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Nur die kleinen hängt man

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Inhaltsverzeichnis

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Nur die Kleinen hängt man

Kriminalroman von Walter G. Pfaus


Der Umfang dieses Buchs entspricht 192 Taschenbuchseiten.


Nachdem Tanner einen Mann zusammengeschlagen hat, hält er es für besser, zu verschwinden. Wie es der Zufall will, kann er mit Marion, die er schon länger begehrt, nach Spanien fahren. Unterwegs erfährt er jedoch, dass ihr Ehemann zu einem Syndikat gehört. Auf dem Rückweg gelingt es Tanner, kompromittierende Fotos und Briefe in die Hand zu bekommen. Er hofft, damit ein kleines Geschäft machen zu können. Doch plötzlich wird er von allen Seiten gejagt...



1

Tanner stellte sich an die Theke.

»Hallo, Toni! Schenk mir ein Pils ein.«

»Kannst du zahlen?«

»He! Seit wann fragst du mich, ob ich zahlen kann? Ich dachte, wir sind Freunde.«

»Hier.« Toni, der Wirt, hielt ihm eine Schultafel vor das Gesicht. »Sieh dir das an. Machen das Freunde? Du schuldest mir hundertdreiundfünfzig Mark achtzig.«

»Du bist doch verrückt! Das kann nie und nimmer stimmen. Soviel kann ich dir gar nicht schulden. Nicht mal die Hälfte davon …«

»Willst du damit sagen, dass ich dich bescheiße?«

»Nein.« Tanner winkte beschwichtigend ab. »Natürlich nicht, Toni. Du hast dich einfach geirrt. Bestimmt, Toni, soviel kann ich dir einfach nicht schulden.«

»Da steht’s.« Toni knallte ihm einen Zettel auf den Tisch. Auf dem Papier war jeder Betrag fein säuberlich vermerkt, mit Datum. »Zähl’s selber zusammen.«

»Lieber Himmel, ich bin eben momentan in der Klemme, und das weißt du.« Tanner schob ihm den Zettel wieder zurück, ohne die Summen zusammenzuzählen. »Du kriegst die Mäuse, sobald ich wieder flüssig bin.«

»Und wann ist das?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht morgen oder übermorgen …«

»Oder in einer Woche, oder in einem Jahr. Ich kenn’ dich doch. Du bekommst hier nichts mehr zu trinken, bevor die Schulden nicht bezahlt sind.«

»Mann, Toni, sind wir nun Freunde oder nicht? Du kriegst die paar Kröten am Samstag zurück. Ich schwör’s dir. Ich habe da gerade ein tolles Geschäft laufen. Wenn ich das zum Abschluss gebracht habe, habe ich soviel Geld, dass ich deinen Laden aufkaufen kann.«

»Das Lied ist mir bekannt«, sagte Toni grinsend. Er spülte ein Pilsglas aus und hielt es gegen das Licht. »Davon träumst du schon, solange ich dich kenne.«

»Aber ich mach’s wahr. Du wirst sehen, eines Tages komme ich hier rein und kauf dich auf …«

»Ich will nicht, dass du meine Kneipe kaufst, ich will, dass du deine Schulden bezahlst. Hast du mich verstanden, Tanner?«

»Herrgott, was ist plötzlich los? Was ist auf einmal in dich gefahren?«

»Das kann ich dir sagen.« Toni Weinberg, der Besitzer des kleinen Pilspubs in der Ulmer City, beugte sich ein wenig vor. »Herb war hier. Er hat mir eine Menge über dich erzählt.«

»Herb?«

»Herb Soden. Du kennst doch Herb, oder?«

»Natürlich kenne ich Herb. Was hat er dir vorgelogen?«

»Gelogen? Stimmt es etwa nicht, dass du ihm sechshundert Mark schuldest? Und das seit über einem halben Jahr. Und bei einigen anderen hast du auch Schulden.«

»Herb ist ein verdammtes Arschloch … He! Was soll das?«

Hinter Tanner stand ein großer, breitschultriger Mann mit einer Narbe über dem rechten Auge. Er hatte volles, blondgelocktes Haar und stahlblaue Augen. Er war hinter Tanner getreten, ohne dass der es bemerkt hatte, und hatte ihm das Knie in den Hintern gerammt.

»Wer ist ein Arschloch, Tanner? Wer … Ha, wer ist ein Arschloch?«

»Oh, hallo, Herb.« Tanner lächelte verkrampft und trat einen Schritt zur Seite. »Du musst nicht immer alles gleich so wörtlich nehmen …«

»Nein?« Herb verzog sein breites Gesicht zu einem verschlagenen Grinsen. »Wie dann? Etwa schriftlich?«

Herb Soden lachte, als hätte er den besten Witz seit Jahren gehört.

Ein selten dämlicher Hund, dachte Tanner. Laut sagte er: »Du weißt genau, dass ich dir kein Geld schulde.«

»Was?« Herb packte Tanner am Hemd. »Du schuldest mir sechshundert Piepen, Junge. Sechshundert …«

»Das ist doch Scheiße! Ich schulde dir gar nichts! Das war eine saublöde Wette, bei der …«

»Willst du damit sagen, dass Wettschulden bei dir keine Schulden sind?« Herb schlug Tanner mit der freien Linken leicht ins Gesicht. »Wettschulden sind Ehrenschulden. Und falls dein leergeficktes Hirn nicht in der Lage ist, das aufzunehmen, dann prügle ich es dir ein.«

»Lass mich los, Herb!«, sagte Tanner mit schrillem Ton in der Stimme. »Lass mich sofort los!«

»Wie war das mit den Wettschulden?« Herb dachte nicht daran, ihn loszulassen.

»Du hast mich reingelegt«, sagte Tanner. »Du hast es von Anfang an darauf abgesehen, mich reinzulegen, weil du mir eins auswischen wolltest. Ich stehe immer zu meinen Spielschulden, aber nicht, wenn man mich bescheißt. Dafür zahle ich nicht, verdammt noch mal! Keinen Pfennig.«

»Jetzt hör mir mal zu, du kleiner Scheißer.« Herb schlug Tanner den Handrücken auf die Lippen. »Solche Sprüche kannst du bei deinen Weibern abziehen, aber nicht bei mir. Du wirst zahlen, hast du mich verstanden?« Herb schlug ihn wieder auf den Mund. »Du wirst zahlen …«

»Hör auf, Herb«, sagte Toni. »Ich dulde keine Schlägerei in meinem Lokal.«

»Das ist doch keine Schlägerei.« Herb lachte. »Das ist doch keine Schlägerei. Ich mach ihm doch nur klar, dass ich mein Geld will. Nicht wahr, Tanner, es wird keine Schlägerei geben? Bei deinen Weibern lässt du den Schwanz raus, bei mir ziehst du ihn ein. Nicht wahr, so ist es doch?«

»Lass mich los!«, sagte Tanner. »Lass mich sofort los, oder …«

»Oder was?« Herbs Pranke zerrte an Tanners Hemd. Ein Knopf riss ab und fiel zu Boden. »Willst du mir drohen, du Schleimscheißer? Du willst mir drohen?«

Herb schlug ihm wieder die flache Hand auf den Mund. Tanner schmeckte Blut auf den Lippen. Er hatte Angst vor Herb Soden. Herb war skrupellos und brutal, wenn es um Geld ging, und er war obendrein auch noch stark wie ein Bulle. Tanner wusste, dass er nicht die geringste Chance gegen ihn haben würde, wenn er sich auf einen normalen Zweikampf mit ihm einließ. Aber er wusste auch, dass Herb jetzt nicht mehr aufhören würde, bis er ihm die Lippen blutig geschlagen hatte. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als Herb das Knie zwischen die Beine zu rammen.

Es war ein Volltreffer. Herb zuckte zusammen. Er ließ Tanner los, griff mit beiden Händen zwischen seine Beine und beugte sich nach vom.

Tanner nutzte seine Chance. Er holte aus und knallte ihm seine Rechte voll von unten her ins Gesicht. Es klatschte laut und dumpf, und Herb schwankte. Tanner schlug noch einmal zu, und er legte seine ganze Kraft in den Schlag.

Herb richtete sich auf und nahm seine Hände hoch. Darauf hatte Tanner nur gewartet. Er täuschte eine Linke an und stieß ihm den rechten Fuß noch einmal zwischen die Beine.

Wie vom Blitz getroffen, sackte Herb zu Boden.

Mit hängenden Armen stand Tanner neben ihm und blickte auf ihn hinab.

»Er hat es nicht anders gewollt«, sagte Tanner zum Wirt. »Du hast es doch gesehen.« Er blickte zu den drei anderen Gästen hinüber, die dem Kampf stumm zugesehen hatten. »Ihr habt es doch auch gesehen. Ich musste mich wehren.«

Niemand sagte etwas. Toni kam hinter seiner Theke hervor und beugte sich über Herb.

»Er ist nur bewusstlos«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete. »Ich werde einen Arzt anrufen.«

»Ein Eimer Wasser tut’s auch«, sagte Tanner.

»An deiner Stelle würde ich verschwinden.« Toni ging wieder hinter die Theke und zog das Telefon zu sich heran. »Ich würde sogar aus der Stadt verschwinden. Fahr weg, so weit du kannst. Wenn Herb zu sich kommt, bringt er dich um.«

»Ich habe keine Angst vor ihm«, log Tanner.

»An deiner Stelle würde ich Angst haben.« Toni suchte im Telefonbuch nach einer Nummer. »Herb gehört nicht zu den Leuten, die sich so was gefallen lassen. Wenn du hier in der Stadt bleibst, hast du keine ruhige Minute mehr.«

»Ich werd’ schon mit ihm fertig«, sagte Tanner. »Eines Tages wird er einsehen müssen, dass er in mir seinen Meister gefunden hat.«

»Du armer Bekloppter«, sagte Toni spöttisch. »Wenn der dich das nächste Mal sieht, dann fackelt der nicht lange. Der schlägt zu, und ich fürchte, das wirst du nicht überleben. Also nimm die Beine in die Hand und lauf, so schnell du kannst.«

Tanner wandte sich wortlos um und ging hinaus. Biggis kleinen Fiat hatte er am Münsterplatz geparkt. Er blieb eine Weile neben dem Wagen stehen.

»Scheiße!«, fluchte er. »Verdammte Scheiße!«

Er setzte sich auf den zerschlissenen Sitz, zog den linken Schuh aus und hob die Einlegesohle an. Ein Zwanzig-Mark-Schein kam darunter hervor. Der letzte. Die letzte eiserne Reserve. Er starrte auf den Schein und überlegte. Dann fiel ihm etwas Besseres ein. Er klappte die Sohle wieder zurück, zog den Schuh an und startete den Wagen.



2

In Neu-Ulm stellte er seinen Wagen in der Silcherstraße ab und ging den Rest zu Fuß. Kurz vor elf stand er vor dem großen, alten Haus, in dem Hanno Granski wohnte. Schon von der Straße aus sah er, dass in Hannos Wohnung kein Licht brannte. Aber das hatte bei Hanno nichts zu sagen.

Tanner überquerte die Straße und trat in den dunklen, muffig riechenden Korridor. Er machte Licht und stieg in den zweiten Stock hinauf. Vor einer alten, ziemlich zerkratzten Tür blieb er stehen und drückte auf den Klingelknopf. Erst einmal kurz und nach ein paar Sekunden zweimal lang.

In der Wohnung rührte sich nichts.

Tanner wiederholte sein Klingelzeichen und wartete erneut eine halbe Minute.

Es blieb alles still. Also war Grunski nicht zu Hause. Umso besser.

Das Licht im Korridor ging aus. Tanner wusste, wo sich der Lichtschalter befand, aber er machte kein Licht. Er tastete sich im Dunkeln zur Treppe, hielt sich am Treppengeländer fest und ging geräuschvoll hinunter.

Von Hanno wusste er, dass die Alte, die gegenüber von ihm wohnte, jeden seiner Besucher durch den Spion in ihrer Wohnungstür beobachtete. Sie würde hören, dass er ging, also würde sie sich bestimmt wieder ins Bett legen.

Unten zog Tanner die Tür ein Stück auf und ließ sie laut ins Schloss fallen. Er wartete eine Minute; dann schlich er leise wieder die Treppe hinauf. Er ging diesmal auf der rechten Seite, an der Wand entlang, weil da die alten Stufen nicht so knarrten.

Seine Augen hatten sich in der Zwischenzeit an die Dunkelheit gewöhnt. Er konnte jetzt die Stufen sogar sehen.

Tanner brauchte drei Minuten, bis er wieder vor Grunskis Tür stand. Er zog den Schlüssel aus der Tasche, den er immer bei sich trug, schloss auf und trat hastig ein.

Hanno Grunski hatte keine Ahnung, dass Tanner einen Schlüssel zu seiner Wohnung hatte. Tanner mochte gar nicht dran denken, was passieren würde, wenn er es wüsste. Und erst recht nicht daran, was passieren würde, wenn Grunski wüsste, dass Tanner ihm von Zeit zu Zeit ein paar Gramm Kokain klaute. Meistens kaufte er es bei Grunski, absolut reiner Stoff. Peruvia Flake oder wie das Zeug hieß. Tanner interessierte sich nicht sonderlich dafür, weil er das Koksgeschäft eigentlich hasste. Er tat es nur, wenn ihn seine Kunden darum baten, und auch dann nur, wenn er knapp bei Kasse war.

Und wenn er völlig abgebrannt war, wie jetzt, dann klaute er Grunski ein paar Gramm.

Tanner hatte gelernt, aus zwölf Gramm hohes C, wie Grunski sich auszudrücken pflegte, zwanzig zu machen. Wenn er noch Kohle hatte, kaufte er bei Grunski zwölf Gramm, das Gramm zu achtzehn Mark. Daraus machte er dann zwanzig und verkaufte das Gramm zu zwanzig bis dreißig Mark an seine Endverbraucher. Auch ein Ausdruck von Grunski. Hatte er kein Geld, ging er in Grunskis Wohnung, machte ebenfalls aus zwölf Gramm zwanzig und nahm acht Gramm mit.

Bisher war es Grunski noch nicht aufgefallen. Jedenfalls hatte Tanner nichts dergleichen gehört. Grunski hatte vier verschiedene Verstecke für den Stoff in seiner Wohnung. Absolut sichere Verstecke nach seiner Aussage. Tanner konnte darüber nur lachen. Es war für ihn kein Problem gewesen, die Verstecke zu finden. Er kannte alle vier, und zielstrebig steuerte er in der Dunkelheit das erste an. Es war leer.

Im zweiten fand er zehn Gramm, abgepackt in kleine Tüten. Da war nichts mehr zu verschneiden. Wenn der Stoff bei Grunski so abgepackt war, hatte er ihn selbst schon gestreckt.

Die nächsten beiden Verstecke waren leer.

Sollte Grunskis unversiegbare Quelle doch versiegt sein?

Tanner saß unschlüssig vor den zehn Gramm Kokain. Er war blank. So schlecht war es ihm seit Langem nicht mehr gegangen. Nichts hatte in der letzten Zeit geklappt. Was immer er angefasst hatte, war in die Hosen gegangen. Er konnte sich nicht einmal mehr ein Bier leisten. Er brauchte den Stoff. Er brauchte die zwei Blauen, dann würde es schon wieder weitergehen. Irgendwas hatte er immer wieder aufgerissen. Aber ganz ohne Geld war es zehnmal schwerer.

Tanner, wie tief bist du gesunken, dachte er seufzend und steckte die zehn Briefchen ein.

Grunski würde einen Tobsuchtsanfall bekommen. Aber was soll’s. Grunski wusste schließlich nicht, dass er, Tanner, sie geklaut hatte. Sollte er es ihm doch erst mal beweisen.

So leise wie er gekommen war, verließ er die Wohnung wieder und tastete sich vorsichtig die Treppe hinunter. Er war noch nicht ganz unten, als er einen Wagen hörte. Er hielt direkt vor dem Haus.

Hastig rannte Tanner die letzten Stufen hinunter, lief nach hinten und stellte sich in den Türrahmen der alten Kellertür. Dann wurde die Vordertür aufgerissen, und Grunski polterte die Holztreppe hinauf.

Sekunden später ging die Tür erneut auf. Zwei Männer traten über die Schwelle und folgten Grunski nach oben.

Tanner riskierte einen Blick und zuckte sofort wieder zurück. Kriminalpolizei. Tanner kannte die beiden. Er kannte fast alle von der Ulmer Kripo. Die beiden waren vom Rauschgiftdezernat, Deich und Franken hießen sie. Tanner hatte mit den beiden zwar noch nie etwas zu tun gehabt, aber er hatte sie schon im Neubau gesehen, und später wieder bei einer Razzia.

Und jetzt waren sie hinter Grunski her. Damit war Grunski für eine Weile kaltgestellt. Wenn sie bei ihm selbst keinen Stoff fanden, konnten sie ihm zwar nichts anhaben, aber er würde sich eine Weile in der Szene nicht mehr sehen lassen dürfen.

Tanner war plötzlich wieder besserer Laune. Grunski musste jetzt doch dem ewig dankbar sein, der ihm den Stoff geklaut hatte. Das würde ihm mindestens ein Jahr Gefängnis ersparen. Was wogen dagegen schon zehn Gramm Koks? Tanner öffnete die Kellertür, tastete sich vorsichtig auf die zweite Treppenstufe und lehnte die Tür hinter sich nur an. Es war jetzt zu gefährlich, aus dem Haus zu gehen. Die beiden waren sicher nicht alleine gekommen. Vermutlich stand noch einer vor dem Haus und einer dahinter. Auf jeden Fall war es sicherer zu warten, bis alles wieder ruhig war und die Bullen abgezogen waren.

Eine Viertelstunde später kamen sie herunter.

»War ein Schlag ins Wasser, was?«, hörte Tanner Franken sagen.

»Der Tipp war gut, da möchte ich wetten«, sagte Deich.

»Aber wir haben nichts gefunden.«

»Wir kriegen ihn schon noch, darauf kannst du dich verlassen. Den Kerl schnapp ich mir.«

Dann schlug die Tür hinter ihnen zu. Ein Wagen wurde gestartet, und Tanner wartete, bis die Motorengeräusche verklungen waren. Dann schlich er zur Tür und spähte vorsichtig hinaus.

Es war niemand zu sehen. Tanner trat auf die Straße hinaus und kam ungehindert zu seinem Wagen.


3

»Hallo, Tanner!«

»Hallo, Pinky!« Tanner setzte sich zu einem kleinen, schwarzhaarigen Mann an den Tisch.

»Warst schon lange nicht mehr hier.«

»Das letzte Mal vor vierzehn Tagen. Ist das lang?«

»Na ja, wie man’s nimmt. Was treibst du denn so? Hast du einen Job?«

»Wenn es in einem kapitalistischen Staat schon zweieinhalb Millionen Arbeitslose gibt, dann kriegst du als Vorbestrafter erst recht keinen Job. Hast du das immer noch nicht begriffen?«

»Du suchst eben nicht richtig«, sagte Pinky, der eigentlich Benno Lille hieß. »Vielleicht bist du auch zu anspruchsvoll …«

»Nun fang du auch noch mit dem Scheiß an!«, fauchte Tanner. »Damit liegt mir Biggi schon die ganze Zeit in den Ohren. Ihr habt doch keine Ahnung. Hast du vielleicht einen Job?«

»Ich hab’ einen.«

»Wo?«

»Bei Schweiger. Stahlbau. Ich lass mich als Schweißer anlernen.«

»Schweißer?« Tanner grinste. »Guter Job. Freut mich für dich. Verdienst sicher ’ne schöne Stange Kohle.«

»Es geht. Um dich auf ein Bier einzuladen, reicht’s.«

»Nett von dir. Da sag’ ich nicht nein. Hast du Strohberg heute schon gesehen?«

»Der ist eben zum Kacken raus.«

»Okay. Bestell mir schon mal ein Pils. Ich muss nur auch mal eben raus.«

Es war kurz nach Mitternacht. Das Lokal war noch nicht ganz voll. Aber in einer Stunde würde es zum Bersten voll sein.

Strohberg stand in der Toilette vor dem Spiegel und wusch sich die Hände. Er war mittelgroß, schlank, etwas über vierzig, mit spärlichem, blondem nach hinten gekämmtem Haar. Er strahlte, als er Tanner im Spiegel erblickte.

»Hi, Tänner, Liebling!« Er sagte Tänner und trocknete sich schnell die Hände ab. Dann umarmte er Tanner, küsste ihn auf die Wange und tätschelte ihn. »Mein Gott, wie ich mich freue, dich wieder einmal zu sehen.« Er schob Tanner ein Stück von sich und sah ihn an. »Und hübscher bist du geworden. Du wirst immer hübscher, du Süßer.«

»Oh, danke, Manni. Du siehst auch gut aus.«

»Komm, lass uns nicht lange quatschen. Lass uns zu mir gehen. Jetzt gleich.«

»Manni.« Tanner lächelte. »Hör auf mit dem Quatsch. Du weißt, dass da nichts läuft. Ich mag nun mal bloß Frauen.«

»Oooch, schon wieder eine Abfuhr.« Manni Strohberg zog eine Schnute. »Weißt du, die wievielte das schon ist?«

»Ich habe keine Ahnung, Manni. Aber warum versuchst du es auch immer wieder? An meiner Einstellung wird sich nichts ändern.«

»Ich geb’ die Hoffnung nicht auf, mein Schatz«, sagte Strohberg. »Ich geb’ sie nicht auf.«

Tanner seufzte. »Du bist ein hoffnungsloser Fall, Manni.«

»Ja, ich weiß.« Manni lächelte. »Aber warum kommst du nicht wenigstens wieder mal auf meine Partys? Am Samstag steigt eine.« Und hastig fügte er noch hinzu: »Frauen sind natürlich auch da, das weißt du doch.«

»Okay, Manni. Ich komme.«

»Bestimmt?«

»Ich schwör’s.«

Tanner lächelte.

Manni Strohberg nahm Tanner in die Arme. »Wie schön, mein Liebling …«

»Manni!« Tanner schob ihn sanft zurück. »Wenn du willst, dass wir Freunde bleiben, dann hör jetzt auf.«

»Gut.« Manni trat zwei Schritte zurück und streckte die Arme nach vorn. »Gut, gut. Aber dann musst du mir Handschellen anlegen. Hier, leg mir Handschellen an.«

»Verdammt, Manni, hör auf mit dem Scheiß und lass uns vernünftig miteinander reden.«

»Ich bin vernünftig.« Manni lächelte und fügte hinzu: »Wenn du nur nicht so ein verdammt hübscher Junge wärst.«

Tanner seufzte. »Hör zu, Manni, brauchst du für deine Party ein bisschen Coc?«

»Klar, mein Junge. Immer. Hast du was?«

»Ein bisschen.«

»Wie viel?«

»Zehn Gramm.«

»Klasse, Junge. Bring es am Samstag mit. Uih, das wird vielleicht geil.«

»Du hast mich falsch verstanden, Manni. Ich möchte, dass du es mir abkaufst. Jetzt. Sofort. Ehrlich gesagt, ich bin so blank, dass ich mir nicht mal ein Bier kaufen kann.«

»Mein Gott, Schätzchen, warum sagst du mir das nicht gleich? Ich leih dir doch was. Du kannst von mir haben, was du willst. Das weißt du doch.«

»Manni, ich möchte nicht, dass du mir Geld leihst, ich möchte, dass du mir das bisschen C abkaufst.«

»Na schön«, sagte Manni. »Was willst du dafür?«

»Dreihundert.«

»Jetzt nutzt du mich aus«, schmollte Manni. »Du spielst mit meinen Gefühlen …«

»Nein, Manni, bestimmt nicht. Das ist einfach der Marktwert. Verstehst du?«

»Nein, das verstehe ich nicht.«

»Gut, Manni. Gut, gut. Weil wir Freunde sind, mache ich dir einen absoluten Freundschaftspreis. Aber sag’s um Gottes Willen niemandem. Versprich mir das! Das ist ein wirklicher Freundschaftspreis. Zweihundertfünfzig.«

»Also gut«, sagte Strohberg. »Aber ich kann dir nur hundert geben. Mehr habe ich nicht dabei. Den Rest bekommst du am Samstag. Einverstanden?«

Tanner überlegte nur kurz. Er kannte Manni Strohberg lange genug, um zu wissen, dass er ein verdammtes Schlitzohr sein konnte. Aber im Moment hatte er keine Wahl. Er wollte das Zeug nicht mit nach Hause nehmen. Er wollte es weg haben, so schnell wie möglich. Man konnte nie wissen. Und ein großer Blauer war immer noch besser als gar nichts.«

»Einverstanden«, sagte Tanner. »Hundert jetzt, und den Rest am Samstag.«

Strohberg griff in die Außentasche seiner Jacke. Es knisterte, als hätte er da noch mehr Scheine drin. Aber er brachte nur einen Hunderter zum Vorschein.

Tanner gab ihm die zehn Briefchen und schob den Schein in die Tasche.

»So, Schluss mit den Geschäften. Jetzt setzt du dich zu mir an den Tisch, und wir trinken zusammen einen, und ich mach dich mit ein paar interessanten Leuten bekannt.«

»Ich weiß nicht, Manni.« Tanner zögerte. Wenn Manni Strohberg interessante Leute sagte, meinte er meistens Tunten, und im Moment war Tanner nicht danach. »Ich habe vorher bei Pinky am Tisch gesessen. Er hat mich zu einem Bier eingeladen, und ich habe zugesagt.«

»Dann bring ihn eben mit an den Tisch«, sagte Manni. »Sag ihm, er kann auch kommen.«

Sie gingen in das Lokal zurück. Aus der Musikbox dröhnte die Stimme von Elvis Presley. Dicke Rauchschwaden hingen unter der Decke.

»Wo sitzt du?«, fragte Tanner.

»Da hinten, am zweitletzten Tisch.«

»Gut, Manni. Ich komm gleich. Ich sag’ nur kurz Pinky Bescheid.«

Tanner setzte sich zu Pinky an den Tisch. Ein frisch eingeschenktes Pils stand vor Tanners Platz. Er trank es in einem Zug halb leer.

»Hast aber lange gebraucht.« Pinky grinste.

»Strohberg hat uns zu sich an den Tisch eingeladen«, sagte Tanner, ohne auf Pinkys anzügliches Grinsen einzugehen.

»Gibt er einen aus?«

»Ich weiß nicht.«

»Der macht doch eine Menge Kohle, oder nicht?«

»Verglichen mit uns zwei ist er unermesslich reich«, sagte Tanner.

»Na also, dann kann er auch einen ausgeben.«

»Du kannst ihn ja fragen.«

»Das wirst du tun«, sagte Pinky. »Dich hat er doch eingeladen.«

»Ich werde gar nichts tun. Kommst du nun mit?«

»Was soll ich da? Da hocken doch nur Bonzen und Tunten. Das ist nicht meine Kragenweite.«

Tanner erhob sich und nahm sein Bierglas in die Hand. »Pinky, du bist ein Arsch.«

»Weißt du was?« Pinky funkelte ihn wütend an. »Du zahlst dein Bier selber. Wer bin ich denn? Ich lass mich doch nicht von dir beleidigen und zahl dir dafür auch noch ein Bier.«

»Schön, Pinky, ich zahl mein Bier selber. Aber du bist und bleibst ein Arschloch, und du wirst ewig ein kleiner, mickriger Schweißer und Ladendieb bleiben …«

»Immer noch besser als ein Arschficker!«, sagte Pinky höhnisch.

»Dafür sollte ich dir eigentlich die Fresse polieren«, sagte Tanner. »Du bist wirklich zu blöd.«

»Fragt sich bloß, wer von uns beiden blöder ist!«, fauchte Pinky mit schiefem Mund und funkelnden Augen. »Du bist eine eingebildete Sau. Aber du fällst auch noch mal runter von deinem Sockel, und dann pisse ich auf dich.«

»Ich glaube, du kannst wirklich nichts dafür.« Tanner seufzte und zuckte mit den Schultern. »Du bist tatsächlich so doof, wie du aussiehst.«

Tanner wandte sich um und ging weg. Pinky rief ihm noch etwas nach, aber er hörte es nicht mehr. Als er sich dem Tisch näherte, an dem Manni Strohberg saß, hatte er Pinky schon vergessen.

Es fiel ihm nicht schwer, Pinky zu vergessen. An Mannis Tisch saß die Frau, die er schon lange begehrte.

Herrgott, was für eine Frau!

Tanner war verrückt nach ihr, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Und das war vor ungefähr einem Jahr gewesen. Immer, wenn sie einander begegnet waren, hatten sich ihre Blicke gekreuzt, und Tanners Herz hatte schneller geschlagen.

Tanner konnte sich nicht erinnern, wann ihm das bei einer Frau zum letzten Mal passiert war. Die vielen Frauen, die er in seinem Leben gehabt hatte, hatten ihn abgestumpft. Aber bei dieser Frau war es anders gewesen. Sie hatte sein Herz zum Rasen gebracht, und das nicht nur bei der ersten Begegnung. Es war ihm immer wieder von Neuem passiert, und jedes Mal hatte er das Gefühl gehabt, dass auch er ihr nicht gleichgültig war.

Aber es hatte nie eine Gelegenheit gegeben, dass er sie hätte ansprechen können. Immer war dieser weißhaarige Mann bei ihr gewesen, von dem er inzwischen wusste, dass er ihr Ehemann war. Im Allgemeinen war das für ihn kein Hinderungsgrund. Aber hier lag der Fall anders. Außerdem hatte er sie nie alleine gesehen. Immer war dieser Weißhaarige bei ihr gewesen, der auch jetzt wieder neben ihr saß.

Das ist die Chance, dachte Tanner, während er neben Manni stehen blieb. Wenn es heute nicht klappt, klappt es nie mehr. Die Frau saß neben Manni, und Tanner nahm einfach einen Stuhl vom Nebentisch und schob ihn zwischen die beiden.

»Ah, da bist du ja, Schätzchen.« Manni strahlte über das ganze Gesicht und rückte zur Seite, damit Tanners Stuhl neben ihm Platz hatte. »Leute, das ist Tänner. Einfach Tänner.« Und an Tanner gewandt, sagte er: »Schätzchen, du kennst vermutlich die halbe Stadt, aber Herrn und Frau Kettner kennst du sicher noch nicht.«

Manni hatte wie immer keine Ahnung, aber Tanner sagte nichts.

»Herr Kettner hat ein Transportgeschäft«, fuhr Manni fort. »Transporte aller Art und wohin du willst. Wir stehen seit einiger Zeit in geschäftlicher Verbindung. Eine sehr angenehme Verbindung, muss ich dazusagen.«

Kettner neigte lächelnd den Kopf in Mannis Richtung und sah dann wieder Tanner an. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt sein, aber das weiße, lichte Haar ließ ihn etwas älter erscheinen. Er hatte ein braungebranntes, gut geschnittenes Gesicht und graue, eiskalte Augen.

Tanner reichte Kettner die Hand und murmelte artig sein »Angenehm«. Aber ihm war alles andere als angenehm zumute, als er in Kettners Augen blickte. Er mochte diesen Mann nicht, das war ihm sofort klar. Nicht nur, weil er der Ehemann der Frau war, die er begehrte, sondern weil ihm allein Kettners Blick einen Schauer über den Rücken jagte.

Wie hatte diese Frau nur so einen Mann heiraten können?

»Und das ist Marion, seine Frau«, fuhr Manni mit der Vorstellung fort.

Mit dem schönsten Lächeln, das er für solche Situationen extra einstudiert hatte, wandte sich Tanner an die Frau.

Marion Kettner war von einer herben Schönheit, und gerade heute glich sie Tanners Traumfrau fast aufs Haar. Irgendwann, vor einigen Jahren, hatte Tanner einen Film gesehen, der in Russland spielte, hauptsächlich in Sibirien. Und in diesem Film war ein russisches Bauernmädchen zu sehen gewesen, in das er sich sofort verliebt hatte. Ovales Gesicht, hochstehende Backenknochen, gerade Nase, schön geschwungene, volle Lippen und braune Augen. Das lange, kastanienbraune Haar, hatte sie zu einem Zopf geflochten und über die rechte Schulter nach vorn gehängt. Durch das weit geöffnete Hemd hatte man einen großen Teil ihrer prallen, weißen Brüste sehen können.

Bisher hatte Tanner Marion Kettner noch nie mit einem Zopf gesehen. Meistens hatte sie ihr kastanienbraunes Haar, das ihr fast bis zu ihrem hübschen, runden Hinterteil reichte, immer offen getragen, oder sie hatte es hochgesteckt. Und heute trug sie den Zopf, und die oberen drei Knöpfe ihrer rosafarbenen Bluse waren weit geöffnet und gaben den Blick auf ihre herrlichen Brüste frei. Sie glich fast aufs Haar der Frau aus dem Film. Vielleicht war sie sogar noch eine Idee schöner, weil ihre Gesichtszüge nicht ganz so derb waren.

Eine Fügung des Schicksals?

Tanner hielt nichts vom Schicksal. Er glaubte eher an die Wahrscheinlichkeit. Für ihn war es einfach unwahrscheinlich, dass ihm eine Frau wie Marion Kettner, in einer Stadt wie Ulm mit knapp hunderttausend Einwohnern, auf die Dauer aus dem Weg gehen konnte. Er hatte immer gewusst, dass er eines Tages neben ihr sitzen würde. Und heute war es soweit, und er würde alle Register seines Könnens ziehen, um sie zu erobern.

Galant beugte sich Tanner über Marion Kettners Hand, berührte ihren Handrücken leicht mit den Lippen und sagte: »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.« Und an Kettner gewandt sagte er: »Sie sind zu beneiden, Herr Kettner. Sie sind mit der schönsten Frau der ganzen Stadt verheiratet.«

Kettner erwiderte Tanners Lächeln. Aber nur sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Seine Augen blieben kalt.

»Ha!«, piepste Manni. »Ha! Habe ich es euch nicht gesagt?« Stolz schwang in seiner Stimme mit. »Ein Charmeur, wie er im Buche steht. Setz dich, Tänner. Die Dame ist gut verheiratet. Mit ihr kannst du mich nicht betrügen, du Schlingel.«

Aus den Augenwinkeln sah Tanner, wie Marion Kettner kurz die Augenbrauen hochzog. Aber er sagte nichts.

Es würde sich im Laufe des Abends schon eine Möglichkeit bieten, sie aufzuklären. Die anderen, die noch am Tisch saßen, wussten alle, dass Manni nun mal gern damit angab, mit Tanner etwas zu haben. Und sie wussten auch, dass es nicht stimmte.

Vor allem Claudia Arnes, die kleine Blonde, die Tanner gegenübersaß und sich am Arm von Monte Junior festhielt. Sie hatte ein recht hübsches Gesicht und auch sonst ein angenehmes Äußeres. Aber sie war strohdumm und so langweilig wie eine Wüstenlandschaft.

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