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Nur ein Liebestraum am Mittelmeer?

1. KAPITEL

Was für ein herrliches Anwesen, dachte Laura Aldridge, als sie am frühen Abend auf den Balkon der Gästesuite hinaustrat. Die Villa der Familie Laroche lag traumhaft schön auf einem weitläufigen Grundstück an der französischen Riviera, genauer gesagt auf der Halbinsel Cap Ferrat.

Laura sah zu dem halbmondförmig angelegten Swimmingpool hinunter, dann ließ sie den Blick über den gepflegten, riesigen Garten schweifen bis hin zum blau glitzernden Mittelmeer.

Es war ein warmer Sommertag Anfang Juli. In der Luft lag der Duft von Rosen. Laura genoss die sanfte, kühlende Brise, die ihr über das Gesicht strich und sachte mit ihrem Haar spielte.

Zum ersten Mal seit sechs Monaten konnte sie wieder frei atmen. Ihr Noch-Ehemann Theodore Stillman hatte keine Ahnung, wo sie sich gerade aufhielt. Keiner seiner zahlreichen Vertrauten und Freunde würde es ihm erzählen können. Selbst die Leute, die er angeheuert hatte, um sie zu überwachen, hatten ihre Spur verloren. Mit der Überwachung wollte er ihr zeigen, dass sie ihm gehörte und er sie zurückbekommen würde. Doch selbst die Detektive dürften unmöglich herausfinden, wohin der Helikopter sie am Vormittag gebracht hatte.

Seit sie von Ted getrennt lebte, benutzte sie wieder ihren Mädchennamen. Und seit einiger Zeit schon kämpfte sie um die Scheidung, gegen die er sich mit allen Mitteln wehrte. Schließlich wollte er im nächsten Jahr für den amerikanischen Kongress kandidieren. Er hatte ihr gedroht, mithilfe des Millionenvermögens seiner angesehenen, politisch stark ambitionierten Familie das Verfahren endlos zu verschleppen. Zweifellos hoffte er, dass sie einlenken und einen Rückzieher machen würde.

Doch da irrte er sich gewaltig. Sie würde nicht mehr zu ihm zurückkehren und beabsichtigte genauso wenig, je wieder zu heiraten. Den Ehering hatte sie bereits abgelegt, und ihr sehnlichster Wunsch war es, Ted nie mehr begegnen zu müssen. Hier in Saint-Jean-Cap-Ferrat, dem Tummelplatz der Prinzen und Fürsten, war sie vor ihm und seinen Leuten sicher. Selbst die einflussreiche Familie Stillman hatte keinen Zutritt zu dem französischen Adelsparadies.

Es war einem Zufall zu verdanken, dass sie heute zu Gast im Haus von Guy und Chantelle Laroche war. Sie hatte das Ehepaar schon vor elf Jahren in Manhattan Beach in Kalifornien kennengelernt. Damals war sie gerade mit der Highschool fertig gewesen und hatte sich bis zum Studienbeginn im Herbst etwas Geld verdienen wollen. So war sie als Rettungsschwimmerin und Babysitterin in einem Strandhotel der Extraklasse gelandet.

Eines Tages hatte ihr Boss sie gebeten, ihm einen Gefallen zu tun und einige Tage lang als Kindermädchen für den kleinen Sohn der Laroches zu arbeiten. Es war ihm sehr wichtig gewesen, denn wie er ihr erklärte, versetzte der Name Laroche in Finanzkreisen an der Côte d’Azur Berge.

Als die Laroches dann mit dem kleinen Paul nach zehntägigem Aufenthalt nach Hawaii weitergeflogen waren, hatte Laura echten Abschiedsschmerz empfunden. Chantelle und Guy waren für sie in der kurzen Zeit fast zu Freunden geworden.

Überhaupt hatte es ihr große Freude bereitet, das Ehepaar zu erleben. Die zwei waren so verliebt ineinander gewesen und verrückt nach ihrem süßen Söhnchen. Laura hatte ihnen versprechen müssen, dass sie sie besuchen würde, sollte sie je in Frankreich sein.

Anfangs hatten die beiden ihr immer wieder Karten von ihren Reisen geschrieben und ihr auch Fotos von Paul geschickt. Aber irgendwann war der Kontakt dann eingeschlafen – bis sie ihn vorgestern wieder aufgenommen hatte.

Sie war aus beruflichen Gründen in Siena gewesen, wo zweimal im Jahr der Palio, ein historisches Pferderennen, stattfand. Auf der Piazza del Campo hatte sie Touristen französisch reden hören, sodass sie sich an Chantelle und Guy erinnert und spontan versucht hatte, sie über das Laroche-Unternehmen zu erreichen, um wenigstens einmal kurz Hallo zu sagen. Zu mehr würde ihre Zeit nicht reichen, da sie in Kürze von Rom nach Amerika zurückfliegen musste.

Guy hatte natürlich erst einen Augenblick gebraucht, um zu begreifen, wer ihn anrief, dann allerdings hocherfreut geklungen. Und wie der Zufall es wollte, hielt er sich gerade mit seinem Sohn Paul bei Freunden in Siena auf, um den Palio zu besuchen. Er hatte darauf bestanden, dass sie sich trafen und sie sein Gast wäre. Dankend hatte Laura die Einladung angenommen und sich zwar gewundert, dass Chantelle offenbar nicht mit in Italien war, aber keine Fragen gestellt.

Gestern am frühen Abend hatten sie sich schließlich wiedergesehen. Es war ein bewegender Moment gewesen. Trotzdem hatte sie gespürt, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Guy hatte sich stark verändert. Er war nicht mehr der lebenslustige Mann von einst, sondern wirkte sehr ernst und älter als vierundvierzig. Die dunkelbraunen Haare zeigten bereits das erste Silbergrau, und die aristokratischen Gesichtszüge spiegelten eine gewisse Anspannung. Auch Paul, ein ausgesprochen hübscher Junge, schien nicht so unbekümmert, wie es ein Zwölfjähriger eigentlich sein sollte.

Nachdem Guy ihr den Stuhl an seiner Seite zurechtgerückt hatte, machte er sie mit den Leuten am Tisch bekannt. Er stellte ihr zunächst seinen guten Freund Maurice Charrière vor, dessen Frau Yvette und den Sohn Remy, der in Pauls Alter war.

Während des Abendessens verschluckte sich Guy an einem Bissen und geriet in akute Atemnot, ohne dass es jemand in der Runde anfangs mitbekam. Erst als er aufzustehen versuchte, bemerkten seine Freunde, was mit ihm los war. Sie sprangen auf und blickten ihn entsetzt an, doch keiner kannte sich mit Erste-Hilfe-Maßnahmen aus – bis auf Laura.

Seit über zehn Jahren arbeitete sie in ihrer Freizeit als Rettungsschwimmerin und bildete auch den Nachwuchs aus. Sie hatte schon viele Menschen vor dem Ertrinken bewahrt – unter anderem ihren Ehemann Ted. Ohne zu zögern eilte sie Guy zu Hilfe, indem sie die sogenannte Heimlich-Methode anwandte. Sobald Guy sich wieder halbwegs erholt hatte, bedankte er sich überschwänglich in seinem charmanten Englisch für die Lebensrettung.

„Jeder, der diese Methode kennt, hätte es machen können. Ich bin zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen“, erwiderte Laura und erntete allseits stürmischen Protest ob ihrer Bescheidenheit. Maurice erklärte sie sogar zur Heldin.

Später am Abend begleitete Guy sie zurück ins Hotel, während Paul bei Remy und dessen Eltern blieb. Als sie sich im Foyer von ihm verabschieden wollte, bat er sie, ihren Flug um einen Tag zu verschieben und morgen mit ihm nach Cap Ferrat zu kommen. Chantelle würde sie gern wiedersehen.

Beim Essen hatte er ihr erzählt, dass seine Frau vor drei Monaten mit dem Auto verunglückt war. Dabei hatte sie sich Verletzungen an den Beinen zugezogen, die inzwischen aber völlig abgeheilt waren. Eigentlich sollte sie problemlos laufen können, aber sie weigerte sich, aus dem Rollstuhl aufzustehen und ihr Leben wieder aufzunehmen. Auch wollte sie nicht mehr unter Leuten sein.

„Sie hat mir gegenüber allerdings den dringenden Wunsch geäußert, dich nach Cap Ferrat mitzubringen.“

Laura hatte ihre Arbeit in Siena erledigt. Warum sollte sie Guys Einladung ablehnen? Sie konnte ihre Heimkehr in die Staaten gut um einen Tag verschieben und von Nizza aus nach Los Angeles zurückfliegen. Und so hatte sie zugesagt.

In Guys Hubschrauber war sie heute auf dem Anwesen eingetroffen und anschließend mit einer Limousine zur Villa gefahren worden. Einem Traum von einem Haus, das geschmackvoll und edel mit Antiquitäten und äußerst reizvollem Kontrast dazu auch mit modernen Möbelstücken eingerichtet war.

Kurz nachdem eine Angestellte sie zu der Gästesuite geführt hatte, holte Guy sie ab, um sie zu Chantelle zu geleiten. Die grazile Dreiundvierzigjährige sah in ihrem Designerkleid noch immer aus, als könnte sie das Cover einer Modezeitschrift zieren. Doch schien sie ihr einst sprühendes Temperament verloren zu haben. In den braunen Augen spiegelten sich Traurigkeit, Kummer und Schmerz.

Ganz offensichtlich freute sie sich über Lauras Besuch. Und nachdem ihr Mann ihr von dem gestrigen Zwischenfall erzählt hatte, dankte sie ihr herzlich für Guys Lebensrettung. Außerdem lud sie sie ein, so lange wie möglich zu bleiben. Aber ihren Worten folgten keinerlei freundschaftliche Gesten.

Wie anders ist Chantelle früher gewesen, dachte Laura, während sie sich jetzt auf das Geländer des Balkons stützte. Es musste hart für Guy sein, mit dem veränderten Verhalten seiner Frau zurechtzukommen. Kein Wunder, dass er so ernst geworden war. Seit dem Unfall, hatte er ihr erklärt, sei Chantelle vor Angst wie gelähmt.

Laura wusste, was es hieß, Angst zu haben, und in wie vielen verschiedenen Formen diese auftreten konnte. Gleich am Anfang ihrer Ehe hatte sie Dinge über Ted erfahren, die ihre Liebe zu ihm hatten erkalten lassen. Aus Furcht vor Repressalien und vor der einflussreichen Familie Stillman hatte sie geschwiegen. Wäre sie mutiger gewesen, hätte sie sich nur wenige Monate nach der Hochzeit von Ted getrennt.

Chantelle litt offenkundig unter einer anders gelagerten Angst. Sie war nach dem Unfall vier Stunden lang in ihrem Wagen eingeschlossen gewesen, bevor man sie entdeckt und befreit hatte. Ein traumatisches Erlebnis, das die Psyche beeinträchtigte und erst einmal verarbeitet werden musste. Was alles andere als leicht war und eine Weile dauern konnte. Solche Verletzungen brauchen einfach Zeit, um zu heilen, wusste Laura aus eigener Erfahrung.

Die Situation war für Guy und seine Frau äußerst schwierig.

Vermutlich weigerte sich Chantelle, aus dem Rollstuhl aufzustehen, weil sie fürchtete, die Leute könnten glauben, sie wäre bereit, ihr Leben wieder aufzunehmen. Aber das war unmöglich, solange man psychisch noch nicht bereit dazu war.

Nachdenklich kehrte Laura ins Zimmer zurück, um kurz ihr Make-up für die Party aufzufrischen, die Guy ihr zu Ehren heute gab. Als sie gerade fertig war, klopfte jemand an die Tür der Gästesuite. Wahrscheinlich wollte sich eines der Hausmädchen erkundigen, ob sie etwas benötigte. Sie öffnete und war überrascht, als Guy in cremefarbener Leinenhose und dazu passendem seidig schimmernden Hemd vor ihr stand.

„Können wir kurz miteinander sprechen?“

„Du meinst hier?“

„Ja. Mir wäre es lieber, wenn wir ungestört sind.“

„Natürlich. Komm rein.“

Sie gingen ins Wohnzimmer der Suite, wo er sich auf einen der gepolsterten Louis-XVI-Stühle setzte. Laura nahm ihm gegenüber auf dem kleinen Sofa Platz, das mit einem edlen Jacquardstoff bezogen war.

„Ich habe gehofft, dass ich vor der Party einen Moment in Ruhe mit dir reden kann.“ Guy beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Sag, wäre dein Mann sehr enttäuscht, wenn du nicht gleich zu ihm nach Kalifornien zurückfliegen würdest? Ich frage aus einem bestimmten Grund.“

Laura hatte ihm bisher nichts von ihrer unglücklichen Ehe erzählt. Aber er sah sie jetzt so forschend und aufmerksam an, dass sie nicht länger damit hinterm Berg hielt. „Ich habe vor sechs Monaten die Scheidung eingereicht. Je schneller sie durch ist, umso besser.“

„Es tut mir leid, dass du solchen Kummer hast. Ich hatte keine Ahnung.“

Sein Mitgefühl bewog sie, ihm die Wahrheit zu offenbaren. „Kummer hatte ich während der zweijährigen Ehe, die sich schnell als großer Fehler herausstellte. Die Trennung war das beste Heilmittel. Mein Mann wehrt sich gegen die Scheidung und lässt mich überwachen. Er möchte mich so dazu bringen, zu ihm zurückzukehren. Doch das wird nie geschehen. Ich hoffe, beim nächsten Gerichtstermin den Saal als freie Frau zu verlassen.“

„Bitte entschuldige, dass ich offen spreche … Gibt es jemand anderen, der in den Staaten auf dich wartet?“

„Nein.“ Wenngleich es unnötig gewesen war, hatte ihr Anwalt ihr geraten, sich von jedem Mann fernzuhalten, um Ted keine Angriffsfläche zu bieten.

„Was ist nur mit den Männern in deinem Land los?“

„Es liegt nicht an ihnen, sondern an mir. Seit der Trennung von Ted bin ich ständig beruflich unterwegs gewesen und zu beschäftigt, um an jemand anderen zu denken. Aber was ist der Hintergrund deiner Frage?“

Guy seufzte. „Du hast sicher Françoise kennengelernt, oder?“

Laura nickte. Françoise war eine Frau mittleren Alters, die Chantelle tagsüber oft Gesellschaft leistete, während Guy arbeitete.

„Sie hat ab morgen für zwei Wochen Urlaub. Ich habe selbstverständlich eine Ersatzkraft engagiert. Doch hoffe ich eigentlich, dass ich dich überreden kann, deinen Besuch auszudehnen, bis Françoise wieder da ist. Immer vorausgesetzt, es ist mit deinem Job vereinbar.“

„Guy …“

„Bitte lass mich aussprechen. Als Chantelle sagte, du mögest so lange wie möglich hierbleiben, war ich überglücklich. Seit dem Autounfall hat sie sich für niemanden mehr interessiert. Dir vertraut sie. Sie ist begeistert davon gewesen, wie du dich damals in Kalifornien um Paul gekümmert hast, und dir sehr zugetan. Ihr beide habt eine gemeinsame Vorgeschichte. Sie hat zweifellos bei dir nicht das Gefühl, dass du mehr von ihr verlangst, als sie geben kann.“

Große Güte, wie verzweifelt musste Guy sein. „So gern ich auch helfen möchte … Ich bin kein Arzt.“

Er schüttelte den Kopf. „Sie hat schon den allerbesten. Mir geht es um etwas anderes. Um die Art und Weise, wie sie auf dich reagiert. Wenn du tagsüber bei ihr wärst, natürlich nicht jede Minute, könnte es gut sein, dass sie dir so vertraut wie damals in Kalifornien. Ich glaube, dass du einen Weg zu ihr finden kannst und sie es mit deiner Unterstützung vielleicht schafft, sich wieder zu öffnen. Für dieses Wunder ist mir kein Preis zu hoch.“

„Sicher, sie hat sich mir vorhin zugewandt. Doch du weißt ebenfalls, dass ein kurzer Besuch immer ein willkommener ist. Ich habe Angst, sollte ich länger bleiben, dass meine Anwesenheit sie allmählich nerven wird und sie sich völlig verschließt. Es könnte passieren, und ich möchte nicht, dass du dieses Risiko eingehst.“

„Diese Gefahr besteht nicht. Du bist ein sehr friedlicher, ruhiger Mensch, und genau den braucht sie jetzt. Damals bist du so wunderbar mit Paul umgegangen, dass sie dich sofort akzeptiert hat. Daran hat sich nichts geändert. Deshalb meine ich auch, dass du eventuell hilfreich wärst. Wenn du deinen Aufenthalt etwas ausdehnen könntest … Lass uns sehen, was geschieht.“

„Ich weiß nicht, Guy.“

„Versprich mir nur, dass du darüber nachdenkst“, bat er sie inständig. „Und natürlich würde ich dich großzügig entschädigen.“

Laura atmete scharf ein. „Ich fühle mich geschmeichelt, dass du glaubst, meine Gegenwart könnte Chantelle guttun. Aber ich würde nie einen Cent dafür nehmen.“

Sie verdiente genug, um davon zu leben. Außerdem war ihr der Gedanke unerträglich, Geld anzunehmen, das sie sich nicht wirklich erarbeitet hatte. Selbst wenn sie ein gesetzliches Anrecht darauf hatte. Ihr Noch-Ehemann war vom Gericht verpflichtet worden, ihr Unterhalt zu zahlen. Doch sie hatte bisher keinen Dollar von dem Konto abgehoben und überlegte, die aufgelaufene Summe zu spenden.

Nach ihren Erfahrungen mit Ted misstraute sie allen vermögenden, einflussreichen Männern. Sie hatte zu spät erkannt, dass er sie nicht wirklich liebte, sondern sich mit ihr schmücken wollte. Und wie sein Vater und seine Brüder hatte er nichts dabei gefunden, die Ehe zu brechen und sie zu betrügen. Allerdings schien Guy, dessen Vermögen weit größer war als das der Stillmans, aus einem anderen Holz geschnitzt.

„Soll das heißen, dass du aus Freundschaft bleiben würdest?“ Seine Augen begannen, verdächtig zu glitzern. „Gestern Abend wäre ich vermutlich erstickt, hättest du nicht so schnell gehandelt. Ich fühle mich dir jetzt näher denn je. Deshalb möchte ich dir etwas sehr Persönliches erzählen.

Chantelle und mir ist quasi ein zweites gemeinsames Leben geschenkt worden. Bis vor drei Monaten war hier in der Villa das Glück zu Hause. Aber seither hat sich vieles verändert. Wir haben uns voneinander entfernt. Sie schottet sich praktisch von mir und der Welt ab. Früher sind wir immer zusammen mit den Charrières zum Palio gefahren. Doch dieses Mal wollte sie nicht mit. Ich bin mit Paul nur dort gewesen, weil sie sich so aufregte, als ich ihr sagte, ich würde sie nicht allein lassen.“ Er seufzte tief.

„Irgendetwas stimmt mit ihr nicht und hält sie gefangen. Ihr Psychiater ist frustriert, weil er ihr bislang nicht hat helfen können. Seit dem Unfall habe ich noch kein einziges Mal mit ihr schlafen dürfen. Laura, ich liebe meine Frau. Ich würde alles tun, um sie hinter der von ihr selbst errichteten Mauer hervorzuholen. Ich befürchte, dass sie etwas Schreckliches erlebt hat, während sie auf ihre Rettung wartete. Etwas, das ihr entsetzliche Angst eingejagt hat.“

„Zum Beispiel?“

„Vielleicht hat irgendein Mistkerl sie belästigt, als sie im Auto festsaß, und sie kann sich nicht dazu bringen, es mir zu erzählen.“

Laura graute bei der Vorstellung. Das Szenario war zwar höchst unwahrscheinlich, allerdings nicht ganz ausgeschlossen. „Meinst du nicht, sie hätte es dir gesagt?“

Guy sprang auf. „Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr“, stieß er verzweifelt hervor.

Wie sehr muss er Chantelle lieben, dachte Laura und überlegte ernsthaft, wie sie helfen konnte. Carl, ihr Boss in Los Angeles, würde ihr vermutlich noch zwei Wochen in Europa zubilligen. Sie könnte sogar einen Arbeitsurlaub daraus machen, was ihn bestimmt freuen würde.

Sie bezweifelte, dass sie bei Chantelle wirklich etwas ausrichten könnte. Wenn Guy es aber für möglich hielt, würde sie zumindest ihr Bestes versuchen, die gute Beziehung von einst wieder aufzubauen.

„Mein Chef dürfte momentan in seinem Büro sein. Ich werde ihn anrufen, und wenn er einverstanden ist, fliege ich noch nicht zurück und sehe, was ich hier bewirken kann. Chantelle war damals so nett zu mir, und wer würde sich in dieser herrlichen Umgebung nicht wohlfühlen? Ihr wohnt in einem Paradies, das nur wenige Leute auf der Welt genießen dürfen.“

Und Teds „Wachhunde“ werden mich hier nicht aufspüren, schoss es ihr durch den Kopf. Zwei Wochen lang würde sie frei atmen können, denn keiner aus der Familie Stillman hatte eine Ahnung, wo sie sich aufhielt. Welch ein Geschenk des Himmels.

Guy ging zu ihr und umfasste ihre Hände. „Du bist ein Engel, Laura. Ich weiß nicht, womit ich es verdient habe, dass sich unsere Wege ausgerechnet jetzt wieder kreuzen. Ich werde immer in deiner Schuld stehen. Egal, was du möchtest oder brauchst, es ist dein.“

„Vielen Dank.“ Sie erhob sich und begleitete ihn zur Tür. „Ich komme nach, sobald ich telefoniert habe.“

Raoul betrat das Haus seines Bruders durch den Seiteneingang, der seiner eigenen Villa auf dem weitläufigen Familienanwesen am nächsten lag. Gemächlich schlenderte er dann zu Guys bestem Freund Maurice, der im Wohnzimmer an der geöffneten Terrassentür stand.

„Hallo, Maurice. Comment ça va?“ Maurice wandte den Kopf. „Bonsoir, Raoul. Du bist schon aus der Schweiz zurück?“

„Ja, seit heute Nachmittag. Ich konnte die Angelegenheit erfreulich schnell erledigen. Als Guy vorhin das Büro verließ, sagte er, er würde eine Party geben, nannte aber keinen Grund. Kennst du den Anlass? Seit dem Unfall meidet Chantelle doch jedes gesellige Beisammensein wie die Pest.“

„Er möchte Mrs. Aldridge allen Freunden und der Familie vorstellen, weißt du, das ist die Amerikanerin, die du momentan anstarrst.“

Ja, er starrte tatsächlich eine Frau mit langen blonden Haaren an, und es ärgerte ihn, dass Maurice es bemerkt hatte. „Wer ist sie?“

„Die Frau, die ihn vorm Ersticken bewahrt hat.“

Raoul hob die schwarzen Brauen. „Wirklich?“

Die Nachricht vom Beinahetod seines Bruders passte zum heutigen Abend. Er hatte schon unerfreulich genug mit einem Anruf seiner Exfrau begonnen. Danielle war ziemlich beleidigend geworden und hatte ihm mit Selbstmord gedroht, sollte er ihrer Beziehung keine zweite Chance geben. Wie üblich hatte sie versucht, seine Aufmerksamkeit zu erheischen. Er war ihr Verhalten inzwischen leid und hatte das Telefonat abrupt beendet. Doch spürte er noch immer den Widerwillen, den sie bei ihm ausgelöst hatte.

„Ja, das hat sie.“

„Wann ist es passiert?“

„Gestern Abend beim Dinner in Siena. Guy hat sich verschluckt. Uns ist erst überhaupt nicht aufgefallen, in welchen Schwierigkeiten er steckte, und dann haben wir nicht gewusst, was wir tun sollten. Bis auf Mrs. Aldridge, die ihm das Leben gerettet hat.“

„Dem Himmel sei Dank.“ Raoul war erleichtert und zugleich etwas verwirrt. Warum hatte sein Bruder ihm vorhin im Büro nichts davon erzählt? Es war völlig untypisch für ihn. „Was macht sie hier in Cap Ferrat?“

„Guy wollte sich bei ihr bedanken und beschloss, ihr zu Ehren eine Party zu geben.“

„Und Chantelle ist damit einverstanden?“

Raoul fand das Ganze ziemlich seltsam. Sein Bruder fühlte sich für Chantelles aktuellen Zustand verantwortlich und litt unter Schuldgefühlen. Außerdem konnte man die Ehe der beiden momentan nicht gerade als stabil bezeichnen. Die Amerikanerin war eine Fremde, auch wenn sie ihn vorm Ersticken bewahrt hatte.

„Es scheint so. Und Mrs. Aldridge ist eine außergewöhnliche Frau“, fügte Maurice mit ehrfürchtig klingender Stimme hinzu, während er den Blick über Laura schweifen ließ.

Sie dürfte mindestens fünfzehn Jahre jünger sein als ich, dachte Raoul. Aber das Alter war letztlich unbedeutend, wenn eine Frau eine so wohlproportionierte feminine Figur besaß und mehr Sinnlichkeit ausstrahlte, als erlaubt sein sollte.

Man konnte es den männlichen Gästen sicher verzeihen, dass sie ihre Gespräche unterbrachen, um diese Schönheit zu betrachten. Die anwesenden Frauen hingegen gaben – wenngleich erfolglos – vor, dass sie das hinreißende Wesen in dem eleganten apricotfarbenen Seidenkleid nicht bemerkten.

Das Geschehen hätte Raoul amüsiert, wäre er von ihrer Weiblichkeit nicht selbst in den Bann gezogen worden. Die Amerikanerin schien sich ihrer Wirkung allerdings überhaupt nicht bewusst zu sein. Doch dieses Verhalten konnte nur gespielt sein. Eine so fesselnde Schönheit wusste genau um ihre Macht – diese Erfahrung hatte er am eigenen Leib gemacht.

Vor vielen Jahren hatte ihn eine solche Frau beinahe eingewickelt und er sich ihretwegen fast die Zukunft ruiniert. Er war von ihren Reizen so geblendet gewesen, dass er ihr wahres Gesicht erst sehr spät erkannte. Sie hatte ihn von vorne bis hinten belogen und gehofft, sich ihn als Ehemann Nummer drei zu angeln und ihr restliches Leben im Luxus zu genießen.

Es war ein herber Schlag für sein Ego gewesen, aber er hatte ihn überlebt und schließlich verwunden. Als er dann Danielle begegnet war, war er ihrer Faszination ganz schnell erlegen. Sie stammte aus einer guten, wohlhabenden Familie und benötigte folglich sein Geld nicht. Deshalb hatte er seine Wachsamkeit und Vorsicht aufgeben ...

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