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Nur du machst meine Träume wahr

1. KAPITEL

Normalerweise hatte Jackson North vor Prügeleien ja keine Angst. In seinen zweiundvierzig Jahren war er oft genug in heikle Situationen geraten und konnte damit umgehen.

Wenn ihn ein Hinterwäldler in einer Bar schief anguckte, spendierte er ihm so lange Drinks, bis die Nervensäge freundlicher wurde – oder vom Barhocker fiel. Wenn ihn ein Typ quer durch den Raum finster anstarrte, ignorierte er ihn. Und wenn die Sache doch mal außer Kontrolle geriet, verteidigte er sich eben mit den Fäusten und kümmerte sich später um die Folgen.

Doch diesmal wollte er mit der Angelegenheit einfach nichts zu tun haben. Er war zu ausgebrannt, um den Schlichter zu spielen, zu desillusioniert und zu müde.

Als ihn ein Schlag streifte, der eigentlich einem hinter ihm kauernden Gegner galt, war Flucht sein erster Gedanke. Nervös blickte er auf die beiden Kinder hinunter – ein Junge und ein Mädchen. Die beiden zankten sich heftig und benutzten ihn dabei als Deckung.

Der Junge, der den Schlag ausgeteilt hatte, rückte näher, bis er fast an Jacksons Bein lehnte, und drohte: „Ich krieg dich schon noch!“

„Gar nicht, gar nicht!“, tönte das Mädchen, das sich hinter seinem anderen Bein versteckte. Jackson bekam auf einmal keine Luft mehr. Warum mussten sie sich gerade ihn aussuchen?

Aus sicherer Entfernung hatte er dem Treiben auf dem Wohltätigkeitsfest zugeschaut. Ponyreiten und Spiele für die Kinder, ein Wettbewerb im Chili-Kochen und verschiedene Jahrmarktsbuden sorgten auf dem Gelände der Oakvale Ranch für beste Unterhaltung. Gelächter und Countrymusic erfüllten die Luft.

Aus dem Nichts waren dann plötzlich diese beiden Kinder aufgetaucht. Warum hatte er auch auf seinen Boss Rip McCain gehört? Dessen Idee war es gewesen, dass er und die anderen Rancharbeiter zu dem Fest gingen und sich, wie Rip es ausdrückte, „unters Volk mischten“.

Verdammt! War es nicht schon schlimm genug, dass er bald mit einem Kind unter einem Dach leben musste? Rips Großneffe hatte bei einem Unfall beide Eltern verloren, und da Rip der einzige noch lebende Verwandte des Jungen war, würde er ihn aufnehmen.

Wenn Jackson das vorher gewusst hätte, hätte er nie auf Rips Ranch angeheuert. War es schon wieder an der Zeit, weiterzuziehen?

Das kleine Mädchen unterbrach seine Gedanken. „Hör auf damit, Konrad“, quäkte es. „Sonst erzähl ich Mom, wie gemein du bist.“

Nun lehnte sich der Junge tatsächlich an Jacksons Bein. Die Berührung ließ diesen erstarren und schnürte ihm die Kehle zu. Die Erinnerung an seine beiden Söhne überwältigte ihn.

„Kinder …“, brachte er krächzend hervor und hob abwehrend die Hände. Er hätte sich schon längst aus dem Staub machen sollen, aber der Fluchtweg war ihm abgeschnitten, er war eingekesselt.

Das Mädchen teilte jetzt ebenfalls Schläge aus, und der Junge umklammerte Jacksons Oberschenkel – so wie früher sein dreijähriger Sohn Lucas.

Früher, als Jackson noch ein eigenes Leben hatte.

Instinktiv legte er Konrad die Fingerspitzen auf den Kopf und bildete sich einen schmerzhaften Moment lang ein, den rotbraunen Haarschopf seines Sohnes zu fühlen. Und das sommersprossige Gesicht seines fünfjährigen Leroy vor sich zu sehen.

Doch als Konrad fragend zu ihm aufschaute, zog Jackson hastig die Hand weg. Dies war nicht Lucas und auch nicht Leroy, sondern ein ihm völlig unbekanntes Kind.

„Konrad! Alina!“ Eine weibliche Stimme riss ihn aus seinen Grübeleien.

Als Jackson in Panik einen Schritt von den Kindern zurücktrat, stieß er beinah mit der Frau zusammen und hielt sie an der Schulter fest, als sie ins Stolpern geriet.

Er sah gerade noch ihre unglaublich blauen Augen, bevor er den Blick senkte, sie schnell losließ und die Daumen in den Hosenbund seiner Jeans steckte.

Obwohl er sie lachen hörte, schaute er nicht zu ihr auf.

„Sie Armer“, sagte sie. „Haben die Terror-Zwillinge Sie als menschlichen Schutzschild benutzt?“

Während er versuchte, so gut wie möglich mit dem Hintergrund zu verschmelzen, gab Jackson einen unbestimmten Laut von sich, der hoffentlich als Antwort genügte. Er brauchte unbedingt eine kleine Pause, um sich wieder zu fassen.

„Also, ihr zwei“, hörte er sie zu den Zwillingen sagen, „ihr solltet euch wirklich bei diesem Mann dafür entschuldigen, dass ihr ihn in euren dummen Streit hineingezogen habt.“

Während sich die Fremde mit den Kindern beschäftigte, blickte er vorsichtig hoch. Sie trug eine hellblaue, kurzärmelige Bluse, einen mit Blumen bedruckten, knöchellangen Rock und einen Sonnenhut, um ihre helle Haut vor der Augustsonne zu schützen. Weißblondes langes Haar umrahmte ihr Gesicht, und als sie ihn ansah und lächelte, fiel ihm zum zweiten Mal das leuchtende Blau ihrer Augen auf.

Jackson räusperte sich und blinzelte. Er hatte sie angestarrt. Vielleicht war es jetzt doch an der Zeit, was zu sagen.

„Die Kinder sollten sich nicht bei mir entschuldigen, sondern beieinander“, bemerkte er.

Der kleine Junge zuckte die Achseln. „Wir streiten uns dauernd.“

„Ja, genau“, stimmte das Mädchen zu.

Mit gespielter Strenge zupfte die Blondine die Kinder an den Ohren. „Ihr seid eurer Mom ja eine schöne Hilfe. Jetzt, wo euer kleiner Bruder da ist, seid ihr doch die Großen und solltet euch wirklich besser benehmen!“

Die Zwillinge kicherten, und Jackson entfernte sich noch ein paar Schritte. Erinnerungen machten ihm das Herz schwer. Erinnerungen an seine Familie. An seine Kinder. An den Schmerz.

„Wir sind jetzt ganz brav, Felicia“, versprach das Mädchen und umarmte die Frau.

Der Junge machte es ihr nach. „Sei bitte nicht mehr sauer, okay?“

Wieder lachte sie. „Na gut, aber wenn ihr euch wieder haut, gibt’s richtig Ärger, verstanden?“

Jackson konnte den Blick nicht von ihr abwenden.

„Und jetzt ab zu eurer Mutter.“ Sie scheuchte die Zwillinge in Richtung Karussell, wo eine Frau mit einem Baby auf dem Arm stand. Die Kinder rannten freudig auf sie zu, und Felicia sah ihnen nach. Auf einmal wirkte sie traurig. Seufzend verschränkte sie die Arme vor der Brust.

Einen Moment lang stand sie schweigend da, dann straffte sie sich, lächelte wieder und kam auf ihn zu.

„Tut mir wirklich leid, dass die beiden Sie belästigt haben“, sagte sie.

„Ach was, das macht doch nichts.“ Konnte er das Fest jetzt schon verlassen, ohne dass Rip ihm nachher eine Standpauke hielt, weil er so ungesellig war? Aber ganz so dringend wollte er jetzt eigentlich gar nicht mehr weg. Schließlich fing die Sache gerade an, ein wenig interessant zu werden.

Ihr Parfum duftete nach Sommerblumen.

Entnervt schloss Jackson für einen Moment die Augen, um diese dummen Gedanken loszuwerden. Flirts und Beziehungen waren nichts für ihn. Schon seit Jahren nicht mehr.

Nachdem er sich innerlich zur Vernunft gerufen hatte, schaute er die Frau wieder an. Die streckte ihm die Hand entgegen. „Felicia Markowski. Ich arbeite auf der Oakvale Ranch als Haushälterin.“

Er zögerte die Berührung so lange wie möglich hinaus, fluchte dann still in sich hinein und umschloss ihre schlanken Finger. Die Wärme ihrer Hand und das leichte Kribbeln, das plötzlich seinen Arm hochschoss, versuchte er zu ignorieren. Hastig ließ er sie los.

„Jackson North“, stieß er hervor. „Von der Hanging R Ranch.“

„Na, so was.“ Es schien ihr nichts auszumachen, dass er ihre Hand fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. „Der alte Rip hat doch schon ewig niemanden mehr eingestellt.“

Jackson trat von einem Bein aufs andere und hoffte, dass er sich bald davonmachen konnte.

„Das ist ja eine Überraschung“, fuhr sie unbekümmert fort. „Schließlich heißt es immer, dass er fast pleite ist. Dabei würden die Leute hier für Rip McCain alles tun, aber er will einfach keine Hilfe annehmen.“

Jackson dachte an die heruntergekommenen Gebäude auf der Ranch, an die schrumpfenden Rinderherden, die verrosteten Werkzeuge und die kaputten Zäune. Aber er sagte kein Wort.

Offenbar fiel ihr auf, wie unangenehm ihm die Unterhaltung war, denn sie lächelte nicht nur freundlich, sondern auch ein wenig belustigt.

„Sie heißen also Jackson, ja? Kann ich Sie Jack nennen? Schließlich sind wir Nachbarn.“

Wenn er es erst mal zurück auf die Ranch geschafft hatte, würde sie ihn sowieso nie wieder zu Gesicht bekommen. „Wenn’s Ihnen besser gefällt …“

„Tut es.“ Sie lachte melodisch. „Und wie sind Sie in dieser Gegend gelandet, Jack?“

„Ich … Na ja, so wie die meisten Rancharbeiter, nehm ich an.“

„Oh, ein Mann, der seine Privatsphäre schätzt. Schon kapiert.“ Seine Einsilbigkeit schien sie nicht zu stören. Im Gegenteil, sie gab sich so freundlich und offen, dass es fast den Anschein hatte, er interessierte sie.

Ja, sicher, verspottete er sich selbst. Attraktive Blondinen flogen schließlich immer auf Typen wie ihn, mit sonnengegerbtem Gesicht und doppelt so alt. Ganz zu schweigen von seiner überaus charmanten Art.

Besser, er machte sich jetzt endlich aus dem Staub, sonst wurde er am Ende noch in eine richtige Unterhaltung verwickelt, und so etwas hasste er wie die Pest. Schließlich würde das alles nur dazu führen, dass er eine Ausrede finden musste, warum er die Frau nicht wiedersehen wollte.

Verdammte Scheidung, dachte er. Verdammte Angst.

Er tippte an seine Hutkrempe und wollte gerade losmarschieren, als eine Windbö ihren Hut erfasste und davontrug. Bildete er sich das nur ein, oder hatte sie gar nicht versucht, ihn festzuhalten?

„Huch“, sagte sie ganz unschuldig.

Der Hut rollte über den kurz geschnittenen Rasen, und automatisch lief er ihm nach, fing ihn ein und überreichte ihn ihr.

„Danke.“ Jetzt strahlte sie ihn an, als hätte er gerade ein Hundebaby vor dem Ertrinken gerettet.

Für den Bruchteil einer Sekunde erlaubte er sich, ihre Bewunderung zu genießen. Dann wehrte er ab: „Keine Ursache.“

Als er sie verstohlen ansah, bemerkte er, dass sie ihn ungeniert von Kopf bis Fuß musterte. Unversehens überfiel ihn heißes Verlangen. Gefahr! Vor seinem inneren Auge erschien eine rote Signallampe.

Er räusperte sich, und sie errötete kurz. Als sie sich in Bewegung setzten, machte sie lächelnd eine kleine einladende Kopfbewegung.

Mitkommen sollte er? Wie eine Marionette tat er genau das. Früher wäre er einer schönen Frau ganz selbstverständlich meilenweit gefolgt. Konnte es schaden, sich für ein paar Minuten wie damals zu fühlen? Vielleicht nicht.

Sie spazierten langsam nebeneinander her, und es gefiel ihm, sie neben sich zu spüren. Sehr sogar. Als sie an der Mutter und ihren Zwillingen vorbeikamen, winkten ihnen alle drei zu, und die Frau mit dem Baby auf dem Arm rief: „Nachher wird Polka getanzt, Felicia. In anderthalb Stunden! Du machst doch mit?“

Felicia streckte den Daumen hoch. Doch als sie sich wieder zu Jackson umdrehte, sah er eine Traurigkeit in ihren Augen, die er nicht deuten konnte.

„Sie ist meine Cousine“, erklärte sie. „Die Zwillinge heißen Alina und Konrad, das Baby Stan.“ Ihre Stimme klang belegt, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein, denn im nächsten Moment lächelte sie schon wieder. „Soll ich Sie noch ein paar anderen Nachbarn vorstellen?“

„Ich … ich muss wirklich zurück. Zur Arbeit. Sie wissen schon.“ Wieso klang er nur so steif und gehemmt? Sie war schließlich nicht die erste Frau, mit der er zu tun hatte. War er in den letzten Jahren wirklich so ein ungehobelter Klotz geworden?

„Dann bringe ich Sie zum Tor“, sagte sie.

Verführerisch, aber … besser nicht. Mit einem Spaziergang zum Tor fing es an, als Nächstes kam eine Einladung zum Essen. Und schon hatte man eine Beziehung. Und Kinder …

Er schüttelte schnell den Kopf. „Nicht nötig, aber danke für das Angebot.“

Wieder lachte sie laut. „Na, redselig sind Sie nicht gerade, was?“

Ihre fröhliche und unbekümmerte Art machte Jackson den Altersunterschied besonders deutlich. Wieso konnte er nicht wenigstens ein bisschen lockerer sein? Ihr zuliebe wollte er es zumindest versuchen.

„Das war also Ihre Cousine?“, bemerkte er. Nicht gerade tiefschürfende Konversation, aber immerhin ein Anfang.

„Tja, irgendwie ist hier die Hälfte der Leute mit mir verwandt.“ Sie deutete auf eine Gruppe schreiender Kinder, die sich um ein paar Stofftiere stritten.

„Sie stammen alle aus der Gegend hier?“ Na also, das ging ja schon besser.

„Oh ja. Meine Vorfahren sind vor über hundert Jahren aus Polen eingewandert. Kennen Sie die Kirche in Wycliffe? Meine Familie hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei ihrem Bau geholfen.“

Er nickte, obwohl er die Bar besser kannte als die Kirche.

Sie erreichten die Mitte des Festplatzes mit der Musiktribüne und den Jahrmarktsbuden. Der Duft von Fettgebackenem und Zuckerwatte lag in der Luft. Vor einem der Stände blieben sie stehen. Eine große Kristallkugel lag dort auf einem rotsamtenen Kissen, daneben ein Schild, auf dem die Worte „Bin gleich zurück“ standen.

Jackson fiel auf, dass viele Besucher mehr oder weniger auffällig zu ihnen herüberschauten. Das passte ihm gar nicht, und er fühlte sich erneut völlig fehl am Platz. Wurde vielleicht irgendwas von ihm erwartet?

„Ignorieren Sie sie einfach“, sagte Felicia. „Bei uns fühlt sich jeder zum Kuppler berufen. Aber es gibt ein einfaches Gegenmittel: Reden Sie einfach mit jedem Mädchen, das Ihnen heute über den Weg läuft. Dann haben Sie Ihren Ruf als Schürzenjäger weg, und keiner dieser Hobby-Ehevermittler wird sich mehr an Sie heranwagen.“

Als er sie etwas ratlos anschaute, fuhr sie aufgekratzt fort: „Mütterlicherseits habe ich übrigens deutsche Gene. Eine multikulturelle Familie sozusagen. Mein Polkatalent hab ich von meinem Vater und …“

Sie unterbrach sich unvermittelt. „Ich rede zu viel, oder?“

Na ja, eher ununterbrochen, aber es störte ihn nicht besonders. Wahrscheinlich würde er sie sowieso nie wiedersehen.

Er wollte gerade antworten, als sie fortfuhr: „Ich versuche ernsthaft, mir das abzugewöhnen. Zu viel zu reden, meine ich. Ich möchte, dass Sie sich wohlfühlen, aber ich übertreibe es wahrscheinlich ein bisschen. Oder?“

Sie holte Luft, um sich selbst eine Antwort zu geben, hielt dann aber inne und schaute zu einer Gruppe älterer Frauen hinüber, die sie mitleidig anstarrten. Als Felicia den Blick abwandte, sahen auch sie kopfschüttelnd in eine andere Richtung. Was hatte denn das zu bedeuten?

„Nun denn“, meinte sie, ohne auf den Zwischenfall einzugehen. Sie deutete auf den Stand mit der Kristallkugel. „Da sind wir. Ich helfe hier aus und sammle Geld für einen wohltätigen Zweck.“

„Am Stand der Wahrsagerin?“, fragte Jackson verblüfft.

„Genau. Möchten Sie, dass Madame Carlota Ihnen die Zukunft vorhersagt? Reichtum, Glück und … Liebe?“

Hastig trat Jackson einen Schritt zurück. Wenn seine Zukunft auch nur die geringste Ähnlichkeit mit seiner Vergangenheit hatte, wollte er lieber nichts darüber wissen.

Offenbar hatte Felicia seine Körpersprache richtig gedeutet. Sie lächelte zwar weiterhin, ließ aber die Schultern hängen, als hätte er sie enttäuscht.

War sie eine dieser Frauen, die sich an jeden neuen Mann in der Gegend heranmachten? Dann zeigte er ihr besser sofort und unmissverständlich, dass er nicht interessiert war.

„Ich sollte Sie nicht länger von der Arbeit abhalten“, erklärte er, tippte wieder an den Hut und zog einen Zwanzigdollarschein aus seiner Brieftasche. „Das ist für den wohltätigen Zweck.“

„Wollen Sie wirklich keinen Blick in die Zukunft werfen?“, drängte Felicia.

Er schüttelte heftig den Kopf, grüßte noch mal und wandte sich zum Gehen. Dabei stieß er in seiner Eile beinahe mit einer anderen Frau zusammen. Das droht zur Gewohnheit zu werden, schoss es ihm durch den Kopf.

Diesmal irritierte ihn eine schlanke Brünette in einem Wahrsagerkostüm, deren langes dunkles Haar ihr unter einem mit Goldmünzen verzierten Kopftuch in Wellen über die Schulter fiel. Als er an ihr vorbeiging und knapp den Zusammenstoß vermied, streiften ihre Fingerknöchel seinen Arm, und sie sah ihn aus tiefbraunen Augen überrascht an.

Jackson hatte das Gefühl, als lese sie in seiner Seele wie in einem offenen Buch.

Er entschuldigte sich hastig, drehte sich auf dem Absatz um und stürmte davon. Noch nie hatte er sich so nach seinen eigenen vier Wänden gesehnt. Dort war er wenigstens vor Leuten sicher, die versuchten, hinter seine missmutige Fassade zu sehen. Seine Geheimnisse gingen schließlich niemanden etwas an.

Völlig hin und weg schaute Felicia Jack North hinterher.

Wow.

Nun ja, sein Aussehen war es wohl nicht, was sie beeindruckt hatte.

Sein düsterer Blick, der von den dunklen Brauen und den zahlreichen Fältchen um die Augenwinkel noch verstärkt wurde, wirkte auf viele Frauen mit Sicherheit eher abschreckend. Felicia allerdings zogen gerade diese dunklen Augen magisch an. Sie verrieten ihr eine ungewöhnliche Tiefe. Dabei hatte Jack sogar schon silbriggraue Haare an den Schläfen!

Normalerweise fühlte sie sich eher zu jüngeren Männern hingezogen, die gerne und oft lächelten und sich gewandt ausdrückten. Jackson North hatte kein einziges Mal gelächelt, und viel gesagt hatte er auch nicht gerade.

Nein, attraktiv konnte man ihn nicht nennen, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Es sei denn, man mochte sehnige, kantige Männer, die nicht viele Worte machten und sich unnahbar gaben.

Warum also fühlte sie sich, als würde sie fliegen? Na gut, vielleicht auch nur schweben. Ein wenig zumindest. Und das, wo sie doch eigentlich mittlerweile vernünftiger sein und sich nicht schon wieder verlieben sollte, so kurz nachdem …

Carlota Verde trat hinter den Stand und stellte sich neben Felicia. Aber die bemerkte ihre beste Freundin kaum, so sehr beschäftigte sie immer noch die merkwürdige Anziehungskraft, die Jackson North auf sie ausübte.

„Wow“, flüsterte sie.

„Ja, das kannst du laut sagen.“

Erst jetzt bemerkte Felicia, dass Carlota eine Hand gegen die Schläfe gedrückt hielt, als hätte sie einen ihrer Migräneanfälle.

Carlota spielte die Wahrsagerin nicht nur – sie hatte tatsächlich manchmal Vorahnungen, die sich aber immer durch Kopfschmerzen ankündigten und sich auch selten steuern ließen.

Felicia und ihre Freundin Emmy, die Dritte im Bunde, waren mit Carlotas Anfällen von Hellsichtigkeit aufgewachsen und hielten sie für ganz normal. Bis jetzt waren die beiden allerdings auch nur ein- oder zweimal in ihren Vorahnungen erschienen. Besser funktionierte es bei Fremden, aber auch das natürlich nicht auf Kommando.

Dennoch hatte die Besitzerin der Oakvale Ranch, Mrs. Rhodes, Carlota gebeten, für den guten Zweck eine Wahrsagerin zu spielen. Die junge Frau war witzig und schlagfertig, sodass sie eine gute Show lieferte, selbst wenn sie nicht wirklich jedes Mal in die Zukunft sehen konnte.

Doch jetzt, als ihre Freundin sich wie betäubt schüttelte, legte Felicia ihr besorgt die Hand auf die Schulter. „Alles okay?“

„Ja, kein Problem. Nur ein Anflug von etwas …“ Carlota atmete tief durch, grinste und machte eine Kopfbewegung in die Richtung, in die Jack verschwunden war. „Und wer hat dir so den Kopf verdreht?“

„Mir?“ Felicia spielte die Unschuldige. „Wie kommst du denn darauf?“

„Du lächelst in dich hinein und hast dieses Funkeln in den Augen. Mal wieder.“

„Stimmt. Schon wieder.“ Felicia seufzte. Das musste das tausenddreihundertzweiundzwanzigste Mal sein. Sie fand immer einen Mann, für den sie schwärmen konnte – aber leider keinen, der dann auch bei ihr blieb.

„Er ist viel zu alt für dich“, bemerkte Carlota. „Und selbst wenn dich das nicht stört … er fühlt sich auch alt. Ich habe seine Energie gespürt, und da ist alles ganz finster. Wie ein leerer Raum, in dem das Licht ausgeschaltet ist.“

„Willst du mich etwa vor ihm warnen, Madame Carlota?“

„Natürlich nicht. Ich würde es nie wagen, einer sturen Fünfundzwanzigjährigen zu sagen, was sie tun und lassen soll“, erwiderte Carlota augenzwinkernd. Dann nahm sie ihr Schild vom Tisch, setzte sich auf einen Stuhl und wandte sich dem ersten Kunden zu.

Felicia hatte alle Hände voll zu tun, das Geld einzusammeln und die Wartenden zu unterhalten. Einige von ihnen hatten sie offenbar mit Jack North gesehen und versuchten sie mehr oder weniger direkt über den neuen Angestellten der Hanging R Ranch auszufragen.

Tja, so war das nun mal in einer Kleinstadt wie Wycliffe. Jeder wusste über jeden Bescheid und fühlte sich berufen, Ratschläge oder Kommentare abzugeben.

Und obwohl Felicia nie darüber sprach, kannten auch alle ihr größtes Problem. Auf Festen wie diesem, wo es vor jungen Eltern mit ihren Kindern nur so wimmelte, wurde es ihr besonders schmerzlich bewusst. Wenn sie Kinder auf den Armen ihrer Mütter oder den Schultern ihrer Väter sah, fühlte sie sich besonders einsam. Ja, die Männer hier wollten Frauen, die ihnen Kinder schenkten. Wie immer zog sich ihr Herz bei diesem Gedanken schmerzhaft zusammen.

Doch dann spürte sie, wie jemand sie von hinten umarmte, und sie fühlte sich gleich etwas besser. Es hatte ja keinen Sinn, sich vom Unabänderlichen den Tag verderben zu lassen.

Als sie sich umwandte, sah sie in Emmys lachendes Gesicht. Sie, Carlota und Felicia waren als Töchter des Personals auf der Oakvale Ranch aufgewachsen. Nicht nur ihre Eltern waren bei den Rhodes’ angestellt, vor ihnen hatten bereits mehrere Generationen ihrer Vorfahren für die Familie gearbeitet.

Vor ihrer Traumhochzeit mit dem Erben der Ranch, dem jungen Deston Rhodes, war Emmy in Oakvale Lehrling des Kochs gewesen.

Während Carlota ihrem letzten Kunden die Zukunft vorhersagte, sah Emmy Felicia prüfend an. „Was machst du denn für ein Gesicht?“

Dankbar erwiderte Felicia die Umarmung. Aus dem kurzen rotbraunen Haar der jungen Köchin stiegen verführerische Düfte nach Holzfeuer und Gewürzen. „Na, hast du dein Chili für den Wettbewerb fertig?“

„Jawoll. Ich wollte nur mal nachschauen, ob ihr zwei vielleicht Hilfe braucht, während die Jury die Chilis bewertet.“

„Sieht so aus, als hättest du gerade einen ruhigen Moment erwischt“, erwiderte Carlota und deutete auf die leeren Stühle vor ihrem Stand. „Also kannst du dich hinsetzen und den Beginn von Felicias neuestem Liebesabenteuer live miterleben.“

„Ach so“, sagte Emmy, als wäre damit alles erklärt – vor allem, warum Felicia so niedergeschlagen wirkte.

Na toll. Als ob es Felicia Spaß bereitete, immer wieder dieselbe unerfreuliche Geschichte zu erleben: Sie lernte einen netten Mann kennen, erzählte ihren Freundinnen davon, machte sich Hoffnungen – und bevor sie sich versah, hatte der Mann ernsthafte Absichten, und sie musste ihm die Wahrheit gestehen. Das war auf die Dauer einfach zu anstrengend, besonders nach dem Desaster, das sie vor zwei Monaten erlebt hatte.

Toby, ich muss dir etwas Wichtiges sagen …

Diesen schrecklichen Moment würde sie nie vergessen. Der Cowboy aus der Nachbarstadt hatte sie in ein teures Restaurant eingeladen, um ihr feierlich die nächsten Schritte in ihrer Beziehung anzukündigen: Sex. Verlobung. Heirat. Nachwuchs.

Doch nach dem Essen hatte er sie einfach sitzen lassen, offenbar schwer enttäuscht von ihrem Geständnis: Dass sie ihm mit fast hundertprozentiger Sicherheit niemals Kinder schenken konnte, weil sie durch eine Krankheit unfruchtbar war.

Bis jetzt hatte Felicia ihren Freundinnen die beschämenden Details jenes Abends noch gar nicht berichtet. Vielleicht lag es daran, dass sie kurz davor war, einfach aufzugeben. Was nützte es, sich für einen Mann zu interessieren, wenn die Sache dann doch keine Zukunft hatte?

Jedenfalls hatte sie keine große Lust, Emmy und Carlota von Jack North zu erzählen. Die Chance, dass ausgerechnet er ein Mann war, der sie trotz ihres gravierenden Mangels lieben konnte, war sowieso sehr klein. Aber warum spürte sie dann dieses angenehme Kribbeln im Bauch, wenn sie an ihn dachte?

„Also, dann schieß mal los“, drängte Emmy eifrig. Sie schien sich fast größere Hoffnungen zu machen als Felicia, dass dieser Mann endlich der Richtige war.

„Ach, ist doch gar nichts weiter passiert“, erwiderte Felicia.

Aber als sie daran dachte, dass Jack North ihren Hut wie ein richtiger Gentleman eingefangen hatte, lächelte sie unwillkürlich.

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