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Nur ein Abenteuer?

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1. KAPITEL

„Ist der Jeep fertig?“, fragte Derek Grey, als er die Werkstatt neben der Tankstelle betrat.

„Ja.“ Der Mechaniker holte einen Lappen aus der Gesäßtasche und wischte sich daran die Hände ab. „Willst du die neuen Zündkerzen sehen, die ich eingesetzt habe, Deputy?“

„Nein“, erwiderte Derek und seufzte. Er war mit Billy Mayer aufgewachsen. Seit er jedoch vor zwei Jahren als Hilfssheriff nach Saddle heimgekehrt war, sprach Billy ihn stets mit „Deputy“ an.

Die Klingel meldete einen Kunden an den Zapfsäulen. Billy blickte an der offenen Motorhaube des Jeeps vorbei und bekam den Mund kaum zu. „Nun sieh dir mal das an!“

Derek drehte sich um und hielt den Atem an. Neben einem Oldtimer-Mustang stand eine der schönsten Frauen, die er jemals gesehen hatte. Wie die meisten Frauen in West Texas war sie ziemlich klein, etwa einssechzig. Die Jeans und das ganz gewöhnliche langärmelige Hemd verbargen nicht im Geringsten die aufregenden Kurven. Die rötlich blonde Mähne hatte sie mit einem Band zum Pferdeschwanz gebunden, aber einzelne Haarsträhnen umgaben das Gesicht.

„Ich frage, was die Lady will.“ Billy hatte es auf einmal sehr eilig.

„Vergiss nicht, dass du verheiratet bist“, sagte Derek.

Billy lächelte vielsagend. „Ich darf doch wohl den Wagen mit Blicken verschlingen, oder?“

Derek schüttelte über seinen Freund nur den Kopf und betrachtete interessiert die Frau. Prompt wurde er von Verlangen gepackt. „Führe dich nicht wie ein Jugendlicher auf“, sagte er zu sich selbst und sah sich den Motor an, den Billy repariert hatte. Auf die Frau sprach er bestimmt nur so stark an, weil er seit einiger Zeit unter Stress stand. Seine Tochter hatte die Grippe gehabt, und die Rancher beschwerten sich ständig über illegale Einwanderer auf ihrem Land.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Billy.

„Ja. Voll mit Super.“ Die Stimme der Frau klang klar und kräftig, erinnerte Derek aber auch an den melodischen Klang des Windspiels seiner Mutter. „Ich habe den Big Bend National Park verlassen, ohne vorher auf die Tankanzeige zu sehen.“

„Das ist hier draußen ein Fehler, Ma’am.“

Seit der Scheidung hatte Derek nichts mehr so erregt wie das Lachen der Fremden. Ungewollt lenkte er den Blick von den Zündkerzen zu der Frau, die neben der alten Zapfsäule stand.

„Das weiß ich“, meinte sie. „Schließlich bin ich in Midland aufgewachsen. Aber in den acht Jahren in Houston habe ich vergessen, wie weit es hier draußen bis zur nächsten Tankstelle ist.“

Billy griff zur Zapfpistole. „Verträgt Ihr Wagen unverbleites Benzin?“

„Ja, ich habe ihn umstellen lassen.“

Während Billy mit dem Tanken begann, drehte die Frau sich um und ertappte Derek dabei, wie er sie musterte. Derek nickte und beugte sich wieder über den Motor seines Wagens.

„Das ist ein toller Schlitten.“ Billy klopfte auf den Kofferraumdeckel. „Ist das ein 65er oder ein 66er?“

„Ein 66er“, erwiderte sie und strich liebevoll über den Kotflügel.

Derek beneidete den Wagen.

„Sie wohnen in Houston?“, fragte Billy. „Gefällt Ihnen das Leben in der Großstadt?“

Derek verstand die Antwort der Fremden nicht.

„Sie arbeiten in einem Krankenhaus?“

Darauf sagte sie nichts.

„Ich habe den Parkaufkleber vom Krankenhaus an der Stoßstange gesehen“, erklärte Billy.

„Ja, ich arbeite im County-Krankenhaus.“

„Sind Sie Krankenschwester?“

Derek lächelte amüsiert. Billy Mayer wäre glatt zum neugierigsten Menschen im ganzen County gewählt worden, hätte es einen solchen Wettbewerb gegeben.

„Nein, ich bin Ärztin.“

„Ärztin? Sie? Also, Sie sind viel zu hübsch, um Ärztin zu sein.“

Derek verzog das Gesicht. Billy war nicht nur neugierig, sondern hinkte in seinen Ansichten auch mindestens zwanzig Jahre hinter der gesellschaftlichen Entwicklung her. Bestimmt kam gleich eine scharfe Antwort. Als die Fremde schwieg, spähte er wieder hinter der Motorhaube hervor. Die Frau stand neben ihrem Wagen und blickte starr zum Horizont.

„Hässlichkeit ist keine Voraussetzung für das Medizinstudium“, antwortete sie schließlich. „Verstand dagegen schon.“

Derek lachte leise. Die Frau hatte Klasse. Anstatt Billy über den Mund zu fahren, begegnete sie seiner Dummheit mit Humor.

Billy zeigte sich von der Antwort wenig beeindruckt. „Was für eine Ärztin sind Sie denn?“

„Notfallmedizinerin. Interessiert Sie mein Lebenslauf?“

„Nein“, wehrte Billy lachend ab. „Ich bin einfach neugierig. Wir haben hier nur selten so hübsche Besucher.“

Was sie darauf sagte, war nicht zu verstehen.

„Hören Sie, bis zur nächsten Tankstelle sind es ein paar hundert Kilometer. Es wäre besser, wenn ich den Kühlerstand kontrolliere und nachsehe, ob die Keilriemen in Ordnung sind.“

„Ja, danke. Ich möchte nicht auf offener Strecke liegen bleiben.“

Billys Angebot störte Derek. Billy war ein guter Mechaniker, zeigte sich bei dieser Frau jedoch zu hilfsbereit. Er schloss die Motorhaube des Jeeps und trat in den Sonnenschein hinaus. Die Frau drehte sich zu ihm um.

„Ma’am“, grüßte Derek und hatte ein schlechtes Gewissen, weil er die Unterhaltung belauscht hatte. Aber er hatte sich schon in der Werkstatt aufgehalten, als sie eingetroffen war.

Sie ließ den Blick über ihn vom Scheitel bis zur Sohle wandern. „Sheriff.“

Offenbar hatte sie den Stern am Uniformhemd gesehen. „Ich bin Hilfssheriff.“

Billy richtete sich so schnell auf, dass er sich den Kopf an der Motorhaube stieß, wurde rot und steckte den Schraubenzieher hastig in die Hosentasche.

„Alles in Ordnung mit dem Motor, Billy?“, fragte Derek.

„Alles klar“, behauptete Billy verlegen.

Derek hatte kein gutes Gefühl, als die Fremde bezahlte und wegfuhr. Und dieses Gefühl verstärkte sich, als Billy in der Werkstatt verschwand, ohne ein Wort über die Ärztin oder ihren Wagen zu verlieren. Derek folgte ihm.

„Hast du was mit dem Wagen der Lady gemacht, Billy?“

Der Mechaniker zuckte zusammen. „Wie kommst du denn darauf?“

„Dein linkes Auge zuckt. Das ist ein Zeichen, dass du was angestellt hast.“

„Ich weiß nicht, wovon du redest. Dein Jeep ist fertig.“

Derek bezahlte und stieg ein.

„Ach, Derek!“, rief Billy ihm noch zu.

„Ja.“

„Du solltest nach Norden fahren, nur für den Fall, dass jemand eine Panne hat.“ Billy verschwand in der Tankstelle, bevor Derek noch etwas fragen konnte.

„Verdammt“, murmelte Derek und schlug mit der Hand aufs Lenkrad. „Wusste ich es doch. Er hat was mit dem Motor gemacht!“

Derek war klar, warum Billy so gehandelt hatte, doch der Zweck heiligt nicht die Mittel. Derek wollte zuerst die Lady zurückholen und danach Billy die Leviten lesen.

Alexandra hielt an und betrachtete auf dem Armaturenbrett das rote Warnlicht, das eine Überhitzung des Motors anzeigte. „Ich hätte mir einen langweiligen neuen Pkw kaufen sollen“, schimpfte sie und drehte den Zündschlüssel herum. „Was fange ich mit einer widerspenstigen und launenhaften Karre wie dir an, die ständig Liebe und Fürsorge verlangt? Du bist schlimmer als ein Ehemann!“

Im nächsten Moment bereute Alex, dass sie die Nerven verloren hatte. Ihr kleiner Mustang war mit ihr durch dick und dünn gegangen. Er war ihr erster Wagen, und sie war von Anfang an unbeschreiblich stolz gewesen, weil sie ihn sich von selbst verdientem Geld gekauft hatte. Ihr Vater hatte ihr nicht geholfen. Beim Anblick des vierzehn Jahre alten Wagens hatte er sich schrecklich aufgeregt und versprochen, ihr einen neuen Mustang zu kaufen. Sie war jedoch standhaft geblieben.

Für sie war der Wagen Selbstbestätigung und der Beweis dafür, dass sie nicht bloß die verwöhnte Tochter eines schwerreichen Ölmagnaten war.

Alex stieg aus und stützte sich aufs Wagendach. In der Ferne hoben sich die kahlen Berge scharf vom endlosen blauen Himmel ab.

Plötzlich kam ihr ein hässlicher Verdacht. Der Wagen hatte auf der Fahrt von Houston zum Big Bend und dann nach Saddle keine Schwierigkeiten gemacht. Wieso gab es jetzt Probleme? Hatte der Mechaniker etwas am Motor verändert? Er war ziemlich nervös gewesen, als der Hilfssheriff ihn ansprach. Und er hatte hastig einen Schraubenzieher eingesteckt.

Diese Überlegungen führten ihr deutlich vor Augen, wie sehr sich innerhalb eines Jahres ihre Einstellung anderen gegenüber verändert hatte. Vorher hatte sie stets an das Gute im Menschen geglaubt, doch damit war es vorbei. In dem Jahr beim Roten Kreuz in verschiedenen Krisengebieten der Welt hatte sie mit eigenen Augen gesehen, wozu Menschen fähig waren.

Sie öffnete die Motorhaube und überprüfte den Motor. Auch wenn sie den Mustang nicht selbst restauriert hatte, war sie doch ihrem High-School-Freund zur Hand gegangen und wusste zumindest, wie man das Öl wechselte. Der Fehler war einfach zu finden. Ein Schlauch hatte sich gelöst, und Wasser floss aus. Sie hätte darauf gewettet, dass Billy die Schelle gelockert hatte.

Der Verdacht erhärtete sich, als der Hilfssheriff in seinem grünen Jeep an ihr vorbeifuhr, wendete und hielt. Er kurbelte das Fenster herunter und nahm die verspiegelte Sonnenbrille ab. Als ihre Blicke sich trafen, sah Alex hastig zur Seite, so stark war die Anziehung zwischen ihnen.

„Stimmt was nicht mit dem Wagen?“

Als ob du das nicht wüsstest, dachte sie. „Es ist merkwürdig“, erwiderte sie. „Der Motor ist plötzlich heiß geworden, weil sich ein Kühlwasserschlauch gelöst hat.“ Sie rechnete damit, dass er überrascht tat, den Kopf schüttelte oder sein Bedauern ausdrückte. In seinen dunkelbraunen Augen war jedoch nicht die geringste Reaktion zu erkennen.

„Ich bringe Sie in die Stadt zurück. Dann soll Billy herfahren und sich Ihren Wagen ansehen.“

Prompt meldete sich ihr angeborener Starrsinn. So einfach fiel sie nicht auf diesen miesen Trick herein. „Vielen Dank für das Angebot, aber ich warte hier beim Wagen. Ich will nämlich nicht, dass damit noch irgendetwas passiert.“

Er warf einen Blick auf den Mustang, einen auf sie und einen ringsum auf die menschenleere Umgebung. „Ma’am, für eine Lady wie Sie ist es hier draußen nicht sicher. Nicht mehr.“

„Was soll das heißen?“

Seine Miene wurde hart. „Das soll heißen, dass ich allein arbeite und einen Großteil der Gegend nicht kontrollieren kann. Da passiert schon so manches.“

Er brauchte gar nicht ins Detail zu gehen. Alex hatte zahlreiche Berichte über Menschen gehört, die illegal durch das Brewster County und das Presidio County ins Land kamen. Auf beiden Seiten der Grenze hatte die Polizei verstärkt mit Gewalttaten wegen Drogen- und Waffenschmuggels zu kämpfen. Es wäre leichtsinnig gewesen, allein auf offener Strecke zu warten.

„Ihren Wagen kann man ersetzen, Ihr Leben nicht“, meinte der Hilfssheriff.

Jetzt fand sie in seinem Blick aufrichtige Sorge. „Also gut, Deputy, es wäre dumm von mir, und Dummheit hat mir noch niemand vorgeworfen.“

„Oder Hässlichkeit“, fügte er mit einem hinreißenden Lächeln hinzu.

Der Mann war für ihren Geschmack viel zu attraktiv. Und er besaß Humor. Offenbar hatte er ihre Unterhaltung mit dem Mechaniker belauscht.

„Es war unmöglich, Ihnen und Billy nicht zuzuhören“, meinte er lässig.

„Sie hätten es wenigstens versuchen können.“

„Ich war zuerst da, falls Sie es vergessen haben sollten“, erwiderte er amüsiert. „Und dann gibt es da noch die Naturgesetze. Luft trägt nun mal den Schall. Was hätte ich machen sollen?“

Beinahe hätte sie gelacht, doch sie vertraute diesem Mann nicht. Woher wusste er, dass er sie hier finden würde, wenn er nicht eingeweiht war? Sie verschloss den Mustang und ging zum Jeep. Der Hilfssheriff beugte sich zur Beifahrertür und drückte sie auf.

„Danke“, sagte Alex und stieg ein.

Er nahm den braunen Stetson ab und reichte ihr die Hand. „Mein Name ist Derek Grey. Ich bin Hilfssheriff in Saddle, wie Sie bereits wissen.“

Sie betrachtete die kräftige Männerhand. „Ich bin Alexandra Courtland, Ärztin, wie Sie bereits wissen.“ Ihre Hand verschwand völlig in seiner, und bei dem kraftvollen Händedruck bekam sie Herzklopfen.

Wenn der Hilfssheriff lächelte, erschien in der linken Wange das hübscheste Grübchen, das Alex jemals gesehen hatte, und sie konnte kaum widerstehen, es zu berühren. Bei seinem Lachen lief ihr ein wohliger Schauer über den Rücken.

„Freut mich, Sie kennen zu lernen, sogar unter diesen Umständen“, sagte er, ließ ihre Hand los und setzte den Hut auf.

Es überraschte und ärgerte sie, wie stark sie auf diesen Mann reagierte. Vermutlich war er an einem gemeinen und sogar illegalen Plan beteiligt. Es wäre besser gewesen, sie hätte in seiner Nähe gar nichts gespürt.

„Was für ein glücklicher Zufall, dass Sie vorbeigekommen sind“, bemerkte sie und schnallte sich an. „Bleiben hier draußen oft Touristen liegen?“

Er setzte die Sonnenbrille auf. „Nein, selten.“

Natürlich gab er seine Beteiligung an dem Trick nicht zu.

Während der Rückfahrt herrschte angespanntes Schweigen im Wagen. Ungewollt achtete Alex nur auf den Mann an ihrer Seite. Er sah sehr gut aus, hatte hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und volle Lippen.

Der Stetson verbarg das gewellte hellbraune Haar, doch vorhin war ihm eine Locke in die Stirn gefallen. Es hatte entwaffnend nett ausgesehen. Und er hatte etwas an sich, dass Alex ihn auch ohne Uniform als Polizisten eingeschätzt hätte.

„Billy ist ein guter Mechaniker. Er repariert Ihren Wagen bestimmt sehr schnell.“

„Das will ich hoffen.“ Weil er ihn wahrscheinlich kaputt gemacht hat, fügte sie in Gedanken hinzu.

Als sie die Werkstatt erreichten, kam Billy aus dem Büro. Der Hilfssheriff hielt neben dem Mechaniker und stieg aus. „Der Doc hatte eine Panne. Fährst du hin und siehst nach?“

Billy wich seinem Blick aus. „Klar doch.“

„Brauchen Sie die Schlüssel?“, fragte Alex und kletterte aus dem Jeep.

Billy schüttelte den Kopf. „Nein, ich schleppe Ihren Wagen hierher.“ Er wartete auf keine Antwort, stieg in den Abschleppwagen und fuhr los.

Der Hilfssheriff wandte sich an Alex. „Es wird eine Weile dauern. Wir könnten so lange in den Diner gehen und etwas essen.“

Der Vorschlag war vernünftig. Trotzdem fühlte sie sich dabei unbehaglich. Vielleicht lag es daran, dass sie dadurch länger seiner maskulinen Ausstrahlung ausgesetzt war.

Schon wollte sie ablehnen, doch in diesem Moment knurrte ihr Magen so laut, dass Derek es hören musste.

„Ihr Magen ist einverstanden.“

Ihre Hormone waren es auch. „Aber ich muss hier sein, um die nötigen Reparaturen in Auftrag zu geben.“

Derek blickte zur Hauptstraße von Saddle. „Billy wird Sie finden.“

Alex sah sich die Schilder an den wenigen Gebäuden an. Postamt, Futtermittelhandlung, Lebensmittelgeschäft, Mabel’s Diner, das Büro des Sheriffs und ein kleines weißes Gebäude am Ende der Straße ohne Aufschrift. „Also gut.“

„Steigen Sie ein. Ich fahre Sie zu Mabel.“

„Es sind nur ein paar Schritte.“

„Wenn mein Jeep vor dem Diner parkt, weiß Billy mit Sicherheit, wo Sie sind.“

Erneut meldeten sich Starrsinn und Hang zur Unabhängigkeit, beides Eigenschaften, die ihr Vater höchst unattraktiv und unfraulich fand. „Wir treffen uns dort. Ich brauche die Bewegung.“

Er ließ den Blick über sie wandern. „Doc, ich finde, Sie sind gut in Form.“

Eine Mischung aus Ärger und ebenso unerwartetem wie unerwünschtem Verlangen verschlug ihr die Sprache. Darum nickte sie nur stumm und ging los.

Derek wartete vor Mabel’s Diner auf Alex und lächelte über ihr verschlossenes Gesicht. Sie ärgerte sich noch immer über seine Bemerkung. Hätte sie seine Gedanken erraten, als er ihr nachblickte und ihre wohlgeformte Rückfront betrachtete, wäre sie erst recht sauer gewesen.

Er hielt ihr die Tür auf und ließ ihr den Vortritt. Sie ging wortlos an ihm vorbei.

Wie stets um die Mittagszeit hielten sich einige Rancher und deren Helfer hier auf. Bei Alex’ Erscheinen verstummten die Gespräche. Alle Blicke richteten sich auf sie. Alex erstarrte und erinnerte Derek an ein Reh, das in einen Scheinwerferkegel geraten war.

„Was ist denn hier los, Jungs?“ Mabel kam aus der Küche und balancierte drei Teller auf dem Arm. Sobald sie Alex entdeckte, blieb sie stehen. „Na, das beantwortet ja wohl meine Frage.“ Mit einem Kopfnicken deutete sie auf den Tisch neben der Tür. „Setzt euch!“, befahl sie, servierte den Männern das Essen und holte zwei Gläser Wasser.

Derek nahm den Hut ab, setzte sich auf den freien Stuhl und machte die beiden miteinander bekannt. „Mabel, das ist Dr. Alexandra Courtland. Sie hatte eine Panne. Billy kümmert sich um ihren Wagen.“

Niemand kannte Mabel Vances wahres Alter oder ihre richtige Haarfarbe, aber sie hatte das beste Herz in weitem Umkreis und machte den besten Pfirsichauflauf in ganz Texas. Die blauen Bänder an der Wand neben dem Eingang zeugten von ihren ersten Preisen.

Mabel legte sich das Geschirrtuch auf die Schulter und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Wollt ihr das Tagesgericht?“

„Was ist das?“, fragte Alex.

„Heute gibt es Steak mit Bratensoße.“

Alex machte ein Gesicht, als hätte sie sich auf einen nassen Schwamm gesetzt. „Haben Sie nichts anderes?“

„Nein, tut mir leid. Heute ist Montag. Am Montag gibt es Steak mit Bratensoße, am Dienstag Hackbraten und am Mittwoch Brathuhn.“

Alex’ Gedanken waren leicht zu erraten. Mabel’s Diner war der Cholesterin-Himmel oder die Cholesterin-Hölle, je nach Standpunkt. Doch sie lächelte. „Steak mit Bratensoße klingt gut.“

Mabel nickte und verschwand in der Küche.

Das überraschte Derek. Er hatte erwartet, dass Alex ablehnen oder Mabel die gesundheitlichen Risiken bei Gebratenem erklären würde. „Nett von Ihnen, dass Sie keinen Aufstand gemacht haben.“

Sie beugte sich über den Tisch. „Ich verrate Ihnen ein Geheimnis.“ Ihr Flüstern erinnerte ihn an heiße Liebesnächte. „Ich liebe Steak mit viel dicker Bratensoße und frischen Brötchen.“

„Wettert ihr Ärzte denn nicht ständig gegen Fett und Cholesterin?“

„Na ja, gelegentlich darf man sich einen Sündenfall erlauben.“

Es gefiel ihm, wie unkompliziert sie war. „Erlauben Sie sich oft einen Sündenfall?“

Das amüsierte Funkeln in ihren Augen verschwand schlagartig. Derek fröstelte geradezu unter ihrem kalten Blick. „Manchmal kommt es nur aufs Überleben an, Deputy, auf sonst nichts.“

Was hatte Steak mit Bratensoße mit Überleben zu tun?

Mabel kam mit zwei dampfenden Tellern. „Wenn ihr fertig seid, gibt es Auflauf. Ihr braucht nur zu rufen.“

Derek sah zu, wie die Ärztin den ersten Bissen in den Mund schob, halb die Augen schloss und sinnlich lächelte.

„Schmeckt es gut?“, fragte er.

„Himmlisch.“

Er sah sie in seinem Bett liegen, das blonde Haar auf dem Kissen ausgebreitet und den verträumten Blick auf ihn gerichtet … Derek schluckte schwer.

„Stimmt etwas nicht mit Ihrem Essen?“, fragte sie. Ehrliche Sorge schwang in ihrer Stimme mit.

Das holte ihn aus seinen Fantasien. „Nein, nein, alles bestens.“

„Und warum essen Sie dann nicht?“

Eine gute Beobachterin. „Ich habe auf Ihre Reaktion gewartet.“

„Ach ja?“ Das klang unschuldig, aber ein leicht spöttischer Unterton deutete darauf hin, dass sie seine erotischen Gedanken erriet.

„Mabel, ich brauche Kaffee!“, rief er und wandte sich an Alex. „Sie auch?“

Alex schüttelte den Kopf.

„Hol ihn dir selbst, Derek!“, rief Mabel zurück. „Ich habe zu tun.“

Nachdem er sich versorgt hatte, widmeten sie sich hauptsächlich dem Essen. Erst als er sich das letzte Stück Brot in den Mund geschoben hatte, knallte Alex ihm eine Frage an den Kopf.

„Warum hat Billy Sabotage an meinem Wagen verübt?“

Derek verschluckte sich und griff nach dem Kaffee. „Wie bitte?“, stieß er hervor.

„Warum hat er die Schelle am Kühlwasserschlauch gelockert? Ich warne Sie. Falls das ein Betrugsmanöver ist, zahle ich keinen Cent für die Reparatur.“

Hätte sie ihm den Teller an den Kopf geworfen, wäre er nicht überraschter gewesen. „Wie kommen Sie darauf, dass Billy was an Ihrem Wagen gemacht hat?“

Sie lächelte mitleidig. „Wäre die Schelle schon heute Morgen locker gewesen, wäre der Motor weit vor Saddle heiß gelaufen.“

Derek konnte nicht behaupten, dass Billy unschuldig war, weil er zu neunundneunzig Prozent davon überzeugt war, dass sie recht hatte.

„Warum hat er es getan?“, wiederholte sie und sah ihm unverwandt in die Augen.

Mabel stellte zwei Schalen mit Auflauf auf den Tisch und ersparte Derek eine Antwort. „Hier, euer Nachtisch.“ Sie griff nach den leeren Tellern. „Sie sind also Ärztin. Schön, mal eine Frau in dem Beruf zu sehen.“ Sie lächelte Alex verschwörerisch zu. „Wir Frauen kümmern uns seit der Steinzeit um die Kranken. Da können wie auch endlich Anerkennung einheimsen. Männer haben ja von nichts eine Ahnung. Stimmt das vielleicht nicht?“

„Aber sicher stimmt es“, erwiderte Alex und unterdrückte ein Lächeln.

Mabel nickte Derek zu. „Nehmen Sie zum Beispiel ihn. Als im letzten Winter seine kleine Sarah krank war, konnte er ein Thermometer nicht von einer Wärmflasche unterscheiden. Er musste die Kleine seinem Bruder und dessen Frau zur Pflege überlassen. Und Sie hätten dabei sein müssen, als Derek …“

„Mabel, ich möchte noch Kaffee.“ Derek hielt ihr die Tasse hin. Er wollte zwar nichts mehr von dem bitteren Gebräu, aber er musste Mabel zum Verstummen bringen. Sie warf ihm einen scharfen Blick zu und ging hoch erhobenen Hauptes in die Küche. Derek lächelte Alex matt zu. „Sie bemuttert alle Leute in der Gegend.“

„Vielleicht braucht ihr das.“ Alexandra kostete den Nachtisch mit Pfirsichen. „Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Deputy.“

So leicht ließ sich der Doc also nicht ablenken.

Mabel kam mit einer großen Kaffeekanne zurück. „Was sind Sie eigentlich für eine Ärztin?“, erkundigte sie sich, während sie die Tasse füllte.

Derek seufzte. Es sah fast so aus, als hätte sich die ganze Stadt verschworen.

„Notfallmedizinerin.“ Alex’ Miene verriet, dass sie Verdacht geschöpft hatte.

„Sie wären nicht daran interessiert, sich hier niederzulassen?“

Derek zog sich der Magen zusammen.

„Wir haben seit Frühjahr letzten Jahres keinen Arzt mehr, und im vergangenen Winter war so gut wie jeder krank. Die arme Norma, unsere Postangestellte, hat sich elend gefühlt. Sie hat abgenommen und wird den Husten gar nicht mehr los.“

Alex lächelte Mabel höflich zu. „Ich habe mich vom Ben Taub Hospital in Houston beurlauben lassen“, erklärte sie, schien noch etwas sagen zu wollen, stockte jedoch.

Mabel zuckte mit den Schultern. „Na ja, war nur ein Versuch. Wenn ihr noch mehr Auflauf haben wollt, sagt Bescheid.“

Sobald Mabel außer Hörweite war, durchbohrte der Doc Derek förmlich mit Blicken. „Deputy, hoffentlich gibt es für alle diese Zufälle eine gute Erklärung. Falls nicht, beschwere ich mich über Sie beim Generalstaatsanwalt.“

Bevor er antworten konnte, kam Billy herein. „Gute Neuigkeiten“, verkündete er und blieb am Tisch stehen. „Sie brauchen nur eine neue Wasserpumpe. Die schlechte Neuigkeit ist, dass ich sie in El Paso bestellen muss.“

„Und wie lange wird das dauern?“, fragte die Ärztin vorsichtig.

Derek wappnete sich innerlich bereits gegen eine Explosion.

„Zwei, vielleicht auch drei Tage.“

„So lange?“, fragte Alex eisig.

„In der Gegend gibt es nicht viele alte Mustangs. Darum habe ich nichts auf Lager.

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