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Novizin der Liebe

Carol Townend

Novizin der Liebe

1. Kapitel

Die Novizin Cecily kniete in der Kapelle des Klosters St. Anne, als draußen der Tumult anhob. Der Kerzenuhr nach war es beinahe Mittag, und Cecily – die in ihrem früheren Leben Lady Cecily Fulford geheißen hatte –, widmete sich Exerzitien. Sie hatte gelobt, mit niemandem ein Wort zu sprechen, bis die Nonnen am nächsten Morgen ihr Fasten brechen würden. Eine schmale Gestalt in einer fadenscheinigen grauen Ordenstracht, allein in ihrem Betstuhl. Noch etwa achtzehn Stunden des Schweigens lagen vor ihr, und Cecily war entschlossen, ihre Exerzitien dieses Mal nicht zu unterbrechen.

Wandleuchter spendeten ein wenig Helligkeit, und durch das schmale Fenster über dem Altar fiel das fahle Licht des Novembertages. Cecily beachtete die Kälte nicht, die von den Steinplatten emporstieg, während sie ihr verschleiertes Haupt über den Rosenkranz beugte. „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist …“

Ein dumpfer Schlag gegen das Portal der Kapelle ließ sie herumfahren. Es folgte ein zweiter, von solcher Heftigkeit, dass die schwere Eichentür erbebte.

„Cecily! Cecily! Bist du da drin? Ich muss dringend mit dir sprechen! Es ist …“

Die Stimme der Frau brach unvermittelt ab, doch ans Beten war nun nicht mehr zu denken. Obwohl die Stimme keiner der Nonnen gehörte, erschien sie Cecily seltsam vertraut. Angespannt lauschte sie auf mehr.

Zwei Stimmen lieferten sich ein hitziges Wortgefecht. Eine davon gehörte Schwester Judith, der Pförtnerin des Klosters, die andere, die der Fremden, klang allmählich immer schriller, beinahe überschlug sie sich …

Halb neugierig, halb ängstlich erhob Cecily sich aus ihrer knienden Haltung. Es gab doch gewiss nicht schon wieder schlechte Neuigkeiten? Reichte es nicht, dass sie in der Schlacht von Hastings ihren Vater und ihren Bruder verloren hatte?

Sie hatte den Mittelgang zur Hälfte durchquert, als die Tür aufgerissen wurde. Die Kerzen flackerten im Luftzug, als ihre Schwester, Lady Emma Fulford, die Pförtnerin zurückstieß, die sie zurückhalten wollte, und in die Kapelle stürmte.

Emma, mit ihren siebzehn Jahren ein Jahr älter als Cecily, war eine eindrucksvolle Erscheinung in ihrem wallenden rosenfarbenen Kleid und dem weinroten Samtumhang. Sie ließ eine kurze Reitpeitsche und ein Paar cremeweißer Handschuhe aus Glacéleder auf die Steinplatten fallen und stürzte sich auf Cecily.

„Cecily! O Cecily, du musst mit mir sprechen! Unbedingt!“

Gefangen in einer Umarmung, die so fest war, dass sie beinahe verzweifelt wirkte, kostete es Cecily einige Mühe, sich aus der Wolke von Seide und Rosenduft zu befreien, um das Gesicht ihrer Schwester betrachten zu können. Ein Blick genügte, um sie ihr Schweigegelübde vergessen zu lassen. „Natürlich werde ich mit dir sprechen.“

Emma ließ ein wenig damenhaftes Schniefen hören. „Sie …“, ihr langer Seidenschleier wehte, als sie mit einer ruckartigen Kopfbewegung auf Schwester Judith wies, „… sagte, du würdest Exerzitien abhalten und dürftest nicht gestört werden. Und dass du demnächst wohl endlich dein Ordensgelübde ablegen würdest.“

„So ist es.“ Emma hatte geweint, doch nicht nur in den vergangenen paar Minuten. Ihr zarter Teint wirkte fleckig und aufgedunsen, und unter ihren Augen lagen tiefe dunkle Ränder. In den vier Jahren, die verstrichen waren, seit man Cecily ins Kloster gebracht hatte, war Emma ihr fremd geworden, doch die zarte Schönheit ihrer älteren Schwester war ihr im Gedächtnis geblieben. Sie nun derart abgehärmt und aufgewühlt zu erleben, ließ sie schaudern.

Schwester Judith schlug die Tür der Kapelle hinter sich zu und blieb an der Schwelle stehen. Die Arme vor der Brust gekreuzt, blickte sie kopfschüttelnd zu Cecily hinüber, dieser Novizin, der es wieder einmal nicht gelungen war, ihre Exerzitien zu Ende zu bringen.

Cecily nahm Emmas Hand. Ihre Finger waren kalt wie Eis. „Es ist noch etwas geschehen, nicht wahr? Etwas Entsetzliches.“

Emmas Augen füllten sich mit Tränen. „O Cecily“, schluchzte sie, „es ist Maman …“

Maman? Was? Was ist mit Maman?“ Doch Cecily brauchte die Antwort gar nicht abzuwarten, der Gesichtsausdruck ihrer Schwester sprach Bände.

Ihre Mutter war tot.

Mit zitternden Knien streckte sie die Arme nach Emma aus, und die beiden Schwestern klammerten sich Halt suchend aneinander.

„Nicht Maman“, brachte sie mit erstickter Stimme hervor. „Emma, bitte, nicht auch noch Maman …“

Ihre Schwester nickte, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.

„W…wann?“

„Vor drei Tagen.“

„Wie? War es … war es die Niederkunft?“ Es konnte nicht anders sein. Ihre Mutter, Philippa of Fulford, war siebenunddreißig – nicht jung –, und zum Zeitpunkt der Schlacht von Hastings im siebten Monat schwanger gewesen. Selbst von normannischer Abstammung, war es ihr besonders schwergefallen, den Angriff der Normannen auf ihre englische Heimat zu verkraften. Ihre Mutter hatte sich gewiss große Mühe gegeben, ihre Gefühle zu verbergen, dessen war Cecily sich sicher, doch der Tod ihres angelsächsischen Gatten und ihres erstgeborenen Sohnes waren wohl zu schwer zu ertragen gewesen.

Viele Frauen starben im Kindbett, und angesichts des Alters ihrer Mutter und ihrer Trauer um Ehemann und Sohn …

Emma wischte sich die Tränen fort und nickte. „Ja. Die Wehen kamen zu früh, sie waren lang und schmerzhaft, und dann … O Cecily, sie hat so viel Blut verloren. Wir konnten nichts tun, um den Fluss zu stillen. Wärest du nur da gewesen! Dank deiner Zeit an Schwester Mathildas Seite verstehst du so viel von Heilkunde, während ich …“ Ihr versagte die Stimme.

Cecily schüttelte den Kopf. Es stimmte, dass sie alles begierig in sich aufgesogen hatte, was Schwester Mathilda sie gelehrt hatte, doch sie wusste auch, dass nicht jeder gerettet werden konnte. „Emma, hör zu: Du trägst keine Schuld an Mamans Tod. Innere Blutungen lassen sich so gut wie nie stillen. Und außerdem ist es möglich, dass sie schlicht den Lebenswillen verloren hat, nachdem Vater und Cenwulf gefallen waren.“

Emma schniefte. „Mag sein. Wir wollten dich holen lassen. Wilf war zum Aufbruch bereit. Doch als uns der Ernst der Lage bewusst wurde, war es … zu spät.“ Emma griff nach Cecilys Händen.

„Es war nicht deine Schuld.“

„Niemand hatte mich unterwiesen! O Cecily, wenn du sie hättest sehen können, nachdem der Bote ihr die Hiobsbotschaft aus Hastings überbracht hatte. Sie konnte weder essen noch schlafen, wandelte umher wie ein Geist. Es war, als sei mit Vaters Tod ein Licht in ihr erloschen. Vater war kein einfacher Mann, und Maman keine Frau, die ihre Empfindungen offen zeigte …“

„Das Zurschaustellen von Gefühlen ist geschmacklos und geziemt sich nicht für eine Dame“, murmelte Cecily und wiederholte damit einen wohlvertrauten Ausspruch ihrer Mutter.

„Ganz recht. Doch sie liebte ihn. Falls irgendjemand dies bezweifelt haben sollte …“, Emma blickte ihre Schwester durchdringend an, wohl wissend, dass Cecily und ihr Vater, Thane Edgar, nicht nur wegen des Hinausschiebens ihrer Profess, ihres Ordensgelübdes, aneinandergeraten waren. „Falls also jemand dies bezweifelt haben sollte, hätten die vergangenen vier Wochen ihn eines Besseren belehrt. Und Cenwulf …“, aus Emmas Blick sprach tiefe Zuneigung, „ich sehe, dass auch du ihn geliebt hast.“

Mamans Herz war gebrochen.“

Emma schluckte. „Ja. Und zerrissen.“

„Weil ihre eigenen Landsleute die Angreifer waren?“

Emma drückte Cecilys Hand. „Ich wusste, du würdest es verstehen.“

„Lady Emma …“ Schwester Judiths Stimme unterbrach sie und erinnerte die jungen Frauen an die Anwesenheit der Pförtnerin am Portal der Kapelle.

Es war Schwester Judiths Pflicht, Fremden den Zugang zum Kloster entweder zu gestatten oder zu verwehren. Da es sich nicht um einen geschlossenen Orden handelte, wurde die Erlaubnis im Allgemeinen gewährt, niemals jedoch, wenn eine Nonne oder Novizin sich ihren Exerzitien widmete. Die Hände in Höhe des Gürtels gefaltet, ein schimmerndes silbernes Kreuz vor der Brust, betrachtete die Nonne Emma mit strengem, doch nicht unfreundlichem Blick. Das Gehörte war ihr zu Herzen gegangen, erkannte Cecily.

„Lady Emma, da Ihr es für geboten hieltet, die Exerzitien Eurer Schwester zu unterbrechen, möchte ich vorschlagen, dass Ihr das Gespräch in der Pförtnerloge fortsetzt. Gleich wird das Angelusläuten erklingen, und die übrigen Gemeinschaftsmitglieder werden die Kapelle benötigen.“

„Aber gewiss, Schwester Judith. Wir bitten um Verzeihung“, entgegnete Cecily.

Cecily bückte sich, um Emmas Reitpeitsche und die Handschuhe vom Boden aufzuheben, nahm ihre Schwester an der Hand und führte sie hinaus ins Freie.

Ein kalter Herbstwind wirbelte Stroh über den Hof. Holzrauch quoll aus dem Küchengebäude, und der Atem der beiden Frauen glich weißen Dampfwölkchen, die sogleich fortgeweht wurden.

Emma zog sich den weinroten Umhang enger um die Schultern.

Cecily, die seit ihrem Eintritt ins Kloster keinen Mantel von solcher Qualität mehr in den Händen gehabt hatte und nicht einmal einen dünnen Umhang trug, zitterte vor Kälte und führte ihre Schwester rasch über den Hof auf das Südtor zu.

Die Pförtnerloge, eine strohgedeckte Hütte, lehnte windschief an der Palisade. Am östlichen Ende der Loge schloss sich das Gasthaus des Klosters an, ein etwas größeres Gebäude. Cecily geleitete ihre Schwester hinein.

Obwohl die Tür weit offen stand, lag der Raum im Halbdunkel, denn die Wandbretter standen sehr dicht beieinander und es gab nur ein oder zwei mit Läden versehene Fensterschlitze, durch die etwas Tageslicht eindringen konnte. Da keine Gäste beherbergt worden waren, fand sich im Kamin statt eines Feuers nur ein Haufen kalter Asche. November war der Beginn der dunklen Jahreszeit, doch Cecily hütete sich davor, Mutter Aethelflaedas Zorn auf sich zu ziehen, indem sie eine der kostbaren Wachskerzen anzündete. Sie hatte ihre Exerzitien unterbrochen, und wenn sie dieser Sünde nun auch noch die des Ansteckens einer Kerze bei Tageslicht hinzufügte, würde sie bis Weihnachten in zehn Jahren dafür Buße tun müssen.

Cecily legte die Reitpeitsche und die Handschuhe ihrer Schwester zusammen mit ihrem Rosenkranz auf einen aufgebockten Tisch und öffnete die Fensterläden. Für ein wenig mehr Helligkeit würden sie Kälte und Durchzug in Kauf nehmen müssen. Emma lief voller Unruhe auf und ab. Der Saum ihres rosenroten Kleides war, wie Cecily nun Gelegenheit hatte zu bemerken, von Schlammspritzern übersät, ihr Seidenschleier hing schief und der Kranz, an dem er befestigt war, war verbogen.

„Du bist schnell geritten, um mir diese traurige Nachricht zu überbringen“, sagte Cecily langsam, während ihre Schwester rastlos auf und ab ging. Nun, da der erste Schreck vorüber war, konnte sie allmählich wieder einen klaren Gedanken fassen und hatte einige Fragen. „Und dennoch … wenn Maman vor drei Tagen gestorben ist, musst du deine Abreise zu mir hinausgezögert haben. Da ist noch etwas, nicht wahr?“

Emma blieb stehen. „Ja. Das Kind lebt. Es ist ein Junge.“

Cecily starrte sie ungläubig an. „Ein Junge? Und er lebt? Oh, das ist ein Wunder … neues Leben nach so viel Tod und Trauer!“ Ihre Miene verfinsterte sich. „Doch so früh? Emma, er kann nicht überleben.“

„Das war auch mein Gedanke. Er ist wirklich sehr klein. Ich habe mir die Freiheit erlaubt, ihn auf den Namen Philip taufen zu lassen, für den Fall, dass … dass …“

Emma versagte die Stimme, doch mehr brauchte sie ohnehin nicht zu sagen. Nach vier Jahren im Kloster war Cecily die Auffassung der Kirche in diesen Dingen nur allzu vertraut. Falls das Kind starb, sollte es als getaufter Christ sterben, andernfalls wäre es bis in alle Ewigkeit eine verlorene Seele.

„Philip“, murmelte Cecily. „Der Name hätte Maman gefallen.“

„Ja. Und es ist kein angelsächsischer Name. Wenn er also überlebt … ich dachte, mit einem normannischen Namen hätte er es gewiss später leichter.“

„Es war ein kluger Gedanke, Mamans Herkunft statt Vaters zu betonen“, bekräftigte Cecily. Der Sohn eines angelsächsischen Thane würde es nicht sehr weit bringen im Leben, falls England tatsächlich normannisch werden sollte; der Sprössling einer normannischen Edelfrau dagegen …

Emma trat zu ihr und berührte sie am Arm. Abermals nahm Cecily den zarten Rosenduft im November wahr, wurde sich bewusst, aus welch edlem Stoff das Kleid ihrer Schwester bestand, wie weiß ihre Hände waren, wie gepflegt ihre Nägel. Der Schmutz und der Schlamm der englischen Straßen mochten sie befleckt haben, doch die Erlesenheit ihrer Kleidung und ihr hoher Stand waren unverkennbar.

Verlegen strich Cecily sich über ihre grob gewebten Röcke im vergeblichen Versuch, diese von Staub und Knitterfalten zu befreien und das Loch über dem Knie zu verbergen. Dort war der Stoff gerissen, als sie vorhin im Kräutergarten Fenchelknollen ausgegraben hatte.

„Ich wäre sofort gekommen, um es dir zu sagen, Cecily, wenn ich nicht alle Hände voll damit zu tun gehabt hätte, mich um unseren neugeborenen Bruder zu kümmern.“

„Du hast gut daran getan, dich zuerst seiner anzunehmen. Meinst du, er wird überleben?“

„Dafür bete ich. Ich habe ihn in Gudruns Obhut zurückgelassen. Sie ist selbst vor einigen Monaten niedergekommen, mit einem Mädchen, und ist nun seine Amme.“ Emma begann erneut, rastlos im Zimmer auf und ab zu gehen. „Zuerst wollte er nicht trinken, doch Gudrun hat nicht aufgegeben, und nun … und nun …“ Ein schwaches Lächeln erhellte ihr Antlitz. „Ich glaube, er wird gedeihen.“

„Wenigstens eine gute Nachricht!“

„Ja.“ Emma wandte sich um, nahm ihre kurze Reitpeitsche vom Tisch und klopfte sich nervös auf den Schenkel. Den Blick zur Tür hinaus gerichtet, stand sie mit dem Rücken zu Cecily und starrte auf den Rauch aus dem Küchengebäude, der im Hof umherwirbelte. „Cecily … ich … ich gestehe, dass ich eigentlich nicht gekommen bin, um dir von Philip zu erzählen …“

„Nein? Weshalb dann?“ Cecily wollte auf sie zugehen, doch eine scharfe Handbewegung ihrer Schwester hielt sie davon ab. „Emma?“

„Ich … ich bin gekommen, um dir Lebewohl zu sagen.“

Cecily sah verständnislos drein. Sie meinte, nicht recht gehört zu haben. „Was?“

„Ich gehe nach Norden.“ Emma sprach hastig, ihre Haltung war kerzengerade. „Es wurden noch weitere Boten geschickt, nachdem Maman … nachdem Philip geboren wurde. Boten von Herzog Wilhelm.“

„Normannen? Nach Fulford Hall?“

Ein ruckartiges Nicken. „Mittlerweile dürften sie angekommen sein.“

Cecily berührte ihre Schwester am Arm, damit sie sich umdrehte, doch Emma widersetzte sich ihrem Drängen und starrte weiter unverwandt zur Tür hinaus. „Die Aaskrähen sind bereits da“, sagte sie bitter. „Tüchtig sind sie immerhin, denn sie haben keine Zeit verloren, um unsere Ländereien an sich zu reißen. Der Herzog weiß, dass unser Vater und Cenwulf gefallen sind. In einer verworrenen Nachricht, in der von König Harolds Niedertracht und seinem angeblichen Eidesbruch die Rede war, wurde mir mitgeteilt, dass ich, Thane Edgars Tochter, zu Herzog Wilhelms Mündel erklärt und einem seiner Ritter zur Frau gegeben werden solle. Und bei diesem handelt es sich nicht einmal um einen Mann, in dessen Adern reines normannisches Blut fließt wie in Mamans, sondern um irgendeinen bretonischen Kerl ohne jede Manieren!“

Emma drehte sich um. Ihre Augen blickten wild und entschlossen. „Cecily, das werde ich nicht tun. Das kann und werde ich nicht tun!“

Cecily nahm Emmas Hände in die ihren. „Hast du ihn schon kennengelernt?“

Emma holte tief Luft, ihr Atem flatterte. „Den Bretonen? Nein. Der Bote des Herzogs sagte, er käme in Bälde nach, deshalb bin ich aufgebrochen, so schnell ich konnte. Cecily, ich kann ihn nicht heiraten, erzähle mir nun also bitte nichts von meinen Pflichten!“

„Wie könnte ich das, wo ich meine endgültige Hingabe an Gott doch selbst seit Jahren hinauszögere?“, entgegnete Cecily sanft.

Emmas Gesichtsausdruck entspannte sich. „Ich weiß. Es war nicht deine Entscheidung, ins Kloster zu gehen. Du hast dich Vaters Willen unterworfen. Ich habe es oft als ungerecht empfunden, dass ich als Erstgeborene eines Tages heiraten würde, während du als jüngere Tochter der Kirche und einem Leben in geistiger Versenkung geopfert wurdest, obwohl du keinerlei Berufung dazu verspürtest.“

„Wir wissen beide, dass es eine Frage des Vermögens war. Die Kirche hat eine viel geringere Mitgift verlangt, als irgendein Thane oder Ritter es je getan hätten. Vater konnte es sich nicht leisten, uns beide standesgemäß zu verheiraten.“

Emmas Antlitz hellte sich auf. „Überleg einmal, Cecily! Vater ist nicht mehr am Leben, die Kirche hat deine Mitgift bekommen … Was hindert dich daran, von hier fortzugehen?“

„Emma!“

„Es ist nicht deine Bestimmung, Nonne zu sein! Vater hat dich der Kirche versprochen, ich weiß, doch welches Versprechen hast du jemals gegeben?“

„Ich habe geschworen, es zu versuchen und seinem Willen Folge zu leisten.“

„Ja, und genau das hast du getan. Vier Jahre hinter Klostermauern gefangen! Und sieh dich doch einmal an!“ Emma verzog die Lippen, während sie mit spitzen Fingern am groben Stoff von Cecilys Ordenstracht zupfte. „Dieses graue Sackleinen steht dir nicht. Ich wette, es kratzt und juckt als wäre es voller Flöhe …“

„Das ist wahr, doch die Kasteiung des Fleisches fördert die Demut …“

„Unsinn! Das glaubst du doch selbst nicht. Und sieh dir nur deine Hände an! Bäuerinnenhände …“

„Von der Gartenarbeit.“ Cecily reckte das Kinn empor. „Ich arbeite im Kräutergarten. Es ist eine sinnvolle Beschäftigung und macht mir Freude.“

„Bäuerinnenhände, wie ich schon sagte.“ Emma senkte die Stimme. „Cecily, sei mutig. Du kannst diesen Ort verlassen.“

Cecily schnaubte gereizt. „Wohin sollte ich gehen? Zurück nach Fulford, zu deinem bretonischen Ritter? Sieh der Wirklichkeit ins Auge, Emma! Welche Verwendung hat die Welt für eine Novizin ohne Mitgift?“ Sie lächelte. „Außerdem durchschaue ich dich. Du machst diesen Vorschlag nur, um dein Gewissen zu beruhigen.“

Emmas Haltung verkrampfte sich. „Was meinst du damit?“

„Ob es dir gefällt oder nicht, Schwester, deine Pflichten liegen in Fulford. Wie du selbst gesagt hast, ist es als älteste Tochter von Geburt an deine Bestimmung gewesen, zu heiraten. Die Menschen auf Fulford brauchen dich. Wer sonst wird sich für sie einsetzen? Und was ist mit unserem neugeborenen Bruder? Ich wette, Herzog Wilhelm weiß noch nicht einmal von seiner Existenz. Was, glaubst du, wird sein Ritter wohl tun, wenn er herausfindet, dass Fulford doch einen männlichen Erben hat? Nein, Emma, deine Pflicht liegt klar auf der Hand, und du darfst dich ihr nicht entziehen. Du musst nach Fulford zurückkehren und auf den Ritter warten, den Herzog Wilhelm für dich ausgewählt hat.“

Emma war kreidebleich, ihre Lippen schmal und blutleer. „Nein.“

„Doch.“

„Nein!“

Cecily schüttelte den Kopf. Wie fremd ihr ihre Schwester doch geworden war! Emma sorgte sich mehr darum, wie sie der Hochzeit mit einem Gefolgsmann des Herzogs entgehen konnte als um das Wohl ihres kleinen Bruders. „Emma, bitte denk an unsere Leute … und an Philip. Welche Chance hat dieses winzige Kind, wenn seine Herkunft ans Licht kommt? Eine von uns sollte in der Nähe sein, um ihn zu beschützen.“

Eine tiefe Falte grub sich in Emmas Stirn, aus ihrem Blick war jede Wärme gewichen. „Spar dir deinen Atem für deine Gebete. Ich werde mich keinem Bretonen von niederer Herkunft unterwerfen, und erst recht keinem, an dessen Händen womöglich das Blut unserer Familie klebt. Und wenn alle Heiligen im Himmel in dein Flehen einstimmten, ich lasse mich nicht von meiner Entscheidung abbringen!“

„Nicht einmal um Philips willen?“ Cecily seufzte, als sie den ausdruckslosen Blick ihrer Schwester sah. „Du musst diesen Ritter heiraten! Wenn du fortläufst, verdammst du Philip im besten Fall zu einem falschen Leben als Gudruns Sohn, und im schlimmsten …“ Cecily machte eine bedeutungsvolle Pause, doch sie erkannte gleich, dass ihre Worte kaum Wirkung zeitigten. Sie richtete den Blick auf die Asche im Kamin und stieß mit der Stiefelspitze gegen eines der verkohlten Holzscheite. „Was würde Vater wollen, Emma? Und Maman? Hätte sie gewünscht, dass ihr Sohn das Leben eines Knechts führt? Und wo willst du überhaupt hin?“ Mit einem Male dämmerte es ihr, dass es noch einen anderen Grund für Emmas Entschluss geben könnte. Cecily blickte auf. „Du hast einen Liebsten, nicht wahr? Jemand, den du …“

„Sei nicht albern!“ Emma presste die Lippen zusammen. „Wenn dir so viel daran liegt, unseren Bruder in Sicherheit zu wissen, dann geh du doch zurück! Ja, du! Kehr heim in die wirkliche Welt und schau, wie es dir dort gefällt. Geh selbst nach Fulford. Heirate den famosen Ritter des Herzogs. Dann kannst du dich um Philips Sicherheit kümmern. Du bist genauso seine Schwester wie ich.“

Cecily blickte sie fassungslos an. Der Vorschlag ihrer Schwester, sie, eine Novizin, solle das Kloster verlassen, um zu heiraten, war in der Tat empörend. Und dennoch … wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sich ein gewisses Gefühl der Aufregung in ihre Empörung mischte.

Wie mochte er aussehen, dieser bretonische Ritter?

„Nein … nein.“ Cecilys Wangen glühten. „Das … das könnte ich nicht.“

Emma zog eine Braue hoch. Ein verhaltenes Lächeln umspielte ihre Lippen, so als wüsste sie, dass sie Cecily mit ihrem Vorschlag in Versuchung geführt hatte.

„Emma, ich könnte das nicht. Was verstehe ich schon von Männern und ihrer Art?“ Cecily machte eine weit ausholende Handbewegung. „Seit meinem zwölften Lebensjahr kenne ich nichts anderes als die Gesellschaft von Frauen. Gebete, Kirchengesänge, Kräuter züchten, heilen, fasten, Buße tun.“ Sie lächelte ein wenig schief. „Davon verstehe ich etwas. Das Leben jenseits dieser Mauern dagegen … ist ein Buch mit sieben Siegeln für mich.“

Emma zuckte die Schultern. „Völlig ahnungslos bist du nicht. Du musst dich noch an einige Dinge erinnern, die du auf Fulford gesehen hast, bevor du hierher kamst. Du weißt gewiss noch, wie der Hengst zu unseren Stuten geführt wurde …“

Cecilys Wangen brannten. Verlegen biss sie sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. „Hat … hat er einen Namen, dieser Ritter, den Herzog Wilhelm für dich ausgesucht hat?“

Emma legte die Stirn in Falten und strich sich müde über das Gesicht. „Ja, aber den habe ich vergessen. Nein, warte … Wymark, so heißt er, glaube ich. Sir Adam Wymark … Ich überlasse ihn dir, Cecily, denn ich will ihn nicht.“

2. Kapitel

Sobald sie den Wald verlassen hatten, zog Sir Adam Wymark die Zügel seines kastanienbraunen Schlachtrosses Flame an. Sie standen wenige Hundert Yard vor dem Kloster St. Anne’s. Zwar war er nie zuvor hier gewesen, doch dank des Kreuzes, das den Turm des einzigen Steingebäudes weit und breit zierte, erkannte er den Ort sogleich. Irgendwo krähte ein Hahn.

Mit schwungvoller Geste warf Adam sich den blauen Mantel über die Schulter und gebot seinem Trupp – einem Dutzend Berittener – mit einem Wink Halt. Flame schnaubte und tänzelte, bis das schlammige Erdreich unter seinen Hufen völlig aufgewühlt war. Pferdegeschirr klirrte. „Hier muss es sein“, sagte Adam an seinen Gefährten Sir Richard of Asculf gewandt.

Mit einem brummenden Laut tat Richard seine Zustimmung kund, und dann ließen beide Männer den Blick über die vor ihnen liegende Landschaft schweifen, um die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs auf ihren Trupp abzuschätzen. Gewiss, sie waren beritten und bis auf den letzten Mann bewaffnet, doch in diesen Gefilden waren sie die verhassten Eindringlinge und durften es sich nicht erlauben, auch nur einen Augenblick in ihrer Wachsamkeit nachzulassen –, selbst dann nicht, wenn wie jetzt weit und breit keine Menschenseele zu sehen war.

Die beiden Ritter, Richard und Adam, waren die Einzigen der Männer, die Panzerhemden unter ihren Mänteln trugen. Für die einfachen Krieger war ein solches Kettenhemd viel zu kostspielig. Wäre Adam ein reicher Feudalherr gewesen, hätte er jeden von ihnen mit einem solchen Schutz ausgestattet, doch er war nicht vermögend. Da er jedoch keinen seiner Männer verlieren wollte, hatte er sich nach Kräften um ihre Sicherheit bemüht und sie besser ausgerüstet als üblich. Jeder der Männer trug einen dick gepolsterten ledernen Waffenrock unter dem Mantel und besaß einen konisch geformten Helm mit Nasenschutz, und alle trugen gute Schwerter und lange, blattförmige Schilde.

Das Nonnenkloster war von einer hölzernen Palisade umgeben und lag in der Biegung eines Flusses, kurz bevor dieser mäandernd im Wald verschwand. Der Fluss führte Hochwasser und seine Fluten strömten schlammig braun dahin. In Tuchfühlung mit dem Kloster lag auf derselben Landzunge ein kleines Dorf, kaum mehr als eine Ansammlung bescheidener Holzhäuser. Adam fragte sich, was wohl zuerst da gewesen war, der Weiler oder das Kloster. Er würde auf das Kloster wetten. Vermutlich war es vollgestopft mit Edelfrauen, die niemand wollte, und das Dorf war um das Kloster herum entstanden, um die Damen mit Dienstboten zu versorgen.

Soweit er erkennen konnte, waren die Katen mit hölzernen Dachschindeln gedeckt. Eine Schar magerer Hühner pickte im Schlamm zwischen zwei der Hütten nach Futter, ein Schwein kratzte sich leise grunzend das Hinterteil an dem Holzpfosten, an dem es angebunden war. Aus einem der Häuser kam ein Hund und begann lautstark zu bellen, als er sie entdeckte. Von den Tieren abgesehen, schien der Ort völlig verlassen zu sein, doch Adam ließ sich nicht täuschen. Die Dorfbewohner waren vermutlich in Deckung gegangen – er an ihrer Stelle hätte dasselbe getan.

Vor gut einer halben Stunde, während Adam und seine Männer sich einen Weg durch den Wald gebahnt hatten, hatte es zu regnen aufgehört. Der Himmel war noch immer bewölkt, und Adam spürte den scharfen Nordwind auf Wangen und Lippen.

Es waren die einzigen Partien seines Gesichts, die den Naturgewalten ausgesetzt waren, denn sein dunkles Haar war unter dem Helm verborgen und seine Züge unter dem Nasenschutz kaum erkennbar. Unter dem Panzerhemd trug Adam außer Leinenhemd und Unterkleidung noch ein ledernes Gambeson, die übliche Schutzkleidung der Kriegsknechte. Auch seine Stiefel und Handschuhe waren aus Leder, die Reithose aus fein gesponnener Wolle. Für das Vorhaben des heutigen Tages hatte Adam, sehr zum Missfallen Richards, beschlossen, sein kurzes Kettenhemd anzulegen, welches seine Beine nahezu ungeschützt ließ. Er war bereit, Brücken zur angelsächsischen Bevölkerung zu schlagen, während Richard, ein Normanne, abgrundtiefes Misstrauen gegen sie hegte und vom Scheitel bis zur Sohle gepanzert war.

Die vom Regen aufgeweichte Straße, die am Kloster vorbeiführte, war von unzähligen Rinnen und Furchen durchzogen und erinnerte an den unordentlich gepflügten Acker eines nachlässigen Bauern.

„Hier hat offenbar ein reges Kommen und Gehen geherrscht“, bemerkte Adam. Er runzelte die Stirn. Ob sein Späher wohl recht gehabt hatte mit der Auskunft, auch die ihm zugedachte Braut, Lady Emma Fulford, sei hier vorbeigekommen? Es war möglich, dass sie Verwandtschaft im Kloster hatte – eine Schwester, eine Cousine. Nach der Schlacht von Hastings hatte allenthalben Verwirrung geherrscht, und er besaß nur lückenhafte Informationen.

Der Krieger in Adam erkannte auf den ersten Blick, dass der hölzerne Palisadenwall, der das Kloster umgab, kein ernst zu nehmendes Hindernis für einen potenziellen Eindringling darstellte. Ob Lady Emma wohl noch in St. Anne’s weilte? Sein Blick verfinsterte sich bei dem Gedanken. Was er heute tun musste, widerstrebte ihm. Die Vorstellung, eine unwillige Frau zu zwingen, seine Gemahlin zu werden, hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Doch er war ehrgeizig, und Herzog Wilhelm hatte ihm befohlen, alles in seinen Kräften Stehende zu tun, um diese Ländereien in Besitz zu nehmen. Da dies die Hochzeit mit einem einheimischen Edelfräulein erforderlich machte, um seinen Anspruch zu bekräftigen, wollte er die Auserwählte wenigstens kennenlernen. Adam war bewusst, dass die Menschen hier in Wessex besonders gewichtige Gründe für ihren Hass auf Herzog Wilhelm besaßen, denn der angelsächsische Thronräuber Harold war über zehn Jahre lang ihr Earl gewesen, ehe er Herzog Wilhelm die ihm versprochene Krone hatte stehlen wollen. Ihre Gefolgschaftstreue wurzelte tief. Adams Aufgabe – in diesem Winkel von Wessex den Frieden für Herzog Wilhelm aufrecht zu erhalten – würde keine leichte sein. Doch er würde sich ihr stellen. Mit oder ohne Lady Emmas Hilfe.

Es behagte Adam nicht, dass weit und breit keine Dorfbewohner zu sehen waren, denn er fürchtete einerseits einen angelsächsischen Überfall, wollte sich andererseits jedoch nicht im Aufzug eines Raubritters dem Kloster und seiner zukünftigen Braut nähern. Mit einem Wink gebot er seinen Männern, sich tiefer in die spärliche Deckung zurückzuziehen, welche die blattlosen Bäume und Sträucher des Spätherbstes boten. Nicht wenige seiner Landsleute nahmen die unruhigen Zeiten zum Vorwand, um nach Belieben zu plündern und zu brandschatzen, und diesem Vorwurf wollte Adam sich nicht aussetzen. Es gab nichts mehr, was ihn heim in die Bretagne zog, und so hatte er beschlossen, sich hier niederzulassen, diesen Flecken Erde zu seiner Heimat zu machen. Krieg gegen wehrlose Frauen zu führen und die einheimische Bevölkerung gegen sich aufzubringen, lag ihm ganz und gar fern.

Adam nahm den Helm ab, hängte ihn am Riemen über den Sattelknauf und schob die Kettenhaube zurück. Sein dunkelblondes Haar klebte schweißnass am Kopf. Verlegen lächelnd fuhr er sich mit den Fingern hindurch. „Ich gäbe meinen Eckzahn für ein Bad! So kann ich wahrlich keiner Dame unter die Augen treten.“

„Etwas zu beißen wäre mir lieber“, entgegnete Richard grinsend. „Oder eine ungestörte Nacht. Bei meiner Treu, wir haben weder ordentlich gegessen noch geschlafen, seit wir die Normandie verlassen haben.“

„Nur allzu wahr.“ Adam rieb sich reuevoll übers Kinn. Zwar war es ihm am Morgen gelungen, einen Augenblick Zeit zum Rasieren zu erübrigen, doch das war alles, was er sich an Körperpflege hatte leisten können.

„Du siehst gut aus, Mann!“ Richards Grinsen wurde breiter. „Jedenfalls gut genug, um Lady Emma zu beeindrucken.“

Adam warf seinem Freund einen zweifelnden Blick zu. „O ja! Sie ist dermaßen beeindruckt, dass sie es vorgezogen hat, Reißaus zu nehmen, statt mich kennenzulernen.“ Er saß ab und sah Richard über den Sattel seines Pferdes hinweg an. „Wie du weißt, hat es noch keinen offiziellen Heiratsantrag gegeben. Auch wenn es nicht Herzog Wilhelms Wünschen entspricht, möchte ich erst einmal herausfinden, ob wir zueinander passen. Nicht einmal die Duchess höchstpersönlich würde ich zur Frau nehmen, wenn wir einander nicht verstünden.“

Richard sah ihn einen Augenblick lang ausdruckslos an und sagte dann: „Gib es zu, Adam, du möchtest diese angelsächsische Dame beeindrucken.“

„Falls sie nicht hier ist, dürfte das recht schwierig werden.“

Richard grinste anzüglich. „Ja, aber denk daran, Adam, wenn du erst mit ihr verheiratet bist, kannst du sie beeindrucken, so oft es dir beliebt.“

Adam schaute ihn finster an, wandte sich dann mit einem Ruck ab und zog an Flames Sattelgurt, um ihn zu lösen.

„Erzähl mir nicht, Adam, dass du hoffst, noch einmal Liebe zu finden“, sagte Richard ruhig. „Du warst immer weich, was Frauen betrifft …“

Schweigend drehte Adam sich um, führte Flame in den Schutz der Bäume und warf die Zügel über einen Ast. Richard folgte ihm zu Pferde.

„Tu lieber etwas Sinnvolles, statt dich mit meinem Seelenleben zu befassen, Mann“, sagte Adam nach einer Weile. „Komm und hilf mir aus dem Kettenhemd!“

Richard war sich nicht zu schade, den Schildknappen für seinen Freund zu spielen und saß ab. Das Laub unter ihren Stiefeln war schlüpfrig vom Regen. „Es stimmt, nicht wahr?“ Die Hände in die Seiten gestemmt, setzte Richard seine Sticheleien fort. „Deine Erfahrung mit Gwenn reicht dir nicht, du willst noch immer aus Liebe heiraten …“

„Als ich noch ein Kind war, haben meine Eltern sich unablässig gestritten“, erwiderte Adam schlicht, während er seine Schwertkoppel losschnallte. „Ich erhoffte mir etwas Besseres.“

„Sieh den Tatsachen ins Auge, mein Freund! Du weißt ebenso gut wie ich, dass wir hergekommen sind, um Wilhelms rechtmäßigen Anspruch auf den englischen Thron durchzusetzen. Welche angelsächsische Erbin würde dich oder mich bereitwillig zum Gemahl nehmen? Viel wahrscheinlicher ist, dass sie uns als Mörder beschimpfen – als Mörder ihrer Väter, Brüder, Liebsten …“

Adam zuckte die Schultern. „Ich hatte dennoch gehofft, etwas Aufmerksamkeit zu erringen.“

Richard schüttelte den Kopf und beobachtete belustigt, wie Adam sich mühte, das Unmögliche zu vollbringen und ohne Hilfe aus seinem Kettenpanzer zu steigen. „Du bist ein Träumer geworden. Dieser Schlag auf den Schädel, den du kurz nach unserer Ankunft einstecken musstest, hat dir den Verstand verwirrt. Und warum in aller Welt willst du deine Panzerung ablegen? Diese frommen Damen da drinnen …“, Richard wies mit dem Daumen in Richtung des Klosters, „… diese reizenden angelsächsischen Damen, die du so gern beeindrucken möchtest, würden dir als einem Gefolgsmann des Herzogs vermutlich am liebsten einen Dolch zwischen die Rippen jagen. Vor allem, wenn sie wüssten, dass du der Ritter warst, der seine bretonischen Kampfgefährten wieder sammelte, nachdem die Angelsachsen ihre Gefechtsreihen durchbrochen hatten …“

„Gleichwohl“, wiederholte Adam, „ist es möglich, dass Emma Fulford sich im Kloster aufhält, und ich werde meiner Zukünftigen nicht in voller Rüstung gegenübertreten.“ Er gab seine Bemühungen auf, sich aus dem Kettenhemd zu winden, und lächelte Richard ein wenig schief an. „Und da ich es deinem Zeugnis zu verdanken habe, demnächst Herr auf Fulford Hall zu sein, könntest du mir verflucht noch einmal helfen, mich aus diesem Ding zu befreien!“

„Oh, ich spiele gern den Knappen für dich, doch wenn du auf einem angelsächsischen Spieß endest, dann gib nicht mir die Schuld!“

Die Arme über den Kopf erhoben, beugte Adam sich nach vorn. Richard packte das Kettenhemd und zog es ihm über Kopf und Schultern. Wo die Metallmaschen das Leder aufgescheuert hatten, war die braune Schutzkleidung, die Adam unter dem Kettenpanzer trug, schwarz verfärbt. Mit einem Seufzer der Erleichterung richtete Adam sich auf und ließ die Schultern kreisen, um sie zu lockern.

„Deinen Gambeson behältst du doch gewiss an?“, fragte Richard in mahnendem Ton.

„Ja, ganz so blauäugig bin ich nun auch wieder nicht.“

Ohne Nasalhelm und Kettenhemd wirkte Adam wesentlich zugänglicher. An die Stelle des mächtigen, eisengepanzerten Kriegers, der sein Antlitz vor der Welt verbarg, war ein breitschultriger, schlanker junger Mann mit langen Gliedmaßen und widerspenstigem, dunkelblondem Haar getreten. Mit seinem offenen Lächeln und den auffallend grünen Augen unterschied er sich stark von Richard, der in Helm und voller Rüstung vor ihm stand. Adam griff nach seiner Schwertkoppel und legte sie wieder an. Seine Finger waren lang und schlank, doch von zahllosen Narben übersät, und die vielen Schwertkämpfe hatten die Innenfläche seiner rechten Hand hart und rau werden lassen.

„Freut mich zu sehen, dass dir noch ein Rest von Verstand geblieben ist.“

„Genug jedenfalls, um zu begreifen, dass wir es uns nicht erlauben können, diese Frauen noch stärker gegen uns aufzubringen. Lady Emma muss in die Heirat mit mir einwilligen! Vergiss nicht, Richard, wir brauchen eine Dolmetscherin, um nur das Naheliegendste zu nennen. Weder du noch ich beherrschen mehr als ein Dutzend Worte Englisch.“ Adam lächelte seinen Freund an. „Wartest du auf mich?“

„Natürlich.“

„Sorge dafür, dass Männer und Pferde außer Sichtweite bleiben, während ich die Gegend erkunde. Zwar ist im Augenblick keine Menschenseele in Sicht, doch das ist kein Wunder. Vermutlich haben die Dorfbewohner Wind von unserer Ankunft bekommen und sich versteckt. Ich werde rufen, wenn ich dich brauche.“

Richard nickte, sein Gesichtsausdruck wurde ernst. „Beim geringsten Anzeichen von Schwierigkeiten, wohlgemerkt!“

„Ja.“ Ein kurzer Gruß, dann wickelte Adam sich den blauen Mantel um die Schultern und trat entschlossen aus dem Schutz der Bäume auf den Pfad hinaus, der ins Dorf führte.

Die Straße, die sich zwischen den Bauernkaten hindurchschlängelte, war ein Durcheinander schlammiger Furchen und Grate. Sie war mit altem Stroh und Tierstreu bedeckt, das jedoch noch nicht festgestampft worden war, ein Beweis – so es denn eines Beweises bedurfte –, dass der Weiler nicht völlig verlassen war: Offenkundig hatte jemand am Morgen versucht, den morastigen Weg halbwegs begehbar zu machen.

Über ihm krächzte eine Saatkrähe. Adam hob den Blick und zog sich den Umhang fester um die Schultern, froh darüber, dass dieser mit warmem Pelz gefüttert war. Die grauen Wolken am Himmel kündigten weiteren Regen an. Aus Vorsicht blieb er am Rand des Dorfes stehen. Dass er kein Englisch sprach, würde ihn verraten, falls er angesprochen wurde, dessen war er sich bewusst. Der Fährtensucher in ihm bemerkte die Hufspuren, die sein Reitertrupp am Rande der Lichtung hinterlassen hatten. Dort, wo er und Richard abgesessen waren, hatten ihre Schlachtrösser getänzelt, und die großen Hufe hatten andere Spuren verwischt, die ebenfalls aus Richtung des Waldes gekommen waren.

Mit geschärfter Aufmerksamkeit ging Adam den Weg noch einmal zurück bis zu der Stelle, wo Richard und er aus dem Sattel gestiegen waren. Tatsächlich, unter den Spuren der Streitrösser seines Trupps kamen die Hufabdrücke zweier Reittiere zum Vorschein. Kleine Pferde, keine Schlachtrösser. Ponys, wie sie eine angelsächsische Dame und ihr Stallknecht reiten mochten …

Die Hufspuren führten pfeilgerade auf die Klosterpforte zu und verschwanden dann dahinter. Hinaus führten keine Spuren. Falls es kein anderes Tor gab, befand sich die Dame also noch im Kloster.

Genau in diesem Augenblick wurde ein Riegel zurückgeschoben und das Tor öffnete sich. Rasch suchte Adam Schutz hinter der Wand des nächstgelegenen Hauses. Aus dem geöffneten Tor im Palisadenwall des Klosters schlüpfte eine Nonne. Vorsichtig um die Hauswand lugend, erhaschte Adam einen Blick auf eine schmale Gestalt in dunkler Ordenstracht, kurzem Schleier und zerlumptem Umhang. Die Nonne hielt einen mit einem Tuch bedeckten Weidenkorb in der Hand und ging eiligen Schrittes auf eine der Katen zu. Hinter ihr fiel das schwere Klostertor zu und wurde mit eisernen Riegeln verschlossen.

Adam folgte der Ordensschwester, indem er die Deckung der nahe am Waldrand gelegenen Häuser nutzte, und als die zierliche Gestalt schließlich an die Tür eines der schlichten Fachwerkhäuser klopfte, befand er sich hinter demselben Gebäude. Es war eine Sache von wenigen Augenblicken, einen Spalt zwischen den Holzbalken zu finden, wo der Lehm abgebröckelt war.

Das Innere der Kate ähnelte dem der bäuerlichen Behausungen in Adams bretonischer Heimat: ein großer Raum, in der Mitte eine Feuerstelle, deren Rauch durch ein Loch im Dach ins Freie stieg. Auf der einen Seite des Feuers erhellte eine Hängelampe den Schauplatz. Ein Bund Zwiebeln und einige getrocknete Pilze baumelten von den Dachsparren. Als er den Kopf wandte, konnte Adam einen mit groben Stichen genähten Vorhang aus Sackleinen erkennen, der den hinteren Teil des Raumes abtrennte. Hinter dem Vorhang schrie jemand vor Schmerzen – eine Frau, wenn Adam nicht alles täuschte.

Auf das Klopfen der Nonne hin wurde der Vorhang zurückgezogen und ein schlaksiger junger Mann trat dahinter hervor. Sein Rücken war gebeugt wie ein Bogen, sein Gesicht sorgenvoll verzogen. Beim Anblick der Besucherin erhellten sich seine Züge wie durch Zauberei. „Lady Cecily, dem Himmel sei Dank, Ihr habt die Nachricht erhalten!“

So viel konnte Adam verstehen, auch wenn der junge Mann starken Dialekt sprach.

Die Nonne stellte ihren Korb auf dem Lehmboden der Kate ab und streckte die Hände einen Augenblick lang zum Feuer hin. Sie bewegte die Finger, als seien sie bis auf die Knochen durchgefroren, was sehr gut möglich war, denn sie trug keine Handschuhe. „Ist alles in Ordnung mit Bertha, Ulf?“

Wer immer hinter diesem Vorhang lag – vermutlich war es Bertha –, begann abermals zu stöhnen, diesmal noch heftiger, und zwei kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen, traten aus den Schatten hervor und stellten sich neben den jungen Mann.

„Verzeih, dass ich nicht sofort gekommen bin“, sagte die Nonne, während sie ruhig in den hinteren Teil des Raumes ging.

„Lady Cecily, bitte …“ Der schlaksige junge Mann nahm sie an der Hand und zog sie mit sich fort. Seine ungezwungenen Umgangsformen zeigten, dass es sich beim Kloster St. Anne’s nicht um einen geschlossenen Orden handelte.

Seltsam ist es dennoch, dass eine Nonne mit „Lady“ angesprochen wird, dachte Adam. Alte Gewohnheiten ließen sich offenbar nur schwer abstreifen, erst recht, wenn dieser Mann sie vor ihrer Profess gekannt hatte und ihr Vasall gewesen war.

Lautes, keuchendes Stöhnen ließ Lady Cecily geschwind hinter dem Vorhang verschwinden. „Bertha, meine Gute, wie geht es dir?“, hörte Adam sie sagen.

Eine gemurmelte Antwort. Abermaliges Stöhnen.

Dann wieder die Stimme der Nonne, sanft, beruhigend, doch überraschend fest und kräftig. Adam hörte die Worte „Ulf“ und „Licht“ heraus, sowie ein anderes, das er nicht kannte, dessen Bedeutung er jedoch rasch erriet, als Ulf den abgeteilten Bereich verließ und in einer Holzkiste an der Wand ein Talglicht aufstöberte. Dann das angelsächsische Wort für „Wasser“, das ihm vertraut war.

Ulf schickte den Jungen und das Mädchen mit einem Eimer zum Brunnen, kehrte zur Abtrennung zurück und wurde dort sanft, aber bestimmt in den Hauptraum zurückgeschoben. Dann wurde der Vorhang zugezogen. Der junge Mann nahm einen Hocker, ließ sich darauf nieder und drückte die Hände so fest gegeneinander, dass Adam das Weiß der Knochen durch die Haut schimmern sah. Den Blick starr auf den Vorhang gerichtet, nagte Ulf an seiner Unterlippe. Bei jedem Stöhnen, das durch das Sackleinen hindurch an sein Ohr drang, zuckte er zusammen.

Trotz der Kluft zwischen ihnen konnte Adam die Gefühle des jungen Mannes auf schmerzliche Weise nachempfinden. Wäre seine Gwenn nicht zu Beginn ihrer Schwangerschaft gestorben, wäre dies gewiss auch sein Los gewesen: auf einem Schemel zu sitzen und sich die Haare zu raufen, während er darauf wartete, dass ihre Qualen ein Ende hatten. Nun, das war ihm erspart geblieben. Sein Schmerz war vorüber. Richard mochte ihn damit aufziehen, dass er Liebe bei seiner neuen Braut suchte, doch so anspruchsvoll war er nicht. Zuneigung, ja. Achtung, unbedingt. Wollust – warum nicht? Wollust ließ sich wenigstens in Schach halten. Aber Liebe?

Ulf hatte begonnen, an den Nägeln zu kauen, während er mit einem Ausdruck hilfloser Verzweiflung in den Augen immer wieder in Richtung der abgetrennten Nische blickte.

Liebe? Adam schüttelte den Kopf. Nie wieder! Er hatte so viel gelitten, dass es für mehrere Leben reichte …

Die Stunde zog sich dahin. Heftigeres Stöhnen. Keuchen. Ein gellender Schrei. Ein sanftes Murmeln. Und so ging es weiter. Ulf knetete seine Hände.

Das Mädchen und der Junge kehrten mit einem Eimer Wasser zurück und wurden angewiesen, ihn in einen Topf am Feuer zu stellen.

Abermals Stöhnen. Abermals Keuchen.

Adam wollte sich eben zurückziehen, um Richard zu holen und Einlass ins Kloster St. Anne’s zu begehren, als ein neues Geräusch seine Aufmerksamkeit gefangen nahm. Der Schrei eines neugeborenen Kindes.

„Ulf!“

Die Nonne Cecily erschien am Vorhang. Sie strahlte über das ganze Gesicht. In ihrer Rolle als Hebamme hatte sie Umhang, Schleier und Haube abgelegt und die Ärmel ihres Habits aufgekrempelt. Zum ersten Mal konnte Adam ihr Antlitz in Augenschein nehmen.

Sie war ungewöhnlich hübsch, hatte große Augen, rosige Wangen und regelmäßige Züge, doch es war ihr Haar, dessen Anblick ihm den Atem verschlug. Die Nonne Cecily hatte langes blondes Haar, das im Schein des Feuers und der Hängelampe golden schimmerte. Nonnen trugen ihr Haar für gewöhnlich kurz geschoren, diese hier jedoch nicht. Ein dicker, glänzender Zopf hing über ihre Schulter. Offen getragen, würde ihr das Haar gewiss bis über die Taille reichen, vermutete Adam.

Ein Gefühl puren Verlangens durchströmte ihn. Er runzelte die Stirn, verwirrt darüber, dass eine Nonne eine so starke Anziehungskraft auf ihn auszuüben vermochte.

Die Nonne warf sich den Zopf mit einer ungeduldigen Geste zurück über die Schulter, beinahe so, als spüre sie, wie Adams Blick auf ihm ruhte, und streckte dann die Hand aus. Es fiel Adam leicht, die Bedeutung ihrer nächsten Worte zu erraten.

„Komm, Ulf! Komm und begrüße deinen neugeborenen Sohn!“

Einen Ausdruck unendlicher Erleichterung auf dem Gesicht, stolperte Ulf durch den Spalt zwischen den Vorhängen und zog diese hinter sich zu.

Die goldblonde Nonne – Himmel, sie war wirklich eine Schönheit, besonders wenn sie lächelte, so wie jetzt –, wandte sich an die Kinder, die neben der Feuerstelle standen. Offenbar handelte ihre Frage vom Essen, denn das Mädchen nickte und wies auf einen Laib Brot und einen Topf mit einer Art Brühe darin.

Die Nonne lächelte abermals, nahm ihre Haube und ihren Schleier und begann, sich wieder herzurichten. Als sie sich daranmachte, all diese goldene Pracht vor den Augen der Welt zu verbergen, hätte Adam beinahe laut Einspruch erhoben.

Verwirrt ob der Gefühle, die sie in ihm auslöste, hatte er sich bereits abgewandt, als sie sich schließlich den dünnen Umhang um die Schultern warf. Dem schmalen Pfad hinter den Holzhäusern folgend, hielt Adam auf den Waldrand zu, wo seine Männer warteten.

Wo seine davongelaufene Verlobte Lady Emma Fulford sich aufhielt, konnte er noch immer nicht mit Gewissheit sagen, dafür wusste er jedoch mit Sicherheit, dass er unbedingt die englische Sprache lernen musste. Er würde ja einen feinen Feudalherrn abgeben, wenn er nicht einmal mit seinen eigenen Untertanen sprechen konnte! Am Waldrand angekommen, schüttelte Adam den Kopf, als wolle er das Bild einer feingliedrigen Nonne mit prachtvollem blonden Haar vertreiben, das noch immer darin herumspukte.

3. Kapitel

Die Abenddämmerung senkte sich grau über das Land, als Adam und Richard auf das Eingangstor des Klosters zuritten. Die kurzen Novembertage im Stillen verfluchend, die ihn und seine Männer zwingen würden, im Kloster um ein Nachtlager zu bitten, blickte Adam seinen Freund mit hochgezogenen Brauen an.

Sein Herz schlug lauter als damals, als sie dem angelsächsischen Heer vor Caldbec Hill gegenüberstanden und auf das Signal zum Angriff warteten, doch er würde lieber sterben, als dies zuzugeben. Als Mann der Tat war Adam dazu erzogen worden, sich entschlossen in die Schlacht zu werfen. Dieser Ausflug in das Reich hochwohlgeborener Damen jedoch lag jenseits seiner Erfahrungswelt, denn er selbst war von bescheidener Herkunft und seine Gwenn nur die Tochter eines einfachen Kaufmanns gewesen. Er war angespannt, doch er wusste, dass seine Zukunft hier in Wessex ebenso sehr vom Ausgang dessen abhing, was nun geschah, wie sie es vor eiigen Wochen getan hatte, als er seine bretonischen Landsleute während der Schlacht von Hastings um sich geschart und zum Weiterkämpfen ermutigt hatte.

„Kann ich dich nicht dazu überreden, dein Kettenhemd abzulegen, Richard?“, fragte Adam. Er trug noch immer lediglich sein ledernes Gambeson und den blauen, pelzgefütterten Mantel. „Du brauchst nicht zu befürchten, dass sie dir ein Messer zwischen die Rippen stoßen. Dies ist ein heiliger Ort. Eine Art Zufluchtsstätte.“

Richard schüttelte den Kopf.

„Du wirst die Damen in Schrecken versetzen …“

„Das bezweifle ich“, entgegnete Richard und stieg aus dem Sattel. „Nonnen können fürchterliche Harpyien sein … wie ich aus eigener Erfahrung weiß.“

Adam klopfte kraftvoll an das Portal. „Wie das?“

„Meine Mutter“, entgegnete Richard achselzuckend. „Als mein Vater sie verstieß, um Eleanor zu heiraten, zog meine Mutter sich mit ihrem Haushalt in ein Nonnenkloster zurück. Meine Schwester Elisabeth hat sie mitgenommen. Als ich sie besuchte, hat Elisabeth mir so einiges erzählt. Glaub mir, Adam, es geschehen höchst gottlose Dinge an heiligen Orten.“

Für einen Augenblick abgelenkt, hätte Adam gern mehr erfahren, doch just in diesem Moment wurde der Fensterladen geöffnet und er blickte in das runzlige Gesicht der Pförtnerin. Es war von einer Haube umrahmt, die alles andere als sauber war, wie Adam trotz des Dämmerlichts sofort bemerkte.

„Ja?“, fragte sie und beäugte ihn dabei mit solch offenkundigem Misstrauen, dass er sich vorkam wie ein Ungeheuer mit zwei Köpfen.

„Sprichst du Französisch, Schwester?“

„Ein wenig.“

„Ich komme im Auftrag des Herzogs. Ich muss mit eurer Priorin sprechen.“

Sie blickte ihn unverwandt mit ihren braunen Augen an. „Wenn Ihr ‚Herzog‘ sagt, meint Ihr dann den normannischen Bastard?“

Adam holte tief Luft. Wilhelm, Herzog der Normandie, war ein Bastard, in der Tat, denn seine Mutter war die Tochter eines Gerbers gewesen, die die Aufmerksamkeit des alten Herzogs Robert erregt hatte. Heutzutage wagten allerdings nur noch wenige, ihm seine uneheliche Herkunft vorzuhalten. Es war befremdlich, ein solches Wort aus dem Mund einer Nonne zu vernehmen. Adam sah zu Richard hinüber.

„Ich hab es dir ja gesagt“, brummte sein Freund. „Wir werden hier wenig Heiligkeit vorfinden, von Höflichkeit ganz zu schweigen. Sie hassen uns. Das ganze verfluchte Land hasst uns.“

Adams Miene verriet Entschlossenheit. Der Herzog hatte ihm aufgetragen, für die Erhaltung des Friedens in diesem Teil Englands zu sorgen, und er würde sein Bestes tun, um ihn nicht zu enttäuschen, so schwer dies auch sein mochte. „Wir werden sehen. Es war euer hochwohlgeborener König Harold, der einen Eid gebrochen hat, nicht unser Herr, Bastard hin oder her.“ Er sah der Nonne geradewegs in die Augen. „Herzog Wilhelm ist mein Lehnsherr, und ich muss mit eurer ehrwürdigen Frau Priorin sprechen.“

Die Nonne wandte den Blick gen Westen, wo hinter den Wolken die Sonne unterging. „Es ist fast Zeit für die Vesper.

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