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Nur eine Nacht in Las Vegas

Christie Ridgway

Nur eine Nacht in Las Vegas

1. KAPITEL

Hätte Owen Marston nicht schon flach auf dem Rücken in einem Krankenhausbett gelegen, hätte er sich vielleicht selbst k.o. geschlagen – um sich nicht mit der Familie abgeben zu müssen, die sich um ihn versammelt hatte. Obwohl er noch keine vierundzwanzig Stunden hier war, konnte er es kaum abwarten, von hier zu verschwinden. Schon jetzt hatte er genug von den pinkfarbenen Plastikkrügen und den piepsenden Geräten. Er sehnte sich danach, wieder allein zu sein, und hielt nur deshalb durch, weil er so tat, als wäre er gar nicht hier und als wäre das, was passiert war, überhaupt nicht passiert.

Deshalb hörte er seiner Mutter nicht zu, sondern dachte an seine geräumige Eigentumswohnung, sein breites Bett, seinen Fernseher mit dem großen Bildschirm. Gott, wie sehr er das alles brauchte.

„Und dein Haar riecht noch immer nach Rauch“, holte die besorgte Stimme seiner Mutter ihn in die Realität zurück. Sie tastete nach den Perlen an ihrem Hals. „Caro, findest du nicht auch, dass das Haar deines Bruders noch immer nach Rauch riecht?“

„Mom“, begann Caro so ruhig wie möglich. „Es ist nicht wichtig, ob Owens Haar noch nach Rauch riecht. Auch nicht ob das Bettlaken aus Makosatin oder das Muster der Vorhänge geschmackvoll ist. Dies ist ein Krankenhaus, kein Wellness-Hotel. Wir wollen, dass Owen eine gute medizinische Versorgung bekommt, auf einen perfekten Zimmerservice kann er durchaus verzichten.“

Ihre Mutter ignorierte die Einwände seiner Schwester und wandte sich an Owens jüngeren Bruder. „Bryce, findest du nicht auch, dass das Haar deines Bruders nach Rauch riecht?“

Die Frau war völlig durcheinander. Aber das schien Bryce nicht zu stören. Er saß in lässiger Haltung auf seinem Stuhl und starrte auf sein Smartphone. Vielleicht überflog er gerade irgendwelche Sportergebnisse, aber wahrscheinlicher war, dass er die E-Mails las, mit denen seine Assistentin ihn über die Entwicklung auf den Finanzmärkten informierte.

Ihre Mutter seufzte dramatisch. „Bryce, hörst du mir überhaupt …“

„Ein Anruf für dich, Owen“, sagte sein Bruder. „Granddad auf Lautsprecher.“ Er legte das Handy auf den Klapptisch am Bett. Die Oberfläche sah nur so aus, als wäre sie aus echtem Holz. Das hatte ihre Mutter sofort festgestellt.

Owen warf ihm einen wütenden Blick zu, aber Bryce zuckte nur mit den Schultern, als die Stimme ihres Großvaters ertönte. Ihm war anzuhören, dass er täglich eine Schachtel Zigaretten rauchte. „Junge, ich habe gerade gehört, dass du im Krankenhaus bist. Wieso hat mir das gestern keiner erzählt?“

Owen sah in die Runde. Sein Vater, der noch vor einer Minute am Fußende gestanden hatte, war verschwunden. Das tat er immer, wenn der Senior der Familie sich über etwas beschwerte. Seine Mutter hatte ihm den Rücken zugekehrt und tuschelte mit Caro. Bryce war in Unterlagen vertieft, die er blitzschnell aus seinem Aktenkoffer geholt hatte.

Owen schaute wieder zur Tür hinüber. Eine schlanke, feminine Gestalt huschte vorbei. Er zuckte zusammen, als dunkles Haar kurz durch sein Blickfeld wehte und das Geräusch von Stiletto Heels rasch verklang.

Augenblick mal! War das …? Konnte es sein, dass …?

Sein Herz begann zu klopfen. Er versuchte sich aufzusetzen, aber sein Knöchel, sein Kopf und jeder Muskel in seinem Körper protestierten. Er ließ sich aufs Kissen zurückfallen und versuchte sich einzureden, dass es keinen Grund zur Aufregung gab. Das kann nicht sein, dachte er, das war sie nicht. Warum sollte sie ausgerechnet jetzt auftauchen? Er wollte nicht, dass sie ihn so sah. Nicht in einem Moment, in dem er sich so fühlte, als wäre er in einem Fass voller Steine einen Berghang hinabgerollt.

Die Stimme seines Großvaters wurde noch lauter. „Warum erfahre ich das erst jetzt?“, fragte Philip Marston scharf.

Owen behielt die offene Tür fest im Blick, und trotz des mulmigen Gefühls in seinem Bauch schaffte er es, ruhig und gelassen zu klingen. „Weil wir dir gestern noch nichts Definitives erzählen konnten. Und heute warst du den ganzen Tag in einer Besprechung mit dem Gouverneur.“

„Ich will wissen, was los ist, junger Mann. Was zum Teufel ist passiert?“

„Eine kleine Beule am Kopf, ein wenig Rauch in der Lunge, und ich habe mir den Unterarm gebrochen.“ Seine Schwester hatte ihn überredet, einen königsblauen Gips zu nehmen, und in diesem Moment kam Owen sich damit ziemlich albern vor. Aber noch mehr ärgerte er sich darüber, dass sein Herz so sehr klopfte. Wieso bildete er sich ein, dass er sie auf dem Korridor gesehen hatte? Zumal das, was er mal für diese Frau empfunden hatte, auch nur ein Hirngespinst gewesen war.

„Außerdem habe ich mir den rechten Knöchel verstaucht und den linken Fuß gebrochen.“ Zum Glück musste er an dem keinen Gips tragen, nur einen dieser großen hässlichen Stiefel.

„Ich habe dich gewarnt“, knurrte Philip Marston missmutig. „Ich habe dir gesagt, dass das kein Beruf für dich ist.“

Owen biss die Zähne zusammen, um nicht aufzustöhnen. Sogar einen verärgerten Seufzer unterdrückte er. „Ja, Granddad, das hast du.“

„Schön, dass du es zugibst“, brummte der alte Mann.

Owen schnappte nach Luft, als er ein Brennen im Magen fühlte.

„Und ich habe dir vorhergesagt …“

„Das hier hast du verdammt noch mal nicht vorhergesagt“, unterbrach Owen seinen Großvater gereizt. „Du hast nie vorhergesagt, dass ich durch das Dach eines zweistöckigen Hauses fallen würde.“

„Owen …“

„Du hast gesagt, dass ich mich langweilen würde, dass ich für diesen Beruf nicht aufs College hätte gehen müssen, dass ich das Familienunternehmen in Stich lasse. Aber das hier hast du nicht vorhergesagt, Granddad. Du hast kein Wort davon erwähnt, dass ich mal in einem Krankenhausbett liegen würde, mit einem völlig zerschundenen Körper und …“

„Owen …“

„Und einem meiner besten Freunde tot.“

Mit dem letzten Wort – tot – kam Owens Ausbruch abrupt zum Schluss. Tot.

Er hörte seinem Großvater nicht mehr zu, drückte die empörte Stimme weg und warf das Handy seinem Bruder zu. Entgeistert starrte Bryce ihn an.

Genau wie seine Mutter. Und seine Schwester. Sein Vater war ins Zimmer zurückgekehrt, und auch er sah seinen Sohn voller Besorgnis an.

Owen wusste, warum sie es taten. Normalerweise war er ein ruhiger, ausgeglichener Mensch. Jemand, der niemals die Nerven verlor und in kritischen Situationen einen kühlen Kopf bewahrte. Ein Mann, der jedem Druck standhielt. Und davon hatte er jede Menge erlebt, seit er sich entschieden hatte, zur Feuerwehr zu gehen, anstatt an einem Schreibtisch im Wirtschaftsimperium seiner Familie zu sitzen und Zahlen zu addieren.

Aber verflucht noch mal, der gestrige Abend war eine einzige Katastrophe gewesen, und jetzt streikte nicht nur sein beim Sturz lädierter Körper. Jetzt spielte ihm auch noch der Verstand einen Streich.

Nein, es war nicht sie gewesen. Das hatte er sich nur eingebildet.

„Ross“, wandte seine Mutter sich an seinen Vater. „Geh los und such den Arzt. Es ist höchste Zeit, dass wir Owen hier herausholen. Ich glaube, die Atmosphäre tut ihm nicht gut.“

June Marston war vermutlich überzeugt, dass es die geschmacklosen Vorhänge waren, die ihn so missmutig machten. Und wenn schon, dachte Owen. Hauptsache, er konnte endlich nach Hause. Seine ruhige, große Wohnung erschien ihm wie das Paradies.

„Ich will ihn nach Hause mitnehmen“, fuhr seine Mutter fort. „Damit ich ihn im Auge behalten kann.“

Mitnehmen? Das klang nicht gut. Entsetzt sah er sie an. „Nach Hause? Zu euch nach Hause? Nein, danke, Mom.“

„Owen …“

„Dad.“ Er warf seinem Vater einen flehentlichen Blick zu. Der ältere Mann sah aus, als würde er gleich wieder die Flucht ergreifen. „Bringt mich einfach in meine Wohnung. Mehr will ich nicht.“ Das und die Möglichkeit, die letzten vierundzwanzig Stunden ungeschehen zu machen. Und wenn er schon mal dabei war, konnte er auch jenen Tag in Las Vegas streichen, an dem eine gewisse Frau auf hohen Absätzen in sein Leben gestöckelt war.

Sein Vater räusperte sich geräuschvoll. „Deine Mutter könnte recht haben, Owen. Wie willst du in deinem Zustand allein zurechtkommen? Deine Wohnung hat drei Stockwerke, mit einer Treppe zwischen der Küche und dem Schlafzimmer.“

Das war ihm egal. Im Haus seiner Eltern wäre er tot, bevor …

O Gott. Das war es wieder. Das Wort. Tot. Gestern Abend hatte sich die Welt für ihn in eine Flammenhölle verwandelt. Und als sie das Feuer endlich gelöscht hatten, war Jerry Palmer tot gewesen.

Jerry Palmer war tot.

Owen fröstelte. Die plötzliche Kälte kam aus den Tiefen seiner Seele. Sein Magen rebellierte, ein Schraubstock legte sich um seine Brust, und ihm brach der Schweiß aus.

Wie war das alles geschehen? Warum war er am Leben geblieben, während Jerry gestorben war? Er schloss die Augen und versuchte, der Frage auszuweichen. Nicht nur der, sondern alldem hier.

„Ross.“ Die Stimme seiner Mutter drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr. „Aber vielleicht brauchen wir auch nur jemanden aus der Verwaltung, damit wir den Papierkram erledigen und Owen nach Hause mitnehmen können.“

Nach Hause. Verdammt, genau dorthin wollte er. Egal, was seine Mutter sagte, er wollte in seine eigene Wohnung hier in Paxton, wo er die Tür hinter sich abschließen, seine Wunden lecken und die ganze Welt draußen lassen konnte. Einschließlich seiner Verwandten, die es zwar gut mit ihm meinten, ihn aber nie verstanden hatten.

Seine Augen waren noch immer geschlossen, als die Stimme seiner Mutter plötzlich anders klang. „Oh, wie schön. Junge Lady, wollen Sie zu meinem Sohn? Das will ich doch stark hoffen, denn wir möchten ihn so schnell wie möglich mitnehmen.“

„Ja, ich bin wegen Owen gekommen“, antwortete eine andere Stimme.

Eine Stimme, die er kannte. Eine, von der seit dem Wochenende in Las Vegas träumte. Ihre Stimme. Sein Herz begann wieder zu klopfen und schlug schmerzhaft gegen die geprellten Rippen. Selbst die überall am Körper verstreuten Blutergüsse schienen zu pulsieren.

Sie war tatsächlich hier. In diesem Moment. Warum?

Warum jetzt, nachdem sie ihn vor fünf Wochen im Streit verlassen hatte und Hals über Kopf aus Las Vegas abgereist war? Warum war sie hergekommen, obwohl sie sich seitdem nicht mehr bei ihm gemeldet hatte? Aber irgendwie war es typisch für sie, ausgerechnet dann aufzutauchen, wenn er mit einem lächerlichen blauen Gips in einem Krankenhausbett lag und sich wie null Komma fünf auf einer Skala von eins bis zehn fühlte.

Und das mit Haaren, die noch immer nach dem beißenden Qualm des brennenden Gebäudes rochen. Owen rieb sich die unrasierten Wangen, bevor er sich zwang, die Augen zu öffnen und die Frau anzublicken, die in der Tür stand und noch dazu unverschämt gut aussah.

Sie war klein und schlank, mit schimmerndem schwarzem Haar, das ihr ovales Gesicht umspielte. Die Augen waren schokoladenbraun, mit langen Wimpern, die beim Tanzen seinen Hals gestreift hatten – so nahe waren sie einander gewesen. Die makellose Haut war zart gebräunt, die vollen Lippen kirschrot. Er hatte sie an seinen gespürt, sie mit der Zungenspitze nachgezogen und sich in ihrem erregenden Geschmack verloren.

Ja, die Küsse hatten ihm den Verstand geraubt. Sie hatte ihm den Verstand geraubt.

„Wie geht es dir, Izzy?“, hörte Owen sich fragen und staunte darüber, dass seine vom Rauch noch raue Stimme nicht so abweisend klang, wie sie sollte.

„Besser als dir, wie ich sehe“, erwiderte sie sanft.

Als sie ins Zimmer kam, ohne den Blick von ihm zu nehmen, verschränkte er die Arme vor der Brust, und der dämliche Gips prallte dumpf gegen das Brustbein. Izzy verzog mitfühlend das Gesicht. „Oh, Owen.“

„Oh, Owen, was?“ Verdammt, er wollte nicht, dass sie ihn bemitleidete. Er wollte, dass sie … Er wollte nur eins von ihr. Aber sie war wie ein scheues Reh, und jetzt, da sie sich wieder in seine Nähe getraut hatte, durfte er sie auf keinen Fall verschrecken.

Egal, wie elend er sich fühlte und wie schrecklich er aussah, er musste alles sagen, alles tun, um sie zum Bleiben zu bewegen. Jedenfalls lange genug, um den unerträglichen Zustand zu beenden, den sie beide sich vor fünf Wochen eingebrockt hatten. Er durfte auf keinen Fall zulassen, dass sie wieder vor ihm davonlief.

Es war Caro, die sie beide daran erinnerte, dass sie nicht allein im Zimmer waren. Lächelnd sprang sie von ihrem Stuhl auf und streckte die Hand aus. „Ich bin Owens Schwester Caro.“

Izzy schüttelte sie höflich. „Und ich bin …“ Sie warf Owen einen hilfesuchenden Blick zu.

Er machte eine kleine Handbewegung. „Caro, das ist Isabella Cavaletti. Izzy, außer meiner Schwester sind da noch mein Bruder Bryce und meine Eltern June und Ross.“

Ums Bett herum wurden weitere Hände geschüttelt, und dann gab Owen seiner Familie noch einen letzten Brocken zu schlucken. Schließlich hatte er selbst auch daran zu kauen.

„Izzy ist meine Ehefrau“, verkündete er.

Izzys Plan war nicht besonders ausgefeilt. Hätte man sie danach gefragt, hätte sie wahrscheinlich behauptet, dass sie nur mal kurz nach Owen sehen wollte. Mal kurz? Nach einem Flug über dreitausend Meilen?

Anstatt an der offenen Tür vorbeizuhuschen, war sie davor stehengeblieben, als sie den Gips an seinem Arm, den Verband am Knöchel und den klobigen Kunststoffstiefel am anderen Fuß entdeckt hatte. Und dann waren da noch das zerzauste dunkelblonde Haar, der Kratzer unter dem Auge und die Schnittverletzung an der Nase. Noch nie, so fand sie, hatte ein Mann so erschöpft und hinreißend zugleich ausgesehen.

Wie angewurzelt stand sie da, bis sie eine hochgewachsene, hübsche Frau bemerkte, die standesgemäße Perlen um den Hals und eine besorgte Miene zur Schau trug. June Marston, Owens Mutter.

Sie hatte viel glücklicher ausgesehen, als sie Izzy noch für eine Krankenhausmitarbeiterin gehalten hatte. Dass die junge Frau mit ihrem Sohn verheiratet war, schien ihr nicht zu gefallen, denn sie starrte Izzy mit gespitzten Lippen und weit aufgerissenen Augen an. „Ehefrau?“, wiederholte sie, als würde das Wort einen üblen Geschmack auf ihrer Zunge hinterlassen.

Owen schien nichts mehr sagen zu wollen, also atmete Izzy tief durch und mobilisierte ihren ganzen Charme. Inzwischen fiel es ihr leicht, zu fremden Menschen nett zu sein und sie sogar für sich einzunehmen. Das hatte sie schon als Kind gelernt, aus reiner Notwendigkeit, und jetzt half es ihr im Beruf, dass sie auf andere Menschen zugehen konnte.

„Ich berate Bibliotheken“, erzählte sie Owens Familie und setzte ein unbeschwertes Lächeln auf, das die anderen hoffentlich davon ablenkte, dass sie June Marstons Frage nicht beantwortete. Sie warf Owen einen verstohlenen Blick zu. Bei seinem Anblick wurden ihre Hände kalt, und sie verspürte einen Stich im Bauch. Warum tat es so weh, dass er solche Schmerzen litt?

„Ich reise durchs Land und besuche öffentliche Büchereien“, fuhr sie fort. „Ich helfe ihnen, ihren Service zu modernisieren und die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen.“

Owens Bruder war aufgestanden, um ihr die Hand zu schütteln, und jetzt schienen die Worte modernisieren und erhöhen sein Interesse zu wecken. Er trug einen grauen Anzug und ein gestärktes weißes Oberhemd. Ein Geschäftsmann, dachte Izzy. „Und was für Vorschläge machen Sie so?“, fragte er.

„Oft rate ich dazu, die Bibliothek umzugestalten, damit sie mehr der Filiale einer großen Buchhandelskette gleicht. Bequeme Sessel, Tische mit den aktuellen Bestsellern, eine Coffee-Bar. So etwas.“

„Eine Coffee-Bar.“ Bryce wirkte beeindruckt. „Tatsächlich?“

„Frag sie nach Dewey und der Dezimalklassifikation“, mischte Owen sich ein.

Überrascht sah Izzy ihn an. Es schien ihm besser zu gehen, als er aussah. Auch ohne seine Verletzungen hätte sie nicht gedacht, dass er sich daran erinnern würde. Sie beide hatten in Las Vegas nicht viel Zeit zusammen verbracht und kaum über ihre Jobs geredet. Stattdessen hatten sie sich leidenschaftlich geküsst und ihre Körper mit sinnlichen Berührungen erkundet, selbst wenn sie sich nur auf der Tanzfläche drehten.

„Okay, ich beiße an“, sagte Bryce und lenkte ihre Gedanken in eine weitaus ungefährlichere Richtung. „Was ist mit Deweys Dezimalklassifikation?“

Sie warf Owen einen Blick zu. „Na ja …“

„Als ich sie kennenlernte, kam sie gerade von einer fünftägigen Konferenz für Bibliothekare und trug eine runde Plakette, auf der der Name Dewey mit einem dicken roten Balken durchgestrichen war.“

Bryce strahlte sie an. Sein Gesicht war nicht so markant wie Owens, aber ebenso attraktiv. „Kein Dewey und keine Dezimalklassifikation?“

Genau deshalb galt sie in Fachkreisen als Rebellin. Manche hielten ihre Kritik an der veralteten Methode, Bücher zu katalogisieren, für so etwas wie Gotteslästerung. „Ich setze mich dafür ein, dass die Bibliotheken ihre Bücher nach Themen zusammenfassen. Das ist viel sinnvoller und benutzerfreundlicher.“

Bryce schien die Idee gut zu finden. „Deine … Ehefrau muss eine sehr überzeugende und vielbeschäftigte Frau sein.“

„Vielbeschäftigt? Ja, das ist sie“, bestätigte Owen trocken. „So beschäftigt, dass sie keine Zeit hatte, ihren …“

„Ehemann anzurufen?“, unterbrach June Marston ihn und blinzelte, als wäre sie gerade aus einem Koma erwacht. „Ihr zwei seid wirklich verheiratet?“

Owen sah Izzy an und verzog das Gesicht, als täte es ihm leid, dass er ihr Geheimnis verraten musste. Seine Mutter deutete seine Miene anders und eilte ans Bett. „Owen, was ist los? Hast du wieder Schmerzen? Was brauchst du?“

„Hör zu, Mom, das mit der Heirat erkläre ich dir später. Im Moment brauche ich vor allem Ruhe.“ Mühsam fand er eine etwas bequemere Haltung. „Warum lasst ihr mich nicht alle allein?“

Seine Bitte kam Izzy gerade recht. Sollte er doch später mit seiner Familie darüber reden, was in Las Vegas passiert war. Sie würde wiederkommen, wenn es ihm besser ging. Vielleicht hatte sie bis dahin eine Erklärung dafür gefunden, warum sie sich fünf Wochen lang nicht bei ihm gemeldet hatte.

Sie entschied sich, irgendwo in der Nähe ein Hotelzimmer zu nehmen. Dann würde sie ihre beste Freundin Emily anrufen, die hier als Bibliothekarin arbeitete, und mit ihr zusammen überlegen, wie sie mit dieser misslichen Situation umgehen sollte. Mit dem Mann, den sie aus einer Laune heraus in Las Vegas geheiratet hatte. Bei ihrem hastigen Rückzug stieß sie mit Owens Schwester Caro zusammen, die die Tür zu bewachen schien.

„Alle, Owen?“, fragte Caro. „Sollen wirklich alle dich allein lassen?“

„Alle bis auf …“ Er hob die unverletzte Hand und zeigte auf Izzy. „… dich.“

Die Marstons waren es offenbar gewohnt, dass man ihnen gehorchte. Denn bevor Izzy sich versah, wurde sie von einer schlanken blonden Amazone – alias Caro – zum Bett geführt. Dort griff Owen mit den Fingern, die aus dem blauen Gipsverband ragten, nach ihren. Als sie auf die verschränkten Hände starrte, fühlte sie einen Stich in der Brust. Und ein Brennen in den Augenwinkeln. Kamen ihr etwa die Tränen?

Weil … wahrscheinlich weil sie ihn nicht leiden sehen wollte. Dass er ihr Ehemann war, spielte dabei keine Rolle – dazu war ihre Heirat viel zu unwirklich. Sein Anblick tat ihr weh, weil sie eine Frau und er ein Mann … nein, weil sie ein Mensch und er ein Mensch war. Und so war es nun mal zwischen guten Menschen.

„Du hättest nicht vor mir weglaufen sollen“, sagte er leise. „Warum hast du das getan?“

Er hatte recht. Sie hätte es nicht tun dürfen. Sie hätte sich der Realität stellen müssen. Sie hatte schon damals gewusst, dass sie ihre Ehe nicht auf Dauer ignorieren konnte. Und sie hatte auch gewusst, dass es falsch war, ihn nach dem kurzen, aber heftigen Streit zu verlassen. Konnte sie das jemals wiedergutmachen?

„Ich habe gehört, dass du im Krankenwagen meinen Namen gerufen hast“, flüsterte sie, anstatt seine Frage zu beantworten. „Warum hast du das getan?“, wiederholte sie seine exakten Worte.

Bevor er etwas erwidern konnte, trat Ross Marston ans Bett. „Mein Junge, bevor wir gehen, müssen wir ein paar Einzelheiten klären.“

Owen rieb sich das stoppelige Kinn. „Welche Einzelheiten, Dad?“

„Deine Mutter wird dich erst in Ruhe lassen, wenn du ihr versprichst, dass du dich nach deiner Entlassung im Penthouse in San Francisco erholst.“

Seine Finger zuckten, drückten Izzys und entspannten sich wieder. „Ich kann nicht …“

„Du kannst auch nicht allein zu Hause bleiben“, unterbrach ihn seine Mutter und verschränkte die Arme vor der Seidenjacke ihres teuer aussehenden Hosenanzugs. „Owen Marston, du warst immer sehr eigensinnig, aber jetzt brauchst du deine Familie.“

„Mom …“

„Owen. Du kommst nicht allein zurecht, nicht in deinem Zustand.“ Sie sah Izzy an. „Als seine … gute Freundin … oder was immer Sie sind … stimmen Sie mir doch sicher zu, dass er unmöglich allein in seiner Wohnung sein darf.“

Izzy betrachtete den lädierten, bandagierten Mann, und er sah wirklich nicht aus wie jemand, der sich ohne Vollzeitbetreuung von seinen Verletzungen erholen konnte. Kein Bein funktionierte richtig, und ein Handgelenk war gebrochen, wie sollte er es auch nur von der Wohnungstür zu seinem Bett schaffen?

Izzy runzelte die Stirn. „Was ist mit Will?“, erkundigte sie sich nach dem Freund, mit dem er im Monat zuvor in Las Vegas gewesen war.

„Dem geht es seit gestern Abend auch nicht so gut“, erwiderte Owen.

Ihr blieb fast das Herz stehen. „Was?“ Will war die Jugendliebe ihrer Freundin Emily gewesen, und eigentlich waren die beiden schuld daran, dass sie und Owen unter den wohlwollenden Blicken eines miserablen Elvis-Imitators „Ja, ich will“ gesagt hatten. „Ist Will verletzt? Davon hat Emily nichts gesagt, als sie mich deinetwegen angerufen hat.“

„Vielleicht wollte sie dich nicht noch mehr aufregen“, sagte Owen. „Keine Sorge, er kommt wieder auf die Beine. Aber ich werde ihn ganz sicher nicht bitten, für mich die Krankenschwester zu spielen.“

„Dann ist alles klar“, griff June Marston in forschem Ton ein. „Du kommst mit deinem Vater und mir nach Hause.“

„Nein. Denk dran, in ein paar Tagen macht ihr mit Caro und ihrem Verlobten die Kreuzfahrt“, erinnerte er seine Mutter.

„Die sagen wir ab. Das hier ist wichtiger.“ June legte eine Hand um das Bettgeländer. „Gestern Abend ist ein junger Mann ums Leben gekommen. Das hättest auch du sein können.“

Entsetzt starrte Izzy Owen an. Ihm war anzusehen, dass seine Mutter die Wahrheit sagte. Gestern Abend ist ein junger Mann ums Leben gekommen. Das hättest auch du sein können.

Die himmelblauen Augen des Mannes, mit dem sie gelacht und getanzt und den sie spontan geheiratet hatte, waren voller Trauer. Abgrundtiefer Trauer.

„Owen …“, flüsterte sie. Er wandte das Gesicht ab. „Vielleicht sollte ich besser gehen.“

„Ja“, murmelte er. „Geh jetzt, Izzy. Ich habe im Moment genug Probleme.“

Das war die Erlaubnis zu tun, was sie wollte. Gerade hatte er sie aus der Verantwortung für ihn entlassen. Aber er hielt noch immer ihre Hand. Sie fühlte, wie kalt seine Finger waren, und plötzlich traf sie eine Entscheidung. „Ich kümmere mich um ihn. In seiner Wohnung“, sagte sie zu seinen Eltern.

Etwas an dem Mann machte sie leichtsinnig, und obwohl es schon das zweite Mal war, wusste sie nicht, was sie dagegen tun konnte. „Natürlich nur, wenn er das auch möchte“, hörte sie sich fortfahren. „Und falls er es möchte, hat er es dort bequemer und erholt sich schneller.“

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