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Nur eine Liste

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Prolog

Montag

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Danksagungen

Autoreninformation

Prolog

Seit Ewigkeiten finden die Schüler der Mount Washington Highschool, wenn sie am letzten Montag im September in die Schule kommen, eine Liste mit dem hübschesten und dem hässlichsten Mädchen jeder Klassenstufe vor.

Dieses Jahr wird es nicht anders sein.

Ungefähr vierhundert Kopien hängen zurzeit an mehr oder weniger auffälligen Stellen. Eine klebt auf dem Jungenklo im Erdgeschoss, eine verdeckt die gerade erst ernannte Besetzung von Pennies from Heaven, der Theaterproduktion im Herbst, eine andere klemmt im Krankenzimmer zwischen Flugblättern über Beziehungsgewalt und Depressionen. Die Liste klebt an Spindtüren, liegt in Pulten und ist an Schwarze Bretter getackert.

Die untere rechte Ecke jeder Kopie wellt sich von einem Prägestempel, der in Linien den Umriss der Mount Washington High andeutet – bevor die Schwimmhalle, die neue Sporthalle und ein Flügel mit hochmodernen Labors angebaut wurden. Bevor er vor Jahrzehnten aus der Schreibtischschublade des Direktors gestohlen wurde, beglaubigte dieser Stempel jedes Abschlussdiplom. Mittlerweile wird er als geheimnisumwittertes Stück Schmuggelware eingesetzt, um Nachahmer oder Konkurrenten zu entmutigen.

Niemand weiß genau, wer die Liste jedes Jahr verfasst oder wie die Aufgabe weitergegeben wird, doch die Heimlichtuerei kann der Tradition nichts anhaben. Wenn überhaupt, lässt die hundertprozentige Anonymität das Urteil der Liste nur noch absoluter, unparteiischer und objektiver erscheinen.

Und so lösen sich mit jeder neuen Liste die Etiketten, mit denen die Mädchen der Mount Washington High normalerweise in Tausende verschiedene Schubladen gesteckt werden – Angeberinnen, Beliebte, Junkies, Loser, soziale Aufsteigerinnen, Sportlerinnen, Idiotinnen, brave Mädchen, böse Mädchen, Mädchen-Mädchen, Jungs-Mädchen, Schlampen, aufgedonnerte Tussis, wiedergeborene Jungfrauen, Zicken, Streberinnen, Faulenzerinnen, Kifferinnen, Außenseiterinnen, Originale, Computernerds und Freaks, um nur ein paar zu nennen –, in Luft auf. Die Liste schafft es, die gesamte weibliche Schülerschaft auf drei klar abgegrenzte Gruppen zu reduzieren.

Die Hübschesten.

Die Hässlichsten.

Und alle anderen.

An diesem Morgen, bevor es zum ersten Mal zur Klassenversammlung klingelt, wird jedes Mädchen an der Mount Washington High erfahren, ob sein Name auf der Liste steht oder nicht.

Diejenigen, die nicht draufstehen, werden sich fragen, wie es sich – im Guten oder Schlechten – wohl anfühlen würde.

Und acht Mädchen auf der Liste stehen vor vollendeten Tatsachen.

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Montag

1

Abby Warner streift um den Ginkgobaum, mit einer Hand fährt sie langsam über die dicken Rindenwucherungen. Eine Brise streicht um ihre nackten Beine. Sie trägt Cordrock und Ballerinas. Eigentlich ist Strumpfhosenwetter, doch Abby zieht keine Strumpfhosen an, solange sie die Kälte aushalten kann. Oder bis die letzte Sommerbräune verblasst ist. Je nachdem, was zuerst eintritt.

Die Stelle ist als Neulingsinsel bekannt. Morgens und nach der Schule versammeln sich dort die beliebteren Neuntklässlerinnen der Mount Washington Highschool. Wegen des fauligen Geruchs der blassorangefarbenen Ginkgoknollen, die aufgequollen auf die Erde fallen und ein stechend riechendes Gas verströmen, meiden im Frühling fast alle die Insel. Das trifft sich gut, denn zu dieser Zeit sind die Neuntklässler beinahe Zehntklässler und tun alles, um nicht für jünger gehalten zu werden.

Abbys Eltern haben sie und ihre ältere Schwester, Fern, bereits vor einer gefühlten Ewigkeit hier abgesetzt, weil Fern zu irgendeinem Debattier-Club-Dings musste. Oder war es wegen des wissenschaftlichen Zehnkampfs? Abby gähnt. Sie kann sich nicht mehr erinnern, was es war. Egal, so ein Morgen nervt, weil Abby dann superfrüh aufstehen muss, wo sie doch lieber in Ruhe duschen, sich frisieren und etwas Hübsches zum Anziehen heraussuchen will. Um Fern, mit der sie sich das größte Zimmer im Haus der Warners teilt, nicht aufzuwecken, erledigt Abby das alles im Dunkeln. Fern hingegen schläft bis zur letzten Minute, weil sie, außer sich die Zähne zu putzen und in regelmäßigen Abständen Jeans und Schlabbershirts zu wechseln, keine nennenswerte Morgentoilette macht.

An jenem Morgen hatte Fern stolz ein neues T-Shirt angezogen, das sie im Internet bestellt hatte. Auf der Brust prangte ein kunstvolles Wappen, das die Zugehörigkeit zu einer aggressiven Kriegersekte aus The Blix Effect verkündete – einer Serie von Fantasyromanen, die sämtliche Freunde von Fern gierig verschlangen. Im Auto hatte Fern Abby gefragt, ob sie ihr links und rechts einen französischen Zopf flechten könne, die Haartracht, die die weibliche Hauptfigur in The Blix Effect im Kampf trägt.

Fern wünscht sich von Abby immer nur zwei französische Zöpfe, obwohl Abby auch Knoten oder Hochsteckfrisuren beherrscht – Frisuren, die Abbys Meinung nach eine bessere, raffiniertere Wahl für ihre sechzehnjährige Schwester wären. Doch obwohl Abby es merkwürdig findet, dass Fern im Prinzip eigentlich eine Verkleidung will, lehnt sie die Bitte ihrer Schwester nie ab, immerhin sieht Fern mit den Zöpfen besser aus oder zumindest so, als wäre ihr ihr Aussehen nicht völlig egal.

Mittlerweile tauchen die ersten Schulbusse und Autos auf. Nach und nach versetzen die Umarmungen ihrer Freundinnen Abby in eine bessere Stimmung. Sie alle haben das Wochenende damit verbracht, sich Bilder von Kleidern zuzuschicken, die für den Homecoming-Ball am Samstagabend infrage kommen. Das Kleid, in das sich Abby verguckt hat – ein schwarzes rückenfreies Satinkleid mit einer breiten weißen Schleife um die Taille – ist im Einkaufszentrum in ihrer Größe zurückgelegt. Sie hat es nur noch nicht gekauft, weil keine ihrer Freundinnen aus der Neunten zu wissen scheint, wie sehr man sich an der Highschool für eine Tanzveranstaltung aufdressen sollte, die nicht der Abschlussball ist. Schließlich ist es ihr erstes Jahr an der Highschool.

„Oh! Lisa!“, ruft Abby, als ihre beste Freundin, Lisa Honeycutt vom Parkplatz auf sie zukommt. „Hast du Bridget mein Kleid gezeigt? Findet sie es zu förmlich?“ Lisa schlingt einen Arm um Abby und zieht sie an sich. „Meine Schwester findet es perfekt! Hübsch und partymäßig, aber nicht zu gewollt.“

Abby seufzt vor Erleichterung, dass Bridget das Kleid abgesegnet hat. Abby und Lisa sind die beiden einzigen Mädchen in ihrer Clique, deren ältere Schwestern ebenfalls auf die Mount Washington High gehen. Nicht dass Abbys Schwester Fern Lisas Schwester Bridget das Wasser reichen könnte.

Abby war im Sommer eine Woche lang in Lisas Strandhaus in Whipple Beach eingeladen gewesen. Zum Glück, denn sonst hätten ihre Sommerferien bloß daraus bestanden, zu Ferns Collegebesichtigungen mitgeschleppt zu werden.

In jener Woche hatten sich Abby und Lisa in Bridgets Zimmer geschlichen, um sich umzusehen. Sie hatten die Köpfe in Bridgets Kleiderschrank gesteckt. Sie fanden ein paar Telefonnummern von Jungs in einem Versteck in Bridgets Sockenschublade und hielten Bridgets Bettelarmband um ihr Handgelenk. Sie probierten ihr komplettes Schminkzeug aus, das penibel geordnet auf Bridgets weißem Rattanfrisiertisch lag. Abby hatte schon immer davon geträumt, einen Frisiertisch zu besitzen, aber in ihrem Zimmer war nicht genug Platz.

Bridget war in dieser Woche größtenteils für sich geblieben, hatte ihren Freundinnen zu Hause SMS geschrieben und einen Stapel Bücher gelesen, den sie mitgebracht hatte; nur einmal kam sie mit Abby und Lisa für ein paar Stunden an den Strand. Doch an dem einzigen Abend, an dem es regnete, hatte Bridget sie auf ihr Zimmer eingeladen. Sie wellte ihnen mit ihrem dicken Lockenstab die Haare und ließ sie am Fußende ihres großen weichen Bettes einen kitschigen alten Film anschauen. Abby und Lisa wollten von Bridget wissen, wie die Mount Washington wirklich war und Bridget gab ihnen eine Menge hilfreicher, ehrlicher Ratschläge, zum Beispiel vorsichtig zu sein, wenn sie sich mit älteren Typen einließen, nur mit den Freundinnen zu tratschen, denen sie wirklich vertrauten, und wie man seinen Eltern eine Alkoholfahne verheimlichte.

Fern hingegen hatte außer Empfehlungen, welcher Mathelehrer an der Mount Washington wirklich Ahnung von seinem Fach hatte, überhaupt nichts anzubieten. Abby fragte sich mehr als einmal, ob Bridget – außer der Tatsache, dass die beiden Mädchen derselben Klassenstufe angehörten – überhaupt wusste, wer Fern war.

Lisa will gerade mit ihren anderen Freundinnen weiterschnattern, als Abby sich zu ihr hinüberbeugt und flüstert: „Hast du das Arbeitsblatt in Erdkunde ausgefüllt?“

Lisa sieht sie tadelnd an. „Abby, du kannst nicht ständig meine Hausaufgaben abschreiben! So lernst du nie was!“

Abby kämmt sich mit den Fingern die rotblonden Haare. „Bitte, bitte! Ich habe gestern Abend wegen der Kleider alles andere vergessen. Es kommt nicht wieder vor.“ Sie legt die Hand aufs Herz. „Ehrenwort.“

Lisa seufzt, läuft aber trotzdem zum Schulgebäude, um das Arbeitsblatt aus ihrem Spind zu holen.

Abby ruft ihr hinterher: „Du bist wie eine Schwester!“

Ein paar Minuten später kommt Lisa mit wippendem schwarzen Pferdeschwanz wieder herausgerannt. „Abby!“, schreit sie so laut, dass sich alle auf der Neulingsinsel umdrehen. Lisa rennt die letzten paar Meter und hält sich an Abby fest, um nicht hinzufallen. „Du bist die hübscheste Neuntklässlerin der Mount Washington High!“

Abby sieht sie verständnislos an. „Ich bin was?“

„Du bist auf der Liste, du Schaf! Der Liste! Meine Schwester steht auch drauf.“ Lisa sieht zu den anderen Mädchen, ihr breites Lächeln lässt ihre Zahnspange aufblitzen. „Bridget wurde zum hübschesten Mädchen der Elften ernannt!“

Abby fällt vor Überraschung die Kinnlade herunter. Auch wenn sie nicht genau weiß, worüber Lisa redet, ist es eindeutig eine aufregende Nachricht. Zum Glück fragt eine ihrer anderen Freundinnen: „Welche Liste?“, und dann warten alle auf Lisas Erklärung.

Abby begleitet Lisas Ausführungen mit Kopfnicken und tut, als wäre sie nicht ebenso ahnungslos wie die anderen. Natürlich hatte es Fern nicht für nötig gehalten, diesen superwichtigen Punkt zu erwähnen, genauso wenig wie Fern auch nur im Entferntesten wusste, welche Kleider für den Homecoming-Ball passend waren. Manchmal wünscht sich Abby Bridget als Schwester.

Na gut. Sehr oft.

Abbys Freundinnen fallen ihr abwechselnd um den Hals, um sie zu beglückwünschen, und jedes Mal schlägt Abbys Herz ein bisschen schneller. Obwohl die Jungs der Neunten tun, als würde es sie nicht interessieren, was die Mädchen zu feiern haben, fällt Abby auf, dass sie sich bei ihrem Footbag-Spiel immer mehr in ihre Richtung bewegen.

Aber sie kann es immer noch nicht fassen. Es gibt jede Menge hübsche Neuntklässlerinnen an der Mount Washington und Abby ist mit den meisten befreundet. Verdiente sie den ersten Platz wirklich?

Für sie ist das ein merkwürdiger, ungewohnter Ort.

„Tut mir leid, dass ihr nicht ausgewählt wurdet, Mädels“, sagt Abby plötzlich zu allen und ein Teil von ihr meint es sogar ehrlich.

„Bitte“, erwidert Lisa und deutet auf ihren Mund. „Wer wählt mich schon zur Hübschesten von irgendwas, solange diese Eisenbahnschienen quer durch mein Gesicht laufen?“

„Ach, sei still!“, ruft Abby und versetzt Lisa einen Rippenstoß. „Du bist so hübsch! Viel hübscher als ich.“ Es ist Abbys ehrliche Meinung. Sie kann wirklich froh sein, es in diesem Jahr auf die Liste geschafft zu haben, denn wenn Lisa endlich ihre Spange los ist, sieht die Sache bestimmt anders aus. Lisa ist mindestens zwölf Zentimeter größer als Abby und hat lange schwarze Haare, die immer glänzen, und ein kleines Grübchen auf der linken Wange. Sie hat eine tolle Figur mit Rundungen und Brüsten. Lisas einziger Makel ist tatsächlich die Zahnspange. Vielleicht noch ihre Füße, die ein bisschen groß geraten sind. Doch wer achtet schon auf so etwas.

„Du bist echt unfähig, ein Kompliment anzunehmen, Abby“, sagt Lisa lachend. „Aber das hier ist wirklich eine große Sache. Nun wissen alle in der Schule, wer du bist.“

Abby lächelt. Noch nie war sie wegen der nächsten vier Jahre aufgeregter gewesen als in genau dieser Minute. „Ich wüsste gern, wer mich ausgewählt hat, damit ich mich bei ihnen bedanken kann.“ Die Vorstellung, dass ein Mädchen, oder vielleicht sogar eine Abordnung, ihr diese Ehre erwiesen hat, ist unglaublich aufregend. Sie hat Freundinnen, ältere Mädchen, von denen sie überhaupt nichts weiß. „Wo hast du die Liste übrigens gesehen?“

„Am Schwarzen Brett in der Nähe der Sporthalle hängt ein Exemplar“, antwortete Lisa. „Aber sie sind überall.“

„Meinst du, ich kann mir eine nehmen?“, fragte Abby. Sie möchte die Liste gerne an einem besonderen Ort aufbewahren. Vielleicht in einem Album oder einer Schachtel mit Erinnerungsstücken.

„Klar! Komm, wir holen uns eine.“

Die Mädchen halten einander an den Händen, als sie ins Schulgebäude rennen.

„Und wer steht noch alles auf der Liste?“, erkundigt sich Abby. „Außer mir und deiner Schwester?“

„Na ja, die hässlichste Neuntklässlerin ist Danielle DeMarco.“

Abby läuft langsamer. „Moment. Auf der Liste stehen auch hässliche Mädchen?“ Das hatte sie in der ganzen Aufregung überhört.

„Ja“, erwidert Lisa und zieht sie weiter. „Warte, bis du die Liste siehst. Wer immer sie dieses Jahr geschrieben hat, hat unter jedem Namen lustige Kommentare hinzugefügt. Zum Beispiel, dass Danielle Dan the Man genannt wird.“

Abby ist nicht mit Danielle DeMarco befreundet, aber sie haben zusammen Sport. Abby hatte beobachtet, mit welcher Energie sich Danielle beim Pflichtlauf letzte Woche ins Zeug gelegt hat. Es verdiente Bewunderung, und Abby hätte vermutlich auch schneller laufen können, als die schlappen siebzehn Minuten, die sie gebraucht hatte, aber sie hatte keine Lust gehabt, für den Rest des Tages verschwitzt zu sein. Natürlich tut es ihr leid, dass Danielle zum hässlichsten Mädchen ihrer Klassenstufe ernannt worden ist, aber Danielle wirkt, als wäre sie stark genug, um damit umzugehen. Und hoffentlich war Danielle klar, dass es genauso gut andere Mädchen hätte treffen können. Genau wie in Abbys Fall. Man musste es eben nehmen, wie es kam.

„Was stand über mich dort?“

Lisa senkt den Kopf. „Man hat dir gratuliert, dass du über deine genetischen Anlagen gesiegt hast“, flüstert sie und kichert verlegen.

Fern.

Abby beißt sich auf die Innenseite der Wange und fragt: „Ist Fern die hässlichste Elftklässlerin?“

„Oh, nein“, erwidert Lisa schnell. „Das ist dieses schräge Mädchen, Sarah Singer, die auf der Bank in der Nähe der Frischlingsinsel finster vor sich hin starrt.“ Abby senkt den Blick und nickt langsam. Vermutlich bemerkt Lisa ihre Schuldgefühle, denn sie fährt ihr über den Rücken. „Hör zu, Abby. Mach dir keinen Kopf wegen dieser Genetikanspielung. Fern wird nicht namentlich erwähnt. Ich wette, viele Leute wissen nicht mal, dass ihr zwei Schwestern seid!“

„Kann sein“, erwidert Abby und hofft, dass Lisa Recht hat. Doch selbst wenn die meisten Mitschüler nicht wissen, dass sie verwandt sind, ihre Lehrer wissen es garantiert. Es war mit das Schlimmste daran, auf die Mount Washington High zu gehen: zu merken, wie ihren Lehrern nach einer Woche oder so klar wurde, dass Abby nicht annähernd so klug ist wie Fern.

Lisa redet weiter: „Egal, Fern bekommt doch immer die ganze Anerkennung. Und du freust dich jedes Mal für sie. Weißt du noch letztes Jahr, als du mich gezwungen hast, diesen dreistündigen lateinischen Gedichtrezitationswettbewerb an der Uni abzusitzen, an dem Fern teilgenommen hat?“

„Das war ja auch eine Riesensache. Fern wurde von allen an der Highschool ausgewählt vorzutragen und sie hat ein fettes Stipendium gewonnen.“

Lisa verdreht die Augen. „Stimmt. Ich erinnere mich. Jetzt bist jedenfalls du an der Reihe, beachtet zu werden.“

Abby drückt die Hand ihrer Freundin. Klar, der Genetikkommentar war ziemlich fies. Aber Lisa hat Recht. Es ist ja nicht so, dass der Spruch von Abby stammt. Sie bejubelt Fern immer für ihren Schulkram. Sie hat sich nicht ein einziges Mal über diese Frühaufstehaktionen beklagt oder die ganzen Collegebesuche, die sie dieses Jahr statt eines Urlaubs gemacht hatten.

Zumindest hat sie es nicht ausgesprochen.

Als sie sich der Sporthalle nähern, rennt Lisa ein paar Schritte voraus. „Hier hast du sie“, verkündet sie und tippt mit dem Finger auf das Blatt. „Schwarz auf weiß.“

Abby findet ihren Namen fast ganz oben auf der Liste. Ihren Namen! Ihn zu sehen macht die ganze Angelegenheit viel greifbarer, es fühlt sich viel verdienter an. Abby ist offiziell das hübscheste Mädchen der Neunten!

Sie ist nicht sicher, wie lange sie auf das Blatt starrt. Doch schließlich kneift Lisa sie in den Arm. Fest.

Abby wendet den Blick vom Schwarzen Brett. Fern marschiert den Gang mit unglaublicher Entschlossenheit hinunter, die Gurte ihrer Schultasche spannen sich straff über ihre Schultern, die Spitzen ihrer französischen Zöpfe links und rechts wippen auf und ab.

Falls Fern weiß, dass ihre Schwester auf der Liste steht, merkt Abby es ihr nicht an. Fern läuft vorbei, wie sie es in der Schule immer tut – als würde Abby nicht existieren.

Abby wartet, bis Fern um die Ecke biegt. Dann nimmt sie die Liste vom Schwarzen Brett. Dabei pult sie mit dem Nagel ihres kleinen Fingers die Tackernadeln heraus, um die Ecken nicht einzureißen.

2

Schon aus einem Block Entfernung ist Danielle DeMarco klar, dass sie den Bus verpasst hat. Es ist zu ruhig, vor allem für einen Montag. Man hört nichts außer den typischen Morgengeräuschen – zwitschernde Vögel, das Klack-klack-klack sich öffnender Garagentore, das blecherne Rumpeln leerer Mülltonnen, die wieder die Auffahrt hochgezerrt werden.

Zu spät für die Schule, sterbenshungrig, hundemüde. Nicht gerade eine tolle Art, die Woche zu beginnen.

Doch noch findet Danielle, dass es die letzte Nacht wert war.

Als das Telefon klingelte, hatte sie schon seit zwei Stunden geschlafen. „Hallo?“, hatte sie gefragt, ihre Frage wurde von einem Gähnen erstickt.

„Wie kannst du schon schlafen? Es ist doch erst Mitternacht.“

Danielle sah nach, ob ihre Zimmertür geschlossen war. Es würde ihren Eltern nicht gefallen, wenn Andrew so spät anrief. Obwohl Danielle sie schon tausendmal verbessert hatte, bezeichneten sie ihn nach wie vor als den Jungen aus dem Ferienlager. Als wäre Freund ein Zungenbrecher. Vielleicht war ja aber auch genau das Anlass ihrer Besorgnis, Andrew war schließlich ein Jahr älter. Für jemanden, den sie in dieselbe Kategorie steckten wie ihre beste Freundin, Hope, machten ihre Eltern ihr jedenfalls eine Menge Vorschriften, wann, wo und wie sie Zeit mit Andrew verbringen durfte.

Das war nach der Rückkehr vom Clover Lake Camp, wo sie beide im vergangenen Sommer als Betreuer gearbeitet hatten, der schwierigste Teil gewesen. Sie hatten die Freiheit verloren, sich zu sehen, wann sie wollten, zu reden, wann sie wollten. Es gab keine Nächte mehr, in denen sich Andrew durch die Dunkelheit schlich und am Fliegengitter kratzte, das vor dem Fenster über ihrem Bett angebracht war. Sie konnten nicht mehr mit den Paddelbooten in die Mitte des Sees fahren und darauf warten, dass die Brise sie irgendwie wieder zum Steg zurücktreiben würde.

Der Sommer schien schon eine Ewigkeit zurückzuliegen.

Danielle zog sich die Steppdecke über den Kopf und dämpfte die Stimme. „Licht aus, Leute“, neckte sie ihn.

Andrew seufzte. „Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Ich bin einfach viel zu aufgedreht, um zu schlafen. Ich habe wegen des Spiels tonnenweise Adrenalin gespeichert und keine Möglichkeit, es loszuwerden.“

Danielle und Hope hatten an jenem Nachmittag von der Tribüne aus zugesehen, wie Andrew ständig Aufwärmübungen am Spielfeldrand machte, während die Stollen der anderen Spieler das Spielfeld umpflügten. Um warm zu bleiben, wippte er auf den Zehenspitzen, machte Hampelmänner oder legte einen kurzen Sprint hin, bei dem er die Knie weit hochzog. Nach jedem Spielzug sah Andrew zum Trainer der Auswahlfootballmannschaft und legte dabei die Finger um den Gesichtsschutz seines glänzend weißen Helms. Hoffnungsvoll.

Er tat ihr unendlich leid. Es war das vierte Spiel der Saison und er hatte noch nicht eine Minute gespielt. Was wäre schon dabei gewesen, Zehntklässlern wie Andrew eine Chance zu geben? Mount Washington lag in der Halbzeit mit drei Touchdowns zurück. Die Mountaineers hatten noch kein einziges Spiel gewonnen.

„Na ja … ich fand dich süß in dem Trikot der Auswahlmannschaft“, erwiderte sie.

Andrew lachte zwar, doch der trockene Unterton sagte Danielle, dass er noch immer wütend war. „Ich würde lieber überhaupt nicht aufgestellt werden, wenn ich nicht mitspielen darf. Dann möchte ich lieber als Nachwuchsspieler einsteigen. Es ist demütigend, am Spielfeldrand zu stehen und Däumchen zu drehen, während wir Spiel für Spiel den Arsch versohlt kriegen. Ich hätte genauso gut mit Hope und dir auf der Tribüne Nachos essen können.“

„Ach komm, Andrew. Es ist trotzdem eine Ehre. Ich wette, es gibt massenhaft Zehntklässler, die sich darum schlagen würden, in der Auswahlmannschaft zu spielen.“

„Kann sein“, antwortete er. „Weißt du, Chuck durfte die ganze zweite Hälfte spielen. Wenn ich doch bloß so groß wäre wie er. Ich sollte mehr mit Gewichten trainieren und es vielleicht mit diesen fiesen Proteinshakes probieren, die er ständig kippt. Ich bin viel zu dünn. Ich bin der Kleinste der Mannschaft.“

„Bist du nicht. Und warum sollst du wie Chuck sein wollen? Klar, er ist ein ziemlicher Brocken … aber er ist deshalb noch lange nicht gut in Form. Ich wette, den könntest du locker schlagen.“ Andrew wusste bestimmt, dass sie Chuck nicht besonders leiden konnte. Er hatte ihr mal erzählt, dass Chuck ein eigenes Regalbrett für seine Parfümflaschen besaß, die er stolz zur Schau stellte, und dass er das Haus nicht verließ, ohne sich vorher einzusprühen. Chuck dieselte sich sogar ein, bevor er zum Gewichtestemmen in seine Garage ging. Laut Andrew fand Chuck Schweißgeruch total ekelhaft, sogar seinen eigenen.

Andrew überlegte. „Stimmt. Der Typ frisst nur Müll. Solange es nicht in seinem Big Mac steckt, bezweifle ich, dass Chuck überhaupt weiß, was Gemüse ist. Kein Wunder, dass der keine Freundin abkriegt.“

Darüber lachten sie beide.

Danielle hatte ein paar Wochen gebraucht, bis sie verstand, wie Andrew und seine Freunde miteinander umgingen. Die Jungs befanden sich in pausenlosem Wettstreit, vor allem Chuck und Andrew. Zwischen den beiden herrschte ein Konkurrenzkampf – um Noten, neue Turnschuhe, wer als Erster am Trinkbrunnen war. Größtenteils schienen es Danielle normale Jungsmacken zu sein, doch von Zeit zu Zeit nahm es Andrew richtig schwer, wenn er „verlor“. Danielle war ebenfalls ehrgeizig, doch auch wenn sie für Andrews Unterlegenheitskomplexe Mitgefühl empfand, maß sie sich nie mit ihren Freundinnen. Sie wollte nicht mal darüber nachdenken, wie beschissen es gewesen wäre, wenn Hope und sie nicht beide in die Schwimmmannschaft aufgenommen worden wären.

Deshalb war Danielle besonders stolz, dass sie, wenn es bei den Jungs um das Thema Freundinnen ging, den Ausschlag zu Andrews Gunsten gab.

„Übrigens“, meinte Andrew. „Rat mal, was ich heute herausgefunden habe. Selbst wenn ich in dieser Saison nicht eine Sekunde spiele, krieg ich trotzdem die Jacke der Auswahlmannschaft.“

„Da wirst du heiß drin aussehen“, erwiderte Danielle. Das war ein ziemlich alberner Spruch, aber sie wusste, dass es Andrew aufmuntern würde.

„Die Jacke ist mir egal. Es wäre einfach cool, dich im Winter darin zu sehen.“

„Du bist süß“, sagte Danielle und errötete im Dunkeln. Es wäre wirklich cool, Andrews Mannschaftsjacke zu tragen, zumindest so lange, bis sie ihre eigene hatte.

„Telefonierst du noch ein bisschen mit mir?“, fragte er leise.

Danielle schüttelte ihr Kissen auf und gemeinsam zappten Andrew und sie sich genüsslich durch ihren jeweiligen Fernseher, und ihre Fernbedienungen schienen im Gleichtakt zu funktionieren. Sie lachten über die schrägen Werbesendungen, die nachts auf den Kabelkanälen flimmerten. Betonfrisuren. Heimtrainer, die als mittelalterliche Foltergeräte durchgegangen wären. Hautpflegeprodukte für verquollene Gesichter voller Pickel. Diätpillen, die auf alten chinesischen Geheimnissen basierten.

Danielle schlief mit ihrem Handy am Ohr ein, Vorher-und- Nachher-Bilder flackerten im Dunkeln. Ihr Akku gab gegen halb fünf Uhr morgens den Geist auf. Zusammen mit ihrem Wecker.

Aus Liebe oder etwas, was dem ziemlich nahe kam, hat sie den Bus verpasst.

Als Danielle nach ihrem Handy kramt, um zu Hause anzurufen, entdeckt sie ein offenes Notizbuch auf der Straße, dessen Seiten hin und her flattern. Sie hebt es auf und hält es sich vor die Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen. Da sieht sie, wie ihr Bus an der Haltestelle weiterrumpelt. Sie hat ihn verpasst, aber nur knapp.

Sie legt das Kinn auf die Brust und starrt ihm mit weit aufgerissenen Augen hinterher.

Eine Sekunde später rennt sie los.

Ihr Körper ist nicht aufgewärmt und sie hat Angst, sich einen Muskel zu zerren. Dem Schulbus hinterherzujagen ist auf keinen Fall eine dämliche Verletzung wert, die sie vom Schwimmen abhalten würde. Doch nach ein paar Schritten verfällt Danielle in einen lockeren Rhythmus. Eine angenehme Hitze treibt ihre rudernden Arme und wirbelnden Beine an.

Der Schulbus hält wegen eines Autos, das aus einer Ausfahrt kommt. Danielle holt schnell auf. „Hey!“, schreit sie, als sie nah genug ist, um die Schüler in den Rückfenstern zu erkennen. „Hey!“

Doch die Jugendlichen sind zu sehr mit sich beschäftigt, um Danielle zu bemerken. Der Bus beschleunigt wieder, aus dem Auspuffrohr kommt eine Wolke, die ihr in den Augen brennt. Sie schwenkt nach rechts und konzentriert sich auf den Seitenspiegel des Fahrers. Sie brüllt wieder gegen das Röhren des Motors an. Sie schlägt mit der Faust gegen die Seite des Busses.

Der Bus bleibt mit einem Ruck stehen. Ihre Mitschüler schauen schockiert zu ihr herunter. Als sich die Falttür öffnet, streicht sich Danielle ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Du hättest draufgehen können“, bellt der Busfahrer sie an.

Danielle entschuldigt sich, während sie keuchend nach Luft ringt. Sie steigt die Stufen hinauf, dabei hält sie das Notizbuch wie eine Trophäe über den Kopf und wartet darauf, dass es jemand zurückfordert.

Nachdem Danielle ihre Jacke im Spind verstaut hat, steuern Hope und sie sofort auf die Cafeteria zu. Danielle ist zu spät aufgewacht, um zu frühstücken, und sie hält es auf keinen Fall bis mittags ohne Essen aus. Sie geht am Bagelverkauf der Schülermitverwaltung vorbei, Kohlenhydrate machen sie schläfrig und sie ist schon müde genug. Hoffentlich findet sich in den Automaten noch etwas anderes als Kartoffelchips und Schokoladenriegel. Seit sie der Neuntklässler-Schwimmmannschaft angehört, isst Danielle immer mehr, ihr Körper verlangt ständig nach Brennstoff. Sie will sicherstellen, dass sie ihn gut ernährt.

Als die Mädchen die Cafeteria betreten, läuft ein älterer Junge an ihnen vorbei. „Hey! Dan the Man!“, meint er und schlägt Danielle auf den Rücken.

„Hat er mit dir geredet?“, fragt Hope.

Danielle ist zu verdattert, um zu reagieren. Sie versucht einen Blick auf das Gesicht des Jungen zu werfen, um herauszufinden, ob sie ihn vielleicht kennt, doch er verschwindet ebenso schnell, wie er aufgetaucht ist. „Hm … keine Ahnung.“

Die Mädchen gehen zum Automaten weiter. Die gesamte Glasfläche ist mit Blättern zugeklebt. Bis sie eines abreißt und es durchliest, geht Danielle davon aus, dass sie von einem übereifrigen Schulclub stammen, der händeringend neue Mitglieder sucht.

Dan the Man?

Die Hässlichste?

Ihr Körper zuckt krampfhaft und spannt jeden einzelnen Muskel an.

Hässlich genannt zu werden ist das eine. Natürlich hört Danielle die Beleidigung nicht zum ersten Mal. Gibt es ein Mädchen, dem das noch nie passiert ist? Und auch wenn sie darüber bestimmt nicht glücklich ist, gehört hässlich nun mal zu den Worten, mit denen Menschen – ohne überhaupt darüber nachzudenken – sich gegenseitig, aber auch sich selbst bezeichnen. Das Wort ist so unspezifisch, dass es eigentlich bedeutungslos ist.

Eigentlich.

Die Sache mit Dan the Man ist etwas anderes. Das tut weh, auch wenn Danielle weiß, dass sie kein übermäßig mädchenhaftes Mädchen ist. In Kleidern fühlt sie sich komisch, sie hat das Gefühl, verkleidet zu sein, als würde sie versuchen, jemand anderen darzustellen. Sie schminkt sich nur am Wochenende, und selbst dann nur mit einem Tupfer Lipgloss und vielleicht Wimperntusche. Weil sie panische Angst vor Nadeln hat, hat sie sich nie Ohrlöcher stechen lassen.

Trotzdem verfügt Danielle über die wesentlichen Mädchenattribute. Brüste. Lange Haare. Einen Freund.

Hope reißt ebenfalls eine Liste herunter und holt tief Luft, so wie sie es tut, bevor sie im Wasser untertaucht. „Oh, nein, Danielle … Was ist das denn?“

Danielle gibt keine Antwort. Stattdessen starrt sie ihr Spiegelbild in der Automatenscheibe an. Da sie an diesem Morgen keine Zeit zum Duschen gehabt hatte, sind ihre Haare einfach zu einem Dutt zusammengebunden. Rings um ihren Haaransatz stehen wie ein Kranz kurze braune Büschel ab. Eigentlich sollte es sie nicht überraschen – nach jedem Training findet sie abgebrochene Haare in ihrer Schwimmkappe –, aber es überrascht sie trotzdem. Sie versucht, die Strähnen mit einer plötzlich feuchtkalten Hand glatt zu streichen, doch sie stellen sich gleich wieder auf. Sie zieht das Haargummi heraus und schüttelt ihre Haare. Sie sind trocken und stumpf vom Chlor und fallen nicht, wie normales Haar fallen sollte. Plötzlich fühlen sie sich für Danielle wie eine schlecht gearbeitete Perücke an.

Danielle wendet sich von ihrem Spiegelbild ab. Ihr fällt auf, dass die Schließfächer vor der Cafeteria ebenfalls mit Blättern beklebt sind. „Hope, ich glaube, diese Listen hängen in der ganzen Schule“, würgt sie hervor.

Ohne weitere Diskussion verlassen die Mädchen die Cafeteria, teilen sich auf und rennen los, jede in eine andere Richtung des Gangs. Sie reißen jede Kopie ab, an der sie vorbeikommen.

Obwohl Danielle froh ist, etwas Körperliches zu tun, ist es bereits ihr zweiter Sprint an diesem Morgen, ohne irgendwas gefrühstückt zu haben. Sie sucht tief in sich nach der Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wie ein Strohhalm, der auf dem Boden einer Coladose herumstochert. Sie schafft es zum Ende des Gangs, wo sie frontal mit Andrew zusammenstößt, der mit ein paar anderen Zehntklässlern der Footballmannschaft herumsteht.

Einschließlich Chuck.

„Hey! Da ist ja Dan!“, ruft Chuck mit tieferer Stimme als sonst. „Dan the Man!“

Die Jungs starren sie an und lachen.

Sie haben die Liste gesehen.

Was bedeutet, dass Andrew sie auch gesehen hat.

„Komm schon, Andrew“, fordern die anderen Jungs ihn auf und schubsen ihn in ihre Richtung. „Gib Dan einen Kuss!“

„Ja! Wir unterstützen die Rechte der Homosexuellen!“, grölt Chuck.

Andrew lacht gutmütig. Doch auf dem Weg von seinen Freunden zu Danielle verwandelt sich sein Lächeln in einen besorgten Blick. Er führt sie in ein Treppenhaus. „Alles in Ordnung mit dir?“, erkundigt er sich und gibt sich Mühe, ruhig zu klingen.

„In Anbetracht der Geschlechtsumwandlung, die ich scheinbar letzte Nacht durchgemacht habe, eigentlich ganz gut“, erwidert Danielle, ein verzweifelter Witz, um die Anspannung zu durchbrechen. Keiner von beiden lacht. Sie hält die Kopien der Liste in die Höhe, die sie abgerissen hat. „Was ist das, Andrew?“

„Eine blöde Tradition. Es passiert jedes Jahr in der Homecoming-Woche.“

Sie starrt ihn an. „Warum hast du mich nicht vorgewarnt?“

Andrew fährt sich mit den Händen durch die Haare. Obwohl die Ansätze dunkler nachwachsen, sind sie noch immer ausgebleicht vom Sommer. „Weil ich nie gedacht hätte, dass du draufstehen würdest, Danielle.“

Sie fühlt sich ein bisschen besser, aber nicht viel. „Weißt du, wer die Liste geschrieben hat?“ Danielle hat nicht gerade übermäßig viele Freunde, doch soweit sie weiß, hat sie auch keine Feinde. Sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand sie so sehr hasst, um etwas so Fieses zu tun.

Andrew sieht auf die Kopien in ihrer Hand und schüttelt den Kopf. „Nein, weiß ich nicht. Und übrigens, Danielle – du solltest nicht durch die Schule rennen und diese Dinger herunterreißen. Diese Listen hängen überall. Die ganze Schule weiß Bescheid. Du kannst nichts dagegen tun.“

Danielle fällt der Junge ein, der ihr in der Cafeteria auf den Rücken geschlagen hat, die Hitze seiner Hand auf ihrer Wirbelsäule. Sie will keinen Fehler machen. Sie will sich nicht in eine noch peinlichere Lage bringen, als sie ohnehin schon ist. „Tut mir leid“, erwidert sie, denn so fühlt sie sich. Aus vielen Gründen. „Sag mir, was ich tun soll.“

Andrew streicht ihr über den Arm. „Die Leute wollen sehen, dass du dich aufregst. Sie wollen deine Reaktion sehen. Es reden immer noch alle über dieses Mädchen, Jennifer Briggis, und wie sie ausgeflippt ist, als sie in der Neunten auf die Liste gesetzt wurde. Glaub mir – wenn du jetzt das Falsche tust, kann es dir die ganze restliche Zeit an der Highschool versauen.“

Danielle schnürt es die Brust zusammen. „Das ist Wahnsinn, Andrew. Ich meine, das ist doch Wahnsinn.“

„Es ist ein großes Psychospiel. Es funktioniert nach demselben Prinzip, wie wenn wir den Kindern im Ferienlager erzählen: Wenn du so tust, als würden dir die Hänseleien nichts ausmachen, hören sie irgendwann auf. Also gib niemandem mehr die Genugtuung, dich verletzt zu sehen. Du musst eiskalt sein.“ Er sieht sie durchdringend an. „Pokergesicht. Okay?“

Sie beißt sich auf die Lippe und nickt, sie kämpft gegen die Tränen. Sie weiß, dass Andrew die Tränen sehen kann, aber zum Glück tut er so, als sähe er sie nicht. Offenbar trägt auch er sein Pokergesicht zur Schau. Danielle braucht eine Sekunde, bis sie sich gefangen hat, dann folgt sie Andrew aus dem Treppenhaus, allerdings bleibt sie ein paar Schritte hinter ihm zurück.

Hope steht mitten auf dem Flur und sieht sich panisch um. Als sie Danielle entdeckt, stürzt sie auf sie zu. „Beeil dich, Danielle. Ich habe in diesem Gang und im Naturwissenschaftsflügel jede Kopie heruntergerissen. Lass uns bei der Sporthalle nachsehen.“ Sie nimmt Danielle fest in den Arm und flüstert: „Mach dir keinen Kopf. Ich schwöre bei meinem Leben, dass wir rauskriegen, wer das geschrieben hat, und dafür sorgen, dass sie ihre gerechte Strafe bekommen.“

„Lass gut sein, Hope“, erwidert Danielle. Sie wirft die Kopien, die sie in der Hand hält, in den Mülleimer.

„Wie? Was meinst du?“ Hope dreht sich um, sieht nach Andrew, der sich wieder zu seinen Freunden gesellt hat. „Was hat Andrew gesagt?“

„Mach dir keinen Kopf. Er hat sich total richtig verhalten.“ Das ist Danielles Gefühl, ohne Einschränkung.

3

„Was zum T?“

Auch wenn es als Frage formuliert ist, klingen die drei Wörter nicht so, denn die letzte Silbe driftet in eine höhere, unbestimmte Tonlage. Die Kopie der Liste, die an ihrer Spindtür klebt, bringt Candace Kincaid eindeutig durcheinander.

Sie zieht eine braune Haarsträhne aus der dicken Schicht Glitzergloss auf ihren Lippen, um die Liste näher in Augenschein zu nehmen. Sie fährt mit einem himbeerrosa Fingernagel über das Blatt nach unten und verbindet das Wort hässlichstes und ihren Namen mit einer unsichtbaren, unvorstellbaren Linie.

Hinter ihr tauchen ihre Freundinnen auf, um auch einen Blick zu erhaschen. Sie sind heute alle voller Erwartung auf die Liste in die Schule gekommen. Candace ist so gespannt gewesen, dass sie letzte Nacht kaum ein Auge zubekommen hat.

„Da hängt die Liste!“, sagt jemand.

„Candace ist die hübscheste Zehntklässlerin!“, ruft eine andere.

„Yippie, Candace!“

Candace fühlt, wie Hände ihr den Rücken tätscheln, wie Hände ihre Schultern drücken, die Umarmungen. Doch sie starrt weiter auf das Blatt. Das sollte eigentlich ihr Jahr sein. Eigentlich hätte ja schon letztes Jahr ihr Jahr sein sollen, aber Monique Jones hatte für Teeniemagazine gemodelt, zumindest hatte sie das herumerzählt. Candace fand Monique nicht wirklich hübsch. Sie war viel zu dünn, ihr Kopf war zu groß für ihren Körper, und ihre Wangenknochen waren … na ja, sonderbar. Außerdem hatte Monique nur Jungsfreunde. Typisches Schlampenbenehmen.

Candace war hocherfreut, als die Familie wegzog.

Sie nimmt die Ecke der Liste und glättet die aufgeworfene Prägung zwischen den Fingerspitzen, anschließend reißt sie sie herunter, an ihrer Spindtür bleiben Klebeband und ein Papierfetzen hängen.

„Ich sage es ja nicht gern, Mädels … aber ich scheine die hässlichste Zehntklässlerin an der Mount Washington zu sein“, verkündet Candace. Dann lacht sie, es ist wirklich so was von albern.

Ihre Freundinnen wechseln schnelle, beklommene Blicke.

„Auf der Plusseite ist zu vermerken“, fährt Candace fort, hauptsächlich, um das unbehagliche Schweigen zu überbrücken, „dass wir wahrscheinlich mit Sicherheit davon ausgehen können, dass dieses Jahr Lynette Wilcox die Liste geschrieben hat. Rätsel gelöst!“

Lynette Wilcox wird von einem Blindenhund durch die Gänge geführt. Sie ist von Geburt an blind, ihre Augen sind weißlich trüb und zu feucht.

Es ist also ein Witz. Natürlich. Bloß lacht keine ihrer Freundinnen.

Niemand sagt etwas.

Bis eines der Mädchen flüstert: „Autsch!“

Candace schnaubt. Autsch ist die Untertreibung des Jahres. Sie dreht die Liste um und überfliegt die anderen Namen – in Erwartung, weitere Fehler zu entdecken, die vielleicht erklären würden, was hier verdammt noch mal gespielt wird. Sarah Singer ist eindeutig die hässlichste Elftklässlerin. Candace erinnert sich dunkel, wer Bridget Honeycutt ist, doch da man das Mädchen, das ihr durch den Kopf geht, getrost vergessen kann, ist sie nicht sicher, ob sie an die Richtige denkt. Alle an der Schule halten Margo Gable für umwerfend, es ergibt also Sinn, dass sie als hübscheste Zwölftklässlerin aufgeführt ist. Jennifer Briggis zur hässlichsten Zwölftklässlerin zu wählen liegt auf der Hand. Ganz ehrlich, jedes andere Mädchen als Jennifer wäre die totale Enttäuschung gewesen. Candace kennt keine der beiden Neuntklässlerinnen, was nicht weiter überrascht, denn sie gehört nicht zu den Mädchen, die sich mit den Neuen abgeben.

Es gibt noch einen Namen, den sie nicht kennt. Merkwürdig, denn sie ist ihr Gegenstück in der Zehnten. Die Hübscheste statt der Hässlichsten.

Candace schnippt mit dem Finger gegen die Liste, was ein knatterndes Geräusch hervorruft. „Wer ist Lauren Finn?“

„Das ist dieses Mädchen, das zu Hause unterrichtet wurde“, erklärt ihr eine ihrer Freundinnen.

„Welches Mädchen ist denn zu Hause unterrichtet worden?“, fragt Candace und zieht die Nase kraus.

Ein anderes Mädchen wirft nervöse Blicke über die Schulter, um sicherzugehen, dass niemand auf dem Gang zuhört, dann flüstert sie: „Pferdehaar.“

Candace macht große Augen. „Lauren Finn ist Pferdehaar?“

Den Spitznamen hatte sie sich letzte Woche ausgedacht, als alle im Sportunterricht eine Meile rennen mussten und Pferdehaars pferdiger blonder Pferdeschwanz hin und her wippte, während sie vor sich hin trabte. Candace hatte demonstrativ gewiehert, als sie an Lauren vorbeirannte, es war schließlich abartig, Haare dermaßen lang wachsen zu lassen. Es sei denn, sie hatten einen Stufenschnitt. Was bei Lauren nicht der Fall war. Ihre Haare waren auf Hüftlänge gerade abgeschnitten. Wahrscheinlich von ihrer Mutter, mit einer stumpfen Schere.

„Na ja … ich finde Lauren hübsch“, wirft ein anderes Mädchen mit entschuldigendem Schulterzucken ein.

Noch jemand nickt. „Sie könnte ganz sicher einen Haarschnitt vertragen, aber doch, Lauren ist definitiv hübsch.“

Candace stößt einen gequälten Seufzer aus. „Ich behaupte ja nicht, dass Pferdehaar nicht hübsch ist“, stöhnt sie, auch wenn sie nie wirklich über Laurens Aussehen nachgedacht hat. Warum auch? Diese Unterhaltung sollte sich nicht um Lauren drehen. Sondern um sie. „Mir ist einfach schleierhaft, warum ich als hässlichste Zehntklässlerin ausgewählt wurde.“ Ihr Blick wandert von ihren Freundinnen zu anderen Mitschülerinnen ihrer Klassenstufe, die den Gang hinunterlaufen. Candace sieht innerhalb kürzester Zeit mindestens zehn andere Mädchen, die es hätte treffen sollen. Hässliche Mädchen, die es verdienten.

„Also wirklich, Leute. Das ist doch völliger Schwachsinn!“ Obwohl sie sich ein bisschen blöd dabei vorkommt, dass sie ihnen einen Köder hinwerfen muss, gibt Candace ihren Freundinnen noch eine Chance, sie zu verteidigen. „Hübsche Mädchen sollten nicht bei den Hässlichen der Liste landen! Das untergräbt ja die ganze Tradition.“

„Na ja, die Liste behauptet ja nicht wirklich, dass du hässlich bist“, bietet jemand freundlich an.

„Stimmt“, pflichtet ein anderes Mädchen bei. „Die Mädchen, die auf der Liste als die hässlichsten ihrer Stufe aufgeführt sind, sind wirklich hässlich. Bei dir steht bloß, dass du innerlich hässlich seist.“

Das ist nicht die stürmische Verteidigung, auf die Candace hofft. Doch als ihr die Bedeutung der Worte aufgeht, nickt Candace langsam und lässt ein neues Gefühl in sich zu. Was schert es sie, wenn andere sie für innerlich hässlich halten? Ihre Freundinnen denken das ganz sicher nicht, sonst wären sie doch nicht mit ihr befreundet! Äußerlich hübsch zu sein, ist das, was wirklich zählt. Ein hübsches Äußeres ist das, was jeder sieht.

Eines der Mädchen meldet sich schüchtern: „Also … sollen wir diskutieren, was wir beim Spirit Caravan tun wollen?“

Das hat Candace als Tagesordnungspunkt für diesen Morgen angekündigt. Der Spirit Caravan findet am Samstag statt, vor dem Homecoming-Footballspiel. Er ist eine improvisierte Parade, bei der die Schüler der Mount Washington mit ihren geschmückten Autos durch die Stadt fahren, hupen und die Bewohner auf das Spiel neugierig machen. Dies ist das erste Jahr, in dem Candace und ihre Freundinnen selbst fahren dürfen, denn ein paar, Candace eingeschlossen, haben im Sommer ihren Führerschein erhalten. Candace hat alles in ihrem Notizbuch geplant, in wessen Auto sie fahren sollen (natürlich dem Cabrio ihrer Mutter), wie es dekoriert werden soll (Wimpel, Blechdosen, Rasierschaum auf der Windschutzscheibe) und was die Mädchen tragen sollen (Hotpants, Kniestrümpfe und Mount-Washington-Sweatshirts). Trotzdem starrt Candace ihre Freundinnen mit offenem Mund an. „Ich kann nicht behaupten, dass ich gerade vor Begeisterung für diese Schule platze.“ Dass die anderen nicht auf diese Bemerkung eingehen, nervt sie. „Lasst uns das auf morgen vertagen, okay?“

Ein Mädchen zuckt die Achseln. „Aber wir haben nur bis Samstag Zeit, um uns etwas auszudenken.“

„Wir können nicht bis zur letzten Minute warten. Wir müssen ein Konzept auf die Beine stellen. Wir sind jetzt in der Zehnten. Wir können doch nicht einfach irgendwas machen“, fügt eine andere hinzu.

Ein Konzept? Meinte sie das im Ernst? Candace verdreht die Augen. Doch als sie ihre Freundinnen einträchtig nicken sieht, dämmert ihr, dass sie mit oder ohne sie über den Spirit Caravan reden werden. Es ist ein absolut ungewohntes Gefühl, ungewohnter noch, als die Hässlichste genannt zu werden.

Sie ändert schnell ihre Strategie und reißt die Seite mit ihren Vorschlägen aus dem Notizbuch. „Gut“, sagt sie und reicht sie weiter. „Hier ist, was ich machen werde. Überlegt euch, wer mit mir fährt, denn in das Cabrio meiner Mutter passen maximal fünf von uns.“ Sie zählt schnell durch. Um ihren Spind stehen zehn Mädchen. „Vielleicht sechs, wenn ihr euch dünn macht.“

Candace öffnet ihre Spindtür und starrt ihren Freundinnen durch die Metallschlitze hinterher, als sie ohne sie zur Klassenversammlung loslaufen. Ihr Blick wandert zu dem Magnetspiegel, der in der Türinnenseite hängt. Irgendetwas an ihrem Gesicht ist komisch, schief. Sie starrt eine Weile, bis ihr auffällt, dass sie beim linken Auge den Eyeliner vergessen hat.

Warum hat ihr das keine ihrer Freundinnen gesagt?

Nachdem sie in ihrem Schminktäschchen herumgekramt hat, stellt sich Candace so nah vor den Spiegel, dass ihre Nasenspitze beinahe den Spiegel berührt. Sie zieht vorsichtig den linken Augenwinkel Richtung Ohr und zeichnet mit einem der Tester, die ihre Mutter ihr überlassen hat, einen weichen schokoladenbraunen Lidstrich. Dann lässt sie los – die Haut rutscht keck wieder an ihren Platz – und blinzelt ein paarmal.

Ihre Augen sind nach Candaces Meinung das Schönste an ihr. Sie sind sehr hellblau, als hätte man drei Tropfen Lebensmittelfarbe in einem halben Eimer eiskaltem Wasser aufgelöst. Sie wird ständig darauf angesprochen, und auch wenn Candace diese Vorhersehbarkeit nervig findet, genießt sie natürlich trotzdem die Aufmerksamkeit. Wenn zum Beispiel eine Verkäuferin plötzlich von der Kasse aufsieht und sagt: „Wow, du hast wirklich unglaubliche Augen!“ Oder, noch besser, ein Junge. Ihre Augen finden größere Beachtung als ihre Brüste und das will wirklich etwas heißen. Sie ist immerhin ein echtes C-Körbchen, und zwar ohne all die albernen Polster, die doch nur Etikettenschwindel sind.

Ein Gefühl der Erleichterung überkommt sie. Liste hin oder her, Candace Kincaid ist hübsch. Sie weiß es. Jeder weiß es.

Und nur das zählt.

4

Da sich Lauren Finn und ihre Mutter einig sind, dass der Wagen immer noch nach Laurens verstorbenem Großvater riecht – eine modrige Mischung aus Pfeifenrauch, alten Zeitungen und Billigaftershave –, fahren sie mit heruntergekurbelten Fenstern zur Mount Washington Highschool. Lauren legt die Arme auf den Fensterrahmen und ihr Kinn auf die Stelle, wo die Hände aufeinanderliegen, und lässt sich von der frischen Luft wach pusten.

Montagmorgens ist sie immer am müdesten, denn sonntags sind immer die schlimmsten Nächte. Die Angst vor der kommenden Woche treibt Lauren an, wenn sie eigentlich zur Ruhe kommen will. Sie spürt jede Unebenheit in der alten Matratze, hört jedes Knarren und Seufzen ihres neuen alten Hauses.

Dieses neue Leben hat vor drei Wochen angefangen und nichts fühlt sich gut an. Genau was sie erwartet hatte.

Bis auf einige Strähnen, die mit einer angelaufenen silbernen Klammer festgesteckt sind, peitscht der Wind Laurens lange helle Haare wie einen stürmischen blonden Ozean.

Sie hat die Spange letzte Nacht gefunden, nachdem sie sich eine Stunde hin und her gewälzt hat, in demselben Zimmer, in demselben Bett, in dem ihre Mutter als fünfzehnjähriges Mädchen geschlafen hatte. An der Stelle, wo Holzboden und Wand aufeinandertrafen, ragte das schmale Stäbchen wie ein lockerer Nagel heraus, die angelaufenen Strasssteinchen funkelten im Mondlicht.

Lauren schlich im Schlafanzug über den Gang. Das Leselicht ihrer Mutter warf einen warmen weißen Schimmer durch den Türspalt. Seit sie nach Mount Washington gezogen waren, schliefen sie beide nicht besonders gut.

Lauren stieß die Tür mit dem Fuß weiter auf. Über den Schnörkeln des schmiedeeisernen Bettgestells hingen – nachdem ihre Mutter sie im Waschbecken ausgewaschen hatte – billige karamellfarbene Strumpfhosen zum Trocknen. Sie erinnerten Lauren an die abgeworfenen Schlangenhäute in den warmen Dünen hinter ihrer alten Wohnung in Oregon. An ihr altes Leben.

Mrs Finn sah von dem dicken Handbuch mit Steuergesetzen auf. Lauren schlängelte sich zwischen den unausgepackten Kisten hindurch und sprang aufs Bett. Sie öffnete die Hände, als wären sie eine Muschelschale.

Mrs Finn grinste und schüttelte den Kopf, sie wirkte verlegen. „Als ich auf die Highschool kam, habe ich deine Großmutter angebettelt, mir diese Spange zu kaufen.“ Sie nahm die Haarspange zwischen die Finger und inspizierte das Fossil ihrer Jugend. „Ich weiß nicht, ob du dieses Gefühl kennst, Lauren, aber manchmal, wenn man etwas Neues bekommt, redet man sich ein, es besäße die Macht, einen zu einem anderen Menschen zu machen.“ Mrs Finns Mundwinkel verzogen sich, bis ihr Lächeln angespannt und dünn und schließlich kein Lächeln mehr war. Mit einem Seufzer fügte sie hinzu: „Das war von einer Haarspange ganz schön viel verlangt, oder?“ Nach dieser Bemerkung steckte Mrs Finn ihrer Tochter mit der Spange eine Haarsträhne über dem Ohr fest und schlug die Decke zurück, damit Lauren sich neben sie legen konnte.

Lauren kannte das Gefühl nicht, das ihre Mutter beschrieben hatte. Sie hatte etwas viel Aufwühlenderes erlebt. Und zwar mit Randy Culpepper, der im Englischunterricht neben ihr saß.

An ihrem allerersten Tag an der Mount Washington High war Lauren aufgefallen, dass Randy eigenartig roch. Bis sie auf dem Gang gehört hatte, dass Randy kleine Mengen Drogen vertickte und jeden Morgen vor der Schule in seinem Auto einen Joint durchzog, fand sie, dass es nach Wald und irgendwie muffig roch.

Dass Lauren nun den Geruch einer illegalen Substanz kannte, fasste in gewisser Weise zusammen, wie sehr sich ihr Leben verändert hatte – ob sie wollte oder nicht. Sie hatte dieses Geheimnis für sich behalten, zusammen mit vielen anderen, denn es würde ihrer Mutter das Herz brechen, wenn sie davon erführe. Sie durfte niemals bestätigen, dass die Zustände in ihrer neuen Schule so katastrophal waren, wie man ihr erzählt hatte.

Wenn nicht sogar schlimmer.

Wenig später, nachdem Mrs Finn ihre Steuerlektüre beendet und das Licht ausgeschaltet hatte, starrte Lauren in die Dunkelheit und dachte über die Worte ihrer Mutter nach. Sie würde trotz all der Veränderungen dasselbe Mädchen bleiben. Bevor sie einschlief, berührte sie die Haarspange, ihren Anker.

Als der Wagen in eine Parklücke am Straßenrand gleitet, berührt Lauren die Haarspange wieder.

„Wie seh ich aus? Wie eine Steuergehilfin, die du einstellen würdest?“ Mrs Finn mustert sich stirnrunzelnd im Rückspiegel. „Es ist so lange her, dass ich ein Vorstellungsgespräch hatte. Das letzte Mal war vor deiner Geburt. Kein Mensch wird mich nehmen. Die wollen bestimmt irgendein junges hübsches Ding.“

Lauren ignoriert die Schweißflecken, die sich auf der Bluse ihrer Mutter unter den Achseln abzeichnen, die kleine Laufmasche in der Strumpfhose, durch die man die fahle Haut ihrer Mutter sieht. Noch fahler allerdings ist Mrs Finns Haar, blond zwar wie das von Lauren, doch durch graue Strähnen abgestumpft.

„Denk an das, worüber wir geredet haben, Mommy. Stell deine Erfahrung in den Vordergrund, nicht die Tatsache, dass du eine Weile nicht gearbeitet hast.“

Sie hatten das Vorstellungsgespräch am Vorabend durchgespielt, nachdem Lauren ihre Hausaufgaben beendet und ihre Mutter sie durchgesehen hatte. Noch nie hatte sie ihre Mutter so unsicher erlebt, so unglücklich. Mrs Finn will diesen Job nicht. Sie will lieber weiter Laurens Lehrerin sein.

Ihre Situation bedrückt Lauren. Im letzten Jahr war es nicht gut gelaufen. Das Geld, das Laurens Vater ihnen hinterlassen hatte, neigte sich dem Ende zu, und ihre Mutter schränkte die tollen Exkursionen ein, die sie sich als Abwechslung zur Küchenakademie gegönnt hatten – so hatten sie die Ecke in der Küche zwischen acht Uhr morgens und vier Uhr nachmittags getauft. Lauren hatte nicht gewusst, dass ihre Mutter keine Miete mehr zahlte. Dass ihr Großvater starb und ihnen das Haus hinterließ, hatte sich im Nachhinein als Segen erwiesen.

„Lauren, versprich mir, dass du mit deiner Englischlehrerin über die Leseliste sprechen wirst. Ich hasse die Vorstellung, dass du ein Jahr bei ihr im Unterricht sitzt und dich mit Büchern zu Tode langweilst, die wir bereits gelesen und besprochen haben. Wenn du dich nicht traust …“

Lauren schüttelt energisch den Kopf. „Ich mach es. Heute. Versprochen.“

Mrs Finn tätschelt Laurens Bein. „Wir kommen klar, oder?“

Lauren denkt nicht über die Antwort nach. ...

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