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Nur ein guter Freund

1. KAPITEL

„Sternchen ist deine Tochter, du kannst sie nicht einfach weggeben!“ Theresa war noch ganz überrumpelt. Eben hatte Xaver sie und Moritz gefragt, ob sie Sternchen als Pflegekind aufnehmen würden.

„Bei einer fremden Familie hätte ich ja auch Probleme. Aber ihr seid das tollste Paar, das es überhaupt geben kann.“ Xaver war immer begeisterter von seiner Idee.

„Die Mutter wäre damit bestimmt nicht einverstanden“, wandte Moritz nun ein.

„Wenn die sich überhaupt jemals wieder blicken lässt.“ Immerhin hatte die Kindsmutter das Baby einfach vor Xavers Tür abgelegt. „Ich bin als Vater komplett überfordert. Und Sternchen soll in stabilen Verhältnissen aufwachsen. Bei euch wäre ich mir einfach sicher, dass es ihr gut geht.“

„Das Jugendamt hätte da sicher auch noch ein Wörtchen mitzureden“, gab Moritz zu bedenken.

Xaver überhörte diesen Einwand absichtlich. „Mir ist klar, dass ihr das nicht eben so entscheiden könnt. Aber vielleicht könnt ihr ja mal darüber nachdenken.“ Damit schob er den Kinderwagen davon.

Die beiden diskutierten seinen Vorschlag sehr ernsthaft. Offensichtlich war, dass Xaver im Moment Hilfe brauchte. Und dass er aufrichtig um das Wohl seiner Tochter besorgt war.

„In dem Punkt hat er tatsächlich recht“, meinte Moritz. „Ein Kind braucht nun einmal Vater und Mutter.“

„Kannst du dir denn überhaupt schon vorstellen, jetzt schon Papa zu werden?“, fragte Theresa.

Er zuckte die Schultern. „Es ist eine riesige Verantwortung, über eine lange Zeit.“ Schließlich konnte man ein Kind nicht einfach zurückgeben, wenn man die Lust am Elternsein verlor.

„Möchtest du denn überhaupt Kinder haben?“, fragte sie weiter.

„Klar! Eigene, mit dir!“ Aber das eine schloss das andere ja gar nicht aus. Ganz abgesehen davon waren Moritz und Theresa beide schon ganz verliebt in Sternchen. Die Kleine war so süß. „Eine solche Entscheidung würde unser ganzes Leben verändern“, stellte er fest. „Die sollten wir nicht leichtfertig fällen.“

„Wir sollten in Ruhe darüber nachdenken“, pflichtete Theresa ihm bei.

Natürlich wollte Theresa irgendwann Kinder haben mit Moritz – sie konnte ihn sich so gut als Vater vorstellen. Und für Sternchen wäre es sicher besser, wenn sie zu ihnen käme als zu irgendwelchen Fremden. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, schon so schnell „Mutter“ zu werden …

Xaver erkundigte sich unterdessen bei Frau Sonnbichler, wie eine solche Pflegschaft bürokratisch zu regeln sei. Hildegard erklärte ihm, dass das Jugendamt in der Tat noch ein Wörtchen mitzureden habe. Und durchaus zu dem Ergebnis kommen könne, dass Theresa und Moritz nicht als Pflegeeltern geeignet seien.

„Die beiden müssten wenigstens schon eine tiefere persönliche Bindung zu Sternchen haben“, schloss sie. „Was man natürlich auch belegen muss.“

Julius hielt zunächst einmal gar nichts von der Idee, dass Theresa und Moritz Sternchen in Pflege nahmen. Er war der Meinung, dass ein Kind nicht nur irgendeinen Vater brauchte, sondern seinen leiblichen.

„Was meinst du, wie sehr ich es bereue, dass ich kein ordentlicher Vater für Rosalie war“, sagte er. Er hatte seine Tochter voll und ganz der Mutter überlassen. „Aber sie hätte mich gebraucht, mich, ihren leiblichen Vater.“

Theresa nickte wehmütig. „Ich hatte eine schöne Kindheit bei Hans und Karoline“, erinnerte sie sich. „Trotzdem … Dass ich erst so spät meine leibliche Mutter kennengelernt habe …“ Aber sie würden Sternchen ja auch Kontakt halten lassen zu Xaver.

„Denk zunächst vor allem an dich und deinen Mann“, riet Julius. „Ob ihr die Kleine wirklich wollt. Und die Verantwortung, die damit verbunden ist. Ein Kind braucht kein Mitleid. Es braucht das Gefühl, von Herzen erwünscht zu sein.“

Doris hatte noch einmal Druck auf Werner ausgeübt. Sie würde ihm ihre neunzig Prozent des Fürstenhofs schenken – wenn er ihr vertraglich zusicherte, dass er sie innerhalb der nächsten drei Monate heiraten würde.

„Du musst nur Ja sagen, dann gehe ich sofort zum Notar und lasse dir die Anteile überschreiben.“

„Man heiratet aus Liebe“, meinte er. „Aber das … Das ist ein Geschäft.“

„Aber wir lieben uns“, hielt sie dagegen.

„Ja, und das auch ohne Trauschein“, beharrte er. „Willst du denn wirklich eine Heirat des Geldes wegen?“

Verletzt sah sie ihn an. „Gut. Dann trennen wir uns, und ich verkaufe die Anteile.“

„Wieso das denn?!“, entgegnete er entsetzt. Er wollte sich nicht von ihr trennen. „Und der Fürstenhof ist das beste Anlageobjekt, das du haben kannst.“

„Ohne dich ist das Hotel wertlos für mich“, sagte sie ernst. „Ich habe die Anteile nicht gekauft, um dich zu erpressen. Ich habe sie für uns gekauft. Für unser gemeinsames Leben.“ Schweigend blickte er sie an. „Ich weiß, diese von Heidenberg hat dir Liebe vorgeheuchelt, um an den Fürstenhof zu kommen“, sprach sie weiter. „Aber bei mir ist das anders. Ich schenke dir den Fürstenhof, weil ich dich will. Vertrau mir, bitte.“

„Ich wollte dich nicht mit ihr vergleichen …“ Er stockte. „Vielleicht muss ich erst lernen, dass du anders bist.“

„Du kennst mich lange genug, Werner“, meinte sie eindringlich. „Jetzt und hier brauche ich eine Entscheidung. Ich kann nicht mehr weiterkämpfen, flehen, bitten. Ich kann einfach nicht mehr.“ Doris war sichtlich am Ende mit ihren Nerven.

Und ihn ließ das nicht ungerührt. „Ja“, sagte er also.

„Ja?“

„Ja.“ Liebevoll zog er sie an sich, auch wenn das Lächeln auf seinem Gesicht etwas gequält war.

„Du wirst sie doch heiraten?!“ Charlotte machte keinen Hehl aus ihrer Skepsis, als ihr Exmann ihr von seiner Entscheidung berichtete. „Dann hat sie also doch gewonnen.“

„Sie hat nicht ‚gewonnen‘“, protestierte Werner. „Wir haben beide gemerkt, dass unsere Liebe stärker ist als dieses ganze Drumherum.“

„Du heiratest sie also trotz ihres Geldes“, spottete Charlotte.

„Exakt!“, bestätigte er trotzig. „Außerdem sollten wir alle froh sein, dass nun wieder geordnete Verhältnisse herrschen.“

Dem konnte Charlotte nicht widersprechen. „Wenn damit die Schreckensherrschaft deiner Zukünftigen beendet ist …“ Auch Alfons würde wiedereingestellt werden, das hatte Werner bereits geklärt. „Denkst du denn wirklich, dass du mit Doris glücklich werden kannst?“

„Wir sind es bereits“, erwiderte er. „Und ich liebe sie.“

Charlotte hob die Hände. Sie war sich sicher, dass er gerade dabei war, sich selbst zu betrügen. Aber dagegen konnte sie nichts ausrichten.

Marlene war aufgeregt: Morgen hatte sie einen Termin mit einem Musikproduzenten, der an einer Zusammenarbeit mit Natascha interessiert wird. Marlenes Mutter wollte endlich ihre Solokarriere in Angriff nehmen, und der Produzent Freddy Schmidtke klang vielversprechend. Er betreute zwar nur ein kleines Label, hatte dafür aber eine anspruchsvolle Künstlerliste zu bieten.

„Haben Sie denn mittlerweile ein Konzept für die erste CD?“, fragte Konstantin Marlene.

Sie bejahte begeistert. Natascha wollte Jazz-Klassiker neu aufnehmen. „Irgendwie ist meine Mutter gerade auf einem kreativen Höhenflug. Als wäre sie von der Muse persönlich geküsst.“

„Soll’s ja geben …“ Konstantin dachte sich seinen Teil – er hatte seit Kurzem ein Verhältnis mit Natascha.

„Ich kann nur hoffen, dass ich’s nicht vermassle.“ Marlene seufzte. In der Musical-Welt war ihre Mutter ein Star gewesen. Sie hatte die Bedingungen stellen können. Jetzt musste sie lernen, sich unterzuordnen und zu Kompromissen bereit zu sein. Was Natascha nun überhaupt nicht lag. Selbstverständlich hatte sie schon genaueste Vorstellungen von den Musikern, mit denen sie zusammenarbeiten wollte, dem Studio und den Arrangements. Und Marlene sollte den Produzenten davon überzeugen.

„Sie schaffen das schon“, machte Konstantin ihr Mut. „Denken Sie einfach an das Allerschönste, was Ihnen gerade einfällt.“ Marlene lächelte sofort. „Und schon haben Sie das bezauberndste Lächeln der Welt im Gesicht“, fuhr er charmant fort. „Damit bekommen Sie alles, was Sie wollen.“ Er ahnte ja nicht, dass das Allerschönste, an das Marlene denken konnte, er war …

Nils hatte sein Hab und Gut zusammengepackt und übergab die Wohnung jetzt an Tanja. Er und Elena waren ein Stockwerk weiter nach oben gezogen, in Xavers alte Wohnung.

„Nett, dass ihr so schnell raus seid“, meinte Tanja und nahm die Schlüssel von Nils entgegen.

Sein Blick fiel auf einen Karton mit CDs, der noch im Flur stand. „Ich weiß nicht, welche davon dir wichtig sind …“ Die meisten hatten sie gemeinsam gekauft. „Schau sie einfach durch.“

Tanja zog eine CD aus dem Karton. „Weißt du, wann du mir die geschenkt hast?“, fragte sie, und ihre Stimme klang belegt.

„Letztes Weihnachten“, erwiderte er leise.

„Da dachte ich noch, wir wären glücklich.“ Sie begann zu schluchzen.

„Das waren wir auch“, beteuerte er.

Ihr Schmerz verwandelte sich in Wut. „Nimm sie bitte alle mit, ja?!“

„Für mich ist das auch schwer“, flüsterte Nils.

„Du hast es so gewollt“, stellte sie so sachlich wie möglich fest. Er war trotzdem froh, dass sie wenigstens Nachbarn blieben – auch wenn Tanja nicht wusste, ob sie diese Situation auf Dauer würde aushalten können.

„Denkst du denn, ich kann Fabien ab und zu sehen?“, fragte er bittend.

„Nur ohne Elena.“ Das war Tanjas letztes Wort in dieser Angelegenheit. „Und in jedem Fall ist es besser, wenn wir Abstand halten.“

Xaver schlug Moritz einen „Probelauf“ mit seiner Tochter vor. Theresa und er könnten Sternchen doch heute schon mal über Nacht zu sich nehmen.

„Ich habe gerade meiner Mutter zugesagt, heute Abend mit ihr zu essen“, entgegnete Moritz. „Mit Theresa.“ Doris hatte die Familie ins Restaurant gebeten – angeblich gab es etwas zu feiern.

„Aber darauf hast du doch ohnehin keine Lust, oder?“, wandte Xaver ein und traf damit den Nagel natürlich auf den Kopf. „Dann hast du jetzt einen guten Grund, schnell wieder die Düse zu machen.“

Und Theresa hatte einen Grund, der Veranstaltung gleich ganz fernzubleiben. Deswegen setzten sich nur Moritz und Konstantin zu ihren Eltern an den Tisch. Die beiden Brüder hatten keine Ahnung, warum sie überhaupt eingeladen waren.

„Sicher wird es euch nach den Tagen der Streitereien ein wenig wundern“, begann Doris. „Aber wir beide, euer Vater und ich …“ Glücklich sah sie zu Werner.

„Wir haben uns heute verlobt“, ergänzte der knapp.

„Und werden heiraten.“ Sie strahlte, während ihre Söhne erst einmal sprachlos waren. Damit hatten sie nun weiß Gott nicht gerechnet.

Werner holte ein Schmucketui aus seiner Tasche. „Den offiziellen Teil wollten wir mit euch zusammen feiern.“ Er präsentierte Doris den Verlobungsring, den er besorgt hatte. „Meine liebe Doris – nimm diesen Ring bitte als Zeichen meiner Liebe.“ Er steckte ihr den Ring an den Finger. „Ich wünsche mir, dich so bald wir möglich zu heiraten.“

„Das möchte ich auch.“ Sie gab ihm einen innigen Kuss.

Ein Kellner brachte Champagner, und Moritz und Konstantin blickten sich fassungslos an. Diese Überraschung war ihren Eltern gelungen!

Die beiden Brüder verabschiedeten sich schon bald nach dem Essen, sodass Doris und Werner zu zweit einen Absacker in der Pianobar tranken. Dort gab Natascha gerade eines ihrer Konzerte, die von den Gästen sehr geschätzt wurden.

„Der Notar kommt gleich morgen früh wegen des Schenkungsvertrags“, sagte Doris.

Werner nickte nur. Er hatte das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Und trotzdem behielt das Ganze einen schalen Beigeschmack für ihn …

Theresa und Moritz kümmerten sich unterdessen liebevoll um Sternchen, die gerade ein wenig schrie. Theresa nahm das Baby auf den Arm – es fühlte sich so schön an! Sie verstand nicht, wie Sternchens Mutter die Kleine überhaupt hatte weggeben können. Irgendjemand musste sich doch um sie kümmern, wenn der Vater es allein nicht schaffte. Und zwar jemand, dem Sternchen wirklich am Herzen lag …

Werner wunderte sich, als er in seiner Wohnung nachts Babygeschrei hörte. Im Pyjama kam er ins Wohnzimmer und entdeckte Moritz, der aus einer Tasche gerade einen Schnuller holte.

„Sag mir nicht, dass ihr nach drei Tagen Ehe schon Nachwuchs habt“, scherzte der Senior.

„Es ist Xavers Tochter“, erklärte Moritz. „Wir haben sie für eine Nacht bei uns.“ Nach einigem Zögern berichtete er auch, dass Theresa und er überlegten, Sternchen als Pflegekind aufzunehmen.

„Wie bitte?!“ Werner machte große Augen. „Da setzt der Steindl ein Kind in die Welt und will sich dann nicht darum kümmern?“

„Wollen schon, und er bemüht sich auch sehr.“ Moritz seufzte. „Aber er ist komplett überfordert. Und wenn wir sie nicht nehmen, käme sie womöglich in eine wildfremde Familie.“

„Mein größter Respekt, dass ihr euch solche Gedanken macht.“ Werner lächelte seinen Sohn an – er fand, Moritz hätte das alles auch schon beim Essen erzählen können.

„Ich wollte den ‚romantischen‘ Abend nicht stören“, sagte der mit leiser Ironie.

„Kinder sind das Schönste und Wertvollste, was man auf Erden haben kann“, stellte Werner fest. Und es mussten nicht nur die eigenen Kinder sein. „Schade, dass du Alexander noch nicht kennengelernt hast. Ich habe ihn genauso gerne wie euch alle.“ Dabei hatte er ihn gewissermaßen als „Kuckuckskind“ von Charlotte großgezogen. „Es hat mich schon gekränkt, als ich die Wahrheit erfuhr. Aber trotzdem ist Alexander für mich wie mein eigener Sohn.“

„Ich habe mir immer Kinder gewünscht, irgendwann.“ Moritz wirkte plötzlich verunsichert. „Aber dass es plötzlich von heute auf morgen so weit sein könnte …“ Es war eine ziemlich weitreichende Entscheidung, die Theresa und er treffen mussten.

„Mach dir keine Illusionen – die meisten Entscheidungen treffen sowieso die Frauen.“ Sein Vater schmunzelte. „Viel Spaß noch heute Nacht. Die Brüllerei gehört halt dazu …“

Doris war allerdings überhaupt nicht begeistert, als Werner ihr erzählte, worüber Theresa und Moritz nachdachten.

„Du wirst dich an das Geschrei gewöhnen müssen“, neckte er sie. „Großmutter Doris.“

„So nennst du mich nie wieder!“, fauchte sie ihn an und drehte sich verärgert auf die Seite.

„Gefällt dir Oma besser?“ Er grinste, aber sie reagierte nicht mehr.

Elena und Nils hatten sich provisorisch in der neuen Wohnung eingerichtet. Sie genossen ihr Glück – auch wenn es sich seltsam anfühlte, dass Tanja jetzt direkt unter ihnen wohnte.

„Irgendwie wird es schon gehen“, sagte Elena hoffnungsvoll. „Das Wichtigste ist, dass Fabien seine gewohnte Umgebung wiederhat.“

„Du bist unglaublich, weißt du das?“ Gerührt schlang Nils die Arme um sie.

„Ja – unglaublich verliebt.“ Sie strahlte ihn an. Und dann sanken die beiden in inniger Umarmung auf die Luftmatratze, die auf dem Boden lag.

Tanja hingegen machte in dieser Nacht kein Auge zu. Alles in der Wohnung erinnerte sie an Nils und an die glücklichen Zeiten ihrer Ehe. Wie sollte sie es ertragen, hier zu wohnen? Wenn ihr Mann direkt über ihr lebte – mit einer anderen Frau?

Am nächsten Morgen war sie fest entschlossen, sich eine neue Wohnung zu suchen. Es war nur schwierig – sie hatte keinen Job. Und sie hatte auch nicht mehr genug Gespartes, um sich einen Umzug leisten zu können. Kurz entschlossen fragte Tanja Michael, ob er ihr etwas leihen könnte.

„Sag einfach, wie viel du brauchst“, erwiderte er.

Dankbar sah sie ihn an. Wenigstens auf ihn konnte sie sich verlassen.

2. KAPITEL

Im Hotel wurde eine Ankündigung verteilt: Frau van Norden zog sich aus der Leitung des Hotels zurück. Und Charlotte und Werner Saalfeld waren wieder im Amt, genauso wie der Chefportier Alfons Sonnbichler.

„Wie habt ihr das geschafft?“, fragte André Charlotte.

„Werner opfert sich“, antwortete sie trocken.

André verstand. „Bis dass der Tod sie scheidet?“ Charlotte nickte nur. „Hätte er sich etwas früher dazu durchgerungen, wäre uns viel erspart geblieben.“

„Ja, sicher.“ Sie wirkte bedrückt.

„Was stört dich denn daran?“ André musterte sie verwundert. „Wir können doch alle nur froh und glücklich sein!“

„Fragt sich nur, wie es Werner damit geht.“ Sie seufzte, und er wollte wissen, ob sie eifersüchtig sei. „Wir waren ja nun doch einige Jahrzehnte zusammen, und trotz aller Probleme, die wir hatten … Ich fühle mich ihm immer noch verbunden. Er wird den Rest seines Lebens an diese fürchterliche Person gebunden sein.“

„Ich glaube, er sieht das eher pragmatisch“, wandte André ein.

„Ich wünschte, er wäre glücklich“, sagte Charlotte aus vollem Herzen. „Wirklich glücklich.“

Xaver war nervös, als er seine Tochter bei Theresa und Moritz abholte.

„Macht es bitte kurz und schmerzlos, ja?“, bat er.

„Wir haben uns entschieden …“, begann Theresa, der man die Erschöpfung nach der anstrengenden Nacht mit Sternchen durchaus ansah. „Wir können uns vorstellen, uns als Pflegeeltern für Sternchen zu bewerben und für sie zu sorgen, solange sie uns braucht.“ Das hatte sie mit Moritz besprochen. Und Xaver schossen vor Freude nun Tränen in die Augen. „Aber bevor das spruchreif ist und du das Jugendamt informierst – vielleicht könnten wir uns vorher mal eine Woche am Stück um Sternchen kümmern?“

„Nach einer einzigen Nacht wäre es etwas blauäugig, sich gleich zu entscheiden“, ergänzte Moritz. „Schließlich geht es ja um das Wohl der Kleinen.“

„Absolut!“, bestätigte Xaver. „Natürlich, das machen wir so.“ Er schloss die beiden gleichzeitig in die Arme. „Mein Gott – ihr seid das Beste, was uns passieren konnte!“

Hildegard glaubte, dass Theresas und Moritz’ Chancen nicht schlecht stünden, die Pflegschaft für Sternchen zu bekommen. Dennoch würden sich die beiden darauf einstellen müssen, dass sie die Kleine im Zweifelsfall wieder abgeben müssten – wenn zum Beispiel die leibliche Mutter wieder auftauchte und ihr Sorgerecht geltend machte.

„Oder Xaver fühlt sich irgendwann doch in der Lage, selbst für seine Tochter zu sorgen“, fuhr Hildegard fort. „Wenn ihr euch dann an die Kleine gewöhnt habt, wird es schwer …“

Marlene saß mit dem Musikproduzenten Freddy Schmidtke in der Pianobar und fühlte sich unwohl. Denn Schmidtke reagierte alles andere als positiv auf die Forderungen, die Natascha stellte.

„Klar, sie ist die Künstlerin“, sagte er. „Aber wir müssen ein Team bilden. Und mir vorab vorschreiben zu wollen, wie ich zu produzieren habe – das ist ein ganz schlechter Start. Und es ist unprofessionell.“

„Ich rede mit ihr“, versprach Marlene hilflos, und dann verabschiedete Schmidtke sich auch schon.

„Wie ist es gelaufen?“, erkundigte sich Konstantin, der die beiden vom Tresen aus beobachtet hatte.

„Er fühlt sich vor den Kopf gestoßen von Mutters vielen Ansagen.“ Marlene seufzte. „Sie sitzt einfach auf einem viel zu hohen Ross. Dabei sollte sie froh sein, wenn sie überhaupt im Geschäft ist und Freddy Schmidtke mit ihr diese Solo-CD macht.“

Konstantin allerdings war der Meinung, dass Nataschas Ansprüche gerechtfertigt waren – aber sie hatte ihm ja auch gehörig den Kopf verdreht. „Sie hat nun mal Erfahrung, Können und ist ein Star.“

„Mit genau dieser Haltung hat sie sämtliche Agenten vergrault“, wandte Marlene ein. „Und ich hatte eigentlich was anderes vor in meinem Leben.“

„Und zwar?“, hakte er nach.

Sie winkte nur ab. „Das kann ich mir sowieso abschminken.“ Sie wollte nicht weiter darüber reden. „Meine Mutter wartet auf der Terrasse …“

Natürlich reagierte Natascha verstimmt, als sie hörte, dass Schmidtke ihre Idee mit den Coverversionen alter Jazz-Hits nicht gut fand.

„Das ist doch grotesk!“, rief sie. „Aber bitte – dann soll er eben etwas Neues komponieren lassen, speziell für mich.“

„Er hat dein Konzept ja nicht grundsätzlich abgelehnt“, erklärte Marlene hastig. „Er hält dich auch für ein großes Talent …“

„Ich bin kein Talent mehr, ich bin ein international anerkannter Star!“, erwiderte ihre Mutter gereizt.

„In der Musical-Welt, ja …“

Natascha überhörte Marlenes Einwand. „Dir fehlt anscheinend das Talent, das einem Produzenten klarzumachen“, warf sie ihrer Tochter vor. „Du musst härter verhandeln. Diesen Schmidtke darüber aufklären, wer ich bin.“

„Die Musical-Sängerin, die gegenüber Ari Fleischmann in London zu hoch gepokert hat“, konterte Marlene ironisch.

Ihre Mutter schluckte. „Entschuldige. Aber du weißt doch, wie wichtig mir meine Solokarriere ist.“

Marlene nickte nur.

Theresa und Moritz hatten Sternchen bei Xaver abgeholt. Und alles Weitere, was die Kleine brauchen würde, wenn sie eine Woche bei ihnen verbrachte. Jetzt standen sie zu dritt auf dem Hotelvorplatz um den Kinderwagen herum.

„Ich hoffe wirklich sehr, dass ihr die Pflegschaft übernehmt“, sagte Xaver. „Ihr beide seid die geborenen Eltern.“ Doch dann erstarrte er plötzlich: Denn eine junge Frau rannte auf sie zu und beugte sich dann über den Kinderwagen.

„Hallo Sophie!“ Voller Liebe sah die Frau das Baby an. „Mein kleiner Engel!“ Es war Daniela, Sternchens Mutter.

„Hände weg von Sternchen!“, herrschte Xaver sie an.

„Sie heißt Sophie“, entgegnete Daniela. „Und sie ist meine Tochter.“

„Das fällt dir ja früh ein“, knurrte Xaver. Moritz mahnte ihn, sich zu beruhigen. Und Theresa bat ihn, Daniela erst einmal zuzuhören. „Ich bin gespannt“, schnaubte Xaver. „Warum legt man sein Kind dem Vater vor die Tür und haut einfach ab? Warum?“ Mal ganz davon abgesehen, dass Daniela ihm sogar ihre Schwangerschaft verschwiegen hatte.

„Ich verstehe ja, dass du sauer bist …“ Daniela versprach, ihm alles zu erklären – unter vier Augen.

Aber Xaver bestand darauf, dass Theresa und Moritz blieben. „Sie soll nicht denken, dass sie hier einfach aufkreuzen und Bedingungen stellen kann.“

Trotzdem stellten sich Theresa und Moritz mit dem Kinderwagen etwas abseits, damit Sternchens Eltern sich in Ruhe miteinander unterhalten konnten. Sie hofften nur, dass bei Xaver nicht alle Sicherungen durchbrannten.

„Es tut mir alles schrecklich leid“, sagte Daniela gerade. „Aber ich habe mich wieder im Griff. Das musst du mir glauben.“

„Ich muss gar nichts!“, protestierte Xaver aufgebracht. „Du tauchst hier genauso plötzlich auf, wie du verschwunden bist. Kein Anruf, keine SMS, nichts!“

„Es stand doch alles in dem Brief, den ich in die Tragetasche gelegt hatte“, verteidigte sie sich. Aber der Brief war vollkommen durchnässt und deshalb unleserlich gewesen.

„Du hättest da sein müssen und warst es nicht“, stellte Xaver fest.

„Aber jetzt bin ich da!“ Sie wollte zum Kinderwagen gehen, doch Xaver hielt sie fest. „Spinnst du?“

„Beruhig dich“, schaltete sich Theresa ein.

Aber Xaver dachte nicht daran. Stattdessen schnappte er sich den Kinderwagen und schob damit eilig davon.

„Sophie!“, rief Daniela panisch. Theresa bat Moritz, Xaver zu folgen – vielleicht hörte der ja auf seinen Freund. „Ich lasse nicht zu, dass man mir mein Kind wegnimmt!“

„Hier geht es nicht um Sie oder Xaver, sondern um die Kleine“, sagte Theresa ernst. „Wir müssen überlegen, was für sie das Beste ist. Wollen Sie das nicht auch?“

Tränen schossen Daniela in die Augen. „Ich möchte mein Baby doch nur in den Arm nehmen …“, flüsterte sie.

Theresa überredete sie zu einem Spaziergang, damit Daniela die ganze Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen konnte.

„Wenn Sie Ihre Tochter lieben, wie konnten Sie sie dann einfach so weggeben?“, fragte sie vorsichtig.

„Wenn ich das wüsste …“ Daniela seufzte unglücklich. „Ich war wohl einfach zu verliebt.“ Kurz nach ihrem One-Night-Stand mit Xaver hatte sie eine Affäre mit Kilian begonnen – dem Freund ihrer besten Freundin Mandy, die als Zimmermädchen im Fürstenhof gearbeitet hatte. „Und als Kilian hörte, dass ich schwanger bin, hat er Mandy verlassen.“ Daniela hatte ihn erst in dem Glauben gelassen, dass er der Vater des Babys sei. „Ich weiß, das war mies. Aber Kilian war meine große Liebe, und ich hatte Angst, ihn wieder zu verlieren. Außerdem war er der Einzige, der zu mir gehalten hat.“ Ihre Eltern hatten sie zu Hause rausgeworfen. „Gleich nach der Geburt habe ich ihm dann die Wahrheit gesagt. Erst ist er total ausgeflippt, dann hat er mir doch verziehen – unter einer Bedingung: Wir beide wandern nach Thailand aus und eröffnen dort eine Strandbar. Ohne Sophie.“ Und dazu hatte Daniela Ja gesagt. „Ich war völlig überfordert und stand ganz allein da. Es schien mir der einzige Ausweg zu sein.“ Darum hatte sie Xaver ihre Tochter vor die Tür gelegt. „Das war eine totale Schwachsinnsidee. Das mit Kilian und mir, die Bar …“ Jeden Tag hatte sie an Sophie gedacht und gehofft, dass es ihr gut ging. „Und als ich Kilian gesagt habe, dass ich meine Tochter zu mir holen will, hat er mich vor die Wahl gestellt: sie oder er.“ Daraufhin hatte Daniela mit ihm Schluss gemacht und ihre Sachen gepackt. „Ich wollte nur noch zu meinem Baby und dachte, Xaver macht drei Kreuze, wenn er sie wieder los ist.“

„Sie hätten sich doch denken können, dass er seine Tochter längst ins Herz geschlossen hat“, meinte Theresa. In ihren Ohren klang die ganze Geschichte reichlich abwegig.

„Aber sie ist wahr!“, beteuerte Daniela unter Tränen. „Ich möchte mit meiner Tochter ein neues Leben beginnen. Wenn Xaver mir nur glauben würde, wie sehr ich das alles bereue.“

Theresa zögerte kurz. „Ich glaube Ihnen“, sagte sie dann voller Mitgefühl. Und Xaver werden wir auch schon noch überzeugen.“

Hildegard und Alfons erhielten eine Hiobsbotschaft aus London: Hendrik hatte die erste Kreditrate nicht zahlen können, weil ein korrigierter Steuerbescheid gekommen war. Er hatte alles Geld ans Finanzamt überweisen müssen. Und nun machte die Bank Druck wegen der Hypothek, die die Sonnbichlers auf ihr Haus aufgenommen hatten.

„Hätte ich mich doch nie darauf eingelassen!“, klagte Alfons.

„Du lieber Gott!“ Auch seine Frau war ehrlich entsetzt. „Wenn die nächste Rate auch noch platzt …“ Dann würden sie ihr Haus verlieren.

„Warum musstest du mich damals auch so drängen?“, warf er ihr nun vor, ruderte jedoch sofort wieder zurück. „Es tut mir leid. Du kannst nichts dafür.“

„Wir müssen eine Lösung finden. Und zwar schnell.“

Werner und Doris hatten gerade den Vertrag unterschrieben, der besagte, dass Werner die neunzig Prozent der Fürstenhof – Anteile geschenkt bekäme, wenn er Doris innerhalb der nächsten drei Monate heiratete.

Doch zu Doris’ Enttäuschung war der Senior danach keineswegs froh.

„Dafür, dass ich dir gerade Hotelanteile im Wert von fünf Millionen Euro geschenkt habe, hätte ich ein bisschen mehr Begeisterung erwartet“, bemerkte sie säuerlich.

„Was denn?“, entgegnete er ungehalten. „Einen Himmel voller Geigen? Diese Verlobung ist doch nur ein Geschäft. Und ich habe meinen Teil erfüllt.“

„So nicht, mein Lieber“, gab sie kalt zurück. „Zu einer Ehe gehören zwei, und du wirst dich gefälligst mehr um mich bemühen.“

„Ich bin kein Zug, der nach Fahrplan verkehrt“, erklärte er energisch. „Auch nicht für fünf Millionen.“ Damit ließ er sie allein.

Nils war gerade dabei, in der neuen Wohnung ein Regal aufzubauen, als Tanja an die Tür klopfte.

„Ich habe es mir anders überlegt“, sagte sie sofort. „Mit der Wohnung. Ich wohne erst einmal wieder bei Michael, bis ich was Eigenes für mich und Fabien …“

„Du ziehst wieder aus?“, fiel Nils ihr verwundert ins Wort. „Nach einer einzigen Nacht?“

„Dann kannst du unten wieder einziehen.“ Sie räusperte sich. „Mit Elena.“ Ratlos sah er sie an. „Tut mir leid, wenn ich so viele Umstände mache.“

„Wenn ich dir irgendwie helfen kann …“

Sie schüttelte den Kopf und bemühte sich um Fassung. „Danke. Ich komme zurecht.“

„Das klingt alles reichlich abstrus“, fand Moritz, nachdem Theresa ihm Danielas Fassung der Geschichte erzählt hatte.

„Sie ist total jung Mutter geworden und hat einen Fehler gemacht“, sagte Theresa, die noch immer voller Mitgefühl für Sternchens Mutter war.

„Mag ja sein, aber so unreif, wie sich diese Daniela verhalten hat …“ Moritz zweifelte stark daran, dass man einem solchen Menschen ruhigen Gewissens ein Baby anvertrauen konnte. „Wir wissen nichts über diese Frau.“

Theresa bestand jedoch darauf, dass Daniela eine zweite Chance verdient hatte. „Immerhin hat sie ihren Fehler eingesehen und ist zurückgekommen.“

„Eine Mutter, die ihr Kind aussetzt …“ Etwas Schlimmeres gab es in Moritz’ Augen nicht. Da musste er Xaver einfach recht geben.

„Außer vielleicht eine Frau, die den Zwillingsbruder ihres Geliebten heiratet“, meinte Theresa leise und lächelte vorsichtig. „Und selbst die hat eine zweite Chance bekommen.“

Er verstand, was sie damit sagen wollte. Aber es fiel ihm schwer, sich von der Idee, die Pflegschaft für Sternchen zu übernehmen, zu verabschieden. Die Kleine war ihm in der kurzen Zeit bereits ans Herz gewachsen. Aber natürlich ging es jetzt nur um Sternchens Wohl. „Angenommen, ihre Mutter bereut ihren Fehler wirklich. Dann wäre es für die Kleine das Beste, wenn Xaver Daniela verzeiht.“

Theresa nickte. „Wir müssen noch mal mit ihm reden.“ Sie glaubte Daniela. Und wenn sie an sich und Nicola dachte, dann wusste sie ganz sicher: Ein Kind gehörte zu seiner Mutter.

Bevor Moritz jedoch mit Xaver sprechen konnte, hatte er noch einen Termin mit seinem Vater. Werner setzte ihn darüber in Kenntnis, dass er nun wieder Haupteigentümer und Direktor des Fürstenhofs sein würde. Moritz gratulierte ihm freundlich und verhalten. Er hatte nach der Verlobung seiner Eltern nichts anderes erwartet.

„Meinst du denn, ich würde deine Mutter nur wegen der Hotelanteile heiraten?“, fragte Werner.

„Das hast du jetzt gesagt“, erwiderte Moritz.

„Weil das sowieso alle denken.“ Der Senior verzog verlegen das Gesicht.

„Nachdem du überall rumposaunt hast, dass du nie wieder heiraten würdest …“

Werner winkte ab. „Prinzipien sind da, um von ihnen abzuweichen.“

„Und Stolz, um gebrochen zu werden?“, konterte sein Sohn.

„Herrgott noch mal!“, polterte Werner los. „Ich musste nachgeben. Sonst hätte ich das Hotel und deine Mutter verloren.“

„Dann ist zwischen euch also wieder alles beim Alten?“ Moritz blickte ihn forschend an.

„Na ja – ein bisschen knirscht es schon noch“, gab sein Vater zu.

„Ich freue mich jedenfalls für euch.“ Aufmunternd lächelte Moritz Werner an. „Mutter liebt dich mehr als alles andere.“

„Wenn ich das über sie doch auch sagen könnte …“, brummte Werner und starrte missmutig vor sich hin.

Doch dann überraschte Doris ihn am Abend mit einer kleinen argentinischen Inszenierung: Tango und feuriger Wein ließen Werner an damals denken, als er Doris in Buenos Aires kennengelernt und sich sofort in sie verliebt hatte. Und sein Widerstand schmolz dahin.

„Ich hatte beinahe vergessen, wie wundervoll du bist“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Ich war damals nur deine Geliebte, ein Abenteuer“, entgegnete sie. „Jetzt werde ich deine Frau.“

„Was gibt es Schöneres, als seine Geliebte zu heiraten?“ Leidenschaftlich zog er sie an seine Brust.

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