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Nur eine Nacht mit dem Wikinger?

* * *

Glen Ocham, Irland
1181

Die Dämmerung sank herab und warf wie mit einem grauen Schleier düstere Schatten auf den Cashel, die alte Wallburg. In dieser Frühlingsnacht feierten die Iren ein Fest, zum Dank für ihren Wohlstand.

Aber für Auder O’Reilly bedeutete die Nacht den Anfang vom Ende. Ihre Haut fühlte sich kalt an, denn das Leben, das sie gekannt hatte, entglitt ihr wie Wasser zwischen ihren Fingerspitzen. In zwei Tagen würde sie nach Norden reisen, zu der Normannensiedlung, die Lord Miles de Corlaine beherrschte, der Baron of Maraloch – ihr Bräutigam.

Allein schon der Gedanke, dass sie sich einem Normannen unterwerfen musste, jagte einen Schauer über ihren Rücken. Aye, mit dieser Verbindung würde sie das Leben ihrer Verwandten schützen. Sie würden sicher vor einem Einmarsch feindlicher Truppen sein, die Ländereien der Familien wären vereint. Und Lord Maraloch, ein reicher Mann, konnte ihr alles geben, was sie jemals brauchen mochte.

Doch aus diesem Grund hatte sie nicht in die Heirat eingewilligt.

Sie betrachtete ihre Mutter, die etwas abseits von den anderen Leuten saß. Wenn Halma O’Reillys schmales Gesicht auch ruhig und gelassen wirkte – hinter der Fassade verbargen sich Schmerz und Einsamkeit. Die fahle Aura der Demütigung, von den Missetaten ihres Gemahls heraufbeschworen, umgab sie immer noch.

Deine Schuld war es nicht,wollte Auder ihrer Mutter versichern.Du verdienst es nicht, für Vaters Fehler zu büßen.

So inständig wünschte sie sich, ihre Mutter wieder mit den Freunden lachen zu sehen. Die arme Frau sollte den Kopf erneut hochtragen, in der Gewissheit, ihre Tochter würde die Gefahr bannen und durch die Vermählung Frieden herbeiführen. Deshalb hatte Auder der Eheschließung zugestimmt.

So oft hatte Halma sie beschützt. Sollte sie weniger für ihre Mutter tun?

Auder durchquerte den Saal und setzte sich neben sie. Die grünen Augen voller Kummer, starrte die ältere Frau zu den Leuten hinüber, die fröhlich tafelten und schwatzten.

„Warum hast du dein Essen nicht angerührt?“, fragte Auder.

„Weil ich nicht hungrig bin.“ Halma tätschelte ihr die Hand. Besorgt krauste sie die Stirn und fügte hinzu: „Auder, ich bin mir nicht sicher, ob du den Baron wirklich heiraten sollst. Diesen Mann kennen wir kaum.“

„Dazu habe ich mich freien Willens entschlossen, Mutter“, betonte Auder, „und die Ehre seines Antrags angenommen.“ Ihr Versuch eines Lächelns misslang. In diesem Moment gewann sie den Eindruck, sie würde aus ihrem eigenen Körper verschwinden.

„Du bist eine schöne Frau“, seufzte Halma und berührte die Wange ihrer Tochter. „Hier hättest du unter mehreren Bewerbern wählen können. Warum verzichtest du darauf?“

Für dich, wollte Auder antworten.Um dich von der Schande zu befreien, die dich bedrückt. Damit du wieder stolz bist.

„Hier gibt es keinen Mann, der mir gefällt“, log sie. „Und findest du nicht auch, das Leben unserer Clanmitglieder sei wichtiger als meine persönlichen Gefühle?“

„Noch immer kannst du Nein sagen. Zu dieser Heirat wird dich niemand zwingen.“ Unglücklich rang Halma nach Luft. „Oder in das Bett des Barons …“

Während Auder sich vorstellte, mit dem Normannen zu schlafen, erschauerte sie wieder. Sie war keine Jungfrau mehr. Den einzigen Liebesakt ihres Lebens hatte sie sehr unangenehm gefunden – etwas, das eine Frau ertrug, aber nicht genoss. Danach war der Mann wortlos davongegangen, und sie hatte sich gefragt, was sie falsch gemacht hatte.

Seit jenem Tag hielt sie sich von allen Männern fern. Sie begegnete ihnen höflich, gab ihnen jedoch zu verstehen, sie fühle sich nicht zu ihnen hingezogen. Dadurch war es noch schlimmer geworden. Statt Abstand zu wahren, wetteiferten sie um ihre Gunst, und jeder glaubte, er allein wäre Manns genug und würde ihren Widerstand brechen.

„Ich bin müde“, sagte ihre Mutter und erhob sich von der Bank. „Nun werde ich mich für eine Weile ausruhen.“ Die Wangen vor Verlegenheit gerötet, wollte sie offenbar nicht länger mit ihrer Tochter über deren bevorstehende Hochzeit sprechen.

Nachdem Halma das Fest verlassen hatte, fühlte Auder sich noch niedergeschlagener. Sie fühlte sich außerstande, mit den Leuten zu feiern. Bis zur Abreise blieben ihr nur mehr zwei Tage. Verzweifelt starrte sie auf ihre Hände hinab.

Von Krappwurzelrot befleckt, waren sie keineswegs die Hände einer vornehmen Dame. Diese Merkmale bezeugten ihre Begeisterung für die Färberei. Von weither brachte man ihr Wollstoffe und Leinen. Und Auder war stolz, wann immer sie Frauen und Männer in Gewändern in leuchtendem Rot, Smaragdgrün oder Safrangelb aus ihrer Werkstatt erblickte.

Wenn sie den Normannen heiratete, würde sie diese Tätigkeit wohl aufgeben müssen. Damen von edler Herkunft beschmutzten ihre Hände nicht mit gemeiner Arbeit. Die Augen geschlossen, überlegte sie, ob sie ihrem künftigen Ehemann die Erlaubnis abringen konnte, ihr Handwerk auch weiterhin auszuüben.

In einiger Entfernung sah sie Morren, die Gemahlin des O’-Reilly-Clanoberhaupts, einen schweren Korb schleppen, stand sofort auf und drängte sich durch die heitere Schar zu der schwangeren Frau.

Fast genauso wie Auder liebte Morren die Pflanzenfärberei. Obwohl sie einander ihr Leben lang kannten, waren sie erst in den letzten Monaten enge Freundinnen geworden.

Auder nahm der atemlosen Frau den Korb ab. „Müde?“, fragte sie.

„Ein bisschen“, gab Morren zu. „Wie froh werde ich sein, wenn das Kind gegen Ende des Sommers zur Welt kommt …“ Seufzend warf sie einen Blick auf ihren Mann, der am anderen Ende des Saals, umringt von mehreren Clanmitgliedern stand. „Trahern hat noch größere Angst vor der Geburt als ich.“

Sie setzte sich auf eine Bank und bedeutete der Freundin, die den Korb abstellte, neben ihr Platz zu nehmen.

In ernstem Ton fuhr Morren fort: „Das solltest du wissen, Auder … Schon wieder patrouillieren die normannischen Soldaten in unserem Land. Trahern hat überall Wächter postiert. Was die Normannen planen, weiß ich nicht.“

Obwohl ihr Blut zu gefrieren drohte, verhehlte Auder ihre Furcht. „Vielleicht sind sie nur hierhergekommen, weil sie mich zu meiner Hochzeit eskortieren sollen.“ Sie schaute in die Augen der anderen Frau und versuchte einen Mut zu bekunden, den sie nicht empfand. „Wenn es sein muss, werde ich sie begleiten.“

Mit diesem Entschluss beeindruckte sie Morren kein bisschen. „Bis wir wissen, warum sie hier sind, darfst du nicht allein sein.“ Sie sah sich um, entdeckte Gunnar Dalrata und winkte ihn heran.

Hochgewachsen, mit blondem, von der Sonne gebleichtem Haar und umschatteten grauen Augen, zählte Gunnar zu den wenigen Männern, in deren Gesellschaft Auder sich wohlfühlte – insbesondere, weil sie sich vor vier Sommern, während seines Besuchs bei der Wikinger-Familie ihrer Mutter, mit ihm angefreundet hatte. Bei diesen Verwandten hatte sie stets den Großteil ihrer Zeit verbracht, nicht beim O’ Reilly-Clan.

Schon damals war Gunnar sehr ansehnlich gewesen. Doch er hatte kein sinnliches Interesse an ihr gezeigt. Kein Wunder, denn sie war um einige Zoll kleiner als jetzt und noch nicht zur Frau entwickelt gewesen …

Seit ihrer Heimkehr hielt er sich von ihr fern und sprach nicht mehr mit ihr. Hin und wieder merkte sie, dass er sie beobachtete. Aber die Freundschaft hatte ein Ende gefunden. Wenn sie das auch bedrückte – sie nahm an, Gunnars Verhalten wäre von seiner Hochachtung vor Clár O’Reilly bestimmt worden, der Frau, ...

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