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Now you’re mine – Glut der Nacht

AVRIL TREMAYNE

Now you’re mine

Glut der Nacht

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Britta Lüdemann

Zu diesem Buch

Die Journalistin Jenna Martin reist in die Arabischen Emirate, um einen Artikel über ein exklusives Ferien-Resort zu schreiben. Dort trifft sie den faszinierenden Milliardär Kalan Al Talyani, mit dem sie eine unvergessliche Nacht verbringt, eine Nacht voller Verführung, Verlockung und ungekannter Leidenschaft.

Zurück in Amerika, versucht Jenna sich einzureden, dass es nicht mehr als ein exotischer One-Night-Stand war, ein Traum, der schon bald verblassen wird. Doch Kalan folgt ihr nach Boston … und Jenna steht vor einer Entscheidung, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen könnte …

Für Melinda Wirth und Lisa McNair Palmer – die nicht nur wissen, wo meine Leichen begraben sind, sondern auch auf absolut verlässliche Weise dafür sorgen, dass sie nicht von Grabräubern heimgesucht werden.

Kapitel 1

Deine Herausforderung, falls du bereit bist, sie anzunehmen …

Ich begann zu lachen, als mir die feierlich vorgetragenen Worte in den Sinn kamen.

Meine Herausforderung, meine Mission – sie war eine Idee meiner allerbesten Freundinnen Beth und Angie und die Folge übermäßigen Margarita-Konsums – bestand darin, mir meine Dienstreise nach Abu Dhabi mit einem kleinen Extrabonbon zu versüßen, indem ich einen exotischen Mann für einen One-Night-Stand aufriss. Aber ich war jetzt schon seit Stunden mit dem Auto unterwegs und kam immer mehr zu der Überzeugung, dass der einzige Mann, der in Betracht kam, nur ein Arbeiter sein konnte, der in ein paar Jahren bei Ölbohrungen in einer Sanddüne auf meinen ausgedörrten Leichnam stoßen würde.

Hätten Beth und Angie mich jetzt so sehen können, hätten sie auch gelacht.

Nicht dass der desolate Zustand meines Liebeslebens, auf dem diese Schnapsidee beruhte, so furchtbar lustig gewesen wäre, auch wenn ich an jenem Abend gewohnheitsmäßig in das Lachen der beiden eingestimmt hatte.

Mick Riggs – oder Mick, der Missionar, wie wir ihn nannten – hatte mir erst kürzlich den Laufpass gegeben, wobei er so nett gewesen war, mir eine Liste mit fünf Gründen zu präsentieren, die ihn zu der Trennung bewogen hatten. Der erste Punkt auf dieser Liste, die wir Micks Manifest getauft hatten, bemängelte die Monotonie unseres Sexlebens. Mir die Alleinschuld an diesem Umstand in die Schuhe zu schieben fand ich etwas unfair, schließlich hatten wir ihm nicht grundlos den Beinamen Missionar gegeben! Trotzdem musste ich zugeben, dass er nicht ganz unrecht hatte. Meine intimen Begegnungen folgten alle demselben Schema: schnell zum beiderseitigen Orgasmus, ein unverbindliches »Man sieht sich« und tschüss. Ich hatte gescherzt, dass es sich dabei weniger um einen angeborenen Instinkt als vielmehr um erlerntes Verhalten handelte. Und dieses beruhte auf meinen betrüblichen Erfahrungen mit Bostoner Männern, die in der Regel wenig Interesse daran hatten, nach dem Sex noch zum Kuscheln zu bleiben. Also, Erfahrungen mit Bostonern und einem Australier – Sean; und was sich mit ihm abgespielt hatte, war wirklich alles andere als lustig gewesen.

Genauso wenig wie die Tatsache, um auf die Gegenwart zurückzukommen, dass ich mich in der Wüste verirrt hatte.

Jedes normale Mädchen in meiner Situation hätte so viel Grips besessen, sich nun wenigstens ein kleines bisschen zu fürchten. Immerhin war ich zum ersten Mal weg von Amerika und ganz allein unterwegs in einem öden fremden Land, auf der Suche nach einer Urlaubsanlage, die anscheinend gar nicht existierte, und all das kurz vor Einbruch der Dunkelheit.

So wie es aussah, war auch Punkt zwei in Micks Manifest, »das Fehlen typisch weiblicher Eigenschaften«, nicht ganz unzutreffend, da ich eine Irrfahrt durch die Wüste erheblich spannender fand, als mich mit Netflix und einem großen Becher meiner Lieblingseiscreme zum Schmollen auf die Couch zurückzuziehen, wie ich es nach einer Trennung sonst immer tat.

Ich hatte jede Menge Benzin, Wasser und ein Handy bei mir. Mein Überleben war also gesichert. Alles war gut. Alles war sogar sehr gut.

Die Sonne war schon untergegangen, als ich schließlich auf zwei Pfeiler stieß, die wie mächtige Wachtposten links und rechts der Straße aufragten. Ihre Farben waren die der Wüste: Gold, Beige und Rot, und das alles zugleich. Von unten angestrahlt leuchteten sie wie aus einer anderen Welt, was mir einen Schauder über den Rücken jagte. Einen wohligen Schauder.

Als ich zwischen den Pfeilern durchfuhr, holte ich erwartungsvoll Luft, bereit, mich umhauen zu lassen von dem, was mir die Reiseredakteurin als neues Weltwunder beschrieben hatte – nur um gleich darauf den Atem mit einem enttäuschten Schnaufen wieder ausströmen zu lassen.

Welch eine Ernüchterung!

Da war keine Urlaubsanlage.

Nur eine staubige Straße, die bis in weite Ferne einen schmalen Pfad in den Sand zeichnete.

Ich verringerte drastisch das Tempo. Ein Eingang, der ins Nichts führte, war beunruhigend, sogar für jemanden wie mich, eine unromantische Frau mit einem Mangel an typisch weiblichen Eigenschaften. Aber man hatte doch bestimmt nicht grundlos ein paar Pfeiler am Ende der Welt errichtet – was bedeutete, dass das Resort irgendwo da vorne sein musste.

Benzin, Wasser, Handy, rief ich mir in Erinnerung. Plus ein Schokoriegel für den Notfall. Es war also noch immer alles gut. Fahr weiter. Abenteuer, ich komme.

Zehn Minuten später ragten weitere Pfeiler auf, noch größer und beeindruckender als die ersten. Wieder holte ich voller Vorfreude Luft, als ich sie passierte. Achtung, fertig machen zum Staunen uuund –

»Was zur Hölle?«, sprach ich meine Verwunderung laut aus, als ich erneut nichts vor mir sah – den Sand, den Himmel und die Sterne einmal ausgenommen.

Ich wagte mich langsam weiter vor, doch meine Zuversicht schwand. Meiner Meinung nach übertrieb es diese Hotelanlage ein bisschen mit ihren »Exklusivitätsbestrebungen«, wie ich es in meinem Artikel nennen würde. Es war eine Sache, sich in diskretem Abstand zu den Hauptstraßen niederzulassen, aber eine völlig andere, das arabische Äquivalent zum Bermudadreieck zu spielen.

Als ich vor mir das dritte Pfeilerpaar erblickte, ließ ich auf der Stelle das Stadium der Verwunderung hinter mir und war alarmiert. Allmählich wurde das Ganze unheimlich. Ein Gefühl, das mein Körper offenbar teilte, denn er reagierte auf eigenartigste Weise. Meine Haut begann zu kribbeln, mein Herz zu rasen, mein Atem geriet ins Stocken, und mein Blut erstarrte geradezu. Die groß und leuchtend gen Himmel strebenden Pfeiler schienen mich zu locken, mich aufzufordern, doch ruhig weiterzufahren. Ein wirklich abstruser Gedanke für ein Mädchen wie mich. Die Wüste lockte mich? Oder wollte mein sechster Sinn mich nur warnen? Jedenfalls hatte ich das unglaublich intensive Gefühl, dass hinter diesen Pfeilern irgendetwas war und auf mich wartete.

»Um Himmels willen, Jenna, was soll denn schon dahinter sein?« Ich stellte mir die Frage zwar mit lauter Stimme, um mir Mut zuzusprechen, musste aber zugeben, dass sie etwas zittrig klang.

Sämtliche Sinne in höchste Alarmbereitschaft versetzt wagte ich mich mit weit aufgerissenen Augen und wild schlagendem Herzen vor, Stück für Stück. Und noch ein Stück. Wenn sich diesmal wieder nichts da vorne befand, würde ich auf der Stelle kehrtmachen und denselben Weg zurückfahren, den ich gekommen war. Und noch ein Stück. Denn im Ernst, was genug war, war genug. Und noch ein Stück. Lichter voraus. Und noch ein Stück. Ich befand mich fast zwischen den Pfeilern. Und noch ein Stück. »Es ist doch nur ein Resort und nicht das Portal zu einer anderen Welt«, sagte ich zu meiner eigenen Beruhigung. Allerdings war meine Stimme der reinste Wackelpudding. »Hör endlich auf, so – Oh! Ohhh …«

Denn da war es.

Wahrhaftig ein neues Weltwunder.

Mit einem ehrfürchtigen »Wow!« stellte ich den Motor ab.

Die Anlage war zwar kleiner, als ich erwartet hatte, aber umso bezaubernder. Sie sah aus wie das Produkt der Liebe zwischen einer Zitadelle und einer Ranch – eine Kombination aus mit Zacken versehenen Türmen und niedrig gehaltenen Gebäuden, die aus dem Sand gewachsen zu sein schienen und im Glanz von Hunderten, Tausenden, ja Millionen sanfter Lichter leuchteten. Einladend und abschreckend zugleich.

Ich war vollkommen überwältigt. Nicht nur von der atemberaubenden Herrlichkeit dieses Orts, sondern auch weil ich es tatsächlich geschafft hatte. Ich, Jenna Martin, ein einfaches Mädchen aus Boston, war ganz allein bis mitten ins Herz der Wüste gefahren, in eine andere Welt, eine faszinierende Welt, wo mich niemand kannte, wo alles möglich war, wo magische Dinge geschehen konnten.

Eine Welt, wo ich sein konnte, wer auch immer ich sein wollte …

Im Rückspiegel erblickte ich mein von Ehrfurcht ergriffenes Gesicht und musste lachen, weil mitten auf meiner linken Wange ein Schmutzfleck prangte. »Yeah, Jenna, das bist du, das Schärfste, was Boston zu bieten hat, für zwei ganze Tage«, sagte ich und wischte mir den Schmutz ab. »Und du schreibst eine Hotelbewertung und keine Fortsetzung vom Herrn der Ringe, also reiß dich zusammen.«

Ich stieg aus dem Auto und blickte mich kurz um. Ich befand mich auf einem Gelände, das nach einem überdimensionalen Parkplatz aussah, andere Autos sah ich dort jedoch nicht. Ebenso wenig geschäftiges Hotelpersonal. Niemanden, der herbeieilte, um mir die große Tasche abzunehmen, die ich aus dem Kofferraum hievte. Für eine Sechs-Sterne-Anlage fand ich das Ganze etwas seltsam. Irgendwie falsch. Nicht, dass ich irgendwelche Erfahrungen mit Sechs-Sterne-Resorts oder selbst Anlagen mit nur fünf oder vier Sternen gehabt hätte.

Andererseits, wann hatte ich jemals erwartet, dass man sich meines Gepäcks annahm? Noch nie, um genau zu sein. Wo also war das Problem, sich selbst darum zu kümmern? Zumal ich jeden Augenblick in ein Luxusbad voller Rosenblüten sinken konnte – so ein Bad hatte ich auf der Website des Hotels gesehen –, umgeben von einem Dutzend hübscher Kerzen und mit einem Glas Champagner in der Hand.

Ich rollte meine Tasche über das holprige Kopfsteinpflaster, doch wenige Schritte vor den Stufen zum Eingang hinauf gab ich dem Drang nach, stehen zu bleiben und alles um mich herum aufzusaugen, während niemand sonst hier war und mir sagte, was ich zu denken, zu fühlen oder zu tun hatte. Keine Reiseredakteurin mit ihren tollen Tipps und Vorschlägen, keine Eltern mit Mahnungen, nur ja vorsichtig zu sein. Auch keine Beth und keine Angie mit ihrer großen Aufgabe, die sie mir gestellt hatten. Nur ich und sonst niemand. Und all das hier gehörte mir: die Stille, das Schweigen, die Atmosphäre. Ich stellte meine Tasche ab und verharrte für einen Moment, in dem ich nur … atmete. Ich fühlte mich wie verzaubert, dabei war ich noch nicht mal bis ins Innere vorgedrungen, wo mich allem Anschein nach jede nur erdenkliche Art von Luxus erwartete. Ich streckte die Hände aus, als könnte ich die Luft einfangen und festhalten, und drehte mich rasant im Kreis, Runde um Runde, bevor ich … eine letzte langsame Drehung voller Verzückung vollführte. Als ich stoppte, ging mein Blick in die Wüste. Noch mehr magische Stille, noch mehr gespanntes Schweigen. Ich warf den Kopf in den Nacken, um gen Himmel zu sehen. Oh, dieses Firmament. Es war atemberaubend. Diese unermessliche Weite, diese Klarheit, diese Sterne. Einfach umwerfend.

»Ich bin da.« Es war nicht mehr als ein Flüstern, doch ich hörte selbst die darin liegende Faszination. »Ich bin wirklich da«, sagte ich, diesmal etwas lauter. Ich lachte und öffnete den Mund, um es noch lauter zu wiederholen, um es in den Himmel hinauszuschreien – doch ein Geräusch, als ob jemand Luft holte, hielt mich davon ab.

Ich drehte mich zum Eingang um.

Und da sah ich ihn, unter dem steinernen Torbogen am Ende der Treppe. Einen Mann, so umwerfend, so märchenhaft schön, dass mir fast das Herz stehen blieb.

So wie er dastand, hätte man auf den Gedanken kommen können, dass er sich seit tausend Jahren nicht von dieser Stelle gerührt hatte. Dabei hätte ich geschworen, dass er bei meiner Ankunft noch nicht da gewesen war. Das Erste, was ich von seiner Anwesenheit mitbekommen hatte, war sein geräuschvolles Atmen. Hatte ich ihn wirklich atmen hören?

Von dort, wo ich stand, war die Farbe seiner Augen zwar nicht erkennbar, doch dass sie blass waren, konnte ich mit Bestimmtheit sagen. Die Art und Weise, wie sie mir aus seinem dunklen, markanten Gesicht entgegenblickten, reichte jedenfalls aus, um mir das Herz bis zum Halse schlagen zu lassen. Schwarze, schmale Augenbrauen. Der Schatten eines kaum vorhandenen, klar definierten Bartes.

Der Mann war groß, und trotz des Umstands, dass seine Kandura – das lange, weiße Gewand, das hier offenbar alle einheimischen Männer trugen – nur wenig preisgab, blieb mir seine sportliche Eleganz nicht verborgen. Sie zeigte sich in seiner ganzen Haltung, die aufrecht, voller Selbstvertrauen und Stolz war. Falls die Hotelbetreiber versuchten, die Authentizität ihrer Anlage mithilfe eines Angestellten in traditioneller Kleidung zu vergrößern, hätten sie auch auf die dazugehörige Kopfbedeckung bestehen sollen. Eines ließ sich dennoch nicht bestreiten: Obwohl das Haupt dieses Prachtexemplars von einem Mann unbedeckt war, passte er perfekt an diesen Ort. Sein Haar war kurz und schwarz und glich einem glatten, glänzenden, dichten Pelz. Ich spreche hier von Haar wie von einem Nerzmantel, das förmlich dazu aufforderte, angefasst zu werden. Und, bei Gott, wie sehr es mir in den Fingern juckte, es zu berühren. So sehr, dass sie zuckten.

Ich wartete darauf, dass er die Treppe hinabstieg und mir die Tasche abnahm, aber er rührte sich nicht vom Fleck und sah mich nur an.

Hmm. Die Reiseredakteurin hatte mich gewarnt, dass es schwer für mich würde, meine Objektivität zu bewahren, weil mich das Personal von der Sekunde meines Eintreffens an wie eine Prinzessin behandeln würde. Schon jetzt wies jedoch einiges darauf hin, dass eine solche Behandlung hier keine besonders hohe Priorität genoss. Es sei denn, dieser dunkle schweigsame Hüne war mit einem speziellen Aufgabengebiet betraut, das ihn davon abhielt, den Gästen bei ihrem Gepäck zur Hand zu gehen, und dass bereits jemand anderes eiligen Schrittes auf dem Weg nach draußen war.

»Ich bin Jenna Martin vom World Business Elite-Magazin«, sagte ich in der Annahme, ihm damit ein Salam zu entlocken.

Keine Antwort.

Ich griff meine Tasche und fing an, die Treppe zu erklimmen. »Ich werde erwartet.«

Wieder keine Antwort.

Nur noch ein paar Schritte. »Ich schreibe die Hotelkritik.«

Noch immer nichts.

»Die Bewertung, verstehen Sie?«

Ich hatte den Treppenabsatz erreicht und stand bei ihm unter dem Torbogen. Grün. Seine Augenfarbe war ein helles, betörendes Grün. »Für die Abteilung Reisen«, beendete ich meine Erklärungen, im Nu vollkommen außer Atem. Lag es daran, dass ich meine Tasche die Stufen hinaufgeschleppt hatte? Lag es am Ausdruck seiner Augen? Oder war es einfach die bloße Nähe zu einem Menschen, der … solch eine Präsenz ausstrahlte, dass er alles um sich herum vereinnahmte?

»Willkommen in meinem Zuhause, Jenna Martin«, sprach er schließlich, und mein Herz tat einen anerkennenden Hüpfer, denn seine Stimme war wie dunkler Sirup mit einer rauchigen Note. Formale Worte in meiner Sprache, jedoch mit einem satten kehligen Klang und dem Anflug eines faszinierenden Akzents.

Ein Schwall Sexualhormone flutete meinen Körper und raubte mir für einen Moment jegliches Denkvermögen, sodass ich einige Sekunden brauchte, um zu begreifen, was er gesagt hatte. Und dann machte es klick, und ich wusste, wer er war und warum er auf mich gewartet hatte.

Ich streckte ihm die Hand entgegen. »Sie sind der Manager des Resorts? Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.«

Herzschlag, zwei, drei. Meine Hand schwebte zwischen uns und fand keine Beachtung, ja, wurde nicht einmal eines kurzen Blickes gewürdigt, weil seine Augen fest an meinem Gesicht klebten. Ich hörte, wie mein Herz pochte. Und dann zuckten meine geschmähten Finger wieder, und mir fiel einer der Ratschläge meines Informationsblattes ein, wonach der eine oder andere einheimische Mann es vermied, Frauen zu berühren, die nicht mit ihm verwandt waren. Nicht, dass ich dies für einen klugen Schachzug gehalten hätte bei einem Mann, über dessen Hotelanlage in einem der Topwirtschaftsmagazine Amerikas berichtet werden sollte, aber sei’s drum. Wenn man schnell genug war, konnte man ein verweigertes Händeschütteln kaschieren, indem man die Hand in poetischer Weise zum Herzen führte. Diesen Augenblick hatte ich jedoch um ein oder zwei Herzschläge verpasst, und genau genommen war ich auch nicht der Typ für derlei schmalzige Gesten (Punkt drei des leidigen Manifests nannte mich »unromantisch«), darum brachte ich nur ein ungelenkes Zurückziehen der Hand zustande.

»Das hier ist kein Resort«, erklärte er in dem Moment, als das Schweigen unerträglich zu werden begann. »Ich wohne hier.«

Ich brauchte einen Moment, um diese Information zu verarbeiten und blickte kurz um mich, um die Größe des Ortes zu erfassen. »Das kann nicht sein.«

Seine beeindruckenden Augenbrauen rückten nach oben.

»Ich meine …« Ich sah mich noch einmal um. »Kein Mensch wohnt in einer Urlaubsanlage. Oder … warten Sie mal, ist das hier so etwas wie das Chateau Marmont? Dieses Hotel, wo die ganzen Stars ein und aus gehen und zum Teil sogar ihr zweites Zuhause haben?«

»Nein, ist es nicht, und ich bin auch kein Star.«

Ich starrte ihn an.

Er starrte zurück.

»Das hier ist doch Muntaj Badiya – nein, so hieß es nicht. Ähm … Na, das Resort. Sie wissen doch, namens Muntaj … äh … oder so ähnlich.«

Sein Mund zuckte um eine Winzigkeit. »Ich glaube, Sie meinen das Muntaja’a Najmat Al Badiya, aber nein, das ist es nicht.«

»Dann … bin ich nicht … Hä?«

Da lächelte er, und das Aufblitzen seiner strahlend weißen Zähne raubte mir für ein paar Sekunden den Atem. »Sie befinden sich hier beim Qasr Al Malaz. Das heißt ›Palastzuflucht‹. Meine Zuflucht. Mein Zuhause.«

Ich sah ihn sprachlos an. Im Ernst? Dieser großartige Ort war ein Privatwohnsitz? Und das Resort hatte ich immer noch nicht gefunden?

Verflixt!

Ich verwandelte mein offenes Erstaunen nach besten Kräften in ein Lächeln. »Ach so, verstehe, tut mir leid«, erwiderte ich. »Dann möchten Sie mir wohl nicht den Weg zum Muntaja-was-auch-immer zeigen, oder?«

Er sah mich an, als läse er in meinen Gedanken, und mein Herz begann wieder zu pochen, diesmal begleitet von einem leisen Schauder, der mir über den Rücken lief. Ich hatte das Gefühl, durch seine Augen in ihn hineingezogen und dort in etwas Warmes und Festes eingehüllt zu werden. Nur unter Aufbietung meiner ganzen Willenskraft gelang es mir, seinem Blick standzuhalten und mich seinem … seinem Bann nicht zu entziehen. Nachdem ich es in der nicht enden wollenden Runde von Bewerbungsgesprächen, denen ich meinen Job beim World Business Elite verdankte, geschafft hatte, den Blickkontakt zu halten, würde ich doch jetzt wohl nicht nach wenigen Sekunden versagen.

Okay, das hier war kein Bewerbungsgespräch, aber es fühlte sich stark danach an. Also hielt ich seinem Blick stand, auch wenn mir dabei Gänsehaut den Rücken hinaufkroch und mir das Herz mit einer Wucht gegen die Rippen hämmerte, dass sie zu brechen drohten; und auch wenn sich mir dabei die Nackenhaare aufstellten und ich geschworen hätte, dass sie sogar vibrierten.

Er schüttelte – sehr bedächtig – den Kopf. »Ich glaube nicht.«

Bilder von Sexsklavinnen tanzten mir durch den Kopf. Ich in einem marmornen Raum voller sinnlicher Frauen in hauchdünnen, weich fließenden, transparenten Kleidern. Ich wurde ausgewählt und aus dem Harem genommen. »Der Gebieter hat befohlen, die Blonde für sein Bett vorzubereiten. Bringt die Salben und Öle …«

»Und nein«, fügte er hinzu, »ich habe nicht vor, meinen Harem zu erweitern.«

Ich zuckte zusammen. Was zum – »Haben Sie tatsächlich gerade ›Harem‹ gesagt?«

»Haben Sie denn nicht gerade daran gedacht?« Er lachte leise … und es klang sehr sexy. »Keine Angst, wir haben keine Harems mehr. Wir können uns vier Frauen nehmen, das reicht.«

»Sie können – ? Vier?«, quietschte ich schrill drauflos, während sich meine in durchsichtigen Stoff gehüllte Doppelgängerin in die echte Jenna Martin, Journalistin, zurückverwandelte. »Haben Sie wirklich vier Frauen?«

»Nein. Ich habe nicht einmal eine.«

»Aber Sie können vier haben?«

Er neigte den Kopf. »Theoretisch ja. Schockiert Sie das?«

»Nun ja … das tut es tatsächlich. Aber irgendwie interessiert es mich auch. Wegen der … praktischen Umsetzung wahrscheinlich. Ich meine, bei vier Frauen, wie würden Sie – ? Oder übrigens auch bei vier Männern.« Ich lachte. »Vier Männer. Vielmännerei. Tja, warum eigentlich nicht, oder?«

Kein Zweifel, dass mir der Jetlag ordentlich zu schaffen machte. Dieses Phänomen stellte mit Reisenden angeblich die schrägsten Dinge an, und diese Unterhaltung war ziemlich schräg. Vier Männer! Ich konnte nicht einmal dafür sorgen, dass Mick, der Missionar ein dauerhaftes Interesse an mir behielt, und die fünf Monate mit ihm waren meine längste Beziehung gewesen.

»Wofür bräuchten Sie denn vier?«, fragte er. Anscheinend fand er diese Vorstellung genauso interessant wie ich.

»Für … alle Funktionen. Eine Art Aufgabenteilung. Nummer eins: der Ernährer – was sonst! Nummer zwei: der beste Freund – wer braucht den nicht? Drei: der Handwerker – weil ich dringend kreativen Stauraum für mein winziges Apartment bräuchte. Und Nummer vier ist natürlich –« Ich brach ab, als mein Verstand sich einschaltete. Man sprach doch nicht mit wildfremden Männern in fremden Ländern über Sex, oder? Außer man wollte sich gern mit einer Axt dahinmeucheln und in einer Sanddüne verscharren lassen.

»Nummer vier ist natürlich …«, half er mir weiter.

»Nichts.«

»Nichts? Das glaube ich kaum.«

Ich zermarterte mir das Hirn nach einer ungefährlichen Antwort, doch dem widerspenstigen Organ wollte einfach keine spontane Erklärung entspringen. Zögernd sah ich ihm in die Augen, deren Blick mit einer Art gespannter Erheiterung auf mir lag, und mein Instinkt sagte mir, dass er nicht der Typ war, der mit der Axt auf andere losging. Mein Bauchgefühl einmal außer Acht gelassen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es ihm egal wäre, wenn sein makelloses Gewand mit Blut besudelt würde. Und ehrlich gesagt hätte er mich, wäre ihm danach gewesen, längst umbringen können. Also dachte ich mir, warum, zum Teufel, nicht mal alles auf eine Karte setzen? – Sieh es als Folge des Jetlags!

»Eigentlich ist Nummer vier sogar der Wichtigste«, sagte ich wagemutig. »Er wäre der Liebhaber.«

Und dann war sie schlagartig in meinem Kopf, gleich neben dem heimtückischen Bild meiner selbst in einem durchsichtigen Kleid, während man mich salbte. Deine Herausforderung, falls du bereit bist, sie anzunehmen … Nein! Das konnte ich nicht! Oder doch?

Das grünäugige Prachtexemplar von einem Mann, der nichts von meinem Gedankenblitz zu bemerken schien, ließ ein Lachen erklingen – ein herzhaftes, warmes, einladendes Lachen, als hätte ich ihn sowohl überrascht als auch amüsiert.

Und dieses Lachen stellte die Weichen. Ich würde es tun, jetzt oder nie. Den Mutigen gehört die Welt. Mal alles wagen, es allen zeigen. Und warum auch nicht? Niemand hier kannte mich. Hatte ich nicht schon längst beschlossen, sein zu können, wer ich sein wollte, solange ich hier war? Also konnte ich auch die verführerische Schönheit sein.

Nachdem ich so tief Luft geholt hatte, wie ich nur konnte, fügte ich hinzu: »Sind Sie eigentlich jemals von einer Frau gefragt worden, ob Sie ihre … Nummer vier sein wollen? Für eine Nacht, meine ich. Das heißt … das heißt für nicht mehr als eine Nacht?«

So, jetzt war es raus. Geschafft. Jeden Moment würde er das Angebot des One-Night-Stands annehmen, weil Männer immer mit Ja antworten, wenn eine Frau sie fragt, ob sie mit ihr schlafen wollen. Das hatte Angie mir versichert, als ich Zweifel an meiner Fähigkeit äußerte, diese Mission zu erfüllen.

Er sah mich lange an, wobei ich wieder das Gefühl hatte, er läse in meinen Gedanken. Sein Blick war plötzlich wie verschleiert, geheimnisvoll. Ich wollte meine Finger auf seine Augen legen und zu ertasten versuchen, was hinter ihnen vor sich ging – ein so unerklärlicher Wunsch, dass ich fast schon befürchtete, er hätte ihn mir per Telepathie in den Kopf gesetzt. Und dann veränderte sich sein Atem, und sein Körper spannte sich an, und ich musste wieder an den Harem denken. Daran, wie er mich auszog, meine Haut mit dem Mund erforschte und Worte in einer fremden Sprache murmelte, während seine Finger sich in meinen Schritt schoben, wo ich bereits feucht war und ihn erwartete.

»Wissen Sie, Jenna«, erklärte er, und seine geheimnisvolle Stimme ließ mich vor Vorfreude erbeben, »für gewöhnlich sehe ich mich in allen Dingen als die Nummer eins.«

Wieder beeinträchtigten Hormone mein Denkvermögen. Ich war verwirrt. »Als die …?«

»Nummer eins.«

Und dann begriff ich. Er wies mich zurück. Ich hatte mich zum Affen gemacht und dabei nichts erreicht. Tja, natürlich hatte ich nichts erreicht! Als ob ein Kerl wie er jemals Ja zu einem Mädchen wie mir sagen würde, und sei es nur für eine Nacht! Ich zuckte zusammen und wurde rot. »Eins, nicht vier. Verstehe.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, sagte er, während er mich durchdringend beobachtete. »Vielleicht sollte ich erklären, dass es gar nicht so einfach ist, wie Sie vielleicht denken, mit mehr als einer Frau zurechtzukommen. Es herrschen strenge Verhaltensregeln, nach denen alle Frauen gleich zu behandeln sind. Will man nur einer bestimmten Frau eine Rose schenken, müssen alle Frauen eine Rose erhalten. Wäre ich einer von vier Männern, da bin ich mir ziemlich sicher, wäre es mir äußerst unrecht, dass ein anderer ebenfalls eine Rose bekommt.«

»Und wenn eine Frau eine Nacht bekommt, dann müssen auch alle anderen ihre Nacht bekommen? Ganz schön anstrengend bei vier Frauen, was? Tja, ich hatte mich ja schon gefragt, wie das gehen soll.« Ich versuchte mich an einem Lachen, das aber eher wie ein kraftloses Gackern klang, weshalb ich mir am liebsten die Hände vor den Mund geschlagen hätte, damit ihm keine peinlichen Laute mehr entwichen. Herrje, man hätte mich nie aus Amerika herauslassen dürfen. Ich hatte ja keine Ahnung, wie man sich mit Menschen außerhalb meiner kleinen Welt unterhielt.

»Gar nicht, würden die meisten sagen«, erwiderte er. Und als er diesmal lächelte, ging ein Strahlen über sein gesamtes Gesicht, sodass mein Herz einen weiteren hilflosen Hüpfer tat. »Darum gibt es hier auch nur sehr wenige Männer mit mehr als einer Frau.« Die Luft fühlte sich schwer an, als er seinen Worten eine kurze Pause folgen ließ, wie um seine weiteren abzuwägen. »Ich würde die Rose nur einer überreichen wollen.«

»Da ist Ihre … Ihre Freundin aber bestimmt erleichtert, nicht wahr? Sie haben doch sicher eine Freundin.«

»Nein, habe ich nicht. Ich habe meine Auserwählte noch nicht gefunden.«

Auserwählte. Wie wundervoll klang das denn? Jedenfalls klang er so ganz anders als die Mick-Typen, mit denen ich es sonst zu tun hatte. Nun ja. Ich beförderte meinen Herzschlag in seinen normalen Rhythmus zurück, straffte die Schultern und schluckte die widerwärtige Kröte der Wahrheit, dass wahrscheinlich kein Mann je Nein sagte, wenn er von Angie zu einem One-Night-Stand eingeladen würde, wohl aber, wenn ich diejenige war, die zur Debatte stand.

»Das hört sich wirklich ganz … ganz zauberhaft an. Wie schön für Sie«, antwortete ich. »Tja, dann mach ich mich mal wieder auf den Weg. Und tut mir leid, dass ich hier so reingeplatzt bin.«

»Mir tut es nicht leid, Jenna. Ganz und gar nicht. Und Sie werden sich auch nicht auf den Weg machen.«

Spätestens in diesem Moment wären jedem normalen Mädchen all die Bilder von der Axt, den Blutspritzern und dem Sanddünengrab wieder in den Kopf geschossen, aber zu diesem Zeitpunkt war ich bereits so demoralisiert, dass ich ihm die Axt wahrscheinlich aus den Händen gerissen und mich damit selbst niedergestreckt hätte, nachdem ich mir zuvor mein eigenes Grab geschaufelt hätte. »Wie meinen Sie das?«, fragte ich und rang mir noch einmal ein Lachen ab, das immerhin halbwegs natürlich klang. »Habe ich aus Versehen die Staatsgrenze überquert und brauche jetzt ein neues Visum oder so was?«

Wieder zeigte er mir sein strahlend weißes Lächeln. »Ich wollte damit nur sagen, nachdem Sie es an einen Ort geschafft haben, der nur sehr schwer zu finden ist, wo Sie doch eigentlich an einen wollten, der gar nicht schwer zu finden ist, würde ich heute Nacht besser schlafen, wenn Sie von einem meiner Leute dorthin gebracht würden und ich wüsste, dass Sie wohlbehalten angekommen sind.«

»Aber mein Auto –«

»Wird warm und trocken bis morgen hier stehen bleiben«, beendete er den Satz für mich, ehe er, ohne mir die Gelegenheit zu weiterem Protest zu geben, ein Stück zur Seite trat, ein Handy zückte und jemanden anrief, mit dem er kurz ein paar Worte wechselte, die vermutlich arabisch waren.

Ein Handy! Wer hätte gedacht, dass eine Kandura Taschen besaß, in denen sich so etwas Gewöhnliches wie ein Mobiltelefon befinden könnte?

Ich dachte an das, was Mick in seinen Taschen hatte. Eine Geldbörse, Schlüssel, Pfefferminzbonbons, ein Kondom. Irgendwie konnte ich mir keine Pfefferminzbonbons in einer Kanduratasche vorstellen. Das war einfach zu banal. Oder ein Kondom.

Kondom … Harem … One-Night-Stand … Verdammt! Warum konnten die Sterne nicht wenigstens dieses eine Mal günstig für mich stehen?

Ich seufzte. »›Deine Herausforderung, falls du bereit bist, sie anzunehmen.‹ Ha! Wenn das so weitergeht, dauert es zwei Jahre und nicht zwei Tage, bis mich jemand flachlegt«, sagte ich sehr leise vor mich hin, zumindest für meine Ohren – doch offenbar nicht leise genug, da der grünäugige Fremde, der seinen Anruf gerade beendet hatte, mir einen alarmierten Blick zuwarf, der mich erneut zusammenzucken und erröten ließ.

»Zwei Tage, Jenna?«, fragte er, während er sich zu mir zurückbewegte. »Was meinen Sie damit?«

»Es ist … Ich bin … Ich bin nur für zwei Tage hier«, stammelte ich.

»Nur zwei Tage«, wiederholte er langsam, wobei er die Stirn runzelte, als hätte er gerade eine zutiefst beunruhigende Information erhalten.

Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass es hinter seiner regungslosen Fassade gewaltig arbeitete, und mein Körper veranstaltete wieder diesen eigenartigen Zirkus: Meine Haut kribbelte, mein Herz raste, mein Atem stockte, und mein Blut erstarrte.

Meine Knie gaben fast nach, als mir das Geräusch eines nahenden Autos einen Grund lieferte, um mich seinem hypnotischen Blick zu entziehen.

Als ich dann das Auto sah, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf. Es war ein Hummer, ein Stretch-Hummer! Das würde mir in Boston keiner glauben!

Der Fahrer stieg aus und schaffte es ohne ein einziges Wort oder eine Berührung, mich auf den Rücksitz dieses außergewöhnlichen Fahrzeugs zu verfrachten.

Die Augen traten mir noch ein kleines bisschen mehr aus dem Kopf, als ich meine neue Umgebung in mein Bewusstsein dringen ließ. Ich kam mir vor wie in einem Privatjet auf Rädern: Kissen auf den Sitzen, Perserteppich, Snack-Bar, Magazine, Kniedecken.

Was denn, kein Kronleuchter? Ich wollte den Fahrer danach fragen, aber der Mann sah nicht so aus, als besäße er Humor. Ohnehin hatte er irgendeinen Schalter betätigt, woraufhin sich eine Glasscheibe hob und ihn da vorn in seiner Fahrerkabine von mir in meinem einsamen Prunk im Fond trennte.

Ich blickte durchs Fenster und sah, wie mein exotischer Fremder meinen Blick erwiderte. Warum interessierte er sich nur so sehr für mein Gesicht? Ich war das typische durchschnittliche amerikanische Mädchen von nebenan. Blaue Augen, Sommersprossen, unauffällige Nase, ein Mund so breit, dass ein Brötchen quer hineinpasste, zu üppiges blondes Haar, um es vernünftig im Griff zu behalten. Nichts Besonderes, und doch fühlte ich mich, wenn er mich ansah, … anders.

Mein Herz pochte wieder wie wild, und das änderte sich auch nicht, nachdem der Hummer losgefahren war.

Was zum Teufel war gerade mit mir passiert?

Das, was ich für einen zielgerichteten Besuch einer neuen Hotelanlage im arabischen Raum gehalten hatte – hinfahren, inspizieren, Artikel schreiben, One-Night-Stand aufreißen, nach Hause fliegen –, hatte sich in ein Abenteuer irgendwo zwischen aufregend und absurd verwandelt, und das, obwohl der eigentliche Teil der Reise noch gar nicht begonnen hatte.

Jenna Martin, Wirtschaftsjournalistin und Notlösung für einen Reiseberichtsauftrag, verirrt sich in der Wüste und wird von einem attraktiven Einheimischen (zumindest sah er danach aus) gefunden, mit knappen Worten von ihm verschmäht, in eine Stretch-Limo verfrachtet und fliegt nun förmlich über den Sand dahin.

Alles, was jetzt noch fehlte, war irgendeine atmosphärische arabische Musik.

Wie aufs Stichwort rieselten exotische Klänge aus den Lautsprechern.

Okay, nun war es offiziell: Das hier war nicht mein Leben.

Denn dieses Leben war selbst trotz der knappen Abfuhr wie ein Märchen!

Kapitel 2

Als ich am nächsten Morgen in der Hotelanlage erwachte, hatte ich sofort das Bild von blassgrünen Augen in einem dunklen Gesicht im Kopf und dann die Worte: Deine Herausforderung, falls du bereit bist, sie anzunehmen … Diese wiederum wurden sofort abgelöst von dem Wunsch, jene Axt zu finden und mich eigenhändig damit niederzustrecken.

Was ich mir da gestern Abend geleistet hatte, brachte mir die Erinnerung an eine ziemlich vernichtende, erst kürzlich geführte Unterhaltung in meinem Bostoner Stammlokal zurück, einer Bar mit dem bedeutungsvollen Namen Relations, in der wir uns jeden Freitagabend trafen, um das Wochenende einzuläuten.

BETRUNKENER STUDENT (zu Angie): Möchtest du mit zu mir und mal richtig heißen Sex erleben?

ANGIE: Danke für die freundliche Einladung, aber nein.

BETRUNKENER STUDENT (dreht den Kopf ruckartig zu mir): Und was ist mit deiner Freundin?

Jap, echt großartig. Ich durfte mich die Ersatzwahl eines betrunkenen Studenten nennen, das Beste, worauf ich hoffen konnte und was ich seit Langem war. Nein, nicht seit Langem – mein ganzes verdammtes Leben lang.

Was ich mir also dabei gedacht hatte, vor dem schönsten Mann auf Erden etwas über Nummer-vier-Männer zu faseln, kann sich jeder selbst überlegen. Allein die Größe seines Hauses hätte mir sagen wollen, dass er nicht in meiner Liga spielte, abgesehen von seiner unübersehbaren Attraktivität für jede Frau im gesamten Sonnensystem.

Als ich mir vorstellte, wie ich vor ihm gestanden und nur dummes Zeug von mir gegeben hatte – verschwitzt, vom langen Flug etwas groggy, am Leibe die Jeans und das Cartoon-T-Shirt, in das ich kurz vor der Landung noch schnell geschlüpft war, mit dem Pferdeschwanz, der meinen verhassten spitzen Haaransatz zum Vorschein brachte, und dieser auch noch halb aufgelöst –, hätte ich mir selbst in den Hintern treten können. Ganz im Ernst, ich verdiente es, nie wieder Sex zu haben.

Jetlag – das war die einzig logische Erklärung.

Um meine Schande perfekt zu machen, musste der Kerl auch noch ein Mega-VIP sein. Zumindest ließ sich das aus der Unterwürfigkeit des Resort-Managers schließen, nachdem der Hummer am Muntaja’a Najmat Al Badiya vorgefahren war.

Beim Einchecken hatte ich versucht, den Angestellten ein paar Informationen über den mysteriösen Mann zu entlocken, allerdings ohne Erfolg. Entweder wussten sie nichts, oder sie wollten mir nichts sagen. Irgendwie musste ich heute aber trotzdem ein paar Antworten bekommen, und sei es nur, damit ich zum Qasr Al Malaz zurückfand, um dort meinen Mietwagen abzuholen. Vielleicht konnte ich, wenn ich ihn bei der Gelegenheit wiedersah und mich dann wie ein ganz normaler Mensch benahm, wenigstens einen Teil meiner Selbstachtung zurückgewinnen.

Falls ich ihn wiedersah und nicht als vermeintliche Speichelleckerin abgespeist wurde.

Ich streckte mich genüsslich in dem gewaltigen Bett aus. Das Zimmer, das man mir gegeben hatte, war mit seinen farbenfrohen Decken, Kissen und folkloristischen Lampen ein einziger Traum. Ich hätte mich den ganzen Tag darin herumlümmeln mögen – um von grünäugigen Fantastillionären zu träumen, die mich aus dem Harem winkten, um mit mir etwas Zeit ich einem mit Blütenblättern bestreuten Marmorbad zu verbringen –, wären da nicht ein Auto und eine Bewertung gewesen, das es abzuholen beziehungsweise die es zu schreiben galt.

Ich verließ das Bett und tapste zu den raumhohen Türen, die auf meine eigene Veranda führten, öffnete sie und trat nach draußen, um den Blick in die Wüste zu genießen. Der Winter näherte sich dem Ende, weshalb die Temperaturen hier recht moderat waren und das Wetter mit dem eines herrlichen Frühlingstags in Boston vergleichbar war.

Die Landschaft hingegen war mit nichts zu vergleichen, was ich je gesehen hatte. Ein endloses Meer aus sanft gewellten Sanddünen, wunderschön und friedvoll. Der Anblick brachte mich ins Grübeln über ein Leben außerhalb meines winzigen Apartments in Back Bay, einem vornehmen Viertel von Boston; außerhalb meiner kleinen Welt, wo man über dieselben Neuigkeiten redete und dieselben Leute kannte. Ein Leben, das sich nicht um einen Job drehte, in dem die Kollegen versuchten, einem Traumaufträge vor der Nase wegzuschnappen. Ein Leben ohne den freitäglichen Feierabend-Drink mit den Mädels, wo in erster Linie mein Liebesleben zum Gegenstand von Witzeleien und gnadenlosen Analysen gemacht wurde. Der Anblick regte mich zum Nachdenken an, über ein Leben, in dem einem Leute begegneten, die anders waren als man selbst, die anders lebten, anders dachten, die Dinge auf eine Art und Weise ausdrückten, von der man nie zuvor gehört hatte; die davon redeten, ihrer »Auserwählten« Rosen zu schenken, anstatt einem Mädchen eine Liste mit all ihren Makeln zu präsentieren …

Als mein Handy klingelte, schüttelte ich meine nachdenkliche Stimmung ab und kehrte ins Zimmer zurück, um mit dem üblichen spröden »Hier ist Jenna« ranzugehen.

»Gott sei Dank erreiche ich dich.«

Die Stimme sowie das Der-Himmel-stürzt-ein-Gebaren gehörten zu meinem Chef Jerry Wheeler, dem Herausgeber des World Business Elite.

»Ebenfalls hallo«, erwiderte ich, worauf Jerry jedoch nicht einging.

»Ich habe einen Auftrag für dich. Ein Interview, hinter dem wir schon seit einer ganzen Ewigkeit her sind, und jetzt hat er endlich Ja gesagt, aber nur unter der Bedingung, dass du es führst. Frag mich nicht, warum!«

Ich wusste zwar schon, dass ich nicht Belinda Janette war – Jerrys Lieblingsmitarbeiterin und eine Konkurrentin, die nicht minder bösartig war als ein Pitbull beim Hundekampf –, aber Jerry packte gern noch eine Schippe drauf.

»Du weißt aber schon noch, dass ich gerade in der Wüste von Abu Dhabi bin«, gab ich zu bedenken.

»Ja, weiß ich. Anders wär’s ja auch gar nicht dazu gekommen.«

»Wozu wär’s nicht gekommen, Jerry?«

»Zu dem Interview. Seine Leute haben mich angerufen. Er traf dich, er mochte dich, er will dich.«

Mein sechster Sinn sprang in dem Moment an, als mein Verstand versagte. »Wer will mich?«

»Nur einer der öffentlichkeitsscheuesten, erfolgreichsten Geschäftsmänner am Persischen Golf. Nur der Eigentümer von halb London, New York und Chicago. Nur der –«

»Ein Name würde mir schon reichen«, unterbrach ich ihn, weil ich ihn einfach erfahren musste. Sofort.

»Kalan Al Talyani.«

Kalan. Der Name ging wie ein Seufzen durch mich, zusammen mit der Erinnerung an sein Gesicht, seine Augen, sein Lächeln. Kalan. Einfach perfekt.

Und er wollte mich. Nicht Belinda Janette, sondern mich! Ich befand mich also noch immer im Märchenmodus. Als ich gestern aus dem Flieger gestiegen war, musste eine Art Wunder passiert sein, wie in diesen mystischen Filmen, wo es die Heldin in ein Paralleluniversum verschlägt.

»Und was ist mit dem Resort? Mit meiner Bewertung?«, fragte ich. Nicht dass es ein echter Protest gewesen wäre, aber die Frage musste gestellt werden.

»Ach, das ist nur Pillepalle. Nichts, womit man sich den Pulitzerpreis verdient. Nimm ein paar Restaurants unter die Lupe, stell dem Manager ein paar Fragen, teste eins von diesen Spa-Dingsdas und fertig. Ich klär das mit der zuständigen Redakteurin. Sieh du nur zu, dass du so schnell wie möglich damit fertig wirst. Al Talyani lässt dich nämlich um sechs Uhr abholen.«

»Wohin fahre ich denn? Wie sieht’s mit einer Unterkunft aus? Ich brauche ein paar Hintergrundinformationen. Ich muss –«

»Seine Leute werden dir alles erzählen, was du wissen musst«, fiel Jerry mir ungeduldig ins Wort. »Sei einfach nur um sechs fertig.«

Um sechs.

Ich sah auf die Uhr meines Handys. In neun Stunden würde ich Kalan Al Talyani wiedersehen.

Jap – dieses Leben war absolut märchenhaft.

Märchenhaft … und ein kleines bisschen beängstigend.

Kapitel 3

Niemals in der Geschichte des Schreibens von Reiseberichten hatte es eine Bewertung gegeben, die in größerer Eile verfasst worden war.

Ich besuchte ein Restaurant nach dem anderen und machte mir hektisch ein Bild von kulinarischem Angebot, Ambiente und Service, während ich gleichzeitig versuchte, mir die spärlichen Informationen, die Jerry mir über Kalan Al Talyani geschickt hatte, in mein dem Durchglühen nahen Hirn einzubrennen. Außerdem schaffte ich es noch, einen Besuch im Hammam einzubauen, das ich um ein paar Hautschichten leichter und mit dem Gefühl verließ, für eine Salbung nun mehr als bereit zu sein. Und zwischen all dem schrieb, schrieb und schrieb ich, bis ich Angst hatte, mir eine Sehnenscheidenentzündung einzuhandeln. Und als schließlich auch das letzte Wort festgehalten war und es auf sechs Uhr zuging, wuchs meine Anspannung noch mehr.

Gestern hatte ich mir mit meinem unsittlichen Angebot eine Zurückweisung von Kalan abgeholt, und heute musste ich ihn interviewen – wie sollte ich ihm da auch nur einigermaßen gelassen in die Augen sehen?

Ich weiß zwar nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es, pünktlich und ohne Nervenzusammenbruch in der Lobby zu sein. Dennoch fühlte ich mich grottenschlecht vorbereitet – auch was meine Garderobe betraf. Ich steckte in einem saloppen Kleidermix, wie man ihn von einer unerfahrenen Reisejournalistin erwartete, die sich darauf eingestellt hatte, ihre Beurteilung am hoteleigenen Pool zu verfassen, und dann von ihrem Chef überrumpelt worden war. Soll heißen, ich trug den Anzug, den ich schon während des Flugs angehabt hatte, mein bedrucktes T-Shirt und abgelatschte schwarze Pumps. Leider hatte ich nicht daran gedacht, etwas zum Frisieren meiner Haare einzupacken. Also hatte ich mein Haar wieder zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, und mein verfluchter Haaransatz ließ mich aussehen wie Dracula in Blond. Nicht dass ich gierig auf Blut gewesen wäre – oder andere Körperflüssigkeiten.

Ich zupfte unsicher am Saum meiner Jacke, als der Hotelmanager mich nicht zum Haupteingang führte, wo ich den Hummer erwartete, sondern zu Türen im hinteren Bereich der Lobby, durch die man direkt in die Dünen gelangte.

»Oh«, tat ich meine Überraschung kund, als ich den Burschen erblickte, der mit zwei gesattelten Kamelen dort bereitstand. »Was zum – ? Nein! Im Ernst? Das soll meine Abholung sein? Wie abgefahren ist das denn?«

»Da Sie Ihren Besuch bei uns leider frühzeitig beenden müssen, dachte Mr Al Talyani, Ihnen eine kleine Freude mit dieser Entschädigung bereiten zu können«, erklärte der Manager, ehe er bedeutungsvoll die Augenbrauen hob. »Aber hätten Sie vielleicht noch etwas geeignetere Kleidung?«

Und so geschah es, dass ich mich wie eine Kreuzung aus Urlauberin und Geschäftsfrau zu meinem hoch wichtigen Interview einfand. In Jeans und Flipflops (die nicht gerade kameltauglich, aber das Beste waren, was sich finden ließ) sah ich von der Taille abwärts aus wie auf dem Weg zu einer lockeren Grillparty, während ich obenrum meine bis zum Kragen zugeknöpfte Fliegerjacke trug, die das T-Shirt darunter verbarg.

Kalan wartete unter demselben Torbogen, und zwar genauso regungslos und stumm wie gestern, heute jedoch in vollem Ornat. Und ich hatte keine Ahnung, wie ein Gewand – ach, seien wir doch ehrlich, das Ding war ein Kleid – und ein weißes, um den Kopf gelegtes und mit einer schwarzen Kordel gehaltenes Tuch einem Mann ein so machohaftes Aussehen verleihen konnte.

Als ich zu ihm ging, stellten sich mir die Härchen im Nacken mit demselben Zittern auf wie am Vorabend – so als würden sie ihn wittern. Ich versuchte, mir bewusst zu machen, dass dies hier nur ein Job war, und ich gut daran täte, den gestrigen Abend unter dem Titel »Nie passiert« abzuhaken. Trotzdem hatte meine Stimme einen Hauch von Marilyn Monroe, als ich seinen Namen sagte. »Mr Al Talyani.«

Noch ehe mir einfiel, wie man sich hier zu begrüßen pflegte, streckte ich ihm die Hand entgegen. Und – wieder – betrachtete er sie ohne die geringsten Ambitionen, sie zu schütteln. Diesmal jedoch führte ich mir das ungeschickte Ding gleich ans Herz und neigte, der Empfehlung meines Infoblattes folgend, mit einem freundlichen Nicken den Kopf. Als mein Kopf sich wieder wie von selbst hob, sah ich, dass sein Mund zuckte; inzwischen war mir klar, was es bedeutete: Er versuchte, sich das Lachen zu verkneifen.

Seine Stimme wies jedoch den gebotenen Ernst auf, als er sagte: »Jenna. Noch einmal herzlich willkommen im Qasr Al Malaz. Und nennen Sie mich doch bitte Kalan.«

Ich nahm an, dass es sich bei den Männern, die an der offenen Tür warteten, um Hausangestellte handelte. Einer von ihnen hielt ein brennendes Räuchergefäß bereit, und ich beobachtete – fasziniert –, wie Kalan sich den würzigen Rauch sanft mit beiden Händen zufächelte, als er über die Schwelle trat.

»Das ist Bakhoor«, erklärte er, als ich ihm folgte. »Es entfaltet seinen Duft, wenn man es auf Oudh, Spänen des Adlerholzbaumes, verbrennt.«

In der Annahme, dass er mir vorgemacht hatte, was ich tun sollte, tat ich es ihm gleich … und erlitt einen Hustenanfall, der mir die Tränen in die Augen trieb. Der andere Angestellte trat vor und reichte mir eine winzige glockenförmige Tasse, die er aus einem glänzenden Kupferkännchen befüllte.

»Arabischer Kaffee«, erklärte Kalan. »Mit Kardamom.«

Ich trank dankbar und hatte das Tässchen nach nicht mehr als drei kleinen Schlucken geleert.

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