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Nur der Tod bringt Vergebung

Peter Tremayne

Nur der Tod bringt Vergebung

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Irmela Erckenbrecht

 

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

GLOSSAR

 

|5|Für Dorothea

|7|HISTORISCHE ANMERKUNG

Diese Geschichte spielt im Jahre 664 während der berühmten Synode von Whitby. Die Sitten und Gebräuche dieses »dunklen Zeitalters« mögen vielen Leserinnen und Lesern befremdlich erscheinen. Besonders bemerkenswert ist, daß damals sowohl in der römischen als auch in der später »keltisch« genannten Kirche der Gedanke des Zölibats für Ordensfrauen und -männer längst noch nicht überall verbreitet war. Im Gegenteil, es kam recht häufig vor, daß Männer und Frauen in conhospitae, sogenannten Doppelhäusern, zusammen lebten und ihre Kinder im Dienste Christi gemeinsam aufzogen. St. Hildas Abtei in Whitby, zu jener Zeit Streoneshalh genannt, war eines dieser Doppelhäuser. Selbst Priester und Bischöfe durften damals heiraten. Der Zölibat wurde zwar von Paulus und anderen frühen Kirchenführern ausdrücklich befürwortet, beschränkte sich ursprünglich jedoch nur auf Asketen. Der Anspruch an alle Geistlichen, im Zölibat zu leben, konnte sich nur allmählich durchsetzen. Erst unter Papst Leo IX. (1048 –54) unternahm die römische Kirche den ernsthaften Versuch, auch die Geistlichen im äußersten Westen Europas zum Zölibat zu zwingen.

|9|Selbst wilde Tiere sind nicht so grausam wie die Christen im Umgang mit ihresgleichen.

Ammianus Marcellinus (ca. 330 –395)

KAPITEL 1

Der Mann war noch nicht lange tot. Das Blut und der Speichel um seine verzerrten Lippen waren noch nicht einmal trocken. Die Leiche hing am Ende eines kräftigen Hanfseils vom Ast einer knorrigen Eiche und schwang im Wind hin und her. Wo das Genick gebrochen war, hatte sich der Kopf in einem seltsamen Winkel zum übrigen Körper verdreht. Die Kleider waren zerrissen, und falls der Mann Sandalen getragen hatte, waren sie von Leichenfledderern entwendet worden. Jedenfalls war von seiner Fußbekleidung nichts mehr zu sehen. Die verkrampften, blutüberkrusteten Hände zeigten, daß der Mann nicht kampflos gestorben war.

Doch nicht die Tatsache, daß ein Mann erhängt worden war, hatte die kleine Gruppe von Reisenden dazu gebracht, bei der alten Eiche haltzumachen. Seitdem sie von Rheged ins Königreich Northumbrien gekommen waren, hatten sie schon zahlreiche Hinrichtungen und andere grausame Bestrafungen gesehen. Offenbar wandten die dort wohnenden Angeln und Sachsen strenge Strafen auf all jene an, die ihre Gesetze übertraten – von den grausigsten Formen der Verstümmelung bis zur Hinrichtung unter den qualvollsten Umständen, wobei das bloße Erhängen noch als menschlichster Weg erschien. Nein, es war nicht der Anblick eines |10|weiteren an einem Baum aufgeknüpften Unglücklichen, der sie beunruhigt hatte. Daß sie ihre Pferde und Maultiere so plötzlich zum Stehen brachten, hatte einen anderen Grund.

Die kleine Reisegesellschaft bestand aus vier Männern und zwei Frauen. Sie alle trugen geistliche Gewänder aus ungefärbter Wolle, und die Häupter der Männer waren vorne kahlgeschoren – eine Tonsur, die sie als Brüder der Kirche Columbans von der heiligen Insel Iona auswies. Wie auf Kommando hatten sie alle im gleichen Augenblick angehalten, saßen aufrecht in ihren Sätteln und starrten beklommen auf den Leichnam des Mannes, auf seine ängstlich aufgerissenen Augen und seine in einem letzten verzweifelten Ringen nach Luft herausgestreckte schwarze Zunge. In den Mienen der Reisenden spiegelten sich Entsetzen und tiefe Besorgnis.

Der Grund dafür war nicht schwer zu erraten: Auf dem Haupt des Toten war ebenfalls die Tonsur Columbans zu erkennen. Und was von seiner Kleidung übriggeblieben war, deutete auf die Kutte eines Mönches hin, obgleich sowohl das Kruzifix als auch der Ledergürtel und die Ledertasche fehlten, die jeder peregrinus pro Christo trug.

Der Anführer ritt auf seinem Maultier noch ein Stück näher und sah mit aschfahlem Gesicht zu dem Toten auf.

Auch eine der beiden Frauen löste sich von der Gruppe und führte ihr Reittier noch dichter an die Eiche heran, um den Toten mit ruhigem Blick zu betrachten.

Sie reiste zu Pferde, was darauf hinwies, daß sie keine gewöhnliche Ordensschwester war. In ihren blassen Gesichtszügen war keine Angst, sondern eine eigentümliche Mischung aus Abscheu und Neugier zu erkennen. Sie war noch jung, hochgewachsen und von anmutiger Gestalt, eine Tatsache, |11|die ihr schlichtes Gewand kaum zu verbergen vermochte. Ein paar widerspenstige Strähnen roten Haares lugten unter ihrer Kopfbedeckung hervor. Ihr blasses Gesicht war fein geschnitten, und ihre Augen blitzten hell. Es war schwer zu sagen, ob sie blau oder grün waren, denn sie schienen sich mit jeder Gemütslage zu verändern.

»Kommt fort, Schwester Fidelma«, murmelte ihr männlicher Begleiter sichtlich bewegt. »Das ist kein schicklicher Anblick für Euch.«

Die junge Frau sah ihn verärgert an.

»Für wen sollte dieser Anblick wohl schicklich sein, Bruder Taran?« gab sie zurück. Dann führte sie ihr Pferd noch näher an die Leiche heran und sagte: »Unser Bruder ist noch nicht lange tot. Wer könnte diese abscheuliche Tat begangen haben? Diebe?«

Bruder Taran schüttelte den Kopf.

»Wir sind in einem wilden Land, Schwester, und dies hier ist erst meine zweite Mission nach Northumbrien. Nicht mehr als dreißig Jahre ist es her, daß wir dieser gottverlassenen Einöde das Wort Christi brachten. Man trifft noch immer viele Heiden, die vor der Geistlichkeit wenig Achtung haben. Laßt uns schnellstens weiterreiten. Wer auch immer diese Tat begangen hat, hält sich vielleicht noch in der Nähe auf. Bis zur Abtei von Streoneshalh kann es jetzt nicht mehr weit sein, und wir sollten auf jeden Fall dort ankommen, ehe die Sonne hinter den Bergen versinkt.«

Er zitterte leicht.

Die junge Frau runzelte verärgert die Stirn.

»Ihr würdet tatsächlich weiterreiten und einen unserer Glaubensbrüder so zurücklassen? Ohne Segen und Begräbnis?«

|12|Bruder Taran zuckte die Achseln. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Schwester Fidelma wandte sich zu den anderen um.

»Ich brauche ein Messer, um das Seil durchzuschneiden«, erklärte sie. »Wir müssen für die Seele unseres Bruders beten und dafür sorgen, daß er ein christliches Begräbnis bekommt.«

Die anderen warfen sich unbehagliche Blicke zu.

»Vielleicht hat Bruder Taran recht«, gab das zweite weibliche Mitglied der Gruppe zu bedenken. Es war ein großes, grobknochiges Mädchen, das schwer und unbeholfen auf seinem Reittier saß. »Schließlich kennt er dieses Land ebensogut wie ich. Habe ich nicht jahrelang als versklavte Geisel in Northumbrien leben müssen? Sicherlich wären wir gut beraten, wenn wir unverzüglich weiterreiten und uns in den Schutz der Abtei von Streoneshalh begeben würden. Wir können Äbtissin Hilda von der Greueltat berichten. Sie wird am besten wissen, was zu tun ist.«

Schwester Fidelma stöhnte gereizt auf.

»Wir sollten doch zuallererst an die Seele unseres verstorbenen Bruders denken, Schwester Gwid«, gab sie zurück. Dann wandte sie sich an die anderen. »Hat denn niemand ein Messer?«

Zögernd kam einer der Männer näher und reichte ihr ein kleines Messer.

Schwester Fidelma nahm es, stieg von ihrem Pferd und ging zu der Stelle, wo das Seil an einen niedrigeren Ast gebunden war. Sie hatte das Messer schon angehoben, als ein schriller Schrei sie innehalten und herumfahren ließ.

Aus dem Wald auf der anderen Seite des Weges kam ein halbes Dutzend Männer. Angeführt wurden sie von einem |13|Mann auf einem Pferd – einem kräftigen Krieger mit langem, zotteligem Haar, das unter einem polierten Bronzehelm herausquoll und in einen dichten schwarzen Bart überging. Er trug einen glänzenden Brustharnisch, und seine Körperhaltung zeugte davon, daß er es gewohnt war, Befehle zu geben. Seine Gefolgsleute trugen verschiedene Waffen, die meisten Knüppel oder Pfeil und Bogen.

Schwester Fidelma hatte keine Ahnung, was der Mann ihr zurief, aber offenbar war es ein Befehl, und allem Anschein nach wollte er sie von ihrem Vorhaben abbringen.

Sie wandte sich zu Bruder Taran um, der dem Fremden ängstlich entgegenblickte.

»Wer sind diese Leute?«

»Es sind Sachsen, Schwester.«

»Das sehe ich selbst. Aber meine Kenntnisse des Sächsischen sind unvollkommen. Ihr müßt mit ihnen sprechen und sie fragen, wer sie sind und was sie über diesen Mord wissen.«

Bruder Taran rief dem Anführer der Männer ein paar holprige Brocken in einer fremden Sprache entgegen. Der kräftige Mann mit Helm grinste und spuckte aus, ehe er einen Schwall unverständlicher Laute von sich gab.

»Er sagt, sein Name sei Wulfric von Frihop, er sei ein Than des Unterkönigs von Deira, und dies sei sein Land. Seine Halle liege auf der anderen Seite des Waldes«, übersetzte Bruder Taran stockend.

»Fragt ihn, was das hier zu bedeuten hat«, sagte Schwester Fidelma in kaltem, gebieterischem Ton und zeigte auf den immer noch am Seil baumelnden Toten.

Der sächsische Krieger ritt näher und musterte Bruder Taran mit einem neugierigen Stirnrunzeln. Dann verzog sich |14|sein bärtiges Gesicht zu einem bösartigen Grinsen. Seine engstehenden Augen und sein verschlagener Blick erinnerten Fidelma an einen listigen Fuchs. Er nickte grinsend, während Taran zögernd sprach, und antwortete dann, wobei er wieder kräftig auf den Boden spuckte, als wollte er damit seinen Worten Nachdruck verleihen.

»Es bedeutet, daß der Bruder hingerichtet wurde«, übersetzte Taran.

»Hingerichtet?« Fidelma zog die Augenbrauen zusammen. »Nach welchem Gesetz wagt es dieser Mann, einen Mönch aus Iona hinzurichten?«

»Nicht aus Iona. Der Mönch war ein Northumbrier aus einem Kloster auf der Insel Farne«, kam die Antwort.

Schwester Fidelma biß sich auf die Unterlippe. Sie wußte, daß Colmán, der Bischof von Northumbrien, auch der Abt von Lindisfarne war und die Abtei die Hauptstütze der Kirche in diesem Königreich bildete.

»Und sein Name? Wie war der Name des Bruders?« wollte Fidelma wissen. »Und welches Verbrechen soll er begangen haben?«

Wulfric zuckte mit den Schultern.

»Nach seinem Namen habe ich ihn nicht gefragt.«

»Nach welchem Gesetz wurde er hingerichtet?« fragte sie weiter und versuchte, die in ihr aufsteigende Wut in den Griff zu bekommen.

Wulfric, der Krieger, lenkte sein Pferd näher an die junge Ordensschwester heran und beugte sich vom Sattel aus tief zu ihr hinunter. Sie rümpfte die Nase, als sie seinen schlechten Atem roch und die schwarzen Zähne hinter seinen grinsenden Lippen sah. Es beeindruckte ihn offenbar, daß diese junge Frau keine Angst vor ihm und seinen Kriegern hatte. |15|Einen Augenblick lang ließ er beide Hände auf dem Knauf seines Sattels ruhen und betrachtete sie nachdenklich. Dann deutete er grinsend auf die Leiche.

»Das Gesetz besagt, daß ein Mann, der einen Höherstehenden beleidigt, dafür mit dem Leben bezahlen muß.«

»Einen Höherstehenden beleidigt?«

Wulfric nickte.

»Der Mönch«, übersetzte Taran mit zitternder Stimme weiter, »ist gegen Mittag in Wulfrics Dorf gekommen und hat um gastfreundliche Aufnahme gebeten. Wulfric, ein guter Christ« – hatte Wulfric das tatsächlich gesagt, oder war das nur Tarans Übersetzung? –, »gewährte ihm Obdach und eine Mahlzeit. Der Met floß reichlich in der Banketthalle, als der Streit ausbrach.«

»Welcher Streit?«

»Es scheint, daß Alhfrith, Wulfrics König . . .«

»Alhfrith?« unterbrach ihn Fidelma. »Ich dachte, Oswiu sei der König von Northumbrien?«

»Alhfrith ist Oswius Sohn und Unterkönig von Deira. Das ist der südliche Teil von Northumbrien, in dem wir uns jetzt befinden.«

Fidelma bedeutete Taran, mit seiner Übersetzung fortzufahren.

»Dieser Alhfrith hat sich zu einem Anhänger Roms bekehren lassen und viele Mönche aus dem Kloster von Ripon vertrieben, weil sie sich den Lehren und der Liturgie Roms nicht unterwerfen wollten. Offenbar hat einer von Wulfrics Männern unseren Bruder in eine Debatte über die jeweiligen Vorzüge der Lehren Roms und Columbans verwickelt. Aus dem Gespräch wurde ein Streit, der Streit wurde immer hitziger, und schließlich hat sich der Mönch zu unbedachten |16|Worten hinreißen lassen. Diese Worte wurden wohl als beleidigend empfunden.«

Schwester Fidelma starrte den Gefolgsmann des Königs ungläubig an. »Und dafür wurde der Mann hingerichtet? Für ein paar Worte?«

Wulfric strich gelassen über seinen Bart und lachte, als Taran ihm die Frage stellte.

»Dieser Mann hat den Than von Frihop beleidigt. Dafür wurde er hingerichtet. Gemeine Leute dürfen nicht ungestraft einen so edlen Mann beleidigen. Das ist das Gesetz. Und außerdem schreibt das Gesetz vor, daß der Mann von heute an noch einen Mond hier hängen muß.«

Zorn spiegelte sich in der Miene der jungen Ordensschwester. Sie wußte wenig über das sächsische Gesetz, und ihrem Eindruck nach war es in höchstem Maße ungerecht. Allerdings war sie klug genug, ihre Empörung nicht zu zeigen. Sie wandte sich um, schwang sich auf den Rücken ihres Pferdes und sah den Krieger an.

»Höre, Wulfric, ich bin auf dem Weg nach Streoneshalh, wo ich auch König Oswiu von Northumbrien treffen werde. Ich werde Oswiu wissen lassen, wie Ihr diesen Diener Gottes behandelt habt, einen heiligen Mann, der unter dem besonderen Schutz des christlichen Königs Eures Landes steht.«

Falls diese Worte dazu gedacht gewesen waren, Wulfric einzuschüchtern, hatten sie ihre Wirkung verfehlt.

Der sächsische Krieger warf den Kopf zurück und brach in brüllendes Gelächter aus.

Schwester Fidelma hatte jedoch mit wachsamem Blick nicht nur Wulfric, sondern auch seine Gefährten im Auge behalten. Während des Wortwechsels hatten sie immer wieder gespannt zu ihrem Führer geschaut, und es war klar, daß sie |17|nur auf seinen Befehl warteten, um sich auf die Reisenden zu stürzen. Deshalb schien ihr Zurückhaltung ratsam. Gefolgt von einem sichtlich erleichterten Bruder Taran und ihren anderen Reisegefährten, lenkte sie ihr Pferd zurück auf den Weg, ließ es jedoch absichtlich im Schritt gehen. Eile würde Angst verraten, und Angst war das letzte, was man einem Rüpel wie Wulfric in einer solchen Lage zeigen durfte.

Zu ihrer Überraschung wurden sie nicht aufgehalten. Wulfric und seine Männer blieben einfach stehen und sahen ihnen nach und wechselten lachend ein paar Worte. Nachdem sie genug Abstand zwischen sich und Wulfrics Bande an der alten Eiche gelegt hatten, wandte sich Fidelma kopfschüttelnd an Taran.

»Dies ist tatsächlich ein wildes, von Heiden bevölkertes Land. Und ich dachte, Northumbrien sei befriedet und würde von Oswiu regiert?«

Es war Schwester Gwid, die Fidelma antwortete. Wie Bruder Taran stammte sie von den Cruthin im Norden ab, die viele auch Pikten nannten. Da Schwester Gwid jedoch mehrere Jahre als Gefangene hier verbracht hatte, kannte sie sich mit den Eigenheiten und der Sprache Northumbriens aus.

»Ihr habt noch viel über dieses Land zu lernen, Schwester Fidelma«, begann sie.

Die Herablassung in ihrer Stimme schwand, als Fidelma sie mit funkelnden Augen ansah. »Ach ja? Dann sagt es mir.« Ihre Stimme war so kalt und klar wie das kristallene Wasser eines reißenden Bergbachs.

»Nun«, fuhr Gwid in deutlich bescheidenerem Tonfall fort, »Northumbrien wurde einst von den Angeln besiedelt. Sie unterscheiden sich kaum von den Sachsen im Süden des |18|Landes, haben die gleiche Sprache und verehrten die gleichen befremdlichen Götter, bis unsere Missionare ihnen das Wort des einzigen, wahren Gottes brachten. Aber es wurden zwei Königreiche gegründet, Bernicia im Norden und Deira im Süden. Erst vor sechzig Jahren wurden sie zu dem Königreich vereint, das jetzt Oswiu regiert. Und Oswiu hat seinen Sohn Alhfrith zum Unterkönig von Deira ernannt. Ist es nicht so, Bruder Taran?«

Bruder Taran nickte verdrießlich.

»Ein Fluch auf Oswiu und sein Haus!« rief er verbittert aus. »Als Oswald, Oswius Bruder, König war, führte er die Northumbrier in einen Krieg gegen unser Land. Ich war damals noch ein Kind. Meinen Vater, der ein Häuptling der Gododdin war, haben sie erschlagen und meine Mutter vor den Augen des Sterbenden niedergestochen. Ich hasse sie alle!«

Fidelma hob die Augenbrauen.

»Und doch seid Ihr ein Bruder Christi und der Nächstenliebe verpflichtet. Ihr solltet keinen Haß im Herzen tragen.«

Taran seufzte. »Ihr habt recht, Schwester. Manchmal ist unser Glauben ein strenger Zuchtmeister.«

»Und ich dachte immer«, fuhr Fidelma unbeirrt fort, »Oswiu sei in Iona erzogen worden und folge der Liturgie der Kirche Columcilles? Wie kann sein Sohn dann ein Gefolgsmann Roms und ein Feind unserer Sache sein?«

»Die Northumbrier nennen den heiligen Columcille ›Columban‹«, warf Schwester Gwid in besserwisserischem Tonfall ein, »weil sie den Namen leichter aussprechen können.«

Es war Bruder Taran, der Fidelmas Frage beantwortete.

»Ich glaube, daß Alhfrith mit seinem Vater, der ein zweites Mal geheiratet hat, in Feindschaft lebt. Alhfrith fürchtet, |19|sein Vater könnte ihn zugunsten von Ecgfrith, dem Sohn seiner zweiten Frau, enterben.«

Fidelma seufzte tief.

»Diese sächsischen Erbgesetze sind mir ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln. Ich habe gehört, sie setzen den erstgeborenen Sohn als Erben ein, anstatt wie wir durch freie Wahl den Würdigsten der Familie zu bestimmen.«

In dem Augenblick stieß Schwester Gwid einen Schrei aus und deutete auf den fernen Horizont.

»Das Meer! Ich kann das Meer sehen! Und das schwarze Gebäude dort drüben am Horizont – das muß Streoneshalh sein.«

Schwester Fidelma brachte ihr Pferd zum Stehen und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne.

»Was meint Ihr, Bruder Taran? Ihr kennt Euch in diesem Teil des Landes am besten aus.«

Erleichterung stand Taran ins Gesicht geschrieben.

»Schwester Gwid hat recht. Das ist die Abtei der Gesegneten Hilda, der Base König Oswius – Streoneshalh, das Ziel unserer Reise.«

KAPITEL 2

Der Aufschrei einer rauhen, verzweifelten Stimme ließ die Äbtissin erschrocken zusammenfahren. Sie hob die Augen von dem reich bebilderten Pergament, das sie an ihrem Tisch studiert hatte, und runzelte verärgert die Stirn.

Sie saß in ihrem dunklen, mit Steinplatten ausgelegten Gemach, das von einigen Talglichtern in bronzenen Wandhaltern nur spärlich erleuchtet wurde. Es war Tag, aber das einzige hohe Fenster ließ wenig Licht herein, und trotz einiger |20|farbenfroher Wandbehänge, die einen Teil des Mauerwerks bedeckten, wirkte der Raum kalt und karg. Auch das im großen Kamin schwelende Feuer verbreitete nicht viel Wärme.

Einen Augenblick lang verharrte die Äbtissin reglos. Ihr mageres, kantiges Gesicht mit der hohen Stirn legte sich in tiefe Falten, und ihre dunklen Augen, in denen die Pupillen kaum zu erkennen waren, funkelten zornig, während sie den Kopf zur Seite neigte, um dem Geschrei zu lauschen. Sie zog den kunstvoll gewebten Wollumhang fester um die Schultern und ließ eine Hand über das aufwendig gearbeitete goldene Kruzifix gleiten, das sie an einer Kette aus winzigen Elfenbeinperlen um den Hals trug. Ihre Kleidung und ihr Schmuck zeugten davon, daß sie eine wohlhabende Frau von hoher Stellung war.

Der Radau vor der schweren Holztür ging weiter, so daß sie sich schließlich seufzend von ihrem Tisch erhob. Obwohl die Äbtissin nur von durchschnittlichem Wuchs war, wirkte ihre Haltung gebieterisch. Die Wut ließ ihre knochigen Züge noch stärker hervortreten.

Es klopfte laut, und noch ehe die Äbtissin Zeit hatte zu antworten, schwang die Eichentür auf.

Eine Frau im schlichten braunen Wollgewand der Ordensschwestern stand verlegen auf der Schwelle.

Hinter ihr wand sich ein Bettler im festen Griff zweier kräftiger Ordensbrüder. Die Gebärden und das hochrote Gesicht der Schwester verrieten höchste Bedrängnis, und sie schien vergebens nach den passenden Worten zu suchen.

»Was hat das zu bedeuten?«

Die Äbtissin sprach leise, doch ihre Stimme klang hart wie Stahl.

|21|»Mutter Oberin«, begann die Schwester ängstlich, aber ehe sie noch Zeit hatte, ihren Satz zu beenden, stieß der Bettler einen Schwall unverständlicher Laute aus.

»Sprich!« befahl die Äbtissin ungeduldig. »Was ist der Grund für diese ungeheuerliche Ruhestörung?«

»Mutter Oberin, dieser Bettler verlangt, Euch zu sehen. Wir haben versucht, ihn abzuweisen, aber er hat herumgeschrien und die Brüder tätlich angegriffen«, stieß sie atemlos hervor.

Die Äbtissin preßte grimmig die Lippen zusammen.

»Bringt ihn her«, befahl sie.

Die Schwester wandte sich um und bedeutete den Ordensbrüdern, mit dem Bettler hereinzukommen. Der Mann hatte inzwischen seine Gegenwehr aufgegeben.

Er war so hager, daß er eher einem Skelett als einem Menschen aus Fleisch und Blut glich. Seine Augen waren grau, fast farblos, und auf seinem Kopf sproß eine wilde, schmutzig-braune Mähne. Die straff über seine ausgezehrten Formen gespannte Haut sah aus wie gelbliches Pergament. Seine Kleidung bestand aus zerrissenen Lumpen, und es war auf den ersten Blick zu erkennen, daß er im Königreich Northumbrien ein Fremder war.

»Was willst du?« wollte die Äbtissin wissen und musterte ihn widerwillig. »Und wie kommst du dazu, in einem Haus der stillen Einkehr ein solches Spektakel zu machen?«

»Was ich will?« wiederholte der Bettler schwerfällig. Dann wechselte er in eine andere Sprache und stieß eine rasche Folge kehliger Laute aus. Die Äbtissin neigte den Kopf vor, während sie angestrengt versuchte, ihm zu folgen.

»Sprecht Ihr meine Sprache, die Sprache der Kinder von Éireann?«

|22|Sie nickte, während sie in Gedanken seine Worte übersetzte. Erst vor dreißig Jahren war dem Königreich Northumbrien das Christentum gebracht worden. Lesen und Schreiben hatten die Geistlichen von den irischen Mönchen der heiligen Insel Iona gelernt.

»Ich spreche deine Sprache recht gut«, räumte sie ein.

Der Bettler hielt inne und nickte einige Male mit dem Kopf, als wolle er damit seine Zustimmung zu erkennen geben.

»Seid Ihr Äbtissin Hilda von Streoneshalh?«

Die Äbtissin nickte ungeduldig.

»Allerdings.«

»Dann hört mich an, Hilda von Streoneshalh! Unheil liegt in der Luft. Ehe diese Woche vorüber ist, wird in Streoneshalh Blut geflossen sein.«

Äbtissin Hilda starrte den Bettler überrascht an. Sie brauchte eine Weile, um sich vom Schrecken dieser Botschaft zu erholen, die ihr in tonlosem, nüchternem Tonfall überbracht worden war. Inzwischen hatte sich der Fremde völlig beruhigt. Er stand da und sah sie mit Augen an, die sie an das undurchsichtige Grau eines drückenden Winterhimmels erinnerten.

»Wer bist du?« fragte sie, als sie ihre Beherrschung wiedergefunden hatte. »Und wie kannst du es wagen, in einem Hause Gottes solche Prophezeiungen zu verkünden?«

Die dünnen Lippen des Bettlers verzogen sich zu einem Lächeln.

»Ich bin Canna, der Sohn Cannas, und ich habe das alles am nächtlichen Himmel gelesen. Schon bald werden in diese Abtei viele Große und Gelehrte kommen, von Irland im Westen, Dál Riada im Norden, Canterbury im Süden und Rom im Osten. Sie alle werden hier zusammentreffen und |23|über die Vorzüge ihres Weges zum Verständnis des einzigen und wahren Gottes streiten.«

Äbtissin Hilda machte eine ungeduldige Geste.

»Soviel weiß in dieser Gegend selbst der unkundigste Bauerntölpel, du großer Wahrsager«, erklärte sie verärgert. »Jeder weiß, daß König Oswiu die führenden Gelehrten der Kirche zusammengerufen hat, damit sie darüber debattieren, ob in seinem Königreich die Lehren Roms oder die Lehren Columbans von Iona befolgt werden sollen. Warum belästigst du uns mit diesem Küchengeschwätz?«

Der Bettler grinste verschlagen. »Was sie nicht wissen, ist, daß Tod in der Luft liegt. Denkt an meine Worte, Äbtissin Hilda. Ehe die Woche vorüber ist, wird in den Mauern dieser Abtei Blut geflossen sein. Blut wird die kalten Steine Eures Bodens beflecken.«

Äbtissin Hilda schnaubte verächtlich.

»Und ich nehme an, für einen ansehnlichen Preis bist du bereit, den Lauf des Bösen abzuwenden?«

Zu ihrer Überraschung schüttelte der Bettler den Kopf. »Ihr solltet wissen, Tochter des Hereri von Deira, daß sich der Lauf der Sterne am Himmel nicht aufhalten läßt. Auch wer ihn erkennt, kann ihn nicht ändern. An dem Tag, an dem die Sonne sich am Himmel verdunkelt, fließt Blut! Ich bin nur gekommen, um Euch zu warnen. Ich habe im Namen Christi meine Pflicht getan. Hört auf meine Worte.«

Die Äbtissin starrte den Bettler an, der die Lippen zusammenpreßte und trotzig das Kinn vorschob. Einen Augenblick lang war sie verunsichert und von der kühnen Haltung dieses Mannes und seiner schrecklichen Botschaft verstört, doch dann gewann die Verärgerung wieder Oberhand. Sie wandte sich ihren Untergebenen zu.

|24|»Führt den unverschämten Tölpel ab, und laßt ihn auspeitschen«, befahl sie barsch.

Die beiden Ordensbrüder packten den sich heftig wehrenden Bettler am Arm und zerrten ihn hinaus.

Als auch die Schwester sich zum Gehen wandte, hielt Äbtissin Hilda sie mit erhobener Hand zurück. Die Schwester sah sie erwartungsvoll an, während die Äbtissin sich vorbeugte und die Stimme senkte.

»Sag ihnen, sie sollen nicht zu fest zuschlagen, ihm aus der Küche ein Stück Brot bringen und ihn in Frieden gehen lassen, wenn sie mit ihm fertig sind.«

Die Schwester zog die Augenbrauen hoch und zögerte, als wollte sie den Anweisungen widersprechen. Dann nickte sie eilig und ging ohne ein weiteres Wort davon.

Durch die geschlossene Tür hörte Äbtissin Hilda noch immer Cannas Sohn und seine durchdringende Stimme.

»Nehmt Euch in acht, Äbtissin! An dem Tag, an dem sich die Sonne am Himmel verdunkelt, fließt Blut in Eurer Abtei!«

 

Mit aller Kraft stemmte sich der junge Mann gegen den schneidenden Wind. Schritt für Schritt kämpfte er sich vorwärts. Schließlich lehnte er sich an den Schiffsbug aus dunkler Eiche und suchte mit zusammengekniffenen Augen die ferne Küste ab. Der Wind zerzauste sein dunkles Haar, rötete seine Wangen und bauschte sein braunes Wollhabit. Der Mann umfaßte die Reling mit beiden Händen, auch wenn das Deck unter seinen Füßen nur sanft über den vom Küstenwind aufgewühlten Wellen schwankte. Überall auf der grauen Wasseroberfläche waren weiße Schaumkronen zu sehen.

»Ist das Northumbrien, Käpt’n?«

|25|Er mußte schreien, um sich dem kräftigen alten Seemann, der unmittelbar hinter ihm stand, verständlich zu machen.

Der helläugige Kapitän mit dem wettergegerbten Gesicht nickte ihm zu.

»Ja, das ist Northumbrien, Bruder Eadulf, Euer Bestimmungsort. König Oswius Reich.«

Freudig erregt wandte sich der junge Mann wieder der Küste zu. Drei Tage lang waren sie jetzt schon an den Gestaden entlanggefahren, hatten sich langsam nordwärts gekämpft und versucht, den stürmischeren Wellen der offenen Nordsee zu entgehen. Stuf, der Kapitän des Schiffes, der aus dem Königreich der Südsachsen stammte, kannte sich aus und wußte die Sicherheit der ruhigeren Küstengewässer zu schätzen. Erst jetzt war er gezwungen gewesen, ins offene Meer hinauszusteuern, um eine große Landzunge zu umschiffen, deren langgestrecktes Ufer im Nordosten der offenen, stürmischen See zugewandt war.

Stuf trat einen Schritt näher an den jungen Mönch heran und zeigte auf die Küste.

»Seht Ihr die Klippen dort?«

Bruder Eadulf ließ neugierig seinen Blick über die dunklen, gefährlich hoch und steil aussehenden Sandsteinklippen schweifen. An ihrem Fuße wurden sie von einem schmalen Gürtel aus Sand und zerklüfteten Felsen gesäumt.

»Ja.«

»Und seht Ihr auch den schwarzen Umriß oben auf den Klippen? Das ist Hildas Abtei, die man Streoneshalh nennt.«

Aus dieser Entfernung konnte Bruder Eadulf nicht viel mehr erkennen als den kleinen schwarzen Umriß, den der Kapitän ihm gezeigt hatte. Er ragte direkt oberhalb einer Spalte zwischen den Klippen in den Himmel.

|26|»Das ist unser Hafen«, sagte der Kapitän, als hätte er Bruder Eadulfs Gedanken erraten. »In der Felsspalte direkt unterhalb der Abtei liegt die Mündung des Esk, eines kleinen Flusses. In den letzten Jahren ist dort eine kleine Stadt entstanden. Wegen der Nähe zu Mutter Hildas Abtei nennt man sie Witebia, die ›Stadt der Reinen‹.«

»Wie lange wird es noch dauern, bis wir dort angekommen sind?«

Der alte Kapitän zuckte mit den Schultern. »Vielleicht eine Stunde. Das hängt ganz vom Wind und der Flut ab. In der Nähe der Hafeneinfahrt gibt es ein tückisches Riff, das fast eine Meile weit ins Meer hinausragt. Nichts Gefährliches – wenn man ein guter Seemann ist . . .«

». . . wie ich«, verkniff er sich hinzuzusetzen, doch Eadulf verstand die versteckte Andeutung.

Zögernd wandte Eadulf den Blick von der felsigen Küste ab.

»Dann werde ich jetzt wohl Seine Gnaden benachrichtigen müssen.«

Er geriet ein wenig ins Taumeln, als er sich umdrehte, und biß sich auf die Lippe, um den Fluch zu unterdrücken, der ihm fast entfahren wäre. Allmählich kam er sich selbst schon vor wie ein alter Seemann. Hatte er nicht bereits zweimal das große Meer zwischen Britannien und Éireann überquert, und war er nicht erst kürzlich auf der Rückkehr von seiner zweijährigen Pilgerreise nach Rom von Gallien nach Britannien gesegelt? Und dennoch hatte er feststellen müssen, daß er sich bei jeder Seereise erst wieder erneut an das Schwanken des Schiffes gewöhnen mußte. Von den drei Tagen, an denen sie jetzt vom Königreich Kent bis Northumbrien gesegelt waren, hatte Bruder Eadulf einen ganzen Tag |27|lang krank auf seinem Strohsack gelegen, gestöhnt und sich erbrochen, bis er dachte, vor Übelkeit und Erschöpfung sterben zu müssen. Erst jetzt, am dritten Tag, konnte er aufrecht stehen, ohne daß es ihm den Magen umdrehte, konnte sich den frischen Seewind um den Kopf und in die Lungen blasen lassen, so daß ihm ganz allmählich wieder etwas menschlicher zumute war. Trotzdem brachte ihn gelegentlich eine vorwitzige Welle noch immer ins Schwanken – sehr zur Belustigung von Kapitän Stuf und seinen Matrosen.

Stuf streckte eine braune, schwielige Hand aus, um den jungen Mönch zu stützen, der fast das Gleichgewicht verloren hätte.

Bruder Eadulf lächelte dankbar und verlegen, dann drehte er sich um.

Stuf sah ihm grinsend nach, während Bruder Eadulf sich unsicheren Schrittes entfernte. Noch eine Woche, und der junge Mönch würde einen ganz passablen Seemann abgeben, dachte er. Die tägliche Arbeit würde seine Muskeln rasch wieder kräftigen. Durch die vielen Jahre des Gebets hinter dunklen Klostermauern und ohne Sonnenlicht waren sie schlaff geworden. Der junge Mann hatte den Körperbau eines Kriegers. Stuf schüttelte mißbilligend den Kopf. Das Christentum hatte die sächsischen Krieger in Schwächlinge verwandelt.

Der alte Kapitän war die Küste schon mit unzähligen Frachten abgefahren, doch dies war das erste Mal, daß er Christen an Bord hatte. Wahrhaft seltsame Passagiere, beim Odem Wotans! Stuf machte kein Geheimnis daraus, daß er es vorzog, die alten Götter zu verehren, die Götter seiner Väter. Ja, sein eigenes Land, das Königreich Südsachsen, hatte gerade erst angefangen, widerstrebend jene Männer ins Land |28|zu lassen, die von einem Gott predigten, der keinen Namen hatte und dessen Sohn sie Christus nannten. Stuf hätte es lieber gesehen, wenn der König Südsachsens es ihnen auch weiterhin verboten hätte. Er hatte nicht viel übrig für die Christen und ihre Lehren.

Wenn seine Zeit gekommen war, wollte er wie alle gefallenen Helden mit dem Schwert in der Hand nach Walhall streben und dabei den heiligen Namen Wotans rufen, wie es seine Vorfahren schon seit Generationen getan hatten, anstatt in der absonderlichen Sprache der Römer den Namen eines fremden Gottes zu wimmern und friedlich in einem Bett zu sterben. So ging kein sächsischer Krieger ins Jenseits. Nein, einem wahren Sachsen blieb das Leben nach dem Tod verwehrt, wenn er sich nicht mit dem Schwert den Weg nach Walhall erkämpfte.

Soweit Stuf es verstanden hatte, war dieser Christus ein Gott des Friedens, ein Gott der Sklaven, der alten Männer und der Frauen.

Da war ihm ein männlicher Gott schon lieber, ein Gott der Krieger wie Tyr oder Wotan, Donar oder Freyr, der seine Feinde strafte, die Krieger an seiner Tafel willkommen hieß und die Schwachen und Kraftlosen verachtete.

Aber Stuf verstand sich auch aufs Geschäft. Sein Lebensunterhalt war sein Schiff. Und das Gold der Christen war ihm ebenso recht wie das irgendwelcher anderer Reisender. Also scherte er sich nicht weiter darum, daß seine Ladung diesmal aus ein paar christlichen Geistlichen bestand.

Er drehte dem Wind den Rücken zu, spuckte über die Reling und hob die hellen, fast farblosen Augen zum Großsegel, das über ihm flatterte. Es war an der Zeit, das Segel einzuholen und das Schiff von den achtunddreißig Sklaven zur |29|Küste rudern zu lassen. Er ging nach achtern, um entsprechende Befehle zu erteilen.

Bruder Eadulf war auf dem Weg zu seinen Gefährten, einem halben Dutzend Männern, die am Heck des Schiffes auf ihren Strohsäcken lagen. Eadulf wandte sich an einen rundlichen, grauhaarigen Mönch. »Witebia ist in Sicht, Bruder Wighard«, sagte er. »Der Kapitän sagt, wir können in einer Stunde landen. Soll ich es Seiner Gnaden melden?«

Der rundliche Mann schüttelte den Kopf.

»Seine Gnaden fühlt sich noch immer nicht wohl«, erwiderte er betrübt.

Bruder Eadulf sah ihn besorgt an.

»Wir sollten ihn zum Bug bringen, damit die frische Luft ihn belebt.«

Bruder Wighard schüttelte bedauernd den Kopf.

»Ich weiß, mein Bruder, Ihr habt die Kunst der Apotheker studiert. Aber deren Kuren können auch das Gegenteil bewirken. Lassen wir Seine Gnaden noch ein wenig ruhen.«

Eadulf zögerte, hin- und hergerissen zwischen seiner Überzeugung und der Tatsache, daß Wighard ein Mann war, den man nicht ungestraft mißachtete. Wighard war der Sekretär von Deusdedit, dem Erzbischof von Canterbury. Und es war Deusdedit, von dessen Gesundheit die Rede war.

Der nicht mehr ganz junge Erzbischof war von Eugen I., Bischof von Rom und Vater der Heiligen Kirche, zum Führer der römischen Abgesandten geweiht worden, die in die angelsächsischen Königreiche Britanniens reisten.

Doch niemand konnte mit Deusdedit sprechen, ohne vorher Wighards Erlaubnis eingeholt zu haben. Hinter Wighards engelsgleichen Zügen verbargen sich ein kühl berechnender Geist und ein Ehrgeiz, der so gnadenlos war wie ein |30|frisch geschliffenes Schwert. Soviel war Eadulf in den wenigen Tagen, die er in der Gesellschaft des Mönches aus Kent verbracht hatte, jedenfalls schon klargeworden. Wighard wachte eifersüchtig über seine Stellung als Sekretär und Vertrauter des Erzbischofs und ließ niemanden an ihn herankommen.

Deusdedit gebührte die Ehre, als erster Sachse das Amt innezuhaben, das Augustin von Rom feierlich in Canterbury eingerichtet hatte, als er vor knapp siebzig Jahren gekommen war, um die heidnischen Sachsen zu Christus zu bekehren. Bisher hatten nur Römer als oberste römische Missionare in Britannien gewirkt. Doch Deusdedit, ein Westsachse, dessen ursprünglicher Name Frithuwine lautete, hatte sich als besonders gelehrt und geduldig erwiesen und sich unermüdlich um die Lehren Roms verdient gemacht. Bei der christlichen Taufe bekam er den Namen Deusdedit, der Gottgegebene. Der Heilige Vater hatte keine Bedenken gehabt, ihn zu seinem Stellvertreter in Britannien zu ernennen, und so leitete Deusdedit nun schon seit neun Jahren die Geschicke all jener Christen, die auf der Suche nach spiritueller Leitung den Blick nach Rom richteten.

Doch schon seit Beginn der Reise ließ Deusdedits Gesundheit zu wünschen übrig, weshalb er sich die meiste Zeit über, nur betreut von Wighard, seinem Sekretär, von seinen Glaubensbrüdern absonderte.

Einen Augenblick lang zögerte Eadulf und fragte sich, ob er entschlossener seine medizinischen Kenntnisse zur Anwendung bringen sollte. Dann zuckte er die Achseln.

»Wollt Ihr Seiner Gnaden sagen, daß wir bald landen werden?« fragte er.

Wighard nickte beruhigend.

|31|»Ich werde dafür sorgen, daß er es rechtzeitig erfährt. Gebt mir Bescheid, wenn Ihr am Ufer irgendwelche Anzeichen für einen Begrüßungsempfang entdecken könnt.«

Bruder Eadulf neigte den Kopf. Das Großsegel war eingeholt und sicher verstaut, und die ächzenden Ruderer zogen mit voller Kraft an den langen Holzriemen, die das wendige Schiff in Richtung Küste trugen. Einige Augenblicke lang stand Eadulf einfach nur da und beobachtete das emsige Treiben an Bord, während das Schiff geradezu über das Wasser zu fliegen schien. Er dachte daran, daß es solche Schiffe gewesen waren, mit denen seine Vorfahren vor gar nicht allzu langer Zeit die grenzenlosen Meere überquert hatten, um in Britannien einzufallen und sich schließlich auf der fruchtbaren Insel niederzulassen.

Die Aufseher gingen durch die Reihen der sich kräftig gegen ihre Ruder stemmenden Sklaven und trieben sie mit knallenden Peitschen und lauten Verwünschungen zu immer größeren Leistungen an. Hier und da war ein greller Schmerzensschrei zu hören, wenn das Ende einer Peitsche mit unbedeckter Haut in Berührung kam. Eadulf beobachtete die geschäftig hin und her laufenden Seemänner mit kaum verhohlenem Neid, bis er sich seiner Gefühle gewahr wurde und sie entschlossen zu verscheuchen suchte.

Er hatte keinen Grund, irgend jemanden zu beneiden, sagte er sich. Hatte er nicht an seinem zwanzigsten Geburtstag freiwillig auf all seine Rechte als erblicher gerefa oder Friedensrichter am Hof des Thans von Seaxmund’s Ham verzichtet? Ja, er hatte den alten Göttern im Königreich Ostanglien abgeschworen und war dem neuen Gott gefolgt, dessen Kunde von Irland zu ihnen gedrungen war. Mit jugendlichem Überschwang hatte er sich einem Iren angeschlossen, |32|der zwar ein fürchterliches Sächsisch sprach, seine Zuhörer aber dennoch von seiner Sache zu begeistern vermochte. Fursa, der Ire, hatte Eadulf nicht nur Lesen und Schreiben in seiner Muttersprache Sächsisch beigebracht – einer Sprache, die Eadulf noch nie zuvor geschrieben gesehen hatte –, sondern ihn auch Irisch und Lateinisch gelehrt und ihn zum Glauben an Jesus Christus, den Sohn des namenlosen Gottes, geführt.

Dabei hatte sich Eadulf als ein so eifriger und begabter Schüler erwiesen, daß Fursa ihn mit entsprechenden Empfehlungsschreiben in sein Heimatland Irland geschickt hatte, und zwar zuerst in ein Kloster in Durrow, wo junge Menschen aus allen Teilen der Welt erzogen und ausgebildet wurden. Ein Jahr lang hatte Eadulf in Durrow bei den frommen Brüdern studiert, und da er in dieser Zeit viel vom Ruhm der heilkundigen irischen Apotheker hörte, hatte er anschließend vier Jahre lang das berühmte Kollegium der Medizin in Tuaim Brecain besucht. Dort erfuhr er vom legendären Midach, dem Sohn Diancechts, aus dessen dreihundertfünfundsechzig Gelenken, Sehnen und anderen Körperteilen nach seinem gewaltsamen Tod dreihundertfünfundsechzig Kräuter gewachsen waren, jedes Kraut mit der Gabe versehen, den Teil des Körpers zu heilen, dem es entsprossen war.

Während dieser Zeit hatte er in sich einen immer größeren Wissensdurst verspürt und die Entdeckung gemacht, daß er die Gabe besaß, Rätsel und schwierige Rechtsfälle zu lösen. Was für andere auf ewig ein Geheimnis blieb, war für ihn oft einfach zu durchschauen. Er nahm an, daß diese Gabe damit zusammenhing, daß er durch seine Familie, deren Oberhaupt die Stellung eines erblichen gerefa innehatte, |33|eine recht genaue, mündlich überlieferte Kenntnis der Gesetze der Sachsen erworben hatte. Manchmal, wenn auch nicht sehr häufig, dachte er mit Bedauern daran, daß er, hätte er Wotan und Seaxnat nicht abgeschworen, am Hof des Thans von Seaxmund’s Ham gerefa geworden wäre.

Wie viele andere sächsische Mönche war auch Eadulf in allen Fragen der Liturgie, in der für den christlichen Glauben so wichtigen Datierung des Osterfests und in der Form seiner Tonsur den Lehren seines irischen Mentors gefolgt. Erst nach der Rückkehr aus Irland hatte Eadulf Geistliche kennengelernt, die sich in allen diesen Dingen nach dem von Rom eingesetzten Erzbischof von Canterbury richteten. Er hatte entdeckt, daß die römisch bekehrten Christen sich in mancherlei Hinsicht von den irischen Mönchen unterschieden. Ihre Liturgie klang ungewohnt, sie feierten Ostern an einem anderen Tag, und sogar ihre Tonsuren sahen anders aus.

Eadulf hatte beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen und eine Pilgerreise nach Rom zu unternehmen. Zwei Jahre lang blieb er in der Ewigen Stadt, um unter Anleitung der dortigen Meister zu studieren. Anschließend kehrte er mit einer corona spinea, einer römischen Tonsur auf dem Scheitel, nach Kent zurück und trug dem von Rom eingesetzten Deusdedit seine Dienste an.

Und nun sollte der jahrelange Streit zwischen den Lehren der irischen Mönche und den Lehren Roms bald geschlichtet werden.

Oswiu, der mächtige König Northumbriens, dessen Königreich von den irischen Mönchen aus Columbans Kloster auf der heiligen Insel Iona missioniert worden war, hatte beschlossen, in Streoneshalh eine große Versammlung abzuhalten. Vertreter der irischen und der römischen Seite sollten |34|ihre Argumente darlegen. Anschließend wollte Oswiu nach reiflicher Überlegung ein für allemal entscheiden, ob sein Königreich der irischen oder der römischen Lehre folgen sollte. Und jedermann wußte: Northumbrien führte alle anderen an. Dem Urteil Oswius würden auch die anderen angelsächsischen Königreiche, von Mercia bis Ostanglien und von Wessex bis Sussex, folgen.

Aus allen vier Himmelsrichtungen strömten Kirchenführer nach Witebia, um sich zum Disput in der hoch über dem winzigen Hafen gelegenen Abtei von Streoneshalh zu versammeln.

Freudig erregt sah Eadulf zu, wie sich das Schiff den steilen Klippen näherte und die schwarzen Umrisse der mächtigen Abtei von Streoneshalh immer deutlicher zu erkennen waren.

KAPITEL 3

Äbtissin Hilda stand an ihrem Fenster in Streoneshalh und schaute auf den kleinen Hafen an der Flußmündung hinab. Im Hafen herrschte emsige Betriebsamkeit. Winzige Gestalten liefen eilig hin und her, um die vielen Schiffe zu entladen, die im Schutze des Hafenbeckens vor Anker gegangen waren.

»Seine Gnaden, der Erzbischof von Canterbury, und seine Gefolgschaft sind sicher gelandet«, sagte sie bedächtig. »Und ich habe die Kunde erhalten, daß mein Vetter, der König, morgen mittag eintreffen wird. Unsere Beratungen können also wie geplant morgen abend beginnen.«

Hinter ihr, vor dem schwelenden Feuer in ihrem düsteren Gemach, saß ein hakennasiger, dunkelhäutiger Mann mit |35|selbstherrlichem Gebaren. Er wirkte wie ein Mensch, der es gewohnt war, Befehle zu geben und diese Befehle auch befolgt zu sehen. Obgleich er das Gewand eines Abts trug, war an dem Kruzifix und seinem Ring unschwer zu erkennen, daß er gleichzeitig auch den Rang eines Bischofs innehatte. Und der von der Stirn bis zu einer von Ohr zu Ohr verlaufenden Linie kahlgeschorene Kopf zeigte auf den ersten Blick, daß er den Lehren Ionas verpflichtet war.

»Das ist gut«, sagte er. Er sprach sächsisch und betonte dabei langsam und ausdrücklich jede einzelne Silbe. »Es kann nur Gutes verheißen, wenn wir unsere Beratungen am ersten Tag eines neuen Monats beginnen.«

Die Äbtissin wandte sich vom Fenster ab und sah ihn mit leuchtenden Augen an.

»Noch nie zuvor hat es eine so wichtige Versammlung von Kirchenführern gegeben, werter Colmán.«

Colmáns dünne Lippen zuckten verächtlich.

»Auf Northumbrien mag diese Bemerkung zutreffen. Ich kann mich allerdings an viele wichtige Synoden erinnern. In Druim Ceatt zum Beispiel, wo unser heiliger Columcille den Vorsitz führte, fand eine für unseren Glauben in Irland äußerst wichtige Versammlung statt.«

Die Äbtissin beschloß, den leicht herablassenden Ton des Abts von Lindisfarne zu überhören. Drei Jahre waren vergangen, seitdem Colmán von Iona gekommen war, um als Bischof von Northumbrien die Nachfolge des seligen Finán anzutreten. Doch die beiden Männer hätten gar nicht unterschiedlicher sein können. Finán galt manchen zwar als Mann von grimmigem Temperament, doch war er ernsthaft, höflich und eifrig darauf bedacht, den Glauben zu lehren. Vor allem aber behandelte er alle Menschen wie seinesgleichen. |36|Auf diese Weise war es ihm sogar gelungen, den grimmigen Heidenkönig Peada von Mittelanglien, einen Sohn Pendas von Mercia, der Geißel der ...

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