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Nur du weckst diese Sehnsucht

1. KAPITEL

Memphis James stand im dreiundzwanzigsten Stock eines Hochhauses im Zentrum von Miami und blickte hinab auf das Kamerateam unten auf der Straße. Entlang der Absperrung reihten sich Zuschauer wie neugierige Ameisen. Der Sturz musste beim ersten Versuch sitzen – eine Wiederholung war unmöglich. Zusammen mit dem Stuntkoordinator hatte Memphis jedes Detail doppelt und dreifach geprüft: die Gurte, die Seilwinde, die Windverhältnisse. Wie gewöhnlich verschwendete er keinen Gedanken an die Gefahr. Selbst beim wahnwitzigsten Stunt war die Wahrscheinlichkeit zu sterben äußerst gering – wenn man nichts dem Zufall überließ und Materialversagen und Fehlberechnungen ausschließen konnte. Weshalb Memphis nie etwas dem Zufall überließ.

Memphis’ Verhalten mochte in den Augen von Außenstehenden Züge einer Zwangsneurose tragen, aber in seinem Beruf, in dem man sich ständig über die Schwerkraft mokierte, war penibelste Gründlichkeit unerlässlich. Unaufmerksamkeit führte zu Fehlern, die ihn töten oder zumindest zum Krüppel machen konnten.

Oder schlimmer: Jemand anders bezahlte für die Unachtsamkeit.

Für einen Augenblick kehrte die Erinnerung zurück, wie immer vor einem Sturz. Seine Brust wurde plötzlich eng, sein Magen krampfte sich zusammen, sein Herz hämmerte gegen die Rippen.

Memphis zwang sich zur Ruhe, schob die Erinnerung beiseite. Dann richtete er den Blick nach unten, wo mehr als sechzig Meter Luft zwischen ihm und dem nackten Asphalt lagen. Nichts würde seinen Fall stoppen außer der Kamera. Zynisch verzog er den Mund. Wenn etwas schiefging und er mit knapp hundertdreißig Stundenkilometern auf die Straße klatschte, würden seine letzten Sekunden wenigstens für die Nachwelt festgehalten. Die Idee gefiel ihm irgendwie. Wenn er schon den Abgang machte, dann mit Stil und derart, dass alle Welt darüber sprach.

Der Stuntkoordinator riss ihn aus seinen Gedanken. „Alles fertig. Windgeschwindigkeit acht km/h.“

Einen letzten Blick warf Memphis noch nach unten, dann sagte er: „Besser wird’s nicht.“

„Bereit?“

Nun die Ruhe selbst, mit normalem Puls, nahm Memphis Aufstellung vor dem präparierten Fenster aus Sicherheitsglas. „Ich bin immer bereit.“ Er grinste. „Aber die Schwerkraft ist eine verfluchte Zicke.“

„Jedenfalls eine, die keine Fehler verzeiht.“ Auch der andere Mann grinste.

Mit steigendem Adrenalinpegel verbreiterte sich Memphis’ Grinsen noch. „Dann lassen wir sie besser nicht warten.“

Kate Anderson klammerte sich mit einer Hand an die Absperrung, während sie mit der anderen die Augen gegen die Sonne abschirmte. Ihr Blick war nach oben gerichtet, wo dreiundzwanzig Stockwerke über ihr die Vorbereitungen für den Stunt abgeschlossen wurden. Die salzige Atlantikbrise mischte sich mit dem Geruch von heißem Asphalt. Um sie herum drängten sich Schaulustige und machten den warmen Tag in Miami noch wärmer.

Oder waren ihre Nerven einfach überhitzt?

Bisher hatte sie Memphis James’ Rückkehr in die Stadt ignoriert, weil sie genau wusste, dass es besser für sie war. Doch der Artikel über Dalton und seine neue Verlobte in der Skandalpresse von heute hatte ihr acht mitleidsvolle Blicke, drei gut gemeinte tröstende Umarmungen und einen ungefragten Beistandssermon einer verbitterten Geschiedenen eingebracht – und das alles, während sie lediglich im Café um die Ecke in der Schlange gestanden hatte. Als frisch geschiedene Exfrau eines höchst populären Lokalpolitikers hatte Kate kaum eine Chance, dem Rampenlicht zu entkommen. Und in absehbarer Zeit würde sich das auch schwerlich ändern, denn es lag eine lange Reihe öffentlicher Veranstaltungen vor ihr, an denen sie wohl oder übel teilnehmen musste. Zum ersten Mal, seit sie im Alter von sechzehn Jahren mit Dalton zusammengekommen war, würde sie einen solchen Auftritt allein wagen.

Die mitleidigen Blicke völlig fremder Menschen waren allein schon schlimm genug, doch die öffentliche Aufmerksamkeit würde zweifelsohne noch zunehmen. Nicht auszudenken, was die Regenbogenpresse schreiben würde, wenn sie ohne Partner bei ihrem Highschool-Klassentreffen auftauchte.

Abserviert! Ex-Ballkönigin von ihrem König verstoßen

In Ungnade gefallene Kate Anderson erscheint solo beim Klassentreffen

Sie atmete tief durch, lockerte bewusst die angespannten Muskeln und bestärkte sich selbst noch einmal in dem Entschluss, Memphis um Hilfe zu bitten. Selbst wenn sie den draufgängerischen Stuntman als Teenager abgrundtief gehasst hatte – und er später zum größten Fehler ihres Lebens geworden war. Voll bebender Unruhe starrte sie hinauf zu dem Fenster hoch über ihr.

Warum umarmte einen eigentlich niemand zum Trost, wenn man es wirklich brauchte?

Es rauschte und knackte in den Walkie-Talkies der Filmcrew. Unwillkürlich hielt Kate den Atem an. Eine Sekunde später gab es eine laute Explosion, und das Fenster zerbarst. Ein Körper wurde in einer Wolke aus Glassplittern aus dem Gebäude geschleudert, beschrieb einen geschwungenen Abwärtsbogen und sauste dann im freien Fall auf das tödlich harte Pflaster zu.

Kates Mund war wie ausgedörrt, ihr Herzschlag schien auszusetzen. Eine grauenvoll lange Ewigkeit stürzte der Mann durch die Luft, vorbei an zweiundzwanzig Fensterreihen. Erst im allerletzten Moment wurde sein Fall ruckend gebremst, nur Zentimeter über der nach oben zeigenden Kamera.

Um sie herum erhob sich begeisterter Applaus. Kate spürte einen leichten Schwindel, dann setzte ihr Herzschlag wieder ein, schneller und heftiger als zuvor. Wild kribbelte ihre Haut von den Nachwirkungen eines heißen Adrenalinstoßes, als stünde ihr ganzes Nervensystem in Flammen. Sie ließ die Absperrung los und rieb sich die feuchten Hände, während sie ungläubig zusah, wie Memphis ruhig und gelassen das Gurtgeschirr vom Fallseil löste.

Wie konnte das sein? Er war im freien Fall aus großer Höhe zur Erde gestürzt, aber sie war es, die dabei um fünf Jahre gealtert war!

Seit dem Tag, an dem ihr Zwillingsbruder sich mit dem damals dreizehnjährigen Satansbraten angefreundet hatte, hatte ihr Herz wegen Memphis unendlich oft ausgesetzt, gehämmert oder beides. Sollte sie eines Tages einen Herzinfarkt erleiden, wäre es zu neunundneunzig Prozent seine Schuld.

Doch sie wischte ihre Vorbehalte rasch beiseite, als sie sah, wie er den Drehort verlassen wollte. Ohne weiter nachzudenken, ging sie um die Absperrung und bewegte sich entschlossen in Richtung Adoniskörper in Bluejeans, der sich bereits von ihr entfernte. Sein knackiger Hintern und die durchtrainierten Beine brachten mühsam verdrängte Erinnerungen zurück.

Zu ihrer Linken schrie ein Mann des Sicherheitsdienstes etwas, doch sie ignorierte seine Aufforderung und rief ihrerseits: „Memphis!“

Entweder hörte er sie nicht, oder er ignorierte sie. Mehrere Leute des Sicherheitspersonals und der Filmcrew bewegten sich nun auf sie zu. Ihr blieb nicht viel Zeit. Sie beschleunigte ihre Schritte, rannte fast, während das luftige Trägerkleid ihre Beine umflatterte und die hochhackigen Sandaletten sie schmerzhaft daran erinnerten, dass sie nicht für sportliche Betätigung gedacht waren.

„Memphis, warte!“

Endlich blieb er stehen und drehte sich um. Sie sah, dass er sie erkannte. Für einen Augenblick war sein Gesicht wie versteinert. Sie erstarrte in der Bewegung, kaum mehr als drei Meter von dem Mann entfernt, der sie mit seinen warmen braunen Augen immer noch verzauberte …

Wie in einer Filmrückblende wurde sie um fünf Jahre zu dem Tag zurückversetzt, an dem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Außer sich vor Wut hatte sie ihn angeschrien, er solle das Krankenhauszimmer ihres Bruders verlassen. Sorge um Brian hatte in ihrer Stimme mitgeschwungen. Und Verwirrung, die eine höchst unvernünftige, aber dafür umso leidenschaftlichere Liebesnacht mit Memphis in ihr zurückgelassen hatte. Wie leider nicht anders zu erwarten, war auf den Höhenflug der unvermeidliche Absturz gefolgt.

Vom schwindelerregenden, sonnenüberfluteten Gipfel hinab ins tiefe, dunkle Tal.

Ekstase und Depression.

Memphis war gefährlich, bei ihm gerieten ihre Gefühle stets in Aufruhr – diese Einsicht durfte sie auf keinen Fall vergessen. Doch im Augenblick war sie zu sehr damit beschäftigt, Memphis’ Anblick zu genießen: rebellisches hellbraunes Haar, Augen so braun wie Karamell, das auf der Zunge schmilzt, und umgeben von dichten Wimpern, eine markante Kieferpartie bedeckt mit dunklen Bartstoppeln. Sein Gang, seine Art zu sprechen, seine selbstsichere Männlichkeit, sein Sex-Appeal – all das hatte sie als Teenager erst eingeschüchtert und dann später als junge Frau erregt.

Für einen Moment fragte sie sich, ob ihre Idee wirklich so klug sei. Vielleicht war es doch besser, allein zu den Veranstaltungen zu gehen und sich dem Spott der Öffentlichkeit zu stellen.

Ein Securitymann griff sie am Arm und schnauzte sie an: „Sie haben hier nichts verloren, Miss!“

Aber Kate rührte sich nicht vom Fleck.

Memphis hob eine Hand. „Schon gut, Hal.“ Sein Blick fixierte sie, während er näher kam. Mit jedem seiner Schritte raste ihr Herz schneller.

„Kennen Sie die Frau?“, fragte der Mann.

Memphis’ Mundwinkel hoben sich zu einem kleinen vielsagenden Lächeln, das Kate durch Mark und Bein ging. „O ja“, sagte er und blieb gut einen Meter vor ihr stehen. „Ich kenne sie sehr gut.“

Die leichte Betonung auf „sehr“ entging ihr keineswegs, und eine prickelnde Wärme durchflutete sie. Ihre Handflächen wurden noch feuchter bei dem Gedanken an die leidenschaftlichen und lustvollen Umarmungen der damaligen Nacht.

Sie zog ein nach Lavendel duftendes Erfrischungstuch aus einer Dose in ihrer Handtasche und rieb sich die Hände damit. Im Wahlkampf und später als Gattin eines Abgeordneten hatte sie genügend Hände geschüttelt, um zu wissen, was man immer dabeihaben musste. Das gewohnte Ritual beruhigte sie. Unter Memphis’ feurigem Blick hätte sie zwar eigentlich eine kalte Dusche nötig gehabt, aber das Kühlen ihrer Hände musste vorläufig reichen.

Für einen Augenblick kehrte die Befürchtung zurück, er würde ihre Bitte sowieso abschlagen. Memphis James machte nun einmal nur das, was Memphis James wollte – so viel wusste sie aus Erfahrung. So war es immer gewesen, und so würde es immer sein. Ihn zur Zustimmung zu bewegen, würde jedes Quäntchen diplomatisches Geschick erfordern, das sie sich über die Jahre angeeignet hatte.

Als Tochter und Enkelin zweier politischer Schwergewichte sowie als Exfrau eines Politikers hatte sie weiß Gott gelernt, wie man oberflächliche Konversation betrieb. Und angesichts ihrer Vorgeschichte mit Memphis war genau das entscheidend: Oberflächlichkeit.

Sie schickte einen Blick das Hochhaus hinauf. „Du bist also immer noch so lebensmüde“, sagte sie in mokantem Ton.

Seine Antwort klang amüsiert. „Wäre ich das, wäre ich ohne Seil gesprungen.“

„In ‚Die Unzerstörbaren‘ hast du das ja angeblich gemacht.“

„Da waren die Umstände auch besonders.“

„Im Sinne von ‚besonders bescheuert‘?“

Er zuckte lässig die Schultern. „War alles Standard.“

„Sich von Hochhäusern stürzen? Aus Hubschraubern springen? Mit Autos Klippen hinunterfahren?“ Sie runzelte die Stirn. „Standard?!“

Als Kate den Film und den erwähnten Stunt im Kino gesehen hatte, wäre sie fast an einem Herzschlag gestorben. Die Zeitlupenaufnahme war unerträglich gewesen.

„Du scheinst meine Karriere ja genau zu verfolgen, mein Engel“, stellte er belustigt fest.

Der Spitzname traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie wollte lautstark protestieren, riss sich aber zusammen. „Bitte“, sagte sie leise, „nenn mich nicht so.“ Seit er ihr als Teenager diesen Namen gegeben hatte, hasste sie ihn, heute mehr denn je.

„Meinetwegen.“ Doch seine Augen funkelten frech. „Damals passte ‚Engel‘ einfach zu dir, so brav und still, wie du warst.“ Dann verengten sich seine Augen, und es loderte ein wildes Feuer darin auf. Sie hatte das Gefühl, die heißen Flammen auf der Haut zu spüren – oder kam die plötzliche Hitze aus ihr selbst? Er machte noch einen Schritt auf sie zu. Wie gebannt starrte sie ihn an. In seinen Augen lag Wissen, das Wissen um ihre verborgensten Geheimnisse. „Aber wir kennen beide mindestens einen Fall, in dem der Name ganz und gar nicht zu dir gepasst hat …“

Bemüht, ganz ruhig zu bleiben, schenkte sie ihm ein professionelles Wahlkampflächeln, das demonstrativ zeigte, wie gelassen sie war. Jedenfalls hoffte sie das. „Wenn ich ein Engel war, dann warst du der Teufel.“ Es war Zeit, ihr Verhältnis endgültig zu klären und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Schließlich waren sie beide erwachsen. Eine platonische Freundschaft müsste sich doch machen lassen.

Müsste …

„Hör schon auf, mich anzugraben“, fuhr sie mit fester Stimme fort und ignorierte so gut es ging seine beunruhigende Nähe. „Ich bin nicht mehr so leicht zu beeindrucken wie als Teenager. Mittlerweile weiß ich, wie wichtig es ist, den Kopf hoch zu tragen und seine Würde zu bewahren, egal wie viel Verachtung einem entgegenschlägt.“ Ihre Scheidung, auf die sich die Klatschreporter gestürzt hatten wie die Geier auf ein Stück Aas, hatte zu diesem Lernprozess wesentlich beigetragen.

„Und inwiefern meinst du mich damit?“, fragte Memphis.

„Du bist stolz darauf, dass du alles und jeden verachtest.“

„Mit irgendetwas muss man sich als Mann ja einen Namen machen“, erwiderte er locker. „Bist du deshalb hier? Um deine neuen würdevollen Fähigkeiten auf die Probe zu stellen?“

„Das wäre schön – aber leider bin ich hier, weil ich deine Hilfe brauche.“

Er schien überrascht und lachte höhnisch auf. „Meine Hilfe?“ Einen Augenblick starrte er sie düster an, bevor sich sein Mund zu einem ironischen Grinsen verzog. „Dann muss die große Kate Anderson ja tief in der Patsche sitzen, wenn sie ausgerechnet mich kleinen Wicht um Hilfe bittet.“

Wie immer, wenn er wütend oder erregt war, schlich sich ein leichter Südstaatenakzent in seine Stimme und machte sein raues Timbre noch unwiderstehlicher. Das nervöse Gefühl in Kates Magengrube verstärkte sich, und sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Das Risiko war groß, ihre Hoffnungen auf diesen völlig unberechenbaren Mann zu setzen.

Aber was war das kleinere Übel? Sich dem demütigenden Mitgefühl der Öffentlichkeit auszusetzen, das sie, wie sie in ihrem Innersten fühlte, gar nicht verdiente? Oder den ätzenden Spott des einzigen Menschen außerhalb ihrer Ehe zu ertragen, der wusste, warum sie so empfand?

„Warum bittest du nicht jemand anderen um den Gefallen?“ Memphis verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Ungewollt fiel Kates Blick auf seine Bizepsmuskeln, die sich unter den Ärmeln des T-Shirts wölbten. „Steht das Jüngste Gericht unmittelbar bevor? Oder geht die Welt in den nächsten Tagen unter?“

„Ja, genau, jedenfalls behauptet das der Mann mit dem Schild an der Ecke Fifth und Main Street“, witzelte sie zurück, bemüht, nonchalant zu klingen. „Aber sollte die Welt wider alle Erwartung doch nicht untergehen, habe ich demnächst zehnjähriges Klassentreffen. Und davor stehen noch einige Veranstaltungen an, zu denen ich nicht allein gehen möchte.“

Memphis warf den Kopf zurück und lachte aus vollem Hals. Zugegeben wirkte ihr Problem verglichen mit dem Ende der Welt etwas trivial. Aber ein Weltuntergangsgefühl war durchaus in ihr vorhanden.

„Ich sehe da eine simple Lösung“, sagte Memphis. „Geh doch einfach nicht hin.“

„Das geht nicht. Ich bin für das Treffen verantwortlich. Seit einem Jahr bin ich mit den Vorbereitungen beschäftigt.“ Als Vorsitzende des Organisationskomitees hatte sie Monate damit verbracht, das Treffen minutiös zu planen und alle Beteiligten mit ihrer Detailversessenheit verrückt zu machen – in erster Linie, um sich so von ihrer Trauer und Einsamkeit abzulenken. „Ich habe keine Wahl.“

„Auf den Gedanken, allein hinzugehen, bist du wohl nicht gekommen?“, fragte er mit ironischem Unterton. „Kann Kate Anderson denn immer noch nicht ohne einen Typen ausgehen, der ihr am Arm hängt und sie anhimmelt?“

Die Bemerkung saß. „Ich will überhaupt nicht angehimmelt werden!“

„Dafür hast du dich in der Highschool aber ziemlich oft von Jungs vergöttern lassen.“

„Ich will nur eine Begleitung, mehr nicht. Im Grunde genommen ist es ganz egal, mit wem ich gehe.“

„Kleiner Tipp, Engelchen …“ Grinsend beugte er sich ihr entgegen, als wollte er ihr ein Geheimnis anvertrauen. „Mit dem Spruch gibst du jedem Mann wirklich das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein …“

„Du bist auch nichts Besonderes“, entgegnete sie gereizt. „Du bist höchstens besonders schwierig.“

Mit dem Ausdruck gespielter Verletzung blickte er sie finster an. „Du solltest wirklich an deiner Flirttechnik arbeiten – so klappt das nie mit einem Date. Mich muss man schon ein bisschen umwerben …“

„Umwerben?“, entfuhr es ihr. „Ich will kein Date mit dir. Du würdest mich einfach nur als Freund begleiten.“

„Zu dumm“, erwiderte er und hob skeptisch eine Braue, „dass ich kein Freund bin.“

„Aber du bist ein Freund meines Bruders, und ich bitte dich um einen Gefallen.“

Es entstand eine kurze Pause, in der sich seine Augen zu verdunkeln schienen. Hungrige Leidenschaft mischte sich in seinen Blick, und Kates Herz begann, wild zu schlagen. Schließlich sagte er: „Glaub mir, meine Hilfe willst du nicht.“

Ob sie wollte oder nicht, seine sinnlich raue Stimme verursachte ihr eine Gänsehaut. Doch er schien entschlossen, sie abzuweisen. Wie konnte er nur? Er war ihre einzige Chance, schwülstigen Mitleidsbekundungen und unnötigen Ratschlägen für die abservierte Ehefrau zu entgehen. „Bitte, Memphis.“ Sie versuchte, nicht verzweifelt zu klingen. Stattdessen setzte sie das hilflos-süße Lächeln auf, das sie perfektioniert hatte, seit sie sich als Mädchen dessen Wirkung bewusst geworden war. Zur Sicherheit legte sie ihm noch die Hand auf den Arm. „Ich brauche doch nur ein paar Stunden deiner Zeit.“

Unter ihren Fingern spannten sich seine Unterarmmuskeln, das leuchtende Feuer in seinem Blick erlosch. Eine Vielzahl heftiger, aber nicht genau zu deutender Emotionen huschte über sein Gesicht. Als er schließlich sprach, klang seine Stimme eine Spur resigniert und kraftlos: „Tut mir leid, Kate, du musst dir einen anderen Kerl suchen, der sich von dir vorführen lässt.“ Damit wandte er sich ab und ging in Richtung der Filmcrew, die sich um einen Bildschirm drängte und sich seinen waghalsigen Fall ansah.

Kate folgte ihm. „Aber da ist sonst niemand.“

„Was ist aus den ganzen Groupies geworden, die dir an deiner feinen Privatschule ständig an den Fersen geklebt haben?“

„Was für Groupies?“

„Pardon, mein Fehler …“ Ohne anzuhalten, warf er ihr einen sarkastischen Seitenblick zu. Die Schritte seiner langen Beine waren so groß, dass Kate in ihren hohen Sandaletten kaum mitkam. „Vielleicht trifft ‚Horde von sabbernden Bewunderern‘ es besser?“

„So etwas hatte ich nie!“

„Das habe ich aber anders in Erinnerung“, erwiderte er und lachte zynisch. „Ich erinnere mich da an eine ziemlich verklemmte, aber trotzdem von allen vergötterte Prinzessin an der Biscayne Bay High School. Die Schule, dessen Postleitzahlbezirk das höchste Pro-Kopf-Einkommen des ganzen Bundesstaats hat.“ Memphis blieb stehen und machte einen Schritt auf sie zu. Unbehagen stieg in Kate auf; sie wusste, was er jetzt sagen würde. „Und diese Prinzessin war sich ganz eindeutig zu fein, einen gewöhnlichen Jungen von der städtischen Highschool eines weit weniger gehobenen Viertels auch nur eines einzigen Blicks zu würdigen.“

Kate spürte, wie sie rot wurde. Es hatte damals eine ganze Reihe von Gründen gegeben, warum sie den besten Freund ihres Bruders so kühl und reserviert behandelt hatte. Geld war nicht darunter gewesen. „Dann spinnt dein Gedächtnis offenbar.“

Mit hartem Blick starrte er sie an. „Nein, mein Gedächtnis funktioniert wunderbar. Aber du hast eine gestörte Wahrnehmung.“ Seine Augen blitzten, ließen sie nicht los. Verlangen und Unbehagen lieferten sich in ihrer Brust einen wilden Kampf. „Was typisch ist“, fuhr er fort, „denn du hast ja immer schon gerne den Kopf in den Sand gesteckt.“

Leider hatte er in diesem Punkt recht – ihre Ehe war ein schlagender Beweis.

Doch wenn sie sich jetzt darauf einließ, ihre Schwächen und Fehler zu diskutieren, würden sie nie zum Ziel kommen. „Ich bin nicht hier, um über die Vergangenheit zu sprechen, Memphis.“

Behutsam nahm er eine ihrer lockigen Strähnen und rieb sie leicht zwischen den Fingern, wobei sein muskulöser Unterarm beunruhigend dicht über ihrem Busen schwebte. „So einfach ist es nicht“, murmelte er. Ein warmes Pulsieren lief durch ihren Körper. Sie blinzelte ein paar Mal in der Hoffnung, dass ihr innerer Aufruhr sich nicht in ihrem Gesicht widerspiegelte. Doch sein steter Blick schien bis tief in ihre Seele zu dringen. Nachdenklich fügte er hinzu: „Es gibt kein Morgen ohne Gestern, und dummerweise sind die beiden durch das verbunden, was wir als ‚heute‘ kennen und womit wir uns herumschlagen müssen.“ Er spielte noch einen Moment mit der Haarsträhne und ließ die Hand dann sinken.

Als sie antwortete, klang ihre Stimme beinahe verzweifelt, sehr zu ihrem Missfallen. „Ich brauche deine Hilfe, Memphis.“ Pause. „Bitte.“

Für einen Sekundenbruchteil schien sein Blick weich zu werden. Sein Kiefermuskel zuckte. „Warum?“

Wie sollte sie das einem Mann erklären, der so wenig Empathie besaß wie er? „Ich musste mir heute von einer geschiedenen Frau anhören, wie sensationell sich ihr Liebesleben verbessert hat, nachdem ihr Versager von Ehemann sie verlassen hatte. Und dann hat sie mir noch dringend ans Herz gelegt, ich müsste sofort wieder rauf aufs Pferd, bevor es zu spät ist.“

Um seine Augen bildeten sich winzige Lachfältchen. „Klingt doch vernünftig.“

Sie verzog vorwurfsvoll das Gesicht. „Ich kann die ganzen Ratschläge nicht mehr hören.“

„Die Frau wollte dir nur ihr Mitgefühl zeigen.“

„Ich brauche kein Mitgefühl.“

„Ach nein? Ehrlich gesagt bin ich mir auch gar nicht sicher, ob du es verdienst.“

Sofort nagte das schlechte Gewissen wieder an Kate, doch sie tat so, als wüsste sie nicht, wovon er redete.

Memphis fuhr fort: „Hast du sonst niemanden, den du fragen kannst?“

„Sie sind alle nicht da.“

„Für Geld bekommt man doch heute alles – warum mietest du dir nicht einen Begleiter bei einem Escortservice?“

„Ich miete mir keine Begleitung“, gab sie zurück und verlor nur mit Mühe nicht die Beherrschung.

Vielsagend zwinkerte er ihr zu. „Sicher würde so ein Begleiter noch gewisse Extras bieten …“

Kate presste die Lippen zusammen und zählte stumm bis fünf. Dieser Sturkopf! Offenbar hatte er fest vor, sie für die Vergangenheit zahlen zu lassen.

Kurz schloss sie die Augen und atmete tief durch, versuchte, das übliche Gefühlschaos, das er in ihr entfachte, unter Kontrolle zu bringen. „Ich bin nicht auf Extras aus.“

Es vergingen einige Sekunden, bevor er sagte: „Sorry, Kate, aber ich werde für dich nicht den gutgläubigen Trottel spielen.“ Er schien fest entschlossen, sein Blick war wieder kalt und hart. „Ich bin auf deine Bitte-rette-mich-Tour schon einmal reingefallen; ein zweites Mal gibt es nicht.“

Sie schob die alten Schuldgefühle beiseite und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das aktuell anstehende Problem. Ein Ass hatte sie noch im Ärmel, um Memphis zu überzeugen. Ihr guter Name stand auf dem Spiel. Sie musste zu diesem Klassentreffen, koste es, was es wolle.

„Brian meinte bereits, du würdest mir nicht helfen“, sagte sie langsam. Der Name ihres Bruders ließ Memphis erstarren. Es entstand eine unangenehme Pause. „Er bittet dich, es für ihn zu tun.“

Jeder Muskel in Memphis’ Körper spannte sich, als er an das letzte Treffen mit Kate vor der Tür zu Brians Krankenhauszimmer dachte. Es war das einzige Mal gewesen, dass sie ihm so offen und unverblümt die Meinung gesagt hatte. Wütend hatte sie ihm die Zähne gezeigt und ein Temperament offenbart, von dessen Existenz er bis zum damaligen Zeitpunkt nur eine vage Ahnung gehabt hatte.

Auch jetzt wusste sie ganz genau, was sie wollte. Überhaupt schien sie sich verändert zu haben, und er fragte sich, inwiefern ihre gemeinsame Vergangenheit der Grund dafür war. Eingehend musterte er sie. Ein lockerer Knoten hielt ihr langes blondes Haar im Nacken zusammen, leger und doch irgendwie stilvoll.

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