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Nur diese eine Nacht der Sünde?

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1. KAPITEL

Alejandro bemerkte sie beim Boarding. Sie war mit Abstand das entzückendste Geschöpf weit und breit – ein strahlend heller Lichtblick an einem trüben Tag.

Die langen, schlanken Beine übereinandergeschlagen, den Kopf gesenkt, schien sie ganz in ihr Magazin vertieft zu sein. Die glänzenden blauschwarzen Locken fielen ihr verspielt ins Gesicht. Mit ihrem raffiniert geschnittenen Pagenschnitt und der femininen Kleidung, die an die 30er-Jahre erinnerte, erschien sie wie eine Grand Dame aus einer längst vergessenen Zeit.

Als er durch den schmalen Gang zu seinem Sitz ging, sah sie auf, und ihre Blicke trafen sich.

Ihre frechen Locken umrahmten ein auffallend zartes Gesicht mit schmaler leicht gebogener Nase, großen dunklen Augen und einem Mund, der ihn an die rosarote Knospe einer Rose denken ließ. Ihm entging nicht, wie ihre Augen sich weiteten. Doch der Ausdruck darin hatte nichts Wohlwollendes. Fast wirkte sie panisch, als sie den Blick hastig wieder abwandte. Wie eines seiner Fohlen zuhause auf der Ranch, das herumwirbelte, um sich die Aufmerksamkeit zu sichern und verschreckt zur Seite hüpfte, sobald man sich ihm näherte.

Schüchterne Frauen waren kein Problem für ihn – damit konnte er umgehen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie sie erneut zu ihm aufsah. Ein wenig mutiger dieses Mal. Ihre Mundwinkel zuckten, und ihr verführerischer rosiger Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln.

Unwillkürlich erwiderte er es. Es fiel ihm schwer. Er hatte schon so lange nicht mehr gelächelt, dass er völlig aus der Übung war.

Mit hochroten Wangen wandte sie sich sichtlich nervös wieder ihrem Magazin zu.

Alejandro war fasziniert.

Kaum, dass er zu seinem Sitz zurückgekehrt war, winkte sie einer Stewardess. Belustigt beobachtete er während der nächsten zwanzig Minuten, wie seine braunäugige Schönheit die Kabinenbesatzung auf Trab hielt. Ein Glas Wasser, ein Kissen, eine Decke … Als sie jedoch begann, hysterisch auf die inzwischen verärgert wirkende Stewardess einzureden, war es vorbei mit seiner heimlichen Schwärmerei für die junge Frau.

„Nein, ich kann mich wirklich nicht bewegen!“ Ihre Stimme klang schrill und fordernd, auch wenn ein unvergleichlich erotischer französischer Akzent in ihr mitschwang.

Als die aufgebrachte Flugbegleiterin den Gang entlangeilte, beugte er sich vor, um sich zu erkundigen, ob es ein Problem gäbe.

„Ein älterer Herr schafft den weiten Weg zum WC nicht, Sir“, erklärte sie. „Wir versuchen gerade, einen neuen Platz für ihn zu finden.“

Sie vermied es, die arrogante Dunkelhaarige zu erwähnen, obwohl man sie kaum ignorieren konnte.

Ohne zu zögern griff Alejandro nach seinem Jackett und erhob sich, um sein Handgepäck aus dem Gepäckfach über ihm zu nehmen.

„Er kann meinen haben“, bot er an und schenkte der Stewardess ein Lächeln, das ihr das Blut in die Wangen steigen ließ.

Nachdem er es sich auf seinem neuen Sitzplatz bequem gemacht hatte, vertiefte er sich wieder in seinen Tablet-PC und verdrängte die dunkelhaarige Schönheit aus seinen Gedanken.

Die morgendlichen Nachrichtenmeldungen trugen nicht gerade zur Vorfreude auf sein Reiseziel bei. Wenn einer der reichsten russischen Oligarchen mit einem schillernden Showgirl mit knallroten Haaren in einem schottischen Schloss den heiligen Bund der Ehe einging, war das zweifellos eine Meldung wert. Und vom Bräutigam höchstpersönlich hatte er erfahren, dass die Presse sich bereits vor Ort aufgebaut habe, um mit ihren Teleobjektiven heißbegehrte Schnappschüsse von den hochkarätigen Gästen zu ergattern.

Da er selbst zur Prominenz gehörte und den Rummel um seine Person nicht nötig hatte, ja sogar verabscheute, hatte er beschlossen, auf konventionellem Wege anzureisen. Was bedeutete, dass er Economy flog und bereits einen Tag vorher anreiste, um die vierstündige Autofahrt durch die malerische Landschaft ein wenig genießen zu können. Mit einem unauffälligen Wagen würde er bei der Ankunft auf Dunlosie jegliche Aufmerksamkeit vermeiden.

Der bevorstehende Hochzeitstrubel behagte ihm dennoch nicht. Es würde ein anstrengendes Wochenende werden.

Ungeduldig schob Alejandro sein Tablet beiseite und erhob sich aus seinem Sitz, der viel zu schmal für seinen breitschultrigen Oberkörper war. Er hatte noch nie lange stillsitzen können.

In diesem Moment vernahm er von der Seite ein dezentes Hüsteln und sah sich um.

Es war seine dunkelhaarige Schönheit.

Sie war bereits mehrfach an seiner Sitzreihe vorbei den Gang hinaufgelaufen. Entweder hatte sie ein Blasenproblem oder sie suchte seine Aufmerksamkeit.

Er warf ihr einen kühlen Blick zu. Offenbar ahnte sie nicht, dass sie es sich längst mit ihm verscherzt hatte.

Mit jedem Mal, das sie an ihm vorbeigelaufen war, waren ihm ihre Schritte unsicherer erschienen. Vermutlich war sie ein wenig betrunken.

Außerdem wirkte sie ungewöhnlich groß für eine Frau. Ein Blick nach unten auf ihr Schuhwerk ließ ihn schmunzeln: Ihre Füße steckten in fast lächerlich hohen türkisfarbenen Stilettos. Was ihre Schönheit noch hervorhob, wie er sich eingestehen musste.

„Pardon, monsieur“, nuschelte sie. Sie hatte definitiv getrunken.

Unbeeindruckt erwiderte er ihren verlegenen Blick. „Vielleicht sollten Sie ein bisschen kürzer treten mit dem Sekt, Señorita. Sie würden uns allen damit einen Gefallen tun.“

Irritiert zwinkerte sie mit den Augen. „Pardonnez-moi?“

„Sie haben mich schon verstanden.“

Für einen kurzen Augenblick schien es ihr die Sprache verschlagen zu haben. Dann hob sie trotzig den Kopf und stampfte mit dem Fuß auf.

Alejandro musste sich beherrschen, um nicht laut aufzulachen.

„Warum machen Sie nicht einfach Platz, statt harmlose Leute zu beleidigen?“, zischte sie ihn an. Ihr französischer Akzent vermischte sich auf höchst wohlklingende Weise mit ihrem Englisch. Was sie umso attraktiver wirken ließ.

Ungehemmt ließ er seinen Blick über ihre glänzenden Locken bis hinab zu ihren Schuhspitzen gleiten. Und blieb schließlich an ihren perfekt verteilten weiblichen Kurven hängen …

Sie wich zurück, doch er ließ sie nicht ungeschoren davonkommen.

„Sie haben ganz schön hohe Ansprüche, Chica, nicht wahr?“, zog er sie auf.

„Wie bitte?“

„In der Ersten Klasse sitzen heute vierzehn Passagiere“, erklärte er. „Sie führen sich hier auf, als ob ein Schriftzug mit Ihrem Namen auf dem Flieger prangt. Die Flugbegleiterinnen sind nicht Ihre persönlichen Sklaven. Wie wär’s, wenn Sie uns allen mal eine kleine Verschnaufpause gönnen?“

Unangenehm berührt schlug sie die Augen nieder. „Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden“, murmelte sie. „Und jetzt machen Sie bitte den Weg frei!“

Darauf hatte er gewartet. „Nur wenn Sie mich dazu bringen!“

Entgeistert starrte sie ihn an.

Seine Reaktion überraschte ihn selbst. Normalerweise behandelte er Frauen mit Respekt. Auch zickige Mädchen, die erst noch erwachsen werden mussten.

Eine Sekunde lang glaubte er, ihre großen braunen Augen würden sich mit Tränen füllen. Irgendetwas ging in ihr vor, er wusste nur nicht, was.

Darum ergab er sich und ließ sie passieren.

Zumindest so weit, dass sie gerade so an ihm vorbeikam.

Mit einem verächtlichen Schnaufen, das sehr französisch klang, stakste sie hoch erhobenen Hauptes zurück zu ihrem Sitz.

Es dauerte nicht lange, und er hörte sie erneut zetern. Um ihn herum reckten die Passagiere die Köpfe, um zu sehen, was passiert war. So wie es aussah, war ihr das Tablett mit dem Essen auf den Boden gefallen. Der schnell herbeigeeilte Steward, der sich bemühte, das Chaos zu beseitigen, ohne dabei viel Aufsehen zu erregen, tat ihm leid.

Mit einem Seufzen ließ Alejandro sich zurück in seinen Sitz sinken und warf einen Blick auf sein Handy. Er hatte genug von dieser Frau.

Es war eine Nachricht vom Bräutigam eingegangen.

Planänderung. Tu mir einen Gefallen und nimm eine Brautjungfer mit. Ihr Name ist Lulu Lachaille. Sie kommt mit Flug Nr. 338 an Gate 4 an. Wertvolle Fracht! Wenn du ohne sie auftauchst, bringt Gigi mich um und lässt die Hochzeit platzen.

Am liebsten hätte Alejandro seinem Freund eine Absage erteilt. Wie sehr hatte er sich auf die Fahrt durch die grüne Landschaft Schottlands gefreut. Nun würde er die vier Stunden vermutlich mit irgendeiner nervtötenden kleinen Brautjungfer im Auto sitzen.

Wenigstens war die Gästeliste gespickt mit langbeinigen Showgirls. Vielleicht würde er sich bei der Hochzeitsfeier doch nicht langweilen.

Dios.

Gerade hatte er einen weiteren Blick den Gang hinauf riskiert, da sah er, dass seine französische Mademoiselle sich ebenfalls suchend umsah. In ihrem Gesicht spiegelte sich ein Ausdruck von Hoffnung und Verzweiflung zugleich. Unvermittelt musste er an eine in Not geratene Prinzessin aus einem Zeichentrickfilm denken.

Dann fiel ihr Blick auf ihn, und ihr Gesicht verdunkelte sich.

Kopfschüttelnd beobachtete er, wie eine Stewardess ihr ein Tablett mit einem Glas Wasser reichte und etwas, das aussah wie eine Tablette.

Jetzt hatte sie wohl auch noch Kopfschmerzen? Das wurde ja immer besser.

Mit ungutem Gefühl öffnete er den Anhang, den Khaled ihm geschickt hatte. Ein Teil von ihm ahnte bereits, was ihn erwartete.

Als er das Bild sah, wusste er nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

Eine dunkelhaarige junge Frau sah ihn mit ernstem Gesichtsausdruck vom Bildschirm an.

Sie war unglaublich attraktiv.

Es gab nur ein Problem – missmutig warf er einen weiteren Blick in den Gang – die Frau auf dem Foto war sie.

2. KAPITEL

Nur wenn Sie mich dazu bringen!

Innerlich schäumte Lulu noch immer vor Wut, als sie über die Fluggastbrücke in das Flughafengebäude lief. Sie war kurz davor, den Vorfall der Fluggesellschaft zu melden.

Frauen sollten ein Recht darauf haben, sicher zu fliegen. Ohne von Wüstlingen belästigt zu werden, die einem Moralpredigten hielten.

Ihr war bewusst, dass sie selbst nicht ganz unschuldig an der Situation war. Offenbar hielt er nicht viel von ihr, da er mitbekommen hatte, dass sie ihren Sitzplatz für den älteren Herrn nicht hatte freimachen wollen.

Lulus Herz wurde schwer.

Sie hatte die Blicke der anderen Passagiere gesehen und wusste, sie dachten alle das Gleiche. Aber was hätte sie tun sollen?

Das Kabinenpersonal war über ihre Krankheit unterrichtet worden und hatte sich sehr bemüht, ihr den Flug so angenehm wie möglich zu machen. Nur eine der Stewardessen war offensichtlich nicht informiert worden. Und als sie sie gebeten hatte, den Platz zu wechseln, hatte Lulu sich mit einem Mal nicht mehr bewegen können. Sie war so erleichtert gewesen, endlich zu sitzen und ihre Sachen verstaut zu haben, dass die Bitte der Stewardess sie vollkommen überfordert hatte.

Als sie endlich an der Gepäckausgabe angelangt war, fühlte sie sich erbärmlich. Wer weigerte sich schon, einem gebrechlichen alten Mann zu helfen?

Vielleicht hätte sie sich den Rat ihrer Mutter zu Herzen nehmen und jemanden mitnehmen sollen, der sie auf ihrer Reise begleitete. Dann wäre das alles nicht passiert.

Aber wie sollte sie jemals lernen, ein eigenständiges Leben zu führen, wenn sie keinen Schritt allein machte? Sie war eine erwachsene Frau, keine Invalidin! Es steckte mehr in ihr als das, was sie heute gezeigt hatte. Instinktiv richtete sie sich auf. Sie würde sich in Zukunft mehr anstrengen.

Vor sechs Monaten hatte sie fast die Freundschaft zu ihrer besten Freundin zerstört, seitdem hatte sie hart an sich gearbeitet.

Sie hatte sich einen besseren Therapeuten gesucht als den, den ihre Eltern für sie ausgewählt hatten, und eine ordentliche Diagnose stellen lassen. Zumindest wusste sie jetzt, dass ihr eigenartiges Verhalten in Bezug auf Gigi auf Verlustangst zurückzuführen war – eines der Symptome ihrer Krankheit.

Doch es wäre nur allzu einfach, ihr Verhalten mit dieser Krankheit zu entschuldigen und Gigi anzulügen, nur damit ihre Freundin ihr verzieh und sie sich wieder sicherer fühlte. Um ihr anschließend das neue Liebesglück zu vermiesen. Wer tat seiner besten Freundin so etwas an?

Doch nur ein völlig verzweifelter, psychisch labiler Mensch. Das wollte sie nicht mehr sein.

Darum war sie nun dabei, ihr Leben von Grund auf umzukrempeln.

Vor ein paar Tagen hatte sie sich für einen Kurs in Kostümdesign angemeldet. Es musste doch noch ein anderes Leben als die tagtägliche Arbeit im Kabarett für sie geben.

Ihre Entscheidung hatte ihr das nötige Selbstvertrauen gegeben, diese Flugreise alleine zu bewältigen.

Was sie bei all ihren Vorbereitungen nicht einkalkuliert hatte, war die Begegnung mit einem großen dunklen Macho-Typen, der sie auf dem Rückweg vom WC einkesselte, wo sie fast ihren gesamten Mageninhalt entleert hatte.

Er hatte sie angesehen, als ob etwas nicht stimmte mit ihr. Als sei sie defekt. Dabei hatte sie gerade eine monatelange Therapie hinter sich, um genau solche Gedanken wie diese endlich aus ihrem Kopf herauszubekommen.

Lulu bemerkte, wie ihre Hand zitterte, als sie dem freundlichen Flughafenangestellten, der ihr seine Hilfe mit dem Gepäck angeboten hatte, zeigte, welcher ihr Koffer war.

Warum war dieser Grobian aus dem Flugzeug nicht genauso hilfsbereit gewesen? Stattdessen hatte er sie sogar beschimpft. Und das, wo sie den gesamten Flug über so gelitten hatte. Immer wieder hatte sie sich in der Toilette übergeben müssen. Bis ihr Magen komplett leer war.

Vergiss ihn einfach, rief sie sich energisch zurecht. Wahrscheinlich hat er dich schon längst aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Als sie endlich mit ihrem Trolley in der Ankunftshalle ankam, fühlte sie sich ziemlich matt. Sie war froh, wenn sie endlich Susie und Trixie in die Arme schließen konnte, die beiden anderen Brautjungfern.

Jetzt in diesem Moment lagen Lulus Nerven blank. Für weitere Herausforderungen war sie nicht gewappnet. Sie wollte nur noch in Ruhe ankommen, und das ohne erneute Zwischenfälle.

Gerade wollte sie ihren Freundinnen texten, da strömte eine Gruppe Reisender auf sie zu, und sie stieß rücklings gegen einen warmen harten Körper. Einen unglaublich harten Körper. Definitiv maskulin, wenn man von seiner Größe und dem Gewicht seiner starken Hände ausging, die auf ihren Schultern ruhten, um sie vor einem Sturz zu bewahren.

Dann sprach er einige Worte, und Lulu erstarrte.

Sie kannte die Stimme.

Dieu! Es war der Machotyp aus dem Flugzeug.

Lauf so schnell du kannst!

Doch ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Sie war so verletzlich. Sie hatte diesem Mann nichts entgegenzusetzen. Auch wenn sie wusste, dass er ihr nichts antun durfte. Das Gesetz schützte sie schließlich. Aber sie hasste dieses Gefühl. Es strengte sie an, immer stark sein zu müssen.

Umso mehr verwunderte es sie, warum sie ihren Blick nicht von seinem sinnlichen Mund abwenden konnte. Fasziniert starrte sie auf den leichten Schatten um sein Kinn herum, dort, wo er sich am Morgen sicher rasiert hatte. Er war wirklich ein sehr maskuliner Typ.

Doch Lulu ermahnte sich, dass sie maskuline Männer im Grunde hasste. Es gefiel ihr nicht, wie rücksichtslos sie sich durchboxten im Leben und sich durch bloße Einschüchterung Dinge erlauben konnten, die Frauen sich nicht leisten durften. Diese Männer machten sie nervös. Wobei dieser Mann sie nicht unbedingt nervös machte – es war etwas anderes.

Und dieses andere machte ihr zu schaffen. Obwohl sie wusste, was für ein Tyrann er war. Aber er war mehr als das. Er war auch wunderbar groß gewachsen und breitschultrig und hatte ein unglaublich hübsches Gesicht. Die markanten Wangenknochen, die verführerischen Lippen und die goldbraunen Augen wirkten geradezu magnetisch im Zusammenspiel mit seiner olivfarbenen gebräunten Haut.

Sein leicht zerzaustes kastanienbraunes Haar sah so füllig und seidig aus, dass es ihr direkt in den Fingern juckte, es zu berühren. Unwillkürlich ballte sie die Hände zu Fäusten.

Sie mochte ihn nicht. Und er schaute sie an, als ob er sie ebenso wenig mochte.

Das war gut. Dann ging es zumindest beiden so. Was das nicht mögen anging.

Auch wenn er ein wenig Gary Cooper ähnelte, als dieser noch am Beginn seiner Karriere gestanden und mit jedem Filmsternchen geschlafen hatte, dessen er habhaft werden konnte.

Nicht so wie Gregory Peck. Gregory Peck war einer von den Guten. Vernünftig und mit anständigen Manieren. Der hätte niemals eine Frau beleidigt.

Jetzt hör schon auf, ihn so anzustarren und mit Filmstars aus Hollywood zu vergleichen.

„Buenas tardes, Señorita“, sagte er mit einer Stimme, die klang, als machte er ihr gerade ein unmoralisches Angebot. „Ich nehme an, Sie suchen nach mir.“

Lulu unterdrückte das aufkeimende Gefühl von Erregung, die seine tiefe Stimme in Verbindung mit dem spanischen Akzent in ihr auslöste.

Nein. Nein. Und nochmals nein. Sie würde es nicht zulassen, dass sie seiner Anziehungskraft erlag.

Instinktiv machte sie sich größer als sie war. „Nein. Ganz sicher nicht.“

Alejandro zwang sich, der Versuchung zu widerstehen und sich einfach umzudrehen und zu gehen. Damit die kleine Princesita auf die harte Tour erfuhr, dass er gar nicht vorhatte, sie anzugraben. Aber schließlich hatte er seinem Freund versprochen, ihm einen Gefallen zu tun, und das bedeutete, dass er sich zusammenreißen musste.

„Alejandro du Crozier“, erklärte er und reichte ihr die Hand.

Lulu blickte auf seine Hand, als ob er in diesem Moment eine Waffe auf sie richtete.

„Bitte lassen Sie mich in Ruhe“, entgegnete sie einen Tick zu aggressiv und wandte sich demonstrativ von ihm ab.

„Ich wollte nicht mit Ihnen flirten, Señorita“, verteidigte er sich und war selbst überrascht, wie ruhig er blieb.

Sie reagierte nicht.

„Sie haben mich wohl nicht verstanden, Lulu“, fuhr er fort.

Der Klang ihres Namens erzielte den Effekt, den er beabsichtigt hatte. Verwirrt wandte sie sich wieder zu ihm um und musterte ihn misstrauisch.

„Woher wissen Sie meinen Namen?“

Lächelnd verschränkte er die Arme vor der Brust.

„Ich bin Ihre Mitfahrgelegenheit“, erklärte er trocken. „Sie haben die große Ehre, von mir höchstpersönlich zu der Hochzeit gefahren zu werden.“

Lulu glaubte, sich verhört zu haben. Und wurde prompt rot, als sie seinen Blick auffing. Er betrachtete sie, als wüsste er ganz genau, wie sie in Unterwäsche aussah.

Kurz zuvor im Flugzeug hatte er ihr noch das Gefühl gegeben, sie sei ein grässliches Insekt, das er am liebsten zerdrücken wollte.

Peinlicherweise wäre sie in der nächsten Sekunde fast noch über ihren eigenen Koffer gestolpert, als sie einen Schritt zurücktrat. Geistesgegenwärtig packte er sie beim Arm und rettete sie somit vor dem sicheren Fall.

„Vorsichtig, Bella“, murmelte er, und sein heißer Atem streifte an ihrem Ohr entlang.

Seine plötzliche Nähe ließ ihre Knie zittern. Energisch versuchte sie, sich von ihm loszureißen. „Lassen Sie mich los, und dann lassen Sie mich vorbei“, fauchte sie.

„Señorita“, erwiderte er und erhob seine Stimme, während er sich weigerte, den Griff um ihren Arm zu lockern. „Ich bin Alejandro du Crozier, und ich werde Sie zu der Hochzeitsfeier fahren, ob Sie es nun glauben, oder nicht.“

Unsicher erwiderte sie seinen Blick. Er wusste also von der Hochzeit. Das konnte nur bedeuten, dass er ebenfalls eingeladen war.

„Ich hatte eigentlich vor, mit meinen Freundinnen zu fahren.“ Im gleichen Moment realisierte sie, dass es wohl eine Planänderung gegeben haben musste.

„Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, dass ich Sie mitnehmen soll.“ Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er nicht gerade begeistert darüber war.

Was völlig in Ordnung ist, überlegte Lulu. Dann waren sie sich in dieser Sache schon mal einig. Erneut versuchte sie, sich aus seinem Griff zu befreien, und dieses Mal ließ er sie los.

„Ich steige aber nicht zu fremden Männern ins Auto, Mr. … Mr. …“

Seufzend zog er sein Handy aus der Hosentasche und hielt es ihr entgegen. Mit gerunzelter Stirn las sie die auf dem Display angezeigte Nachricht, um dann entgeistert zu ihm aufzusehen.

Khaled hat Sie geschickt?“

Erst als er nicht antwortete, fiel ihr auf, wie dicht er vor ihr stand. Und warum schaute er so interessiert auf ihre Lippen? Was sie noch viel mehr irritierte, war ihr eigenes wild pochendes Herz.

Der Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen mit den herrlich langen Wimpern traf ihren mit einer unerwarteten Intensität.

„Wenn Sie nicht vorhaben, die Strecke zu laufen, Chica, dann schlage ich vor, Sie steigen jetzt ein.“

Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab und ging davon. Offenbar erwartete er, dass sie ihm folgte.

Fassungslos sah Lulu ihm nach. Er war der unmöglichste und unfreundlichste Mann, der ihr je begegnet war.

Entschlossen griff sie nach ihrem Koffer, während die schwere Reisetasche schmerzhaft gegen ihr Bein schlug. Sie sah es gar nicht ein, drei oder sogar vier Stunden mit ihm im Auto zu sitzen.

Sie würde sich ein Taxi suchen und auch ohne ihn nach Schloss Dunlosie kommen. Zum Glück konnte sie sich das leisten. Es war ihr immer wichtig gewesen, finanziell unabhängig zu sein. Geld bedeutete Schutz und Freiheit für eine Frau. Das hatte sie aus der Beziehung ihrer Eltern gelernt. Ihre Mutter hatte es lange Jahre nicht geschafft, ihrem gewalttätigen Vater zu entkommen.

Doch als sie das Flughafengebäude verließ, sank ihr Mut. Draußen regnete es Bindfäden. Typisches Edinburgh-Wetter. Lulu griff in die Seitentasche ihres Koffers, um ihren Regenschirm herauszuholen. Dann erspähte sie einen Taxistand. Doch es standen bereits unzählige Wartende an.

Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als sich in die Schlange einzureihen. Fluchend stakste sie mit ihren hochhackigen Stilettos durch eine Pfütze. Das schmutzige Wasser spritzte mit jedem Schritt auf ihre seidene Strumpfhose. Die Tatsache, dass sie von ihren Angstattacken in den letzten paar Stunden noch immer völlig erschöpft war, machte das Ganze nicht besser. Lulu wünschte sich nichts sehnlicher, als in einem warmen, bequemen Autositz die Schuhe von den Füßen zu streifen, den Kopf an die Scheibe zu lehnen und das regnerische schottische Wetter zu beobachten.

Sie hatte sich zu früh gefreut.

Denn in diesem Moment kreuzte ein roter Jaguar vor ihr die Straße.

Das Beifahrerfenster fuhr herunter.

„Steigen Sie ein“, forderte er sie auf.

3. KAPITEL

Lulu wusste, sie hatte eine Entscheidung zu treffen.

Zögernd hob sie ihren Regenschirm ein wenig an, um nachzusehen, ob die Schlange noch immer so lang war. Dann sah sie sich ihre Mitfahrgelegenheit an.

Attraktiv, sexy und viel zu sehr von sich überzeugt.

Sofort meldete sich ihr Stolz wieder. Sie würde definitiv nicht in einen Wagen zu einem Mann steigen, der nicht einmal den Anstand besaß, ihr die Tür zu öffnen.

In diesem Augenblick hätte Lulu am liebsten ihre Eltern angerufen, die heute Abend zum Schloss reisen würden. Aber was für einen Eindruck würde das machen? Und Gigi konnte sie ausgerechnet an ihrem Hochzeitswochenende nicht um Hilfe bitten.

Sie rang nach Luft, als ein weiterer Schwall schmutzigen Wassers über ihre Füße schwappte, dieses Mal von einem vorbeifahrenden Auto. Ihre hübschen blauen Schuhe waren hinüber. Und ihr Stolz verließ sie.

Dieu, sie würde das hier bereuen, das wusste sie genau.

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