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Nur du stillst meine Sehnsucht

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Kristin Hardy

Nur du stillst meine Sehnsucht

Noch nie zuvor war sie so fasziniert von einem Mann! Seit Jahren zieht Celie von Ort zu Ort – sie will einfach nicht sesshaft werden! Doch seit die junge Forstwissenschaftlerin den sympathischen Farmer Jacob Trask kennengelernt hat, ist alles anders. Bei diesem gut aussehenden Mann würde sie gern für immer bleiben. Aber ausgerechnet ihm, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt hat, muss sie eine niederschmetternde Nachricht überbringen. Wird Jacob sie nun hassen?

PROLOG

Vermont, November 2006

„Was soll ich?“ Entgeistert sah Jacob Trask den Teenager an.

Kelly Christiansen, die im Hofladen der Trask Family Farm an der Kasse aushalf, strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr zurück. „Sie wissen schon, Spenden sammeln. Unsere Cheerleadergruppe hat sich für den nationalen Wettkampf im Februar qualifiziert, aber wir haben die Reisekosten noch nicht zusammen. Wir brauchen Ihre Hilfe.“

Erleichtert holte Jacob sein Portemonnaie aus der Hosentasche. „Da kann ich sicher …“

„Nein, kein Geld. Es geht um …“ Sie sah kurz zur Decke. „Haben Sie schon mal diese Show im Fernsehen gesehen? Wo fünf Stylisten einen langweiligen Typen aufstylen?“

„Nein.“

„Na ja, wir wollen so was Ähnliches machen. Wir brauchen fünf Kandidaten und lassen alle anderen in der Gegend abstimmen, wer aufgestylt werden soll. Jeder, der abstimmt, muss was spenden.“

Jacob ahnte Schlimmes. „Und?“

„Wir wollen Sie dabeihaben.“

„Ich bin also ein langweiliger Typ?“

Kelly lief dunkelrot an. „Nein …, also, Sie sehen echt gut aus, Mr. Trask. Wir dachten nur, es sollte jemand sein, der …“ Sie zeigte auf seinen dichten schwarzen Vollbart und die vollen, kragenlangen Haare. „… der total anders aussieht, wenn man alles abschneidet. Die Lokalzeitung bringt ein Vorher-Nachher-Foto vom Gewinner auf der Titelseite.“

Auch das noch!

Sie war gar nicht mehr verlegen, sondern steigerte sich richtig in die Idee hinein. „Wir stellen Sammelbüchsen mit dem Foto jedes Kandidaten in den Geschäften der Stadt auf. Die Aktion läuft bis zum Neujahrstag, und danach zählen wir das Geld und ermitteln den Gewinner.“

„Und wann ist dieses Aufstylen?“

„Eine Woche später. Keine Sorge, wir machen es nicht selbst. Ein paar Stylistinnen in Montpelier sind bereit, uns einen Gefallen zu tun. Sie werden in guten Händen sein. Das Einzige, was Sie investieren müssen, ist ein wenig Zeit.“

Zeit. Ein kostbares Gut in diesem ersten Jahr nach dem Tod seines Vaters. Jacob trug die Verantwortung für die Zuckerahornfarm allein. „Ich glaube nicht …“

„Wir möchten den Wettkampf nicht verpassen, und dies ist die einzige Möglichkeit, das Geld aufzutreiben. Wollen Sie uns nicht helfen, Mr. Trask? Bitte!“ Kelly sah über die Schulter. Die Arme vor der Brust verschränkt, stand Jacobs Mutter Molly am Durchgang zum angrenzenden Café und beobachtete ihren Sohn.

„Kann ich nicht einfach hundert Dollar spenden, und damit ist die Sache erledigt?“

„Oh, mit Ihrer Hilfe könnten wir viel mehr zusammenbekommen. Wir haben die Ladenbesitzer gefragt, wen sie am liebsten aufgestylt sehen möchten, und Ihr Name wurde am häufigsten genannt. Sie werden uns eine Menge Spenden einbringen.“

Und mich zum Gespött der Leute machen.

„Ich finde die Idee ausgezeichnet“, mischte Molly sich ein. „Es ist bestimmt fünfzehn Jahre her, dass ich dein Gesicht das letzte Mal gesehen habe. Das wäre eine echte Abwechslung.“

Er brauchte keine Abwechslung. Ein Leben in geordneten, ruhigen Bahnen, das gefiel ihm. Er hatte genug, worüber er sich Gedanken machen musste.

Er hasste Veränderungen.

1. KAPITEL

Vermont, Januar 2007

Celie Favreau schimpfte leise vor sich hin und fuhr sich mit der Hand durch das kurze braune Haar. Unzählige Bäume erstreckten sich vor ihr: Buchen, Eschen, Birken, gelegentlich eine Kiefer und Zuckerahorn, ganze Wälder Zuckerahorn, das Wahrzeichen des Bundesstaates Vermont.

Sie liebte Ahornbäume. Schade, dass sie nicht im Herbst hier gewesen war, wenn die Bäume ihre berühmte rotgoldene Pracht entfalten. Heute sah sie das blasse Braun und Weiß einer schlafenden Winterlandschaft. Natürlich wusste sie, dass der Schein trog. Ende Januar stand der Frühling in den Startlöchern und ließ in den Bäumen die Säfte steigen. Die Natur erwachte.

Und mit ihr gefräßiges Leben.

Celie schielte auf die Wegbeschreibung in ihrer Hand, sah wieder auf den Kilometerstand. Ein Grund, warum sie Montreal den Rücken gekehrt hatte, um sich mit Forstwissenschaft zu befassen, war die Sehnsucht nach Weite gewesen. Auf Beton und Häuserschluchten konnte sie verzichten.

Auf Straßenschilder nicht, wie sie jetzt feststellte.

Allerdings hätte sie sich inzwischen daran gewöhnen müssen. In den letzten vier Jahren war sie zu Krisenherden in sieben verschiedene Bundesstaaten gereist. Alle paar Monate woanders zu leben, schreckte sie nicht. Im Gegenteil, immer der gleiche Trott, das wäre nichts für sie.

Ein Gebäude kam in Sicht. Ray’s Feed ’n’ Read stand auf dem Schild. Ein Landhandel mit Büchern, dachte sie und musste lächeln. Der Laden machte sie neugierig. Und vielleicht konnte ihr jemand den Weg zum Forschungsinstitut erklären.

Bullige Wärme schlug ihr entgegen, als sie die Tür öffnete. Links stand der Verkaufstresen, dahinter an der Wand hingen ein Leuchtreklameschild und ein Kalender, der für Rinderfutter warb. Der glatzköpfige Mann an der Kasse hörte sofort auf zu lächeln, als er sah, dass sie eine Fremde war, und nickte knapp.

„Guten Morgen.“ Celie betrat den sauber gefegten Zementfußboden. In einer Ecke stapelten sich Paletten mit Saatgut. Rechts entdeckte sie die Leseecke mit Bücherregalen und gemütlichen Polstersesseln. Unpassend in dieser Umgebung, aber Celie fühlte sich unwiderstehlich angezogen. „Einen netten Laden haben Sie.“

Der Laut, den er von sich gab, war kaum als Antwort zu bezeichnen.

Celie stellte sich vor die Regale und studierte die Buchtitel. Sie zog einen Krimi heraus und ging zum Tresen. „Was läuft besser – die Futtermittel oder das Lesefutter?“

„Oh, täuschen Sie sich nicht. Die Leute greifen schon mal zum Buch, vor allem im Winter. Wir haben hier sogar einen, der so viele Bücher kauft, dass ich mich frage, wie er es schafft, seine Zuckerahornfarm zu bewirtschaften.“ Er hielt den Scanner auf den Strichcode.

„Vielleicht liest er, um ein besserer Mensch zu werden.“

Der Mann schnaubte. „Jacob würde sagen, er ist gut genug so, wie er ist. Macht sechs Dollar fünfundzwanzig.“ Er ließ das Buch in eine braune Papiertüte gleiten.

Celie legte ihm einen Zwanziger hin. „Vielleicht können Sie mir helfen. Irgendwo hier muss das Woodward Maple Research Institute sein.“

„Ganz in der Nähe.“

„Würden Sie mir verraten, wie nah?“

„Ungefähr zwei Meilen Luftlinie.“

„Leider bin ich kein Vogel. Wie komme ich hin?“ Sie streckte die Hand nach dem Wechselgeld aus.

„Ach, Sie wollen den Weg wissen?“

„Wenn es Ihnen keine Mühe macht.“ Ihr Lächeln entlockte ihm endlich eine freundlichere Miene.

„Sie müssen in die Bixley Road.“ Er stützte sich mit beiden Hände auf dem Tisch ab. „Fahren Sie rechts vom Parkplatz runter, dann die Straße entlang, bis Sie an das Schild der Trask-Farm kommen. Die zweite Abzweigung links ist die Bixley Road. Sie können sie gar nicht verfehlen, sie führt hügelaufwärts. Nach drei Querstraßen ist das Institut ausgeschildert. Wenn Sie die Holzbrücke sehen, sind Sie zu weit gefahren.“

„Vielen herzlichen Dank.“

„Arbeiten Sie am Institut?“

„Kommt darauf an.“

„Worauf?“

Sie grinste. „Ob ich es finde.“

„Jacob Trask, wer hätte gedacht, was für ein hübscher Kerl du unter all den Haaren bist.“ Muriel Anderson, die behäbige Verkäuferin im Washington County Maple Supplies, musterte ihn von oben bis unten. „Fast hätte ich dich nicht erkannt. Diese Mädchen haben wirklich was aus dir gemacht.“

Diese Mädchen hatten ihn, bewaffnet mit Bartschneider, Scheren, Rasierschaum und -klinge, wie fleißige Bienen umschwärmt. Der Schock kam, als er in den Spiegel sehen durfte.

Den Vollbart trug er, seit er zwanzig war. Sein eigenes Gesicht kam ihm fremd vor. In sechzehn Jahren war es kantiger und das Kinn markanter geworden.

Eine Woche, hatte er sich gesagt, in einer Woche müsste ich wieder normal aussehen.

Leider wuchs mit dem neuen Bart auch eine beträchtliche Anzahl grauer Haare, viel mehr als vorher, hatte er den Eindruck. Sein Haupthaar war pechschwarz wie immer. Jacob beschloss, in Zukunft auf den Bart zu verzichten. Auch ein Mann durfte ein bisschen eitel sein, oder?

„Hi, Jacob“, schnurrte Eliza, Muriels zwanzig Jahre alte Tochter, als er an ihr vorbeiging.

Augenblicklich wünschte er sich seinen Bart zurück. Voller Unbehagen ließ Jacob den Sack Kieselmehl von der Schulter auf den Tresen gleiten. In letzter Zeit warfen ihm Frauen ständig Blicke zu. So viel Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt.

„Hast du es schon gehört? Drüben im Staat New York haben sie Bockkäferbefall festgestellt.“ Muriel tippte seine Einkäufe ein. „Sie mussten vier Hektar Zuckerahornbäume fällen, um die Biester zu erwischen.“

Vier Hektar? Ein herber finanzieller Schlag, von dem der Betrieb sich erst nach Jahrzehnten erholt haben würde. Zuckerahornbäume brauchten dreißig bis vierzig Jahre, bis sie erntereif waren. „Bist du sicher, dass sie nicht übertreiben?“

„Tom Bollinger hat’s gesagt, und auf den kann man sich verlassen.“ Muriel schüttelte den Kopf. „Du solltest weniger in Rays Büchern schmökern und mehr Zeit hier am Ofen verbringen, hören, was die Leute so erzählen. Du könntest was Nützliches erfahren.“

„Ich höre es lieber von dir.“ Er zwinkerte ihr zu, wie so oft im Lauf der Jahre. Erschrocken sah er, dass sie errötete.

„Ach, du.“ Wieder schüttelte sie den Kopf. „Reden ist längst nicht so anstrengend wie Unterholz hacken.“

Was Jacob betraf, so hackte er lieber Unterholz. Es gab nur eine Hand voll Menschen, in deren Gegenwart ihm das Reden leicht fiel. Muriel zählte dazu.

„Was mir in letzter Zeit zu Ohren kommt, ist nicht gerade beruhigend“, fuhr sie fort. „Vor zwei Wochen haben sich die Jungs vom Forschungsinstitut in Willoughbys Ahornwäldern rumgetrieben, an Bäumen rumgestochert und vor sich hin gemurmelt.“

Das alarmierte ihn. Willoughbys Pflanzungen grenzten direkt an seine eigenen.

„Sind seine Bäume befallen?“

„Keine Ahnung. Jedenfalls haben sie Proben genommen und erklärt, sie würden sich wieder bei ihm melden.“

Gedankenvoll schob er das Wechselgeld in die Hosentasche. „Wenn du ihn siehst, sag ihm, ich wünsche ihm Glück.“

„Du kannst es ihm selbst sagen. Morgen findet das Erzeugertreffen des Landkreises statt.“ Als er einen abfälligen Laut von sich gab, schnalzte sie tadelnd mit der Zunge. „Du solltest dich auf solchen Veranstaltungen blicken lassen, Jacob.“

„Tue ich doch.“

„Hingehen allein reicht nicht. Du musst mit den anderen reden, dich austauschen. Nur so erfährst du wichtige Informationen.“

Es genügte ihm, die Tagesordnung aufmerksam zu verfolgen. Was er sonst wissen wollte, erfuhr er übers Internet. Jacob hatte nie begriffen, warum man endlos lange zusammenstand, um alles Mögliche durchzuhecheln und sich in Spekulationen hierüber und darüber zu ergehen. Seine Arbeit gefiel ihm, er verstand etwas davon. Alles andere war reine Zeitverschwendung.

Feed ’n’ Read lag bereits einige Meilen hinter ihr, und Celie wurde das dumme Gefühl nicht los, dass sie eine Abzweigung verpasst hatte. Sie war an mehreren Kieswegen vorbeigekommen, hatte aber keine Straße entdeckt. Jedenfalls nicht das, was sie sich darunter vorstellte – eine Asphaltdecke und von Zeit zu Zeit ein Straßenschild. Vielleicht meinte der Mann im Futterhandel die Kieswege? Oder gehörten sie zu einem Wegesystem im Sugarbush, dem Zuckerahornwald, in dem der Ahornsaft geerntet wurde? Vielleicht führten sie auch zu einem Haus.

Celie blieb zuversichtlich. Wahrscheinlich war dies die Bixley Road. Eine Holzbrücke hatte sie nicht gesehen, also musste das Institut hier irgendwo sein. Soweit sie wusste, lag es mitten in einem Zuckerwald. Er war auffallend gut in Schuss, wie es sich für ein Forschungsinstitut gehörte. Sicher befand sie sich längst auf dem Gelände.

Während sie dahinfuhr, betrachtete sie aus reiner Gewohnheit die Bäume. Plötzlich entdeckte sie etwas, fuhr an den Straßenrand und hielt. Schwache Zeichen nur, aber die Riffelung am Stamm und die leichte Verdickung am Fuß des Baumes alarmierten sie sofort. Das musste sie sich näher ansehen. Hoffentlich war es nicht das, was sie befürchtete.

Sie stellte den Motor ab und holte ihre Arbeitstasche vom Rücksitz. Da sie sich bereits verspätet hatte, kam es auf ein paar Minuten auch nicht mehr an. Und dies hier war eindeutig wichtiger.

Celie trug Wanderschuhe, wie immer, wenn sie unterwegs war. In ihrem Job musste sie jederzeit mit spontanen Ausflügen in unwirtliche Natur rechnen. Auch das gefiel ihr daran. Zugegeben, in Montreal aufzuwachsen, war spannend gewesen, aber ihre Kindheit und Jugend war in festen, genau strukturierten Bahnen verlaufen. Geprägt von Cité D’Île, dem Buchladen und ganzen Lebensinhalt ihrer Eltern. Celie dagegen sah ihre Bestimmung nicht in der Welt der Bücher. Sie war ausgezogen, um eine Plage zu bekämpfen, die mächtig genug war, um sämtliche Zuckerahornwälder von Nordamerika zu zerstören.

Sie überquerte einen schmalen Wasserlauf und hielt sich parallel zur Straße. Hier maßen die Bäume vierzig, fünfundvierzig Zentimeter im Durchmesser. Ein stattliches, ordentlich gepflegtes Wäldchen. Keine Frage, sie befand sich auf Institutsgelände. Tut mir leid, Leute, dachte sie, ich werde euch keine guten Nachrichten bringen.

Aufmerksam begutachtete sie die Stämme, kniete an einem Baum nieder, inspizierte ihn, dann den nächsten. Es war nicht einfach, den wiederzufinden, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Nach sechs Versuchen hatte sie ihn. Celie holte ihre Lupe heraus und hockte sich in den Schnee. Konzentriert auf ihre Arbeit hörte sie die vorbeifahrenden Autos nicht, und sie achtete nicht auf die Kälte, die ihr in die Glieder kroch.

Ja, da waren winzige Löcher, zwar nicht die typischen runden, die auf den Bockkäfer hindeuteten, sondern mit unregelmäßigen Rändern. Käferbefall oder normale Veränderungen der Rinde? Celie öffnete einen Reißverschluss ihrer Tasche und zog einen feinen Metallspatel heraus.

Als sie an einem der Löcher kratzte, förderte sie eine krümelige dunkle Substanz zutage. Verrottete Rinde oder der zerstörerische Pilz, den der Bockkäfer von Baum zu Baum trug? Gedankenverloren rieb sie das Material zwischen den Fingern. Schließlich steckte sie den Spatel in ein Glasröhrchen. Im Labor würde sie mehr herausfinden.

Hundegebell schreckte sie auf, und sie ließ das Röhrchen fallen. Als sie sich umdrehte, vergaß sie einen Moment, Luft zu holen. Ein Mann kam auf sie zu. Mit der Lederfransenjacke und dem fast schulterlangen rabenschwarzen Haar, begleitet von einem schwarzen Hund, sah er aus wie aus einem anderen Jahrhundert. Er kam ihr riesig vor, bestimmt einsneunzig, und er hatte Schultern wie ein Footballspieler. Sein Gesicht war kantig, mit ausgeprägten Wangenknochen. Der dunkle Bartschatten verlieh ihm etwas Verwegenes. Das Auffallendste jedoch waren seine Augen – leuchtend blau und tiefgründig. Jetzt blitzten sie gefährlich.

„Verraten Sie mir mal, was Sie an meinen Bäumen zu suchen haben?“

Für gewöhnlich stieß Jacob nur im Herbst auf Leute, die seinen Besitz unbefugt betraten. Touristen auf der Suche nach dem schönsten Blick auf die bunte Laubfärbung der Ahornwälder. Menschen, die glaubten, überall herumlaufen zu können, solange es keine Zäune gab. Sie stampften mit ihrem Getrampel die Erde zusammen, was den Wurzeln schadete, und beeinträchtigten die Gesundheit der Bäume, wenn sie sie streiften und versehentlich Zweige abbrachen.

Der schäbige, stellenweise rostige Kleintransporter, hinter dem er gehalten hatte, kam nicht von hier. Das verrieten die fremden Nummernschilder. Dass sein Besitzer sich die Bäume nicht nur ansehen wollte, begriff Jacob in dem Moment, als er ihn vor einem Baum hockend fand. Entschlossen, ihn von seinem Anwesen zu vertreiben, marschierte er auf den Jungen zu.

Der Eindringling blickte auf. Überrascht stellte Jacob fest, dass er keinen Teenager, sondern eine zierliche junge Frau mit kurzen dunkelbraunen Locken vor sich hatte.

Murphy bellte, wie es sich für einen furchterregenden Wachhund gehörte – allerdings nur so lange, bis sie auf ihn einsprach und ihn hinter den Ohren kraulte. Sofort wedelte er mit dem Schwanz, der Verräter.

„Hi, Süßer“, schmeichelte sie, „was bist du für ein schöner Hund. Das gefällt dir, was?“ Sie rieb seine Brust, und Murphy ließ sich in den Schnee fallen, rücklings, alle viere von sich gestreckt. Von wegen Wachhund!

Sie schaute auf. Ihr Lächeln war atemberaubend. „Entschuldigen Sie, ich habe Ihr Gelände nicht in böser Absicht betreten. Ich dachte, dieser Wald gehört zum Forschungsinstitut. Ihre Forstmethoden sind spitze, wirklich spitze. Deshalb habe ich die Bäume ja auch für Institutspflanzungen gehalten“, plapperte sie munter drauflos, während sie in Windeseile ihre Arbeitsgeräte verstaute und die Tasche zuzog.

Eine ziemlich professionell aussehende Tasche. Jacob runzelte die Stirn.

„Das hat mich in die Irre geführt“, fuhr sie fort. „Ich hätte nicht erwartet, dass ein Ahornfarmer seinen Wald so gut in …“

„Wer sind Sie?“, unterbrach er sie. „Was machen Sie hier?“

„Ich schaue mir nur die Bäume an. Ein Versehen, mehr nicht.“ Sie stand auf. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, schaute sie zu ihm hoch. „Mann, Sie sind ganz schön groß.“

Die Kälte rötete ihre Wangen, in ihren braunen Augen tanzte ein Lachen. Doch sie verrieten noch mehr – Wachsamkeit, einen scharfen Verstand. Sie war bestimmt dreißig Zentimeter kleiner als Jacob und bildete mit ihrem knallroten Parka einen leuchtenden Farbtupfer in der öden Winterlandschaft. Jacob fand ihre dunklen Mandelaugen und den üppigen Mund verlockender, als ihm lieb war.

Sie bückte sich, um Murphy ein letztes Mal zu tätscheln. „Wie gesagt, es tut mir leid. Ich wollte Ihr Land nicht unbefugt betreten.“ Flink ging sie um ihn herum, sprang über den Wassergraben und marschierte auf den zerbeulten roten Wagen zu. „Bäume faszinieren mich, und manchmal denke ich nicht nach, bevor ich sie genauer anschaue. Aber ich verschwinde jetzt.“ Sie öffnete die Tür und stieg ein, ehe ihm klar wurde, dass sie sich tatsächlich davonmachte.

Und dann war sie weg. Nur die schmalen Spuren im Schnee zeigten, dass sie überhaupt hier gewesen war.

Celie hatte immer noch Herzklopfen. Der Mann war umwerfend. Es sollte verboten werden, dass er durch Wälder streifte und sich unbemerkt an Frauen heranschlich! Großer Gott, sie bekam feuchte Hände, wenn sie nur an ihn dachte … Außerdem hatte sie Mist gebaut. Ihr Boss würde ihr die Hölle heiß machen. Institutsmitarbeitern war es streng untersagt, fremdes Eigentum ohne Erlaubnis zu betreten. Ja, Gavin Masterson wäre begeistert, wenn er davon erfuhr!

Vorausgesetzt, er erfuhr überhaupt davon.

Stumm sandte sie ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Hüne – und was für ein Hüne! – den Vorfall nicht an die große Glocke hängte.

„Gott sei Dank“, murmelte sie, als das Schild des Woodward Institute auftauchte.

Das Institut war in einem schlichten zweigeschossigen Gebäude mit butterkeksgelben Wänden und einem blassbraunen Dach untergebracht. Dahinter entdeckte sie den hohen, spitz zulaufenden Dampfabzug einer Zuckerhütte. Ahornbäume erstreckten sich in alle Richtungen.

Der Eingangsbereich war leer, eine hüfthohe Holzbalustrade mit Tür und Glocke trennte ihn von den Arbeitsräumen. Einige Türen standen offen, Wintersonnenstrahlen ergossen sich auf den Flur.

Am Kopiergerät stand ein Bärtiger in Flanellhemd und Jeans.

Er sah auf, als sie näher kam. Seine Goldrandbrille reflektierte das Sonnenlicht. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich suche Bob Ford.“

„Sie haben ihn soeben gefunden.“ Er sammelte seine Kopien zusammen und zog das Original von der Glasplatte. „Sie sind Celie?“

Sie nickte. „Tut mir leid, dass ich spät dran bin. Es war ziemlich abenteuerlich, den richtigen Weg zu finden.“

„Das überrascht mich nicht. Wir müssen dringend unsere Wegbeschreibung aktualisieren. Hereinspaziert.“ Er öffnete die Holztür und streckte Celie die Hand entgegen. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Kommen Sie, mein Büro ist dort hinten.“

Sie folgte ihm den Flur entlang. „Wow!“, stieß sie hervor, als er die Tür öffnete. Eine breite Fensterfront gab den Blick auf den Zuckerwald dahinter frei. „Einen tollen Ausblick haben Sie hier.“

„Ein Eckbüro.“ Weiße Zähne blitzten in dem sorgfältig gestutzten Silberbart. „Der Vorteil der Führungsposition.“

Bob Ford deutete auf einen Sessel, und Celie nahm Platz. „Es ist wunderschön hier.“

„Das finden wir auch. Leider wird es nicht so bleiben, wenn Ihr Käfer ausschwärmt.“

Ihr Käfer. Celie hatte sich noch in der Schule für die spezielle Bockkäferart interessiert, die vor allem Ahornbäume befiel. Horrende Zahlen belegten den Schaden, den das kleine Insekt in Asien angerichtet hatte. Sie machte die Suche nach einer wirksamen Bekämpfungsmethode nicht nur zum Thema ihrer Doktorarbeit, sondern zu einer persönlichen Mission. Als sich herausstellte, dass der Käfer auch die nördlichen Wälder der Vereinigten Staaten bedrohte, wurden sie und ihr Doktorvater Jack Benchley in das wissenschaftliche Beratergremium berufen, das einen Aktionsplan erarbeiten sollte. Von dort war es für sie nur ein kurzer Schritt gewesen, die Leitung des staatlichen Bekämpfungsprogramms zu übernehmen.

„Wie sieht es aus? Haben Sie die Lage in New York unter Kontrolle?“

Gute Frage. „Wir haben eine Menge Bäume fällen müssen. Ob es hilft, weiß ich nicht. Ich schätze, auf unsere Art sind wir genauso zerstörerisch wie der Käfer.“

„Sie vernichten nicht um der Zerstörung willen.“

„Das tut er auch nicht. Er sichert sich die Erhaltung seiner Art, tut, was das Leben ihm vorschreibt.“ Leider gefräßig und unersättlich. „Wissen die Zuckerfarmer, dass man Anzeichen für einen Befall entdeckt hat?“

„Wir haben einige Bestände untersucht, aber nichts verlauten lassen. Ich wollte Ihnen nicht vorgreifen. Morgen Abend treffen sich die Ahornfarmer der Gegend zu einer offiziellen Versammlung. Sie könnten sie mit Einzelheiten vertraut machen und erklären, was sie unter Umständen erwartet.“

Draußen waren Stimmen zu hören. Ford warf einen Blick zur Tür und presste kurz die Lippen zusammen. „Sie sollten wissen“, begann er, „dass ein Vertreter der Forstverwaltung von Vermont das Projekt überwachen wird.“

Ihre Nackenhärchen richteten sich auf. „Überwachen? Es handelt sich um ein Regierungsprogramm. Ich leite es.“

„Nicht in meinem Bundesstaat“, erklang eine Stimme von der Tür her.

Ohne sich umzudrehen, wusste sie, wer hinter ihr stand. Dick Rumson, der Leiter des hiesigen Forstschutzamtes. Unterqualifiziert und aus rein politischen Gründen zum Leiter ernannt, gelang es ihm immer wieder, weitaus fähigere Leute aufgrund seiner Beziehungen auszubooten. Er hatte sich einen Sitz im Beratergremium gesichert und Celies und Benchleys Erkenntnisse halsstarrig angezweifelt. Zum Glück konnten sie jede Aussage hieb- und stichfest belegen. Rumson war der Einzige gewesen, der gegen den Maßnahmenkatalog stimmte. Seiner säuerlichen Miene nach zu urteilen, nahm er ihr die Niederlage immer noch übel.

„Dick“, sagte sie und erhob sich, um ihm die Hand entgegenzustrecken, „schön, Sie wiederzusehen.“

„Wir kommen allein zurecht.“ Rumson ignorierte sie und starrte Bob Ford an. „Wir brauchen hier keine Regierungsvertreter.“

„Für eine solche Einschätzung ist es sicher noch zu früh.“ Celie steckte die Hände in die Jackentaschen. „Die Mitarbeiter des Instituts haben Grund zu der Annahme, dass ein Befall vorliegt, und ich denke, sie könnten recht haben. Aber wir werden mehr wissen, sobald ich ein paar Untersuchungen vorgenommen habe.“ Sie spielte mit der Münze in ihrer Tasche, fand eine Büroklammer – und ein Glasröhrchen. Wann hatte sie das eingesteckt?

„Wir haben bereits Inspektionen durchgeführt und nichts gefunden. Sie verschwenden nur Ihre Zeit.“

„Hören Sie, Dick“, mischte Ford sich ein, „Sie wissen, dass wir …“

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