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Nur dein Herz weiß die Antwort

1. KAPITEL

Simone Garner starrte auf den Schwangerschaftstest und wartete gespannt. Jede Sekunde schien sich zu einer Ewigkeit zu dehnen.

Simone war siebenunddreißig und Krankenschwester im Walnut River General Hospital, und eigentlich hätte ihr das hier nicht passieren dürfen. Aber es war nun mal geschehen, und schuld daran war allein sie.

Vor zwei Monaten, auf einer Cocktailparty ihres Chefarztes Dr. James Wilder, hatte ein Kellner Simone ein Glas Champagner angeboten. Normalerweise trank sie keinen Alkohol, aber die fröhliche Stimmung war ansteckend, also hatte sie nicht abgelehnt. Zuerst kribbelte das Getränk nur in der Nase, doch dann schmeckte es ihr immer besser und stieg ihr zu Kopf.

Deshalb sagte sie auch nicht Nein, als Mike O’Rourke sie nach Hause fahren wollte. Immerhin kannte sie den Rettungssanitäter schon eine ganze Weile und fand ihn attraktiv. Und dann, als er ihr die Beifahrertür seines Jeeps öffnete, ließ sie sich von ihm küssen.

Oder hatte sie ihn sogar dazu ermuntert?

Jetzt war sie nicht mehr sicher, wer den ersten Schritt gemacht hatte. Sie wusste nur noch, dass ihre Knie weich geworden waren und sie den Kuss genossen hatte.

Als sie vor ihrem Haus hielten, hätte sie sich fürs Mitnehmen bedanken und es dabei belassen sollen. Aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich verpflichtet, Mike hineinzubitten. Sie führte ihn durch die Räume, die sie gerade renoviert hatte, schaltete ihre neue Stereoanlage an und legte eine CD ein – einen langsamen, verführerischen Liebessong.

„Möchtest du tanzen?“

Jetzt, im Rückblick, war ihr klar, dass nur der ungewohnte Alkohol sie so mutig gemacht hatte. Der Champagner, das enge schwarze Cocktailkleid, das sie extra für diesen Abend gekauft hatte, und die schicken, aber unpraktischen High Heels, die sie wahrscheinlich nie wieder anziehen würde.

Halb berauscht vom Alkohol und von dem Charme dieses Mannes hatte Simone sich in Mikes Arme geschmiegt, seinen frischen Duft eingeatmet und seine leicht raue Wange an ihrer gefühlt. Sie bewegten sich eng umschlungen zur romantischen Musik, mit klopfenden Herzen – bis sie stolperte.

Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, hielt sie sich an Mike fest. Sie lachten über das kleine Missgeschick und schauten einander tief in die Augen.

Dann küssten sie sich zum zweiten Mal an diesem Abend.

Und was für ein herrlicher Kuss es gewesen war!

Danach hatte sie ihn – vermutlich im Eifer des Gefechts – ins Schlafzimmer geführt.

In Mikes Armen aufzuwachen und ihn nach Hause zu schicken wäre ihr viel leichter gefallen, wenn der Sex mit ihm nur … so lala gewesen wäre. In dem Fall hätte er sicher verstanden, warum sie es bei einem One-Night-Stand belassen wollte.

Aber die ganze Nacht war unglaublich gewesen.

Jetzt fühlte sich Simone so nervös wie noch nie im Leben. Denn wenn großartiger Sex etwas mit Zeugungsfähigkeit oder Fruchtbarkeit zu tun hatte, würde sie vermutlich Siebenlinge bekommen.

O nein. Bitte nicht.

Allein bei dem Gedanken, was der pinkfarbene Punkt auf dem Testgerät bedeutete, wurde ihr übel. Und das, obwohl sie sich heute Morgen schon zur Genüge übergeben hatte.

Zuerst hatte sie sich gesagt, dass ihre Periode nur deshalb ausgeblieben war, weil sie bei der Arbeit so viel Stress hatte. Schließlich wurde dem Krankenhaus vorgeworfen, bei den Versicherungen falsch abgerechnet zu haben. Und das ausgerechnet jetzt, da der Klinikkonzern Northeastern HealthCare das Walnut River General Hospital übernehmen wollte.

Aber irgendwann waren die Symptome damit nicht mehr zu erklären gewesen, und deshalb hatte sie sich den Schwangerschaftstest gekauft.

Das kleine, gelb gestrichene Badezimmer schien immer enger zu werden, während sie die Luft anhielt.

Kein pinkfarbener Punkt.

Vielleicht war es doch der Stress gewesen. Vielleicht hatte ihr schlechtes Gewissen, gepaart mit ihrer Fantasie, ihr einen Streich gespielt. Als Strafe dafür, dass sie – wenn auch nur dieses eine Mal – ihre Hemmungen abgelegt hatte.

Natürlich hatte Mike Kondome verwendet, aber leider waren sie im Laufe der Nacht ein wenig leichtsinnig geworden.

Seufzend warf Simone einen Blick auf die Uhr. Es war unsinnig, darüber zu spekulieren, wie das Ergebnis ausfallen mochte. In ein paar Minuten würde sie wissen, ob sie schwanger war.

Während der letzten fünf Wochen hatte sie sich mindestens hundert Mal gesagt, dass sie einfach nur eine gesunde Frau mit ganz natürlichen Bedürfnissen war, die sie schon sehr, sehr lange nicht befriedigt hatte. Und dass der dunkelhaarige Rettungssanitäter zu sexy war, um ihm auf Dauer zu widerstehen.

Aber Mike O’Rourke war fünf Jahre jünger als sie. Und er verdiente ein Mädchen in seinem Alter, mit dem er eine glückliche Familie gründen konnte.

Simone war klar, was sie tun würde, wenn sie tatsächlich schwanger war. Sie würde sich einen Termin bei Mark Kipper, einem niedergelassenen Gynäkologen in Walnut River, geben lassen. Auf jeden Fall wollte sie alles tun, um sicherzustellen, dass sie ein gesundes Kind bekam.

An der Tür ertönte ein dumpfes Geräusch, gefolgt von einem Bellen und einem Winseln.

„Warte, Woofer“, rief sie dem großen, tollpatschigen Hund zu. „Ich bin gleich da.“

Jeden Tag, wenn sie nach dem anstrengenden Dienst in der Klinik nach Hause kam, wartete der nicht besonders hübsche, aber liebenswerte Hund am Gartentor auf sie. Dass sie Woofer damals spontan aus dem Tierheim geholt hatte, war zwar ein Segen für sie und den Hund, aber manchmal konnte er ziemlich anstrengend sein.

Wenigstens konnte sie ihn in den Garten lassen, wo er sich mit Schmetterlingen und Kauknochen amüsierte, während sie arbeitete. Bei einem Baby ging das nicht.

Gebannt starrte Simone auf den Schwangerschaftstest, auf dem ein pinkfarbener Punkt erschienen war. Dann stieß sie die angehaltene Luft aus und seufzte.

Sie war schwanger.

Von Mike O’Rourke.

Was um alles in Welt sollte sie jetzt tun?

Sie konnte nicht wissen, wie der gut aussehende Sanitäter die Nachricht aufnehmen würde. Vermutlich würde sie ihn schlagartig ernüchtern, und er würde bereuen, dass er sie nach Hause gefahren hatte. Vielleicht war es besser so – jedenfalls für ihn. Trotzdem hatte Simone es nicht eilig, ihm von der Schwangerschaft zu erzählen.

„Ar…uuf.“ Woofers Schwanz schlug immer schneller gegen die Tür. „Ar…uuuf, ar…uuf.“

Der blöde Hund konnte manchmal ein echtes Baby sein.

Und zwar das einzige, das eine Frau wie sie haben sollte. Genau deshalb gab es nur eine Lösung. Sie musste das Kind zur Adoption freigeben.

Verwirrt und verunsichert beobachtete sie, wie der Punkt immer dunkler wurde.

Mike hatte schon vorher mehr als nur Freundschaft gewollt, und seit sie miteinander geschlafen hatten, war er noch entschlossener, zu ihrem Leben zu gehören.

Wäre er nicht so ein netter Kerl, der sie wie kein anderer zum Lachen brachte, hätte sie ihm die kalte Schulter gezeigt, bis er aufgab und sie in Ruhe ließ. Aber dazu war er einfach zu süß und charmant.

Wieder klopfte es an der Badezimmertür, gefolgt von lautem Bellen. „Okay, Woofer. Wir gehen spazieren. Gib mir eine …“

In diesem Augenblick läutete es an der Haustür, und Woofer preschte los. Sein Jaulen hallte durch das kleine Haus.

„Na großartig“, murmelte Simone. Vermutlich war es ein Nachbar oder ein Vertreter. Laut rief sie: „Komme schon!“

Sie eilte nach vorn, um sich zwischen den Besucher und ihren vierbeinigen Mitbewohner zu drängen. Woofer sah aus wie ein scharfer Wachhund und klang auch so, aber in Wirklichkeit war er ein richtiger Softie. Einen Einbrecher würde er wahrscheinlich umwerfen und zu Tode lecken.

Als Simone die Haustür erreichte und durch den Spion sah, blieb ihr fast das Herz stehen.

Draußen stand Mike O’Rourke, groß und attraktiv wie immer. Er trug verwaschene Jeans, ein dunkelblaues T-Shirt mit dem weißen Logo der Feuerwehr von Walnut River und ein atemberaubendes Lächeln auf dem markanten Gesicht. In den Händen hielt er einen Karton.

Was wollte er hier?

„Augenblick.“ Simone zog Woofer am Halsband aus dem Weg und tastete nach dem Türknauf. Hoffentlich hielt das Fliegengitter den Hund davon ab, sich auf Mike zu stürzen. Und ihn auf dem Hintern landen zu lassen – einem Hintern, den mehr als nur eine Schwester in der Notaufnahme bewunderte und der unbekleidet sogar noch bemerkenswerter war.

Simone öffnete.

„Ich habe dir etwas mitgebracht“, verkündete Mike. Seine grünen Augen funkelten, das schwarze Haar war modisch zerzaust. „Kannst du Woofer kurz in den Garten sperren?“

Er hatte ihr etwas mitgebracht?

Blumen waren es nicht. Und auch keine Pralinen.

„Warte einen Moment, ja?“ Sie packte Woofer. „Bin gleich zurück.“ Damit zog sie den Hund in die Küche und riss die Hintertür auf.

Aber ihr zotteliger Mitbewohner freute sich über jeden Besucher und dachte gar nicht daran, nach draußen zu gehen. Simone dagegen war keineswegs begeistert über Mike O’Rourkes Auftauchen, noch dazu heute.

Na ja, sie konnte sich immerhin mit ihm auf die Veranda setzen und ein wenig plaudern. Doch dann quietschte das Fliegengitter, und Schritte kamen näher. Das mulmige Gefühl in Simones Bauch wurde so stark, dass sie tief durchatmen musste. Und um sich das zu erklären, brauchte sie weder einen Psychologen noch eine Sozialarbeiterin.

Der Schwangerschaftstest im Badezimmer reichte völlig, denn das Ergebnis war so offensichtlich wie eine pinkfarbene Neonreklame.

Mike konnte sich nicht vorstellen, dass Simone ihn wie einen Pizzaboten vor der Haustür stehen lassen wollte. Sie hatte ihn zwar noch nicht hereingebeten, aber sie war dabei, den Hund in den Garten zu lassen, und würde gleich wiederkommen.

Also ging er ins Wohnzimmer, setzte sich auf die hellgrüne Couch und wartete.

Eigentlich war das, was er mitgebracht hatte, gar kein richtiges Geschenk – es sei denn, sie wollte es behalten. Er schaute auf den Karton, in den er Luftlöcher gebohrt hatte. Er hatte ein Problem, und als Erste war ihm Simone eingefallen. Schließlich hatte sie ein Herz für Tiere.

Und was für eins! Woofer war der lebende Beweis dafür.

„Ich glaube, das ist der hässlichste Hund, den ich je gesehen habe“, hatte Mike an jenem Abend gesagt, nachdem Simone ihm den zottigen Riesen vorgestellt hatte.

„Ich weiß“, hatte sie nicht ohne Stolz erwidert. „Genau deshalb habe ich ihn adoptiert. Er brauchte ein Zuhause, und zwar dringender als alle anderen Hunde. Außerdem ist er ein Schatz.“

Und dann hatte sie Woofer umarmt, wobei ihr Kleid nach oben gerutscht war und äußerst reizvolle Oberschenkel entblößt hatte.

Die Erinnerung ließ Mike lächeln, und das nicht nur wegen des sexy Anblicks. Nein, an jenem Abend hatte er die wahre Simone Garner kennengelernt: die lebensfrohe, braunhaarige Schönheit, die sich hinter der strengen und sachlichen Krankenschwester verbarg.

Genau wie seine Kollegen bei der Feuerwehr, so hielten auch Simones Kollegen im Walnut River General sie für kühl und distanziert, aber Mike wusste jetzt, dass sie auch anders sein konnte. Er vermutete, dass jemand ihr mal sehr wehgetan hatte und sie deshalb vorsichtig war.

Er kannte Simone seit ein paar Jahren. Ein junges Mädchen war von einem Auto angefahren worden, und er und sein Partner hatten die Verletzte in die Notaufnahme gebracht. Sie hatte große Schmerzen gehabt und nach ihrer Mutter gerufen.

Simone sprach sanft auf sie ein, beruhigte und tröstete sie, während sie die klaffende Wunde säuberte und versorgte. Gleichzeitig schaffte sie es, der Patientin den Namen und die Telefonnummer ihrer Familie zu entlocken.

Nicht nur damit hatte die ebenso fähige wie einfühlsame Schwester seinen Respekt erworben. Aus Respekt wurde bald Bewunderung, und noch im selben Jahr verliebte Mike sich in Simone Garner.

Natürlich entging ihm nicht, wie sie ihn manchmal ansah. Aber obwohl sie sein Interesse offenbar erwiderte, hatte sie jede Einladung zu einem Date abgelehnt.

Bis zu der Cocktailparty bei Dr. Peter Wilder. An diesem Abend hatte er sie als warmherzige, äußerst attraktive Frau erlebt, die keine Mauern mehr um sich errichtete.

Aber nach dieser Nacht war sie wieder auf Abstand gegangen. Sie hatte sogar behauptet, mit ihm zu schlafen sei ein Fehler gewesen. Ein One-Night-Stand, der sich auf keinen Fall wiederholen würde.

Als Mike leise Schritte hörte, hob er den Kopf und lächelte.

Sie erwiderte das Lächeln nicht. Stattdessen wirkte sie nervös, erschöpft und ein wenig durcheinander.

Warum wunderte es ihn? So war sie seit der Nacht, in der er sie nach Hause gefahren hatte. Vielleicht sollte er nicht zu viel hineindeuten.

Sie zeigte auf den Karton. „Was ist das?“

Lächelnd hob er den Deckel und holte einen schläfrigen Welpen mit lockigem schwarzweißen Fell heraus. Auch ohne Test war klar, dass sich in ihm das Erbgut von Cockerspaniel, Pudel und Terrier vereinigte.

„Du meine Güte, ist der süß!“ Simone ging auf ihn zu, blieb abrupt stehen und erstarrte. „Augenblick mal. Ich hoffe, du erwartest nicht, dass ich noch einen Hund aufnehme!“

„Nun ja, natürlich soll es nicht von Dauer sein, aber Wags und ich brauchen deine Hilfe.“

Sie neigte den Kopf zur Seite. „Was soll das heißen?“

Als Mike den Welpen an sich drückte, leckte der ihm begeistert das Kinn. „Ich war gestern Joggen, und der kleine Kerl hier ist mutterseelenallein über den Weg am Fluß gekrochen. Da es dort weit und breit keine Häuser gibt, muss er wohl ausgesetzt worden sein. Ich konnte ihn nicht einfach zurücklassen.“

Ihre strenge Miene entspannte sich – ein bisschen.

„Also habe ich ihn mit nach Hause genommen und im Tierheim angerufen. Bisher hat niemand ihn als vermisst gemeldet.“

Simone betrachtete den Welpen, der sich zappelnd zu befreien versuchte, um die neue Umgebung zu inspizieren.

„Armer Kerl.“ Sie kraulte ihm den Kopf. „Wer bringt es bloß fertig, so ein kleines Tier auszusetzen?“

„Genau deshalb habe ich ihn behalten.“

Sie sah Mike an. „Warum ist er dann hier?“

„Weil ich im Moment mit meinem Kollegen Leif unter einem Dach wohne. Und als ich mit Wags angekommen bin, hat er mit erzählt, dass er allergisch gegen Haustiere ist. Wenn ich Wags behalten will, muss ich wohl früher als geplant umziehen. Bis dahin brauche ich jemanden, der ihn aufnimmt.“

„Und dieser Jemand bin ich?“ Sie streichelte Wags über die Ohren.

„Leifs Schwester ist Maklerin und will für mich eine bezahlbare Wohnung suchen.“

Bis sie etwas fand und er einziehen konnte, würde Simone hoffentlich für seinen neuen Schützling die Babysitterin spielen.

„Hier.“ Er reichte ihr den Welpen. „Er ist noch so jung, da kann ich ihn doch nicht einfach in eine Hundepension geben, oder?“

Es gab noch eine andere Möglichkeit. Er könnte unter den Kollegen in der Feuerwache fragen, ob jemand ihn haben wollte. Ein so süßes Tier wie Wags würde leichter ein Zuhause finden als Woofer. Aber das erwähnte Mike nicht, denn er hoffte inständig, dass Simone den Welpen adoptieren und ihm selbst erlauben würde, ihn regelmäßig zu besuchen.

Der kleine Hund schleckte Simone liebevoll das Kinn ab, als wollte er Mikes Worten Nachdruck verleihen.

„Na gut“, antwortete sie schließlich. „Er kann bleiben. Aber nur, bis du eine neue Wohnung findest. Ich habe keine Ahnung, was Woofer davon hält.“

„Du hast gesagt, Woofer weiß gar nicht, dass er ein Hund ist. Dass er glaubt, er sei ein Mensch. Und alle Kinder brauchen ein Haustier. Bestimmt freut Woofer sich riesig über einen Spielkameraden.“

„Das hoffe ich.“

Mike wusste es. Dass er Wags gefunden hatte, war kein Zufall gewesen, sondern ein Wink des Schicksals. Es wollte, dass Simone und er sich häufiger trafen.

„Wo sind seine Sachen?“, fragte sie.

„Welche Sachen?“

„Du weißt schon, Hundefutter, Spielzeug …“ Ihre hübschen braunen Augen wurden groß. „Alles, was du mitgebracht hast, ist ein Welpe und ein leerer Pappkarton?“

Oh. Er hatte es so eilig gehabt, dass er daran gar nicht gedacht hatte. Gestern Abend hatte er einen Knoten in eine alte Socke gemacht, damit der Kleine etwas zum Kauen hatte, aber die hatte er zu Hause gelassen. Heute Morgen hatte er Wags Rührei und Schinken gegeben. Niemand konnte behaupten, dass er den Hund vernachlässigt hatte, aber wahrscheinlich war eine Einkaufstour angesagt.

Er konnte allein losfahren, aber vielleicht war es besser, Unwissenheit vorzuschützen. „Ich kaufe gern, was er braucht, aber könntest du nicht mitkommen? Ich bin nicht sicher, was ich besorgen muss.“

Ungläubig sah sie ihn an.

Doch erneut schien das Schicksal einzugreifen, denn sie gab ihm Wags zurück. „Einverstanden. Geh du mit ihm zum Wagen, wir treffen uns draußen.“

„Was hast du vor?“

„Ich muss ins Bad und meine Handtasche holen.“

„Deine Handtasche ist im Bad?“

Ihr Stirnrunzeln verriet, dass sie die Frage nicht lustig fand. „Gib mir eine Minute, ja?“

Natürlich. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, dachte Mike.

Er war zweiunddreißig und konnte sich durchaus vorstellen, sie zu heiraten. Vielleicht war Simone noch nicht so weit, aber er konnte warten.

Was machte es schon, dass sie älter als er war? Oder dass sie keine Erfahrung mit großen, glücklichen Familien hatte?

Und dass sie sich vielleicht gar keine gründen wollte?

Mike besaß ein riesiges Selbstvertrauen und war fest davon überzeugt, dass er alles schaffen konnte – wenn er es sich erst einmal in den Kopf gesetzt hatte.

Und Simone Garner ging ihm nicht mehr aus dem Kopf – und erst recht nicht aus dem Herzen.

2. KAPITEL

Simone gab Mike den Welpen zurück. Hoffentlich wollte er nicht selbst ins Bad, bevor sie den Schwangerschaftstest verschwinden lassen konnte. Sonst müssten sie beide sich ein Rennen liefern.

Mit verschränkten Armen wartete sie darauf, dass er zu seinem Jeep ging, aber er blieb einfach im Wohnzimmer stehen und betrachtete sie mit seinen ausdrucksvollen grünen Augen.

„Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du uns hilfst“, sagte er.

Ja, das tat er wohl. Trotzdem war sie nicht gerade begeistert, für ihn auf Wags aufzupassen. So süß Mike und der Welpe auch waren. Und auf die Einkaufstour hatte sie auch keine große Lust. Aber offenbar bekam sie ihn anders nicht aus dem Haus. Und je früher sie aufbrachen, desto besser.

„Ich komme gleich nach“, versprach sie. „Du kannst dich schon mal ans Steuer setzen, wenn du willst.“

„Kein Problem. Ich warte hier.“ Er warf Wags einen Blick zu. „Das macht uns doch nichts aus, oder, Kumpel?“

Simone wurde immer nervöser.

Ahnte er etwas?

Andererseits – wie sollte er?

„Na gut“, gab sie schließlich nach, eilte ins Bad und schloss hinter sich ab.

Seufzend lehnte sie sich gegen die Tür, bevor sie den Test im Schrank hinter einem Stapel Handtücher versteckte.

Sobald sie wieder zu Hause war, würde sie ihn in zwei undurchsichtige Plastiktüten wickeln und in den Müll werfen.

Sicher, irgendwann musste sie Mike sagen, dass sie schwanger war. Aber erst einmal wollte sie selbst die Neuigkeiten richtig verarbeiten. Sie würde auf den richtigen Zeitpunkt warten und Mike erklären, dass es allein ihr Problem war und sie nichts von ihm brauchte. Dass sie das Baby zur Adoption freigeben würde, weil das das Beste für alle Beteiligten wäre, vor allem für das Kind.

Simone wünschte, ihre eigene Mutter hätte sich zu diesem Schritt entschieden, als sie mit ihr schwanger war. Die Beziehung zu ihrer Mom war von Anfang an gestört gewesen, und Simone litt noch immer darunter.

Damit Mike nicht misstrauisch wurde, betätigte sie die Spülung. Dann wusch sie sich die Hände und trocknete sie mit einem der flauschigen weißen Gästetücher ab. Die wurden selten benutzt, denn meistens waren Woofer und sie allein. Manchmal kam Dr. Ella Wilder vorbei, manchmal Isobel Suarez, die Sozialarbeiterin des Krankenhauses.

Jetzt war Mike da – und wartete.

Simone schaute in den Spiegel und erschrak über ihr blasses Gesicht. Sie trug kein Make-up, aber dafür alte Jeans und ein mit Farbflecken übersätes T-Shirt, das sie zur Hausarbeit anzog. Ihr Spiegelbild hatte nichts gemeinsam mit der schicken, sexy Frau, die vor fünf Wochen Mike in ihr Haus und in ihr Bett eingeladen hatte.

Aber ihr war überhaupt nicht danach, sich zu schminken und eine fröhliche Miene aufzusetzen. Und besonders feminin wollte sie auch nicht wirken. Was hatte es ihr eingebracht, sich für die Cocktailparty schön zu machen und sich so zu geben, wie sie in Wirklichkeit gar nicht war?

Nach kurzem Zögern streifte sie das Gummiband vom Pferdeschwanz und bürstete sich das Haar. Dann holte sie einen Lippenstift heraus … und hielt inne.

Mike sollte nicht denken, dass sie sich für ihn hübsch machte.

Sie legte den Lippenstift wieder weg und eilte ins Schlafzimmer, um ein sauberes T-Shirt anzuziehen und ihre Handtasche zu holen. Und einen Pullover, denn der April in Neuengland konnte sich ziemlich wechselhaft gebärden.

Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte Mike den Welpen auf einem Arm. Mit der freien Hand öffnete er ihr die Haustür.

„Wohin fahren wir?“, erkundigte er sich auf dem Weg zum Wagen.

„In der Lexington Street gibt es ein Geschäft für Haustierbedarf. Die haben alles, was wir brauchen.“

„Okay. Ich weiß, wo das ist.“ Er hielt ihr die Beifahrertür auf, sie stieg ein, und er reichte ihr Wags. „Es ist besser, wenn du ihn nimmst. Er hasst die Transportbox, wenn er wach ist.“

Simone setzte sich den zappelnden Welpen auf den Schoß. Zugegeben, er war ein süßes kleines Ding, aber ein zweiter Hund im Haus war das Letzte, was sie jetzt brauchte. Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen?

Würde sich ihr Leben in den nächsten sieben oder acht Monaten nicht kompliziert genug gestalten?

„Danke, dass du mitkommst“, bemerkte Mike. „Ich möchte nichts vergessen.“

„Kein Problem“, erwiderte sie, obwohl das nicht stimmte.

Sie wäre lieber zu Hause geblieben. Heute war ihr freier Tag, und eigentlich wollte sie waschen, den Kühlschrank sauber machen und die Fenster putzen. Außerdem hatte sie Woofer einen langen Spaziergang versprochen.

Nicht, dass der Hund sie beim Wort nehmen würde, aber manche Gewohnheiten waren schwer abzulegen. Sie wollte sich lieber nicht ausmalen, wie sich ein neuer Vierbeiner auf ihren Alltag auswirken würde.

Und erst ein Baby!

Aber darüber konnte sie sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen.

„Dieses Viertel habe ich immer gemocht“, sagte Mike, als sie durch Riverdale fuhren, den älteren Stadtteil direkt am Fluß.

„Ich auch.“ Simone schaute auf die Ahornbäume, Platanen und Hemlocktannen, welche die ruhige Wohnstraße säumten.

Als Teenager hatte Mike in den Sommerferien zusammen mit seinen Brüdern bei seinem Onkel, einem Bauunternehmer, gearbeitet. Dabei hatten sie all die Dinge gelernt, die man brauchte, um ein altes Haus zu renovieren. Sie konnten elektrische Leitungen legen, Wände und Fenster streichen und zur Not sogar ein Abflussrohr austauschen.

Viele Leute kauften lieber Neubauten, aber Mike liebte diese malerische, altmodische Gegend und hatte den Makler gebeten, sich hier umzusehen.

„Hast du an deinem Haus viel erneuern müssen?“, fragte er.

„Ja, aber es hat großen Spaß gemacht, die Ärmel aufzukrempeln und selbst Hand anzulegen. Ich habe sogar an ein paar von den Heimwerkerkursen teilgenommen, die Hadley’s Baumarkt anbietet.

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