf ihren Namen. Wir schüttelten den Kopf. Ein Beweis war das nicht. Wir verlangten eine Geburtsurkunde. Keiner von uns wusste, ob man so etwas zu Hause aufhob, oder ob man dafür aufs Rathaus gehen musste. Aber wenn Sylvia wirklich etwas daran lag, ihre Familienverhältnisse klarzustellen, würde sie an die Papiere schon herankommen.

Das Einzige, was sie nach einigen Tagen aufgetrieben hatte, war der Personalausweis ihrer Mutter. Enttäuscht lasen wir, dass sie bereits sechsunddreißig war. Für eine Sexbombe war das entschieden zu alt. Frank hielt den Ausweis ins Licht.

»Echt!«, murmelte er fachkundig und gab ihn weiter.

Der Ausweis machte die Runde, bis er schließlich wieder in Sylvias Händen landete. Erwartungsvoll schaute sie uns an.

»Verpiss dich«, sagte Lars, »was zeigst du uns so eine Scheiße.«

Wir anderen nickten. Sylvia drehte sich um und rannte davon. Grinsend klopften wir uns gegenseitig auf die Schultern. Mädchen hatten gegen uns keine Chance.

Mein Vater war Ingenieur für Elektrotechnik. Er leitete eine kleine Abteilung in der Stadtverwaltung. Was das mit Elektro zu tun hatte, war mir nicht so recht klar, aber Vater nahm die Sache ziemlich ernst. Er ging um halb acht aus dem Haus und kam nie vor sechs Uhr zurück. Frank behauptete, alle, die für die Stadt arbeiteten, seien Beamte, aber das konnte schlecht stimmen.

»Oder weißt du etwa von einem«, fragte ich ihn, »der gleichzeitig zwei Berufe hat?«

Davon wusste auch Frank nichts. Trotzdem bestand er weiter darauf, dass das mit dem Elektro-Ingenieur nur eine Tarnung war. Obwohl mir Vaters Beruf ganz in Ordnung zu sein schien, reichte er nicht, um berühmt zu werden. Berühmt waren Fußballer, Fernsehstars, Nachrichtensprecher, Politiker und Pop-Sänger. Von berühmten Elektro-Ingenieuren hörte man nie.

Das einzige Mal, dass unser Name in der Zeitung stand, war, als wir unsere Schrankwand verkaufen wollten. Auch wenn mir das nicht besonders aufregend vorkam, schnitt ich die Anzeige aus und klebte sie in mein geheimes Ringbuch. Wer wusste schon, wann und wo der Name Pauli das nächste Mal abgedruckt würde. Auf derselben Seite klebte bereits eine Luftaufnahme des Fußballstadions aus der letzten Montagszeitung. Da ich mit Frank und seinem Vater zum Spiel im Stadion gewesen war, musste auch ich mit auf dem Bild sein. Zwar war ich so noch nicht berühmt, aber immerhin war das ein kleiner Anfang. Auf alle Fälle war es mehr als eine Anzeige für eine Wohnzimmerschrankwand.

Dafür, dass ich ziemlich unsportlich war, gab es keine rechte Erklärung. Ich war weder dick, noch hatte man jemals irgendeine schwerwiegende Erkrankung bei mir festgestellt. Zwar hatte ich einen Hang zu Senk- und Spreizfüßen, aber damit, sagte der Kinderarzt, könne ich sogar Mittelstürmer bei Bayern München werden. Gegen meine Schlappheit verordnete er mir jede Menge frische Luft. Das allerdings war ein Volltreffer. Meine Müdigkeitsanfälle häuften sich, vor allem während der Hausaufgaben, und meine Mutter schickte mich regelmäßig nach draußen. Ich empfahl auch Volker meinen Arzt, aber da er zu den absoluten Sportassen in unserer Klasse zählte, wusste er nicht, wie er die Sache anstellen sollte.

Es war an einem verregneten Samstagnachmittag, als ich zum ersten Mal das Wort Kinderlähmung hörte. Ein Neffe unserer Nachbarin von gegenüber war ganz plötzlich daran erkrankt. Sie saß in unserer Küche und weinte. Obwohl meine Mutter diesen Neffen gar nicht kannte, weinte sie mit. In der Folge trug ich das Wort wie ein böses Gespenst mit mir herum. Ich wusste nicht wirklich, was es damit auf sich hatte, aber so wie ich beim 50-Meter-Lauf der gesamten Klasse hinterherrannte, schien die Krankheit ziemlich genau auch auf mich zuzutreffen. Vermutlich ließ sie sich nur schwer feststellen und die Ärzte waren bei mir einfach noch nicht draufgekommen. Bei der Schluckimpfung, die kurz darauf in der Schule stattfand, stellte ich mich zweimal an, aber davon wurden meine Zeiten auch nicht besser. Das Wort lahm, das mir Herr Keul, unser Sportlehrer, regelmäßig an den Kopf warf, bekam eine ganz neue Bedeutung für mich. Die anderen lachten. Sie wussten ja nicht, dass ich krank war.

Hoffnung schöpfte ich, als ich in meinem Olympiabuch von Wilma Rudolph las, die als Mädchen Kinderlähmung gehabt hatte und trotzdem später Olympiasiegerin geworden war. Weil sie so schnell und schön laufen konnte, nannte man sie die schwarze Gazelle. In meinem Buch über Steppen- und Savannentiere fand ich zwar kein einziges Bild einer schwarzen Gazelle, aber vielleicht hatte sie den Namen ja wegen ihrer Hautfarbe.

Meinen Laufstil verglichen meine Klassenkameraden mit dem eines Schimpansen. Besonders Hartmut machte mich im Sportunterricht nach. Er ließ die Arme schlenkern und gab seltsame Grunzlaute von sich. Ich hätte ihm am liebsten eine gescheuert, aber das wäre vermutlich nicht besonders gut für mich ausgegangen. Hartmut hatte als Einziger in der Klasse Muskeln, die man sogar sah, wenn er sie nicht anspannte. Dafür hatte er keine Ahnung von Bruchrechnen und schrieb Diktate, die Frau Rother, unsere Deutschlehrerin, verzweifeln ließen. Auch sonst war Hartmut nicht besonders helle. Ganz sicher hatte er nicht den Hauch einer Ahnung, wer die schwarze Gazelle war.

Schade nur, dass Wilma Rudolph kein Mann war. Was nutzte es letztlich, einer Frau nachzueifern, die über die hundert Meter elf Sekunden brauchte. Bei den Männern würde man damit noch nicht einmal unter die ersten zehn kommen. Und richtig berühmt wurden sowieso nur die ersten drei. Ich durchsuchte mein Olympiabuch nach Männern, die früher auch Kinderlähmung gehabt hatten, fand aber keinen einzigen. Ein Weitspringer aus Russland hatte wenigstens einen Autounfall gehabt, bei dem er sich beide Beine brach, aber der war auch vor seinem Unfall schon ziemlich sportlich gewesen.

Nicht ganz so sportlich musste man sein, wenn man Bogenschütze oder Dressurreiter war. Das machten sogar Sportler, die schon alt waren. Aber vermutlich wurde man dabei noch nicht einmal berühmt, wenn man eine Goldmedaille um den Hals hängen hatte. Ich kannte keinen einzigen, der sich für so etwas interessierte. Beides war eigentlich gar kein richtiger Sport. Genauso gut hätte man bei der Olympiade Dame oder Federball spielen können. Trotzdem schaute ich im Telefonbuch nach Bogenschießvereinen. Es war nie verkehrt, auch für den Notfall gerüstet zu sein.

Eine besondere Tortur für mich waren die Bundesjugendspiele, die alljährlich von unserer Schule auf dem Sportplatz des Fußballvereins veranstaltet wurden. Mehr als einmal bettelte ich zu Hause um eine Entschuldigung, aber mein Vater war felsenfest davon überzeugt, dass solche Wettkämpfe für meine Entwicklung unverzichtbar seien. Für jede der drei Disziplinen gab es unbestechliche Punktetabellen. Anhand seiner Bestleistungen konnte man sich so schon vorher ausrechnen, auf wie viele Punkte man am Ende kommen konnte. Für hundertachtzig gab es eine Ehrenurkunde, für hundertzwanzig wenigstens noch eine Siegerurkunde, und wer noch nicht einmal das schaffte, für den gab es nur den Spott der Klassenkameraden. Zählte ich meine möglichen Punkte im 50-Meter-Lauf, Weitsprung und Schlagballwerfen zusammen, waren für mich auch in Topform kaum mehr als hundert Punkte drin.

Beim Weitsprung, meiner ersten Disziplin, verfehlte ich gleich zweimal den Balken und musste beim dritten Mal auf Sicherheit springen. Da ich zudem in der Grube nach hinten umkippte, maßen die Kampfrichter gerade einmal zwei Meter dreiundvierzig. Ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass sie doch wenigstens meine Fußabdrücke und nicht meinen Po messen sollten, aber sie blieben hart. Meine geheime Hoffnung, mit drei persönlichen Rekorden vielleicht doch in den Bereich einer Siegerurkunde zu kommen, zerplatzte wie eine Seifenblase. Da half es auch nicht mehr, dass ich beim anschließenden 50-Meter-Lauf die ganze Zeit an Wilma Rudolph dachte. Zwar kam ich bis auf zwei Zehntel an meine Bestzeit von 8,9 heran, aber das reichte gerade einmal für 35 Punkte. Sogar die meisten Mädchen waren schneller als ich. Zusammen mit meinem Ergebnis vom Weitsprung lag ich vor dem Schlagballwurf bei kläglichen 61 Punkten.

Kurz vor meinem letzten Auftritt hatte ich die rettende Idee. Den Schlagball bereits in der Hand, machte ich wild rudernde Aufwärmbewegungen und stieß schließlich einen ohrenbetäubenden Schrei aus, den selbst Herr Keul vernahm, der am anderen Ende des Sportplatzes an der Weitsprunggrube stand. Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff ich mir an die rechte Schulter. Sofort wurde ich auf die Wiese gelegt und unter der fachkundigen Leitung von Frau Urban, unserer Biologielehrerin, untersucht. Ihre erste Diagnose lautete auf Muskelfaserriss. Damit, da war man sich einig, war nicht zu scherzen. Auch Herr Keul, der mittlerweile neben mir kniete, machte ein besorgtes Gesicht. Ich deutete vorsichtig kreisende Bewegungen an und behauptete, für wenigstens einen Wurf werde es schon noch gehen, aber die um mich versammelten Lehrer bestanden einstimmig darauf, dass der Wettkampf für mich beendet sei. Mit gesenktem Haupt trottete ich vom Sportplatz. Zu Hause erzählte ich, dass ich die 120-Punkte-Hürde zur Siegerurkunde nur um ganze zwei Punkte verfehlt hätte. Mein Vater klopfte mir auf die Schulter und machte mir Mut, dass ich es irgendwann schon schaffen werde. Er sagte, dass er früher im Sport auch keine Leuchte gewesen sei, aber das wusste ich schon.

Am nächsten Morgen schmuggelte ich einen Seidenschal meiner Mutter aus dem Haus und knüpfte mir ein Dreieckstuch. Meinen Arm darin eingehängt, studierte ich in der ersten Pause die Ergebnislisten, die neben dem Lehrerzimmer am Schwarzen Brett aushingen. Ich erstarrte. Mit 61 Punkten lag ich um Lichtjahre abgeschlagen auf dem letzten Platz meiner Klassenstufe. Ich war mir sicher, dass es gegen alle geltenden Schul- und Sportgesetze verstieß, einen verletzten Sportler derartig zu demütigen. Vergeblich suchte ich nach einem Ohne Schlagballwurf oder Nach zwei Disziplinen verletzt ausgeschieden, das am Rand oder als kleine Fußnote die Dinge ins rechte Licht gerückt hätte. Und wer konnte schon wissen, ob ich nicht auch den 50-Meter-Lauf und den Weitsprung nur unter Schmerzen durchgehalten hatte. Ich sah mich bereits zum Gespött der ganzen Schule werden. 61 Punkte bei den Bundesjugendspielen war an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten. Es war noch peinlicher, als vom Schuldirektor beim Schlüssellochgucken im Mädchenklo erwischt zu werden. Sogar Benny Semerak, der sich mit seinem Schwabbelbauch fast nie wie ein normaler Mensch bewegte, hatte es auf 72 Punkte gebracht. Zwar war er im Gegensatz zu mir bei allen drei Disziplinen angetreten, aber vermutlich würde danach kaum jemand fragen. In meiner Verzweiflung passte ich Herrn Keul in der ersten Hofpause vor dem Lehrerzimmer ab und flehte ihn an, meinen Namen auf der Liste zu streichen. Natürlich wusste ich, wie er zu den Schlechtesten seiner Klasse stand. Wer die 50 Meter nicht unter acht Sekunden lief, konnte in der Regel kaum auf seine Gnade hoffen. Umso mehr war ich überrascht, dass er ohne jedes Zögern einen schwarzen Filzstift aus seiner Brusttasche hervorzauberte und einen dicken Balken über meinen Namen malte.

»Die Vier«, sagte er streng, »streiche ich dir deshalb aber nicht, Freundchen.«

Ich nickte. Mit einer Vier, solange sie nicht am Schwarzen Brett hing, konnte ich leben. Erleichtert ging ich zurück auf den Pausenhof.

Mein Platz auf der Liste war von meinen Klassenkameraden genauso wenig unentdeckt geblieben wie mein Bittgang zu Herrn Keul. Sogar die Mädchen stimmten in den von Hartmut angezettelten Spott ein. Neben Volker war er der Einzige aus unserer Klasse, der eine Ehrenurkunde eingeheimst hatte. Die Mädchen umlagerten ihn wie einen Olympiasieger. Ihre Blicke waren voller Bewunderung. Die Blicke der Mädchen, die mir galten, waren bestenfalls mitleidig. Auch Volker, der sogar noch zwölf Punkte mehr als Hartmut erreicht hatte, ging leer aus. Ganz offensichtlich gab es neben Urkunden noch andere Dinge, die zählten. Ich machte mir keine allzu großen Hoffnungen, dass ich dabei besser abschnitt.

Big Titty

Schuhe.tif

Es gab Jungs in unserer Klasse, die behaupteten, sie hätten schon einmal ein Mädchen geküsst. Keiner rückte mit irgendwelchen Namen heraus, aber Volker und ich tippten auf Sylvia und Pia, Lars’ Zwillingsschwester. Lars sagte, das sei absoluter Blödsinn, er wisse genau, was seine Schwester tue und was nicht, aber das überzeugte uns nicht. Immerhin wusste Lars auch nicht, dass Pia Liebesbriefe an Frank schrieb. Frank wiederum, der Pia eine blöde Gans nannte, bestand darauf, dass er keinen dieser Briefe jemals beantwortet hätte. Auch daran konnte man durchaus seine Zweifel haben.

Was das Küssen anging, war es Hartmut, der am lautesten herumtönte. Er behauptete, er habe sogar schon einmal ein Mädchen aus der Mittelstufe geküsst, aber das war nun wirklich lächerlich. Die Mädchen aus der Mittelstufe küssten nur Jungs aus der Oberstufe, und so unwiderstehlich war Hartmut nun auch wieder nicht.

Meine Kusserfahrungen beschränkten sich auf meine Eltern, meine Patentante Hanna und meine Großeltern. In besonderen Ausnahmefällen wie Geburtstag oder Silvester tauschte ich auch flüchtige Küsse mit Anka. Seit sie allerdings ihren ersten Freund gehabt hatte, war es damit vorbei. Sie sagte, es sei kindisch, seinen eigenen Bruder zu küssen, und damit hatte sie wahrscheinlich sogar recht. Auch sonst waren meine Küsse selten geworden. Die Gutenacht- und Abschiedsküsse meiner Mutter waren die einzigen, die noch übriggeblieben waren, und auch dafür schien mir die Zeit langsam, aber sicher abgelaufen zu sein. Sie freilich schien das ganz anders zu sehen.

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