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Nur Mut – sag nicht Nein

1. KAPITEL

“Stimmt was nicht, Olivia?”

Olivia hob den Kopf und sah, dass ihr Chef sie stirnrunzelnd musterte. Es kostete sie einige Anstrengung, ihre sich überschlagenden Gedanken zu verdrängen und eines dieser unverbindlichen Lächeln aufzusetzen, die sie im Büro zur Schau trug.

“Keineswegs”, versicherte sie, doch das Lächeln fiel ihr schwer. “Alles in Ordnung. Mir geht es gut.” Sie mied seinen prüfenden Blick und begann, die Papiere auf ihrem Schreibtisch hin und her zu schieben, ohne dass dabei ein System erkennbar wurde. Es war nicht ihre Absicht, ihrem Boss ihre persönlichen Probleme anzuvertrauen. So eng war ihr Verhältnis nicht.

Bei ihrer Einstellung vor achtzehn Monaten hatte Lewis sie gewarnt, dass seine Frau über die allzu familiäre Art und das viel zu aufreizende Outfit seiner vorherigen Sekretärin nicht glücklich gewesen war.

Olivia war daher froh gewesen, dass ihr zurückhaltendes Auftreten und ihr unscheinbares Äußeres die Billigung der Ehefrau ihres Arbeitgebers gefunden hatten. Sie war ohnehin ein zurückhaltender Mensch und hatte von jeher konservative Kleidung bevorzugt. Schon vor Jahren hatte sie sich dafür entschieden, im Büro stets Schwarz zu tragen und mit schlichten weißen oder cremefarbenen Blusen zu kombinieren.

Ihre Garderobe war ebenso unauffällig wie ihre Frisur. Sie trug das lange rotbraune Haar streng aus dem Gesicht gekämmt und im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, den sie mit einer schwarzen Schleife oder einer schwarzen Spange schmückte. Passend zu dieser dezenten Aufmachung legte sie auch nur einen Hauch von Make-up auf und verzichtete weitgehend auf Schmuck.

Bei ihren seltenen Besuchen im Büro hatte die Frau des Chefs nie Grund gehabt, misstrauisch oder gar eifersüchtig auf die neue Privatsekretärin ihres Mannes zu sein. Olivia hatte stets darauf geachtet, ihre Grenzen nie zu überschreiten, was Lewis betraf. Dazu bestand auch kein Anlass. Ihr Chef mochte zwar groß, dunkelhaarig und sehr attraktiv sein, aber sie war viel zu sehr in den Mann verliebt, den sie heiraten würde.

Es war eine Ironie des Schicksals, dass Lewis und seine Frau sich vor sechs Monaten getrennt hatten, und seither war er meist mürrisch und wortkarg. Dass er Olivias Niedergeschlagenheit überhaupt bemerkt hatte, war erstaunlich und lästig zugleich. Warum hatte er sich nicht, wie es sonst seine Gewohnheit war, den ganzen Vormittag in seinem Labor vergraben? Warum hatte er herauskommen und in ihrem persönlichen Kummer herumstochern müssen?

“Sie sehen nicht gut aus”, stellte er fest.

“Oh.” Automatisch hob sie die Hand, um ihre Frisur zu überprüfen.

“Ich rede nicht von Ihrem Aussehen”, sagte Lewis schroff, “sondern von Ihrem Benehmen. Seit Sie heute früh hereingekommen sind, sitzen Sie nur da und starren in den Raum.”

Raum. Das war ein Wort, das Olivia an diesem Morgen besonders viel zu denken gegeben hatte. Raum! Nicholas, ihr Verlobter, hatte ihr am Vorabend erklärt, er brauche mehr Raum. Das war eine der Ausflüchte, mit denen er aus der Beziehung ausbrechen wollte. Die und eine Million andere!

“Sie haben nicht einmal Ihren Computer eingeschaltet”, fügte Lewis vorwurfsvoll hinzu, als wäre dieses Versäumnis ein Schwerverbrechen.

Ein Blick auf die Wanduhr zeigte ihr, dass es fast halb zehn war. Sie saß also schon seit über einer Stunde an ihrem Tisch und hatte nichts getan. Resigniert drückte sie auf den Knopf am Monitor. “Tut mir leid.”

In Lewis’ Seufzer schwang typisch männliche Frustration mit. “Verdammt, Olivia, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen! Es interessiert mich absolut nicht, ob Sie arbeiten oder nicht. Ich mache mir Sorgen um Sie, verstehen Sie das nicht?”

Es war schon so lange her, dass jemand sich Sorgen um sie gemacht hatte – vielleicht deshalb, weil sie nach außen hin so unerschütterlich und tüchtig wirkte. Ihre Eltern und ihre beiden jüngeren Schwestern glaubten, sie hätte alles fest im Griff. Immerhin war sie diejenige, die Ratschläge erteilte und ihren Eltern half, mit Geld und anderen Problemen zurechtzukommen.

Sie selbst hatte ihr Leben bis ins letzte Detail geplant – bis gestern Abend. Nicholas hatte seine Koffer gepackt, war aus der gemeinsamen Wohnung gestürmt und hatte Olivia mit der Person zurückgelassen, die er zuvor eine Stunde lang in aller Ausführlichkeit und voller Verachtung beschrieben hatte. Seinen Worten zufolge handelte es sich um eine herrische, geizige, langweilige Ziege, die in den letzten zwei Jahren sein Leben ruiniert und ihn in jeder wachen Minute herumkommandiert hatte, die ihn seiner Persönlichkeit beraubt und in einen rückgratlosen, einfältigen Pantoffelhelden verwandelt hatte.

Er hatte keine Lust mehr, Geld zu sparen, keine Lust, immer zu Hause zu essen, und schon gar keine Lust mehr, immer nur im Bett Sex zu haben!

Er sei schließlich jünger als sie, hatte er sie boshaft erinnert. Er wollte sich amüsieren, bevor er sesshaft wurde. Er wollte Spaß und mehr Raum. Er wollte noch nicht heiraten. Er wollte sich nicht mit Kindern und einer Hypothek belasten. Und einen Familienwagen wollte er auch nicht kaufen. Er wollte einen Porsche fahren. Er wollte reisen. Er wollte andere Frauen – Frauen, die ‘oral’ nicht nur für eine Zahnbürstenmarke hielten!

Seine hämischen Bemerkungen über ihr Sexleben hatten wehgetan, denn Olivia hätte sich nie träumen lassen, dass ihr Liebesleben unbefriedigend oder Nicholas auf diesem Gebiet gar zu kurz gekommen sei. Im Gegenteil, er hatte ihr immer wieder versichert, dass er ihre Abneigung gegen gewisse Praktiken durchaus verstehen könne, und sogar behauptet, ihre Ansichten in diesem Punkt zu teilen.

“Du besitzt nicht einen Funken Spontaneität und Sinnlichkeit, Olivia”, hatte er ihr beim Abschied vorgeworfen. “Du hast keine Ahnung, wie man einen Mann glücklich macht. Nicht den leisesten Schimmer hast du!”

In diesem Moment hatte sie gedacht, er wäre verrückt geworden, doch jetzt glaubte sie ihm, so schmerzlich es auch war.

“Olivia? Was ist los?”, wollte ihr Chef wissen.

Tapfer kämpfte sie gegen die Tränen an.

“Geht es um Nicholas?”

Sie nickte stumm und schloss die Augen.

“Ist er krank?”

Sie schüttelte langsam den Kopf.

“Sagen Sie nicht, dass Sie sich getrennt haben!”

Sein skeptischer Unterton ließ sie zusammenzucken. Noch vor vierundzwanzig Stunden hätte sie vehement geleugnet, dass so etwas je geschehen könnte. Sie war so sicher gewesen, dass sie füreinander bestimmt wären und die gleichen Ziele hätten. Hochzeit im nächsten Jahr. Ein Haus im Jahr darauf und das erste Baby, bevor sie dreißig wurde.

Das Einzige, was Olivia nun an ihrem dreißigsten Geburtstag erwartete, war Einsamkeit. Es hatte Jahre gedauert, bis sie endlich Nicholas gefunden hatte. Sie war bereits siebenundzwanzig …

“Bitte, Lewis …” Sie straffte die Schultern und öffnete die Computerdatei mit der Korrespondenz. “Ich möchte nicht darüber sprechen.”

Sie spürte, dass er sie beobachtete, mied jedoch seinen Blick. Stattdessen starrte sie unverwandt auf den Bildschirm und begann, auf der Tastatur herumzutippen.

“Machen Sie sich nicht so viele Sorgen, Olivia”, riet er. “Geben Sie ihm ein oder zwei Tage, dann ist er wieder bei Sinnen. Ich wette, er kommt zu Ihnen zurückgekrochen, bevor die Woche um ist.”

Olivia hob den Kopf. Neue Hoffnung erfüllte ihr Herz. “Meinen Sie?”

“Kein halbwegs vernünftiger Mann würde eine Frau wie Sie verlassen, Olivia”, erwiderte er nachdrücklich. “Glauben Sie mir.”

Nicholas kam tatsächlich am folgenden Wochenende zurück – allerdings nicht kriechend, und er blieb auch nicht. Er holte lediglich ein paar persönliche Sachen ab, die er vergessen hatte: einige Toilettenartikel und seine CD-Sammlung. Als er mit geradezu verletzender Lässigkeit zur Tür ging, erklärte er Olivia spöttisch, sie könne die wunderbaren Möbel behalten.

Vom Wohnzimmerfenster aus beobachtete sie, wie er in seinem brandneuen schwarzen Porsche davonbrauste. Der Wagen hatte ihn vermutlich seine gesamten Ersparnisse gekostet – mit diesem Geld hatte er eigentlich seine Hälfte der Anzahlung auf das gemeinsame Haus leisten wollen. Dieses perfekt geplante Heim, in dem sie ihre beiden perfekt geplanten Kinder hatten aufziehen wollen.

Von all diesen Träumen war Olivia nichts geblieben als die Möbel vom Flohmarkt, die sie billig erstanden und dann mühevoll abgebeizt und gestrichen hatte, weil sie gedacht hatte, sie würde Geld für die gemeinsame Zukunft sparen. Schluchzend sank sie auf einen der alten Stühle. Sie weinte noch die ganze folgende Woche, ihre Depressionen wuchsen, je näher Weihnachten rückte. Dabei sollten die Menschen doch zu Weihnachten glücklich sein!

Olivia erledigte ihre Arbeit pflichtbewusst und ordentlich, aber wie in Trance. Daheim jedoch konnte sie sich nicht einmal überwinden, etwas zu essen. Während der Mittagspausen wanderte sie ziellos durch die Fußgängerzone. Sie erzählte Lewis, sie müsse noch Weihnachtseinkäufe erledigen, doch in Wahrheit wollte sie nur seinen prüfenden Blicken entrinnen. Ihren Chef in so mitfühlender Stimmung zu erleben war nichts, woran sie gewöhnt war und womit sie umgehen konnte.

Wie zerstreut und verwirrt Olivia war, bewies die Tatsache, dass plötzlich ihr letzter Arbeitstag des Jahres angebrochen war und sie nicht einmal eine Weihnachtskarte für Lewis gekauft hatte, geschweige denn ein Geschenk. Schuldbewusst betrachtete sie die hübsche goldverzierte Karte, die Lewis ihr zusammen mit einer riesigen Schachtel Pralinen überreicht hatte.

Sie würde gleich nachher losgehen und ihm eine Kleinigkeit besorgen. Ihre Abwesenheit würde wohl kaum auffallen. Die gesamte Belegschaft von Altman Industries feierte bereits das Ende des Arbeitsjahres und den Beginn der fünfwöchigen Betriebsferien mit einer gigantischen Party. Auf dem Rasen war ein riesiges Zelt aufgebaut, in der Fabrikhalle hatte man eine Tanzfläche freigeräumt, es gab ein kaltes Büfett, das selbst den fanatischsten Diätfan in Versuchung bringen musste, sowie fässerweise Bier und Kisten mit edelstem Champagner.

Es würde Lewis ein Vermögen kosten, das wusste Olivia.

Aber es war Tradition, und er konnte es sich leisten. Altman Industries mochte zwar ein relativ kleines Unternehmen sein, aber der Gewinn stieg von Jahr zu Jahr, insbesondere nachdem man sich vor drei Jahren auf den internationalen Markt vorgewagt hatte.

Lewis hatte die Firma vor mehr als einem Jahrzehnt in einer Hinterhofgarage gegründet. Als promovierter Chemiker und überzeugter Umweltschützer hatte er Wissenschaft und Natur miteinander verbunden und ein Sortiment von Hautpflegeprodukten für Männer entwickelt. Nach Rasiercreme, Aftershave-Lotion, Seife, Duschgel und Shampoo war ihm vor drei Jahren mit einem Duftwasser der große Wurf gelungen.

Lewis war so klug gewesen, von Anfang an eine renommierte Werbeagentur zu beauftragen, die den eingängigen Markennamen All Man – in Anlehnung an Altman, den Familiennamen des Herstellers – kreiert hatte. Dass überdies berühmte australische Sportler für die Kosmetikserie warben, hatte prompt eine gewaltige Umsatzsteigerung zur Folge.

Lewis hatte schon bald aus der engen Garage in eine moderne Fabrik samt Bürokomplex in Ermington umziehen können. Die Expansion bedingte natürlich eine hohe Verschuldung, doch Altman Industries schrieb inzwischen wieder schwarze Zahlen und erwirtschaftete gewaltige Gewinne.

Im nächsten Jahr plante Lewis die Produktion auf eine All-Woman-Reihe auszudehnen. Er hatte bereits eine Hautcreme und eine Haarpflegekombination zusammengestellt, und nun arbeitete er an einem Parfüm.

All diese Details wusste Olivia nicht etwa durch Gespräche mit Lewis, obwohl sie als seine Privatsekretärin natürlich über seine Projekte informiert war, sondern durch die Lektüre eines Wirtschaftsmagazins, das eine Serie über erfolgreiche Konzerne in Sydney und deren Besitzer veröffentlicht hatte.

Sie hatte durch die Berichte außerdem erfahren, dass er vierunddreißig alt war, ein Einzelkind, das seinen Vater schon mit fünf Jahren verloren hatte. Er hatte eine gute Ausbildung genossen, da seine Mutter bis zu drei Jobs gleichzeitig angenommen hatte, wofür er ihr ewig dankbar sein würde. Die Zeitung hatte ein Foto veröffentlicht, das eine elegante grauhaarige Dame um die sechzig zeigte. Einer der Gründe für seinen brennenden Ehrgeiz war der Wunsch gewesen, seine Mutter für die Opfer zu entschädigen, die sie für ihn gebracht hatte. Er wollte ihr all das geben, was sie nie hatte.

Olivia war Lewis’ Mutter nie begegnet, hatte aber oft mit ihr telefoniert. Mrs. Altman senior lebte nicht bei ihrem Sohn, auch nicht seit der Trennung von seiner Frau. Sie wohnte in Dummoyne, einem hübschen Vorort direkt am Hafen.

Olivia hatte immer gespürt, dass Mrs. Altman die Wahl ihres Sohnes bezüglich seiner Ehefrau nicht billigte. In Anbetracht der engen Beziehung zwischen den beiden war es durchaus möglich, dass Lewis’ Mutter mit keiner Frau einverstanden gewesen wäre. Der Artikel hatte Lewis’ zwei Jahre dauernde Ehe nur kurz gestreift und erwähnt, seine Frau sei ‘sehr modebewusst’, und die Trennung sei ‘in aller Freundschaft’ erfolgt.

Damals hatte Olivia darüber gelacht. In aller Freundschaft, also wirklich!

An diesem Freitagmorgen war ihr jedoch nicht zum Lachen zumute. Erst jetzt begriff sie Lewis’ Verzweiflung, als Dinah ihn verlassen hatte. Olivia hatte sich noch nie in ihrem Leben so gedemütigt gefühlt. Der Gedanke, nachher an der Party teilnehmen zu müssen, war ihr unerträglich. Was, um alles in der Welt, sollte sie da? All das Essen, die Getränke, ganz zu schweigen vom Tanzen. Wenn Olivia tanzte, dann nur auf die altmodische Art.

Falls die letztjährige Weihnachtsfeier ein Maßstab war, dann würden Standardtänze kaum zum Repertoire gehören. Stattdessen würden Discorhythmen dröhnen. Olivia machte sich nichts daraus, sich mehr oder weniger allein zu verrenken. Sie hatte Hemmungen, sich vor anderen zu produzieren.

Sie hatte auch in den eigenen vier Wänden Hemmungen, sich vor einem anderen zu produzieren. Nicholas’ verächtliche Bemerkung, er sei es endgültig leid, immer nur im Bett Sex zu haben, ging ihr nicht aus dem Sinn. Er hatte ja so recht. Sie hatte mit ihm immer nur im Bett geschlafen. Sie hatte sich sogar geweigert, auf dem Bett mit ihm zu schlafen!

Obenauf zu sein – wie auch immer – gehörte nicht zu ihren begrenzten sexuellen Erfahrungen. Genauso wenig wie irgendeine ausgefallene Stellung oder gar eine etwas exotischere Variante des Vorspiels. Als sie Nicholas mit fünfundzwanzig kennengelernt hatte, war sie noch Jungfrau gewesen. Nicholas mit seinen zweiundzwanzig Jahren erstaunlicherweise auch. Sie hatten herumexperimentiert, und anfangs war der Sex nicht gerade berauschend gewesen. Aber mit der Zeit hatten sie es geschafft, und Olivia hatte wirklich geglaubt, Nicholas wäre im Bett glücklich. Sie hatte ihn nie zurückgewiesen, und er hatte auch jedes Mal den Höhepunkt erreicht, auch wenn sie noch nicht so weit war. Wie es schien, hatte sie sein Vergnügen und seine Befriedigung überschätzt, ganz zu schweigen von ihrer mehr als einfallslosen Technik.

Das Läuten des Telefons riss sie jäh aus ihren Grübeleien.

“Mr. Altmans Büro”, meldete sie sich. “Olivia Johnson am Apparat. Kann ich Ihnen helfen?”

“Das können Sie mit Sicherheit, meine Liebe. Ich hätte gern meinen Sohn gesprochen, sofern er nicht zu beschäftigt ist. Heute findet doch die große Party statt, oder?”

“Er ist noch in seinem Labor, Mrs. Altman. Ich stelle Sie durch.”

“Vorher möchte ich Ihnen aber noch fröhliche Weihnachten wünschen und Ihnen dafür danken, dass Sie am Telefon immer so nett zu mir sind, meine Liebe.”

“Vielen Dank, Mrs. Altman. Auch Ihnen schöne Weihnachten.”

“Wie verbringen Sie die Feiertage?”

“Ich fahre nach Hause zu meinen Eltern.”

“Und wo ist das?”

“Sie leben in der Nähe von Morisset.”

“Das ist an der Küste, nicht wahr?”

“Ja, zwischen Gosford und Newcastle. Mit dem Zug braucht man von Sydney aus ungefähr zwei Stunden.”

“Verstehe. Nun, im nächsten Jahr müssen wir uns unbedingt einmal zum Lunch treffen. Ich möchte endlich herausfinden, wie Sie aussehen. Als ich Lewis einmal danach fragte, sagte er lediglich, Sie seien eine Brünette mit intelligenten braunen Augen. Und als ich wissen wollte, wie Ihre Figur ist, hat er mich völlig perplex angeschaut und nach einer Weile gesagt: ‘Irgendwie durchschnittlich’.”

Obwohl es wehtat, konnte Olivia Lewis nicht böse sein. Die schwarzen Kostüme, die sie im Büro bevorzugte, waren nicht dazu geschaffen, ihre Figur zu betonen oder zu enthüllen. Die Röcke waren weder zu kurz noch zu eng, und unter den Jacken trug sie stets ein schlichtes Top oder eine hochgeschlossene Bluse. Ihr heutiges Outfit machte da keinen Unterschied. Hätte sie an die Weihnachtsparty gedacht, hätte sie vielleicht etwas Helleres angezogen. Aber sie hatte das Fest schlichtweg vergessen.

“Ich war nicht mehr in der Firma, seit dieses grässliche Mädchen hinter Ihrem Schreibtisch saß”, erklärte Mrs. Altman senior. “Als ich das letzte Mal dort war, trug sie ein Kleid, das bis zum Nabel ausgeschnitten war – dementsprechend minimal dürfte auch ihre Unterwäsche gewesen sein. Und erst das Parfüm … Sie hatte offenbar darin gebadet. Armer Lewis. Nach diesem Besuch habe ich endlich begriffen, warum seine Exfrau sich bei seiner Heimkehr regelmäßig beschwert hat, er würde wie eine ganze Kosmetikabteilung im Kaufhaus riechen.”

Olivia verzichtete keineswegs auf Parfüm. Allerdings benutzte sie nur frische Düfte – und dies sehr sparsam.

“Leider ist es heutzutage schwer, Mitarbeiter loszuwerden”, fuhr die Mutter ihres Chefs fort. “Wenn Lewis diese schreckliche Person gefeuert hätte, wäre er sofort vor dem Richter gelandet und hätte begründen müssen, wieso er dieses tüchtige, bescheidene Geschöpf, das auf einmal nur noch züchtige Kleider trägt, nicht mehr in seinem Vorzimmer haben will.”

Unwillkürlich musste Olivia lächeln. “Dann war Lewis wohl ziemlich erleichtert, als sie nach Übersee gegangen ist.”

“Mehr als erleichtert, das versichere ich Ihnen. Aber mit Ihnen ist er sehr zufrieden, meine Liebe. Sie haben ihm nicht eine Sekunde lang Ärger oder Sorgen gemacht.”

Olivia war nicht sicher, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht.

“Allerdings hat er neulich ein gewisses Bedauern darüber geäußert, dass Sie mit Ihrem Freund Streit hätten. Er sagte, Sie seien recht niedergeschlagen.”

“Nun ja …” Olivia zögerte. Sie wollte mit Mrs. Altman genauso wenig über Nicholas sprechen wie mit Lewis.

“Lassen Sie sich nicht von Ihrem Stolz leiten, meine Liebe”, riet Mrs. Altman. “Rufen Sie ihn an. Sagen Sie, es tue Ihnen leid, auch wenn es seine Schuld sei. Warum soll man nicht ein bisschen zu Kreuze kriechen, wenn danach alles vergeben und vergessen ist?”

Olivia überlegte. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nie vor jemandem zu Kreuze gekrochen und hatte auch nicht vor, jetzt damit anzufangen. Und dennoch … Mrs. Altman hatte recht. Stolz stand einer Versöhnung mitunter im Wege. Olivia gelangte zu dem Schluss, dass zwischen einer Erniedrigung und einem einfachen Telefonat ein gewaltiger Unterschied bestand. Sie könnte Nicholas unter dem Vorwand anrufen, ihm ein frohes Weihnachtsfest wünschen zu wollen. Um diese Uhrzeit war er noch im Büro. Innerhalb weniger Sekunden würde sie mit ihm reden können. Ihr Herz klopfte wie wild, als neue Hoffnung in ihr erwachte.

Nachdem Olivia Mrs. Altman zu Lewis durchgestellt hatte, wählte sie Nicholas’ Nummer, bevor der Mut sie verließ. Mehrere Freizeichen ertönten, ehe der Hörer abgenommen wurde.

“Nickies Tisch”, hauchte eine weibliche Stimme.

Olivia war verblüfft. “Renee?”, fragte sie zögernd. “Sind Sie das?” Renee war eine Kollegin von Nicholas, die gelegentlich seine Anrufe entgegennahm, wenn er nicht an seinem Platz war.

“Renee hat schon vor einiger Zeit gekündigt”, lautete die fröhliche Antwort. “Ich bin Yvette. Ihre Nachfolgerin.”

Renees Nachfolgerin. Namens Yvette. Und sie nannte Nicholas ‘Nickie’.

Olivia fühlte sich plötzlich elend. “Könnte ich bitte Nicholas sprechen?”

Am anderen Ende der Leitung herrschte kurzes Schweigen, dann folgte ein dramatisches Seufzen. “Heißen Sie zufällig Olivia?”

“Geben Sie mir bitte Nicholas.”

“Das kann ich nicht. Er ist nicht hier. Außerdem vergeuden Sie nur Ihre Zeit. Er will Sie weder sehen noch sprechen. Niemals. Er hat jetzt mich, und ich bin alles, was er will.”

Olivia atmete tief durch. Nur mit größter Mühe gelang es ihr, ruhig zu bleiben. “Und wie lange sind Sie schon alles, was Nicholas will?”

“Länger, als Sie denken. Finden Sie sich damit ab, Süße”, flötete Yvette. “Sie haben nichts, um einen Mann zu halten. Mit Organisationstalent und Sparsamkeit erreicht man als Frau gar nichts. Diese Vorzüge findet Nickie auch bei einem Computer. Oder einem Staubsauger. Er will Leidenschaft. Und Spontaneität. Und Spaß.”

“Sie meinen, Sex”, konterte Olivia. Allmählich dämmerte ihr, woher Nicholas die Argumente bezogen hatte.

“Das ist das Gleiche.”

“Glauben Sie, er hätte von mir keinen Sex bekommen?”, schleuderte sie der herzlosen Kreatur entgegen, die keine Skrupel hatte, einer anderen Frau den Mann wegzuschnappen.

“Nicht so, wie er ihn will, Süße. Ich muss jetzt los. Wir wollen alle noch auf ein paar Drinks in die Bar. Bye-bye. Ach ja … und fröhliche Weihnachten!”

Fassungslos legte Olivia auf.

Und dann, ganz plötzlich, begann es tief in ihr zu brodeln – ein unbändiger, grimmiger Zorn. Sie sprang auf, das Blut schien durch ihre Adern zu rasen.

Auf ein paar Drinks in die Bar! Schön für die beiden. Aber sie konnte es besser. Sie würde zu einer Weihnachtsparty gehen, und, bei Gott, sie würde feiern. Sie würde den ganzen Tag feiern, und sie würde vergessen. Sie würde Nicholas und Yvette vergessen. Sie würde vergessen, dass ihre Zukunft auf so grausame Weise zerstört wurde. Sie würde alles vergessen und sich amüsieren!

Olivia streifte die Kostümjacke ab und warf sie über einen Stuhl. Sich zu amüsieren konnte schließlich nicht so schwer sein. Nicht, wenn sie ein paar Gläser Champagner trank.

Mit einem Rausch würde sie fröhlich sein – das dachte sie zumindest. Sie war nämlich noch nie richtig betrunken gewesen, aber nach ein paar Gläsern Wein hatte sie sich immer fabelhaft gefühlt.

Und sie wollte sich endlich wieder einmal gut fühlen. Sie wollte es so sehr!

Olivia entfernte die Spange aus dem Haar und schüttelte den Kopf, bis die seidige Pracht ihr locker über die Schultern fiel. Nachdem sie die beiden oberen Knöpfe ihrer Bluse geöffnet hatte, warf sie noch einmal trotzig den Kopf zurück und ging dann entschlossen in die Richtung, aus der die Musik herüberdrang.

2. KAPITEL

Um zwei Uhr nachmittags fühlte Olivia sich mehr als gut. Sie fühlte sich fantastisch. Wenn sie geahnt hätte, dass Champagner so hervorragend gegen Depressionen wirkte, hätte sie dieses Mittel schon früher probiert. Nach dem dritten Glas hatte alles angefangen, besser zu werden. Ihre Stimmung. Die Musik. Die Männer.

Als sie die erste Flasche geleert hatte, erschien ihr einer der Verkaufsmanager, ein notorischer Schürzenjäger namens Phil, dem sie normalerweise nicht einmal das Datum genannt hätte, sogar regelrecht charmant. Sie hatten bereits über eine halbe Stunde miteinander geplaudert, als Olivia plötzlich merkte, dass Lewis sie stirnrunzelnd betrachtete. Er stand mit einer Gruppe von Werbeleuten am Büfett, in der einen Hand ein Glas Bier, in der anderen ein Stück Weihnachtskuchen.

Die missbilligende Miene ihres Chefs weckte Olivias Unwillen. Lewis war nicht ihr Aufpasser. Es war ihr gutes Recht, sich einem harmlosen Vergnügen hinzugeben, wenn ihr der Sinn danach stand. Sie beging schließlich kein Schwerverbrechen, sondern machte nur das, was jede andere alleinstehende Frau hier ...

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