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Nur ein Geiger

Erster Band.

I.

– Unter den an zwei Stunden im Umfang haltenden Ruinen zeichnet sich vor allen der große Tempel aus, dessen Porticus fast vollständig erhalten ist. – – Es macht eine fast rührende Wirkung, auf der Spitze des Giebelfeldes, gerade über dem Kopf des steinernen Adlers, jetzt ein Storchennest zu sehen. Schade nur, daß seine Bewohner in dieser Zeit eben ihre Sommervillegiatura in Europa bezogen hatten, so daß vielleicht einer meiner freundlichen Leser dort die Besitzer gravitätisch umhersteigen sah, während mir nur das leere Nest zu betrachten blieb.

Semilasso in Afrika.

Wenn der Schnee schmilzt, wenn die Wälder grün werden, dann kommen die Störche zurück von ihrer langen Reise. Im fernen Afrika sind sie gewesen, haben aus den Wassern des Nils getrunken und auf den Pyramiden ausgeruht. Die Bewohner der Küsten Siciliens und des Cap Miseno in Italien sagen, daß alljährlich zu einer bestimmten Zeit die Störche in großen Flügen übers Meer kommen und sich dort auf den Bergabhängen ausruhen, die sie völlig bedecken; plötzlich fliegen sie auf, fort nach Norden, über der Alpen Schneewolken, wo der Haufe sich in kleine Schwärme vertheilt. Der kleinste Schwarm, wie der größte, weiß nach dem Lande zu steuern, wo er daheim ist. Nicht gerade die kleinsten Schaaren sind's, die nach dem kleinen Dänemark fliegen. Jeder Einzelne kennt die Meerbucht, die er suchen muß, kennt des Waldes Lichtung und den weißen Schornstein auf des Herrenhauses gezacktem Giebel, wo das Nest seiner harrt. Wunderliche mystische Vögel! Auf eurem Rücken reitet der Frühlingsgott ins Land und die Wälder werden grüner, das Gras üppiger, die Luft wärmer!

Ein solches Paar war heimgekehrt, sein Nest stand hoch oben auf einem Packhaus in einem entlegenen Theile der Stadt Svendborg. Sie waren in voller Tätigkeit; ein beinahe drei Ellen langes, auf dem Felde gefundenes Strohband trugen sie zum Nest hinauf, das ausgebessert werden sollte. Diese Geschäftigkeit wurde in einem kleinen Hofe dicht dabei wahrgenommen und bildete dort den Gegenstand eines Gespräches. Das einzige etwa Besondere an dem Manne dort war ein großer dunkler Schnurrbart und eine blaue, halb herabgestülpte Mütze. Er lehnte sich an den Sims des offenen Fensters. Drinnen saß an dem Tisch eine ebenso kräftige Gestalt; ein Soldatentschako würde besser auf dem dunkeln Haare ausgesehen haben als die weiße Zipfelmütze, die jetzt darauf saß, ein Säbel in der Hand ihn hübscher gekleidet haben als die Nähnadel, die sich zwischen seinen Fingern hin- und herbewegte. Der Mann vor dem Fenster war Feldwebel, der Mann drinnen am Tische Schneidermeister. Ein kleiner Knabe mit flachgedrückter Nase stand am Fenster, um nach den Störchen zu sehen, von denen sie sprachen.

»Curiose Thiere das!« sagte der Feldwebel, indem er sich den Schnurrbart strich, »ich möchte nicht für eine Monatslöhnung einen schießen! Sie bringen Glück, wo sie bauen, deshalb hat auch der Jude ihn bekommen.«

»Sie sitzen freilich auf des Juden Haus,« antwortete der Schneider, »aber wir haben doch die Abgabe! Jedes Jahr geben sie ihren Zehnten, das eine Jahr ein Ei, das andere ein Junges. Sie stoßen ihm ihren Schnabel in den Hals, es sieht aus wie ein Pfriemenstich, und dann hinaus aus dem Neste mit ihm. Es ist übrigens eine wahre Komödie, zu sehen, wie sie die Jungen füttern oder sie fliegen lehren. Die Alten machen besondere Kunststücke beim Füttern. Sie stehen aufrecht im Neste, legen den langen Hals zurück über den Rücken und den Schnabel gegen den Schwanz, wie wenn ein Gaukler sich hintenüber biegt, um einen Silberschilling vom Boden aufzuheben. Erst ziehen sie den Hals ein, dann schleudern sie ihn zurück und würgen niedliche kleine Frösche und junge Schnecken heraus, womit die Kleinen dann tractirt werden. Aber das Lustigste ist doch, zu sehen, wie sie die Jungen fliegen lehren. Das Manöver geht auf den Dachrücken vor sich. Dort gehen die Kleinen wie Seiltänzer auf einem Seile, balanciren mit den Flügeln und beginnen mit kleinen Sprüngen, weil der Körper schwerfällig ist. Jedes Jahr, so oft ich die Störche von ihren weiten Reisen zurückkehren sehe, ist es mir, als ob ich selbst erst jüngst von meiner großen Wanderung zurückgekommen wäre; dann tauchen alte Erinnerungen in mir auf, ich denke an die hohen Berge, über die ich geklettert bin, an die prächtigen Städte, wo die Häuser wie Klöster aussehen, und die Kirchen Reichthümer besaßen, wie der Kaiser Schatzkammern. Ja es ist schön im fremden Lande!« seufzte er, »dort ist fast das ganze Jahr Sommer. Der Herr hat uns freilich Stiefkinder werden lassen! – Aber was war's nur, was ich sagen wollte! Wir sprachen von den Störchen. Man kann doch nie recht die Sonderbarkeiten ergründen, die man bei diesen Thieren sieht. Ehe sie fortfliegen, sammeln sie sich immer an verschiedenen Orten im Lande. Ich habe sie mehrere Hundert an der Zahl bei Qvärndrup gesehen, es war ein ganzes Manöver, das sie abhielten. Sie klapperten alle zu gleicher Zeit mit dem Schnabel, man konnte sein eigenes Wort nicht hören. Sie sprachen wol von der Reise und hielten Rath; plötzlich stürzte der größte Schwarm über einige einzelne her und tödtete sie; es blieb wol ein Dutzend auf der Stelle liegen. Man sagt, das seien die Kranken und Schwachen, welche nicht die Kräfte zu der weiten Reise haben und von den Andern getödtet werden. Der ganze Haufe erhebt sich bann in die Luft und macht Wendungen wie ein Kehlbohrer. Gott bewahr uns! Wie das hoch hinaufgeht! Sie sehen zuletzt aus wie ein Mückenschwarm und verschwinden! Der Dotter in ihrem Ei ist roth wie Feuer und Blut. Man sieht wol, es ist ein Sonnenvogel, der es gelegt hat. Ein Junges aus den heißen Ländern liegt darin.«

»Hat der Storch auch mich aus den heißen Ländern geholt?« fragte plötzlich der kleine Knabe, der beständig das Gesicht gegen die Scheibe gedrückt hatte, aber doch jedes Wort hörte.

»Dort hinten im Mühlenteiche hat er dich gefischt!« antwortete der Vater; »du weißt ja wol, daß die kleinen Kinder aus dem Mühlenteiche geholt werden!«

»Aber sie haben ja keine Kleider an!« sagte der Knabe; »wie kann da der Storch sehen, welches Knaben und welches Mädchen sind!«

»Ja, deshalb greift er auch oft fehl,« sagte der Feldwebel, »er bringt uns ein Mädchen, wenn wir einen Knaben erwarten!«

»Wollen wir nicht vom Storche zur Lerche übergehen!« rief der Schneider und nahm eine blaue Flasche von der Kommode, die mit Krügen und Tassen geschmückt war, zwischen welchen eine geputzte Puppe saß, wie man in katholischen Ländern die Mutter Gottes dargestellt sieht.

»Die Mutter Maria sitzt gut da!« sagte der Feldwebel, und deutete auf die Puppe. »Ihr habt sie wol selbst gemacht?«

»Der Kopf ist aus Österreich,« antwortete der Schneider, und schenkte ein. »Die Kleider hab' ich selbst genäht. Das erinnert mich an meine Jugendreisen. Solch' ein Bild hatten sie auf einem Tisch vor der Thüre, kleine Lichter brannten davor, und dann bettelten sie die Vorübergehenden mit den Worten an: »Heut' ist der Madonna Geburtstag!« Aber jetzt sollt Ihr mein Verwandlungsbild sehen. Das habe ich selbst gemacht.« Damit zeigte er auf ein schlecht gezeichnetes colorirtes Bild in einem großen Rahmen. »Das ist der Doctor Faust in seiner Studirstube. Auf der einen Seite steht eine Stubenuhr, es ist gerade zwölf, auf der andern Seite liegt die Bibel. Zieht nun an diesem Bande links! Seht die Uhr verwandelt sich in den Satan, der ihn versuchen will. Nun ziehen wir an diesem Band, da öffnet sich die Bibel, der Engel kommt aus den Blättern hervor und spricht das Wort des Friedens.« Wie er sagte, geschah es und bei jeder Figur wurde zugleich ein Vers sichtbar, worin des Teufels Versuchung und des Engels Warnung zu lesen war. Der Schneider zog wieder an dem Bande rechts und der Engel stieg in die Bibel, die sich schloß, der Teufel blieb zurück bei Faust.

»Potztausend!« rief der Feldwebel. »Das habt Ihr selbst erfunden? Ihr solltet nicht Schneider sein. Ihr habt Kopf!«

»Das Bild hab' ich selbst zusammengesetzt nach einem ähnlichen, das ich einmal in Deutschland sah. Die Mechanik hab' ich erfunden. Die Geschichte selbst mit Faust, dem Zauberkünstler, ist jedoch nicht mein; ich sah sie auf meinen Reisen. Es war eine Puppenkomödie. Der Engel stieg aus der Bibel und warnte Doctor Faust, aber die Uhr wurde zum Satan, der über den Doctor Macht bekam, als der Engel ging und das Buch sich schloß. Dieser Faust hatte einen Famulus, wie sie ihn nennen, er wußte den ganzen Pact und war selbst auf dem schlimmen Wege, zog sich aber bei Zeiten zurück; arm und elend sah man ihn im letzten Act als Nachtwächter in der Stadt herumgehen, wo Faust wohnte; er wußte, daß wenn er zwölf rief, der Teufel kam und seinen Herrn holte. Man hörte die Glocke schlagen, der Famulus faltete die Hände über der Brust: »die Glock«, – rief er, und weder konnte noch wollte er »zwölf« sagen, er flüsterte nur – »geschlagen!« es half nichts, Faust fuhr zum Fenster hinaus, auf der rothen Flamme reitend!«

»Ihr seid nicht dazu geschaffen, auf der Butik zu sitzen!« sagte der Feldwebel. »Ihr lebt ja doch nur in Reisen und Wanderschaft. Das Feld wäre ein Leben für Euch! Vorwärts! Marsch! Ehrenzeichen auf der Brust! Ehe ein Jahr um ist, seid Ihr Feldwebel«

»Und Frau und Kind?« sagte der Schneider. »Der Bube sollte wol als Pfeifer mitgehen, sie als Marketenderin? Das wäre kein Leben für sie! Nein, ledig und frei muß man sein, dann ist die Welt unser! Das war ein Leben, die fünf Jahre, als ich mein eigner Herr war! Seht Ihr, Feldwebel, ich war erst neunzehn Jahre alt, hatte weder Vater noch Mutter, keine Liebste! Faaborg ist ein hübscher Ort, da bin ich geboren, da ging ich in die Lehre. Des Nachbars Maria war ein erwachsenes Mädchen, als ich noch ein Knabe geheißen wurde, deshalb machte es mich stolz, daß das hübsche, erwachsene Mädchen, mit dem so manche gern »gute Freunde« sein wollten, mir die Hand gab und mich so schelmisch dabei ansah, aber daß sie meine Geliebte werden konnte, so hoch durfte ich mich nicht versteigen! Ich wollte reisen, wenn ich Geselle geworden, die Welt, von der ich in den Beschreibungen gelesen, wollte ich sehen. Als deshalb mein Gesellenstück angenommen und meine ersparten Schillinge zusammengezählt waren, wurde rasch das Ränzchen geschnürt und ich sagte guten Freunden Lebewohl! Nun ist das so in Faaborg, daß die Kirche an einen Ende der Stadt liegt und der Thurm am andern. Ich ging Abends vorbei am Thurme, da begegnete ich Maria. Sie legte ihre Hände um meinen Kopf und küßte mich mitten auf den Mund. Es glühte wie Feuer, nie ist mir wieder ein Kuß so bis ins Mark gegangen, ich hatte gewünscht, daß es die ganze Stadt gesehen, aber wir waren allein, wir zwei! Ich sah zum Thurme hinauf. Es ist dort kein Wächtergang, keiner, nur einer, den sie auf die Mauer gemalt haben; da sieht man zwei Wächter hingezeichnet, in natürlicher Größe und mit Farben; man sieht sie noch, denn sie werden immer wieder aufgefrischt. Wie sehr hatte ich gewünscht, daß sie lebten! Ich mußte unwillkürlich im Stillen sagen: »Ihr habt das schönste Mädchen in der Stadt mich küssen sehen.«

»So war't ihr verlobt?« fragte der Feldwebel.

»Ja, warum nicht gar! Ich wurde blutroth, aber es war mir doch froh zu Sinne und die Reise ging lustiger von statten. Während fünf Jahren reiste ich von Land zu Land. Gute Leute, brave Meister habe ich gefunden, aber mich juckte es immer auf den Sohlen!«

»Und der Kuß, den Ihr von Maria bekamt, das war das Blut, das Ihr gerochen, Ihr bekamt Geschmack an den Mädchen.«

»Nun, ich will mich nicht besser machen, als ich bin; aber es ist die reine Wahrheit, als ich in der Fremde zum erstenmal den Arm um eines Mädchens Leib schlang, und wieder einen Kuß erhielt, da mußte ich an Maria denken und das auf eine ganz eigne Art! Es war gerade, als wenn sie zuschaute und das Blut stieg mir ins Gesicht! Ich fühlte mich nie fremd draußen. Oft, wenn ich in einer Stadt ein paar Wochen gewesen, glaubte ich, ich hätte immer dort gewohnt, hatte die Kameraden von je gekannt und mit ihnen ihre deutschen Lieder gepfiffen Nur, wenn ich etwas sah, was mich recht in Staunen versetzte, wie die alte Stephanskirche in Wien, oder die hohen Berge, an denen die Wolken herabhingen und unten am Fuße eine Fruchtbarkeit, wie in dem reichsten Küchengarten, dann stand Faaborg vor mir mit allen alten Bekannten. Während ich nahe daran war, daß mir ob all' der Herrlichkeit der Erde Wasser ins Auge kam, dachte ich unwillkürlich an den Thurm in Faaborg, mit dem gemalten Wächtergang und den abgebildeten Wächtern, die zugesehen, wie mich Maria küßte, und dann war es mir, als wenn es hier noch schöner für mich sein würde, wenn der alte Thurm hier stände und Maria darunter mit dem Stoffmieder und dem grünen Rock. Ich pfiff dann ein Lied und die Lustigkeit war wieder da: Heisa! Dann ging's mit den Kameraden wieder in die Welt hinaus!«

»Aber hier in der Heimat ist es doch schön!« rief der Feldwebel.

»Ja, hier ist es schön, wenn die Obstbäume in der Blüte stehen und das Kleefeld wie ein Potpourrikrug duftet. Aber da solltet Ihr sehen, wenn man erst über die hohen blauen Berge ist, die Alpen nennen sie's, das ist wie ein großer Garten; er sticht den sogar auf Glorup aus, ja übertrifft jede königliche Anlage in den nördlichen Landen! Marmor, weiß, wie Zucker, hauen sie aus den Bergen, und die Trauben hängen dort groß und fest im Fleisch, wie bei uns die Pflaumen. Ich war dort drei Jahre; da kam einmal ein Brief von meinem Geschwisterkind in Horne und unten in der Ecke stand: »Maria grüßt und bittet sie nicht zu vergessen!« Das war von ihrer eigenen Hand geschrieben. Mir wurde weich ums Herz dabei, ich konnte merken, daß das Liebe bei mir war, und ich hatte keine Ruhe mehr; ich bekam eine Sehnsucht, ich mußte heim und ich wollte heim. Manche Nacht ging ich auf einsamen Wegen, vorbei an großen Klöstern, durch enge Städte, über Berge und durch Thäler; dann hörte ich wieder die dänische Sprache, sah den Thurm der Kirche von Horne, die Haidehügel bei Faaborg – und als ich um Maria freite, bekam ich ein Ja. Nun reise ich nicht mehr! nun sehe ich den Störchen zu, wie sie fortziehen und heimkehren. Zuweilen bin ich auch gerade nicht in gutem Humor, aber da weiß es Maria immer wieder auf ihre eigne Art einzurichten; einmal im Sommer segeln wir auch hinüber nach Thorseng und spazieren dort herum. Das ist ja auch eine Art Reise! Die weiten Touren, ja die kann der Bube machen, wenn er mal groß ist. Er hat frisches Blut, Feldwebel!«

»Und deshalb soll er auch von dem Klaren haben!« antwortete dieser und reichte ihm das halbvolle Glas. Der Junge griff mit beiden Händen darnach und trank, daß ihm das Wasser aus den Augen lief.

»Da haben wir unsere Madam!« rief der Feldwebel, während die Mutter des Knaben eintrat. Die üppige Gestalt, die großen braunen Augen konnten wol ein Herz aus dem Süden zurückrufen. Ein ziemlich strenger Blick traf den Mann, ein kurzer, aber freundlicher Gruß fiel dem Feldwebel zu, der sie auf die Schulter klopfte. »Die ganze Liebesgeschichte habe ich gehört!« sagte er, »war in Ost und West mit dem Meister.«

»Ja, man hat nichts Andres zu thun!« antwortete sie kurz und legte ihr Halstuch in die Kommode. »Dort hätte er bleiben sollen, da es dort gar so schön war! Der Himmel weiß, was er hier wollte! Bald ist es hier zu kalt, bald regnet es zu viel! Ich sage auch: Reise! Es ist Niemand, der dich hält. Ich kann in einen Dienst gehen, für den Jungen bekomme ich auch noch Brod!«

»Maria!« sagte der Mann, »das ist nicht dein Ernst! Wäre ich nicht zurückgekommen, so wärest du vielleicht noch nicht verheirathet.«

»Zehn für einen hätte ich haben können! Der Sohn des Hüfners in Oerebäk freite vor dir, aber ich war eine Thörin, wie alle Frauenzimmer.«

»Du hast es nicht bereut, Maria!« sagte der Mann liebevoll und legte seine Wange an die ihre. Sie küßte ihn, lachte und ging in die Küche, wo bald darauf der Fisch für die kleine Mittagsmahlzeit briet.

II.

Sie gingen zwischen Blumen, –
Sie gingen Arm in Arm.
Und bebten tief vor Lust.

Oehlenschläger.

In den Provinzialstädten hat gewöhnlich jedes Haus einen kleinen Garten, dieses Haus hatte keinen, aber man mußte doch einen haben, wenn auch nicht größer als für eine Hand voll Schnittlauch und etwas Portulak. Ein solcher war auch zu Wege gebracht und war so zu sagen einer von den hängenden Gärten des Nordens, wie sie die Armuth besitzt. Eine große Holzkiste, gefüllt mit Erde, bildete ihren Garten; er stand hoch oben auf der Dachrinne zwischen dem Nachbarhause, wo die Eulen nicht zukommen und ihm Schaden bringen konnten.

Wollte man nun etwas pflücken, dann holte man die Leiter und stellte sie in der Küche auf zwischen dem Schüsselbret und dem Schornstein; Eins hielt die wackelnde Leiter, während das Andere an die Decke hinaufstieg, wo die Luke geöffnet wurde und man mit dem Oberleib zu dem Kasten hinausreichte.

Das war ein Fest für den Jungen, wenn er da hinaus durfte; einmal hatte er sogar die Erlaubniß erhalten, zwischen den Händen der Mutter schwebend, zur Luke hinaus, die Füße auf den Rand der Kiste zu stellen.

»Wir haben vielleicht ebenso viel Freude mit unserm Bischen Grün,« sagte Maria, »als der Jude von seinem prächtigen Garten!«

»Aber wir möchten ihn doch gerne haben!« antwortete der Mann. »Er soll prächtig mit Blumen sein! Seltene Gewächse, wie sie in keinem andern Garten in Svendborg sich finden. An Sommerabenden, wenn der Wind herüberweht, kann man den Jasmin riechen. Manchmal hatte ich schon Lust, die Leiter an das Dach zu setzen, zum Storchennest hinauf zu klettern, und in den Garten hinabzusehen, Maria. Der hübsche Pappelbaum, der so hoch über das Dach ragt, kann mich auf ganz wunderliche Gedanken bringen. In der Sommernacht, wenn der Vollmond scheint, hebt er sich so dunkel ab von der blauen Luft, ganz, wie ich in Italien die großen Cypressen sah. Oft wenn du geschlafen, bin ich aufgestanden und habe das Fenster geöffnet; trug dann ein mildes Lüftchen den Jasmin zu mir herüber, dann konnte ich mir einbilden, ich sei wieder draußen in dem schönen Italien.«

»Muß ich den Schnack schon wieder hören!« sagte, Maria und ging weg, aber der kleine Junge lauschte mit großen Augen den Worten des Vaters. Wie gern würde er nicht auch mit dem Storche nach fremden Ländern ziehen, ja wie glücklich wäre er, könnt' er nur in dem Neste sitzen und in des Juden Garten hinabschauen. Eine geheimnißvolle Welt bewegte sich darin. Einmal war er mit seiner Mutter in dem Hause dort gewesen und hatte das Laubhüttenfest mit angesehen; nie konnte er die grüne Wölbung von Tannen und Spargelbüschen, den prächtigen Granatapfel an der Decke und das feine ungesäuerte Brod vergessen. In den langen Winterabenden las der Vater leise in »Tausend und Eine Nacht«, seine eigenen Reisen klangen dem Knaben ebenso abenteuerlich. Der Storch war ihm ein Wunderthier, wie der Vogel Roc und des Juden Garten, den er nie gesehen, war ihm ein Hesperien, Scheherazadens Heimat mit dem goldenen Springbrunnen und dem redenden Vogel.

Es war im Juli. Der Kleine spielte in dem leeren Torfhaus, das die Grenze zwischen dem Heim und seiner Feenwelt bildete. In der Ecke waren einige Steine losgebrochen; der Kleine legte sich nieder und sah durch die Risse, aber alles, was er sah, waren nur die grünen Blätter, welche die Sonne durchsichtig machte. Mit zitternder Hand, wie wenn es ein Geheimniß wäre, das er lösen wollte, wagte er einen Mauerstein heraus zu ziehen; der darüberliegende glitt schief herab; das Herz des Knaben pochte, er wagte sich nicht zu rühren. Nach einigen Minuten bekam er wieder Muth. Die Oeffnung war größer, doch konnte er nicht mehr überschauen, als einen Fleck so groß, wie ein einzelner Erdbeerbusch; aber für die Kindesphantasie lag darin ein Reichthum, bot sich ein Anblick, wie ihn dem Erwachsenen der üppigste Obstgarten bietet, dessen Zweige die reifen Früchte zur Erde niederziehen. Die Erdbeerblätter waren so groß und saftig, durch einzelne schienen die Sonnenstrahlen, andere dagegen traten dunkel in den Schatten und mitten in dieser Ueppigkeit hingen zwei große rothe Beeren, so frisch und voll! Canaan's Traubenbüschel erweckte keine üppigeren Gedanken von Fruchtbarkeit, als diese beiden Beeren. In dem Anschauen lag auch die Verlockung, sie zu pflücken, aber das ließ sich nicht wagen! Den einen Stein aus der Mauer zu nehmen, war Sünde genug für den ersten Tag.

Am folgenden Nachmittag lagen die Steine noch unberührt. Die grünen Blätter wehten beim Luftzug durch die Oeffnung. Da saßen die Beeren; die kleine Hand streckte sich ängstlich aus, berührte die Beeren, ohne sie zu pflücken; als die Hand indeß wieder hineinkam, krümmten sich die Finger um den grünen Stiel, aber im selben Augenblick begegnete eine kleine Kinderhand der seinen und er zog sie so rasch zurück, daß ein Stein herabglitt und er selbst auf die Seite sprang; erst nach einigen erwartungsvollen Augenblicken wagte er sich wieder näher und schaute durch die erweiterte Oeffnung.

Ein paar große braune Kinderaugen begegneten den seinen. Sie verschwanden ebenso rasch, kamen aber bald wieder zum Vorschein. Es war ein hübsches kleines Mädchen, neugierig sah es in vorsichtigem Abstand von der Oeffnung herüber.

Es war Naomi, die Enkelin des Juden, ungefähr ein Jahr jünger als der Knabe. Er hatte sie früher schon oben in ihres Großvaters Fenster stehen sehen; da hatte sie gelbe Saffianstiefeln an; diese hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf den Knaben gemacht.

Die Kinder stierten sich einen Augenblick an.

»Kleiner Knabe!« sagte Naomi, »Du darfst wol zu mir hereinkommen! Mach' die Oeffnung größer!«

Und wie wenn eine mächtige Fee befohlen hätte, glitten zwei Steine heraus.

»Wie heißt du?« fragte sie.

»Christian!« antwortete der Knabe und steckte den Kopf in den sonnenbeleuchteten, duftenden Garten. Naomi schob die Weinranken, welche ihre reichen Schatten über die Mauer warfen, auf die Seite. Er stand im Lande der Träume, ganz in Anschauung verloren.

Der Erwachsene würde hier nur einen hübschen Blumengarten in reichem Flor erblicken, mit manchen seltenen Blumen, Weinranken an den Mauern entlang, einem Pappelbaum und etwas weiter zwei Akazien; wir müssen ihn aber mit den Augen des Eintretenden sehen, müssen mit ihm den Blumenduft einathmen, fühlen die warmen Sonnenstrahlen, beschauen die reiche Pracht.

Ueppige breitblätterige Weinranken, duftendes Geisblatt und die blauen und rothen Winden schlangen sich an den Mauern hinauf und bildeten eine Tapete. Ein Bosquet von Moosrosen schloß sich in einem Halbmond um die prächtigsten Levkojen, von den schwarzblauen bis zu den schneeweißen; ihr Duft schien jeden andern zu verdrängen. Bei der Pappel, um welche der dunkelgrüne Epheu seine festen Blätter schlang, stand die kleine Naomi mit den klugen Gazellenaugen und dem braunen Teint, der auf die asiatische Abstammung deutete; aber das Blut leuchtete frisch und anmuthig durch die runden Wangen, die von schwarzem Haar umwogt wurden. Ein dunkles Kleid mit einem Ledergürtel schloß sich um die hübsche Kindergestalt.

Sie zog ihn zu der Bank unter dem Akazienbaume, wo die blaßrothen Blumen in dichten Büscheln hingen. Die schönsten Erdbeeren mit dem saftigen Fleisch wurden gekostet. Der Knabe sah sich rings um; es war ihm, wie wenn er in eine hesperische Welt versetzt worden, fern von seiner gewöhnlichen Heimat. Da klapperte der Storch hoch oben, und er kannte das Nest und die Jungen, die darin standen und ihre klugen Augen auf ihn zu heften schienen. Da dachte er an seiner Eltern kleinen Hof, an die Kiste mit Schnittlauch und Portulak droben in der Rinne und er wunderte sich darüber, daß das Alles so nahe sei. Der Storch konnte seinen Norden und seinen Süden überblicken.

Nun nahm Naomi ihn bei der Hand und sie gingen in das kleine Gartenhaus, das nur für vier Personen Raum hatte, aber den Kindern erschien es wie ein großer Saal: die Kinderphantasie braucht ja nur mit einem Stabe in den Boden zu ritzen, um sich ein Schloß mit Sälen und Gängen zu schaffen.

Ein einziges Fenster mit dunkelrothem Glas warf ein wunderbares Licht auf die bunte Tapete, wo Thiere, Vögel und Blumen sich in einander schlangen; ein Straußenei, das durch die rothe Beleuchtung eine seltsame Feuerfarbe bekam, hing unter der Kuppel. Naomi deutete auf das Fenster, Christian schaute durch und alles draußen lag in der seltsamsten Beleuchtung; er mußte an den brennenden Berg denken, von dem sein Vater gesprochen. Alles stand in Feuerglanz! jeder Busch, jede Blume glühte; die Wolken schienen Feuer in einer Feuerluft; der Storch selbst, das Nest und die Jungen flammten.

»Es brennt!« rief Christian, aber Naomi lachte und klatschte in die kleinen Hände. Sobald die Kinder durch die offene Thür sahen, hatte alles wieder seine frische grüne Farbe, ja, diese schien sogar noch stärker, als da sie draußen im Grünen standen. Der Farbenunterschied der Blumen war wieder da und der Storch stand weiß und mit rothen Füßen wie immer droben.

»Wollen wir Geldverkaufen spielen?« fragte die kleine Naomi, indem sie einen Grashalm durch drei Blätter zog. Das stellte eine Waage vor. Gelbe, rothe und blaue Blätter waren Geld.

»Die rothen sind die kostbarsten!« sagte sie. »Du sollst kaufen, aber du mußt mir etwas geben! Das soll ein Pfand sein. Du kannst mir deinen Mund geben! Wir spielen nur so, ich nehme ihn nicht wirklich. Du sollst mir deine Augen geben.«

Sie machte mit der Hand eine Bewegung, als wenn sie sie wirklich nähme, und Christian bekam von den rothen und den blauen Blättern. Niemals zuvor hatte er so hübsch gespielt.

»Du mein Gott! Christian, bist du da drinnen?« rief Maria und steckte den Kopf halb durch die Oeffnung, der die Kinder sich genähert hatten.

Erschrocken ließ er Naomi's Hand los, verlor die bunten Blumenblätter und kroch durch die Oeffnung zurück, wo sein Empfang in ein paar fühlbaren Schlägen über den Rücken bestand. Die Steine wurden, so gut es ging, wieder eingefügt, und dergleichen Künste, wie es Maria nannte, auf das Strengste verboten; aber sie zögerte etwas mit der Arbeit und betrachtete den Garten; auch pflückte sie die nächsten Erdbeeren und aß sie.

Am folgenden Tage waren auf der Gartenseite dicke Bretter befestigt; vermuthlich hatte Naomi von dem Besuche geplaudert. Vergebens drückte Christian die Steine gegen die Bretter, ja er wagte sogar, daran zu pochen. – – Der Eingang zu dem schönen Blumenland war verschlossen.

Reich und lebendig stand vor ihm die ganze Pracht, Bäume und Blumen, das rothe Fensterglas und die hübsche Naomi. Daran dachte er am Abend, bis er einschlief.

III.

Wirbelnd steigt des Rauches Säule durch der Mauern Riß empor,
Und der Schreckensruf um Hilfe gellt in das entsetzte Ohr.

Gaudy's Kaiserlieder.

Es war Nacht, als Christian wieder erwachte; ein seltsamer rother Schein, wie der im Gartenhaus durch das gefärbte Glas, erhellte die Stube. Er steckte den Kopf aus dem Bette. Ja, die Fensterscheiben hatten dieselbe Feuerfarbe, der Himmel jenen brennenden Glanz, die dunkle Pappel schien zu glühen. Es war ein rechtes Vergnügen, diese Feuerspracht wieder zu sehen.

Da hörte man plötzlich draußen Geschrei, die Eltern sprangen auf, der Feuerruf ertönte. Des Juden ganzes Haus stand in Flammen; ein Regen von Feuerfunken fiel in den Nachbarhof; der Himmel glänzte roth; die Flamme schlug in wunderlichen Zungen zum Himmel empor. Maria übergab den Knaben den Nachbarn, und nahm in Eile die besten Stücke der Wohnung, die sie gerne gerettet hatte, zusammen, denn das Feuer hatte bereits das Nebengebäude ergriffen, auf dessen Dach das Storchennest stand.

Der alte Jude hatte sein Schlafzimmer auf dem oberen Stock nach dem Garten zu, aber er schlief noch, während die Flamme ihn bereits mit dem rothen Todesnetze umspannte. Mit der Axt in der Hand schlug der Schneider ein Loch in die Mauer zum Garten und drang mit einigen Nachbarn hinein. Es war warm dort, wie in einem Ofen, aber der Wind trieb die Funken über ihre Häupter hin. Noch tönte keine Brandglocke vom Thurme, die Wächter schrieen, aber ihre Pfeifen hörte man nicht; der Eine hatte die seine zu Hause liegen lassen, da sie ja nie gebraucht wurde; der Andere hatte die seine wol bei sich, als er jedoch hineinblies, hatte sie, wie er sagte, »die Luft verloren«.

Die Thür wurde aufgebrochen. Keine Seele zeigte sich. Da klirrte plötzlich eine Fensterscheibe, eine Katze bahnte sich wild und schreiend einen Weg hinaus, fuhr an einem Baum hinauf und verschwand auf dem Nebenhaus.

Drei Menschen, wußte man, waren drinnen, der alte Jude mit seiner kleinen Enkelin Naomi, – die Beiden waren die Herrschaft; der alte Joel, der Schacherjude, wie man ihn nannte, bildete die ganze Dienerschaft; zwar hatten sie auch eine weibliche Bedienung, Simonia, welche Joel zur Hand ging, aber sie schlief bei Nacht zu Hause und war also nicht da.

»Schlagt das Giebelfenster ein!« riefen einzelne Stimmen und die Leiter wurde angesetzt. Der Rauch wälzte sich schwarz und dick über das Fenster hin; die Dachziegel sprangen vor Hitze; die Lohe brach immer ungestümer durch die brennenden Balken und Sparren.

»Joel!« riefen sie Alle, als dieser mit einem alten Schlafrock um die gelben, magern Glieder aus der Thüre stürzte; die langen Finger klammerten sich um einen Silberpokal; unter dem Arme trug er ein kleines Kästchen von Papier, wie man sie zu weiblicher Arbeit hat. Das war Alles, was er, wie aus Instinct, in der Flucht ergriffen. »Großvater und das Kind!« – stammelte er und hielt sich, überwältigt von Schreck und Hitze an der Mauer, und deutete nach dem Giebelfenster. Dort öffnete sich das Fenster und der alte Jude, halb nackt, mit der kleinen Naomi auf dem Arm, stieg heraus. Das Kind klammerte sich fest an ihn, ein paar Zuschauer sprangen hinzu und hielten die Leiter fest. Der Alte hatte bereits beide Füße fest aufgesetzt, der Oberkörper beugte sich mit dem Kinde vor, als er plötzlich innehielt, einen seltsamen Schrei ausstieß und plötzlich mit der Kleinen umkehrte, wieder in das Fenster hineinstieg und verschwand. Der schwarze Rauch und die Feuerfunken verbargen einen Augenblick die Oeffnung.

»Herr Jesus!« riefen die Untenstehenden, »wo will er hin? Er verbrennt drinnen mit seinem Kinde! – Es ist sein Geld, was er vergessen hat!«

»Macht Platz!« rief eine kräftige Stimme und ein Mann mit einem dunkeln, ausdrucksvollen Gesicht drängte sich durch, eilte die Leiter hinauf, und faßte den Fensterpfosten, dessen obern Theil die Flamme bereits versengt hatte. Drinnen glühte das Feuer, der Schein bewegte sich unter der sich senkenden Decke. Der Mann stieg hinein.

»War das nicht der Norweger von der Hulgasse?« fragten Einige.

»Freilich! das ist ein kecker Bursche!«

Das Feuer erhellte jeden Winkel im Zimmer, wo er stand. Naomi lag am Boden. Der alte Großvater war nicht zu sehen, aber ein dicker, qualmender Rauch drang von dem Nebenzimmer herein durch eine eben geöffnete Thür. Der Mann ergriff das Kind und sprang hinaus auf die schwankende Leiter. Naomi war gerettet, aber der Großvater lag bereits betäubt vom Rauche in dem Zimmer, in das er zu der eisenbeschlagenen Kiste gedrungen.

Das Dach stürzte krachend zusammen. Eine Säule von Funken, unzählig wie die Sterne der Milchstraße, stieg in die Luft empor.

»Jesus, erbarme dich!« lautete das kurze Miserere über eine Seele, die in diesem Augenblicke durch Flammen zum Leben des Todes einging.

Es war unmöglich etwas zu retten, Alles war in Flammen gehüllt. Die alte Hausdienerin Simonia streckte mit verzweiflungsvollem Schluchzen die Hände zu dem Scheiterhaufen empor, auf dem ihr Herr verbrannte und wo sie noch gestern ein Heim gehabt. Joel hatte Maria zu sich hineingenommen, dahin kam auch Naomi.

»Der Storch, der arme Storch!« riefen Alle. Das Nest wurde von den Flammen ringsum beleuchtet. Die Storchenmutter stand droben, breitete ihre großen Schwingen über die Jungen und suchte sie gegen die Glühhitze zu schützen. Der Storch dagegen war nicht zu sehen, er mußte früher fortgeflogen sein. Die Jungen duckten sich fest zusammen, als ängstigten sie sich, herauszufallen, die Mutter schwang die Flügel und streckte Hals und Kopf weit vor. »Mein Storch! mein lieber Vogel!« rief der Schneider. »Das arme Thier darf nicht verbrennen.«

Er setzte die Leiter an die Wand, während die Andern durch Rufen und durch Werfen kleiner Steine nach dem Neste sie fortzujagen suchten, aber er blieb. Ein dicker kohlschwarzer Rauch schlug an die Mauer, der Schneider mußte den Kopf tief niederbeugen, während Funken und Feuerklumpen wie Schneegestöber dahin fegten. Die Lohe zündete die dürren Zweige an, aus denen das Nest bestand, das aufflammte, und mitten im Feuer stand die Storchmutter und verbrannte mit ihren Jungen.

Gegen Tag war das Feuer gelöscht. Des Juden Haus war nun ein dampfender Kohlen- und Aschenhaufe, in dem man seine fast unkenntliche Leiche fand.

Gegen Abend stand der Schneider mit seinem kleinen Jungen auf der Brandstätte; der da und dort aufsteigende Rauch zeigte, daß es unter dem Schutte noch fortbrannte. Der ganze schöne Garten war eine niedergetretene Einöde. Ringsumher lagen schwarze, verbrannte Balken; die Weinranken und die hübschen Winden waren von der Wand losgerissen und hingen nun zerfetzt und niedergetreten herab. Die hübschen Levkojen waren fort, und die Rosenhecke abgeknickt und mit Erde beschmutzt; die eine Seite der Akazienbäume war versengt, und statt des erquickenden lieblichen Blumenduftes athmete man nur Rauch und Brandgeruch. Das Gartenhaus war niedergerissen. Ein viereckiges Stück des rothen Fensterglases war alles, was Christian von alten Erinnerungen fand; er sah hindurch und die Luft glühte, wie damals als er und Naomi durch die Scheibe schauten. Aber droben auf dem Dach der Eltern stand ein Storch, es war das Männchen, das zurückgekommen war und weder Nest, noch Haus, worauf dieses gestanden, gefunden hatte. Wunderlich drehte dieser Kopf und Hals, als suchte er etwas.

»Das arme Thier!« sagte der Schneider, »es ist heute unaufhörlich, seit dem Augenblicke, da es zurückkam, über die Brandstätte hin- und hergeflogen, nun ruht es sich etwas aus. Ich will ein Kreuzholz hinaufstecken, vielleicht baut es sich ein neues Nest; wie es sich nach den Jungen und der Mutter umschaut! Sie ziehen nie mehr nach den warmen Ländern!«

In dem beinahe leeren Hinterhaus, wo das Loch zu dem öden Garten in die Mauer gebrochen war, stand der Joel; seine magere Hand hielt sich an der verrosteten Eisenklammer in der Wand fest, während seine schwarzen finstern Augen auf einen Gegenstand geheftet waren, den eine alte, zerrissene Schürze in der großen, leeren Bettstelle verbarg; seine schmalen, bleichen Lippen bewegten sich und kaum hörbar sagte er vor sich hin:

»Eine Schachtel wurde also dein Sarg, du reicher Sohn aus Salomo's Stamm! Der armen Frau Schürze wurde dein kostbares Leichentuch! Ach! Keine Tochter Israels wird deine Leiche waschen, die rothen Flammen haben es gethan! Das Feuer war trockner als die Kräuter, rother als die Rosen, die wir in das Bad unserer Todten thun. Aber auf dem »Bet achaim«[1] soll dein Grabstein doch sich erheben! Der alte Joel wird dein ganzes Gefolge bilden! Aber du sollst in dein geweihtes Grab kommen, wo der schwarze unterirdische Strom dich einst nach Jerusalem führt.«

Er hob die Schürze auf und nahm den Deckel von der Schachtel, in der die zu Kohlen verbrannten Ueberreste des Juden lagen. Joels Lippen bewegten sich noch rascher, wie im Krampfe, die Thränen flossen ihm über die Wangen, aber die Worte blieben dumpf und unverständlich.

»Unser Herr Jesus sei ihm gnädig!« rief Maria, indem sie eintrat, aber eine Röthe überflog sie im selben Augenblicke; sie glaubte durch die Nennung des heiligen Mannes, den Joel nicht anerkannte, den Trauernden zu kränken. »Unser Herr,« wiederholte sie deshalb rasch und mit Nachdruck, »unser Herr wird ihm gnädig sein!«

»Sein Grabstein soll neben dem der Tochter stehen!« antwortete Joel, indem er die verbrannten Ueberreste zudeckte.

»Sie liegt ja in Fridericia begraben,« sagte Maria. »Das ist weit weg, wohin Ihr sie führen müßt, um ein Grab zu finden. Ich erinnere mich wol noch der Nacht, als sie fortgeführt wurde. Der Sarg wurde zwischen Stroh und Heu gestellt; ihr Vater, der nun in Kohlen und Asche liegt und Ihr, Joel, fuhret fort. Der Regen goß herab! Das arme Kind dort blieb zurück. Der Großvater war das Einzige, was es besaß.«

»Ihre Mutter war von unserm Volk,« sagte Joel und fügte in etwas stolzem Tone hinzu: »Unsere Gemeinde läßt keins von den Ihrigen Noth leiden. Ich alter Mann bekomme auch mein Brod, und ich werde es mit ihr theilen, wenn sie keinen Platz an eines Reichen Tische findet. In das Haus des Christen gehört ja des Christen Kind!« fügte er so leise hinzu, daß es unmöglich war, es zu hören.

»Das Kind ist bei uns!« sagte Maria, »laßt es in Gottes Namen dort bleiben, bis sie es besser bekommen kann. Kocht die Grütze für Drei, so kocht sie auch für den Vierten mit.«

Am folgenden Abend, als es dunkel und still in den Gassen war, bewegte sich durch die Stadt hinab nach der Schiffsbrücke eine kleine Schaar: voran ging der Schneider mit seiner Laterne, ihm folgte Joel, das Bündel im Nacken und die Schachtel unter dem Arm. Maria ging hinterdrein mit Christian und Naomi. Das kleine Mädchen weinte, Joel küßte ihr Hand und Stirn und stieg dann an Bord der Jacht. Nur wenig wurde gesprochen, stumm standen sie nun am Bollwerk, wo die Taue gelöst wurden.

Und Christian sah bei dem abnehmenden aufsteigenden Mond, wie die weißen Segel sich entfalteten, wie das Schiff den Strom hinabglitt, und Joel draußen mit der Schachtel unter dem Arme stand; alles war so fest umrissen in dem unsichern Mondlichte.

Der Dichter erzählt von Zigeunern, die ihren todten Häuptling vom Galgen lösten, ihm Krone und Purpurmantel gaben und seine Leiche in den tiefen Strom legten, daß er sie nach Egypten führe, wo sie in der großen Pyramide sitzen sollte; ein ähnlicher Gedanke erfüllte die Seele des Knaben, es war ihm als zöge Joel mit dem Todten in ein fernes fernes Phantasieland, vielleicht lag dies nicht weit von Jerusalem, der Juden Königsstadt.

»Wie das dem Rhein bei Mainz gleicht!« rief der Schneider und deutete über die Bucht nach der naheliegenden Insel Thorseng.

»Herr Gott!« rief Maria, »wie kannst du nur an so etwas denken! Wir sollten doch etwas anders gestimmt sein, wenn es auch ein Jude ist, den wir begraben! Die armen Leute, selbst nicht im Tode haben sie Ruhe! Sie müssen reisen, um unter die Erde zu kommen!« Schwermüthig sah sie dem Schiffe auf der Bucht nach.

IV.

Jetzt noch, mein Püppchen, ist goldene Zeit,
Später, ach später ist's nimmer wie heut.

Wiegenlied.

Wie leicht und rasch vergißt nicht das Kind hier seine Sorgen, vielleicht so leicht und rasch, als wir die unseres Erdenlebens vergessen werden, wenn wir einst in jener neuen Welt athmen.

Naomi hatte so viel um ihren Großvater geweint, als er gestorben; nun stand das Lächeln, wo einst die Thränen gestanden; die große blühende Erde hatte sich bereits einmal um ihre Achse gedreht, und das ist für des Kindes Trauer, was für die Eltern Wochen und Monate sind. In der kleinen Stube des Schneiders, bei dem freundlichen Spielgenossen hatte sie ein Heim gefunden. Ein Trauerkleid war ihr gesandt worden, das war hübsch, beinahe neu und machte ihr große Freude.

»Darf ich das jeden Tag tragen?« fragte sie. »Soll es nicht geschont werden? Sonst ist es nicht neu, wenn ich wieder trauern muß!« Nach ihrem hübschen Spielzeug, dem Puppenhaus mit Küche und Stube fragte sie ganz anders, als nach dem Großvater. Es war das nichts Besonderes bei ihr, sie sprach, wie die Kinder eben immer sprechen. Sie saß vergnügt auf der hohen Thürstufe und hielt ein großes Klettenblatt in der Hand, das stellte Fächer, Gartenhaus und Garten vor; ja den ganzen hübschen Blumengarten mit Farben und Duft ersetzte ihr das große grüne Blatt.

Unförmliche Feldsteine, mehr über einander hingeworfen, als ordentlich aufgebaut, bildeten die hohe Treppe zur Straßenthüre, auf deren Schwelle Naomi saß. Die Oeffnungen zwischen den Steinen nannte sie ihre Mühle und der Sand, den Christian hinein streute, war das Korn, das gemahlen wurde. Sie mußten spielen, so gut es eben ging, denn all' sein eigentliches Spielzeug beschränkte sich auf einen Kreisel, der vor ihr schnurren mußte, aber das war auch schön; ein Messingnagel glänzte mitten drin und außen herum war er mit rothen und blauen Farben bemalt.

»Das ist eine Blume, die tanzt!« sagte Naomi.

»Nein!« sagte Christian, »soll das nicht unser Kobold sein; er dient in der Mühle und will nicht gut thun, wenn er nicht die Peitsche bekommt; höre wie er brummt! sieh, wie er springt.«

»Nun soll er sterben!« sagte Naomi. »Dann begraben wir ihn, wie meinen Großvater, und dann spielen wir Trauern und halten Begräbniß, das war so lustig!« Und Christian agirte zugleich Chorknaben und Küster. Die Kinder legten den Kreisel in ein Loch in der Treppe, streuten Gras darüber und spielten dann Feuersbrunst, wo die Glocken läuteten und die Leute retten wollten. Ein paar Nachbarskinder kamen hinzu und das Spiel nahm eine neue Gestalt an; man verstand einander so gut, war gleich wie alte Freunde und Bekannte, obgleich Naomi früher nie mit ihnen gespielt hatte; aber es geht dem Kind bei seinen Altersgenossen, wie uns Aelteren, wenn wir Blumen einer bekannten Art sehen: wir grüßen sie wie alte Bekannte, obgleich die Blume, die wir gerade sehen, uns zum ersten Male vor Augen kommt.

Das Spiel, auf das die Kinder nun verfielen, würde Niemand von uns Aelteren so leicht errathen. Sie zogen ihre Schuhe aus, stellten diese an die Mauer und gingen dann auf und nieder. Das war eine Illumination, die sie sich ansahen. Damals war es bei Hochzeiten in Svendborg Mode, daß die Gäste das Paar von dem Haus der Braut nach dem des Bräutigams mit Fackeln und Laternen begleiteten, deshalb nahm nun auch jedes der Kinder seinen Schuh, das war die Laterne, und begleitete so Christian und Naomi, die Brautleute, wie man sie nannte. Niemals hatte sie so gespielt: was waren dann Puppenhaus, Bilder und Blumen gegen die lebendigen Spielgenossen! Liebevoll hing sie sich an Christian, der seinen Arm um ihren Hals schlang und sie auf den Mund küßte; sie gab ihm das Medaillon, das sie auf der Brust trug, damit sollte er geschmückt werden, dann wäre er ein Graf, sagte sie, und sie küßten sich wieder, während die andern umherstanden und mit den Schuhen leuchteten.

Es war ein eigenthümliches Genrebild; die kleinen Schwalben über ihnen waren gewissermaßen symbolisch ebenso emsig mit ihrer Brautkammer unter dem Dachvorsprung beschäftigt und in der blauen Luft schienen die Wolken sich zu begegnen und zu verschmelzen; aber sie wurden gerade wieder getrennt, die niederern zogen nach Osten, die höheren nach Westen, wie der Luftstrom sie nach den physischen Gesetzen der Weltordnung führte.

Das Spiel der Kinder wurde plötzlich unterbrochen. Eine Kalesche, wie sie noch vor einigen und zwanzig Jahren im Brauch war, eine plumpe Maschine von Holz, blau bemalt und inwendig mit blauem Moulton bezogen, rollte lärmend über das unebene Steinpflaster hin. Noch heute, doch nur in kleinen Städten und auf dem Lande bei wohlhabenden Geistlichen sieht man solche Wagen, die nebst dem Kutscher und dem Pferdegeschirr auf ein anderes Geschlecht hinweisen und sich überlebt zu haben scheinen. Die Pferde selbst waren in gutem Zustand und trugen Büsche, der Kutscher in seiner altväterischen Livree machte ein Gesicht, das sagen zu wollen schien, er wisse, daß es eine adelige Herrschaft sei, die er führe. Der Wagen hielt vor der Apotheke, wo eine ganze Menge von kleinen Schachteln, Krügen und Medicinflaschen abgeliefert, und neue dagegen in Empfang genommen wurden, alles in größter Eile; nun fuhr der Wagen weiter, hielt jedoch wieder vor der Thüre, wo die Kinder spielten. Außer dem Kutscher und Diener sah man noch zwei Damen, eine jüngere, untergeordnete, wol eine Art Kammerjungfer, und eine ältere, große, vornehme Dame mit einem magern, kränklichen Gesichte; sie war in Shawl und Mantel eingehüllt und roch beständig an einem silbernen Riechfläschchen.

Es war die Sache eines Augenblicks, so stand auch schon Maria da und verneigte sich; unterthänigst küßte sie der alten adeligen Dame die Hand und versicherte, daß ihr Verlangen in der Minute erfüllt werden sollte.

Ringsum in der Nachbarschaft wurden die Fenster sogleich halb geöffnet; selbst aus den Thüren schauten ein paar Kaufmannsfrauen herüber; nicht wie jetzt in Seide und Krepflor, nein, wie es die damalige Zeit mit sich brachte, in rothwollenen Jacken und mit Hauben. Die Kinder, welche zu spielen aufgehört hatten, standen mit offenen Augen, die Arme einander um den Hals geschlungen, längs der Mauer da. Von dem Allen verstand Christian nur soviel, daß Naomi in größter Eile ein Tuch um den Hals bekam und in den Wagen zu der fremden Dame gesetzt wurde; es war, als wenn gar nichts Ueberraschendes geschähe. Maria verneigte sich und der Schneider stand in der Thüre mit der Mütze in der Hand.

»Ich will nicht fahren!« sagte Naomi. Aber sie mußte, ob sie wollte oder nicht, und deshalb weinte sie und streckte die Arme heraus, während der Wagen davonrollte. Da brach der Knabe ebenfalls in Weinen aus; die Trennung war so plötzlich, so unerwartet gewesen.

»Nun schweigst du!« sagte Maria, »oder ich werde dir etwas zum Weinen geben!«

»Wo soll denn meine Frau hin?« fragte er.

»Hinaus, um die Welt kennen zu lernen. Danke du unserem Herrn, daß du Vater und Mutter hast! Du wirst das schon noch einmal einsehen lernen. Wenn du so mit fremden Leuten fortfahren müßtest!« Sie sah seltsam sinnend auf den Knaben herab und preßte ihn zugleich heftig an ihre Brust. »Nun, du sollst die Erlaubniß haben, deinen Pathen in der Hulgasse zu besuchen! Mach', daß du fortkommst.« Damit zog sie ihn in die Stube hinein.

V.

L'archet allait toujours, comme le balais du sorcier, qui apporte de l'eau dans notre ballade allemande. Le violon et l'archet allaient toujours, toujours de nouveaux sons, des chants inconnus.

Contes fantastiques par Jules Janin.

Svendborg trägt noch das Gepräge der kleinen Städte im vorigen Jahrhundert; man findet jene unregelmäßigen Gebäude, wo häufig der obere Stock über den untern hervorragt und auf freistehenden Balken ruht, Erker, welche dem Nachbar die Aussicht versperren, breite Freitreppen mit Stein- oder Holzbänken, um draußen zu sitzen. Ueber mehrern Thüren las man in Holz ausgeschnitten Inschriften, theils auf dänisch, theils auf lateinisch. Die unebenen Gassen scheinen gepflasterte Hügel, indem man in gebrochenen Linien, bald aufwärts bald abwärts wandert.

An einzelnen Stellen dieses Orts glaubt man sich in eine Bergstadt versetzt, namentlich ist das der Fall bei der sogenannten Hulgasse, die in unsrer Zeit als Forum der Schmuggelei und der geheimen Zusammenkünfte bekannt sein soll. Wenn man von der hochliegenden Hauptstraße hier herabsieht, so ist der Anblick ein höchst malerischer. Gewaltige Feldsteine, über einander geschichtet, bilden den Sockel des nächsten Hauses, und dieses ist, bei dem raschen Abfall der Straßen gerade so hoch, wie die Wand des tiefer liegenden Hauses. So sieht man denn von der Hauptstraße über die Schornsteine und Dächer in der kleinen Seitengasse und erblickt einen großen Theil der Meeresbucht, die ganze waldbewachsene Küste mit den hochstämmigen Bäumen und Theilen der Inseln Langeland und Thurö.

In dieser Gasse wohnte Christians Pathe; der Knabe stand schon an der Ecke und blickte über sein Haus hin, das so tief lag, daß der Wasserspiegel sich dem Auge ein gutes Stück höher zeigte: der Dreimaster draußen schien gerade über den Schornstein hinzusegeln.

Wie gewöhnlich war die Hausthüre verschlossen, aber drinnen erklang eine Geige. Jedes für Töne empfängliche Ohr würde bei dem Hören dieser Klange gestutzt haben. Es war jenes melodische Klagen, das von Paganini's Violine die Sage schuf, er habe seine Mutter ermordet und ihre Seele zittere nun durch die Saiten.

Bald gingen die Töne in sanfte Wehmuth über; des Nordens Amphion, Ole Bull, nannte dieses Thema auf seiner Violine: »Einer Mutter Schmerz beim Tode des Kindes.« Wol war es nicht die Vollendung, welche diese beiden Meister unsrer Zeit in der Kunst Jubals besitzen, aber es deutete auf Beide hin, wie der grüne Zweig in allen Einzelnheiten auf den ganzen Baum hinweist, dem er angehört.

Wie Ole Bull war auch dieser ein Norweger, wir hörten ihn als solchen bei dem Brande bezeichnen, wo er Naomi rettete. Zwischen Felsen mit Wasserfällen und Gletschereis hatte seine Wiege gestanden. Häufig erzählte er Christian von dieser Heimat, von dem Nix, der in den Bergströmen wohne, und oft bei Mondschein mit seinem langen weißen Bart im Wasserfalle sitze und so hübsch spiele, daß man Lust bekomme, sich hineinzustürzen. Der arme Nix, wenn er am schönsten spielte, spotteten ihn die Knaben. »Du kannst ja doch nicht selig werden,« sagten sie und da weinte der Nix und verschwand im Strom.

»Der Nix hat wol deinen Pathen spielen lehren!« sagte einmal einer von den Nachbarn zu Christian und von der Zeit an mußte der Knabe immer, wenn er des Pathen Geige hörte, an den Nix im brausenden Wasserfalle denken und versank in stummes Träumen.

Deshalb setzte er sich heute an die verschlossene Thür, lehnte den Kopf gegen dieselbe, und lauschte den seltsamen Tönen; erst als die Geige schwieg, pochte er mit dem Fuße.

Der Mann, den wir Alle einmal gesehen, und der nicht viel über seine besten Jahre hinaus war, schloß auf; die gelbbraune Gesichtsfarbe, das kohlschwarze glänzende Haar deuteten auf einen Südländer oder die jüdische Abstammung, gegen welche freilich die seltsam blaßblauen Augen sprachen; es waren so ganz die des Nordländers; ihre klare, lichte Farbe bildete einen wunderlichen Contrast mit den schwarzbuschigen Augbrauen. Man hätte auf den ersten Blick geglaubt, daß Gesicht und Haar nur eine gemalte Maske seien und daß nur der ganz Blonde so helle Augen haben könne.

»Bist du es, Christian?« sagte der Mann mit einem seltsam schielenden Blicke.

Der Knabe sah ihn mit einer Mischung von Furcht und Ergebung an, denn seine Nähe hatte eben etwas von dem, was man dem Spiel des Nixen und dem Blick der Schlange zuschreibt. Wenn Christian zu Hause war, da war seine Sehnsucht, sein höchster Wunsch, zum Pathen zu kommen; und doch hatte er bei Niemand, wie bei ihm, jenes unheimliche Gefühl, das uns anwandelt, wenn wir allein in einer kleinen Grabcapelle oder in einem großen Walde sind, wo wir Weg und Steg verfehlt haben. Bei jedem Besuch erhielt Christian seine zwei Schillinge, »Sildeskjäl« (Häringsschuppen) nannte sie das Volk, eine kleine, dünne Kupfermünze, von welcher sechs auf einen Schilling gingen; aber es waren nicht diese, welche ihn anzogen, nein, es waren die wunderbaren Geschichten von dunkeln Tannenwäldern, von Eisbären, Nixen und Kobolden, und vor allem die Musik. Die Geige erzählte in ihrer Weise ebenso wunderbare Dinge, wie des Pathen Zunge.

Die Thür wurde wieder zugeschlossen, sobald sie drinnen waren. Hier hingen an der Wand ein paar Bilder, die ein eigenes Interesse für Christian hatten; es waren fünf Stücke aus dem Todtentanz, illuminirte Bilder nach Gemälden in der Marienkirche zu Lübeck.

Alle müssen sie mit in den Tanz, Papst und Kaiser, alle, bis herab zum Kinde in der Wiege, das sich wundernd singt:

»O Tod, wie soll ich das verstehn?
Ich soll tanzen und kann nicht gehn!«[2]

Christian sah zu den Bildern empor, sie kehrten die Rückseite heraus. Er fragte: »Weshalb?«

»Sie haben sich im Tanze umgedreht!« sagte der Pathe und brachte sie wieder in Ordnung. »Hast du lange draußen gesessen?«

»Nein, nicht lange. Du spieltest und da hörte ich zu! Wäre ich hier innen gewesen, so hätte ich sehen können, wie der Tod herumtanzte, daß die Bilder sich drehten, denn es ist doch wahr, was du mir erzählst?«

»Sie sollen dein sein!« sagte der Pathe und nahm sie herab, »Sage deinem Vater, daß du sie bekommen! Glas und Rahmen behalte ich selbst! Es sind hübsche Bilder. Hast du mich nun lieb? Bin ich nicht gut? Sag es nur.«

Der Kleine wiederholte es, während ihm doch bei des Pathen Blick ängstlich zu Muthe war.

»Warum ist deine kleine Spielkameradin nicht bei dir? Naomi heißt sie, nicht wahr? Ihr hättet wol zusammen kommen können.«

»Sie ist fort!« sagte Christian, »sie fuhr mit dem vornehmen Kutscher!« und er erklärte, so gut er konnte, ihre plötzliche Abreise. Der Pathe hörte mit einer Art Interesse auf seine Erzählung und lächelte. Der Geigenbogen tanzte über die Saiten; wenn diese sangen, was der Pathe bei seinem Lächeln dachte, so waren es gewiß fieberhafte und böse Gedanken.

»Du sollst auch darauf spielen lernen!« rief er. »Das kann für dich ein Reichthum werden! Du kannst dir Geld erspielen und deine Sorgen fortspielen, wenn du mal solche bekommst! Hier ist meine alte Geige, meine beste bekommst du noch nicht! Die Finger so!« Er stellte diese auf die Saiten und schob nun selbst den Bogen in des Knaben Hand.

Die Töne durchbebten den Kleinen; er hatte sie ja hervorgebracht! Seine Ohren faßten jeden derselben auf und die kleinen Finger bogen sich geschmeidig Aber die Saiten.

Beinahe eine Stunde dauerte der erste Unterricht, da ergriff der Pathe selbst die Geige und spielte; es war ein Spiel mit Tönen, wie der Jongleur mit Goldkugeln und scharfen Messern spielt.

»O spiele, wie der Tod tanzt!« bat der Kleine und der Pathe that einige kräftige Striche und während die tiefste Saite noch zitterte, erklangen auf der Quinte die feinsten Töne. »Hörst du den Kaiser? Er kommt mit Trompetenklang, aber nun kommt der Tod, er kommt wie der pfeifende Wind! Hörst du den Papst? Er singt Psalmen und der Tod schwingt seine Sense! Schön Fräulein schwebt in wirbelndem Walzer, aber der Tod, ja, kannst du ihn hören? Es ist als wenn das Heimchen zirpt!« Und der Pathe preßte selbst seine Augen zusammen und große Wassertropfen standen auf seiner Stirne.

Nun legte er die Geige nieder und öffnete die Thür zum Garten, der nach der Bucht hinabführte; dort schwammen die waldbewachsenen Inseln in dem windstillen Wasser. Die Sonne ging eben unter.

Der ganze kleine Garten war zu Kohlpflanzung benutzt; Christian betrachtete namentlich den, der eben anfing, Köpfe anzusetzen.

»Die würde gewiß der Scharfrichter gerne haben!«

»Was sagst du, Knabe?« fragte der Pathe in barschem Tone.

»Ich meinte, der Scharfrichter würde gewiß den großen Kohl gerne haben,« sagte Christian, »meine Mutter erzählte mir's voriges Jahr, als wir an seinem Hause und Garten vorüber fuhren, wo ebenfalls solcher Kohl wächst. Sie sagte zu mir, wenn ich Scharfrichter werden wollte, so sollte ich in die Lehre bei ihm gehen und jedesmal so oft wir Kohl speisten, würde ich gelehrt werden, mit einer Art den Kohlstock abzuhauen, wo der Meister zuerst seinen Einschnitt gemacht!«

»Schweig!« rief der Pathe mit ungewöhnlicher Heftigkeit und stieß den Knaben, daß er zwischen die Kohlpflanzen fiel. Das kleine Medaillon, das Naomi ihm um den Hals gehängt, glitt heraus.

»Was hast du da?« fragte der Pathe mit einem seltsamen Ausdruck, indem er beim Aufheben des Knaben das Medaillon gewahr wurde. Er betrachtete die darin liegende Haarlocke und lächelte, wie das Haupt des Hingerichteten lächeln mag, wenn die galvanische Stange seine Zunge berührt. Plötzlich ging er in das Haus, kam aber bald mit den zusammengepackten Bildern und den zwei Sildeskjäl, wie die Kupfermünzen genannt wurden, sorgfältig eingewickelt, zurück. Er öffnete die Thür nach der Hulgasse und der Besuch war für heute zu Ende; aber Christian hörte, wie die Geige wieder erklang: es war eine Lustigkeit, die aus den Saiten strömte, wie die Lustigkeit auf dem Sclavenschiffe, wenn die Sclaven um der Bewegung willen mit der Peitsche gezwungen werden auf dem Deck zu tanzen.

Am folgenden Tage machte der Pathe seinen Besuch bei Christians Eltern; er brachte ein frisches Kohlblatt und Vogelgras mit für den Kanarienvogel, dessen Bauer nun in ein grünes Gewölbe verwandelt wurde; die geschmeidigen grünen Samenstengel steckte er zwischen die Stahldrähte und der kleine Vogel stimmte sein Freuden- und Danklied an. Der Pathe lauschte mit einem seltsam lauernden Blicke auf die jubelnden kühn ansteigenden Töne, es war als ob er sie ihm ablauschen wollte, um sie seiner Geige einzuhauchen. Der Schneider hörte gerne das Spiel des Pathen; es weckte Erinnerungen an die Wanderschaft in fremden Ländern; Maria jedoch fand, daß etwas Hexenartiges darin sei und beinahe müssen wir ihr Recht geben.

Man hat aus Paris mehre Kupferstiche, welche die Ueberschrift » Diabolique« tragen: alles Dämonische, was eine reiche Phantasie schaffen kann, sprudelt in diesen Bogen. Auf einem sieht man eine Richtstatt; der Pfahl, an den der Verbrecher gebunden werden soll, ragt einsam empor; oben drauf sitzt der Teufel. Er verbirgt die Arme, aber beide Beine hat er in rechtem Winkel gegen den Pfahl ausgestreckt, auf dem er sitzt und so bildet er und dieser ein Golgathakreuz. Ein junges Mädchen kniet davor in dem Glauben, daß es der Heilige sei, vor dem sie sich beugt, während ringsum spottende Dämonen hervorschauen. Beim ersten Anblick möchten wir glauben, sie bete das Kreuz an, aber bald sehen wir, daß es der Teufel ist. Ein ähnliches Bild in Tönen bot des Pathen Spiel.

Der Unterricht, den er gestern mit dem Pathen begonnen, sollte ein paarmal in der Woche fortgesetzt werden. Denn er hatte Finger und Kopf für die Geige.

»Das kann ihm vielleicht sein Brod erwerben,« sagte Maria.

»Es kann ihm dazu helfen, sich in der Welt umzusehen!« sagte der Vater.

»Na, es soll wol gar ein Landstreicher werden!« rief die Mutter. »Du hättest ihn zu dem Seiltänzer bringen sollen, der hier war, dann hätte er herumschweifen können.«

»Du sagst da etwas Gescheidtes, Maria!« antwortete der Vater. »Vielleicht wäre es ein Glück für ihn gewesen. Christian, möchtest du nicht so leicht sein, wie der Vogel, über das dünne Seil hintanzen und hören, wie alle Leute wegen deiner mit den Händen klatschen? Da dürftest du von Land zu Land reisen und bekämst etwas zu sehen und zu hören'«

»Ja, Prügel bekäme er!« sagte Maria. »Oel bekäme er zum Essen! Das ekelhafte fette Oel, von dem ihr Leib geschmeidig wird. Nein, davon wollen wir nichts! Laß ihn nur die Geige lernen, darum ist er noch lange kein Gaukler!«

»In die Herzen der Mädchen soll er sich hineinspielen!« sagte der Pathe. »Ich seh's ihm an, er wird ein loser Vogel.«

»Ja,« sagte Maria, »laß ihn werden, was er will, wenn er nur nicht lügt und stiehlt. Uebrigens hilft ihm die Schönheit nicht! Unser Herr weiß, von wem er sein Gesicht hat«

Aller Eltern Kinder sind schön, aber Maria gehörte zu den seltenen Ausnahmen, sie erkannte, daß ihr Sohn nicht hübsch war, aber niemand konnte ihn auch häßlich finden, sein Portrait aus jener Zeit kann man noch heutigen Tages in Svendborg sehen, wenn man in die St. Nicolaikirche geht. Dort hängt im Mittelschiff zur Linken ein großes Bild: ein Christen Morsing, Pfarrer auf Thorseng, stiftete es, als seine Frau starb; er ist mit ihr, seinen beiden Töchtern und sieben Söhnen, sämmtlich in Lebensgröße, abgebildet. Drei kleine in der Wiege liegen todt vor ihnen. Der Kinder Zahl ist somit zwölf, und alle haben sie sehr hübsche Gesichter, mit Ausnahme eines, welches das Jüngste scheint und im Verhältniß zu den Andern nicht schön ist. Der Maler hat ihm eine Rose in die Hand gegeben, als wollte er ihm durch dieselbe wenigstens etwas Schönes geben. Das Gesicht des Knaben war ganz, als wär's ein Portrait von Christian. Die Aehnlichkeit war selbst seinen Eltern aufgefallen und darauf deutete auch des Pathen Wort: »Die Geige soll ihm eine Rose in der Hand werden, wie auf dem Bilde in der Kirche.«

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