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Nur eine flüchtige Begegnung

1. KAPITEL

Die Eingangshalle der Villa Bellagio mit ihren hohen Decken und den glänzenden Holzfußböden beeindruckte vor allem durch die aufwändigen Fresken an den Wänden und die kostbaren Kronleuchter aus venezianischem Glas. In einer Ecke des Raumes stand ein Flügel, den silbergerahmte Fotografien von berühmten Gästen des Hotels zierten. Warmes Sonnenlicht strömte durch weite Glastüren herein, die auf einen von immergrünen Pflanzen beschatteten Garten mit Swimmingpool hinausgingen.

Doch Olivia, die eben erst eingetroffen war, hatte überhaupt keinen Blick für die Schönheit ihrer Umgebung. Verwirrt und ungläubig starrte sie die Rezeptionistin an.

„Meine Schwester ist nicht hier?“

„Ich bedauere, nein, Signora.“ Die Rezeptionistin reichte einen Brief über den Tresen. „Sophie hat Ihnen das hier hinterlegt, Miss Maitland.“

Voll böser Vorahnungen öffnete Olivia den Umschlag und las bestürzt die Zeilen in Sophies vertrauter Handschrift.

Liebste Liv, sei mir nicht böse, dass ich dich versetze. Wir treffen uns dann zwei Tage später in Pordenone. Ich hatte die Gelegenheit, mit Andrea ein paar Tage Urlaub zu machen, also habe ich zugegriffen. Mir ist klar, dass ich dich damit dir selbst überlasse, bis du am Samstag in der Villa Nerone eintriffst. Aber daran bist du ja durch deine Arbeit gewöhnt. Ich habe im Bellagio strikte Anweisung gegeben, dass man sich um dich kümmert. Also bis Samstag, ciao, cara, liebe Grüße, Sophie.

Olivia steckte den Brief ein und zwang sich zu einem Lächeln, als der Hotelpage ihr Gepäck nahm und sie zu ihrem Zimmer begleitete. Nachdem sie ihm ein großzügiges Trinkgeld in die Hand gedrückt hatte, schloss Olivia die Tür und starrte müde und abwesend aus dem Fenster. Dass Sophie nicht hier war, hatte ihr einen Schrecken eingejagt.

Doch nach einer Weile gab sich Olivia einen Ruck. Schließlich war Sophie kein Kind mehr. Aus ihrem Brief ging deutlich hervor, dass es ihr gut ging und dass sie sich in weniger als 48 Stunden in Pordenone sehen würden. Fürs Erste war es vernünftiger, sich an die Arbeit zu machen und die ersten Eindrücke von der Villa Bellagio schriftlich festzuhalten.

Olivia arbeitete als Hauptberaterin für Rundreisen in einem exklusiven Reisebüro in London. Ihr Besuch von drei Hotels in Norditalien wurde von der Firma bezahlt. Am Nachmittag war sie auf dem Marco-Polo-Flughafen von Venedig angekommen und mit einem Mietwagen zur Villa Bellagio gefahren, wo ihre Schwester, die Französisch und Italienisch studierte, während der Semesterferien als Rezeptionistin arbeitete. Sophie hatte Olivia das Bellagio als Hotel für anspruchsvolle Reisende empfohlen und vorgeschlagen, dass die beiden Schwestern sich dort treffen sollten.

Das Auspacken und die Notizen konnten warten, überlegte Olivia. Rasch kämmte sie sich das kurze glatte Haar und machte sich auf den Weg zur Terrasse, wo unter gestreiften Sonnenschirmen an einem liebevoll mit zartem Porzellan gedeckten Tisch Tee serviert wurde. Dort standen Kannen mit heißem Wasser, Schälchen mit Zitronenscheiben und eine reiche Auswahl an verschiedenen Teesorten bereit.

In der warmen Nachmittagssonne, umgeben vom fröhlichen Geschrei der Kinder, die im Schwimmbecken planschten, entspannte Olivia sich langsam, während sie an ihrem Tee nippte. Sie saß allein auf der Terrasse und betrachtete nun ausgiebig den Garten mit den Skulpturen und den großen, mit Hortensien bepflanzten Tonkrügen, die sich vom blendend weißen Kies der Terrasse abhoben.

Als Olivia wieder auf ihrem Zimmer war, holte sie ihr Notizbuch hervor und schrieb ihre Eindrücke von dem schlichten, aber bezaubernden Dekor des Raums nieder. Die Möbel waren geschmackvolle Nachbildungen im Stil des achtzehnten Jahrhunderts. Eine Klimaanlage gab es nicht, dafür aber eine elektronische Vorrichtung zur Mückenabwehr. In dem hübschen kleinen Bad fand der Gast alles, was er benötigte: reichlich Handtücher, Shampoo und Duschgel. Alles war aufs Peinlichste sauber und ordentlich und doch sehr gemütlich. Die Lampen funktionierten alle, und ein kleiner eingebauter Kühlschrank war mit allerlei Getränken gefüllt. Zufrieden beendete Olivia ihren Bericht und gönnte sich ein ausgiebiges Bad.

Gerade war sie aus der Wanne gestiegen, da klingelte das Telefon. Sie rannte zum Hörer und atmete erleichtert auf, als sie die Stimme ihrer Schwester erkannte.

„Liv? Ich bin’s …“

„Sophie, Gott sei Dank! Wo bist du um Himmels willen?“

„In Florenz! Was für eine herrliche Stadt! Ich war immer so neidisch auf dich, aber jetzt hab’ ich sie endlich auch gesehen – die Statue von David ist …“

„David interessiert mich nicht“, unterbrach Olivia sie streng. „Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, bevor ich abgereist bin?“

„Ach, Liv, sei doch nicht sauer! Du wärst ja sowieso gekommen, und es ging alles so schnell. Wir sehen uns doch übermorgen. Mach dir keine Sorgen, mir geht’s gut. Und ich bin nicht allein.“

„Wer ist denn bei dir, Sophie?“

„Das wirst du am Samstag erfahren – Andrea freut sich schon darauf, dich kennenzulernen. Übrigens übernachten wir bei Andreas Familie, also kein Grund zur Aufregung. Oh je, jetzt geht mir das Geld aus. Ciao …“

Bevor Olivia noch etwas fragen konnte, war die Verbindung unterbrochen. Nachdenklich legte sie den Hörer auf. Ihre kleine Schwester führte irgendetwas im Schilde. Doch bis Olivia Näheres herausfinden konnte, war es am klügsten, die berühmte gute Küche des Bellagio zu testen, früh schlafen zu gehen und am nächsten Tag Venedig zu erkunden, auf das sie sich schon so lange freute.

Sie föhnte das braune Haar, bis es in weichen Stufen ihr Gesicht umrahmte, und legte leichtes Make-up auf. Sie war es gewohnt, allein in fremden Hotels zu essen, und kleidete sich wie üblich elegant und unauffällig. Zu dem kieferngrünen Seidenhemd trug sie ein cremefarbenes Kostüm. Um ihre aufsteigende Unsicherheit zu verbergen, setzte sie eine dunkle Sonnenbrille auf.

Doch ihr Unbehagen verflog bei dem freundlichen Empfang im Speisesaal. Der Oberkellner, der sich als Carlo vorstellte, führte sie an einen kleinen Ecktisch, von dem aus sie den erleuchteten Garten überblicken konnte. Carlo brachte die Speisekarte und gab einem jungen Kellner ein Zeichen, der daraufhin einen Korb mit knusprigem Brot, ein Schälchen Butter und das berühmte Mineralwasser aus San Pellegrino servierte. Während Olivia noch überlegte, was sie essen sollte, füllten sich nach und nach die umstehenden Tische.

Auf Carlos Empfehlung hin wählte Olivia einen Salat und gegrillten Fisch, den der Oberkellner selbst servierte und filetierte. Olivia genoss jeden einzelnen Bissen, lehnte allerdings einen Nachtisch ab und bestellte nur Kaffee. Eine Weile noch hörte sie dem bunten Sprachengemisch an den Nebentischen zu und freute sich an dem wunderschönen Ausblick in den Garten, bis sie schließlich beschloss, zu Bett zu gehen.

Auf dem Weg durch das Foyer blieb sie vor einer Glasvitrine stehen, in der antiker Schmuck ausgestellt war. Als sie kurz aufsah, fiel ihr Blick auf einen Mann mit einem kantigen, braun gebrannten Gesicht und schwarzem lockigen Haar, der gerade das Hotel betrat und sofort vom Geschäftsführer begrüßt wurde. Der Neuankömmling redete leise, aber eindringlich auf Signor Ferrante ein, bis dieser bedauernd die Hände hob und dem Gast etwas ins Ohr flüsterte. Augenblicklich wirbelte der Mann herum und schaute zu Olivia hin.

Diese drehte sich auf dem Absatz um und hielt auf den Säulengang zu, der zu ihrem Zimmer führte. Doch bevor sie ihn erreichte, wurde sie vom Geschäftsführer aufgehalten.

„Signora Maitland, mein Name ist Enrico Ferrante, ich bin der Geschäftsführer der Villa Bellagio. Ich hoffe, das Essen hat Ihnen geschmeckt?“

Olivia nickte. „Danke, sehr gut.“

Bene. Das freut mich.“ Er lächelte höflich und deutete dann zu dem schwarzhaarigen Mann hinüber. „Darf ich mir erlauben, Ihnen einen weiteren Gast unseres Hauses vorzustellen? Mr. Hamilton ist ein Landsmann von Ihnen und würde Sie gern sprechen.“

Olivia nickte, blieb jedoch stehen, wo sie war, sodass der ungeduldig wirkende Fremde zu ihr kommen musste.

„Miss Maitland, ich möchte Ihnen Mr. Max Hamilton vorstellen.“ Der Geschäftsführer verbeugte sich und zog sich zurück.

„Sehr erfreut“, sagte der Mann kurz angebunden.

Olivia neigte nur stumm den Kopf.

„Eigentlich wollte ich mit Ihrer Schwester sprechen“, sagte er und blickte sie von oben herab an.

„Meine Schwester?“, fragte Olivia in äußerst eisigem Ton zurück.

„Wie ich höre, ist sie letzte Woche unerwartet für ein paar Tage weggefahren“, fuhr der Mann grimmig fort. „Und das ist ein verdammt seltsamer Zufall.“

„Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden, Mr. Hamilton“, erwiderte Olivia empört. „Bitte erklären Sie mir, worum es geht, und zwar kurz, wenn ich bitten darf. Ich bin heute aus London angereist und bin müde.“

„Ich bin um einiges weiter gereist als Sie“, fuhr der Mann sie an. „Nach einem Notruf von der Verlobten meines Bruders bin ich aus Katar direkt hierher geflogen statt nach London, wie ich’s vorhatte.“

Olivia zog erstaunt die Stirn kraus. „Aber was hat das alles mit mir zu tun?“

„Ihre Schwester heißt Sophie und hat hier den Sommer über an der Rezeption gearbeitet, stimmt’s?“

„Ja“, gab sie widerwillig zu.

„Mein Bruder ist nirgends zu finden, und höchstwahrscheinlich ist Ihre Schwester mit ihm auf und davon.“

„Das ist ja unerhört“, fuhr Olivia auf. „Wie kommen Sie nur dazu, so was zu glauben?“

„Man hat sie zusammen wegfahren sehen. Außerdem hab’ ich gehört, dass sie hier mit Ihnen verabredet war und dass Sie reichlich entsetzt waren, als Sie Ihre Schwester nicht angetroffen haben.“

„Das stimmt zwar, aber mein Besuch hier ist nicht nur privater Natur. Ich bin geschäftlich hier, sodass Sophies Abwesenheit nur eine kleine Planänderung bedeutet. Wir treffen uns stattdessen am Samstag.“

„Wo?“ Der Mann stürzte sich beinahe auf sie.

Olivia wich einen Schritt zurück. „Mir ist nicht klar, was unsere Pläne Sie angehen, Mr. Hamilton. Ich kenne Ihren Bruder nicht, und Sophie auch nicht. Sie irren sich gewaltig. Sie ist mit einem Mädchen namens Andrea unterwegs.“

„Und Sie irren sich im Geschlecht! Andrea ist der Name, auf den mein Bruder getauft ist, allerdings lässt er sich Drew nennen. Der Dummkopf soll in zwei Wochen heiraten, und seine Verlobte ist völlig aus dem Häuschen, weil er verschwunden ist. Ich soll ihn finden und heimbringen.“

Olivia starrte ihn wie versteinert an. Wenn stimmte, was dieser unangenehme Mensch da sagte, dann war es kein Wunder, dass Sophie sie am Telefon nicht hatte zu Wort kommen lassen. Deswegen hatte sie auch so aufgeregt geklungen.

Olivia zuckte schließlich gleichgültig die Achseln. „Selbst wenn Sie recht haben und ich vorhätte, Ihnen zu helfen, ich kann es nicht, Mr. Hamilton. Ich habe keine Ahnung, wo Sophie sich im Moment aufhält, nur dass sie am Samstag in dem Hotel ankommt, das ich als Nächstes ansteuere. Guten Abend.“ Sie wollte gehen, doch Max Hamilton erwischte sie am Handgelenk.

„Warten Sie!“

Olivia blitzte ihn so empört an, dass er ihre Hand augenblicklich losließ.

„Entschuldigen Sie“, sagte er, bemüht, etwas versöhnlicher zu klingen. „Aber Sie können sich doch sicher vorstellen, in was für eine teuflische Situation Drew mich da gebracht hat!“

„Das kann ich allerdings“, erwiderte Olivia kühl. „Aber ich weigere mich einfach zu glauben, dass Ihr Problem irgendwie mit meiner Schwester oder mit mir zusammenhängt.“

Max Hamilton blickte sie finster an, dann stieß er einen müden Seufzer aus. „Hören Sie, Miss Maitland, könnten wir vielleicht in aller Ruhe etwas an der Bar trinken und die ganze Sache besprechen?“

„Sie wollen doch bloß, dass ich Ihnen sage, wann und wo genau ich meine Schwester am Samstag treffe“, gab sie schlagfertig zurück.

„Sie würden Sarah damit einen Riesengefallen tun“, sagte er rau. „Es hat mich ganz schön mitgenommen, als ich sie gestern am Telefon weinen hörte.“

„Mr. Hamilton, Sie haben keinerlei Beweis dafür, dass meine Schwester mit Ihrem Bruder zusammen ist. Aber selbst wenn es so ist, weiß Sophie bestimmt nichts von der Hochzeit. Wie alt ist Ihr Bruder?“

„Achtundzwanzig.“

„Sophie ist erst zwanzig“, gab Olivia in scharfem Ton zurück. „Ich glaube, ich habe eher Grund, mir Sorgen zu machen, Mr. Hamilton, nicht Sie.“

Er runzelte die Stirn. „So jung? Verflucht, Drew muss den Verstand verloren haben. Ich nehme an, sie ist hübsch?“

Olivia nickte. „Ja. Ist das von Belang?“

„Wenn Drew mit Ihrer Schwester abgehauen ist, Miss Maitland, dann muss sie hübsch sein. Er interessiert sich mehr für die Verpackung als für den Inhalt.“

Sie warf ihm einen feindseligen Blick zu. „Auch bei seiner Braut?“

Das kantige Gesicht wurde etwas weicher. „Sarah ist die Ausnahme. Deshalb heiratet er sie ja.“

Olivia holte tief Luft. „Wenn also, ich meine, gesetzt den Fall, meine Schwester ist bei Ihrem Bruder, dann steht eines fest: Er hat nichts von einer Verlobten oder Hochzeit erwähnt. Sophie ist vielleicht jung, aber sie ist weder dumm noch skrupellos.“

Max Hamilton zuckte die Achseln. „Sie haben bestimmt recht. Wenn Drew etwas will, kann er verdammt zielstrebig sein. Mit anderen Worten, wenn Ihre Schwester ihn genug reizt, wird er Sarah nicht erwähnen.“

„Sie zeichnen ja ein reizendes Bild von ihm!“

„Ich hab’ ihn wirklich sehr gern, aber glauben Sie mir, ich sehe Drew nicht durch die rosarote Brille.“ Max Hamilton sah sich um, als eine Gruppe von Gästen eintraf, um ihre Schlüssel zu holen. „Miss Maitland, bitte, schenken Sie mir ein paar Minuten Ihrer Zeit, und trinken Sie etwas mit mir an der Bar. Dort ist es ruhiger.“

Olivia zögerte, schmolz aber dahin, als sie den müden Ausdruck um seine dunklen Augen bemerkte.

„Also gut“, sagte sie. „Aber nur für ein paar Minuten.“

„Ich danke Ihnen.“ Max Hamilton ging durch die Halle voran in einen weiteren Raum, aus dem sanfte Klaviermusik drang.

Olivia bestellte ein Tonic Water, ihr Begleiter einen Cognac. Nachdem er einen großen Schluck aus seinem Glas genommen hatte, wandte er sich mit verdrossenem Gesichtsausdruck an Olivia.

„Ich möchte für meine Unhöflichkeit vorhin um Verzeihung bitten. Aber Diplomatie war noch nie meine Stärke.“

Sie nickte zustimmend.

Er presste die Lippen zusammen. „Aber da Ihre Schwester und mein Bruder am selben Tag abgefahren sind und man sie oft zusammen gesehen hat, während er hier war, ist es doch ziemlich naheliegend, dass sie zusammen unterwegs sind. Zumal der Name des Begleiters Andrea ist.“

„Mr. Hamilton, ich verstehe ja Ihr Dilemma. Doch solange ich Sophies Version der Geschichte nicht kenne, weigere ich mich schlicht zu glauben, dass sie einfach mit jemandem abhaut, den sie kaum kennt. Wie lange war Ihr Bruder hier im Hotel?“

„Zwei Tage. In Begleitung eines Kameramanns und eines Tontechnikers.“

Olivia hob fragend die Brauen. „Ein bisschen übertrieben für eine heimliche Romanze, finden Sie nicht?“

Max Hamilton erklärte ihr, dass sein Bruder als Moderator einer Motorsportsendung beim Fernsehen arbeitete. Mit seiner Crew hatte er in den Alpen ein Cobra-Cabriolet auf Herz und Nieren getestet und zum Abschluss einen Fototermin in der Villa Bellagio angesetzt.

„Ach so“, sagte Olivia. „Er ist der Drew Hamilton.“

Der besagte junge Mann, der hochgewachsen, blond und selbstsicher, wie er war, mit seinem strahlenden Lächeln in teuren Wagen über die Landstraßen brauste, hatte die Einschaltquoten der Sendung unter den weiblichen Zuschauern hochschnellen lassen. Wenn Drew Hamilton es auf ihre Schwester abgesehen hatte, hatten zwei Tage wahrscheinlich genügt, überlegte Olivia mit sinkendem Mut. Zu einem Abstecher nach Florenz hätte Sophie nicht Nein sagen können. Plötzlich hellte sich Olivias Gesicht auf.

„Nein, warten Sie! Sophie kann nicht mit Ihrem Bruder zusammen sein, Mr. Hamilton. Sie sagte, sie würde bei Andreas Familie übernachten!“

Zu ihrer Verwunderung blickte ihr Begleiter nun noch finsterer drein. „Verflucht – dieser Idiot muss sie zu seiner Mutter nach Sacile mitgenommen haben.“

„Seine Mutter?“

„Er ist mein Stiefbruder. Seine Mutter ist Italienerin, daher der Name Andrea. Sie hütet Drew wie ihren Augapfel. Wenn er Sarah zwei Wochen vor der Hochzeit den Laufpass geben will und ein anderes Mädchen mit nach Hause bringt, ist Luisa die Letzte, die etwas dagegen hat. Ihr kleiner Liebling kann nichts Böses tun.“ Sein Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln, dann gab er dem Kellner ein Zeichen. „Ich brauche unbedingt noch einen Brandy, bevor ich meine Stiefmutter anrufe. Kann ich Sie nicht auch zu etwas Stärkerem überreden?“

Olivia schüttelte den Kopf. „Mr. Hamilton, glauben Sie wirklich, dass Ihr Bruder kurz vor seiner Hochzeit ein fremdes Mädchen mit zu seiner Mutter nach Hause bringt?“

„Ich will’s verdammt noch mal nicht hoffen“, brauste er auf. „Oh, entschuldigen Sie. Ich hab’ die letzten Monate ausschließlich in Gesellschaft von Männern verbracht. Meine Manieren sind ein wenig eingerostet. Ich stärke mich erst mal, dann rufe ich Luisa an.“

Olivia stand auf. „Könnten Sie mich bitte auf meinem Zimmer anrufen, wenn Sie etwas in Erfahrung gebracht haben? Nummer vierunddreißig.“

Er sprang sofort auf und nickte. „Ich wohne nur ein paar Türen weiter. Ich sage Ihnen Bescheid, sobald ich mehr weiß.“

Schweigend gingen sie den glänzenden Marmorboden des Säulengangs entlang und die ausgetretenen Stufen hinauf zum Obergeschoss. „Ich höre also von Ihnen?“, fragte sie, als sie vor ihrer Tür anlangten.

„Ja, gut. Aber ich warne Sie, es kann etwas dauern. Luisa und ich kommen nicht gut miteinander zurecht.“

„Versuchen Sie’s mit etwas Taktgefühl!“, riet Olivia ihm bissig.

Zu ihrer Überraschung grinste er breit, sodass seine strahlend weißen Zähne zum Vorschein kamen. „Sie meinen, ich sollte meine Annäherungsversuche etwas verfeinern?“

„Genau.“ Sie nahm die Sonnenbrille ab und lächelte zurück. „Mit Honig fängt man mehr Fliegen.“

Max Hamiltons Grinsen verschwand augenblicklich, wortlos blickte er Olivia an. „Sieht Ihre Schwester Ihnen ähnlich, Miss Maitland?“, fragte er schließlich.

„Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit, ja.“

Sein Blick glitt langsam über ihr Gesicht. „Gar nicht so schwer, Drew zu verstehen, wenn ich’s recht bedenke.“ Er nickte schelmisch. „Wir sprechen uns später.“

2. KAPITEL

Olivia blickte hinaus in den Garten, während sie angespannt auf das Klingeln des Telefons wartete. Die Minuten schlichen quälend langsam dahin, bis es leise an der Tür klopfte.

„Wer ist da?“, fragte Olivia.

„Hamilton.“

Olivia öffnete eilig die Tür. „Und, was ist nun?“

„Könnten wir eine Runde im Garten drehen?“, gab er zurück. „Es ist eine lange Geschichte, und ich brauche frische Luft.“

Olivia folgte ihm wortlos.

„Sie sind nicht in Sacile“, begann er ohne Umschweife. „Auch meine Stiefmutter nicht. Sie besucht in Frankreich Freunde und fährt von dort aus direkt zur Hochzeit nach England.“

„Wie haben Sie das erfahren?“

„Ich hab’ mit Daria, ihrer Haushälterin, gesprochen. Andrea ist nicht dort gewesen und hat auch nicht angerufen. Und unter der Nummer, unter der Luisa in Frankreich zu erreichen wäre, soll ich nur im äußersten Notfall anrufen. Daria sagt, die Signora wird verrückt vor Sorge, wenn sie erfährt, dass ihr geliebter Andrea verschwunden ist. Ich muss also alles allein auf mich nehmen“, fügte Max hinzu.

„Klingt, als wäre das nichts Neues für Sie.“

„Ist es auch nicht“, versicherte er ihr. „Nach dem Gespräch mit Daria hab’ ich noch Sarah angerufen. Sie ist davon überzeugt, dass er tot oder entführt worden ist. Jedenfalls alles andere, als dass er sie einfach sitzen lassen hat.“

„Ganz schön zynisch“, bemerkte Olivia.

„Miss Maitland, ich bin durch meinen Job schon ziemlich in der Welt herumgekommen, und eins hab’ ich dabei gelernt: Leichtgläubigkeit führt zu nichts.“

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