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Nullnummern

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. NULLNUMMERN
  5. Danksagung
  6. Widmung
  7. 3cm
  8. Nr. 1
  9. 4cm
  10. Nicht ganz Nr. 2
  11. Immer noch 4 cm
  12. Nr. 2
  13. 5 cm
  14. Kurzes Zwischenspiel
  15. 6cm
  16. Nr. 3
  17. 7 cm
  18. Nicht ganz Nr. 4
  19. 8 cm
  20. Definitiv Nr. 5
  21. 8,5 cm
  22. Nr. 6
  23. 9,5 cm
  24. Immer noch Nr. 6 (mit einem Hauch Nr. 3)
  25. 10 cm (Endspurt)
  26. Nochmal Nr. 6 (mit Kurzauftritten von Nr. 1, 2 und 5)
  27. 2800 Gramm
  28. Sind Sie mit dem falschen Mann zusammen?

NULLNUMMERN

Da das Schreiben von Nullnummern der Autorin sehr viel Freude bereitet hat, liebäugelt sie mit einer Fortsetzung, vorausgesetzt, das Interesse der Leser ist vorhanden. Womöglich ist das der Anfang einer Romanserie? Nach Nullnummern käme dann vielleicht Nullnummern Teil 2: Die ungezogensten Kinder/ Nullnummern Teil 3: Die schlimmste Midlifecrisis/Nullnummern Teil 4: Die miesesten Altenheime. Momentan schreibt die Autorin an ihrem sechsten Roman und arbeitet nebenbei für das Fernsehen sowie für eine große Hollywood-Kinoproduktion, in der Brad Pitt und George Clooney, mit denen sie eng befreundet ist, die Hauptrollen spielen. Letzteres gehört übrigens in die Kategorie Nullnummern: Die infamsten Lügen …

Für weitere Informationen und exklusive Neuigkeiten über die Autorin besuchen Sie www.letstalkaboutme.com und www.authortracker.co.uk.

Danksagung

Ich wollte immer schon einmal sagen können: »Wenn Soundso die Firma verlässt, dann gehe ich auch.« Jetzt gibt es gleich zwei Soundsos: Grainne Fox bei Ed Victor und Maxine Hitchcock bei Avon Books. Mädels, ihr seid gewarnt. Solltet ihr jemals kündigen, werde ich mit euch gehen.

Ebenso ein Dankeschön an Caroline Ridding. Mir war immer klar, dass wir irgendwann zusammenarbeiten würden.

Ein riesiges Lob an den Hampstead Garden Beauty Salon für all die Anwendungen, denen ich mich zu, äh, Recherchezwecken freiwillig unterzog. Wirklich tolle Arbeit, Helen.

Und zum Schluss möchte ich Matt danken, der mir mit Engelsgeduld stundenlang erklärt hat, wie … gähn … ein Automotor funktioniert.

 

Für Holly.
Hoffentlich gerät sie nie an den Falschen.

Und für Sam.
Hoffentlich wird aus ihm nie so einer.

3cm

»Nein, Dayna, nicht!«, warnt die Hebamme. »Nicht pressen!Dafür ist es noch viel zu früh.« Was zum Henker weiß die schon? Sie sieht selbst noch aus wie ein Kind. Die hat von einer Geburt wahrscheinlich so viel Ahnung wie … Also schön, sie ist ausgebildete Hebamme. Und als solche bringt sie Babys zur Welt. Aber nur herumstehen und schlaue Ratschläge geben zählt nicht. Schließlich muss nicht sie das Kind gebären. Was, falls Sie es nicht ohnehin schon erraten haben, genau das ist, was ich just in diesem Moment mache.

Wenn ich sage, ich gebäre gerade, ist das wohl Wunschdenken, denn die halbwüchsige Hebamme zwischen meinen Beinen erklärt mir jetzt, dass mein Muttermund gerade einmal drei Zentimeter weit geöffnet ist und dass ich noch ganz am Anfang stehe.

Jeder kennt die Geschichten über Frauen, die 258 Stunden oder länger entbunden haben. Ich dachte bis jetzt immer, das wären eben Geschichten. Um das Ausmaß der körperlichen Qualen zu veranschaulichen. Im Sinne von: »Deine Augen sind richtig schlimm entzündet? Das ist noch gar nichts, meine sind total mit Eiter verklebt, die würde nicht einmal Stevie Wonder haben wollen.« Jetzt keimt in mir jedoch der Verdacht, dass diese Geschichten das Martyrium eher verharmlosen. Ich werde einfach das schreckliche Gefühl nicht los, dass die Wirklichkeit viel, viel schlimmer ist.

Es ist jetzt ein Uhr morgens. Seit drei Stunden liege ich nun im Kreißsaal. Die halbwüchsige Hebamme sagt, es könne sich noch eine Weile hinziehen. Was genau meint sie mit »eine Weile«? Eine genaue Zeitangabe werde ich sicher nicht von ihr hören. Nicht einmal eine ungefähre Zeitangabe – beispielsweise das Datum. Bis jetzt sind es also drei Stunden, und die Uhr läuft weiter.

»Versuchen Sie sich zu entspannen, Dayna«, schlägt die Halbwüchsige in besänftigendem Ton vor. »Sie wirken ein wenig verkrampft.«

»Nnnrrnngg«, lautet meine Antwort. Natürlich bin ich verkrampft. Ich habe Schmerzen, und ich stehe erst am Anfang. Fehlt nur noch der Vorschlag, eines der dämlichen Räucherstäbchen anzuzünden, die Emily unbedingt einpacken musste.

»Ich hab’s! Soll ich ein Räucherstäbchen anzünden?«, fragt Emily prompt.

»Auf keinen Fall«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Emily schenkt mir ihr aufmunterndstes Lächeln. Sie hat noch nie entbunden und weiß daher nicht, was wahre Schmerzen sind. »Durchhalten, Dayna«, spricht sie mir Mut zu. »Du hältst dich großartig.«

»Arrggghhh!«, schreie ich auf.

Emily blickt mich ängstlich an, dann wendet sie sich besorgt an die Halbwüchsige. »Können Sie ihr nicht mehr Methadon geben?«, fragt sie in flehendem Ton.

»Ich habe nicht wegen den verdammten Wehen geschrien, sondern wegen meiner Hand. Emily, lass mich endlich los, um Himmels willen.« Ich versuche meine Hand zu befreien, aber sie steckt fest in Emilys Klammergriff. Seit zwei Stunden hält sie mitfühlend meine Hand – so mitfühlend wie ein Schraubstock. Bis jetzt war diese Schmerzverlagerung eine willkommene Ablenkung, aber in ihrer Sorge um mich hat Emily ihren Klammergriff nun verstärkt.

»Wir haben ihr Pethidin verabreicht, kein Methadon«, stellt die Halbwüchsige richtig, »und sie bekommt nichts mehr, weil sie schon die maximale Dosis bekommen hat.«

»Hören Sie, ich habe es mir anders überlegt wegen der PDA«, sage ich zu der Hebamme. »Ich will jetzt doch eine. Ganz sicher. Das stehe ich keine weiteren sieben Zentimeter durch. Das halte ich nicht aus.«

Die Halbwüchsige runzelt die Stirn. »Ich bin nicht sicher, ob das so kurzfristig möglich ist«, entgegnet sie. »Der Anästhesist hat alle Hände voll zu tun. Wir haben sieben Schwangere auf der Station, die alle auf ihre PDA warten.« Sie unterbricht sich kurz und wirft mir einen Sagen-Sie-nicht-ich-hätte-Sie-nicht-gewarnt-Blick zu. »Sie wissen ja, wir haben Sie zuvor auf die Möglichkeit einer Periduralanästhesie hingewiesen.« Ihr Blick wandert zu dem Tisch an der Wand, auf dem sich Kerzen und Räucherstäbchen und CDs mit Walgesängen türmen, alles Sachen, die Emily hier angeschleppt hat. »Aber Sie sagten – und ich glaube, der genaue Wortlaut war – ›Nein danke, das wird nicht nötig sein. Wir machen es lieber auf die natürliche Art.‹«

Diese klugscheißerische, wehenfreie Hebamme mit ihrem exakten Gedächtnis. Mag sein, dass dies der genaue Wortlaut war, aber er stammte nicht von mir, sondern von Emily. Und wenn ich genauer darüber nachdenke, wie kommt meine sogenannte beste Freundin eigentlich auf »wir«? Als würden wir beide hier liegen. Aber Emily muss keine qualvollen Schmerzen erdulden, damit ihr Muttermund sich einen weiteren popeligen Millimeter öffnet. Jetzt würde ich ihr am liebsten die Räucherstäbchen in den Arsch schieben, zusammen mit zwei dicken – brennenden – Duftkerzen mit Vanillearoma. Und wenn ich dann ihre Schmerzensschreie höre, weiß ich, dass man tatsächlich von einem »Wir«-Gefühl sprechen kann.

Überhaupt ist es Emilys Schuld, dass ich hier liege. Das Feuerwerk vor dem Gartencenter war schließlich ihre Idee. »Ich weiß, du bist nervös, dass die Wehen losgehen könnten, Dayna«, hatte sie gesagt. »Da ist doch Ablenkung bestimmt eine gute Idee.« Ha! Fünf Minuten ohrenbetäubendes Pfeifen, Knallen und Wiiiiiiiiiiiii reichten, um die Wehen auszulösen. Bloß zwei Wochen zu früh.

Und ohne den richtigen Geburtspartner, sprich: den Vater des Kindes.

Habe ich Kind gesagt? Sorry, ich meine eigentlich eine übergroße Wassermelone. Beziehungsweise eine ganze Kiste davon. Denn es ist sicher nicht so schmerzvoll, ein im Vergleich dazu winziges Baby zur Welt zu bringen.

Aber vielleicht hat Emily mir dadurch einen Riesengefallen erwiesen. Wenn dieses Ding in meinem Bauch weitere zwei Wochen hätte wachsen können, was für Schmerzen hätte ich dann erst erdulden müssen? Außerdem steht Emily mir wenigstens zur Seite, auch wenn sie unbedingt diesen ganzen Esoterikkram anschleppen musste, zusammen mit einer weiteren Tasche – dem Notproviant. (Fragen Sie lieber nicht nach dem Inhalt.) Theoretisch könnte Emily jetzt auch Tausende von Meilen entfernt sein, in Tokio, wo sie sich den Großteil meiner Schwangerschaft über aufgehalten hat. Sie hat dort Japanisch gelernt. Sie beherrscht einige wichtige Sätze wie zum Beispiel »Wie viel kostet diese Handtasche von D&G?« und »Haben Sie die auch in Braun?«

Vor drei Wochen ist sie aus Japan zurückgekehrt, und seitdem haben wir uns diesen Moment immer wieder in den schönsten Farben ausgemalt. Leider habe ich das ungute Gefühl, wir waren ein bisschen blauäugig. Zum Beispiel, was den Notproviant betrifft. Wieder eine Idee von Emily, wie der Esoterikkram. Der Notproviant besteht aus Müsliriegeln, Schokolade, Chips und ein bisschen Obst, »für deinen Energie-Input« und »gegen die Langeweile«. Glauben Sie mir, mir ist alles andere als langweilig. Es gibt auch noch eine dritte Tasche mit Toilettenutensilien, Schminke und Cremes, plus zweifacher Garderobe zum Wechseln. Wieder Emilys Idee. Was dachte sie denn, wo wir hinfahren? Zwei Wochen nach Barbados? Eher 258 Stunden in die Hölle – okay, bis jetzt sind es erst drei.

Aber ich kann Emily keinen Vorwurf machen. Die Einzige, die sich etwas vorzuwerfen hat, bin ich. Zumal ich neun Monate lang (minus zwei Wochen) Zeit hatte, mich vorzubereiten.

Ich kneife die Augen zusammen und balle die Hände zu Fäusten, als mich die nächste Wehe überrollt. O Gooott, tut das weh. Ich kann nicht glauben, dass ich erst drei Zentimeter geschafft habe. »Wird es noch schlimmer?«, wimmere ich, als der Schmerz endlich nachlässt.

Schweigen. Die Hebamme ist kurz aus dem Zimmer verschwunden, und Emily fällt als Antwort nur ein hilfloses Achselzucken ein. »Es könnte schlimmer sein«, meint sie schließlich. »Du könntest das auch ganz alleine durchstehen müssen.«

»Ich muss das ganz alleine durchstehen.«

»Ich bin doch da«, widerspricht sie, in leicht gekränktem Ton.

»Ich weiß, aber er nicht.«

»Schon gut, schon gut«, sagt Emily tröstend. Sie greift wieder nach meiner Hand, aber ich ziehe sie ruckartig weg. »Sieh es doch mal von der positiven Seite. Wenn ich nicht die ganze Zeit bei dir gewesen wäre, wäre das alles sicher nicht so gut organisiert abgelaufen. Immerhin war es meine Idee, schnell noch die drei Taschen zu packen. War doch eine gute Idee, oder?«

Und wie um ihre Klugheit zu beweisen, greift sie mit der Hand in die Provianttasche, holt zwei Müsliriegel heraus und bietet mir einen davon an. Ich schüttele den Kopf. Wie kann man in so einer Situation ans Essen denken? Außerdem bin ich schon kurz vor dem Platzen. Zwanzig Kilo habe ich in der Schwangerschaft zugelegt … Und wie viel davon wiegt das Baby? Das Gewicht von Säuglingen wird in Gramm angegeben, nicht in Kilo.

Oder?

»Nach allem, was wir zusammen durchgestanden haben, ist das doch der Hammer, nicht wahr?«, bemerkt Emily.

Sie redet schon wieder von wir, aber ich lasse es ihr durchgehen. »Wie meinst du das?«, frage ich.

»Na ja, ich bin diejenige, die bald heiratet, und du bekommst ein Kind. Dabei dachte ich immer, ich werde vor dir Mutter.«

Emilys Zukünftiger heißt Max, der Mann, dem Emily nach Japan gefolgt ist. Max’ Ziel war, in Tokio seine erste Million zu verdienen. Und Emilys Ziel war, sie wieder auszugeben. Nein, nein, ganz so ist es auch wieder nicht. Die beiden lieben sich von ganzem Herzen … Aber Emily wirft das Geld zum Fenster raus, als wäre sie Paris Hilton.

»Tut mir leid«, sage ich, und es klingt ironischer als beabsichtigt. »Das hättest du mir früher sagen sollen. Dann hätte ich mir mit dem Schwangerwerden Zeit gelassen.«

Emily lacht, aber dennoch frage ich mich, ob sie insgeheim nicht doch ein Problem damit hat. Wir sind seit vielen Jahren Freundinnen, und Emily hat immer alles zuerst gemacht. Sie konnte schwimmen, bevor ich es lernte. Sie hat sich als Erste die Augenbrauen gezupft. Hat als Erste mit dem Rauchen angefangen. Und es als Erste wieder aufgegeben. Außerdem hatte sie bereits sieben oder acht leidenschaftliche, ernsthafte, Bis-dass-der-Tod-uns-scheidet-Liebesbeziehungen, bevor ich meinen ersten Freund hatte.

Jetzt wünschte ich allerdings, ich hätte ihr auf dem letzten Gebiet nicht nachgeeifert. Hätte ich mich von Männern eine Weile lang ferngehalten – sagen wir, bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr –, dann würde ich jetzt nicht hier liegen und spüren, dass die nächste verdammte Wehe sich ankündigt.

Nr. 1

Simon. Die Nummer eins, jedenfalls chronologisch. Mein erster richtiger Freund, meine erste große Liebe. Natürlich hatte ich vor Simon was mit anderen Jungs gehabt, aber das waren nur harmlose Flirts gewesen. Ich hatte bis dahin nie eine dieser »Unglaublich, jetzt sind wir schon ein ganzes Jahr/einen ganzen Monat/ eine ganze Woche zusammen!«-Beziehungen gehabt.

Doch mit Simon war es was Ernstes. Er war der Mann, mit dem ich sicher ein Jubiläum (wie oft auch immer) feiern würde, der Mann, mit dem ich verreisen würde, der Mann, mit dem ich mein erstes Mal erleben würde. Es war Schicksal, verstehen Sie. Oder wie würden Sie das nennen, wenn die beiden einzigen siebzehnjährigen Jungfrauen in London aufeinandertreffen und es miteinander versuchen? Es war vorherbestimmt. Zumindest redete ich mir das damals ein.

Zuerst hielt ich Simon eine Zeit lang hin, allerdings nicht sehr lange. Ich kam nämlich zu der Erkenntnis, dass meine Jungfräulichkeit nicht für die Nachwelt aufbewahrt werden musste wie zum Beispiel mein *NSYNC-Poster mit den Originalunterschriften, eine echte Rarität.

Unser erstes Mal: eine wunderschöne, höchst spirituelle Erfahrung; der Duft von tausend Kerzen und einer Million Rosenblätter …

Halt, stopp. Ich fange nochmal von vorne an. Unser erstes Mal: ein Flop, offen gesagt.

Das war 1997. Simon wohnte damals noch bei seinen Eltern. Sie waren an dem Abend ausgegangen, und wir kamen ziemlich hektisch – fast schon panisch – zur Sache, weil wir nicht wussten, wie viel Zeit wir hatten, bevor seine Eltern wiederkamen. Die Hektik hätten wir uns sparen können. Was ich mir siebzehn Jahre und elf Monate lang bewahrt hatte, war in dreißig Sekunden futsch. In der einunddreißigsten Sekunde rollte Simon von mir herunter und machte stolz eine Siegerfaust.

Und ich? Ich war sprachlos.

Sprachlos im Sinne von: War’s das schon?

Die meisten meiner Freundinnen, Emily inbegriffen, hatten schon Jahre vor mir ihren ersten Sex. »Es ist unglaublich«, hatte mir Emily kurz nach ihrem ersten Mal erzählt. »Es fühlt sich so ähnlich an wie ein Bohrer in dir drin, und du spürst dieses superheftige Kribbeln im Unterleib, das über den ganzen Rücken bis zum Kopf hochwandert.« Ich nahm damals an, dass jeder sein erstes Mal anders empfindet. Zumindest hoffte ich das – wenn es wirklich diesen Bohreffekt und dieses Ganzkörperkribbeln gab, wollte ich das auch haben.

Ich beschloss, mich bedeckt zu halten und so zu tun, als hätte ich wie Simon die höchste sexuelle Erfüllung erfahren, um nicht aufzufallen. Wahrscheinlich macht man so was, wenn man jung ist und keine Ahnung hat. Und wenn man so jung ist und überhaupt keine Ahnung hat wie ich damals, übersieht man gerne auch die Warnzeichen, nicht wahr?

Nach Abschluss der Schule beschlossen Emily und ich, ein Jahr Auszeit einzulegen. Ich weiß, die meisten nutzen diese Zeit für eine lebensverändernde Reise durch Südamerika, und danach beginnt man irgendetwas Wichtiges zu studieren. Emily und ich nahmen den Begriff »Auszeit« jedoch wörtlich und taten einfach ein Jahr lang nichts.

Ungeachtet aller Warnungen fiel ich in ein Loch. Und während ich darin hockte, lernte ich Simon kennen.

Wenn ich früher für einen Jungen geschwärmt hatte, setzte ich immer alles daran, ihn zu bekommen. Und wenn ich ihm dann so lange nachgestellt hatte – manchmal über Monate hinweg –, bis er schließlich auf mich aufmerksam wurde, war es das. Keinen Bock mehr. Das Aufregende an der Sache war anscheinend nur die Jagd.

Bei Simon war das anders. Mit seinen schwarzen Haaren und den leuchtend blauen Augen sah er aus wie ein italienischer Macho, allerdings ohne etwas Schmieriges an sich zu haben. Er war ein schöner Mann, definitiv, aber hinter der schönen Fassade steckte mehr. Das merkte ich spätestens, als ich ihn mithilfe meiner raffinierten psychologischen Gesprächsführung dazu brachte, mir ein Getränk auszugeben: Ich fragte ihn einfach direkt. Nach ein paar Dates war es um mich geschehen.

Unter seiner rauen Machoschale hatte Simon einen butterweichen Kern. Im Ernst, hätte ich ihn nicht angesprochen und gefragt, ob er mir was zu trinken spendiert, wären wir wahrscheinlich nie zusammengekommen, weil er bei Frauen unheimlich schüchtern war. Was ihn noch anziehender machte. Simon war ein richtig lieber Kerl, der mir häufig Geschenke mitbrachte. Nur Kleinigkeiten, schließlich war er kein Krösus, aber hey, kann man als Frau jemals genug Kuscheltiere haben? Ich konnte meine bald nicht mehr zählen. Als Simon und ich uns trennten, gingen in China bestimmt ein paar Spielzeugfabriken in Konkurs.

Nach ungefähr vier Wochen Beziehung übertraf Simon sich selbst. Zu meinem achtzehnten Geburtstag schenkte er mir ein Kuscheltier de luxe: einen pinkfarbenen Riesenteddy, der seinen Platz auf meinem Bett fand und der das ganze Zimmer in einen rötlichen Schimmer tauchte, was eine kitschige Sonnenuntergangskulisse erzeugte. Der Teddy war enorm groß, enorm pink und enorm …

Gott, ich hasste das Vieh. Ich konnte halt nicht so viel mit Riesenteddys anfangen, schon gar nicht in Pink, aber hätte ich Simon das gesagt, hätte ich seine Illusionen zerstört, also hielt ich den Mund. Und ich versuchte, nicht zu sehnsüchtig auf das neue, extra schmale, von mir heiß begehrte Nokia-Handy zu starren, wenn wir an der Auslage vorbeikamen.

Abgesehen von seinem Kuscheltiertick besaß Simon nur Vorzüge. Er sah gut aus, er war lieb und lustig, und – ein ganz besonderer Vorzug – er hatte ein Auto. Für ein junges Mädchen, das nichts anderes kennt, als nachts bibbernd an der Bushaltestelle zu stehen oder seinen Vater um Geld für ein Taxi anzubetteln, kann ein motorisierter Freund von immenser Bedeutung sein. Ein eigener Wagenschlüssel kann aus dem langweiligsten und hässlichsten Streber einen Johnny Depp machen.

Simons Wagen war eine Schrottkarre, als er ihn von seinem Chef geschenkt bekam. Das war kein Akt der Freundlichkeit. Irgendein Kunde hatte die Rostlaube auf dem Gelände der Kfz-Werkstatt stehen gelassen, in der Simon arbeitete, und sein Chef war zu geizig, um den Wagen verschrotten zu lassen. Simon steckte so viel Arbeit in die Karre, als wäre er der exzentrische Erfinder Caractacus Pott aus der Kindergeschichte. Na schön, der Wagen konnte nicht fliegen wie Tschitti Tschitti Bäng Bäng, aber die Verwandlung war durchaus vergleichbar.

In den ersten Wochen unserer Beziehung lebten Simon und ich praktisch in seinem Wagen. Ohne Arbeit – und somit ohne Geld – war ich vermutlich Londons einzige Nichtstuerin mit eigenem Chauffeur. Simon kutschierte mich überallhin: zum Einkaufen, zum Zahnarzt, zu den Kneipen und Clubs …

Aber wie lange kann man nichts anderes tun als Party zu feiern, ohne einen Gedanken an seine Zukunft zu verschwenden? Meiner Meinung nach ewig, aber mein Vater hatte etwas dagegen. In unserem Haus gab es nur für einen ungebildeten, mittellosen Arbeitslosen Platz, und das war er.

Während ich in leichte Panik verfiel und mir Sorgen machte, dass mein Notendurchschnitt nicht für ein Medizinstudium reichte, änderte Emily, meine Co-Arbeitsverweigerin, plötzlich ihre Haltung und beschloss aus heiterem Himmel, eine Ausbildung zur Kosmetikerin zu machen. Das war für mich wie ein Schock, weil Emily eigentlich seit eh und je alternativ angehaucht war – Sie wissen schon, Biokost und Freundschaftsbänder aus buntem Garn. Emily war die größte Verfechterin von Natürlichkeit, und das passte nicht richtig zu ihrem Wunsch, Kosmetikerin zu werden.

Im Nachhinein betrachtet hätte mich das nicht überraschen dürfen. Schließlich war Emily auch keine Vollzeit-Vegetarierin. Sonntags morgens machte sie immer eine Ausnahme, wenn ihre Mutter uns ein Katerfrühstück aus Rührei mit Speck zubereitete. Und als Emily gegen den Krieg zwischen Israel und Palästina protestierte, tat sie das nur, weil sie mit unserer Freundin Elise in ein israelisches Sommercamp fahren wollte, ohne Angst vor Bombenanschlägen haben zu müssen. Es war nicht so, dass sie keine Prinzipien hatte; aber sie war eben erst achtzehn.

»Es ist nicht verwerflich, wenn Frauen zur Kosmetikerin gehen, Dayna«, belehrte Emily mich, als das Thema zum ersten Mal zwischen uns zur Sprache kam. »Schönheit ist eine Form von autonomer Selbstbestimmung.«

Klar doch! Wie dumm von mir.

»Wir führen den Kampf all dieser tapferen Frauen fort, die ihr Leben für die Gleichberechtigung riskiert haben«, erklärte sie.

»Wer denn zum Beispiel?«, fragte ich.

»Das ist doch unwichtig. Bloß weil wir uns nicht mehr an ihre Namen erinnern, ändert das nichts daran, dass diese Frauen einen wichtigen Platz in der Geschichte haben. Genau wie derjenige, der das Rad erfunden hat. Wer kennt denn heute noch seinen Namen?«

Inspiriert von Emilys Worten dachte ich lange und gründlich über meine Möglichkeiten nach und kam zu dem Schluss, dass ich keine hatte. Das gab den Ausschlag: Ich wollte zusammen mit Emily lernen, wie man Augenbrauen mit Wachs in Form bringt und dadurch – genau wie der Erfinder des Rads – die Welt zu einem besseren Ort macht.

Unsere Auszeit war offiziell beendet.

Mein erster Tag am Holstein College of Beauty mitten im Herzen von Londons aufregendem Szene-Viertel West End war zugleich der glücklichste Tag im Leben meines Vaters, der beim Pferderennen in Doncaster fünfhundert Pfund gewann. Er deutete das als ein gutes Omen. Er hatte ja keine Ahnung.

Während Emily und ich also wieder die Schulbank drückten, änderte auch Simon sein Leben. Er verwarf seinen ursprünglichen Plan, der weltbeste Automechaniker zu werden, und heuerte stattdessen in einem Fünfsternehotel an, das ich nicht näher bezeichnen möchte, weil ich mir sonst eine Klage einhandle. Sie alle kennen dieses Hotel. Der Eingang ist von einer großen Markise überdacht, und davor erstreckt sich eine kreisrunde Kiesauffahrt. Nur die Superreichen können es sich leisten, dort abzusteigen, aber Simon und ich waren nicht neidisch. Wir trösteten uns damit, dass wir wenigstens die Kiesauffahrt erkunden durften. Sie allein war schon überwältigend. So viel Kies.

Simon arbeitete als Zimmerkellner. Das Trinkgeld war fantastisch und tröstete über den Umstand hinweg, dass er seine Ausbildung abgebrochen und damit jede Chance verwirkt hatte, jemals der Weltbeste in seinem Beruf zu sein. Aber was soll’s, wenn man tagtäglich um die sechzig Pfund allein an Trinkgeld macht? So dachte Simon, und ich sah das genauso.

Simon lernte schnell. Und das beschränkte sich nicht nur darauf, wie man ein Frühstückstablett von der Küche in den siebten Stock hochbrachte, bevor der Toast kalt wurde. Araber und Amerikaner waren wohl am spendabelsten, und Simon entwickelte ein Gespür wie ein Bluthund für sie. Er freundete sich mit den Leuten an der Rezeption an, um sicherzustellen, dass er die richtigen Zimmer zugeteilt bekam und nicht die, wo es nichts zu holen gab – er meinte immer, die Deutschen wären die größten Geizhälse, wieder etwas, was wir ihnen vorwerfen können.

Währenddessen war Emily nach wie vor auf ihrem Selbstfindungstrip. Die Kosmetikschule war nur der erste Schritt. Der zweite war, von zu Hause auszuziehen, was bedeutete, mit mir zusammenzuziehen, da Emily sich alleine keine Wohnung leisten konnte. Kaum hatte sie die Worte »Dayna, ich finde, wir sollten uns zusammen nach einer Wohnung umsehen« ausgesprochen, bot sich uns unverhofft eine Gelegenheit. Unsere Freundin Elise zog gemeinsam mit ihrem Freund in den Süden (das heißt in den Süden Londons – obwohl Tulse Hill ebenso gut in Südamerika hätte sein können, so selten, wie wir sie nach ihrem Umzug zu Gesicht bekamen).

»Aber wovon sollen wir uns eine eigene Wohnung leisten?«

»Du machst dir zu viele Gedanken, Dayna. Das kriegen wir schon irgendwie hin.«

Typisch Emily. Sie handelte nach dem Das-kriegen-wir-schon-irgendwie-hin-Prinzip, und irgendwie haute es tatsächlich immer hin. Hauptsächlich deshalb, so meine Vermutung, weil Emilys Prinzip auf dem Wir beruhte, statt auf dem Ich. Emily ging nie etwas alleine an, sondern hatte immer einen im Schlepptau – sprich: mich –, der ihr Beistand leistete.

Mein Vater, der dank des Gewinns auf der Rennbahn ausnahmsweise einmal über Geld verfügte, hielt meinem Druck nicht stand und erklärte sich bereit, die Kaution zu übernehmen. (Einfach unglaublich, dass ich im Alter von achtzehn Jahren noch immer die abgedroschene »Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden«-Masche benutzte, und genauso unglaublich war, dass sie noch immer zog.) Die Wohnung gehörte uns. Es war eine sehr hübsche Wohnung, mit zwei geräumigen, hellen Zimmern und einem riesigen Garten in Südlage. Gut, wir wohnten im ersten Stock und hatten keinen direkten Zugang zum Garten, aber dafür einen tollen Ausblick vom Küchenfenster.

Nachdem ich jede einzelne Minute meiner achtzehn Jahre, acht Monate und zwei Wochen auf diesem Planeten bei meinem Vater gelebt hatte, war er bei meinem Auszug ziemlich aufgewühlt, was jedoch in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass er zwei Riesen mit einer Fünferwette im Fußballtoto gewonnen hatte.

Mein Traummann (ungeachtet dessen, dass ich beim Sex immer noch auf den Bohreffekt und das Ganzkörperkribbeln wartete) bot Emily und mir an, von seinem gesparten Trinkgeld einen Umzugstransporter zu mieten, was eine sehr nette Geste war. Aber wir besaßen so wenig, dass ich bezweifelte, ob das überhaupt nötig war. Dann fiel mir der pinkfarbene Riesenteddy ein, und ich änderte meine Meinung. Das Ungetüm nahm hinten die ganze Ladefläche ein, während unsere paar Habseligkeiten sich zwischen seinen Beinen verstauen ließen.

»Du hast einen echt üblen Musikgeschmack«, bemerkte Simon lachend, als er den Karton mit meinen Boyzone-und Backstreet-Boys-CDs in unserem neuen Wohnzimmer auf dem Boden abstellte. »So, das war der letzte. Ich muss den Transporter zurückbringen. Aber vorher habe ich noch was für dich«, fügte er schüchtern hinzu.

»Was denn?«, fragte ich aufgeregt. Und nervös zugleich – ich meine, wir reden hier schließlich von Simon. Da musste man sich auf weitere Plüschtiere gefasst machen.

Simon griff in seine Hosentasche, zog ein dickes Geldbündel hervor – dreihundert Pfund in Zwanzigern – und drückte es mir in die Hand.

»Simon!«, stieß ich atemlos hervor. »Das kann ich nicht annehmen. Ich will dir nicht ewig auf der Tasche liegen.«

Bisher hatte Simon praktisch immer für uns beide bezahlt, aber nur, weil ich kein eigenes Geld hatte. Doch das würde sich bald ändern. Ich war jetzt eine erwachsene Frau und wollte auf eigenen Beinen stehen.

»Aber du liegst mir nicht auf der Tasche«, entgegnete Simon. »Das soll nur ein Notgroschen sein. Sieh mal, ich weiß, das Leben war für dich nicht immer … ähm, einfach.« Seine Stimme wurde ganz leise. »Ohne Mutter aufzuwachsen und so … Aber, äh … ich will nur, dass du, du weißt schon … Ich, na ja … ich bin immer für dich da und so.«

Okay, das war nicht gerade eine Rede wie die von Russell Crowe vor seinen römischen Truppen am Anfang von Gladiator. Dennoch waren es die bedeutendsten Worte, die ich je vernommen hatte. Ich wusste ja schon, dass Simon groß und stark war, und nun hatte er zudem bewiesen, wie viel ich ihm bedeutete. Nämlich sehr viel; das spürte ich an dem Griff, mit dem er meine Finger um das Geldbündel schloss. Es mag pathetisch klingen, aber es ist wahr: Von diesem Moment an war ich von Simon völlig hin und weg.

Und das war er kurz darauf dann auch: weg. Er verabschiedete sich mit einem Kuss von mir und machte sich dann auf, den Wagen zurückzubringen.

Ungefähr eine halbe Minute später stand er wieder vor der Tür.

»Du hast was vergessen«, sagte er.

»Was?«, fragte ich.

»Mr Pink.« Simon machte einen Schritt zur Seite, sodass ich den Teddy hinter ihm im Hausflur sehen konnte.

»Lieb von dir«, sagte ich mit einem Lächeln. Scheiße, dachte ich.

Ich hatte im Stillen gehofft, Mr Pink – von Simon so genannt nach dem schmierigen Gangster in Reservoir Dogs – würde im Transporter bleiben. Im nächsten Moment schalt ich mich selbst, weil ich so ein furchtbarer Mensch war. Wie konnte ich so etwas denken, nachdem Simon mir soeben bewiesen hatte, dass er der wahrscheinlich liebste und verständnisvollste Mann in der gesamten Geschichte der Menschheit war?

Es war mir ernst damit, auf eigenen Beinen zu stehen. Für mich kam es nicht infrage, von Simon Geld anzunehmen. Schließlich war ich eine unabhängige Frau. Und Emily ebenfalls. Wir würden gemeinsam alle Probleme meistern. Gemeinsam unabhängig sein.

Kurz darauf lernte Emily Max kennen. Er arbeitete in der City. Bei irgendeiner Versicherungsgesellschaft. Ich hatte keine genaue Vorstellung davon, was er machte, und Emily ebenso wenig, aber er verdiente in einer Minute mehr als Simon an einem ganzen Tag im Hotel inklusive Trinkgeld. Emily hätte also auf Kosten ihres neuen Freundes leben und sich ganz auf ihre Ausbildung konzentrieren können, aber das wollte sie nicht.

»Du hast recht, wir brauchen dringend einen Job«, stimmte sie mir zu, als ich das Thema anschnitt.

Den Job fanden wir bei Fasta Pasta!, einer Pizzeria auf der High Street, wo wir als Aushilfskellnerinnen anfingen. Der Verdienst war eher bescheiden, aber Emily und ich waren fest entschlossen, es ohne fremde Hilfe zu schaffen, was enorm erleichtert wurde durch den Umstand, dass jede von uns einen Freund mit Kohle hatte.

Aber schließlich zählt die gute Absicht, nicht wahr? Wir schufteten verdammt hart für einen Lohn, der nicht einmal für die Miete reichte. Wenigstens hatten wir das Herz auf dem rechten Fleck – was jeden Chirurgen freuen dürfte, sollten wir jemals auf dem OP-Tisch landen.

So servierte ich also Tonnen von Pizza und Pasta und machte weiter meine Ausbildung, an der ich zu meiner eigenen Überraschung immer mehr Gefallen fand, und meine knappe Freizeit verbrachte ich mit Simon. Das Leben war cool.

Bis auf die Tatsache, dass das nicht stimmte.

Aber das merkte ich erst viel später.

Mein Vater war ganz aus dem Häuschen, als ich mein Zwischenzeugnis mit Auszeichnung erhielt, hauptsächlich deshalb, weil er an jenem Tag viereinhalb Riesen im Kempton Park gewonnen hatte, nachdem er gleich viermal hintereinander auf den richtigen Gaul gesetzt hatte.

Hatte ich erwähnt, dass Simon ziemlich groß ist? Eins einundneunzig, um genau zu sein. Dies ist insofern relevant, weil Simon aufgrund seiner stattlichen Größe ein Job als Türsteher angeboten wurde. An den Wochenenden, an denen er im Hotel freihatte, arbeitete er nun in einem Rockschuppen in Stockwell, dem Garage. Wenn Simon vor der Tür stand, kamen Emily und ich immer umsonst hinein. Obwohl der Laden einen schlechten Ruf hatte, weil es dort schon mehrmals zu Messerstechereien gekommen war, gefiel er mir gut. Die Musik war laut, und die Leute waren cool.

Bei dem Aufgebot an Security wunderte ich mich immer, wie man es überhaupt schaffen konnte, heimlich ein Messer ins Garage zu schmuggeln. Simon erzählte mir eines Tages, dahinter stecke Taktik: »Lieber ein Irrer mit einem Messer als ein Irrer mit einer Knarre.« Ich hatte meine Zweifel. Meiner Meinung nach waren die Türsteher zu beschäftigt damit, die leicht bekleideten Mädchen aus der Warteschlange zu fischen und hineinzugeleiten, während die Messerstecher unbemerkt an ihnen vorbeimarschierten. Allerdings muss ich sagen, dass ich im Garage nie auch nur eine einzige Knarre zu Gesicht bekommen habe, vielleicht war die Taktik also doch erfolgreich.

Da Simon noch bei seinen Eltern wohnte, schlief er meistens bei mir. Was bedeutete, dass wir oft Sex hatten. Und Übung macht den Meister, nicht wahr?

Allerdings nicht in unserem Fall. Wir übten zwar fleißig, aber im Kampf zwischen Qualität und Quantität siegte Letztere haushoch. Zweimal am Tag, sechsmal die Woche, um genau zu sein. Während mein Enthusiasmus sich in Grenzen hielt, schien Simon voll auf seine Kosten zu kommen, sodass ich schließlich ins Grübeln kam. Was zum Henker stimmte nicht mit mir?

Ich hatte zwar keine Vergleichsmöglichkeiten, aber diese Routine kam mir nicht richtig vor. Ein bisschen knutschen, ein bisschen fummeln, ruckzuck rauf und wieder runter, ein zufriedenes Lächeln. Das bezog sich auf Simon, nicht auf mich. War das wirklich schon alles?

Ich versuchte, mit Emily darüber zu reden. Zögernd brachte ich das Thema eines Abends zur Sprache, als wir uns gemeinsam Ally McBeal anschauten.

»Glaubst du, dass Sex irgendwann langweilig werden kann?«, begann ich vorsichtig.

»Gott bewahre, nein! Wie kommst du denn darauf?«

Ich deutete ein Achselzucken an, das überhaupt nichts aussagen sollte.

»Na ja, vielleicht doch«, räumte Emily nach kurzer Überlegung ein. »Später mal, wenn man alt ist, so ab vierzig aufwärts. Dann kann es schon sein, dass man allmählich den Spaß daran verliert.«

Ich wechselte das Thema. Emily hatte damit meine Vermutung bestätigt: Alle taten es und das mit großer Begeisterung. Mit mir stimmte etwas nicht.

Selbst mein Vater hatte ein erfülltes Sexleben … Bäh!

Nicht dass ich mich einen Deut dafür interessierte, aber ich konnte nicht die Augen davor verschließen. Dad hatte im Laufe der Jahre häufig wechselnde Freundinnen. Warum auch nicht? Ich gönnte es ihm, ehrlich.

Nachdem meine Mutter gestorben war, dauerte es sehr lange, bis Dad sich wieder unter Leute wagte. Ihr Tod hatte uns beiden den Boden unter den Füßen weggerissen, allerdings zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten. Ich war erst vier, als Mum ein Engel wurde. (So wurde es mir damals erklärt, und so ist das auch, okay?) Richtige Trauer – eine Trauer, die mich wie ein D-Zug rammte – empfand ich erst Jahre später. Ich weiß noch, dass ich bei Emily war und bewusst darauf achtete, wie Mutter und Tochter miteinander umgingen, wie sie miteinander redeten, scherzten, sich zankten. Während ich sie beobachtete, übermannte mich plötzlich eine große Traurigkeit. Ich konnte nur noch daran denken, was ich niemals haben würde.

Danach sah ich eine Zeit lang, egal, wohin ich auch ging, immer nur Mütter und Töchter, als würden sie nur noch gemeinsam auftreten, und ich schwelgte in einer Mischung aus Neid und Selbstmitleid. Und als typischer ichbezogener Teenager im Hormonchaos dachte ich keine Sekunde lang daran, wie schwer es für Dad seit Mums Tod sein musste.

Und es war richtig schwer. Mein Vater musste seine Trauer überwinden und wieder arbeiten gehen, schließlich hatte er ein vierjähriges Kind zu versorgen. Das war bestimmt nicht einfach. Und gerade als er alles einigermaßen überstanden hatte, verwandelte ich mich in ein Pubertätsmonster.

Irgendwann verschwand die Akne aus meinem Gesicht, und auch mein Kopf wurde wieder klarer. Die Gefühlsschwankungen hörten zwar nicht auf, aber man lernte, damit zu leben. Und da ich Dad durch die Teenagerhölle geschickt hatte, beschloss ich, ihm seinen Spaß zu lassen, ob nun mit seinen Weibergeschichten oder mit seiner Zockerei.

»Ein ganzes Jahr«, sagte Simon mit zärtlicher Stimme. »Kannst du das glauben?«

Ich schüttelte den Kopf und lächelte ihn an, während er meine Hand auf dem Tisch streichelte. Nein, ich konnte das nicht glauben. Ich hatte Simon noch nie zuvor mit so zärtlicher Stimme reden hören. Und ich konnte nicht glauben, dass wir schon ein Jahr zusammen waren.

Wir feierten unser Einjähriges so, wie man das in diesem Alter eben macht: Kino und anschließend essen gehen. Wir sahen uns Spice World an – auf meinen Wunsch, und Simon gab keine Widerrede. Wie rücksichtsvoll von ihm! Als wir hinterher beim Italiener saßen, war ich in richtig romantischer Stimmung. Es war eins der Restaurants, wo nicht mit üppiger Sauce gegeizt wird und wo man sich zur Seite beugen muss, um Platz für die einen Meter lange Pfeffermühle zu machen. Es konnte meiner Stimmung nichts anhaben, dass die Sauce zu meinem Kalbfleisch ziemlich sämig war. Von mir aus hätte es auch Flüssigkleber sein können, denn ich hatte Simon.

Na schön, unser Sex brachte die Erde nicht wirklich zum Beben und mich schon gar nicht, aber Sex war schließlich nicht alles. Vielleicht wurde ich ja allmählich erwachsen, häuslich. Oder vielleicht war Simon einfach etwas ganz Besonderes. Während ich ihm gegenübersaß, anderthalb Gläser billigen Frascati intus, erkannte ich, dass Simon tatsächlich ein ganz besonderer Mensch war.

»Ich habe großes Glück«, sagte er.

Ich auch, dachte ich. »Warum?«, fragte ich.

»Weil ich dich habe«, nuschelte er leise. Normalerweise nuschelt er nicht, nur dann, wenn er leise spricht.

»Und warum ist das ein Glück?«, fragte ich weiter, weil ich unbedingt etwas Nettes über mich hören wollte.

»Du weißt schon«, nuschelte er wieder, diesmal noch leiser.

»Nein, weiß ich nicht«, gab ich zurück.

»Du weißt schon … Das ist wie … Ach komm, du weißt schon …«

Ich schüttelte den Kopf.

»Das ist wie … Ich liebe –«

»Parmigiano, Signorina?«

Ich blickte zu dem Kellner hoch, der die Käsereibe über meinen Teller hielt. Der Moment war zerstört. Aber es war okay. Alles war bestens. Schließlich hatte Simon deutlich gemurmelt »Ich liebe«, und der Satz konnte, musste mit dem Wörtchen »dich« enden.

Dich, Dayna Harris.

Und während der Kellner Stinkekäse über die breiige Pampe auf meinem Teller rieseln ließ, schenkte ich Simon ein zärtliches Lächeln, weil auch ich ihn sehr liebte.

Eine Stunde später saß ich in seinem Wagen, berauscht von der Liebe und dem billigen Frascati. Simon drehte sich zur Rückbank, und ich sah ebenfalls nach hinten. Gleich darauf bekam ich einen Schreck – auf dem Rücksitz saß etwas Großes, eine Gestalt unter einer Decke.

»Himmel, was ist das denn?«, stieß ich erschrocken hervor.

»Das ist für dich«, antwortete Simon mit schüchternem Lächeln. »Mein Geschenk für dich zu unserem ersten Jahrestag.«

Daraufhin griff er nach der Decke und zog sie runter, und zum Vorschein kam der wahrscheinlich größte und blaueste Teddy der ganzen Welt.

O Gott. Nicht schon wieder einer. »Aah«, war alles, was ich herausbrachte.

»Das ist Ms Blue«, erklärte Simon. »Mr Pink scheint sich in letzter Zeit einsam zu fühlen, also dachte ich, Ms Blue will vielleicht Mrs Pink werden.«

Einen kurzen, verrückten Moment lang dachte ich, das wäre ein verkappter Heiratsantrag.

»Allerdings ist sie eine Katalogbraut. Ich habe sie bei Argos bestellt«, schob er hinterher und lachte sich anschließend über seinen eigenen Spruch kaputt. Das war schlau von ihm, weil sein Spruch nicht nur komisch war, sondern zugleich jegliches Missverständnis, es könnte ein Antrag oder etwas ähnlich Blödes gewesen sein, im Keim erstickte.

Am Tag meines Zusammenbruchs, als ich kurz vor dem Selbstmord stand, kümmerte meinen Vater das wenig, weil er an jenem Tag 207 631 Pfund bei Pferdewetten gewann.

Es war der Tag nach unserem romantischen Abend, an dem Simon und ich unser Einjähriges gefeiert hatten, ein Samstag. Simon hatte bei mir übernachtet, musste aber um sechs Uhr schon wieder aufstehen, weil er Frühschicht im Hotel hatte, und ließ mich mit Mr Pink und seiner neuen Freundin alleine. Nachdem er weg war, drehte ich mich um und döste wieder ein, bis eine halbe Stunde später das Telefon klingelte und mich weckte. Es war Dad, der mir begeistert von seiner Glückssträhne berichtete. Ihm war bewusst, dass es noch früh am Morgen war, aber er hatte es nicht länger für sich behalten können. Ich ließ mich von seiner Begeisterung anstecken. Aus einem lumpigen Pfund Einsatz waren sieben Rennen später 207 631 Pfund geworden.

207 631 Pfund!

Steuerfrei!

Wahnsinn!

Mein Vater war Elektriker, aber nebenberuflich war er Spieler. Es artete nie aus. Mal gewann er ein bisschen, mal verlor er ein bisschen, ohne jemals über die Stränge zu schlagen. Doch dann hatte er eine kleine Glückssträhne, und die Gewinne fielen höher aus. Es fing an mit den fünfhundert Pfund an dem Tag, an dem ich meine Ausbildung begann, und endete mit über zweihundert Riesen. Ein richtiger Volltreffer.

»Das muss gefeiert werden!«, rief Dad begeistert am anderen Ende der Leitung. »Ich gebe eine kleine Party, heute Abend um acht im Lancaster. Du kommst doch?«

»Oh, ich muss heute Abend arbeiten …«, sagte ich bedauernd. Egal. Wie oft kommt es vor, dass der eigene Vater zweihundert Riesen beim Pferderennen gewinnt? »Ich bin um acht da«, versprach ich.

Nachdem ich aufgelegt hatte, weckte ich Emily, die darüber nicht sehr erfreut war. Sie war am Abend zuvor im Garage gewesen und erst um vier ins Bett gekommen. Dennoch tat sie ihr Bestes, um meine Begeisterung zu teilen, und ließ sich von mir aus dem Bett scheuchen und in das Café gegenüber unserer Wohnung schleifen.

Und so verbrachten wir den Samstagmorgen bei einem ausgiebigen Frühstück im Café. Angesichts unserer finanziellen Verhältnisse gönnten wir uns sonst immer nur Toast mit Bohnen. Aber an diesem Morgen ging das Frühstück auf meine Rechnung – ich hatte ja jetzt einen reichen Daddy! –, und ich bestellte von allem etwas. Wir bekamen zwei riesige Teller mit Schinken, Würstchen, Tomaten, Pilzen, Spiegelei, Bratkartoffeln und Toast; eine ausgewogene Mahlzeit aus gesättigten und ungesättigten Fettsäuren mit einem gesunden Anteil an altem Pfannenfett von gestern.

Was tat ich da? Einer Vegetarierin eine Riesenportion Schweinefett vorsetzen? Nun ja, Emily hatte sich bereits vor einigen Monaten als Fleischesserin geoutet. Bei unserem ersten gemeinsamen Großeinkauf im Supermarkt für unsere neue WG war Emily kaum von der Fleischtheke wegzukriegen gewesen. Rohkost und Saucen aus echten Tomaten waren zwar gesund und lecker, aber schließlich hatte Emily nun keine Mutter mehr in der Nähe, die das Zeug kleinschnitt und zubereitete. Folglich standen von nun an Würstchen und Burger auf unserem Speiseplan. Von irgendetwas muss man sich ja schließlich ernähren, nicht wahr?

Doch an diesem Morgen saß Emily still da und stocherte lustlos auf ihrem Teller herum. Ich schob es auf ihre Müdigkeit und plapperte einfach drauflos, gab mit meinem Wissen über Sportwetten an und wechselte dann nahtlos zum Thema Liebe.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich mit einem Mann so glücklich sein kann«, sagte ich in schwärmerischem Ton und mit verträumtem Blick. »Und ich meine superglücklich. Ist das nicht toll?«

»Oh, bitte«, stöhnte Emily genervt auf.

»Was? Was habe ich denn gesagt?«, fragte ich erstaunt und auch ein kleines bisschen verletzt.

»Ach, nichts … War ’ne harte Nacht gestern. Mein Schädel tut weh. Bin einfach nicht so gut drauf.«

»Stimmt etwas nicht?«, fragte ich unruhig. Emily war sonst nie so kurz angebunden. »Ist es wegen dem College?«

Die Kosmetikschule war zwar ursprünglich Emilys Idee gewesen, und sie hatte viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit ich am ersten Tag mitkam, aber in letzter Zeit schien sie immer mehr das Interesse daran zu verlieren. Ich denke, Emily wurde allmählich klar, dass man mit Peelings und Enthaarungen die Welt nicht unbedingt zu einem besseren Ort machte, auch wenn es dann mehr glatte Gesichter und Beine gab.

Aber Emily antwortete: »Nein, es ist nicht wegen dem College.«

»Hast du Geldsorgen?«, spekulierte ich weiter. »Mein Dad will mir was von seinem Gewinn abgeben. Ich kann dir gerne was leihen. Du zahlst es mir zurück, wenn du reich bist. Also nach deiner Reise durch die somalische Wüste, wo du den Berberfrauen kostenlos eine lebensverändernde Ganzkörperenthaarung anbietest, auf die sie nur gewartet haben.«

Normalerweise war Emily recht schnell aufzuheitern. Jedoch nicht an diesem Morgen.

Stattdessen starrte sie mich mit unheilvollem Blick an. »Dayna, hör zu, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, aber … Du musst ein ernstes Gespräch mit Simon führen.«

»Worüber?«

Emily gab keine Antwort. Sie schob ihren Teller zur Seite, griff nach meiner Hand und drückte sie fest. (Emily hatte schon immer einen kräftigen Händedruck.)

»Was ist los?«, brachte ich mit belegter Stimme hervor, da ich allmählich richtig Angst bekam.

»Ich tue das nicht gerne, Dayna … Aber wenn du wüsstest, dass Max – keine Ahnung – irgendwas angestellt hat, würdest du es mir doch auch sagen, oder?«

Ich nickte, und mir wurde richtig schlecht, weil ich das Schlimmste befürchtete.

Ich lauschte stumm, während Emily mit der ganzen Geschichte herausrückte. Was eine Weile dauerte, da Simon sich einiges geleistet hatte. Er war nicht wählerisch – Hauptsache, es war eine Frau. Und natürlich hatten alle es gewusst. Alle außer mir und bis gestern Abend Emily. Sie hatte es zufällig auf dem Damenklo – wo sonst? – gehört.

Sie war in einer der Kabinen, um zu pinkeln, als sie merkte Mist! Kein Klopapier! Finden Sie das nicht auch ätzend, wenn das Papier alle ist? Wie auch immer, jedenfalls überlegte Emily hin und her, ob sie sich nun damit abfinden oder ihren Pulliärmel auf links drehen sollte, um sich damit abzutupfen. Not macht erfinderisch. Die Angelegenheit wurde noch verzwickter, als sich eine dritte Möglichkeit auftat – auf dem Boden lag ein einziges Blatt Toilettenpapier mit einem Schuhabdruck darauf. Wahrscheinlich war es mit Bakterien verseucht, aber wenigstens war es Klopapier.

Während Emily noch innerlich mit sich kämpfte, betraten zwei Frauen die Damentoilette, um sich nachzuschminken. Dabei unterhielten sie sich, und Emily hörte zwangsläufig mit. Die eine erzählte von dem Typen, mit dem sie es am Wochenende zuvor oben im Clubbüro getrieben hatte. »Der hätte mächtig Ärger kriegen können, schließlich hat er ohne Erlaubnis seinen Platz an der Tür verlassen, aber der war total heiß auf mich!«, prahlte sie. Sie plapperte weiter, dass sie es schade fände, dass er heute nicht arbeite, weil er ihr eine Wiederholung in Aussicht gestellt hatte. Der Grund, weshalb der Kerl an diesem Abend nicht arbeitete, war, weil er mit mir und der blöden Ms Blue unser Einjähriges feierte, wie Emily beim Zuhören bewusst wurde.

»Simon und Simone«, hatte sie zuletzt gesagt, bevor die beiden wieder die Toilette verließen. »Das muss Schicksal sein!«

Es gab im Garage nur einen Türsteher, der Simon hieß.

Emily war fassungslos gewesen. Ohne zu überlegen, hatte sie hastig ihren Slip hochgezogen – hatte sich also für die erste Option entschieden – und sich nach dem Vorbild der netten, alten Dame in Mord ist ihr Hobby an die Arbeit gemacht. Emily war klar, dass die Türsteher zusammenhielten und ihr nichts verraten würden, weshalb sie sich von vornherein die Mühe sparte und sich stattdessen das restliche Personal vornahm. Sie wusste genau, wen sie fragen musste: Spinner.

Ich bin sicher, das war nicht sein richtiger Name. Spinner war DJ im Garage und wusste über jeden im Club Bescheid. Und er konnte nichts für sich behalten, weil er a) total auf Emily stand und b) immer bis unter die Haarwurzeln zugedröhnt war, wenn er am Mischpult stand, und dann seinen Laberflash nicht unter Kontrolle hatte. Emily überredete Spinner zu einer Pause, gab ihm ein Bier aus und ließ ihn aus dem Nähkästchen plaudern.

Sie erfuhr, dass unter den Türstehern eine Wette lief: Sieger war derjenige, dem es gelang, die meisten Weiber abzuschleppen. Nach zwei Wochen gaben die anderen auf, da Simon nicht mehr einzuholen war. Spinner gab eine anschauliche Zusammenfassung von all den Weibern, die der Mann meines Herzens im Garage flachgelegt hatte. Er erzählte außerdem, Simon habe versprochen, ihm einen Job als Zimmerkellner im Hotel zu besorgen. »Er sagt immer, das Hotel wäre der reinste Fickhimmel!«, schilderte Spinner mit anzüglichem Grinsen. »Schätze, das ist alles nur Gelaber, aber … Hey, Moment mal, Simon hat doch eine Freundin! Ist das nicht zufällig auch deine beste Freundin?«

»Ja«, gab Emily zu.

»Scheiße«. Die Erkenntnis kam zu spät. Das Schweigegelöbnis war gebrochen.

»Es tut mir furchtbar leid für dich«, sagte Emily zum Schluss.

Ich brachte keinen Ton heraus. Ich starrte auf mein Frühstück, das inzwischen kalt geworden war.

»Was hast du jetzt vor?«, wollte Emily wissen.

Als Simon am Nachmittag nach der Arbeit zu mir kam, stritt er zunächst alles ab. Daraufhin nahm ich ihn ins Verhör wie der Geheimdienst in den Ländern, von denen man keine Orangen oder was auch immer kaufen soll, wie Emily stets predigt, und schließlich knickte Simon ein.

Ich war enttäuscht, dass er so schnell aufgab. Eins einundneunzig groß, die Statur eines Rugbyspielers, und jetzt kauerte er jämmerlich auf dem Sofa und suchte nach einem Kissen, hinter dem er sich verstecken konnte. Ich staunte darüber, was für eine Macht ich über ihn hatte … Obwohl, wenn ich jetzt daran denke, bin ich wohl ziemlich laut geworden. Und ich habe Simon geschlagen – mehrfach und feste, immer auf dieselbe Stelle am Oberarm. Wahrscheinlich hat er dort heute noch einen blauen Fleck.

Nachdem ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte und Simon das Wort überließ, legte er sofort ein umfassendes Geständnis ab. Als wäre er froh, sich alles von der Seele reden zu können.

Er hatte den Überblick verloren, mit wem er mich alles im Garage betrogen hatte. Und im Hotel ging er auch munter fremd. Angefangen hatte alles mit dieser Französin. Zimmer 214. Simon wusste, dass am Vortag ein texanischer Stammgast eingecheckt hatte, der immer viel Trinkgeld gab. Also kümmerte er sich um die Bestellung von Zimmer 214 und war nach eigenen Worten »total frustriert«, da er, als er eintrat, statt des Texaners eine Frau vorfand, die sich im Bett räkelte. Aber Simon war Profi genug, um sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Während er die silberne Speiseglocke lüpfte und der Dame ein English Breakfast präsentierte, lüpfte diese die Bettdecke und präsentierte ihm ihren französischen Körper in natura.

»Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, genau so war es«, sagte Simon in flehentlichem Ton. Er erwartete doch tatsächlich von mir, zu glauben, die Französin wäre aus dem Bett gesprungen, hätte sich auf ihn gestürzt und ihn praktisch vergewaltigt.

Für wie blöd hielt er mich eigentlich? Ich wurde wieder handgreiflich – war ja klar –, aber während ich gegen Simons Arm boxte, fragte ich mich plötzlich, warum ich dermaßen ausflippte. Weil er mir nicht die ganze Wahrheit erzählte, oder weil er mich betrogen hatte? Und wenn es wirklich so gewesen war, wie er behauptete, warum hatte er dann nicht einfach Nein gesagt?

Simon erzählte weiter, dass seine Kollegen ihm die Geschichte mit der Französin nicht hatten glauben wollen, aber am nächsten Morgen kam es zwischen ihnen fast zu einer Schlägerei, als es wieder eine Bestellung für Zimmer 214 gab. Simons bester Freund, Antoine, gewann beim Münzenwerfen und bekam als Trinkgeld einen Blowjob. Simons Ruf war wiederhergestellt. »Ich meine, sie hätten mich fast für einen miesen Lügner und Angeber gehalten«, wie er es formulierte. Nach der Französin gab es kein Halten mehr. Es folgten Libanesinnen, Brasilianerinnen, Italienerinnen, Deutsche …

Zum Schluss erwähnte Simon, dass sogar Kirsty, meine amerikanische Nachbarin, ihn heftig angebaggert habe. Aber er habe widerstanden, weil er es mir gegenüber unmoralisch fand, »von einer Türmatte zur nächsten zu springen«.

Unglaublich, nicht wahr? Und ich hatte immer gedacht, Kirsty sei lesbisch! Schon erstaunlich, was ein schöner Mann bei Frauen bewirken kann. Aber plötzlich kam mir der Gedanke, dass vielleicht alles meine Schuld war. Vielleicht blieb Simon nichts anderes übrig, als permanent fremdzugehen, weil ich im Bett so langweilig war.

Nicht zu fassen. Da gab ich doch tatsächlich mir die Schuld an seinem Fremdgehen!

Irgendwann sank ich schließlich auf die Couch und fühlte mich nur noch leer.

Simon hatte wahllos Sex mit unzähligen Frauen an allen erdenklichen Orten gehabt – und genau das war absurderweise seine Rechtfertigung. Schließlich sei es doch viel schlimmer, wenn er mich mit nur einer Frau betrogen hätte, weil dann nämlich Gefühle im Spiel seien. Aber er hatte so viele Frauen gehabt, dass er sie gar nicht mehr zählen konnte. Und damit war alles in Ordnung.

Schließlich war ich ja immer noch die Nummer eins.

Wissen Sie, damit hätte er mich fast weichgeklopft.

»Es hat nichts zu bedeuten, Dayna«, beteuerte Simon immer wieder, da er spürte, dass mein Widerstand bröckelte. »Bitte, glaub mir, was ich dir gestern Abend im Restaurant gesagt habe ist die Wahrheit … Ich liebe dich.«

»Aber du hast es nicht gesagt, oder? Du hast nur gesagt ›Ich liebe‹. Wen oder was liebst du, Simon? Ich kann es jedenfalls nicht sein, oder?«

»Doch. Ich liebe dich wirklich, Dayna.« Er starrte mich verzweifelt an. »Von den anderen hat mir keine Einzige etwas bedeutet«, beschwor er mich. »Es ging mir nur um Sex … Es hat sich halteinfach so ergeben.«

Ich liebte ihn. Ich wollte ihm verzeihen. Aber als er sagte »Es hat sich halt einfach so ergeben«, flammte die Wut erneut in mir auf. Sorry, aber so etwas ergibt sich nicht einfach. Dinge geschehen, weil wir es so wollen oder weil wir sie geschehen lassen. Es gibt immer die Möglichkeit, Nein zu sagen.

In diesem Augenblick war mir klar, dass die Beziehung vorbei war. Liebe war etwas für Loser.

Aber warum fühlte es sich dann wie ein Weltuntergang an?

Dads Feier am Abend ließ ich übrigens sausen. Nach so einem Tag hatte ich eine gute Entschuldigung, fand ich. Aber ich sage Ihnen, diese Entscheidung sollte mich noch lange verfolgen.

Simon und ich, genau wie die nicht so bekannte Boygroup Boyzone, hatten sich getrennt, aber das Leben ging weiter. Wenigstens hatte ich durch das College Ablenkung.

Die Ausbildung machte mir richtig Spaß, was anfangs für mich eine schockierende Erkenntnis war. Früher hatte ich die Schule nie ernst genommen. Ich dachte immer, den anderen ginge das genauso, bis sie plötzlich anfingen, Jura oder Raumfahrttechnik zu studieren oder die Weltherrschaft zu erlangen oder was auch immer.

Ich hatte die Ausbildung zur Kosmetikerin nur begonnen, weil ich Emily Gesellschaft leisten wollte und ohnehin nichts Besseres zu tun hatte. Und als ich dann merkte, dass mir das Lernen Freude bereitete, war ich am meisten überrascht von allen.

Das Holstein College of Beauty war in der Wigmore Street, nur einen Katzensprung vom Paradies auf Erden (sprich dem Kaufhaus Selfridges) entfernt. Es war ein Privatcollege, was bedeutete, dass ich Studiengebühren bezahlen musste. Glücklicherweise begann zu der Zeit gerade die Glückssträhne meines Vaters. Er unterschrieb den Scheck, ohne mit der Wimper zu zucken, im Wissen, dass ihm kaum etwas anderes übrig blieb, als meine Ausbildung zu finanzieren, da schließlich er mir ja immer in den Ohren gelegen hatte, ich solle endlich was aus meinem Leben machen.

Emily und ich waren davon überzeugt, in unserem Kurs als Einzige »normal« zu sein. Die anderen Mädchen – es gab keinen Mann in der Klasse –ließen sich in zwei Kategorien aufteilen: die Essex Girlies und die Hampstead Prinzessinnen. Letztere hatten sich von ihren jüdischen Mamis zu der Ausbildung überreden lassen, weil es doch schick war, einen eigenen Salon zu haben. Und die Zicken aus Essex besuchten das College, weil sie sich gerne mit ihren Fingernägeln beschäftigten und es Wahnsinn wäre, angesichts der rasanten technologischen Entwicklung in puncto Nageldesign den Anschluss zu verpassen.

Manche in unserer Klasse waren die geborenen Kosmetikerinnen. Doch eine übertraf alle … Ich! Kein Witz, ich war Klassenbeste – zum ersten Mal in meinem Leben –, und ich genoss es in vollen Zügen.

Ich weiß, was Sie jetzt denken. So was wie: Pff, ist doch nur ein Diplom in Kosmetik und nicht in Anglistik, geschweige denn ein in Cambridge erworbener Doktortitel in irgendeinem komplizierten Fach. Lassen Sie mich Ihnen daher ein paar Fragen stellen:

Was entsteht in den Muskeln, wenn sie bei körperlicher Überbelastung nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden und den Glykogenspeicher anzapfen?

Woraus besteht die Zirbeldrüse?

Welche Funktion hat die Aorta?

Wenn Ihre Antworten Laktat, Nervenzellen und Transport von sauerstoffreichem Blut aus der linken Herzkammer in die Blutgefäße lauten, haben Sie sich eine Eins mit Sternchen verdient. Bestimmt sind Sie Arzt. Oder Kosmetikerin.

Ich habe mich vor dem menschlichen Körper eigentlich immer etwas geekelt, und ich konnte gar nicht nachvollziehen, dass es Menschen gab, die diesen Ekel nicht verspürten. So begreife ich bis heute nicht, wie ein Chirurg einen Menschen aufschlitzen kann, ohne sich übergeben zu müssen (»Skalpell … Klemme … Kotztüte«). Aber je mehr ich über den menschlichen Körper lernte, umso mehr faszinierte er mich.

Meine Verwandlung in eine Streberin passierte ungefähr zeitlich mit Emilys Ausstieg. Während meine Begeisterung für den menschlichen Körper wuchs, nahm ihr Interesse immer weiter ab. Sie beteiligte sich überhaupt nicht mehr am Unterricht, sondern konzentrierte sich stattdessen auf ihre Detektivarbeit. Nachdem sie den Fall »Simon, der Sexsüchtige« gelöst hatte, heftete sie sich nun an die Spur der blonden Essex Girlies, weil die ihr alle »nicht koscher« vorkamen.

»Siehst du die da drüben?«, zischte sie mir leise zu, als wir eines Mittags in der Cafeteria saßen. »Falsche Nägel, falsche Titten und falsche Wangenknochen.«

»Wer?«, fragte ich und sah mich suchend um.

»Die mit dem Waldorfsalat und den pinkfarbenen Haaren. Die sind übrigens auch nicht echt.«

»Tolle Arbeit, du Meisterdetektivin. Dein Scharfsinn ist geradezu bewundernswert.«

»Ist mir halt aufgefallen.« Emily nahm mit schnippischer Miene einen Schluck von ihrer Cola light und fügte dann hinzu: »Egal, bald bin ich wahrscheinlich sowieso in Japan.«

»In Japan? Gibt es da besonders viele Schönheitsoperierte, die nicht koscher sind?«, zog ich sie weiter auf.

»Sehr komisch. Nein, Max hat mich gefragt, ob ich mitkommen möchte.«

»Nach Japan?«, stieß ich keuchend hervor, weil mir mit einem Schlag der Ernst der Lage bewusst wurde. »Aber das ist … auf der anderen Seite der Welt«, wandte ich ein und bewies zugleich mein geografisches Wissen. »Und wie lange?«

»Nur ein halbes Jahr.«

»Ein halbes Jahr!«, keuchte ich wieder. Emily klang so, als wäre es nur ein Klacks, aber für mich war es eine halbe Ewigkeit.

Während ich in eine Schockstarre verfiel, erzählte Emily, dass Max die Geschäftsführung mit seiner wie auch immer gearteten Arbeit dermaßen beeindruckt hatte, dass er das Angebot bekommen hatte, in die Niederlassung nach Tokio zu wechseln und dort die Japaner ebenfalls mit seiner wie auch immer gearteten Arbeit zu beeindrucken – offenbar hatten die Japaner genauso wenig Ahnung wie Emily und ich.

Und Max wollte Emily nach Japan mitnehmen.

»Und was ist mit deiner Ausbildung?«, wandte ich ein, obwohl ich wusste, dass die Frage überflüssig war. »Du kannst nicht einfach mittendrin aufhören.«

»Ach, komm, Dayna, ich hasse diesen Scheiß mit linker Herzkammer und großem Blutkreislauf und rechter Herzkammer und kleinem Blutkreislauf –«

»Siehst du, Emily«, fiel ich ihr begeistert ins Wort, »du kannst es doch! Ich wusste, dass du was gelernt hast.«

»Darum geht es nicht. Du weißt, ich finde das College ätzend.«

»Du hast doch selbst gesagt, dass Kosmetikerin dein Traumberuf ist.«

»Ja, aber damals habe ich das auch noch von der anderen Seite gesehen.«

Ich überlegte, was sie damit meinte. Erst Ewigkeiten später habe ich ihren Satz kapiert, und seitdem werde ich dieses Bild nicht mehr los. Kein Wunder, dass Emily eine so tolle Haut hatte. Und ich dachte immer, das hätte sie den Pflegeprodukten von Clarins zu verdanken.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Als Geri bei den Spice Girls ausstieg, hatte ich dieselbe Enttäuschung gespürt, nur dieses Mal war sie tausendfach größer. »Bitte, geh nicht nach Japan«, flehte ich Emily an. »Wie soll ich denn alleine die Miete bezahlen?«

Das war die falsche Argumentation. Es würde nicht so schwer sein, einen Mitbewohner zu finden, und außerdem konnte ich mir damit sogar Zeit lassen, weil mein Vater mir fünfzig Riesen von seinem Gewinn abgegeben hatte.

»Du wirst schon klarkommen«, beruhigte Emily mich. »Außerdem hast du bald dein Diplom in der Tasche, und dann verdienst du ein Schweinegeld.«

»Richtig. Aber wir machen das Diplom zusammen. Es wäre die reinste Zeitverschwendung, jetzt aufzugeben.«

»Weißt du, Dayna, man muss im Leben auch mal was riskieren. Und wenn sich so eine Gelegenheit bietet, muss man sie am Schopfe packen.«

Das klang ganz nach Max, aber was wusste ich schon?

»Und wie willst du auf Japanisch gegen den Kapitalismus protestieren?«, blieb ich hartnäckig. »Und was ist mit deinem friedlichen Widerstand gegen die Unterdrücker?«

»Die Einzige, die hier irgendwelche Leute zu bekehren versucht, bist du. Sei jetzt endlich still und lass mich rechnen. Max hat nämlich eine saftige Gehaltserhöhung bekommen, und ich soll mir überlegen, wie viel ich für ein neues Kofferset brauche. Er meint, man fliegt nicht erster Klasse mit verbeulten Koffern. Ich denke, ich hole mir die Kollektion von LV.«

So so, Louis Vuitton. Mit einem Mal verstand ich Emily, und es erübrigte sich jede weitere Widerrede. Ich musste mich geschlagen geben.

Ich fühlte mich richtig beschissen. Während Emily kurz davor stand, eine gefährliche Abenteuerreise in ein völlig fremdes Land anzutreten (na schön, ein paar Monate Luxusleben in einer glitzernden Großstadt), war mir nach Heulen zumute, weil ich meine Mitbewohnerin verlor. Es war erbärmlich, aber ich hatte vor allem Mitleid mit mir selbst …

Die beste Freundin weg, der Freund weg …

Mit einem Mal hatte ich Sehnsucht nach Simon.

Wie konnte Emily mir das antun, dass ich sogar ein Schwein wie Simon vermisste?

»Du meinst es wirklich ernst, nicht wahr?«

Emily nickte. »Für Max ist es eine einmalige Chance … Und für mich auch.«

»Aber wie soll ich denn die Prüfung schaffen, wenn ich keinen habe, der mich abfragt?«

»Du schaffst das schon. Du hast mehr Verstand als alle anderen zusammen.«

Was genau das ist, was man von seiner besten Freundin hören möchte, nehme ich an.

Simon verschwand nicht völlig aus meinem Leben. Wir hatten uns zwar seit unserer Trennung nicht mehr gesehen, aber hin und wieder rief er an, um zu fragen, wie es mir ging. Ich erzählte ihm nicht, dass ich die ganze Zeit zu Hause saß und zum Titelsong von Titanic Rotz und Wasser heulte, weil dem nicht so war. Na schön, das ist vielleicht ein-oder zweimal vorgekommen, aber danach fing ich mich wieder und entwickelte einen normalen, gesunden Hass, der bei einer Trennung dazugehört und der mir sehr half.

Ja, ich hasste Simon. Aber Hass verfliegt irgendwann wieder, nicht wahr? Nicht, dass ich oberflächlich wäre oder so, aber ich stand davor, meine beste Freundin zu verlieren, und da hatte ich jeden Freund nötig.

Simon war ziemlich baff, dass ich am Telefon so nett zu ihm war. Als er sich sicher fühlte, dass meine Freundlichkeit echt war und nicht mein üblicher Sarkasmus dahintersteckte, schlug er vor: »Was hältst du davon, wenn wir mal zusammen was trinken gehen?«

»Ja, gerne«, zwitscherte ich fröhlich.

»Super«, entgegnete Simon, ohne die Überraschung in seiner Stimme verbergen zu können. »Vielleicht nächste Woche?«

»Wie wär’s mit morgen?«, antwortete ich etwas überstürzt.

Kurz bevor ich auflegte, erschien Emily auf der Bildfläche. Sie blickte mich mit hochgezogener Augenbraue an. »Sag nicht, dass du dich wieder mit Simon triffst.«

»Was geht dich das an?«, gab ich patzig zurück. »Musst du nicht packen, Madame Butterfly?«

Beim letzten Mal, als ich Simon gesehen hatte, hatte ich ein Geständnis aus ihm herausgeboxt, und nun saßen wir zusammen in dieser Kneipe, als wäre nie etwas geschehen. Emily hatte mir eindringlich von dem Treffen abgeraten. Sie meinte, wenn ich mit Simon Frieden schließen würde, ohne ein Wort über sein mieses Verhalten zu verlieren, würde ich damit unsere »Rollen als Täter und Opfer wiederaufleben lassen« und »ihm den Eindruck vermitteln, als wäre sein Fremdgehen zu entschuldigen« und bla bla bla …

Was weiß die schon?, dachte ich, nachdem ich meinen dritten Wodka Red Bull ausgetrunken hatte und merkte, dass mir schwindelig war. Was sprach dagegen, dass Simon und ich Freunde blieben? Im Grunde war er ein lieber Kerl. Obwohl er mich mit Millionen Frauen betrogen hatte. Und wenn schon! Schließlich hatte ich ihn dafür büßen lassen, indem ich mich von ihm getrennt hatte. Außerdem hielt er mir wenigstens die Treue und blieb in meiner Nähe, statt ans andere Ende der Welt auszuwandern.

An diesem Abend spielte das unschöne Ende unserer Beziehung keine Rolle, weil ich supergut drauf war. Und betrunken.

»Ich arbeite nicht mehr im Hotel«, verkündete Simon plötzlich.

Wahrscheinlich konnte er es nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren, schließlich war das Hotel einer der Tatorte, an dem er mich mit anderen Frauen betrogen hatte.

»Die Arschlöcher von der Geschäftsleitung haben neue Regeln eingeführt. Das ganze Trinkgeld kommt jetzt in einen Topf und muss versteuert werden. Deswegen habe ich den Job hingeschmissen.«

Ach so.

»Ich konzentriere mich jetzt auf den Kampfsport«, fuhr er fort. »Mir bleibt keine andere Wahl. Das Publikum im Garage ist schlimmer geworden. Lauter halbkriminelles Pack. Fast jedes Wochenende herrscht bei uns Bandenkrieg. Aber wir müssen uns eben auf die neue Situation einstellen und hoffen, dass nichts Schlimmes passiert.«

»O Gott, Simon, das klingt ja furchtbar.«

»Ja, ist es auch.« Doch sein Lächeln verriet mir, dass er sich in dieser Welt pudelwohl fühlte.

»Hast du keine Angst?«

Ich machte mir wirklich Sorgen um ihn. Ich stellte mir vor, wie mitten in der Nacht das Telefon klingelte und eine fremde Stimme mir mitteilte: »Ihr Exfreund wurde durch einen Messerstich schwer verletzt. Er möchte Sie unbedingt sehen. Beeilen Sie sich, er liegt im Sterben.« Ich stellte mir vor, wie ich neben Simon auf dem Asphalt kniete …

Er liegt in seinem eigenen Blut, und es ist keine Hilfe in Sicht, weil die Messerstecherbande das Terrain besetzt hält.

»Ist ein Arzt unter den Anwesenden?«, ruft eine verzweifelte Stimme in die Zuschauermenge.

Ich weiß zwar, dass man das Wachs immer gegen die Haarwuchsrichtung abziehen muss, aber beim Anblick der klaffenden Wunde in Simons Brust, aus der Blut quillt, gerate ich in Panik, da mir klar wird, dass ihm mein Wissen nichts nützt. Plötzlich habe ich einen Geistesblitz! Linke Herzkammer – großer Blutkreislauf, rechte Herzkammer – kleiner Blutkreislauf! Ich stecke vorsichtig die Hand in die offene Wunde und führe mit meinen French Nails die durchtrennte Hauptschlagader wieder zusammen, um den Blutkreislauf zu stabilisieren …

»Nö, ich hab keine Angst«, antwortete Simon und riss mich aus meinen Hirngespinsten. »Ich kann mich ja mit Taekwondo, Wing Chun und Jiu Jitsu verteidigen. Außerdem habe ich den schwarzen Gürtel im Bösegucken. Hier, guck mal.«

Er machte ein Leg-dich-bloß-nicht-mit-mir-an-Gesicht, und ich musste lachen. Nicht, weil er nicht gefährlich aussah – mit so einer Statur wirkt man automatisch gefährlich. Aber ich musste daran denken, wie schnell er sich geschlagen gegeben hatte, nachdem ich ihm ein paar harmlose Faustschläge auf den Oberarm verpasst hatte.

»War das nicht böse genug?«, sagte Simon. »Na schön, wie wäre es damit?«

Er schnappte sich blitzschnell meinen Arm und drehte ihn auf den Rücken, und ich ging in einer einzigen fließenden Bewegung zu Boden. Anschließend half er mir wieder hoch, was gut war, da wir bereits die Blicke der anderen Gäste auf uns zogen – wir waren in einer dieser neuen Kultkneipen gelandet, die derzeit in ganz London wie Unkraut aus dem Boden zu sprießen schienen. Normalerweise verkehrten wir nicht in so schicken Läden.

»Siehst du den hier?«, fragte Simon mit drohender Bruce-Lee-Stimme und wackelte mit dem Zeigefinger vor meiner Nase herum. »Dieser Finger kann einen Menschen töten.«

Ich lachte wieder, aber dieses Mal aus Nervosität. Unsere Körper berührten sich fast, und für den Bruchteil einer Sekunde gab es diesen besonderen Moment. Einen jener Momente, wenn man sich tief in die Augen schaut und sein Herz weit öffnet und –

Zum Glück wachte ich rechtzeitig aus diesem Moment wieder auf, bevor ich eine Dummheit beging. Ein kurzer, romantischer Schwächeanfall.

»Und was gibt’s bei dir Neues?«, fragte Simon, nachdem er uns neue Getränke geholt hatte.

Ich erzählte ihm von Dads Gewinn und meinem Anteil. »Das Geld lege ich erst einmal auf die hohe Kante – für eine eigene Wohnung, sobald ich anfange zu arbeiten«, erklärte ich.

»Sehr vernünftig.«

Fand er mich langweilig?

»Aber vielleicht kaufe ich mir auch ein Auto«, fügte ich hastig hinzu.

Ein Auto zu kaufen war mir bis jetzt noch gar nicht in den Sinn gekommen, aber die Idee gefiel mir.

»Ich kann dir dabei helfen, wenn du willst. Ich kann mit dir die Händler abklappern, damit du nicht übers Ohr gehauen wirst.«

»Warum denkst du, dass ich ohne dich übers Ohr gehauen werde?«, gab ich entrüstet zurück. »Ach ja, ich vergaß. Frauen haben keine Ahnung von Autos, stimmt’s? Frauen sehen sich nicht den Motor an, sondern achten nur auf die Wagenfarbe. Schließlich muss sie zu ihrer Garderobe passen.«

»So habe ich das nicht gemeint. Immerhin bin ich gelernter Automechaniker, oder?«

»Schon gut, Simon, danke, aber ich schaffe das schon alleine.«

Ich war jetzt eine selbstständige Frau. Ohne Simon und ohne Emily, die mein Händchen hielten. Ich musste lernen, alleine zurechtzukommen.

»Und … Hast du schon einen Neuen?«, fragte Simon in beiläufigem Ton.

»Ja«, sagte ich schnell.

»Oh, und wer ist der Glückliche?«

Ja, Dayna, wer ist denn der Glückliche?

»… Er, äh, heißt Chris.«

Die Wahrheit war, dass es diesen Chris tatsächlich gab. Wir waren uns in der Bücherei begegnet. Ja, in der Bücherei. Ein schrecklicher Ort, nach allem, was ich gehört hatte, sodass ich früher immer einen großen Bogen darum gemacht hatte. In meiner Vorstellung waren dort ausschließlich Männer mit langen Bärten, die über riesigen Wälzern brüteten, um den Sinn des Lebens zu erforschen. An jenem Tag musste ich Hausaufgaben machen, aber der Nachbar über mir trieb mich mit seinem neuen Oasis-Album fast in den Wahnsinn – die Lautstärke hätte locker für das Wembley Stadion gereicht. Und so landete ich in der Bücherei bei mir um die Ecke.

Chris sah zwar auch ein bisschen aus wie ein Streber, aber wenigstens hatte er keinen Bart und brütete nicht über einem dicken Schmöker in lateinischer Sprache. Vielmehr blätterte er in einer Zeitung. Neben ihm war ein Stuhl frei, und da Chris keinen allzu furchteinflößenden Eindruck machte, nahm ich neben ihm Platz. Kurz darauf fragte er mich nach der Uhrzeit, und so kamen wir ins Gespräch. Bevor er ging, wollte er meine Telefonnummer haben. Das war jetzt eine Woche her, und seitdem hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Nicht, dass es mir etwas ausmachte. Er schien zwar recht sympathisch zu sein, aber glauben Sie mir, ich legte keinen Wert darauf, mich direkt in die nächste Beziehung zu stürzen. Chris war mir an diesem Nachmittag eben gelegen gekommen.

»Ist es was Ernstes?«, wollte Simon wissen.

»Ja, sieht so aus. Und was ist mit dir?«, lenkte ich rasch ab. »Hast du eine Freundin?«

»Kennst du Melanie Robinson?«

Ich nickte. Jeder kannte Melanie Robinson – sie war die zweitgrößte Schlampe der Stadt.

»Nicht sie«, fuhr Simon fort. »Ihre Schwester.«

Und ihre Schwester war die größte Schlampe der Stadt.

»Joanne Robinson?!«, stieß ich entsetzt aus. »Super.«

»Was soll das heißen, super?«

»Einfach nur … super. Du bist mit einer Frau zusammen, die genauso wenig treu sein kann wie du. Eine geradezu himmlische Verbindung.«

»Was ist eigentlich dein Problem?«, fragte Simon verwundert. »Dayna, du und ich, wir sind kein Paar mehr. Wir haben jetzt beide eine neue Beziehung.

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