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Nur eine Nacht voll Zärtlichkeit

1. KAPITEL

“Du hast was getan?”, fragte Trent McBride mit schneidender Stimme.

Aber Bobbie McBride war noch nie leicht einzuschüchtern gewesen – und schon gar nicht von ihren Kindern. Sie sah ihren Jüngsten ungerührt an. “Ich habe eine Haushaltshilfe für dich eingestellt. Du hast uns sicher schon von Annie Stewart sprechen hören. Sie macht seit sechs Wochen in der Kanzlei sauber. Annie ist sehr gewissenhaft und hat schon eine ganze Reihe von Kunden, aber sie braucht ein größeres Einkommen.”

“Aber ich brauche keine Haushaltshilfe.”

“Und ob du eine brauchst. Du hältst hier alles zwar leidlich sauber, aber Annie wird sich um Kleinigkeiten kümmern, die dir nie in den Sinn kämen. Und sie wird auch die Wäsche waschen.”

“Ich kann meine Wäsche selbst waschen!”

Seine Mutter überhörte den Einwurf geflissentlich. “Sie wird zweimal die Woche kommen, Dienstag und Freitag. Nächste Woche fängt sie an.”

Trent wusste, wie sinnlos es war, mit seiner Mutter zu diskutieren. Aber er versuchte es trotzdem. “Ich will das nicht. Wie soll ich sie überhaupt bezahlen? Von dem kläglichen Rest der Versicherungssumme? Und bevor du etwas sagst – ich will nicht, dass du und Dad sie bezahlen.”

“Nie lässt du dir von uns helfen”, stellte Bobbie sachlich. “Du bist eindeutig der Sturste von euch dreien, mein lieber Trent. Aber ich habe Annies Bezahlung schon perfekt organisiert. Sie ist in das Stewart-Haus am Ende der Straße gezogen. Carney Stewart war ihr Großonkel und hat es ihr vererbt. Wer hätte gedacht, dass der Alte Familie hatte! Na ja, der Kasten ist ziemlich baufällig, aber ich habe Annie gesagt, dass du ein geschickter Zimmermann bist. Sie ist bereit, dir ihre Dienste als Gegenleistung für deine anzubieten.”

“Ich bin doch kein Handwerker!”

“Vielleicht nicht, aber du hast zumindest Zeit. Es täte dir auch ganz gut, ab und an mal hier herauszukommen. Und ein bisschen Bewegung ist sicher auch nicht schlecht, wenn du es nicht übertreibst. Außerdem, du tust einer reizenden jungen Dame einen großen Gefallen.”

“Gefälligkeiten liegen mir nicht.”

“Diese schon.” Bobbies Stimme war sanft, aber genauso bestimmt wie die ihres Sohnes.

Trents Mutter war dreißig Jahre lang Lehrerin gewesen, und wenn sie anfing zu dozieren, war sie nicht mehr aufzuhalten. Trent war zwar schon sechsundzwanzig, aber Bobbie neigte immer noch dazu, ihn wie einen Teenager zu behandeln.

“Wenn du auch nur eine Sekunde glaubst, dass ich dich hier für den Rest deines Lebens wie einen Einsiedler vor dich hinbrüten lasse, hast du dich aber gewaltig getäuscht”, sagte sie geradeheraus. “Willst du wie Carney Stewart enden, einsam und wunderlich? Wir haben dir ein Jahr lang Zeit gegeben, um wieder zu dir zu kommen. Der Unfall ist jetzt achtzehn Monate her. Es wird Zeit, dass du aufhörst zu grollen und dein Leben wieder in die Hand nimmst.”

Trent starrte die Wand vor sich an. “Ich grolle nicht. Ich lebe genau so, wie ich es möchte.”

“Du sitzt tagelang allein hier herum, gehst nie aus und vernachlässigst deine Freunde und Familie. Du isst nicht vernünftig und machst deine Krankengymnastik nicht. Ist das das Leben, das du möchtest?”

“Ja”, antwortete er knapp.

Bobbie schüttelte den Kopf. “Ich werde nicht zusehen, wie du dich zugrunde richtest.”

“Zu spät, Mom.” Trent versuchte, gelangweilt zu klingen, aber ein Hauch von Selbstmitleid mischte sich in seinen Tonfall. “Das habe ich schon vor achtzehn Monaten getan.”

Seine Mutter ließ sich nicht beirren. “Manchmal glaube ich, du brauchst ganz einfach eine Tracht Prügel.”

Ein winziges Lächeln zuckte um Trents Mundwinkel. “Vielleicht hast du recht.”

Bobbie griff nach ihrem Mantel. “Ich muss los. Annie kommt Dienstagmorgen um neun. Dann könnt ihr ja die Einzelheiten besprechen.”

Trent wollte widersprechen, aber das wäre aussichtslos gewesen. “Okay. Ich gebe ihr einen Monat. Aber das ist alles!”

Zufrieden mit diesem Teilerfolg ließ Bobbie sich von ihrem Sohn zur Tür bringen. Nachdem er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, stieß Trent einen mürrischen Laut aus und fuhr sich genervt durch sein blondes Haar. Was hatte seine Mutter ihm da nur wieder eingebrockt?

Es war ein trüber Februarmorgen, grau und windig. Annie Stewart sah zwischen den dunklen Wolken und der düsteren Hütte vor ihr hin und her und hätte nicht sagen können, was von beiden weniger einladend wirkte.

Fast hätte sie die Regenwolken vorgezogen. Denn nach all den Gerüchten, die sie über Trent McBride gehört hatte, war sie nicht sicher, was sie in diesem Holzhaus erwarten würde.

Es hieß, er sei bei einem Flugzeugabsturz nur um Haaresbreite dem Tod entronnen und schwer verletzt worden, und nicht nur sein Körper sei in Mitleidenschaft gezogen worden. Er sei nicht mehr derselbe. Vorher der Liebling der Stadt, ein Sunnyboy, hatte er sich offenbar nun in einen missmutigen Eigenbrötler verwandelt. Martha Godwin, eine von Annies neuen Kundinnen, hatte sich als ergiebige Informationsquelle erwiesen. Sie behauptete, dass Trent nicht mehr ‘ganz richtig im Kopf’ sei seit dem Unfall.

“Sitzt den ganzen Tag in seiner Hütte am Waldrand”, hatte Martha düster gesagt. “Geht nirgendwo hin, besucht niemanden. Nur seine Familie bekommt ihn zu sehen. Wenn ich seine Eltern nach ihm frage, schütteln sie nur den Kopf. Oh, es gab mehr als eine Frau, die sich mit Vergnügen um ihn gekümmert hätte. Es gab wahre Pilgerzüge zu seiner Hütte, Frauen mit Selbstgekochtem und liebevollem Lächeln. Er hat sie alle zum Teufel gejagt. Ich war auch da, nur auf einen nachbarschaftlichen Besuch, aber er hat mich nicht hereingelassen. Sagte, er sei beschäftigt. Aber was soll er schon zu tun haben?”

Annie, die mit Marthas Neugier schon ihre eigenen Erfahrungen gemacht hatte und eine Reihe persönlicher Fragen über sich ergehen lassen musste, konnte es Trent nicht verdenken, dass er sie abgewiesen hatte. Aber es schien schon seltsam, wenn ein Mann, der noch nicht einmal dreißig war, sich dermaßen abkapselte.

Jetzt stand sie selbst an seiner Haustür und suchte nach einem Klingelknopf. Vergeblich. Als sie daraufhin anklopfen wollte, merkte sie, dass ihre Hand zitterte. Himmel, was war nur los mit ihr? Warum hatte sie das beunruhigende Gefühl, dass sie hinter dieser Tür etwas erwartete, das ihr Leben verändern würde? Dabei hatte sich in den letzten Monaten bereits so viel geändert. Ein weiterer Kunde sollte da eigentlich keinen großen Unterschied machen, auch wenn er anders war als die anderen.

Annie nahm ihren Mut zusammen und klopfte an die Tür. Was auch immer dieser Trent McBride für ein seltsamer Kauz sein mochte, das hier war keine Szene aus Die Schöne und das Biest. Zumal sie nicht schön war, und Trent war gewiss auch kein Biest.

Sie kannte seine Familie, und es waren reizende Leute. Konnte er so anders sein als sie?

Sie klopfte ein zweites Mal. Vielleicht hatte er sie nicht gehört. Nach einer Weile wurde die Tür geöffnet.

Ein Mann stand im Schatten des Flurs. Sie konnte ihn kaum erkennen, nur dass er groß war, mindestens ein Meter fünfundachtzig, und sehr schlank. Und er ist blond, dachte Annie, die einen goldenen Schimmer in der Dunkelheit sah. “Mr. McBride?”

“Sind Sie die neue Hilfe?” Seine Stimme war tief und etwas rau.

Annie fand die verschiedenen Bezeichnungen für ihre Arbeit zwar noch immer befremdlich, aber sie antwortete schlicht: “Ja. Ich bin Annie Stewart.”

Nach einer Pause trat er zurück. “Kommen Sie herein.”

Instinktiv zögerte Annie, und Trent schaltete das Licht ein. Der höhlenartige Raum wirkte zwar unversehens freundlicher, und die wenigen Möbel waren geschmackvoll, aber insgesamt war die Einrichtung ziemlich spartanisch. Sogar Hotelzimmer hatten ein persönlicheres Flair.

Nachdem sie nicht länger einfach nur herumschauen konnte, wandte Annie sich zu Trent um. Sie war auf alles Mögliche vorbereitet – auf Narben, Verunstaltungen, irgendwelche anderen Spuren des Unfalls. Womit sie nicht gerechnet hatte, war pure männliche Perfektion.

Die dichten blonden Haare und das Gesicht hatten sicher schon viel weibliche Bewunderung erfahren. Kein Wunder, dass die Frauen der Stadt sich darum gerissen hatten, ihn nach dem Unfall aufzupäppeln. Hinter der Brille mit schmalem Goldrand waren tiefblaue Augen zu sehen. Was auch immer der Unfall für Folgen hatte, das Gesicht war eindeutig verschont geblieben. Kein Biest, dachte Annie, zumindest nicht äußerlich.

“Sie sind jünger, als ich dachte”, sagte Trent und sah sie prüfend an.

Und Sie sind viel attraktiver, als ich dachte, hätte sie am liebsten geantwortet, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. “Ist das ein Problem?”, fragte sie stattdessen.

Er zuckte die Schultern. “Meine Mutter sagte, Sie bräuchten Hilfe bei der Renovierung Ihres Hauses.”

“Ja. Das Haus meines Großonkels ist doch renovierungsbedürftiger, als ich annahm, und ich kann mir im Moment keine aufwendigen Arbeiten leisten. Ihre Mutter meinte, dass Sie sich um ein paar dringende Probleme kümmern könnten, während ich für Sie arbeite. Ich halte das für einen fairen Tausch.”

Sie merkte, dass er nicht gerade begeistert von dem Abkommen war, aber er nickte. “Dann werde ich mal zu Ihrem Haus fahren. Was soll zuerst getan werden?”

“Am wichtigsten wäre mir erst einmal die Eingangstreppe”, erwiderte sie vorsichtig. “Ich bin schon ein paarmal über die lose Stufe gestolpert. Ich habe versucht, sie zu befestigen, aber nicht sehr professionell, fürchte ich.”

Trent nickte dazu nur. “Tun Sie hier, was Sie für nötig halten – Staub wischen, saugen, fegen –, aber verstellen Sie bitte nicht die Möbel.”

Fast hätte sie auch nur genickt, aber sie sagte: “Einverstanden. Gibt es sonst noch etwas für mich zu tun?”

“Nein.” Er wandte sich zur Tür, offenbar bereit, ohne ein weiteres Wort zu gehen.

“Mr. McBride?”

Er warf einen ungeduldigen Blick über die Schulter. “Was?”

“Wenn Sie ins Haus müssen, der Schlüssel liegt unter dem Stein neben der Eingangstreppe.”

Annie war schon nicht mehr überrascht, als Trent nur stumm nickte.

“Ein seltsamer Mann”, murmelte sie, nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Als sie zu ihrem Wagen ging, um ihre Arbeitsgeräte zu holen, waren Trent und sein Truck schon verschwunden. Während Annie die Sachen hineintrug, verglich sie Trent in Gedanken mit seiner Familie.

Die McBride-Anwaltskanzlei war einer ihrer ersten Kunden gewesen. Trevor, Trents Bruder, der sie eingestellt hatte, war ein charmanter Mann mit guten Umgangsformen. Caleb McBride, der Vater und Seniorpartner der Kanzlei, war der Inbegriff eines sanften, gut gelaunten Südstaatlers. Durch die Arbeit hatte sie dann auch Bobbie kennengelernt, die sehr gesprächig und wohlwollend war und offenbar das Bedürfnis hatte, sich um alle um sie herum zu kümmern.

Auf den ersten Blick schien es unglaublich, dass Trent ebenfalls zu dieser Familie gehörte.

Aber ihr konnte es schließlich egal sein, ob er unhöflich oder übellaunig war. Sie interessierte an ihm nur, dass er ihr Haus in Ordnung brachte, ob nun freiwillig oder nicht. Es war ein reines Tauschgeschäft und völlig unpersönlich. Und so sollte es auch bleiben. Sie war nicht erpicht darauf, hier in Honoria, Georgia, eine persönliche Beziehung einzugehen. Nach ihrer missglückten Verlobung wollte sie erst einmal nichts mehr mit Männern zu tun haben, schon gar nicht mit einem so schwierigen Exemplar wie Trent McBride.

Auch wenn er umwerfend aussah.

Sie zückte eine Sprühflasche und widmete sich Trents fast fleckenlos sauberer Küche. Niemand sollte behaupten, sie erledige ihre Arbeit nicht gründlich.

Trent hatte das Stewart-Haus jahrelang nicht gesehen, und es sah noch schlimmer aus als in seiner Erinnerung. Sogar der Hof schien geschrumpft zu sein, da der Wald ringsherum dichter geworden war und näher heranwuchs. Es war kein schlechtes Haus, ein solider Bau, aber vernachlässigt. Zudem hatte es ein Jahr lang leer gestanden. Hier gibt es mehr Arbeit als nur für einen Monat, dachte Trent und rückte seine Brille zurecht. Aber er könnte es in dieser Zeit zumindest sicher und bewohnbar machen.

Er hatte sich in letzter Zeit tatsächlich ein wenig gelangweilt, auch wenn er das vor seiner Mutter niemals zugeben würde.

Trent stellte seinen Werkzeugkasten neben der Eingangstreppe ab. Mit einem Blick erkannte er, dass die kaputte Stufe nicht nur ein Ärgernis, sondern eine regelrechte Gefahr war. Ein Wunder, dass Annie nicht schon böse auf die großen Steine gestürzt war, die rechts und links die verwahrlosten Blumenbeete vor dem Haus säumten. Sie hatte Glück gehabt.

Während er Hammer, Nägel und eine Planke zur Hand nahm, ertappte Trent sich dabei, wie er über Annie nachdachte. Sie war ganz anders, als er erwartet hatte. Er hatte mit einer viel älteren Frau gerechnet. Aber sie sah sogar sehr jung aus und war so klein und zierlich, dass er sich kaum vorstellen konnte, dass sie täglich so schwer schuftete.

Vermutlich konnte man sie als hübsch bezeichnen, wenn man Gefallen an ihrem herzförmigen Gesicht und den großen dunklen Augen mit langen Wimpern hatte, und an ihrer Stupsnase, den vollen Lippen und Grübchen in den Wangen. Ganz zu schweigen von ihrem schulterlangen braunen Haar und der zierlichen, aber unverkennbar sehr weiblichen Figur. Viele Männer hätten sie sicher gern näher kennengelernt. Dagegen hatte er nach dem ersten Blick beschlossen, sich von ihr fern zu halten.

Denn wenn er etwas nicht gebrauchen konnte, dann ein süßes Mädchen, das noch schlimmer dran war als er. Von seiner Mutter wusste er, dass Annie offenbar keine Familie hatte, noch keine Freunde in der Stadt und kein Geld. Er wiederum hatte mehr Familie, als ihm lieb war; und alte Freunde, die wild entschlossen waren, mit ihm in Kontakt zu bleiben, obwohl er alles tat, um sie zu vergraulen; und einen Haufen Sorgen, was seine Zukunft betraf.

Er hatte keine Lust, sich mit Annie Stewarts Problemen abzugeben. Er würde dafür sorgen, dass ihr Haus keine Todesfalle mehr war, soweit das in den vier Wochen möglich war, die ihr Tauschgeschäft galt, und danach würde er sich wieder zurückziehen. Egal, wie sehr sich seine Mutter und die anderen bemühten, ihn davon abzubringen.

Als Annie mit dem Hausputz fertig war, war sie verliebt – verliebt in Trents Einrichtung. Dieses Holz zu polieren war das Sinnlichste, was ich seit langem erlebt habe, dachte sie belustigt, während sie noch einmal über eine Kirschholzplatte strich.

Die Küchenschränke aus massivem Holz waren richtige Kunstwerke. Die Tische und Stühle waren erstklassige Handarbeit und so schön, dass Annie sich immer wieder dabei erwischte, wie sie einfach nur bewundernd davor stand. Ein großer Schaukelstuhl neben dem Kamin wirkte ungemein einladend, und sie konnte nicht widerstehen, sich hineinsinken zu lassen und zehn Minuten entspannt zu schaukeln.

Doch die liebevoll gearbeiteten Möbel waren das Einzige, was dem Häuschen einen persönlichen Anstrich verlieh.

Bobbie McBride hatte ihr erzählt, dass ihr Sohn geschickt mit Holz zu arbeiten wusste. Wenn diese Stücke Beispiele seiner Arbeit waren, dann war das die Untertreibung des Jahrhunderts.

Bevor sie ging, schrieb Annie eine Notiz für Trent und befestigte sie am Kühlschrank. “Mr. McBride, leider ist die Glühbirne im Schlafzimmer durchgebrannt. Ich habe keine Ersatzbirne gefunden.” Spontan fügte sei hinzu: “Ihre Möbel sind fantastisch.”

Lange, nachdem sie das Haus verlassen hatte, und während sie woanders arbeitete, bereute sie diesen Nachsatz. Trent hatte sehr deutlich gemacht, dass er ihr Verhältnis ganz auf der geschäftlichen Ebene belassen wollte. Sie durfte diese Grenze kein weiteres Mal überschreiten.

Das erste, was Trent wahrnahm, als er sich vier Stunden nach seiner Abfahrt wieder ins Haus schleppte, war ein schwacher Zitronenduft. Es riecht sauber, dachte er.

Er fühlte sich an Samstagnachmittage in seiner Kindheit erinnert, wenn seine Mutter das Haus geputzt hatte. Aber er wollte nicht an früher denken. Was er brauchte, war etwas zu trinken und eine Schmerztablette. Sein Rücken signalisierte ihm deutlich, dass er sich heute zu viel zugemutet hatte. Sogar der kann es nicht lassen, mir Vorwürfe zu machen, dachte Trent auf dem Weg in die Küche.

Dort sah er Annies Notiz sofort. Zierliche Handschrift, stellte er fest, genau wie sie. Er hatte noch im Ohr, wie sie ihn überhöflich “Mr. McBride” genannt hatte, als er anfing, den Zettel zu lesen. Den letzten Satz las er zweimal.

Sie fand seine Möbel schön. Hatte sie erraten, dass er sie selbst getischlert hatte? Wusste sie, dass diese Arbeit das Einzige war, was ihm noch Stolz und Freude bereitete? Es ärgerte ihn, dass er sich über ihr Kompliment freute.

Mit gerunzelter Stirn riss er den Zettel vom Kühlschrank und warf ihn in den Müll.

Annie machte dreimal in der Woche in der Kanzlei sauber – montags, mittwochs und freitags. Sie kam für gewöhnlich, wenn alle anderen gingen und schloss ab, wenn sie fertig war. An diesem Mittwoch war sie ein bisschen spät dran, aber Trevor McBride war noch da und saß hinter einem Stapel Papieren an seinem Schreibtisch, neben sich einen Becher dampfenden Kaffees. Bilder von seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern hingen hinter ihm an der Wand und verliehen dem ansonsten kühlen Büro etwas Persönliches.

Er sah lächelnd auf, als sie eintrat. “Hallo, Annie. Wie geht’s?”

“Gut, danke, Mr. McBride.” Annie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und erwiderte sein Lächeln. “Außer dass ich wie eine gebadete Katze aussehe. Es gießt in Strömen.”

Trevor neigte den Kopf und lauschte auf den Regen, der gegen das Fenster prasselte. “Ja, und es scheint gar nicht nachzulassen.”

“Ich hoffe, es hört auf, bevor ich nach Hause gehe. So wie mein Dach leckt, fürchte ich, im Schlaf zu ertrinken!”

“Möchten Sie einen Kaffee? Ich habe gerade frischen gekocht.”

“Nein, danke.” Annie nahm den Papierkorb, um ihn zu leeren. “Ich mache erst einmal die anderen Räume. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie fertig sind.”

“Gut. Ach, übrigens …”

Sie blieb in der Tür stehen und blickte ihn an. Trevor war ein gut aussehender Mann, blond und blauäugig wie sein jüngerer Bruder. Doch sie fand ihn nicht ganz so atemberaubend, was seine Frau sicher anders sah. “Ja?”

Er schien seine Worte sorgfältig zu wählen. “Meine Mutter hat mir von dem Tauschgeschäft zwischen Ihnen und Trent erzählt. Ich hoffe, Sie haben sich von ihr nichts aufschwatzen lassen. Passt Ihnen die Sache auch wirklich?”

Annie lächelte. “Es ist sehr bequem für mich. Ich glaube sogar, dass ich besser dabei wegkomme. Das Haus Ihres Bruders ist ziemlich klein und sehr gepflegt. Es gibt da nicht so viel zu tun. Aber er hat bei mir ganz schön geschuftet. Ich kann gar nicht glauben, wie viel er an einem einzigen Vormittag geschafft hat.”

Trent hatte nicht nur die wackelige Stufe repariert, sondern auch die Gartentür ausgebessert und einen Fensterladen befestigt. Auch die Vordertür, die schief in den Angeln hing, ließ sich wieder tadellos schließen.

“Trent braucht etwas, das ihn beschäftigt und auf andere Gedanken bringt”, sagte Trevor. “Die Arbeit wird ihm gut tun.”

“Ich weiß nicht, aber mir hilft es auf jeden Fall sehr. Es ist süß von Ihrem Bruder, dass er das tut.”

Trevor verschluckte sich fast an seinem Kaffee. “Süß?”, wiederholte er. “Trent? Sie haben ihn doch getroffen, oder nicht?”

“Nur ganz kurz, gestern früh.”

“Und Sie halten ihn für süß?”

“Ich sagte, was er tut, sei süß”, beeilte Annie sich zu erklären. “Dass er mir hilft, meine ich.”

“Verstehe.” Trevor lachte in sich hinein.

“Was ist daran so lustig?”

“Vor seinem Unfall bezeichnete man Trent oft als wild, draufgängerisch und großspurig. Jetzt nennen fast alle ihn verdrossen, verbittert und unhöflich. Ich glaube nicht, dass er jemals ‘süß’ genannt wurde.”

Annie war zwar neugierig, aber sie wollte nicht über einen ihrer Kunden klatschen, auch nicht mit seinem Bruder. “Nun, ich schätze es wirklich, dass ich jetzt nicht mehr befürchten muss, mir auf der Treppe den Hals zu brechen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss arbeiten.”

Sie hörte sein leises Lachen, als sie hinausging. Trent scheint nicht der einzige Exzentriker der Familie zu sein, dachte sie verwirrt.

Am Donnerstagabend war Trent in seiner Werkstatt und lasierte gerade ein Regal, als sein Handy klingelte. Wütend sah er darauf und hätte es am liebsten ignoriert. Aber es war vermutlich seine Mutter, und wenn er nicht abhob, würde sie sofort kommen, um nach ihm zu sehen.

Er hielt das Handy ans Ohr. “Was?”

“Dir auch einen guten Abend”, sagte Trevor, eher amüsiert als beleidigt.

“Was willst du, Trevor? Ich habe zu tun.”

“Oh, mir geht es gut. Der Familie auch. Danke der Nachfrage.”

“Wenn du mich nur ärgern möchtest …”

“Nein, warte. Leg nicht auf. Ich rufe aus einem bestimmten Grund an.”

“Und?”

“Jamie fragt, ob du morgen Abend zum Essen kommen möchtest. Sie probiert ein neues Rezept für karibischen Eintopf aus.”

Trent unterdrückte einen Seufzer. Er wollte seine Schwägerin nicht vor den Kopf stoßen, aber ihm war im Moment nicht nach gemütlichen Familienabenden. Das hatte er seinen Verwandten auch sehr deutlich gemacht, und meistens respektierten sie seine Wünsche, aber ab und zu versuchten sie es trotzdem. Er verstand sie ja, aber er wünschte, dass sie ihm einfach mehr Zeit und Raum ließen, um mit allem fertig zu werden. “Na schön. Ich komme.”

“Halt deine Begeisterung im Zaum, okay?”

“Ist noch was?”

“Nein, aber es ist süß von dir, dass du fragst. Ich habe gehört, du bist ein ganz süßer Kerl.”

“Wer, zum Teufel, hat das denn gesagt?”

Trevor lachte. “Deine Haushaltshilfe. Offenbar ist sie dir in ewiger Dankbarkeit verbunden, weil du ihre Treppe repariert hast.”

“Ein Wunder, dass sie sich kein Bein darauf gebrochen hat oder den Hals”, murmelte Trent.

“Hübsches Mädchen, oder? Irgendwie was Besonderes. Ich kann sie noch nicht richtig einschätzen.”

“Dann versuch es auch nicht. Du bist verheiratet.”

“Hm. Aber du nicht.”

“Vergiss es. Ich bin nicht interessiert.”

“Dann bist du ein noch größerer Idiot, als ich dachte.”

“Auf Wiederhören, Trevor.”

“Eins noch”, sagte sein Bruder schnell. “Annie erzählte, dass ihr Dach leckt. Sieh es dir mal an, aber sei vorsichtig. Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an und ich …”

“Ich kümmere mich darum.”

“Gut. Ich erwarte dich also morgen Abend.”

“Ich werde da sein.” Bevor sein Bruder noch etwas sagen konnte, legte Trevor auf.

Er verschloss die Dose mit der Holzlasur und dachte darüber nach, was er über Annie Stewart wusste. Offenbar fand sie ihn ‘süß’, und sie mochte seine Möbel. Und ihn berührte ihr schüchternes Lächeln. Irgendwie hatte es tief in ihm etwas zum Schwingen gebracht.

Verdammt! Das würde ein langer Monat werden.

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